Morgenandachten und Rundfunkbeiträge

Deutschlandfunk DLF, 14.9.2020 – 19.09.2020, 6.35 – 6.40 Uhr

Montag 14.9.2020

Vor ein paar Tagen habe ich auf Facebook ein Altarbild gepostet. Ein schlichter Holzaltar im Betsaal der Zehlendorfer Diakonie. Darauf dieses Altarbild, aus dem gleichen Holz geschnitzt wie der Abendmahlstisch darunter und die Kerzenhalter. Ich mag die einfachen Bilder. In der Mitte der barmherzige Samariter, rechts und links – eingraviert wie in Münzen – die „Werke der Barmherzigkeit“.

„Barmherzigkeit – was ist das? Das fragen sich momentan viele Menschen.“ So kommentierte eine Freundin das Bild. Und jemand  anders wollte gleich einen bestimmten deutschen Politiker gegen 13.000 Menschen aus Moria tauschen. Der barmherzige Samariter spricht mitten hinein in unsere Wirklichkeit: Wer lässt sich anrühren und aufhalten, wer greift in die Tasche und holt den Verletzten aus dem Dreck? Und wer geht vorüber, weil er andere Geschäfte hat?

So ist es wohl: Politik und Kalkül bestimmen den Blick auf die Menschen, denen wir begegnen. Es geht um Push- und Pullfaktoren, um die Ängste und Hilfsbereitschaft der Kommunen und Bundesländer, um Deutschland und Europa,  Schuldige und Opfer. Parteilinien werden gezogen, Kompromisse gesucht, Gewinner gekürt. Anfang der Woche endlich wurde beschlossen, noch einmal 1550 weitere Flüchtlinge aufzunehmen, 400 schutzberechtigte Familien aus Griechenland. Welche Partei da der Gewinner ist? Ein Kommentar rückt die Frage zurecht: „ Die Gewinner – sind erst einmal diese Familien“.

Ob einer dich sieht oder ob Du verloren bist – ist das am Ende eine Lotterie? Oder eine Frage des Status? Jedenfalls scheint das alles furchtbar kompliziert. Aber die Werke der Barmherzigkeit sind ganz schlicht und einfach. Durstigen zu trinken geben. Hungrige speisen. Obdachlosen ein Dach über dem Kopf geben. Gefangene besuchen. Davon erzählt der Altar im Zehlendorfer Betsaal. Der Künstler hat sich darauf beschränkt, Hände zu zeichnen. Hände, die sich öffnen, helfen und schenken. Trotzdem denke ich sofort an die Bilder aus den Nachrichten, die Familien, die in Moria auf der Straße saßen und kaum etwas zu essen hatten. Weil die Hilfsorganisationen nicht durchkamen, um wenigstens Lebensmittel zu verteilen. Und Wasser. Dabei weiß doch jeder, wie es ist, Durst zu haben nach langen Tagen in der Hitze.

Und trotzdem ist es nicht einfach, sich einzufühlen – hier im wirtschaftlich stärksten Land Europas. In relativer Sicherheit. Wer will sich schon vorstellen, mit der ganzen Familie auf dem nackten Boden zu schlafen – ohne Hoffnung, ohne Perspektive?

Ich denke an eine Frau, die eigentlich  gar nichts mit dem Elend  zu tun hatte. Elisabeth von Thüringen – sie war Fürstin. Hoch über den Straßen der Armen lebte sie in Eisenach auf ihrer Burg.  Trotzdem gilt sie bis heute als die Heilige der Barmherzigkeit. Von ihr werden viele wunderbare Geschichten erzählt. Eine handelt von einem leprakranken Mann; die Fürstin nahm ihn auf, um ihn zu pflegen. Sie legte ihn sogar ins Bett ihres Ehemanns – Berührungsängste kannte sie nicht.

Als der Fürst nach Hause kam, wurde er misstrauisch, sogar zornig. Ging hin, schlug die Bettdecke zurück und – der, den er da sah in seinem eigenen Bett, mit blutenden Wunden und Verletzungen, war Christus selbst. Da wich er zurück und ließ die Barmherzigkeit geschehen, die seine Frau begonnen hatte.

Eine unglaubliche Geschichte, ich weiß. Was der Fürst da mit eigenen Augen sah, war ein Wunder. Nicht einmal uns selbst erkennen wir in denen, denen es schlechter geht als uns. Nicht einmal das Gesicht eines Menschen sehen wir in den Geflüchteten. Dabei  würde es genügen, sagt die Geschichte, wenn wir in den Leidenden Christus sehen, den gekreuzigten Christus.

Der Abstand bliebe, aber aus Abwehr und Kalkül würde Barmherzigkeit. Was Barmherzigkeit ist? Der einfache Altar lässt Christus selbst darauf antworten: „Was Ihr getan habt einem von diesen geringsten, meinen Geschwistern, das habt Ihr mir getan.“ (Mt 25,40)

Was ist Barmherzigkeit? Diskutieren Sie mit auf Facebook unter „Evangelisch im Deutschlandradio“.

Dienstag 15.9.2020

Als in England die Krankenhäuser übervoll waren, haben Stewards, Stewardessen und Piloten von vier Fluggesellschaften, die im Shutdown arbeitslos geworden waren, eine neue Firma gegründet:  die „First Care Class“. In den Krankenhäusern des National Health Service haben sie Clubräume mit bequemen Sesseln eingerichtet, um Ärzte, Pflegende und Physiotherapeuten im Krankenhaus zu verwöhnen. Eine Stunde freundliche Rundumversorgung mit Kaffee, kalten Getränken und Wellnessmassage. „Wir tun, was wir gelernt haben“, sagte eine Stewardess im Interview. „Wir haben ja trainiert, Menschen zu verwöhnen und zu beruhigen und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie wirklich etwas Besonderes sind. Ein strahlendes Lächeln bewirkt eine Menge.“ Wingman hieß das Projekt. Flügelmensch – man denkt sofort an Engel.

Der Shutdown war eine große Unterbrechung. Plötzlich war alles anders. Auch beruflich. Autobauer wurden zu Maskenproduzenten und Studierende zu Spargelstechern. Paare mit zwei Vollzeitjobs haben entdeckt, dass es gut war, mehr Zeit für die Familie zu haben. Andere haben sich noch einmal auf den Weg gemacht – auf der  Suche nach einem Job mit Sinn. „Ich fühlte mich bis dahin, als würde ich ein Spiel spielen, (…) mit großem Ehrgeiz und Einsatz…“, sagt Nina Hille, die Verlagsgeschäftsführerin war. Sie wollte aber einen Unterschied machen, die Welt ein bisschen besser machen, ihre Leidenschaft einbringen. So landete sie einem sozialen Träger.  Wer sich jetzt Stellenausschreibungen ansieht, der merkt den Umschwung: Portale wie greenjobs.de oder goodjobs.de und Personalvermittlungen wie Talents4Good haben Konjunktur.

Die Bibel erzählt von einem Fischer, der die Leidenschaft verloren hatte. Er kannte sich aus mit seinem Job, wusste, wo die Fischschwärme vorbei zogen. Wann es sich lohnte rauszufahren – und wann nicht. Es wäre immer so weiter gegangen – schließlich stammte er schon aus einer Familie von Fischern, er lebte in einem Fischerdorf – auch seine besten Freunde waren Fischer. Es wäre immer so weitergegangen, wenn nicht plötzlich einer gekommen wäre, der alles in Frage stellte. Irgendwie auch so ein Mann mit Flügeln. Er kam am Abend, setzte sich zum Predigen in sein Boot und bat ihn am Ende, noch einmal zu den Fischgründen zu fahren – und obwohl da eigentlich nichts mehr zu erwarten war, wäre das Netz fast zerrissen, weil es so voll wurde.

Das warf den Fischer fast um. Plötzlich war alles wieder aufregend und neu. Ein neuer Anfang. So war der Boden bereitet, als Jesus ihn einlud, mit ihm zu gehen. Die Spur zu wechseln. „Von nun an wirst Du Menschen fischen.“ Etwas tun, was wirklich lohnt, was alles verändert. Petrus zögerte nicht lange; er spürte den Wind im Rücken und ging mit. Und seine Freunde auch.

Dass Arbeit mehr ist als routiniertes Erledigen von Aufgaben – das hat sich in den letzten Monaten deutlich gezeigt. Es geht auch um mehr als Leistung und Einkommen – so schmerzhaft die Einkommensverluste für viele sind. Aber plötzlich haben Gastwirte wieder entdeckt, wie schön es ist, andere zu bewirten. Pflegende und Kassiererinnen bekamen endlich Anerkennung – leider nur kurz. Bürokräfte im Homeoffice haben gespürt, wie wichtig der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen ist. Fast alle erzählen von langen, persönlichen Telefonaten. Webkonferenzen genügen nicht. Genau hinhören schien die Herausforderung der Stunde zu sein.

Petrus, der Fischer, hat an jenem Abend genau hingehört, er hat sich eingelassen auf eine verrückte Idee und wieder gemerkt, wo sein Herz schlägt. Er hat die Stimme gehört, die ihn beflügelte und herausrief – auf einen neuen Weg.

Ich weiß nicht, wer in England auf die verrückte die Idee mit der „First Care Class“ kam – aber ich weiß: diese Corona-Initiative hat vielen wieder auf die Beine geholfen. Manchmal ist es gut, wenn die Routine unterbrochen wird. Dann spüre ich, was wirklich zählt. Und wenn andere da sind, die mit mir gehen, kann etwas Neues entstehen. Auch bei mir selbst.

Mittwoch 16.9.2020

Küchen sind der Renner der Saison. Zwischen Homeoffice und Homeschooling hatten Familien plötzlich Zeit zum gemeinsamen Kochen und Essen. Und das war schon etwas Besonderes. Denn für gemeinsame Mahlzeiten ist sonst oft nur am Wochenende Zeit. Es ist eben nicht einfach, die engen Rhythmen von Jobs, Kita, Schule und Freizeit aufeinander abzustimmen – da knirscht es oft genug. Und weil der Alltag normalerweise so eng getaktet ist, müssen auch Familienbesuche und Feste langfristig geplant werden. Jetzt war plötzlich alles anders. Die mühsam gefundenen Termine – alle gestrichen. Hochzeiten und Konfirmationen verschoben. Und im Alltag fehlten die Großeltern, die sonst einspringen, wenn alles aus dem Tritt gerät.

Natürlich war es manchmal chaotisch und eng. Und im Zentrum: der Küchentisch. Beim Frühstück und beim Homeschooling. Beim Spieleabend und bei der Familienkonferenz mit den Großeltern – zum ersten Mal per Zoom. An das gemeinsame Essen kann man sich schnell gewöhnen. Als Zeit, sich auszutauschen, zu planen, Probleme zu klären. „Wir teilen und verteilen nicht nur die Lebensmittel, sondern wir teilen uns unser Leben mit“, hat Birgit Wagner-Esser einmal geschrieben. „Jedem in der Familie ist wichtig, wie es den anderen geht. Es ist ihm oder ihr nicht egal. Hier ist der zentrale Ort, an dem sich Gemeinschaft konstituiert“.

Auch Ostern haben wir als Familie am Küchentisch gefeiert – mit Osterglocken und Osterkerze, mit rot gefärbten Eiern und selbstgebackenen Brot. Zum gestreamten Gottesdienst.  Halb digital, halb analog – wie bei der Familienkonferenz.  Kann  man so auch Abendmahl feiern? Muss unbedingt eine Pfarrerin dabei sein und die Einsetzungsworte sprechen? Darüber wird in unserer Kirche gestritten. Mir ist vor allem die Gemeinschaft wichtig. Schließlich hat Jesus alle eingeladen, die Frauen, die Außenseiter, die Kranken. Der große Tisch ist sein Markenzeichen –  und noch vor seinem Tod feiert er auch mit Judas, der ihn ans Messer liefert. Diese Erinnerung ist mir wichtig: Dass er sein Leben gab, damit es uns gut geht.

Dass die Gemeinschaft der Kirche von diesem Tisch ausgeht, das wurde vielen erst wieder klar, als die Abendmahlsfeiern ausfallen mussten, auch zu Karfreitag und zu Ostern. Wenn Christen das Brot nicht teilen, fehlt etwas ganz Wesentliches. Das gilt ja auch im Alltag. Im Supermarkt ging die Hefe aus, weil plötzlich alle Brot backen wollten. Im Möbelhaus waren Küchen der Renner. Und vor dem Fernseher diskutierten wir über Fleischproduktion und Werkverträge bei Tönnies und über die Spargelstecher aus Bulgarien und Rumänien. Was andere auf sich nehmen, damit es uns gut geht – darüber hatten wir lange nicht nachgedacht. Egal kann es uns nicht sein. Und was können wir tun, damit es anderen gut geht? Im Corona-Lockdown starteten an vielen Orten Einkaufshilfen für die, die nicht vor die Tür kamen. „Dich schickt der Himmel“ hieß die Aktion in Witzenhausen.

Füreinander einkaufen, gemeinsam kochen, zusammen essen – das hat tatsächlich mit dem Himmel zu tun. Neben den Einkaufshilfen gibt es in vielen Gemeinden seit langem Mittagstische für Ältere,  die sonst allein essen müssten. Da kann man erzählen, was einen beschäftigt – egal, ob Krankheit oder Familiengeschichten-, da hört man einander zu und das allein tut gut. Das Leben aus einer anderen Perspektive sehen, über den eigenen Tellerrand, den eigenen Kirchturm hinaussehen – darauf kommt es an. Pfarrer Kossen aus Gütersloh hat gezeigt, was das heißt: Er hat sich seit Jahren für die Werksarbeiter bei Tönnies eingesetzt. Jetzt hat er den Verdienstorden von Nordrhein-Westfalen bekommen. Ob ich das ohne Corona wahrgenommen hätte? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß: Es gibt einiges zu ändern nach dieser Krise. In der Fleischindustrie, bei den Werkverträgen, aber auch in unserem Alltag. Und die Tischgemeinschaft ist ein Schlüssel dazu – in der Kirche und auch am Küchentisch.

Donnerstag 17.09.2020

Was ein Hausstand ist, darüber hatte ich mir lange keine Gedanken gemacht. Aber in den letzten Monaten wurde das plötzlich ganz wichtig. Gemeint ist nicht unbedingt eine Familie oder Lebensgemeinschaft im rechtlichen Sinne. Ein Hausstand kann auch eine Wohngemeinschaft sein. Von Studenten, Studentinnen oder Senioren. Weil es besser ist, nicht allein zu sein, hat sich da während der Corona-Krise viel bewegt. Studierende sind zurückgezogen ins  Elternhaus. Alleinstehende zu einer befreundeten Familie. Zwei Mütter mit ihren Kindern haben sich zusammen getan. Zusammen kann man einander aushelfen und entlasten. Miteinander essen, zusammen spielen  – auch mal spazieren gehen.

Wohngemeinschaften haben ja ohnehin Konjunktur, nicht nur wegen der Corona-Krise. Mehrgenerationenhäuser und Seniorenwohngemeinschaften versprechen den richtigen Mix aus Selbstbestimmung und wechselseitiger Hilfe. Die einen mähen den Rasen, die anderen helfen bei den Hausaufgaben oder lesen den Jüngsten vor.  Es gibt immer mehr phantasievolle Projekte. „Wohnen gegen Bildung“ zum Beispiel – in Ruhrgebietsstädten geben Studierende benachteiligten Kids Nachhilfe und können dafür kostenlos wohnen. Anderswo bieten Ältere kostenloses Wohnen gegen kleine Dienstleistungen an – Einkaufen oder Gartenarbeit. So bleiben sie nicht allein in ihrem zu groß gewordenen Haus.

Es ist schon merkwürdig: Einerseits leben viel mehr Menschen allein als noch vor 20 oder 30 Jahren – über 40 Prozent der Älteren sind Singles. Und tatsächlich wird heute auch sehr viel mehr Wohnraum pro Person beansprucht. Andererseits ist da diese wachsende Sehnsucht nach Gemeinschaft. Nach Austausch und wechselseitiger Unterstützung. Allerdings scheitern viele  Wohngenossenschaften auf dem langen Weg vom Projekt bis zum Einzug. Wenn es konkret wird, ist es eben nicht so einfach, sich zu einigen. Wie groß sollen die Gemeinschaftsräume sein? Und wie viele brauchen wir?  Treffpunkt, Gästezimmer, Bibliothek und Küche? Wieviel Raum braucht jeder für sich privat – ein Zimmer oder doch lieber ein kleines Appartement? Da werden Erinnerungen wach – an die Studenten-WG und die Putzpläne, an das überfüllte Mehrfamilienhaus aus der Nachkriegszeit oder die Platte irgendwo in Berlin.  Immer  zwischen Wahlverwandtschaft mit Grillabenden und Sozialkontrolle. „Feind hört mit“, sagte meine Schwiegermutter manchmal.

Kann man lernen, einen guten gemeinsamen Weg zu finden? Eine Akademie hat kürzlich eine Wohnschule angeboten – für Leute, die sich auf das Abenteuer einer Genossenschaft einlassen wollen. Ein Vertrag reicht da nicht. Mir fallen die alten Schwestern aus dem Diakonissenhaus ein, die über Jahrzehnte gemeinsam im Mutterhaus wohnten. Sie erinnerten sich später an die Farbe und die gefühlte Temperatur der Räume – wo es licht war und wo düster, wo Weite herrschte oder beklemmende Enge. Auf den Spirit kommt es an in so einer Gemeinschaft.

„In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen“, sagt Jesus, als er sich von seinen Jüngern verabschiedet. „Und ich gehe hin, Euch die Wohnung zu bereiten“. Das klingt wie ein großes Versprechen. Ich sehe ein helles, offenes Haus. Wo Unterschiede Platz haben. Wo niemand sich kleiner oder größer machen muss als er ist. Jesus redet vom Himmel, ich weiß – aber es gibt solche Erfahrungen auch hier und jetzt. Der umgebaute Hof, in dem die Großfamilie Platz hat – mit allen Generationen. Die Wohngruppe von Menschen mit Behinderung gleich nebenan.

Manchen haben während der Corona-Krise Erfahrungen aus dem Kloster geholfen: Da gibt es den gemeinsamen Speisesaal, das Refektorium, die Bibliothek – aber daneben hat jeder eine eigene Zelle, den eigenen Freiraum. Man muss sich klar machen, was man selbst braucht, um sich wohl zu fühlen. Und miteinander sprechen – nicht nur über den Kühlschrank oder das Putzen, sondern über Wünsche, Ziele und Träume. Und ganz bewusst zuhören. Und Rituale sind wichtig: gemeinsame Mahlzeiten oder feste Verabredung zum Spielen, Musizieren, Lesen. Es kommt darauf an, aufeinander so zu achten wie auf sich selbst. Und nicht erst in der Krise.

Samstag 19.09.2020

Er hoffte, dass im Himmel kein Mozart gespielt würde. Und bitte auch nicht Johann Sebastian Bach. Bitte keine Musik im Himmel, hat mein Onkel gesagt. Er kannte den Chor von Annette Frier nicht – den Chor für Menschen mit Demenz. Ich habe im ZDF zugeschaut wie er aufgebaut wurde. Wie glücklich die Sängerinnen und Sänger waren, als sie in die alten Lieder und Schlager einstimmen konnten und ihnen sogar der Text wieder einfiel.

„Unvergesslich“ – der Chor hatte den richtigen Namen. Es war so schön zu sehen, wie froh auch die Angehörigen waren, wieder etwas gemeinsam zu unternehmen. „Singen macht gute Laune und lindert Schmerzen. Es ist unmöglich, ein Lied zu schmettern und gleichzeitig in Grübeleien zu versinken“, sagt Annette Frier. Die Schauspielerin hat das bei ihrer Oma beobachten dürfen. „Leute, probiert es bitte aus“, sagt sie. Singt! Laut! Es hilft gegen alle Arten von Sorgen.“  Das Chor-Projekt wurde von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen begleitet; es ging darum, wie Musik das Gedächtnis stärkt, wach hält und resilient macht. Und da war im MRT durchaus einiges zu sehen- vor allem bei denen, die immer gesungen hatten.

Vielleicht hätte das meinen Onkel überzeugt – immerhin war er Arzt. In jedem Fall: ich fand den Chor durchaus himmlisch. Leider musste die letzte Folge der Sendereihe abgesagt werden, das große Konzert fand wegen Corona nicht statt. Da ging es dem Demenzchor nicht anders als vielen anderen.

Noch immer kann man ja höchstens draußen, in großen offenen Räumen und mit Abstand gemeinsam proben. Diese wunderbare Erfahrung, zusammen zu atmen und zu schwingen und am Ende mit den vielen unterschiedlichen Stimmen zu einem Ganzen zu werden – die fehlt. Im Konzert und auch in einem ganz normalen Gottesdienst. Was ist ein Gottesdienst ohne Gemeindegesang, fragen viele. Dieses Gefühl, eine Gemeinschaft zu sein und nicht nur Publikum, das ist doch vor allem beim Singen zu spüren. Bei einem bekannten Lied, wenn der Gesang den Raum wirklich füllt, dann ahnt man, was der Apostel Paulus meinte: Wir viele sind ein Leib. Eine Gemeinschaft, die mehr ist als die Summe der Teile. Ein Orchester, dessen verschiedene Stimmen sich verbinden.

Die Journalistin Elisabeth von Thadden hat letztes Jahr ein Buch über die berührungslose Gesellschaft geschrieben. Schon vor Corona hatte sie beobachtet, dass Berührung für viele gar nicht mehr selbstverständlich ist. Wer ohne Partner lebt und keine kleinen Kinder hat, wer im Alter allein ist, bekommt die nötigen Streicheleinheiten vielleicht nur noch in der Wellnessmassage. Oder bei einem Haustier. Jetzt – mit social distancing – geht das noch viel mehr Menschen so. Was helfen kann, damit  zurecht zu kommen, ist Musik, sagt Elisabeth von Thadden. Musik berührt mit allen Sinnen.  Nicht nur Trommeln, Orgel oder Glocken gehen durch und durch –  auch eine Harfe belebt den ganzen Körper. In der Hospizarbeit wurde die Harfe entdeckt – weil das leise Instrument hilft, in einen ruhigen Atem zu kommen.

Der biblische David soll Harfe gespielt haben, um den verstimmten Saul zu beruhigen. Unter den Klängen löste sich Sauls Depression und seine Wut verlor sich. „Sooft der böse Geist über Saul kam, nahm David die Harfe und spielte darauf mit seiner Hand. So wurde es Saul leichter und es ward besser mit ihm und der böse Geist wich von ihm“.

Annette Frier hat Recht: Musik hilft gegen alle Art von Sorgen. Und das haben ja viele versucht in den Wochen des Lockdowns: mit Musik Distanz zu überwinden. Über Kontinente hinweg haben sich Menschen zusammen getan und gesungen – Chormusik im Internet. Das hat ganz offenbar Spaß gemacht – und war doch nicht dasselbe. Deswegen warten alle sehnlich darauf, wieder gemeinsam zu singen.

Ich bin da anderer Meinung als mein Onkel. Ich finde, Musik und Gesang sind schon ein Vorschein des Himmels.


Deutschlandfunk DLF, 17.05.2020, 8.35 – 8.50 Uhr

Hier noch einmal zu anhören:


Deutschlandfunk DLF, 02.09.2019 bis 05.09.2019, 8.35 – 8.50 Uhr

Gefunden werden

Morgenandacht im DLF am 2.9.19 Cornelia Coenen-Marx

Bruchlandung in der Wüste. Das kleine zweimotorige Flugzeug ist vollständig ausgebrannt. Pilot und Kopilot sind ums Leben gekommen. Da stehen sie nun, die Überlebenden, in der Sonora-Wüste, in Anzug und Kostüm bei 50 Grad ohne jeden Schatten. Ein paar Dinge konnten sie noch retten. Eine Taschenlampe, ein Klappmesser, eine Flugkarte und Sonnenbrillen für alle. Eine Kompass ist da und eine geladene Pistole, ein rot-weißer Fallschirm, eine Flasche mit 1000 Salztabletten, 1 Liter Wasser pro Person und ein Taschenspiegel. Und von den Piloten wissen sie, dass etwa 70 km entfernt ein Bergwerk liegen muss.

„Sonora“ ist ein Spiel, ein gruppendynamisches Training. Das Team soll entscheiden: Was ist das Wichtigste um zu überleben? Da rückt manches schnell auf einen hinteren Platz – über anderes wird lange diskutiert. Der Taschenspiegel – vielleicht kann man damit Feuer machen? Oder die Salztabletten – werden die nicht gebraucht, um den Salzverlust durch Schwitzen zu kompensieren? Aber so oder so – mit einem Liter Wasser kann man nicht lange überleben. So spitzt sich alles auf die Frage zu: Ist es richtig, sich auf den Weg zu diesem Bergwerk zu machen? Oder doch besser die eigenen Kräfte schonen, den Fallschirm nutzen, um Signale zu geben… Am Ende ist klar: Das Wichtigste ist, gefunden zu werden. Und die Chancen stehen nicht schlecht. Wenn sie sich nicht verausgaben, werden die Wasservorräte reichen. So werden schließlich auch die überzeugt, die das Warten schlecht aushalten.

Einfach warten. Und auf die Hilfe anderer setzen. Wie schwer das ist, das hat auch Melanie erlebt. Eine Macherin, eine Leistungssportlerin, die es gewohnt war, über die eigenen Grenzen zu gehen. Auch im Berufsleben war alles durchgeplant. Mit 30 kam ihre ganz persönliche Bruchlandung. Völlig übermüdet spürte sie auf einer Autofahrt eine Ohnmacht kommen und schaffte es gerade noch auf den Seitenstreifen. „Ruf die Polizei, lass Dir helfen“, sagte ihr Mann am Handy. Aber dann fuhr sie doch bis zum nächsten Gasthof. Blieb die Nacht vor Panik wach und setzte sich dann in den Zug nach Hause. „Als ich endlich da war, habe ich mich hingelegt“, sagt sie. „Ab diesem Moment konnte ich nicht mehr aufstehen. Ich konnte nicht mehr gehen, nicht mehr reden, musste ständig heulen.“ Ihre Freundin brachte sie in eine psychosomatische Klinik. Drei Monate blieb sie dort. Heute verdient sie nur noch die Hälfte, aber sie hat mehr übrig als je zuvor. Und sie spürt wieder, wenn sie sich überfordert, kann sich freuen an dem, was sie macht. . Das ist das Wichtigste für sie.

„Was mir vorher Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Verlust gehalten“, schreibt der Apostel Paulus. Eine Gewinn- und Verlustrechnung ganz eigener Art. Was vorher wertvoll erschien, hat komplett seinen Wert verloren. Paulus nennt es Dreck. Es geht um einen radikalen Perspektivwechsel. Entscheidend ist nicht, was ich leiste – sondern dass ich von Christus gefunden werde. Paulus denkt an Damaskus, wo sein Leben auf den Kopf gestellt wurde. Als er vom Pferd fiel, weil er geblendet war von einem Licht am Himmel. Als er die Stimme hörte, die Stimme Jesu: „Saul, warum verfolgst Du mich?“ Ja, er hatte Christen verfolgt – mit ungeheurem Eifer. Und dass ausgerechnet ein Christ ihn dann aufnahm in sein Haus, das war eigentlich ein Wunder. Blind und wie im Koma lag Saulus bei Ananias. Drei Tage sah Ananias nach ihm, pflegte ihn und legte ihm schließlich die Hände auf. So wurde aus Saulus Paulus. „I once was lost, but now I’m found”, heißt es im Gospel „Amazing Grace“. Das Wichtigste ist, gefunden zu werden.

 

Beschirmt werden

Morgenandacht am 3.9.19 im DLF Cornelia Coenen-Marx

Eigentlich liebe ich den Regen. Vor allem in diesem Sommer ging es mir so. Nach den vielen Hitzetagen habe ich den Urlaub im Norden so richtig genossen. In der Sommerfrische. Wo Sonne und Regen schnell wechseln, da ist es herrlich, die Tropfen auf der Haut zu spüren. Und ich finde es nicht so schlimm, wenn es von oben mal fließt wie unter der Regendusche. Ich bin ja nicht aus Zucker. Erst wenn auch keine Kapuze mehr nutzt, spanne ich den Regenschirm auf; am liebsten den großen schwarzen von meinem Mann. Der beschirmt mich auch in der Stadt, wenn ich mir nasse Kleidung nicht leisten kann.

Eines meiner schönsten Urlaubsfotos zeigt Regenschirme. Gelb, orange, rot, blau und grün – in allen Farben des Regenbogens sind sie über eine Straße gespannt. Wenn die Sonne scheint, werfen sie Schatten. Und wenn es regnet, trotzen sie dem Wetter. In der kleinen Einkaufsstraße in Wales sitzt jeder gern in einem Straßenkaffee, schaut nach oben und träumt. Mit dem Foto von den Regenschirmen habe ich einen echten Erfolg erzielt – auf Facebook wurde es besonders oft geliked und geteilt. Und als Antwort bekam ich Fotos aus aller Welt mit dem gleichen Motiv. Straßen mit Schirmdächern aus ganz Europa, aus Griechenland, Malta und Kleve, aus Trondheim und Ravenna. Gut beschirmt zu sein – nicht nur bei Regen. Das wünschen sich alle.

„Unter deinen Schirmen bin ich vor den Stürmen aller Feinde frei“, heißt es in einem Choral. „Lass den Satan wettern, lass die Welt erzittern, mir steht Jesus bei“. In dem Lied – eins meiner Lieblingslieder – geht es um ein Gewitter; es kracht und blitzt, dass man sich fürchtet wie ein Kind. Wenn ich Angst habe, wenn ich mich unter Druck fühle, sing ich es gern. Am liebsten laut unter der Dusche: „Tobe, Welt, und springe, ich steh hier und singe in gar sichrer Ruh.“ Die Melodie nehme ich dann mit den Tag – und sie klingt in mir nach, wenn es schwierig wird. Wenn es blitzt und kracht oder wenn ich eine kalte Dusche bekomme.

Manchmal spüre ich dann, dass Gottes Gnade Schutz und Schirm vor allem Bösen ist. Und ich denke an das Segenswort bei Taufe oder Konfirmation, an die aufgelegten Hände.

Aber ich weiß auch, was es bedeutet, ungewollt im Regen zu stehen. Alleingelassen, während andere schnell noch ihre Schäfchen ins Trocken bringen. Weil ich meine eigene Meinung habe. Oder nicht mehr mithalten kann. Weil niemand mehr da ist, der die Hand über mich hält. Oder einfach, weil ich empfindlicher geworden bin. Es gibt ja Zeiten im Leben, wo ich mir bei jedem Lüftchen etwas einfange. Wenn ich überlastet bin oder verletzt. Keiner mag das. Niemand will schwach sein, auf Schutz und Hilfe angewiesen. Es ist aus der Mode gekommen, sich beschirmen zu lassen – auch als Frau. Wir haben gelernt, uns selbst zu schützen.

Aber ist das nicht eine Illusion? In der Finanzkrise 2009 wurde ein Rettungsschirm für die Banken entwickelt. Viele hätten sich auch einen Rettungsschirm für die Arbeitslosen gewünscht. Für die jungen Leute in Italien, Spanien, Griechenland, die keine Anstellung fanden. Niemand kann sich alleine schützen. Niemand ist für sich alleine stark. Wir Menschen bleiben auf andere angewiesen. Wer überfordert oder verletzt ist, darf nicht im Regen stehen bleiben: Wir alle brauchen Solidarität. Persönlich und auch politisch. Die bunten Schirme erinnern mich daran:

Getragen werden

Morgenandacht im DLF am 4.9.19 Cornelia Coenen-Marx

Eine Trageschule? Das Start-up meiner Freundin hat mich erst einmal irritiert. Muss man Tragen lernen? Kann das so schwierig sein? Inzwischen weiß ich: die Trageschule läuft gut; sie inspiriert viele. Auf der Website sieht man Mütter und Väter aus Afrika, Europa und Australien, die ihre Kinder in bunten Tüchern auf dem Rücken tragen oder auch vor der Brust. Und in den Kursen lernt man nicht nur das Binden von Tragetüchern, man erfährt auch viel über Bindung. Denn Bindung hat viel mit Berührung und körperlichem Kontakt zu tun. Getragene Babys weinen weniger. Und nichts ist berührender, als Menschen ins Leben zu tragen – in der Schwangerschaft und darüber hinaus. In manchen Kirchen ist es üblich, die eben getauften Kinder einmal durch die Kirche zu tragen – damit die ganze Gemeinde sie begrüßt.

Später ist es nicht mehr so einfach, sich tragen, heben oder schieben zu lassen. Nicht nur, weil wir an Pfunden zulegen und die anderen ganz schön schleppen müssen. Es wird auch schwerer, auf andere angewiesen zu sein. Auch mit den Berührungen ist es nicht mehr so selbstverständlich. „Ich will Euch tragen bis ins Alter und bis ihr grau werdet“, heißt es in der Bibel (Jes 46,4). Eine großartige, eine göttliche Zusage, aber ich kann nicht verhehlen, dass mich etwas stört. Alter muss doch nicht mit Schwäche einhergehen, denke ich. Und grau sind manche schon mit 30. Es klingt ein bisschen, als würden wir alle früher oder später zum Pflegefall. In unserer Gesellschaft heißt das: abgeschrieben. Wer nicht auf eigenen Beinen stehen kann, wird schnell abgehängt. Worte wie Pflegefall oder Hängematte sagen alles: Wer Hilfe braucht, wer getragen werden muss, gehört nicht mehr richtig dazu.

„Singt, singt dem Herren neue Lieder“, heißt es in einem Psalm. Eine neue Sprache ist gefragt, wenn es um Hilfe geht, um Angewiesenheit. Als ich 10 war, habe ich erlebt, wie gut es sein kann, getragen zu werden. Damals hatte ich ein Problem mit meiner Hüfte und starke Schmerzen. Ein ganzes Jahr lang konnte ich nicht zur Schule gehen, musste liegen und getragen werden. Mit dem Stuhl zum Tisch, die Treppe hinauf in mein Zimmer. Das war lästig – und doch großartig, wie meine Eltern das schafften. So toll, wie als Drei-oder Vierjährige beim Vater auf der Schulter zu sitzen. Und die Welt von oben zu betrachten. Wer so getragen wird, muss sich nicht klein fühlen. Und Eltern, die ihre Kinder so tragen, tun das mit Stolz und Dankbarkeit. Wir leben von diesem Prinzip der starken Schultern. Wenn wir meinen, wir müssten alles allein durchstehen: das trägt nicht. Aber Gott trägt. Greift uns unter die Arme, nimmt uns auf seine Schultern und trägt uns durch. Ein Psalm erzählt davon, wie der große Gott die Kleinen trägt. Die Menschen, die er liebt – sein ganzes Volk. Eigentlich unvorstellbar. Aber meine Kindererfahrung ruft warme Erinnerungen wach:

Musikakzent: „Der Herr gedenkt an sein Erbarmen und seine Wahrheit stehet fest. Gott trägt sein Volk auf seinen Armen und hilft, wenn alles uns verlässt“ (Psalm 98, EG 286, 2)

Vielleicht ist deshalb die Geschichte von den Spuren im Sand so beliebt. Am Strand, beim Nachdenken über den eigenen Weg, kommt jemand ins Gespräch mit Gott. „Zwei Spuren sehe ich da auf dem Weg“, sagt er. „Ich weiß, Du warst immer an meiner Seite. Aber gerade da, wo es mir besonders schlecht ging, da sehe ich nur eine Spur. Da fühlte ich mich so verlassen.“ Die Antwort ist verblüffend und Anlass zum Weiterdenken: „Da habe ich Dich getragen.“

Gott demütigt uns nicht, wenn wir Hilfe brauchen, er macht uns nicht klein und abhängig. Gott lässt uns unseren eigenen Weg finden, auch wenn das nicht immer einfach ist. Dass wir so auch füreinander da sein könnten, dass wir einander so tragen, das wünsche ich mir.

  

Erinnert werden

Morgenandacht im DLF am 5.9.19 Cornelia Coenen-Marx

Von Mary Jones hatte ich nie gehört. Vor drei Wochen entdeckte ich sie in Bala, einer kleinen Stadt in Wales. Zuerst sah ich nur ihren Namen an einer Hauswand. Da hing eine Plakette, die an sie erinnerte. An Mary Jones und an Thomas Charles, den Gründer der Bibelgesellschaft. Darunter ein Datum: 1804. Im Reiseführer fand ich dann mehr: 1804 lief Mary Jones, gerade 20 geworden, aus ihrem Heimatdorf zu Fuß nach Bala. Um eine Bibel zu kaufen! 42 km barfuß über Land, wie es damals üblich war. Sie hatte lange gespart und wünschte sich nichts sehnlicher als eine Bibel in walisischer Sprache. Das beeindruckte Thomas Charles, damals Pfarrer in Bala, so sehr, dass er eine Bibelgesellschaft gründete – damit jeder, der sich das wünschte, eine eigene Bibel bekam. In Zukunft werde ich an Mary Jones denken, wenn ich im Hotel eine Bibel finde – im Nachttisch oder im Kleiderschrank. Denn auch die Idee, Bibeln in Hotels verteilen, geht auf diese Anfänge zurück. Auf die Sehnsucht und die Ausdauer von Mary Jones.

Solche Entdeckungen liebe ich. Eine Plakette in einer fremden Stadt, ein Gedenktag, das „Kalenderblatt“ hier im Deutschlandfunk – das alles erinnert an völlig unbekannte oder längst vergessene Persönlichkeiten. Manche haben Großes geleistet und sind dann doch in der Versenkung verschwunden. Manche bringen nichts als ihre Sehnsucht, so wie Mary Jones. Ich finde es großartig, dass Bala sich nicht nur an den Theologen Thomas Charles erinnert, sondern auch an diese junge Frau, die alles in Gang setzte. Ohne die Gedenktafel hätte ich nichts von ihr gewusst.

Das Gedächtnis hängt von so vielen Zufällen ab. Und Erinnerung vergeht – sie ist endlich und brüchig wie unser Leben. Manchmal finde ich das schwer zu ertragen. Wir versuchen dagegen anzukämpfen, lehnen uns auf gegen die Zeit und den Tod – mit Gedenksteinen auf dem Friedhof, mit Denkmälern und Plaketten, Reiseführern und Geschichtsbüchern. Im „Kalenderblatt“ wurde kürzlich an Victor Ullmann erinnert, einen Komponisten, der in Ausschwitz ermordet wurde. Wie so viele jüdische Deutsche war er lange vergessen. An wen man sich erinnert und wer in Vergessenheit gerät, das hat immer auch mit den Lebenden zu tun. Mit denen, die Macht haben über die Geschichtsschreibung – im Großen wie im Kleinen.

Je älter ich werde, desto mehr überlege ich, was ich von meinen Erfahrungen weitergeben möchte. Was hat mich geprägt? Was ist mir wichtig? Was soll einmal auf meinem Grabstein stehen? Vielleicht weiß ich das irgendwann selbst nicht mehr – das Vergessen beginnt ja oft schon zu Lebzeiten. Da ist es gut, etwas aufzuschreiben oder anderen zu erzählen – Kindern und Enkeln, aber auch Freunden und Fremden. Solange die Erinnerung lebt, sind wir nicht ganz tot. „Was noch erzählt werden muss“, heißt das jüngste Buch von Hans Bartosch. Er ist Krankenhausseelsorger, und die Menschen, die er zu Wort kommen lässt: sie haben es geschätzt, dass einer ihre Geschichte hören wollte, dass er sie aufschrieb.

Als wäre unser Leben aufgezeichnet in Gottes Buch. Die Bibel gibt mir die Hoffnung, dass in Gottes Geschichte niemand vergessen ist – gerade die Kleinen nicht, die Unbekannten, Illegalen und Anonymen. Und dass nichts vergessen ist, auch die Grausamkeiten nicht und die Leiden.

„Er will stets seines Bunds gedenken“, heißt es in einem Psalm. Weil Gott sich an uns gebunden hat, vergisst er uns nicht. Darin bleibt er sich selber treu.

Gott erinnert sich – nicht wie eine Datenkrake, nicht wie ein Superhirn. Sondern wie junge Leute sich die Namen der Geliebten aufs Handgelenk tätowieren lassen, so erinnert sich Gott an uns. Wie Nachkommen vom Leben der Vorfahren erzählen. Noch wenn wir uns selbst vergessen, bleiben wir lebendig in ihm.


SR2 Kulturradio „Lebenszeichen“, 31.08.2019

Pfrin. Cornelia Coenen-Marx

Was wärst Du lieber: arm mit vielen Freunden oder reich und allein? Das hat kürzlich ein Elfjähriger seinen Stiefvater gefragt. „Keine Frage“, sagte der – Freunde sind das Wichtigste; denn Einsamkeit ist schlimmer als Armut. Aber für den Elfjährigen war das durchaus eine Frage. Und der Journalist, der die Geschichte mit seinem Stiefsohn im britischen Observer erzählt hat, war merklich irritiert. Sein Stiefsohn wollte nämlich lieber reich sein. Freunde, meinte der, wären doch leicht zu finden: Auf youtube, facebook und Co.
Der Elfjährige gehört zur Generation der Digital Natives –immer im Netz unterwegs, auch wenn er sich mit seinen Freunden trifft. Dann wird gespielt oder gechattet. Jeder für sich auf seinem Smartphone.

Der Artikel im Observer ging der Frage nach, ob unsere Mediengesellschaft uns grundlegend verändert. Klar, wir werden mit Informationen überschüttet, wir sind dauernd vernetzt – aber es scheint sich noch mehr zu verändern: unser Zeitgefühl, unsere Beziehungen, der Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. Einerseits ist es jederzeit möglich, sich mit anderen auszutauschen. Zugleich aber nimmt die Einsamkeit zu. Jeder zehnte Deutsche gibt an, dass er sich einsam fühlt. Und es sind nicht nur die über 60-jährigen, sondern besonders viele junge Leute zwischen 20 und 30, die sich einsam fühlen. Einsamkeit wird zur neuen Volkskrankheit.

In Großbritannien wurde Anfang letzten Jahres ein Ministerium gegen Einsamkeit geschaffen. 75 Prozent der Landbevölkerung sind dort älter als 65 – sie leben in Gegenden, wo Post und Pub geschlossen sind und immer weniger Busse fahren. Herz-Kreislauf-Probleme oder Depressionen verschlechtern sich, wenn Menschen ihre Wohnung kaum noch verlassen. Deshalb gibt es in Großbritannien inzwischen sogar die Möglichkeit, soziale Angebote auf Rezept zu verschreiben. Ein Konzert, eine Wanderung mit anderen zusammen oder natürlich auch eine Selbsthilfegruppe. Menschen brauchen Menschen, um zu gesunden. Wissenschaftler haben berechnet, dass auf diese Weise 20 Prozent Gesundheitskosten eingespart werden können.

Auch bei uns gibt es mehr und mehr Initiativen, um Gemeinschaft zu ermöglichen und Netzwerke zu stärken. In Hamburg wurde KulturistenHoch2 gegründet – eine Art Dating Portal für Konzert-und Museumsbesuche, auf dem junge und alte Menschen zusammenfinden, um gemeinsam Kultur zu genießen. Das genießen beide Seiten- die einen, weil sich ihnen neue Welten erschließen, die anderen, weil sie oft nach Jahren wieder unter Menschen kommen.

Jesus wusste, dass die Nähe eines Menschen gesund machen kann. Er war ein Künstler darin, Menschen zusammen zu bringen. Und ganz verschiedene Menschen zu Freunden zu machen. Ich sehe ihn an einem Tisch mit Zollbeamten und Prostituierten. Mit Kindern auf dem Schoss und einem Kranken im Arm. Er hatte keine Angst vor Berührung – bei Leprakranken nicht, nicht bei der Frau mit jahrelangen Blutungen, auch nicht bei Menschen mit Behinderung. Die meisten von ihnen waren aus der Gemeinschaft ausgeschlossen.

Als ich den Artikel im „Observer“ gelesen habe, ist mir Zachäus eingefallen, der Zolleinnehmer. Das war ja so einer, der viel Geld hatte, aber keine Freunde. Zöllner waren im alten Israel nicht beliebt, weil sie mit den Römern zusammenarbeiteten. Sie galten als korrupt – gerade wegen ihres Reichtums. Eigentlich wollte niemand etwas mit Zachäus zu tun haben. Nur Jesus hat die Einsamkeit dieses Mannes in seinen feinen Kleidern gespürt – und seine Sehnsucht danach, gesehen zu werden. Als Jesus in die Stadt gekommen ist, saß Zachäus oben auf einem Baum, um ihn zu sehen. So ist er Jesus ins Auge gefallen und der hat sich kurzerhand zu ihm ein. Sich und seine Freunde. Was konnte es Besseres geben?


Deutschlandfunk DLF, Sonntag, 09.06.2019, 8.35 – 8.50 Uhr

„Geburtstag der Kirche – nicht hinter Mauern im Tempel!“

„Zu Tisch, Deutschland!“ steht auf dem Plakat. „Ein Toast auf die offene Gesellschaft!“ Es ist eine Einladung für nächsten Samstag, den 15. Juni. Weiter heißt es: Tische und Stühle raus und schön eindecken! Freundinnen, Freunde, Nachbarn und Fremde einladen, essen, debattieren und gemeinsam die Demokratie feiern – an hunderten Tafeln gleichzeitig, bis spät in die Nacht.

Dahinter steht die Initiative „Die Offene Gesellschaft“ mit Harald Welzer und der Diakonie Deutschland, in den letzten Jahren hat sie weit über 1.000 Veranstaltungen im ganzen Land organisiert. Die Initiative versteht sich als Teil einer verantwortungsbereiten Zivilgesellschaft. Und der „Tag der offenen Gesellschaft“ soll eine gute neue Tradition werden. Die Anmeldung ist freigeschaltet; jeder kann mitmachen. Egal ob als Privatperson, Firma, Verein oder Kirchengemeinde.

Tischgemeinschaften haben Konjunktur. Zum Beispiel die Kaffeetafel neulich beim Bundespräsidenten. Dabei muss es gar nicht immer so groß sein. In vielen Kirchengemeinden treffen sich Ältere einmal die Woche; da wird gemeinsam eingekauft, reihum gekocht, Rezepte werden ausgetauscht und Geschichten erzählt. Und wenn jemand fehlt, fragt bestimmt eine andere nach. Anderswo öffnet die Cafeteria im Altenzentrum für die Kinder der nahegelegenen Tageseinrichtung. In Neukölln kochen Flüchtlinge für Obdachlose. In den interkulturellen Gärten bei uns in Garbsen werden Gerichte aus fremden Heimaten serviert. Und in der Schweiz gehören 450 Gruppen zum Tavolata-Netzwerk. „Ich weiß nicht, was schöner ist“, sagt Erna Plüss vom Netzwerk, „gemeinsam zu planen, zu kochen, einzukaufen und Gäste zu bewirten oder sich als Gast an einen einladenden Tisch zu setzen und das Essen zu genießen.“

Tischgemeinschaft, das ist Geben und Nehmen, Austausch und Zugehörigkeit. Nur selbstverständlich, das ist sie nicht, oder nicht mehr. Zum Beispiel hat die Wohnentfernung zwischen Eltern und erwachsenen Kindern in den letzten Jahren ständig zugenommen. Nur noch ein Viertel gibt an, dass ihre erwachsenen Kinder noch am selben Ort wohnen. Im Vergleich der letzten Jahre erhalten die über 70-jährigen immer seltener praktische Hilfe. Die familiären Netze dünnen aus; das Leben verändert sich rasant. Und auch die Nachbarschaften verändern sich – angestammte Mieter müssen ausziehen, andere ziehen in die dann schick sanierten Viertel. Ladenzeilen verschwinden und auf den Straßen hört man andere Sprachen. Da ist gute Nachbarschaft Gold wert.

Vor drei Wochen war der Europäische Tag der Nachbarn. Da stellten bei uns in der Nähe 20 Leute ein Straßenfest auf die Beine – um das gute Zusammenleben zu feiern. 20 Leute zwischen 1 und 98. Eine Großfamilie, zwei alleinstehende Rentnerinnen, zwei ältere Paare und ein Witwer, einige mit russischem Akzent und einige aus Jordanien – und dann das Ehepaar Class. Als Günter nach einer Herz-OP Hilfe brauchte, da waren sie da. Ganz ungefragt. Für Fahrten zum Arzt oder auch um Getränkekisten aus dem Supermarkt mitzubringen. Das galt es jetzt zu feiern. Die Männer bauten Zelt und Biertische auf, eine Nachbarin machte Zaziki, eine andere Nudelsalat. Solche Feste entstehen neuerdings auch über das Internet. Man kann sich anmelden bei www.nebenan.de und die eigenen Ideen einbringen. Oder auch nachfragen, wer zufällig zum Supermarkt fährt oder einen Bohrer verleihen kann.

Die Unterstützung in der Nachbarschaft wurde im letzten Freiwilligensurvey der Bundesregierung abgefragt. Dabei zeigte sich: immerhin 25 Prozent engagieren sich in der nachbarschaftlichen Hilfe bei Einkäufen, Handwerksdiensten bis Kinderbetreuung – und es sind, bis auf die Unterstützung Pflegebedürftiger, mehr Männer als Frauen und eher Jüngere als Ältere. Und noch etwas wurde klar. Die wechselseitigen Unterstützungsleistungen verbessern die Lebensqualität aller Beteiligten. Es tut gut, zu wissen, dass man nicht allein ist.

Das ist auch der Grund, weshalb das gemeinsame Wohnen wieder so viel Bedeutung bekommt – in Genossenschaften, Seniorenwohngemeinschaften und Mehrgenerationenhäusern, aber auch in Stadtteilzentren entwickelt sich eine neue Gestalt des Sozialen: die Caring Communities. Manchmal ganz klein und fast privat: Wenn junge Studierende mietfrei bei Älteren wohnen und im Gegenzug einkaufen oder den Garten pflegen. Und manchmal in organisierten Nachbarschaftsnetzen von Sozialstationen, Kommunen und Gemeinden: Mit Telefonketten, Begleitung bei Arztbesuchen und Einkäufen oder in der Demenzbegleitung.

Es gibt unglaublich viele spannende Projekte. Die Leihomas und Lesepaten. Die Pflegebegleiter, die in Abstimmung mit einer Sozialstation für nachbarschaftliche Dienste sorgen, die Stadtteilmütter und Ausbildungsmentoren. Oder die Jobpaten, die schwer vermittelbare Jugendliche durch ein Praktikum bis in ein festes Arbeitsverhältnis begleiten. Das Herz der neuen, gemeinwohlorientierten Bewegung, schlägt bei den „jungen Alten“. Sie verfügen stärker als Jüngere über ihre eigene Zeit, sie bringen vielfältige Kompetenzen aus Beruf und Familie ein und sie sind meist Kennerinnen und Kenner ihres Lebensumfelds am Wohnort.

„Mut zu mehr WIR“ steht auf dem Flyer. Drei Kirchengemeinden in Hannover laden zu einem Werkstattgespräch ein. „Welches Miteinander wünschen wir uns für das Zusammenleben in unserem Stadtteil?“ fragten sie. „Welche Werte und Grundlagen sind uns dabei wichtig? Über welche Fragen müssen wir uns neu verständigen?“ Grundlage für diesen Austausch sind die unterschiedlichen Erfahrungen der Gemeinden in der Flüchtlings- und Gemeinwesenarbeit. Es geht also auch um die Frage, welchen Beitrag Kirche und Religionsgemeinschaften in einem multireligiösen und kulturell vielfältigen Stadtteil leisten können, um das „WIR“ zu stärken. Die drei Gemeinden setzen sich seit 2015 für die Integration der Geflüchteten ein. Sie vermittelten zuerst Praktika, inzwischen auch Ausbildungs- und Arbeitsplätze und haben sogar den Integrationspreis der Stadt Hannover bekommen.

„Wenn Kirchengemeinden das WIR auch wirklich als WIR sehen – wenn sie ihr Dorf oder ihren Stadtteil meinen – dann ist ein erster Schritt getan“ sagt Peter Meißner von der Initiative Gemeinwesendiakonie. „Wenn Gemeinden andere Akteure einladen und mit ihnen in den Austausch gehen, wenn sie fragen, was braucht dieser Ort und wie sind unsere Wahrnehmungen, dann kommt etwas in Bewegung. Wenn Kirchengemeinden sich auf die Haltung „Nicht für sondern mit den Menschen“ einlassen, dann zeigen sie, dass sie wirklich an den Lebenslagen vor Ort interessiert sind“.

So wie in Filsum in Ostfriesland. Da betreibt die Gemeinde seit kurzem eine Fahrradpumpstation mit einem Fahrradflickzeugautomaten. Hintergrund ist die Tatsache, dass es in Filsum überhaupt keine Orte der Begegnung mehr gibt. Aber Filsum liegt an der Fehnroute, eine große Zahl von Fahrradtouristen fährt durch den Ort. Die Pumpstation, verbunden mit einer Klönsnackbank, ist ein erster Anlaufpunkt für Einheimische und Touristen, um ins Gespräch zu kommen.

„Nicht für, sondern mit den Menschen“ – das ist eine große Herausforderung. Das bedeutet, Menschen zu befragen und sie zu beteiligen. Und das hat auch Auswirkungen auf das Verständnis und das Leitbild einer Kirchengemeinde. Manche fürchten, dass sich das Profil der Gemeinde verwässert, dass nicht mehr erkennbar ist, für was die Gemeinde eigentlich steht. Zugleich sind immer mehr Menschen auf der Suche nach Spiritualität – „aber vielleicht ist unsere Spiritualität nicht mehr die der Menschen?“, fragt Peter Meißner.

Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche, heißt es. Ich sehe eine kleine Backsteinkirche vor mir – vom Kirchturm hängt ein großes Herz und durch die offenen Türen wird ein Blumenstrauß gereicht. Aber das ist nur ein Logo für den Gemeindebrief. So niedlich fing es gar nicht an. Ganz im Gegenteil: Alles begann mit einem Brausen vom Himmel, mit einem Sturm, der die Freunde Jesu aus dem Haus trieb, in das sie sich nach Jesu Tod aus Angst verkrochen hatten. Es trieb sie raus auf die Straßen und Plätze der Stadt, wo sie mit wildfremden Menschen ins Gespräch kamen. Über Jesus, über ihre Ängste und ihre Hoffnung und über das neue Jerusalem. Die Bibel zählt die Volksgruppen auf, die damals in der Stadt waren. Fremde Namen sind das, an denen man sich leicht verschluckt: Parther und Meder und Elamiter, Menschen aus Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, aus Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene… – und viele mehr.

Und dann beschreibt die Bibel, wie viele sich begeistern ließen und Feuer fingen und wie die Kirche wuchs, weil sie alles teilten, füreinander sorgten. Und weil sie regelmäßig zusammen aßen. Die erste christliche Gemeinde war eine Caring Community. Streit gab es auch damals, darüber, wofür die Gemeinde wirklich stand… Doch der Geburtstag der Kirche fand auf den Straßen und Plätzen und in den Häusern Jerusalems statt – nicht hinter Mauern im Tempel. Sie saßen alle an einem Tisch – Männer und Frauen, Juden und Griechen – auch die Witwen und Waisen. Eine bunte Schar, wie eine große Familie.

„Wenn wir wollen, dass Kirche in Gang kommt, dann müssen wir selbst gehen“, heißt es beim Kirchenentwicklungsprojekt „Kirche geht“ in der Schweiz. Rausgehen. Neues entdecken, den Blick öffnen für die Menschen und ihre Wohnräume vor Ort. Und das am besten gemeinsam. Im Austausch über das, was wir wahrnehmen. Pfarrer Martin Piller aus St. Maria Lourdes in Zürich nimmt seine Besucher mit – zu einem Erkundungsgang durch das Viertel. Ganz unterschiedliche Wohngebiete. Einzelne Häuser mit Gärtchen. Reihenhäuser. Wohnblocks verschiedenster Art – hoch modern oder schon etwas in die Jahre gekommen. Wie könnte eine Form von Kirche passen, für all die unterschiedlichen Menschen, die dort leben?

Immer wieder machen sich Menschen aus der Pfarrei auf den Weg, treffen andere im Viertel und schauen gemeinsam, wie Gemeinschaft entstehen kann, was sie gemeinsam für ein gutes Leben vor Ort tun können. „Es geht nicht um volle Kirchenbänke. Es geht um das volle Leben. Und das findet sich eben auch vor der Kirchentür“, sagen sie. Zusammenarbeit ist gefragt. Für Asylsuchende im Quartier. Für Menschen, die Gemeinschaft suchen. Für Leute, die etwas bewegen wollen, die Unterstützung brauchen, vielleicht auch nur einen Anstoß, sich in ihrem Lebensumfeld heimisch zu fühlen.

In Zürich fängt man klein an. Dort entstehen kleine christliche Gemeinschaften, 12- 20 Leute pro Nachbarschaft, von 1 – 98. Sie treffen sich wie die Tavolata-Kreise in den Häusern, manchmal in den Gärten – zum Bibelteilen und zum Austausch über ihren Alltag und ihre Sorgen. Kleine ‚Sorgende Gemeinschaften‘, die sich jedes Mal fragen: Wie wird dieser Bibeltext mein Handeln in den nächsten Wochen bestimmen? Welche ganz praktische Anregung nehme ich für mich mit? Aus diesem Austausch erwächst manchmal sehr viel – die kleinen Alltagsdienste oder sogar eine Sterbebegleitung. So ist es bei Tavolata auch. Aus den Tischgemeinschaften entsteht ganz oft mehr: gemeinsame Wanderungen, Spielenachmittage, sogar Reisen.

Das neue Jerusalem, die neue Stadt, von der die Bibel schreibt, ist ein Versprechen. Eine Herausforderung und eine Einladung, sich jetzt schon einzulassen auf das Leben in der himmlischen Welt. Barmherzigkeit leben, der Gerechtigkeit zum Durchbruch verhelfen – und so dafür sorgen, dass unsere irdischen Städte etwas vom Glanz der himmlischen spiegeln. Auch wenn wir noch auf den neuen Himmel und die neue Erde warten – lasst uns anfangen, die neue Stadt zu bauen, die Stadt von Frieden und Gerechtigkeit.¹

(1) Anthony Pilla, katholischer Bischof von Cleveland, 1993. 

Deutschlandfunk DLF, 2. Advent, 9.12.2018, 8.35 – 8.50 Uhr
Link zur Sendung https://rundfunk.evangelisch.de/node/9875/

Wohlfahrt, Wohlstand, Wohlgefallen.

Weihnachtswünsche ernst genommen

Ein alter Mann – im Weihnachtszimmer – gedeckter Tisch und Tannenbaum, alles festlich geschmückt. Er steht am Fenster, allein, und wartet auf seine Kinder. Aus ihnen ist etwas geworden – einer ist Klinikarzt, die Tochter verdient gut und hat eine eigene Familie. Der andere Sohn ist weltweit unterwegs, im Management. Alle in der Rushhour des Lebens – da wird die Zeit knapp. Eine Karte, eine Nachricht auf den Anrufbeantworter – sie denken an den Vater, aber er bleibt allein. Alle Jahre wieder. Aber diesmal ist alles anders, da kommen sie tatsächlich nach Hause, die drei. Der alte Mann hat zu einem Trick gegriffen und seinen Kindern die eigene Todesanzeige geschickt. Und da kommen sie. Mit dem Auto, dem Flieger – aus aller Welt. Die Familie versammelt sich um den Tisch, sie essen, erzählen und lachen zusammen.

Mit einem Schlag ist klar, worauf es wirklich ankommt. Der kurze Clip war die Weihnachtswerbung, von Edeka, vor drei Jahren. Klar, die Speisen und Getränke gibt es im Supermarkt um die Ecke – aber erst die Tischgemeinschaft macht den Weihnachtstisch so schön. Das weiß auch Edeka; beim aktuellen Spot geht es dann auch wieder um die Gans, die gefüllte. Ich sehe den vollen Einkaufswagen, überlege, was ich selbst noch besorgen muss – und schon steht mir vor Augen, was sonst noch alles geplant, verabredet, gemanagt werden muss in den nächsten zwei Wochen. Die Feiern in Familie, Gemeinde und Betrieb, die letzten Grüße und Geschenke. Viele haben schon im November mit den Einkäufen angefangen, weil die To-do-Listen immer länger werden. Da kamen die Rabatte am Black Friday sehr gelegen. Die Einkaufszentren waren schwarz vor Menschen. Ob das hilft, entspannter auf Weihnachten zuzugehen?

“Mehr Raum für mich“, benennt eine Frauenzeitschrift das Problem[1] und schlägt Yoga zur Entspannung vor. Das mag der Einzelnen helfen. Aber viele haben das Gefühl, selbst gar nicht mehr vorzukommen vor lauter Angst, nicht alles zu schaffen. Und bald jeder zweite schafft’s nur noch, weil er die Weihnachtseinkäufe im Internet abarbeitet. Susanne Ackstaller macht’s anders. Sie will lieber „Feste feiern statt feste einkaufen“. Sie ist angewidert vom Kaufrausch und schreibt auf ihrem Blog[2]:

„Ehrlich gesagt, war ich noch selten so angewidert von unserem Konsumverhalten. Kaufenkaufenkaufen als ginge es um unser Leben – und nur der überlebt, der möglichst viele Rabatte einlöst. Abstoßend ist das. Ich habe auf jeden Fall beschlossen, diesen Advent lieber mit lieben Freunden zu verbringen, mit leckerem Essen und guten Gesprächen. Collect moments. Not things.“

Momente sammeln, nicht Sachen. Längst haben sich sogar Adventskalender in Probepäckchen verwandelt – für Kosmetikartikel oder Tee. Vorfreude als Konsumanreiz. Und wenn dann endlich alles geschafft und die Deadline erreicht ist – Heiligabend unterm Tannenbaum – hat so mancher einen Kater. Aus Anspannung wird Überdruss.

Als meine Schwester in den USA lebte, hatte sie oft Sehnsucht nach dem deutschen Advent. Lebkuchen und Stollen kann man ja schicken, „Macht hoch die Tür“ und Bachs „Weihnachtsoratorium“ gibt es auf CD, aber die in unseren Städten gibt’s nicht im Netz. Einmal, als das Heimweh besonders stark war, hat sie sich freitags abends in den Flieger gesetzt und ist nach Nürnberg geflogen. Christkindlesmarkt mit Posaunen, Tannengrün und Lichterschmuck und der Duft von gebrannten Mandeln – Weihnachten verzaubert alle Sinne und verwandelt die ganze Stadt.

Die alten Feste lassen keinen außen vor. Das habe ich vor Jahren so erlebt – in Kairo, im Ramadan. Abends, wenn Familien, Freunde und Gäste sich zum Iftaressen treffen, leuchten bunte Glaslaternen über allen Hauseingängen – und sie laden jeden ein. Auch die Müllsammler an den Straßenecken. Mich hat das so begeistert, dass ich eine Ramadanlampe mitgebracht habe – im Handgepäck. Jetzt im Advent leuchtet sie blau, rot und golden in unserem Flur. Was für wunderbare Rituale die großen Religionen haben!

Das weiß längst auch die Wirtschaft.

Der Sozialphilosoph Christoph Deutschmann spricht vom Kapitalismus als Religion. [3]Die allermeisten kaufen mehr, als nötig – als könnten wir uns mit Dingen den eigenen Wert bestätigen. Im Konsumieren und Produzieren suchen viele nach Sinn. Wirtschaftswachstum wird zum Wert an sich. Und die Globalisierung hat die Märkte entgrenzt: Die Produktionsketten von Autos oder Kleidung sind weltweit verbunden. Und Internetfirmen wie Amazon haben dafür gesorgt, dass es jetzt auch bei uns Black-Friday- Rabatte gibt. Die Entgrenzung der Märkte verändert auch unsere Zeitrhythmen, unseren Arbeitsalltag, unser Leben. Wer es sich leisten kann, kann Dienstleister beauftragen, das Fest vorzubereiten und Geschenke zu organisieren – auch für die eigene Familie. Es gibt kaum noch etwas, was man für Geld nicht kaufen kann

In der globalisierten Welt ist alles möglich, zu jeder Zeit und überall. Black Friday in Deutschland. Ein Weihnachtsbasar in Kairo. Und Lebkuchen im Oktober. Alles lässt sich ordern, mindestens im Netz. Was man für Geld nicht kaufen kann“, darüber schreibt der Harvard-Philosoph Michael Sandel[4].

Er fragt in seinem Buch nach den moralischen Grenzen des Marktes: Darf ein Unternehmen Brunnen abschöpfen und das Wasser eines ganzen Dorfes privatisieren? Darf man eine Leihmutter bezahlen, um den eigenen Kinderwunsch zu erfüllen? Dürfen wir die Luft so verschmutzen, dass Kinder und Alte daran krank werden?

Dass Wohlfahrt mehr ist als Wohlstand, ist den meisten klar. Wir zerstören, was uns lieb ist, wenn wir alles dem Markt überlassen. Der Kaufrausch trübt den Blick auf den andern. Und Geschenke stiften noch keine Gemeinschaft – wohl aber ein gedeckter Tisch und Zeit füreinander.

Johann Volkmann[5] hat so einen Tisch um die Welt geschickt. Er steht auf den Plätzen von Akko, von Bochum, Galway und Barcelona. Es ist immer ein anderer, aber er sieht immer gleich aus. Darauf Teller mit weißem Packpapier. Passanten sind eingeladen, darauf zu schreiben. Die Frage lautet überall gleich: Was ist unbezahlbar? Viele Teller werden dicht beschrieben, auf anderen steht nur ein Wort. Volkmann hat die Frage umgetrieben, wie wir Menschen auf dieser Welt zusammenleben wollen. Vier Jahre lang ist er mit seinem Kunstprojekt um die Welt gezogen. Was unbezahlbar ist, lässt sich mit Geld nicht kaufen. Aber träumen lässt sich davon. Mitgeträumt haben auch Menschen in Bethlehem: sie träumen von Freiheit, Frieden und Freundschaft.

Bethlehem. Ich kann nicht daran denken, ohne den Schuppen mit dem Säugling zu sehen. Maria, seine Mutter, und Joseph, der sich gegen alle Zweifel entschieden hat, hier zu bleiben – bei Frau und Kind. Die Erbärmlichkeit der Unterkunft, die Zerbrechlichkeit der Familie. Auch die Sterndeuter sind da – durch die halbe Welt sind sie gereist auf der Suche nach dem neugeborenen König. Sinnsucher auch sie. Jetzt glauben sie, dass dieses Kind in der zugigen Unterkunft die Zukunft bringt – und sie legen ihm ihre Geschenke zu Füssen: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Nichts davon passt wirklich hierher. Die Hirten, die danebenstehen, wundern sich – es sind einfache Leute, sie haben nicht viel zu geben. Aber das spielt keine Rolle. Hier geht es nicht um Leistung und Gegenleistung, um Gabe und Gegengabe. Es ist nicht das Gold, von dem der Glanz ausgeht. Es ist das Kind. Dieser kleine Mensch verkörpert die Hoffnung – auf ein neues Miteinander aller Menschen

Der amerikanische Anthropologe Alan Fiskel hat Tauschbeziehungen und Nahbeziehungen unterschieden.[6] Nahbeziehungen mit Verwandten und Freunden leben vom Vertrauen. Da geben alle Beteiligten, was sie können, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Es geht nicht um Dinge oder Waren, es geht um geteilte Erlebnisse. Tauschbeziehungen funktionieren anders – sie sind interessengeleitet. Da schauen wir auf den Marktwert, den Geldwert der Gabe.

Das ist das Problem: Wenn aus Nahbeziehungen Tauschbeziehungen werden, sind wir enttäuscht. Oder vielleicht auch wütend. Gerade an Weihnachten. „Ich war noch selten so angewidert von unserem Konsumverhalten“, schreibt Susanne Ackstaller. „Collect Moments. Not things.“

Das ist das Besondere an Weihnachten: An der Krippe werden Fremde zu Freunden. Da gibt tatsächlich jeder, was er kann – die einen legen Gold an die Krippe, die anderen fallen auf die Knie. Die einen bringen ihre Gaben, die anderen ihre Hingabe. Das darf man nicht verrechnen. Weil es um Glück geht, und nicht um Geld oder Gold. „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“ sollen die Engel gesungen haben. Legenden und Bilder erzählen, dass das Kind gelächelt hat – ich glaube, es ist Gott selbst, der hier gelächelt hat. Weil er einverstanden ist mit seinen Menschen. Was für eine Vision – eigentlich zu schön, um wahr zu sein. Die Weihnachtslieder halten sie fest, die Erinnerung, dass ein anderes Leben möglich ist.

Manchmal denke ich an den Advent, den ich im Krankenhaus verbracht habe. Wirbel gebrochen und Arm in Gips. Da war nichts mit Einkaufen und Briefe schreiben. Echte Kerzen durfte man nicht anzünden; ich war heilfroh, dass wenigstens draußen ein Weihnachtsbaum leuchtete. Und sonntags spielte ein Posaunenchor Weihnachtslieder. Zum Heulen schön – mehr war nicht nötig für das Fest.

Ich glaube, die schönsten Feiern sind die, wo wir einfach beschenkt werden. Wohnungslose bei der Bahnhofsmission, Einsame im Quartiersladen – bei Kartoffelsalat und Würstchen wie früher zu Hause. Da, am Tisch, werden nicht nur die Lebensmittel geteilt – da teilen Menschen ihre Zeit und ihre Geschichten. An diesem Abend können auch Fremde einander zuhören und füreinander sorgen. Wer so etwas erlebt, der spürt: da wird das Leben gut, da breitet sich Wohlgefallen aus.

Noch zwei Wochen bis Weihnachten. Das Weihnachtsgeschäft läuft. Gut für Wohlstand und Wachstum. Aber Weihnachten ist mehr: das Fest will alle einbeziehen – die Wohnungslosen genauso wie die Einsamen.

Wohlfahrt lässt keinen außen vor. Die Philosophin Hanna Arendt nennt das „Sorge für die Welt“[7]. „Welt“ – das ist für sie dieser unersetzliche „Zwischenraum, der zwischen dem Menschen und seinem Mitmenschen“ zu gestalten ist. Die Atmosphäre, die uns umgibt und verbindet – in der wir die ungeweinten Tränen sehen, die Sehnsucht spüren und die Engel singen hören. Wo jeder seinen Platz hat – und keine vergessen wird. Wie an der Krippe in Bethlehem.

Noch zwei Wochen bis Weihnachten. Ich will mir Zeit schenken, damit ich die Tage nicht abhake wie eine To-do-Liste. Damit ich mein Dasein nicht verbringe wie ein Geschäft. Will Raum haben, für mich und andere. Und lieber Feste feiern als feste einkaufen – vielleicht auch mal mit Fremden? Vor zwei Jahren wurde die Kampagne #keinerbleibtallein ins Leben gerufen. Ziel ist, Menschen, die Gesellschaft suchen, Einladungen aus der Nähe zu vermitteln, eben: #keinerbleibtallein. Da fällt mir der alte Mann wieder ein. Vielleicht lässt er sich dieses Jahr einladen? Die Aktion geht noch bis zum 20. Dezember. Das könnte mir wohl gefallen. Wohlgefallen – das ist mehr als Wohlstand. Das ist Erzählen und Lachen und die Engel singen hören. Weihnachten eben, wie es gemeint ist.

[1] Emotion, 12 /18
[2] Texterella
[3] Kapitalistische Dynamik. Eine gesellschaftstheoretische Perspektive. VS, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-531-15945-4
[4] Was man für Geld nicht kaufen kann, Berlin 2014
[5][5][5] www.kubis.org
[6] Vgl. Philosophie Magazin Dez 2008, Tausch und Täuschung
[7] Martina Holme, Die Sorge um sich- die Sorge um die Welt. Martin Heidegger, Michel Foucault und Hanna Arendt, Frankfurt 2018