Interviews

Interview mit Cornelia Coenen-Marx, „Ensemble“, der Schweizer Kirchenzeitung Bern-Solothurn

«Kirchgemeinden haben eine Brückenfunktion»

Cornelia Coenen-Marx ist evangelische Theologin und ehemalige Oberkirchenrätin der Evangelischen Kirchen in Deutschland. Die Sorge für Kranke und Sterbende gehört für sie zur DNA der Kirche.

Renata Aebi und Pascal Mösli

Was ist der Mehrwert von Caring Communities gegenüber der staatlich organisierten, professionellen Betreuung von Menschen im hohen Alter?

Sorgende Gemeinschaften leben vom Miteinander in der Nachbarschaft. Sie sind niedrigschwellig und alltagsnah. Es geht um Unterstützung bei Einkäufen, Arzt- und Friedhofsbesuchen, aber auch um eine Erzählstunde beim Zvieri oder einen Konzertbesuch. Sorge ist hier keinesfalls eine Einbahnstrasse – sie lebt wie alle Nachbarschaftshilfe von Wechselseitigkeit, die das Leben bereichert. Dabei sind Hochaltrige, Pflegebedürftige und Sterbende nicht nur Hilfsbedürftige. Mit ihrer langen Lebenserfahrung haben sie zugleich viel zu geben. Anders als professionelle Betreuungspersonen müssen freiwillig Engagierte  nicht dauernd auf die Uhr schauen und auf Effizienz achten. Gleichwohl sind solche familienergänzenden zivilgesellschaftlichen Sorgegruppen darauf angewiesen, dass es verlässliche professionelle Hilfesysteme gibt, und sie tun gut daran, mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Wie würden Sie den Begriff der «Sorge» umschreiben?

«Sorge» ist dem englischen Begriff «Care» entlehnt und steht für alle Beziehungs- und Zuwendungsarbeit privater wie professioneller Natur. Die feministische Theorie problematisiert mit dem Begriff die Dominanz einer ökonomisierten Sichtweise im Sozial- und Gesundheitswesen, die den Menschen zum blossen Kunden und Empfänger von Dienstleistungen macht. «Sorge» steht für das grundlegende, umfassende Füreinander-da-sein, das sich nicht einfach in Zahlen umrechnen lässt. Die Selbstverständlichkeit, mit der private Sorgeleistungen weitgehend kostenlos erbracht werden, ist gleichwohl ein ebenso grosses Problem wie die Ökonomisierung des Sozial- und Gesundheitswesens. «Sorgende Gemeinschaften» stehen für gemeinsame Werte und Verantwortungsbeziehungen; sie leben aus der Kooperation von Freiwilligen mit Berufstägigen. Dabei gehören der Blick auf die finanziellen und zeitlichen Ressourcen zusammen – und auf den gemeinsamen «Spirit», der ganz unterschiedliche Menschen zusammenhält.

Die Mehrheit der Menschen wünscht sich, zuhause sterben zu können. Tatsächlich sterben aber die meisten in Spitälern und in Pflegeeinrichtungen. Was braucht es, damit diese Vision Wirklichkeit werden kann?

Zuallererst eine gute Zusammenarbeit zwischen ambulanten Pflege- und Hospizdiensten, dem ärztlichen Dienst und den Seelsorgeangeboten einerseits sowie Familien, Nachbarschaften, Sorgenden Gemeinschaften andererseits. Dabei können Kirchgemeinden eine wichtige Brückenfunktion übernehmen – in der professionellen Zusammenarbeit mit Arztpersonen und Wohlfahrtsdiensten, aber auch in der zivilgesellschaftlichen Zusammenarbeit mit ehrenamtlich engagierten Gemeinschaften. Dann braucht es aber auch barrierearme Wohnungen, teilstationäre Tagesangebote für Pflegebedürftige, deren Angehörige erwerbstätig sind, und Unterstützungsangebote für pflegende Angehörige, von der Beratung bis zu Urlaubs- und Auszeiten.

Viele «junge Alte» engagieren sich in solchen Sorgegemeinschaften. Haben sie den Altruismus wiederentdeckt?

«Ich für mich. Ich mit anderen für mich. Ich mit anderen für andere. Andere mit anderen für mich»: So beschreibt Margret Schunk von der Aktion «Altern neu gestalten» den Kern ihres Engagements. Je älter wir werden, desto mehr sind wir auf Freunde und Wahlverwandte oder eine verlässliche Nachbarschaft angewiesen. Wir werden gebrechlicher, die Mobilität nimmt ab, der Lebensraum wird enger. Zudem leben viele Familien nicht mehr am gleichen Ort. Dabei tut es gerade im Alter gut, am Leben der Jüngeren teilzunehmen. Wer Unterstützung braucht, wird auch anderen etwas geben wollen. Sorgende Gemeinschaften sind also Netzwerke, die allen Beteiligten etwas bringen – gerade, wenn sie die generationenübergreifend sind. Das Prinzip: Einkaufsdienste gegen Schulaufgabenhilfe. Es geht also nicht so sehr um Altruismus, sondern um das Entstehen eines Netzwerks, das allen nützt.

Was können Kirchgemeinden zu zivilgesellschaftlichen Sorgenetzwerken beitragen? Wie können sie sich als Sozial- und Beziehungsräume in die neuen Sorgestrukturen einbringen?

Kirchgemeinden haben mehrere Vorteile: Sie sind eng mit dem Ort, seiner Geschichte und den anderen Organisationen verbunden und sie verfügen über Räume. Zudem ist das Miteinander von freiwillig Engagierten und Berufstätigen eingeübt und es gibt einen gemeinsamen «Spirit», aus dem sich Verantwortungsbeziehungen speisen. Die Sorge für Kranke und Sterbende gehört zur DNA der Kirche – Menschen zu pflegen und zu besuchen, Tote zu bestatten und Trauernde zu begleiten. In einer säkularen und pluralen Gesellschaft werden diese Aufgaben von vielen verschiedenen Organisationen übernommen. Darum ist es notwendig, sich zu organisieren, sich an runden Tischen einzubringen und auch die eigenen Räume für andere Engagierte zu öffnen. Dabei haben Kirchgemeinden noch immer eine besondere seelsorgliche Kompetenz. Viele neue Angebote wie «Letzte-Hilfe-Kurse» oder Kurse für Menschen, die pflegende Angehörige begleiten und stärken wollen, zeugen davon.

Das hohe Alter ist eine Phase hoher Verletzlichkeit, die gleichzeitig auch Raum für Entwicklung und Reife bietet. Wo sehen Sie die Möglichkeiten von kirchlicher Seelsorge und Diakonie, Menschen darin zu begleiten?

Es ist die bewusste Auseinandersetzung mit der Endlichkeit, die dem Leben Tiefe gibt. Das Verrinnen der Zeit kann auch ein Anlass sein, den Augenblick ganz bewusst wahrzunehmen und zu gestalten. Die Theologin Sabine Bobert sieht das Gebet als eine Möglichkeit, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und Ruhe, Gelassenheit und Frieden zu finden. Dabei kann es auch nur um eine Gebetsformel gehen wie «Jesus Christus, erbarme dich meiner» oder «Liebe umgibt mich». Sabine Bobert will einladen, sich ganz und offen auf das Leben, auf Gott einzulassen. «Die mystische Erfahrung setzt voraus, dass wir von Barrieregefühlen frei geworden sind, von Gefühlen wie Hass, Angst, Wut, Neid, Lähmung und Zweifel», schreibt sie. Solche Gefühle entfremden uns voneinander und von uns selbst; sie schneiden uns von unserer Wesensmitte und von Gott ab. Im Urlaub, während einer Krankheit oder im Alter, wenn Zeit zum Innehalten ist, können die alten Gespenster richtig munter werden. Aber «sie wollen uns keine Angst einjagen; vielmehr wollen sie endlich in Rente gehen», schreibt Brigitte Hieronimus in ihrem Buch «Mut zum Lebenswandel». Sie spricht von ihnen als Entwicklungshelfern: Sie helfen uns, das Blockierte in uns wieder wahrzunehmen und uns auszusöhnen – auch mit den Ecken und Kanten des eigenen Lebens. Menschen dabei begleiten zu dürfen, ist ein grosses Privileg von haupt- und ehrenamtlichen Seelsorgekräften in Kirche und Diakonie. Dazu braucht es, wie in der Hospizarbeit selbstverständlich, Fortbildung und Supervision.

Wie können Kirchgemeinden zu einer «altersfreundlichen» Kultur beitragen?

Zuallererst geht es darum, die Älteren, die sich in der Gemeinde zusammenfinden und engagieren, wertzuschätzen. Es gibt leider immer noch eine Haltung, die ein wenig abschätzig auf die Älteren sieht. Zur Wertschätzung gehört, die Anliegen und Ideen der Älteren aufzunehmen und zu unterstützen: So entstehen Netzwerke, von Leih-Omas bis zu gemeinsamen Rollstuhl- und Rollator- Spaziergängen, die auch anderen Menschen nützen. Wenn Kirchgemeinden die Pflegebedürftigen nicht vergessen, die krankheitsbedingt nicht mehr kommen können, sondern gut vernetzte Besuchsdienste aufbauen, ist der erste Schritt in Richtung Sorgende Gemeinschaft getan. Natürlich wäre es dann auch noch wichtig, die Gemeindezentren barrierefrei zu gestalten, zum wöchentlichen Mittagstisch einzuladen, mit der Pflegeberatung zusammenzuarbeiten – aber all das entwickelt sich in dem Augenblick, wo die Erfahrungen der Älteren und ihre Ideen gefragt sind. Warum nicht auch einmal im Monat ein Kino im Kirchraum veranstalten? Ach ja, das eigene Alternsbild zu verändern, ist wohl der erste Schritt.


„Der Schmerz als Weg in ein Anderes Leben“

movum 12/2018: Interview: MICHAE L MÜLLER

Die evangelische Theologin Cornelia Coenen-Marx über Laudato Si’, die Ökonomisierung der Natur und die Bibel als Auftrag für die Große Transformation.

Frau Coenen-Marx, die katholische Kirche hat mit „Laudato Si’“ eine beeindruckende Lehrschrift zur Verantwortung des Menschen für das gemeinsame Haus Erde herausgebracht. Wie sehen Sie die Initiative von Papst Franziskus? Er spricht von den Wunden an der Natur und an der Menschheit.

Cornelia Coenen-Marx: Laudato Si’ zeigt ganz klar, welche ethischen Konsequenzen aus der Freude an der Schöpfung und dem Lobpreis des Lebens folgen. Der Text ist nicht moralinsauer, sondern hellsichtig und mit klarer Kante.
In einer Passage, die mir sehr gefällt, zeigen die Autoren, wie wichtig es ist, Stadtlandschaften so zu gestalten, dass Flussufer, Parks und Plätze allen zugänglich sind, statt öffentliche Güter für wenige zu privatisieren. So entstehen auch wieder Trinkbrunnen, an denen sich alle bedienen können, ohne teures Trinkwasser kaufen zu müssen – das lässt die Hoffnung aufkeimen, dass auch die Bürgerinnen und Bürger von Evian in den französischen Alpen irgendwann wieder von ihrem eigenen Grundwasser trinken können, dass also dem Raubbau von Nestlé und anderen ein Ende gesetzt wird. Vergangenes Jahr stand in Athen, wo neben Kassel die documenta 14 stattfand, eine Telefonzelle, die zum Sauerstoffzelt geworden war – da konnte man sich vorbereiten auf eine Welt, in der auch die Luft privatisiert ist.
„Laudato Si’“ ruft in Erinnerung, dass die Allmende Grundlage für eine soziale Gemeinschaft ist, in der nicht einer des anderen Wolf werden muss, wie es der ausufernde Wettbewerb lehrt. Wenn der Markt auf alle Bereiche übergreift und auch die sozialen und die natürlichen Grundlagen des Lebens ökonomisiert werden, empfinden wir eine existenzielle Bedrohung, dann schlägt menschliche Autonomie um in Beziehungslosigkeit. Ich glaube, der Schmerz darüber kann der Impuls für ein anderes Leben sein. Der Apostel Paulus beschreibt diesen Schmerz als „Wehen“ – den Weg zu einem neuen Leben.

Wie ist das Verhältnis Ihrer Kirche zur Natur? Was zählt mehr: den Apfelbaum zu pflanzen oder sich die Erde untertan zu machen?
In der älteren Schöpfungserzählung, die von Adam und Eva erzählt, heißt es, Gott setzte uns Menschen in den Garten, „damit wir ihn bebauen und bewahren“ – eben Apfelbäume pflanzen! Der Auftrag, die Natur zu schützen und zu pflegen, ist das Gegenteil von Ausbeutung und Naturzerstörung – so wird ja das „untertan machen“ aus dem späteren Schöpfungsbericht oft verstanden. Aber dass wir uns dermaßen als „Herren“ der Schöpfung aufgeführt haben und noch aufführen, das entspricht auch dem priesterschriftlichen Schöpfungsbericht nicht wirklich.
Denn die Krone der Schöpfung nach den sechs Tagen, in denen Himmel und Meer, Pflanzen und Tiere erschaffen werden, ist dann am siebten Tag der Sabbat, der Ruhetag für Mensch und Natur. Der Mensch wird am sechsten Tag geschaffen, er ist Teil der Schöpfung und soll seinen Platz in ihr einnehmen. Aber das begreifen wir leider oft erst, wenn wir an die Grenzen stoßen.

Was wäre der wichtigste Beitrag der Kirchen, damit es zum dauerhaften Frieden mit der Natur kommt?
Der dauerhafte Frieden wäre die Rückkehr ins Paradies. Die vielen Dystopien in Büchern und Filmen zeigen aber, dass viele zurzeit eher das Gefühl haben, wir gingen auf die Apokalypse zu. Dass wir diese Ängste wahrnehmen, ohne zu resignieren oder zynisch zu werden, dass wir Mut machen, auch schmerzhafte Veränderungen anzugehen und dabei einen gelassenen Umgang mit Endlichkeit vorleben, das wäre ein wichtiger Beitrag der Kirche.

Heute steht die Umweltbewegung vor einer neuen Herausforderung. Sie muss konkret machen, wie eine sozial-ökologische Transformation aussehen kann. Ist ein tiefgreifender Wandel ohne eine soziale und ethische Grundlage überhaupt möglich und welche Rolle können dabei die Kirchen spielen?
In allen Veränderungsprozessen brauchen wir gemeinsame Werte als Grundlage für das Setzen von Prioritäten und für die schmerzhaften Entscheidungen, die damit verbunden sind. Und auch die Bereitschaft und Fähigkeit, beieinander zu bleiben, Seite an Seite, aufeinander zu achten und die Schwächeren, die Gebrechlichen und Verletzten mitzunehmen, ist eine Grundvoraussetzung für gelingende Transformation.
Die Exodusgeschichte mit der Wüstenwanderung erzählt davon – und auch von den Gefahren, die uns zurückfallen lassen. Dass die gemeinsame Anstrengung aus unterschiedlichen Quellen kommen kann – jüdischen und christlichen, humanistischen, bürgerlichen, sozialistischen und heute auch muslimischen –, das zeigt die Entwicklung des Sozialstaats in Deutschland. Die Religionsgemeinschaften sind aber noch etwas anderes als „Werteagenturen“ – sie sind Hoffnungs- und Erzählgemeinschaften, die Bilder, Vorbilder, Symbole und Rituale für Übergänge zur Verfügung stellen.

Der Klimawandel ist wahrscheinlich die größte Menschheitsherausforderung. Die Gefahren kennen wir seit 30 Jahren, doch der Klimaschutz kommt nicht voran. Beim Schutz von Wasser, Boden und Luft sieht es nicht viel besser aus. Wie erklären Sie sich, dass der Widerspruch zwischen Wissen und Handeln immer größer wird?
Im Bundestagswahlkampf 1961 versprach der damalige Kanzlerkandidat Willy Brandt den blauen Himmel über der Ruhr. Vor ein paar Tagen war ich mit dem Auto auf dem Weg nach Ennepetal – zwischen Hagen und Wuppertal – und erinnerte mich an die dreckige Luft, die ich früher bei Fahrten auf der B7 erlebte.
Nach 1990 wurde die Luft auch im Chemiedreieck um Bitterfeld wieder besser – zum Teil allerdings auch Ergebnis einer übergriffigen Industriepolitik durch die Treuhand. Wünschenswert bleiben demokratische Initiativen zur Verbesserung der Lebensqualität, wie das an Rhein und Wupper gelungen ist.
Was also ist seitdem passiert? Warum nutzen wir weiter Wegwerfplastik, obwohl wir sehen, wie wir die Meere zerstören? Ich habe den Eindruck, dass sich viele Bürgerinnen und Bürger angesichts der Komplexität der Globalisierungsprozesse, der Bilder und Informationen absolut überfordert fühlen.
Am Beispiel des Dieselskandals und des Kohleausstiegs sehen wir wie in einer Inszenierung, welche Konsequenzen das hat: Die Angst um Arbeitsplätze und die um Klima und Gesundheit fallen sich gegenseitig in den Schritt, Automobil- und Energiewirtschaft steuern trotz aller Expertise nicht rechtzeitig um und nationale Politik als steuerndes Element fällt aus Angst vor Stimmenverlusten nahezu aus.

Was muss geschehen?
Klare Verabredungen zum Beispiel über den Zeitpunkt des Kohleausstiegs wären hilfreich – die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland hat das eben in einem Beschluss festgehalten. Dass weniger Wachstum und materieller Wohlstand mehr sein könnte, das spüren ja längst viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Tarifvertragsverhandlungen zeigen: Viele wollen mehr Zeit füreinander, mehr Qualität von Nahrung, Luft und Wasser, mehr Leben statt Funktionieren.
Auch eine Fülle zivilgesellschaftlicher Initiativen und Mut machende Start-ups geht in diese Richtung. Diese Art von bürgerschaftlichem Wissen und Engagement braucht politische Struktur und mutige Protagonisten, die sich über die machtvollen Profitinteressen, mit denen wir es zu tun haben, keine Illusionen machen und sich weltweit vernetzen.

Sie haben im Jahr 2012 wesentlich dazu beigetragen, dass es zum „Transformationskongress“ von Kirchen, Gewerkschaften und Umweltverbänden kam. Wie sehen Sie heute die damalige Initiative?
Die Aufgabe, vor der wir stehen, lässt sich nur in breiten Allianzen bewältigen. Es wäre schön, wenn der Prozess weiterginge – auch mit weiteren Partnern aus Kirchen und Religionsgemeinschaften, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Auch ein internationaler Kongress könnte ein nächster Schritt sein. Neben solchen Großveranstaltungen ist es wichtig, dass vor Ort, bei Akademietagungen oder Projekten alle Chancen zur Zusammenarbeit genutzt werden. Der Transformationsprozess, die Bewegungen brauchen jedenfalls stützende Organisationen, die mehr Atem haben als die jeweils aktuelle Politik. Die Kirchengemeinden vor Ort können dabei eine wichtige Rolle spielen, wenn sie den eigenen Umgang mit Energie und Arbeitsplätzen wirklich nachhaltig gestalten.


Kirche in SWR 1- Begegnungen am 22.12.2019
mit Annette Bassler und Cornelia Coenen- Marx, Pfarrerin, Unternehmerin

Evangelische Kirche:
Titel: Weihnachten- Gott im Zwischen- Menschlichen

Teil 1 Wider die Einsamkeit an Weihnachten

Und Cornelia Coenen- Marx. Was braucht die Seele, damit sie heil werden kann? Und was muss Politik und Gesellschaft dafür tun? Das war schon immer ihre Frage- ob als Gemeindepfarrerin, als Leiterin einer diakonischen Einrichtung oder als Oberkirchenrätin der EKD in Hannover. Heute, mit  67 Jahren betreibt sie ihre eigene Agentur „Seele und Sorge“. Wie kommt man heil durch die Weihnachtstage? Ist meine erste Frage an Cornelia Coenen Marx. Und sie erzählt von ihrer großen Verwandtschaft, die sich am ersten Weihnachtstag alljährlich trifft.

Bei den Kleinen sieht man, wie sie wachsen und bei den Älteren sind auch schon welche gegangen. Jetzt sind Schwiegerkinder dabei, die aus der Slowakei kommen und ich merke, wie die europäische Veränderung sich in dieser kleinen Großfamilie niederschlägt

Weihnachten- ein ziemlich aufwendiges Unterfangen ist, allein schon die Anreise.

Es gab schon mal die Idee, ob wir uns nicht besser im Sommer treffen sollen, weil da kein Schnee liegt und die Fahrerei nicht so schlimm und ich hab‘ immer gedacht: wenn wir das anfangen, dann ist es vorbei. Wir brauchen dieses Fest, um uns zu spüren.

Weihnachten als Möglichkeit, einander besser zu spüren. Wenn man es denn kann- bei all dem Stress und der Dünnhäutigkeit. Für manche ist dann die Familie mit  den- übers Jahr ungelösten Konflikten zu viel. Oder die Trauer um die abwesende Familie zu groß. Sie fliehen dann lieber aus dem Weihnachtszauber. Weihnachten für die Seele geht aber auch ohne leibliche Familie und ohne Flucht.

Wir hatten in der Kirchengemeinde, wo ich lange war, einen so genannten Gemeindeladen, wo mein Mann und ich an Heiligabend die Leute eingeladen haben, schönes Essen, ein Glas Wein. Das Weihnachtsritual, die gemeinsamen Lieder, die alle haben, die helfen, dass man sich ein bisschen wie Familie fühlt und wenn man ein bisschen erzählt, dann kommt auch was in Gang.

Vielleicht spürt man, dass man  sie mit anderen teilen kann- die eigene Bedürftigkeit, die Sehnsucht nach einer besseren Welt und den Glauben, dass wir nicht gottverlassen sind. Dass er mitten unter uns ist, wenn wir singen und beten. Das verbindet auch an einer tiefen Stelle der Seele. Auch wenn man nicht miteinander verwandt ist.

Einsamkeit ist an Weihnachten besonders schmerzlich. Sie ist aber kein privates Problem, meint Cornelia Coenen- Marx. Einsamkeit ist unsere neue Volkskrankheit. Und einen großen Anteil daran hat verfehlte Sozialpolitik.

In Großbritannien gibt es ein Ministerium für Einsamkeit seit 2018. Und das ist superinteressant, weil die sich ganz besonders um Menschen in den Regionen kümmern, wo die Verkehrsmittel nicht fahren, wo die Kneipen geschlossen sind, wo Leute wirklich vereinzeln, weil sie nämlich gar nicht rauskommen, um mit Anderen was zu machen.

Menschen werden krank, wenn sie sich nicht austauschen können, wenn sie zwar versorgt, aber nicht mehr wichtig für andere sind. Unser soziales Leben braucht eine Seele. Was das bedeutet, darum geht es nach dem nächsten Titel.

Teil 2 die Seele des Sozialen

Das Soziale braucht nicht nur finanzielle Ausstattung, es braucht auch eine Seele. Meint Cornelia Coenen- Marx. Wenn Sozialarbeit funktionieren soll, braucht es einen besonderen Spirit. Und den hat Cornelia Coenen- Marx entdeckt, als sie sich mit der Geschichte der Diakonissen beschäftigt hat. Warum haben die Diakonissen so lange Zeit die Gemeinden so gut versorgt? Drei Dinge sind da zusammengekommen.

Das ist auf der einen Seite dieses Engagement, dass Leute etwas finden, wo ihr Herz schlägt und die leiden, wenn sie keine Zeit haben, das zu tun. Was heute ja auch passiert. Das zweite ist Gemeinschaft, ich glaube für das Soziale brauchen wir Teams, wir brauchen Austausch, auch mal jemand, der mitträgt und vertritt und so. Und das dritte ist Spiritualität. Zu wissen, dass da was ist, was mich unmittelbar angeht, wo ich auch unvertretbar bin.

Arbeiten, wo das Herzen schlägt, arbeiten im Team, und arbeiten mit der inneren Gewissheit von sowas wie einer Berufung. Das ist es, was Soziale Arbeit beseelt und was Freude schenkt. Aber viele Arbeitsplätze im sozialen Bereich lassen dafür nicht genug Zeit. Umso wichtiger, dass es das Ehrenamt gibt. Wo Menschen mit großer innerer Befriedigung ihrem Herzen folgen und sich in Teams engagieren.

Es gibt eine Kirchengemeinde in Württemberg, die machen einen so genannten Wägelestreff. Das heißt, die treffen sich am oder im Gemeindehaus und von da aus geht man durch die Kleinstadt mit Rollstuhl, Rollator, alles, was die Leute haben und macht gemeinsam in dem Tempo, das die Leute brauchen, einen Spaziergang. Wägelestreff.

Unglaublich, was es in Deutschland da alles gibt rund um die Kirchengemeinden! Schwärmt Cornelia Coenen- Marx. Ob Wägelestreff, Flüchtlingsarbeit oder Trauercafé, im Grunde läuft alles auf eins hinaus: die ganz einfache Begegnung von Mensch zu Mensch. Und genau das hat was mit der Botschaft von Weihnachten zu tun.

Gott wird Mensch- unter Umständen, die wir gar nicht göttlich finden. Wir sagen Stall und Krippe oder Notunterkunft oder auf der Flucht. Da wird Gott Mensch. Und wenn ich jetzt davorstehe, dann sehe ich ja nicht: aha, hier wird Gott Mensch! Sondern dann sehe ich: da liegt ein schreiendes Kind, das braucht Versorgung. Da sind Menschen auf der Flucht, die brauchen Essen und ein Dach über dem Kopf!

Und genau hier etwas zu suchen, was über das Schmerzliche hinausgeht- dazu will Weihnachten verlocken. Weihnachten will meine Augen und mein Herz dazu verlocken, da nicht stehenzubleiben. Weihnachten will sagen: gerade hier und jetzt will Gott mir begegnen.

Indem ich mich auf den Alltag einlasse, also auch auf ein Fest, was ich mal allein feiern muss. Indem ich mich einlasse, steckt in meinem Herzen die Hoffnung, dass ich was entdecken kann von diesem: Gott wird Mensch. Dass er doch in dieser Situation bei mir ist.

Annette Bassler trifft Cornelia Coenen-Marx SWR1
Hier können Sie das Gespräch nachhören:
https://www.swr.de/~embed/kirche-im-swr/Begegnungen-Annette-Bassler-trifft-Cornelia-Coenen-Marx-Teil-1,20191222-0921-100.html

https://www.swr.de/kirche-im-swr/Begegnungen-Annette-Bassler-trifft-Cornelia-Coenen-Marx-Teil-2,20191219-0922-100.html


deutschlandfunk kultur 21.12.2019:
Radiosendung „Freuen Sie sich auf Weihnachten?“
Cornelia Coenen-Marx und Lamya Kaddor im Gespräch mit Vladimir Balzer

Hier können Sie das Gespräch nachhören. Die Erzählungen und Gedanken von Frau Kaddor und zahlreichen Hörerinnen und Hörern haben mich begeistert. 
https://www.deutschlandfunkkultur.de/frohe-festtage-weihnachten-ein-fest-der-offenen-tueren.970.de.html?dram:article_id=466353

 


27.02.2019 | Christine Faget

https://www.stimme.de/kraichgau/nachrichten/artikel/Wie-sich-unsere-Gedenkkultur-veraendert;art140019,4160262

Frau Coenen-Marx, bei den Hospizwochen in Bad Rappenau sprechen Sie zum Thema Erinnern und Gedenken. Wie haben Sie das beim letzten Mal getan?
Cornelia Coenen-Marx: Erst vor Kurzem war ich bei einer Beerdigung. Das war eine komplizierte Gedenksituation, da der Verstorbene aus einer Patchwork-Familie kam, in der die Elternteile nicht mehr viel miteinander zu tun hatten. Da habe ich wieder gemerkt, wie sehr sich das gewandelt hat.

Von einem Wandel der Gedenkkultur sprechen Sie auch in Ihren Vorträgen.
Coenen-Marx: Im Kontext von Patchwork-Familien und wachsender Mobilität wollen viel weniger Familien traditionelle Erdbestattungen oder Gräber. Urnen und Waldbeerdigungen nehmen zu. Menschen versuchen auf andere Art und Weise, mit dem Tod umzugehen oder ihn zu gestalten: Traditionsrituale brechen auf, Friedhöfe verändern sich, auch der Sterbeprozess verändert sich.

Wie verändert sich der Sterbeprozess?
Coenen-Marx: Früher starben die Menschen meist zu Hause. Heute sind es 80 Prozent, die in Institutionen sterben, und davon nur drei Prozent in Hospizen oder Palliativstationen. Die meisten sterben in Krankenhäusern oder Altenzentren. Aber alle Leute wünschen sich, dass es wieder zurück geht ins Quartier, dass es Unterstützung vor Ort gibt. Das braucht jedoch mehr ambulante Pflege, mehr Haushaltshilfen, andere Arten von Wohnungen. Da ist noch viel zu tun. Und da sind eben auch noch die Barrieren im Kopf. Das Problem ist, dass wir das Sterben professionalisiert haben. Das ist nicht nur eine sozialpolitische Frage, sondern auch eine Mentalitätsfrage: Wie können wir lernen, dem Tod bei uns zu Hause wieder unverkrampfter zu begegnen?

Wie kann es gelingen, dem Tod unverkrampfter zu begegnen?
Coenen-Marx: Es gibt zum Beispiel inzwischen Trauercafés auf Friedhöfen. Die sind oft da, wo früher die Leichenhallen waren. Dann gibt es inzwischen auch Spielplätze am Rand von Friedhöfen. Die Unbefangenheit im Umgang mit dem Tod ist ganz wesentlich. Also dass man Friedhöfe zu Lebensorten gestaltet. Und zu Orten, an denen man erzählen kann, zum Beispiel in Erzählcafés. Wir müssen Rituale finden, die ermöglichen, dass jeder auf seine Weise – aber auch die Menschen gemeinsam – erinnern können.

Und wie sollte man den Sterbeprozess Ihrer Meinung nach schon vor dem Tod anders gestalten?
Coenen-Marx: Eigentlich geht es ums Abschied nehmen und fängt an, wenn ich weiß, dass ich nur noch eine begrenzte Zeit leben werde. Ich nehme Abschied von mir selber und von Menschen, die mir wichtig waren. Aber andere nehmen gleichzeitig auch Abschied von mir. Auch da geht es darum, gemeinsame Erinnerungen vielleicht noch einmal wach zu halten. Mit Musik oder alten Fotos zum Beispiel.

Ist es denn nicht verletzend, sich schon mit dem Abschied zu beschäftigen, wenn jemand noch lebt?
Coenen-Marx: Ja, das kann kränkend sein. Traditionell haben Abschiedsrituale geholfen, damit umzugehen. Man denke zum Beispiel an das letzte Abendmahl oder die letzte Ölung, bei der Familien noch einmal zusammenkamen. Heutzutage kann es erleichternd sein, zu wissen, wie man zum Beispiel zur Ruhe getragen wird, oder was man weitergeben kann. Es gibt ja beispielsweise Eltern, die für ihre Kinder Videos machen und noch einmal erzählen.


SWR2 Zeitgenossen: 28.03.2018

Cornelia Coenen-Marx, evangelische Theologin von Gohla Holger

Podcast: https://x.swr.de/s/uw1

Wollte man Cornelia Coenen-Marx mit einem einzigen Begriff beschreiben, würde „Einmischerin“ gut passen.In ihrer aktiven Laufbahn in Kirche und Diakonie ergriff sie immer wieder das Wort für Menschen in sozial schwierigen Situationen oder setzte schon früh Ideen um wie einen „Gemeindeladen“. Heute ist die Rheinländerin, die bei Hannover lebt, im sogenannten dritten Lebensabschnitt selbstständig tätig und thematisiert in Seminaren oder Einkehrtagungen die spirituelle Seite sozialen Handelns. Zudem berät sie soziale Organisationen oder publiziert über das „Geschenk des Älterwerdens“ und über „Aufbrüche in Umbrüchen. Christsein und Kirche in der Transformation“.
Diese Folge ist eine Audio-Datei aus der Serie des Podcasts, Zeitgenossen, die du hier downloaden und online anhören kannst.



 

Wir reden übers Sterben … 

… heute mit: Cornelia Coenen-Marx

Cornelia Coenen-Marx ist Pastorin, Autorin und Inhaberin der Agentur „Seele und Sorge – Impulse, Workshops und Beratung“. Sie hatte zuvor verschiedene Positionen in Kirche und Diakonie- u.a. als Gemeindepfarrerin, Leiterin eines diakonischen Unternehmens, Oberkirchenrätin für Gesellschafts- und Sozialpolitik bei der Evangelischen Kirche in Deutschland. Im September 16 wird ihr neues Buch „ Aufbrüche in Umbrüchen“ erscheinen; 2013 erschien „Die Seele des Sozialen“. Zu ihren derzeitigen Projekten gehören die „Diakonischen Pilgerreisen“; mehr dazu unter www.seele-und-sorge.de

1. Die beschäftigen sich mit (Ihrer) Endlichkeit.

Der Umgang mit Tod und Sterben gehört von Anfang an zu meinem Leben: als Kind im Pfarrhaus gehörte das Sterben der Urgroßtante, die meine Mutter pflegte, genauso dazu wie der Unfalltod von Freunden oder der meines Grundschulrektors am Heiligabend, der die Familienfeier jäh unterbrach, weil mein Vater zum Hausbesuch musste. Ähnlich ging es mir selbst noch in den 80er Jahren als Gemeindepfarrerin in einer Kleinstadt- und in der Leitung der Kaiserswerther Diakonie haben wir in einem begleiteten Palliative-Care-und-Ethikprozess daran gearbeitet, wie sich die Kultur in Krankenhäusern und Pflegeheimen ändern muss, damit wir in Würde sterben können. Denn so individuell sterben auch ist – schon meine Berufsbiographie zeigt, wie sehr wir dabei in gesellschaftliche Rahmenbedingungen eingebunden sind. Aber trotz aller beruflichen Erfahrungen, trotz vieler Projekte und Debatten- der Tod meiner Eltern und eine eigene Krankheitsphase vor zwei Jahren haben noch einmal etwas verändert: seitdem ist mir die eigene Sterblichkeit und Zeitlichkeit geradezu körperlich bewusst.

Welche Auswirkungen hat das auf Ihr Leben? Ich bin aus dem institutionellen Funktionieren ausgestiegen, setze meine Arbeitsschwerpunkte bewusster, gehe wieder öfter ins Kino und ins Theater und achte mehr auf die Stressgrenzen, die mein Körper mir signalisiert.

2. Viele haben Hemmungen oder auch Angst, mit anderen über das Sterben zu reden. Wie ist das bei Ihnen? Was hat sich verändert?

Ich habe keine Angst davor, weil ich lange mit dieser Berufsrolle gelebt habe – Pfarrerinnen und Pfarrer gehören zu denen, mit denen man darüber reden kann. Mir ist es aber wichtig, so über das Sterben zu reden, dass ganz klar ist: das ist eben nicht das Tabu, das wir den Profis überlassen müssen, sondern Teil des Lebens, das wir selbst gestalten. So darüber zu reden, haben mir meine eigenen existenziellen Erfahrungen geholfen.

3. Ihr Vorschlag für einen guten Satzanfang, wenn Sie mit jemandem über solche Dinge wie Sterben, Vorsorge u.ä. reden wollen: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es entlastend ist, sich frühzeitig zu überlegen.

4. Wie ergänzen Sie diesen Satz der Künstlerin Candy Chang:
Bevor ich sterbe, möchte ich …
Noch einmal mit meinem Mann in den Nahen Osten reisen.

5. Was glauben Sie, kommt nach dem Tod? Wir werden leben- in der neuen Schöpfung, in Vielfalt, Frieden und Versöhnung. Mich leitet das Bild vom neuen Jerusalem, das sich auf den letzten Seiten der Bibel findet; die neue Stadt der offenen Tore. Ich verstehe das Leben als Reise dorthin.

6. Wenn Sie in der Sterbe- und Bestattungskultur in Deutschland/ der Schweiz etwas ändern könntest, was wäre das? Das Gesundheits- und Pflegesystem durchlässiger machen; Mehr Kirchengemeinden für Unterstützungsangebote in Palliativnetzwerken gewinnen, aber auch Angehörigen- und Familienzimmer, wie es sie in Hospizen gibt, in Altenheimen und Krankenhäusern einrichten! Vor allem aber: Das Bewusstsein schärfen, dass Abschiednehmen Zeit, vielfältige Rituale und Treffpunkte braucht, weil die überkommenen Rituale und ihre Bedeutung erodieren. Das geht alle an- auch Unternehmen, Schulen, Tageseinrichtungen für Kinder…Deshalb: Kompliment für Projekte wie „Sterben macht Schule“ (Hospiz Pusteblume) und für diesen Blog!

7. Ihr Beitrag zu unserer Sammlung „100 Songs übers Sterben“. Johann Sebastian Bach: „Bist du bei mir“ aus dem Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach.

8. Und sonst noch? Die letzten Tage und Nächte am Sterbebett meiner Mutter im Appartement des Altenstifts gehören zu den intensivsten und schönsten meines Lebens: Auszeit, Klosterurlaub, tiefe Begegnung, Meditation und die Vögel am Morgen… Es entgeht uns Entscheidendes, wenn wir keine Zeit mehr zum Innehalten finden!


Braunschweig, im Mai 2016, für die Neuerkeröder Blätter

„Letztendlich kommt es immer auf die Begegnung an

Oberkirchenrätin a. D. Cornelia Coenen-Marx spricht über Herausforderungen und Chancen von Gemeinschaften in Diakonischen Einrichtungen.

Das Interview führte Katharina Heinemeier

1.Mit welchen Wünschen kommen Diakonische Einrichtungen zu Ihnen und was raten Sie ihnen?

Wir haben die Sozialwirtschaft wie einen Industriezweig entwickelt: Wir wollen effektiv sein. Ganz offensichtlich sind wir aber an einem gesellschaftlichen Bruch und wir spüren, dass es noch was anderes geben muss: Wir brauchen Achtsamkeit. Hier setzen die Fragen und Wünsche der Diakonischen Einrichtungen an. Der Clou wird sein, zu gucken, wie man im Rahmen sozialwirtschaftlicher Aufgaben, zum Beispiel in Verbindung zwischen professionellen und ehrenamtlichen Mitarbeitern, Freiräume für Achtsamkeit schaffen kann. Denn Zeitknappheit ist die größte Not in den Einrichtungen. Sie wird als besonders groß empfunden, weil sie auf die Motivation der Mitarbeitenden drückt. Weil man keine Beziehung mehr zu den Menschen herstellen kann. Es kommt in der Unternehmenskultur darauf an, daran zu arbeiten, dass Mitarbeitende die kleinen Freiräume, die es durchaus gibt, nutzen können und sich nicht erdrücken lassen, von dem Gefühl „ich komme hier nicht mehr vor“.

2. Welchen Stellenwert haben kleine Gemeinschaften in großen sozialen Unternehmen?

Ich versuche das mal etwas aufzufächern: Wir haben einmal die alten Traditionsgemeinschaften, die sich nicht mehr erneuern. Wo beispielsweise die jüngsten Diakonissen um die 50 Jahre alt sind, aber danach kommt niemand mehr nach. Diese Gemeinschaften sind so etwas wie die Hüter der Tradition. Das zweite sind Diakonische Gemeinschaften, die schon vor 30 oder 40 Jahren aus der gesamten Mitarbeiterschaft entwickelt wurden. Meist geben sie ihren Mitgliedern einen Raum, ohne viele Ansprüche, wo man sich einfach begegnen, auftanken, sich austauschen kann. Das Problem daran ist, dass diese Gemeinschaften oft zwar den eigenen Zirkel pflegen und den dort verbundenen Leuten gut tun, aber nicht mehr unbedingt Ausstrahlung in das Unternehmen haben. Ich finde es aber einen ganz wichtigen Aspekt, dass Gemeinschaften nicht nur „interne“ Wohlfühl-Inseln bilden, sondern auch schauen, was brauchen andere Menschen, um sich wohl zu fühlen. Dies gelingt besonders gut, wenn Gemeinschaften Brücken schlagen- ins Unternehmen und nach außen. Und beispielsweise die Mitarbeitenden in einem Unternehmen noch einmal ansprechen, um aktiv zu werden für Migrations-/Flüchtlingsarbeit oder ökumenische Projekte. Da sehe ich die Zukunft.

 

3. Was können diese Gemeinschaften innerhalb eines Unternehmens erreichen?

Gemeinschaften können so etwas wie ein Qualitätszirkel sein, indem sie sich ganz systematisch die Prozesse anschauen: Wo sind die offenen Fragen, die nicht sozialwirtschaftlich beantwortet werden? Nehmen wir mal die spirituelle Dimension, beispielsweise in der Seelsorge. Wie können wir in der Pflege auf diese Dimension achten oder was passiert, wenn ein Mitarbeiter im Unternehmen anfängt, wenn er aufhört? Wie bringen wir den Mitarbeitenden bei Einführungstagen oder Seminaren unsere Unternehmenskultur nahe? Lassen wir sie überhaupt ahnen, wo sie angekommen sind? Das wären aus meiner Sicht solche Fragen, die die Gemeinschaft angehen kann.

4. Die Diakonissen des Marienstiftes haben das Leben und die Arbeit über viele Jahre geprägt und eine Art Gründergeist mitgebracht. Welche Chancen sehen Sie darin, um das diakonische Profil auch in Zukunft zu bewahren?

Wir haben in Kaiserswerth über ganz lange Zeit in unseren Einführungsveranstaltungen, die alle Vierteljahr für alle neu hinzugekommenen Mitarbeitenden stattfanden, ein Gespräch mit einer Diakonisse integriert. Das trifft auf eine Sehnsucht und hilft zugleich bei der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Denn jeder der heutigen Mitarbeitenden würde sich wünschen, mit mehr Zeit am Sterbebett zu sitzen, oder in einem Arbeitsrhythmus zu leben, wo auch das gemeinsame Essen Teil der Arbeit ist oder die Andacht am Mittag. Jeder weiß aber, dass dies in der heutigen Realität nicht umsetzbar ist. Wenn die Diakonissen erzählen, ruft dies einerseits bei den Zuhörern Sehnsucht hervor, andererseits möchte diesen Dienst aber auch niemand mehr leisten- denn zu Hause wartet ein Privatleben, oft Familie. Dann kommen die Überlegungen: Wie kann ich denn unter meinen heutigen Rahmenbedingungen solche Inseln schaffen? Das war immer der Höhepunkt dieser Willkommensveranstaltung. Ich kann das nur empfehlen – letztendlich kommt es immer auf die Begegnung an.

 

5. Welche Rolle spielen die Mitarbeitenden in diakonischen Einrichtungen?

Meine Erfahrung ist, dass der große Teil der Mitarbeitenden nicht kommt, weil es sich um ein christliches Haus handelt, sondern weil es ein Arbeitsplatz in der Sozial- und Gesundheitsbranche ist. Wir gestalten hier also gemeinsam Gesundheits- und Sozialwesen und es gibt christliche, muslimische, humanistische Motive.

Und dann gibt es Situationen, an denen man sich den ethischen Fragen stellen muss: Wie gehe ich um mit Frühgeborenen, mit Spätabtragungen, mit Patienten am Krankenbett? Hier ist meine Erfahrung aus Ethikzirkeln, wie wesentlich es ist, dass die unterschiedlichen Zugänge gehört werden. Wenn dabei auch die Tradition als eine lebendige Stimme der Erfahrung wahrgenommen wird, dann respektieren Mitarbeitende dies und empfinden es als einen Gewinn für das Unternehmen. Die Vehikel, über die so etwas läuft, sind Feste, Kirchenjahrrituale, die Unternehmensleitbildentwicklung, Qualitäts- und Ethikzirkel, in die die diakonische Tradition lebendig einfließen muss, damit sie nicht nur als Forderung des Trägers wahrgenommen wird. Bei allen Mitarbeitenden sollte das Gefühl geweckt werden: „Hier bin ich gut aufgehoben, mit dem was meine innere Motivation ist“.


 

Zum Thema Grenzen- handrianswall_Schottland

 

 

 

 

 

 

 

Die Seele des Sozialen

Bewusstseinswandel von Unternehmen und Gesellschaft in Zeiten der Demografie und Globalisierung

Interview mit Elisabeth Porzner-Reuschel zur Consozial 2014

Weit mehr als ein Jahrhundert ist vergangen seit die Diakonie gegründet wurde und Otto von Bismarck die Sozialgesetzgebung ins Leben gerufen hat. Seitdem hat sich der Sozialstaat kontinuierlich weiter entwickelt und war bis in die Zeiten des Wohlfahrtstaats erstaunlich stabil. In Folge des demografischen Wandels und der Globalisierung ändert sich dies jedoch seit Mitte der 80er Jahre mit der Wende, der europäischen Entwicklung und der Finanzkrise spürbar.

„In Zeiten, in denen die Staatsverschuldung hoch und Pflege nicht mehr nur eine Dienstleistung sein kann, ist zu überlegen, wie die Dinge neu zu ordnen sind“, so Oberkirchenrätin Cornelia Coenen-Marx, Evangelische Kirche in Deutschland Referentin. „Denn: Die soziale Arbeit hat sich von einer auf Aufopferung setzenden Dienstgemeinschaft zu einem auch nach unternehmerischen Kriterien geführten Dienstleister mit selbstbewussten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus verschiedenen sozialen Kontexten entwickelt.“ Die Oberkirchenrätin: „Unter den knappen Rahmenbedingungen fordern die Umbrüche in der Pflege und bei der Inklusion ein völlig anderes Justieren .

„Um zu begreifen, was das bedeutet, müssen wir erst einmal feststellen, was die Ursprungsenergien der Diakonie waren und wie wir diese heute an anderer Stelle einbinden wollen. Es geht um Gemeinschaft, Spiritualität und ehrenamtliches Engagement. „Sicherlich sind Kirche und Staat gefordert, doch auch unsere Gesellschaft braucht ein neues Bewusstsein“, ist die Referentin überzeugt. „Wir werden wieder einen fürsorglicheren Umgang entwickeln müssen.“ Ehrenamtliches Engagement sei hier genauso gefragt wie Toleranz bei Konflikten, die dort entstehen, wo Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kultur zusammenarbeiten.

Eine Tatsache wird bei diesen Veränderungen sicher helfen: Offensichtlich sehnen sich die Menschen gerade wieder nach diesen Werten. Cornelia Coenen-Marx stellt fest: „Viele haben einen deutlichen Wunsch nach Gemeinschaft, einem aktiven Miteinander und gegenseitiger Unterstützung. Auch der Wunsch nach spirituellen Erfahrungen hat zugenommen. Klöster werden wieder häufiger besucht, und auch im Westen erfreut sich der Buddhismus immer größerer Beliebtheit.“

Was bleibt: Es wird dennoch einer gewaltigen Überzeugungsarbeit und Kraft bedürfen, um diese Änderungen auf allen Ebenen zu initiieren – in der Unternehmensführung wie in Nachbarschaftsinitiativen. Cornelia Coenen-Marx: „Letztlich gehört auch Mut dazu, sich an diese Umstrukturierungen und Innovationen zu wagen! Wer es tut, wird aber auch neue Energien spüren!“