Morgenandachten und Rundfunkbeiträge

Deutschlandfunk DLF, Sonntag, 09.06.2019, 8.35 – 8.50 Uhr

„Geburtstag der Kirche – nicht hinter Mauern im Tempel!“

„Zu Tisch, Deutschland!“ steht auf dem Plakat. „Ein Toast auf die offene Gesellschaft!“ Es ist eine Einladung für nächsten Samstag, den 15. Juni. Weiter heißt es: Tische und Stühle raus und schön eindecken! Freundinnen, Freunde, Nachbarn und Fremde einladen, essen, debattieren und gemeinsam die Demokratie feiern – an hunderten Tafeln gleichzeitig, bis spät in die Nacht.

Dahinter steht die Initiative „Die Offene Gesellschaft“ mit Harald Welzer und der Diakonie Deutschland, in den letzten Jahren hat sie weit über 1.000 Veranstaltungen im ganzen Land organisiert. Die Initiative versteht sich als Teil einer verantwortungsbereiten Zivilgesellschaft. Und der „Tag der offenen Gesellschaft“ soll eine gute neue Tradition werden. Die Anmeldung ist freigeschaltet; jeder kann mitmachen. Egal ob als Privatperson, Firma, Verein oder Kirchengemeinde.

Tischgemeinschaften haben Konjunktur. Zum Beispiel die Kaffeetafel neulich beim Bundespräsidenten. Dabei muss es gar nicht immer so groß sein. In vielen Kirchengemeinden treffen sich Ältere einmal die Woche; da wird gemeinsam eingekauft, reihum gekocht, Rezepte werden ausgetauscht und Geschichten erzählt. Und wenn jemand fehlt, fragt bestimmt eine andere nach. Anderswo öffnet die Cafeteria im Altenzentrum für die Kinder der nahegelegenen Tageseinrichtung. In Neukölln kochen Flüchtlinge für Obdachlose. In den interkulturellen Gärten bei uns in Garbsen werden Gerichte aus fremden Heimaten serviert. Und in der Schweiz gehören 450 Gruppen zum Tavolata-Netzwerk. „Ich weiß nicht, was schöner ist“, sagt Erna Plüss vom Netzwerk, „gemeinsam zu planen, zu kochen, einzukaufen und Gäste zu bewirten oder sich als Gast an einen einladenden Tisch zu setzen und das Essen zu genießen.“

Tischgemeinschaft, das ist Geben und Nehmen, Austausch und Zugehörigkeit. Nur selbstverständlich, das ist sie nicht, oder nicht mehr. Zum Beispiel hat die Wohnentfernung zwischen Eltern und erwachsenen Kindern in den letzten Jahren ständig zugenommen. Nur noch ein Viertel gibt an, dass ihre erwachsenen Kinder noch am selben Ort wohnen. Im Vergleich der letzten Jahre erhalten die über 70-jährigen immer seltener praktische Hilfe. Die familiären Netze dünnen aus; das Leben verändert sich rasant. Und auch die Nachbarschaften verändern sich – angestammte Mieter müssen ausziehen, andere ziehen in die dann schick sanierten Viertel. Ladenzeilen verschwinden und auf den Straßen hört man andere Sprachen. Da ist gute Nachbarschaft Gold wert.

Vor drei Wochen war der Europäische Tag der Nachbarn. Da stellten bei uns in der Nähe 20 Leute ein Straßenfest auf die Beine – um das gute Zusammenleben zu feiern. 20 Leute zwischen 1 und 98. Eine Großfamilie, zwei alleinstehende Rentnerinnen, zwei ältere Paare und ein Witwer, einige mit russischem Akzent und einige aus Jordanien – und dann das Ehepaar Class. Als Günter nach einer Herz-OP Hilfe brauchte, da waren sie da. Ganz ungefragt. Für Fahrten zum Arzt oder auch um Getränkekisten aus dem Supermarkt mitzubringen. Das galt es jetzt zu feiern. Die Männer bauten Zelt und Biertische auf, eine Nachbarin machte Zaziki, eine andere Nudelsalat. Solche Feste entstehen neuerdings auch über das Internet. Man kann sich anmelden bei www.nebenan.de und die eigenen Ideen einbringen. Oder auch nachfragen, wer zufällig zum Supermarkt fährt oder einen Bohrer verleihen kann.

Die Unterstützung in der Nachbarschaft wurde im letzten Freiwilligensurvey der Bundesregierung abgefragt. Dabei zeigte sich: immerhin 25 Prozent engagieren sich in der nachbarschaftlichen Hilfe bei Einkäufen, Handwerksdiensten bis Kinderbetreuung – und es sind, bis auf die Unterstützung Pflegebedürftiger, mehr Männer als Frauen und eher Jüngere als Ältere. Und noch etwas wurde klar. Die wechselseitigen Unterstützungsleistungen verbessern die Lebensqualität aller Beteiligten. Es tut gut, zu wissen, dass man nicht allein ist.

Das ist auch der Grund, weshalb das gemeinsame Wohnen wieder so viel Bedeutung bekommt – in Genossenschaften, Seniorenwohngemeinschaften und Mehrgenerationenhäusern, aber auch in Stadtteilzentren entwickelt sich eine neue Gestalt des Sozialen: die Caring Communities. Manchmal ganz klein und fast privat: Wenn junge Studierende mietfrei bei Älteren wohnen und im Gegenzug einkaufen oder den Garten pflegen. Und manchmal in organisierten Nachbarschaftsnetzen von Sozialstationen, Kommunen und Gemeinden: Mit Telefonketten, Begleitung bei Arztbesuchen und Einkäufen oder in der Demenzbegleitung.

Es gibt unglaublich viele spannende Projekte. Die Leihomas und Lesepaten. Die Pflegebegleiter, die in Abstimmung mit einer Sozialstation für nachbarschaftliche Dienste sorgen, die Stadtteilmütter und Ausbildungsmentoren. Oder die Jobpaten, die schwer vermittelbare Jugendliche durch ein Praktikum bis in ein festes Arbeitsverhältnis begleiten. Das Herz der neuen, gemeinwohlorientierten Bewegung, schlägt bei den „jungen Alten“. Sie verfügen stärker als Jüngere über ihre eigene Zeit, sie bringen vielfältige Kompetenzen aus Beruf und Familie ein und sie sind meist Kennerinnen und Kenner ihres Lebensumfelds am Wohnort.

„Mut zu mehr WIR“ steht auf dem Flyer. Drei Kirchengemeinden in Hannover laden zu einem Werkstattgespräch ein. „Welches Miteinander wünschen wir uns für das Zusammenleben in unserem Stadtteil?“ fragten sie. „Welche Werte und Grundlagen sind uns dabei wichtig? Über welche Fragen müssen wir uns neu verständigen?“ Grundlage für diesen Austausch sind die unterschiedlichen Erfahrungen der Gemeinden in der Flüchtlings- und Gemeinwesenarbeit. Es geht also auch um die Frage, welchen Beitrag Kirche und Religionsgemeinschaften in einem multireligiösen und kulturell vielfältigen Stadtteil leisten können, um das „WIR“ zu stärken. Die drei Gemeinden setzen sich seit 2015 für die Integration der Geflüchteten ein. Sie vermittelten zuerst Praktika, inzwischen auch Ausbildungs- und Arbeitsplätze und haben sogar den Integrationspreis der Stadt Hannover bekommen.

„Wenn Kirchengemeinden das WIR auch wirklich als WIR sehen – wenn sie ihr Dorf oder ihren Stadtteil meinen – dann ist ein erster Schritt getan“ sagt Peter Meißner von der Initiative Gemeinwesendiakonie. „Wenn Gemeinden andere Akteure einladen und mit ihnen in den Austausch gehen, wenn sie fragen, was braucht dieser Ort und wie sind unsere Wahrnehmungen, dann kommt etwas in Bewegung. Wenn Kirchengemeinden sich auf die Haltung „Nicht für sondern mit den Menschen“ einlassen, dann zeigen sie, dass sie wirklich an den Lebenslagen vor Ort interessiert sind“.

So wie in Filsum in Ostfriesland. Da betreibt die Gemeinde seit kurzem eine Fahrradpumpstation mit einem Fahrradflickzeugautomaten. Hintergrund ist die Tatsache, dass es in Filsum überhaupt keine Orte der Begegnung mehr gibt. Aber Filsum liegt an der Fehnroute, eine große Zahl von Fahrradtouristen fährt durch den Ort. Die Pumpstation, verbunden mit einer Klönsnackbank, ist ein erster Anlaufpunkt für Einheimische und Touristen, um ins Gespräch zu kommen.

„Nicht für, sondern mit den Menschen“ – das ist eine große Herausforderung. Das bedeutet, Menschen zu befragen und sie zu beteiligen. Und das hat auch Auswirkungen auf das Verständnis und das Leitbild einer Kirchengemeinde. Manche fürchten, dass sich das Profil der Gemeinde verwässert, dass nicht mehr erkennbar ist, für was die Gemeinde eigentlich steht. Zugleich sind immer mehr Menschen auf der Suche nach Spiritualität – „aber vielleicht ist unsere Spiritualität nicht mehr die der Menschen?“, fragt Peter Meißner.

Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche, heißt es. Ich sehe eine kleine Backsteinkirche vor mir – vom Kirchturm hängt ein großes Herz und durch die offenen Türen wird ein Blumenstrauß gereicht. Aber das ist nur ein Logo für den Gemeindebrief. So niedlich fing es gar nicht an. Ganz im Gegenteil: Alles begann mit einem Brausen vom Himmel, mit einem Sturm, der die Freunde Jesu aus dem Haus trieb, in das sie sich nach Jesu Tod aus Angst verkrochen hatten. Es trieb sie raus auf die Straßen und Plätze der Stadt, wo sie mit wildfremden Menschen ins Gespräch kamen. Über Jesus, über ihre Ängste und ihre Hoffnung und über das neue Jerusalem. Die Bibel zählt die Volksgruppen auf, die damals in der Stadt waren. Fremde Namen sind das, an denen man sich leicht verschluckt: Parther und Meder und Elamiter, Menschen aus Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, aus Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene… – und viele mehr.

Und dann beschreibt die Bibel, wie viele sich begeistern ließen und Feuer fingen und wie die Kirche wuchs, weil sie alles teilten, füreinander sorgten. Und weil sie regelmäßig zusammen aßen. Die erste christliche Gemeinde war eine Caring Community. Streit gab es auch damals, darüber, wofür die Gemeinde wirklich stand… Doch der Geburtstag der Kirche fand auf den Straßen und Plätzen und in den Häusern Jerusalems statt – nicht hinter Mauern im Tempel. Sie saßen alle an einem Tisch – Männer und Frauen, Juden und Griechen – auch die Witwen und Waisen. Eine bunte Schar, wie eine große Familie.

„Wenn wir wollen, dass Kirche in Gang kommt, dann müssen wir selbst gehen“, heißt es beim Kirchenentwicklungsprojekt „Kirche geht“ in der Schweiz. Rausgehen. Neues entdecken, den Blick öffnen für die Menschen und ihre Wohnräume vor Ort. Und das am besten gemeinsam. Im Austausch über das, was wir wahrnehmen. Pfarrer Martin Piller aus St. Maria Lourdes in Zürich nimmt seine Besucher mit – zu einem Erkundungsgang durch das Viertel. Ganz unterschiedliche Wohngebiete. Einzelne Häuser mit Gärtchen. Reihenhäuser. Wohnblocks verschiedenster Art – hoch modern oder schon etwas in die Jahre gekommen. Wie könnte eine Form von Kirche passen, für all die unterschiedlichen Menschen, die dort leben?

Immer wieder machen sich Menschen aus der Pfarrei auf den Weg, treffen andere im Viertel und schauen gemeinsam, wie Gemeinschaft entstehen kann, was sie gemeinsam für ein gutes Leben vor Ort tun können. „Es geht nicht um volle Kirchenbänke. Es geht um das volle Leben. Und das findet sich eben auch vor der Kirchentür“, sagen sie. Zusammenarbeit ist gefragt. Für Asylsuchende im Quartier. Für Menschen, die Gemeinschaft suchen. Für Leute, die etwas bewegen wollen, die Unterstützung brauchen, vielleicht auch nur einen Anstoß, sich in ihrem Lebensumfeld heimisch zu fühlen.

In Zürich fängt man klein an. Dort entstehen kleine christliche Gemeinschaften, 12- 20 Leute pro Nachbarschaft, von 1 – 98. Sie treffen sich wie die Tavolata-Kreise in den Häusern, manchmal in den Gärten – zum Bibelteilen und zum Austausch über ihren Alltag und ihre Sorgen. Kleine ‚Sorgende Gemeinschaften‘, die sich jedes Mal fragen: Wie wird dieser Bibeltext mein Handeln in den nächsten Wochen bestimmen? Welche ganz praktische Anregung nehme ich für mich mit? Aus diesem Austausch erwächst manchmal sehr viel – die kleinen Alltagsdienste oder sogar eine Sterbebegleitung. So ist es bei Tavolata auch. Aus den Tischgemeinschaften entsteht ganz oft mehr: gemeinsame Wanderungen, Spielenachmittage, sogar Reisen.

Das neue Jerusalem, die neue Stadt, von der die Bibel schreibt, ist ein Versprechen. Eine Herausforderung und eine Einladung, sich jetzt schon einzulassen auf das Leben in der himmlischen Welt. Barmherzigkeit leben, der Gerechtigkeit zum Durchbruch verhelfen – und so dafür sorgen, dass unsere irdischen Städte etwas vom Glanz der himmlischen spiegeln. Auch wenn wir noch auf den neuen Himmel und die neue Erde warten – lasst uns anfangen, die neue Stadt zu bauen, die Stadt von Frieden und Gerechtigkeit.¹

(1) Anthony Pilla, katholischer Bischof von Cleveland, 1993. 

Deutschlandfunk DLF, 2. Advent, 9.12.2018, 8.35 – 8.50 Uhr
Link zur Sendung https://rundfunk.evangelisch.de/node/9875/

Wohlfahrt, Wohlstand, Wohlgefallen.

Weihnachtswünsche ernst genommen

Ein alter Mann – im Weihnachtszimmer – gedeckter Tisch und Tannenbaum, alles festlich geschmückt. Er steht am Fenster, allein, und wartet auf seine Kinder. Aus ihnen ist etwas geworden – einer ist Klinikarzt, die Tochter verdient gut und hat eine eigene Familie. Der andere Sohn ist weltweit unterwegs, im Management. Alle in der Rushhour des Lebens – da wird die Zeit knapp. Eine Karte, eine Nachricht auf den Anrufbeantworter – sie denken an den Vater, aber er bleibt allein. Alle Jahre wieder. Aber diesmal ist alles anders, da kommen sie tatsächlich nach Hause, die drei. Der alte Mann hat zu einem Trick gegriffen und seinen Kindern die eigene Todesanzeige geschickt. Und da kommen sie. Mit dem Auto, dem Flieger – aus aller Welt. Die Familie versammelt sich um den Tisch, sie essen, erzählen und lachen zusammen.

Mit einem Schlag ist klar, worauf es wirklich ankommt. Der kurze Clip war die Weihnachtswerbung, von Edeka, vor drei Jahren. Klar, die Speisen und Getränke gibt es im Supermarkt um die Ecke – aber erst die Tischgemeinschaft macht den Weihnachtstisch so schön. Das weiß auch Edeka; beim aktuellen Spot geht es dann auch wieder um die Gans, die gefüllte. Ich sehe den vollen Einkaufswagen, überlege, was ich selbst noch besorgen muss – und schon steht mir vor Augen, was sonst noch alles geplant, verabredet, gemanagt werden muss in den nächsten zwei Wochen. Die Feiern in Familie, Gemeinde und Betrieb, die letzten Grüße und Geschenke. Viele haben schon im November mit den Einkäufen angefangen, weil die To-do-Listen immer länger werden. Da kamen die Rabatte am Black Friday sehr gelegen. Die Einkaufszentren waren schwarz vor Menschen. Ob das hilft, entspannter auf Weihnachten zuzugehen?

“Mehr Raum für mich“, benennt eine Frauenzeitschrift das Problem[1] und schlägt Yoga zur Entspannung vor. Das mag der Einzelnen helfen. Aber viele haben das Gefühl, selbst gar nicht mehr vorzukommen vor lauter Angst, nicht alles zu schaffen. Und bald jeder zweite schafft’s nur noch, weil er die Weihnachtseinkäufe im Internet abarbeitet. Susanne Ackstaller macht’s anders. Sie will lieber „Feste feiern statt feste einkaufen“. Sie ist angewidert vom Kaufrausch und schreibt auf ihrem Blog[2]:

„Ehrlich gesagt, war ich noch selten so angewidert von unserem Konsumverhalten. Kaufenkaufenkaufen als ginge es um unser Leben – und nur der überlebt, der möglichst viele Rabatte einlöst. Abstoßend ist das. Ich habe auf jeden Fall beschlossen, diesen Advent lieber mit lieben Freunden zu verbringen, mit leckerem Essen und guten Gesprächen. Collect moments. Not things.“

Momente sammeln, nicht Sachen. Längst haben sich sogar Adventskalender in Probepäckchen verwandelt – für Kosmetikartikel oder Tee. Vorfreude als Konsumanreiz. Und wenn dann endlich alles geschafft und die Deadline erreicht ist – Heiligabend unterm Tannenbaum – hat so mancher einen Kater. Aus Anspannung wird Überdruss.

Als meine Schwester in den USA lebte, hatte sie oft Sehnsucht nach dem deutschen Advent. Lebkuchen und Stollen kann man ja schicken, „Macht hoch die Tür“ und Bachs „Weihnachtsoratorium“ gibt es auf CD, aber die in unseren Städten gibt’s nicht im Netz. Einmal, als das Heimweh besonders stark war, hat sie sich freitags abends in den Flieger gesetzt und ist nach Nürnberg geflogen. Christkindlesmarkt mit Posaunen, Tannengrün und Lichterschmuck und der Duft von gebrannten Mandeln – Weihnachten verzaubert alle Sinne und verwandelt die ganze Stadt.

Die alten Feste lassen keinen außen vor. Das habe ich vor Jahren so erlebt – in Kairo, im Ramadan. Abends, wenn Familien, Freunde und Gäste sich zum Iftaressen treffen, leuchten bunte Glaslaternen über allen Hauseingängen – und sie laden jeden ein. Auch die Müllsammler an den Straßenecken. Mich hat das so begeistert, dass ich eine Ramadanlampe mitgebracht habe – im Handgepäck. Jetzt im Advent leuchtet sie blau, rot und golden in unserem Flur. Was für wunderbare Rituale die großen Religionen haben!

Das weiß längst auch die Wirtschaft.

Der Sozialphilosoph Christoph Deutschmann spricht vom Kapitalismus als Religion. [3]Die allermeisten kaufen mehr, als nötig – als könnten wir uns mit Dingen den eigenen Wert bestätigen. Im Konsumieren und Produzieren suchen viele nach Sinn. Wirtschaftswachstum wird zum Wert an sich. Und die Globalisierung hat die Märkte entgrenzt: Die Produktionsketten von Autos oder Kleidung sind weltweit verbunden. Und Internetfirmen wie Amazon haben dafür gesorgt, dass es jetzt auch bei uns Black-Friday- Rabatte gibt. Die Entgrenzung der Märkte verändert auch unsere Zeitrhythmen, unseren Arbeitsalltag, unser Leben. Wer es sich leisten kann, kann Dienstleister beauftragen, das Fest vorzubereiten und Geschenke zu organisieren – auch für die eigene Familie. Es gibt kaum noch etwas, was man für Geld nicht kaufen kann

In der globalisierten Welt ist alles möglich, zu jeder Zeit und überall. Black Friday in Deutschland. Ein Weihnachtsbasar in Kairo. Und Lebkuchen im Oktober. Alles lässt sich ordern, mindestens im Netz. Was man für Geld nicht kaufen kann“, darüber schreibt der Harvard-Philosoph Michael Sandel[4].

Er fragt in seinem Buch nach den moralischen Grenzen des Marktes: Darf ein Unternehmen Brunnen abschöpfen und das Wasser eines ganzen Dorfes privatisieren? Darf man eine Leihmutter bezahlen, um den eigenen Kinderwunsch zu erfüllen? Dürfen wir die Luft so verschmutzen, dass Kinder und Alte daran krank werden?

Dass Wohlfahrt mehr ist als Wohlstand, ist den meisten klar. Wir zerstören, was uns lieb ist, wenn wir alles dem Markt überlassen. Der Kaufrausch trübt den Blick auf den andern. Und Geschenke stiften noch keine Gemeinschaft – wohl aber ein gedeckter Tisch und Zeit füreinander.

Johann Volkmann[5] hat so einen Tisch um die Welt geschickt. Er steht auf den Plätzen von Akko, von Bochum, Galway und Barcelona. Es ist immer ein anderer, aber er sieht immer gleich aus. Darauf Teller mit weißem Packpapier. Passanten sind eingeladen, darauf zu schreiben. Die Frage lautet überall gleich: Was ist unbezahlbar? Viele Teller werden dicht beschrieben, auf anderen steht nur ein Wort. Volkmann hat die Frage umgetrieben, wie wir Menschen auf dieser Welt zusammenleben wollen. Vier Jahre lang ist er mit seinem Kunstprojekt um die Welt gezogen. Was unbezahlbar ist, lässt sich mit Geld nicht kaufen. Aber träumen lässt sich davon. Mitgeträumt haben auch Menschen in Bethlehem: sie träumen von Freiheit, Frieden und Freundschaft.

Bethlehem. Ich kann nicht daran denken, ohne den Schuppen mit dem Säugling zu sehen. Maria, seine Mutter, und Joseph, der sich gegen alle Zweifel entschieden hat, hier zu bleiben – bei Frau und Kind. Die Erbärmlichkeit der Unterkunft, die Zerbrechlichkeit der Familie. Auch die Sterndeuter sind da – durch die halbe Welt sind sie gereist auf der Suche nach dem neugeborenen König. Sinnsucher auch sie. Jetzt glauben sie, dass dieses Kind in der zugigen Unterkunft die Zukunft bringt – und sie legen ihm ihre Geschenke zu Füssen: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Nichts davon passt wirklich hierher. Die Hirten, die danebenstehen, wundern sich – es sind einfache Leute, sie haben nicht viel zu geben. Aber das spielt keine Rolle. Hier geht es nicht um Leistung und Gegenleistung, um Gabe und Gegengabe. Es ist nicht das Gold, von dem der Glanz ausgeht. Es ist das Kind. Dieser kleine Mensch verkörpert die Hoffnung – auf ein neues Miteinander aller Menschen

Der amerikanische Anthropologe Alan Fiskel hat Tauschbeziehungen und Nahbeziehungen unterschieden.[6] Nahbeziehungen mit Verwandten und Freunden leben vom Vertrauen. Da geben alle Beteiligten, was sie können, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Es geht nicht um Dinge oder Waren, es geht um geteilte Erlebnisse. Tauschbeziehungen funktionieren anders – sie sind interessengeleitet. Da schauen wir auf den Marktwert, den Geldwert der Gabe.

Das ist das Problem: Wenn aus Nahbeziehungen Tauschbeziehungen werden, sind wir enttäuscht. Oder vielleicht auch wütend. Gerade an Weihnachten. „Ich war noch selten so angewidert von unserem Konsumverhalten“, schreibt Susanne Ackstaller. „Collect Moments. Not things.“

Das ist das Besondere an Weihnachten: An der Krippe werden Fremde zu Freunden. Da gibt tatsächlich jeder, was er kann – die einen legen Gold an die Krippe, die anderen fallen auf die Knie. Die einen bringen ihre Gaben, die anderen ihre Hingabe. Das darf man nicht verrechnen. Weil es um Glück geht, und nicht um Geld oder Gold. „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“ sollen die Engel gesungen haben. Legenden und Bilder erzählen, dass das Kind gelächelt hat – ich glaube, es ist Gott selbst, der hier gelächelt hat. Weil er einverstanden ist mit seinen Menschen. Was für eine Vision – eigentlich zu schön, um wahr zu sein. Die Weihnachtslieder halten sie fest, die Erinnerung, dass ein anderes Leben möglich ist.

Manchmal denke ich an den Advent, den ich im Krankenhaus verbracht habe. Wirbel gebrochen und Arm in Gips. Da war nichts mit Einkaufen und Briefe schreiben. Echte Kerzen durfte man nicht anzünden; ich war heilfroh, dass wenigstens draußen ein Weihnachtsbaum leuchtete. Und sonntags spielte ein Posaunenchor Weihnachtslieder. Zum Heulen schön – mehr war nicht nötig für das Fest.

Ich glaube, die schönsten Feiern sind die, wo wir einfach beschenkt werden. Wohnungslose bei der Bahnhofsmission, Einsame im Quartiersladen – bei Kartoffelsalat und Würstchen wie früher zu Hause. Da, am Tisch, werden nicht nur die Lebensmittel geteilt – da teilen Menschen ihre Zeit und ihre Geschichten. An diesem Abend können auch Fremde einander zuhören und füreinander sorgen. Wer so etwas erlebt, der spürt: da wird das Leben gut, da breitet sich Wohlgefallen aus.

Noch zwei Wochen bis Weihnachten. Das Weihnachtsgeschäft läuft. Gut für Wohlstand und Wachstum. Aber Weihnachten ist mehr: das Fest will alle einbeziehen – die Wohnungslosen genauso wie die Einsamen.

Wohlfahrt lässt keinen außen vor. Die Philosophin Hanna Arendt nennt das „Sorge für die Welt“[7]. „Welt“ – das ist für sie dieser unersetzliche „Zwischenraum, der zwischen dem Menschen und seinem Mitmenschen“ zu gestalten ist. Die Atmosphäre, die uns umgibt und verbindet – in der wir die ungeweinten Tränen sehen, die Sehnsucht spüren und die Engel singen hören. Wo jeder seinen Platz hat – und keine vergessen wird. Wie an der Krippe in Bethlehem.

Noch zwei Wochen bis Weihnachten. Ich will mir Zeit schenken, damit ich die Tage nicht abhake wie eine To-do-Liste. Damit ich mein Dasein nicht verbringe wie ein Geschäft. Will Raum haben, für mich und andere. Und lieber Feste feiern als feste einkaufen – vielleicht auch mal mit Fremden? Vor zwei Jahren wurde die Kampagne #keinerbleibtallein ins Leben gerufen. Ziel ist, Menschen, die Gesellschaft suchen, Einladungen aus der Nähe zu vermitteln, eben: #keinerbleibtallein. Da fällt mir der alte Mann wieder ein. Vielleicht lässt er sich dieses Jahr einladen? Die Aktion geht noch bis zum 20. Dezember. Das könnte mir wohl gefallen. Wohlgefallen – das ist mehr als Wohlstand. Das ist Erzählen und Lachen und die Engel singen hören. Weihnachten eben, wie es gemeint ist.

[1] Emotion, 12 /18
[2] Texterella
[3] Kapitalistische Dynamik. Eine gesellschaftstheoretische Perspektive. VS, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-531-15945-4
[4] Was man für Geld nicht kaufen kann, Berlin 2014
[5][5][5] www.kubis.org
[6] Vgl. Philosophie Magazin Dez 2008, Tausch und Täuschung
[7] Martina Holme, Die Sorge um sich- die Sorge um die Welt. Martin Heidegger, Michel Foucault und Hanna Arendt, Frankfurt 2018