Die Neuentdeckung der Gemeinschaft: Chancen und Herausforderungen für Kirche, Quartier und Pflege

Cornelia Coenen-Marx, Beate Hofmann (Vorwort), Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht

Die Neuentdeckung der Gemeinschaft fordert Kirche heraus. Während Gemeindehäuser geschlossen und diakonische Gemeinschaften kleiner werden, entstehen neue Nachbarschaftsnetze und Caring Communities. Was gilt es zu lernen? Was neu zu entdecken?

Im Zuge der Coronapandemie wie bereits in anderen Transformationsprozessen zeigen sich gesellschaftliche Brüche, wachsende Einsamkeit und eine starke Sehnsucht nach Gemeinschaft. Schrumpfende ländliche Räume und neue Konzepte der Quartiersentwicklung fordern Kirche und Diakonie heraus, sich als Akteurinnen in der Zivilgesellschaft neu zu verstehen.

Das Buch geht den Veränderungen in Familie, Arbeitswelt und Nachbarschaft nach, macht auf Herausforderungen für die alternde Gesellschaft aufmerksam und stellt neue Gemeinschaftsprojekte in Quartieren, sozialen Unternehmen und Gemeinden vor. Neue Wohnformen und Nachbarschaftsnetze brauchen ergänzende soziale Dienste. Sorgende Gemeinschaften brauchen Sorgestrukturen. Kirche ist dabei in allen Feldern gefragt – als Gemeinde in der Nachbarschaft, als Institution gegenüber Staat und Kommune und als diakonisches Unternehmen bei wachsendem Bedarf in Pflege und Erziehungseinrichtungen. Als „Gemeinde von Schwestern und Brüdern“ ist sie historisch wie theologisch mit dem Thema „Gemeinschaft“ verknüpft. Welche Traditionen sind dabei hilfreich, welche hinderlich? Und welche Rolle spielen die Engagierten wie die „Betroffenen“ selbst?

Vorwort von Bischöfin Prof. Dr. Beate Hofmann

Das Buch ist überall im Buchhandel und als E-Book erhältlich.


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Rezension: Bettina Rehbein, Pastorin, Klinikseelsorgerin in Hannover, Juli 2021

Cornelia Coenen-Marx. Die Neuentdeckung der Gemeinschaft:
Chancen und Herausforderungen für Kirche, Quartier und Pflege

Inmitten der weltweiten Corona-Pandemie entstand das neue Buch der erfahrenen Pastorin und Oberkirchenrätin a.D. mit dem Ziel, engagierte Menschen zu ermutigen, die derzeitigen Herausforderungen anzunehmen. Es geht darum, Antworten zu finden auf die Frage, was Kirche und Diakonie heute zum Gemeinwesen beitragen können. Ziel des Buches ist es, kirchliche und soziale Gemeinschaften zu ermutigen und in die Handlung zu kommen. Das Buch bietet dafür eine Schatztruhe gelungener Best Practice in Kirchengemeinden, Einrichtungen und Sozialräumen. Beim Lesen entstehen: Lust, Erstaunen, analytische Klarheit, Neugierde und im besten Fall: eigene Ideen.

In ihrer Analyse der gegenwärtigen Situation konstatiert die Autorin: Die noch immer nicht überwundene Corona-Pandemie hat das kollektive Bewusstsein aufgerüttelt. Eine verschärfte Wahrnehmung der Bedeutung von Gemeinschaftserfahrungen für das leibliche, seelische und spirituelle Wohl von Menschen, ist die Folge.  Der Schmerz des angeordneten Begegnungs- und Berührungsverzichtes hat zum ersten Mal Gesundheit und Freiheit als wesentliches gesellschaftlich relevantes Thema der Wirtschaft übergeordnet. Defizite in der ambulanten und stationären Pflege, in den Krankenhäusern und im Gesundheitssystem wurden deutlich, Pflege plötzlich als „systemrelevant“ erkannt und beklatscht. Aufmerksam und kritisch hat die Autorin wahrgenommen und dokumentiert, dass inmitten der Krise einerseits neue kreative Formen entstehen, andererseits aber Defizite in Kirche, Gesellschaft und Politik offen zutage treten. Zu Letzterem gehört zum Beispiel das Übergewicht der Schutzmaßnahmen für das eigene Personal und den Binnenkirchenraum und das Versagen im Blick auf Schutz der alleingelassenen Menschen in Pflegeheimen und Hospizen.

Die Gemeinschaft wird neu entdeckt, als „Caring Community“, als Sorgenetz im Quartier und gelingt, wo dem Gebot der Stunde gefolgt wird und Gemeinschaft, Solidarität und gegenseitige Sorge an erster Stelle stehen. Gerade Kirche und Diakonie kann heute einiges beitragen zur Entwicklung eines Gemeinwesens. Wird z.B. in einer Kirchengemeinde wie in Gelsenkirchen-Hasselt (S. 128) das Gemeindehaus gleichzeitig Bürgerzentrum, das auch offen ist für Kindergruppen, muslimische Mitbürger und Sportverein, entsteht ein produktives Miteinander und somit Nährboden für das, was Not tut. Dazu gehört insbesondere eine neue Organisation der Care-Arbeit als gemeinschaftliche Aufgabe, eine Unterstützung der überlasteten Familien, eine stärkere Einbeziehung von Singles und die Wahrnehmung alter Menschen als Gestaltende des eigenen Lebens.

Die analytische Tiefe des vorliegenden Buches speist sich aus der Durchdringung vieler Quellentexte und wissenschaftlicher Analysen in gut lesbar aufbereiteter Form. Verschiedene Interviewpartner*innen, häufig Führungspersönlichkeiten, aus Pflege, Kirche und diakonischen Einrichtungen formulieren Quintessenzen der aktuellen Herausforderungen und geben wertvolle Impulse für die visionäre Suche der Autorin.

Mag ihr Traum einer Gemeinschaft der Lebenden und Toten, die sich in der Kooperation von (Gemeinde-)Seelsorge und Quartierarbeit in Alten,- Pflegeheimen und Hospizen zu einer lebendigen Teamarbeit verbindet (S. 147 ff.)  noch utopisch klingen, so zeigt sich doch der Realitätssinn der Utopie geradezu anhand des im Buch aufgespannten Fächers erzählter oder erlebter kreativer Gemeinschaftsformen.

Teils wurden diese initiiert durch kreative Pionierinnen, wie der „Prenzelberg-Mama“, die während der Pandemie ihr Ziel „200 Hausbesuche mit 200 selbstgebackenen Kirchen in 200 Tagen“ umsetzt oder der Schauspielerin in Elternzeit, die während der Pandemie den besonderen Samstags-Treffpunkt in Irlenbusch initiiert, die „Bänk for better Anderständing“ (S. 41 f.). Teils sind es große Gemeinschaftsaktivitäten wie die Aktion „Aufgetischt“ in Erlangen, bei der Menschen mit kleinem Geldbeutel bei einer warmen Mahlzeit in Kontakt kommen– Coenen-Marx gelingt es, mitzureißen. Dabei ist es ihr weiter EKD-Horizont, der Best-Practice Beispiele aus ganz Deutschland bereithält und auch aus den europäischen Nachbarländern wie der Schweiz und den Niederlanden.

Gleichzeitig hat die Pastorin, die selbst jahrelange Erfahrung mit diakonischen Gemeinschaften in Leitung und Beratung hat, immer wieder ein waches Auge auf die   soziale Arbeit in ihrer ehemaligen Kirchengemeinde in Mönchengladbach. Gerade der „Wickenrader Gemeindeladen“ sticht als Exempel überzeugender Quartiersarbeit heraus. Gerade die schon in den 70er oder 80er Jahren begonnen Projekte zeigen nun, dass sie auch in der Lage sind, sich den gegenwärtigen Herausforderungen zu stellen und die Sorge-Arbeit im Quartier zu variieren.

Immer wieder rekurriert die erfahrene Pastorin auf die Corona-Pandemie. Sie lotet aus, welche Chancen und Gefahren in der Digitalisierung liegen. Sie widmet gerade den in den Kirchen marginalisierten Singles besondere Aufmerksamkeit. Schließlich wird vor allem deutlich: die Angst, dass für den oder die Einzelne nicht gesorgt wird, wenn man die eigene Sorgefähigkeit verloren hat, ist die Grundangst von Menschen in Deutschland und betrifft alle Schichten.

Das Buch von Cornelia Coenen-Marx möchte hier entgegensteuern und Kirche und Diakonie ermuntern, mitten im Leben und präventiv eine sorgende Gemeinschaft zu sein und zu werden. Weil eben ohne Sorge die Seele nicht leben kann.

„Neues entsteht- das gilt für Unternehmen und Märkte wie für soziale Bewegungen,- wo Menschen neue Fragen und Herausforderungen annehmen und dann von ihren Gaben und ihrer Gestaltungskraft Gebrauch machen.“, schreibt die Autorin gegen Ende ihres Buches. Die Hospiz- und Palliativbewegung, die Gefängnisreform und die Psychiatrie-Bewegung ist so entstanden. Ebenfalls bewegende Projekte aus der Flüchtlingsarbeit oder Flüchtlingserfahrung heraus wie das „Sharehaus“ des geflüchteten Syrers Alex Assali, eine Suppenküche auf der Straße, „eine Werkstatt für himmlische Gesellschaft“. (S.166f.) Jetzt ist es an der Zeit, solche himmlischen Werkstätten zu bauen und die Herausforderungen anzunehmen: in Kirche, Quartier und Pflege.


Rezension: EAfA Rundbrief Nr. 89, 2-2021, 18.08.2021

Cornelia Coenen-Marx. Die Neuentdeckung der Gemeinschaft:
Chancen und Herausforderungen für Kirche, Quartier und Pflege


Wenn der Satz Ernst Langes „Der Beruf der Kirche ist die Diakonie“1 stimmt, dann finden wir in dem von Coenen-Marx vorgelegten Buch ein hervorragendes Lehrbuch, das allen, die an einer zeitgemäßen Konzeption für Kirche, Quartier und Pflege arbeiten, eine wichtige Orientierung bieten kann. Es ist kein Buch, das abgehoben von der Wirklichkeit wohlfeile Sätze enthält, sondern ein Buch, das sehr reflektiert auf die Praxis hin ausgerichtet ist. Coenen-Marx ist auf allen Ebenen kirchlich-diakonischer Arbeit tätig gewesen und verbindet eigene Erfahrungen und Erfahrungen von Mitarbeiter*innen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Immer wieder interviewt sie Menschen von vor Ort, um ihre eigenen Erkenntnisse im Dialog zu überprüfen.
Ob der Titel des Buches „Die Neuentdeckung der Gemeinschaft“ stimmt, stelle ich in Frage. Ich glaube, dass die Suche nach Gemeinschaft ein ständiger Prozess ist und war. Alle Generationen haben dies auf ihre Weise getan: die Wanderjugend, die Arbeiterbewegung, die 68er, …. Richtig ist, dass im Rahmen der Pandemie die Frage nach Gemeinschaft verstärkt in den Blick genommen wurde, weil die Betroffenen bemerkten, dass das Leben aus mehr besteht als aus  Arbeit und Konsum und dass sie dringend auf das angewiesen sind, was die Gemeinschaft in ihrem Innersten zusammenhält. Die Pandemie hat auch den Kirchen und der Diakonie den Spiegel vorgehalten. Während die Kirchen und Gemeindehäuser, selbst an den höchsten kirchlichen Feiertagen, geschlossen waren, tauchten an anderer Stelle neue Modelle für Gemeinschaft auf: selbstorganisierte Netzwerke, Unterstützungsorganisationen. Auch die Kirchen und ihre Diakonie mussten lernen, dass sie mit ihren herkömmlichen Antworten nicht weiterkamen. Eine Lehre aus der Pandemie ist, dass sich Kirche und ihre Diakonie stärker als bisher in das Quartier öffnen müssen und sich zugleich mehr als bisher um die Beteiligung der Mitglieder bemühen müssen: eine formale Gemeindeversammlung am Sonntag nach dem Gottesdienst reicht nicht aus, wenn man Veränderung möchte. „Das Geheimnis der Veränderung besteht darin, deine ganze Energie darauf zu konzentrieren, Neues aufzubauen, statt Altes zu bekämpfen“2.


Welche Antworten finden Kirchen auf die stärker aufkommenden Fragen nach Gemeinschaft? Die alte Gestalt hat keine Zukunft mehr. „Mit Mobilität und Digitalisierung haben wir zusätzliche Freiheit gewonnen – aber mit der Freiheit auch Einsamkeit und Unsicherheit“3. Einsamkeit, der
Kampf um gemeinsame Zeit in der Familie, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die Suche nach angemessenen Antworten aus der christlichen Tradition – das sind Bereiche, zu denen sich die Kirche verhalten muss. Die kirchliche Diakonie ist in besonderer Weise selbst am Gesundheitswesen und an der Pflege beteiligt und muss auf die Kritik antworten, die im Laufe der Pandemie an unserem Gesundheitswesen und der Pflege in Pflegeheimen und Krankenhäusern auftauchte. Es hilft nicht weiter, die gute alte Zeit mit Diakonissen und Diakonen zu beschwören, auch wenn diese Form der Diakonie Hervorragendes geleistet hat, weil sie im Quartier vernetzt war. Dennoch können wir vielleicht aus diesen Formen lernen, wie sie den Beteiligten Kraft und Halt auf der gebenden und nehmenden Seite gaben.

Coenen-Marx weiß, dass die Kirchengemeinde und die Diakonie vor Ort nicht alle Probleme der Pflege und des Miteinanders in den Quartieren lösen kann. Sie ist nur ein Teil des Gemeinwesens, aber sie muss sich selbst Rechenschaft darüber ablegen, was ihr Beitrag zur Lösung der Probleme ist, was ihr Beitrag zur Entstehung von Gemeinschaft, von
„Tischgemeinschaft“ sein kann. Die Kirchen sind einer der größten Arbeitgeber*innen im Quartier, verfügen über große Immobilien und Versammlungsräume und können damit zu wesentlichen Akteuren werden. Coenen-Marx zitiert die Ärztin Beate Jakob: „Mein Anliegen
ist, dass in Gemeinden geschützte Räume entstehen.“4 Was können Kirchengemeinden tun, um ältere Menschen Pflegebedürftige und Sterbende zu schützen, aber auch ihre Angehörigen zu begleiten und zu stärken. „…Es geht um einfühlsame und vorurteilsfreie Begleitung und
Beratung in schwierigen Lebenssituationen.“5
Neben der systematischen Darstellung der Möglichkeiten und der Schwierigkeiten und er Chancen für Kirche und Gesellschaft ist das Buch eine Fundgrube von Ideen und praktischen Umsetzungen.
Dennoch weiß Coenen-Marx sehr genau, dass eine Veränderung der Situation für Bedürftige von Kommunen, Land und Bund erheblich unterstützt werden müssen. Deshalb geht es ihr nicht nur um Projekte, sondern um den Aufbau von verlässlichen Strukturen für Menschen, die
auf Gemeinschaft angewiesen sind. Solche Strukturen sind in den Quartieren zu entwickeln und zusammen mit den politischen Verantwortlichen umzusetzen.
Beim Lesen des Buches bekomme ich Lust, in meinem Quartier, in meiner Kirchengemeinde, Projekte umzusetzen und Strukturen aufzubauen. So wird der Beruf der Kirche sichtbar.

Cornelia Coenen-Marx. Die Neuentdeckung der Gemeinschaft: Chancen und Herausforderungen für Kirche, Quartier und Pflege, Vandenhoeck & Ruprecht, 12.4. 2021, 198 Seiten, 25,00 €, ISBN: 9783525624500


Gerrit Heetderks, Recklinghausen, hat als langjähriger Delegierter der EKiR in der EAfA mitgearbeitet.

——

1 Ernst Lange: Sprachschule für die Freiheit. München 1980, S.129

2 Sokrates

3 Cornelia Coenen-Marx. Die Neuentdeckung der Gemeinschaft: Chancen und Herausforderungen für Kirche,
Quartier und Pflege S. 13

4 a.a.O. S.147 5a.a.O.


Ganz herzlichen Dank Ekkehard RUEGER für die erste Rezension!
Hier zum Nachlesen:


„Dein Buch habe ich sofort gelesen, staune und bewundere dich für diese pralle Lebendigkeit, die du erschließt, diesen schönen verbindenden Faden Diakonalität, dieses ehrende Gedenken und die Aktualisierung der ‚Diakonisse‘ und wer es heute sein könnte, und vieles mehr. Ein Buch, das im Lesen Mut macht, Vertrauen schenkt, dadurch dass es eben grund-legend ist für Kirche, Diakonie und Gesellschaft, erst recht durch deine diakonische Klarheit und deine unnachahmliche Fähigkeit die ‚vielen Fäden‘ zusammenzuknüpfen auf die notwendige Sorge um die Menschen und diese Gesellschaft hin, und nicht auf den Selbsterhalt der Kirche.“

Prof. Dr. Andreas Heller