Ukraine: Denken, Leben und Handeln im Krieg.



https://www.litprom.de/weltempf%c3%a4nger/spezial-ukraine-osteuropa/

Die von Litprom e.V. viermal jährlich herausgegebene Bestenliste »Weltempfänger« nominiert seit 2008 belletristische Neuübersetzungen aus aller Welt, um damit herausragende literarische Stimmen im deutschsprachigen Raum bekannt zu machen.

Normalerweise liegt der Fokus auf dem Globalen Süden — diese Sonderausgabe anlässlich des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine richtet den Blick nach Osteuropa.

Aktive und ehemalige Juror*innen geben persönliche Lese-Empfehlungen: insgesamt neunzehn Romane, Erzähl- und Gedichtbände sowie Sachbücher. Da es sich nicht wie sonst um eine Rangliste handelt, sind die Titel alphabetisch nach Autor*innen sortiert. Kuratiert wurde die Sonderausgabe von Anita Djafari und Andreas Fanizadeh.
Die Liste als PDF ansehen und gerne downloaden


Der »Weltempfänger« wird auch als doppelseitiges Streifplakat verschickt, das gerne bestellt werden kann. Schreiben Sie uns an: litprom@buchmesse.de

 Im Juni 2022 erscheint mit dem 55. Weltempfänger die nächste reguläre Ausgabe.



© Nils Minkmar, c/o Steady Media GmbH, Schönhauser Allee 36, 10435 Berlin. https://steadyhq.com/de/nminkmar/posts

Das Geld der Deutschen

Geld statt Worte/Wahl im Saarland/ Die Serie L’agence

„Ich kann kein Brot wegwerfen!“ „Ich ertrage das Feuerwerk an Silvester nicht.“ „Ich muss jeden Teller leer essen, auch wenn es mir gar nicht schmeckt!“ – Solche Sätze hörte ich in der Kindheit oft, etwa wenn ich Freunde besuchte und deren Eltern oder Großeltern ins Plaudern kamen. Wir Kinder haben den Kopf geschüttelt und uns heimlich lustig gemacht. Was diese Erwachsenen da schilderten, waren posttraumatische Störungen in Folge des Krieges. Damals nannte es kein Mensch so. 

Diese Traumata wurden nicht benannt und nicht behandelt. Sie begründeten eine Sehnsucht nach Stabilität, deren Medium das Geld ist. Wenn ich genug Geld habe, bin ich vor Krisen, Gefahren und der Geschichte immun – das ist der unausgesprochene deutsche Aberglaube. Er wirkt nicht nur in Kriegszeiten: Wie viele bereits reiche Männer habe ich erlebt, die auf der frenetischen, unendlichen Suche nach noch mehr Geld ihre Gesundheit ruinierten. Oder ihre gute Laune. Oder den guten Ruf. 

So vieles ändert sich in diesen Tagen, aber die existenzielle Beziehung der Deutschen zum Geld bleibt auch nach dem russischen Überfall auf die Ukraine der seelische Leitfaden des Landes. Es scheint mir, als würden  alle Fragen früher oder später  auf das Feld der Finanzen manövriert, wo man sie besser versteht. Nun diskutiert man nicht mehr über die Rolle Deutschlands in einer veränderten Welt, über Werte und Opfer, sondern über Summen, Steuern und Renten – urdeutsche Kompetenzfelder. Das hat viel Gutes, denn eine vernünftige finanzielle Ausstattung bedeutet Komfort, Gesundheit und sichert die Freiheit. Ich möchte  keinesfalls die segensreichen sozialstaatlichen Maßnahmen kritisieren, die völlig zu Recht all denen, die knapp bei Kasse sind, eine faire und wohlverdiente Unterstützung überweisen. Aber warum bekommen es auch jene, die locker 300 Euro monatlich allein für Sushi ausgeben? Der Gestus ist seltsam: Deutschland, eines der reichsten Länder der Welt, reagiert auf die Zeitenwende, in dem die Bundresgierung allen Leuten Geld überweist. 

In diesen Tagen hatte ich den Eindruck, dass die Bundesregierung eine verängstigte, auch tatendurstige Bevölkerung mit magischen Summen faszinieren möchte: 100 Milliarden für die Verteidigung, dann 300 Euro für Jede und Jeden. Das ist bestimmt gut gemeint, wirkt aber auch ratlos, wie wenn Eltern ihren Kindern nach einem heftigen Familienkrach einen Schein in die Hand drücken, weil ihnen die Worte fehlen. 

Nun spürt man eine Fehlentwicklung, auf die der CDU-Theoretiker Meinhard Miegel immer wieder hingewiesen hat: Wachstum war die Antwort auf alle Fragen. Welche Werte uns wichtig sind, ob Wachstum überhaupt sinnvoll ist oder glücklich macht, das wurde als Nischen- oder Luxusthema abmoderiert. Nun kommt die Geschichte mit einer Wiedervorlage: Haben wir Überzeugungen, Ideale und Werte, die uns wichtiger sind als Geld?

Zwischen Deutschland und der russischen Führung wurde viel Geld bewegt, bewirkt hat das letztlich nichts. Wie man vor 1914 annahm, dass die engen familiären Beziehungen zwischen den europäischen Herrscherhäusern den Frieden sichern würden, dachte oder hoffte man in den letzten Jahrzehnten ähnliches über diese lukrativen Wirtschaftsbeziehungen. Jede Seite täuschte sich auf ihre Art: Putin hat kalkuliert, dass Deutschland aus Angst ums Geld nichts gegen ihn unternimmt. Umgekehrt haben wir angenommen, dass der obszöne Reichtum Putins ihn davon abhalten möge, seinen Dämonen zu folgen – schließlich hat er so viel zu verlieren, all die Kohle.  Andere Kräfte in ihm obsiegten. Der dolce vita zog er den militärisch durchgeführten Massenmord vor, der ihn finanziell und moralisch ruiniert. 

Heute ist die Landtagswahl im Saarland. Dieser Tage durfte ich ein Radiointerview zu dem Thema geben. In der Anmoderation sprach der Kollege, der die Fragen stellte immer von „Tobias Hahn“. Ich habe ihn dann korrigiert, aber es war kein Versprecher. Er war der festen Überzeugung, dass der saarländische Ministerpräsident so heißt. 

Als ich vor einigen Jahren an der Saarbrücker Staatskanzlei entlang spazierte, traf ich einen Studienfreund, der dort arbeitet. Er schwärmte von Hans: „Du, das ist der erste MP, der alles exakt so vorträgt, wie man es ihm aufschreibt!“ Ohne Manuskript allerdings enttäuschte er. Interessiert sich für nichts, fragt nichts, entwickelt keine Pläne. Ich fand es, als ich für eine Reportage dort war, trist in Saarbrücken. Leer und leise, viel Entmutigung und wenig Dynamik – Muss man erstmal schaffen, solch eine witzige Region in den Ruhezustand herunterzufahren. Ich glaube, dass eine neue Regierung das Land beleben wird. 

Sehr reiche Menschen und ihr Habitat sind kaum im Fernsehen zu studieren, obwohl es dort sehr viel Lehrreiches gibt. In Frankreich freut man sich nun an einer Serie, in der eine Familie von Immobilienmaklern das obere Luxussegment, so ab 3, 4 Millionen, bespielt. Man erfährt einiges über die Tricks der Branche, über den Geiz der Reichen und lernt, falls man es noch nicht wusste, dass der Westen ein massives ökonomisches Fairnessproblem hat. Ziemlich lustig ist es aber auch: https://www.netflix.com/watch/


Eulenmagazin: Die Eule, VON PHILIPP GREIFENSTEIN, 25. MÄRZ 2022 , www.eulemagazin.de

Ukraine-Krieg: Was wir jetzt opfern müssen

Während das Sterben im Ukraine-Krieg weiter geht, werden in Deutschland und in der Kirche viele Überzeugungen auf den Prüfstand gestellt. Ein Kommentar.

„Unsere“ Ukrainer werden bald kommen. Jedenfalls ist in der leerstehenden Wohnung im Gemeindehaus alles vorbereitet. Betten, eine Küche, viel Hilfsbereitschaft. Der örtliche Deko-Laden spendiert die Kleingeräte. An vielen Orten im Land bereiten Ehren- und Hauptamtliche der Kirchen gemeinsam mit freiwilligen Helfer:innen Geflüchteten aus der Ukraine ein Quartier. Die gesetzlichen Hürden sind niedrig, das Verwaltungschaos wird bewältigt werden. Wie 2015. Wir schaffen das.

Zugleich geht das Morden in der Ukraine weiter. Die Fronten haben sich festgefahren, trotzdem liegt eine Waffenruhe in weiter Ferne. An Frieden ist kaum zu denken, auch wenn die Kirchenkonferenz der Evangelischen Kirche in Deutschland bewusst schon an die Zeit nach dem Ukraine-Krieg denken will. „Frieden ist mehr als die Abwesenheit von Krieg. Ohne Vertrauen, Gerechtigkeit und persönliche Kontakte zwischen Menschen aller Völker ist Frieden nicht möglich“, heißt es da. Manche werden das als beharrliches Festhalten an einer „naiven Friedensethik“ deuten oder am „überholten“ Paradigma der Entspannungspolitik. Aber was ist die Alternative?

In diesen Tagen überschlagen sich Kommentator:innen in den Medien und auch in den Kirchen mit Deutungen und Forderungen. Der Mut der Ukrainer sich gegen den scheinbar übermächtigen Aggressor zu verteidigen, wird bewundert. Die verständliche Bewunderung kippt gelegentlich in eine Romantisierung von Soldatenmut und Kriegsherrlichkeit. Wird man so den Nöten der Ukrainer wirklich gerecht?

Gesellschaftliche und wirtschaftliche Interdependenzen sind unsere beste Chance auf eine friedliche Zukunft

Noch realisieren die Deutschen nicht, was uns der Ukraine-Krieg alles kosten wird, doch wird schon einmal festgehalten, dass Deutschland und die hießige Bevölkerung viel opfern muss. Lang gehegte Überzeugungen sind damit vor allem gemeint. Ob wirklich alle davon über den Jordan geführt werden müssen, darüber sind Restzweifel angebracht. Wandel durch Annäherung und Entspannungspolitik haben sich nicht automatisch deshalb überlebt, weil zu viele deutsche Akteure darunter in den vergangenen Jahren persönliche Bereicherung verstanden. Gesellschaftliche und wirtschaftliche Interdependenzen sind unsere beste Chance auf eine friedliche Zukunft.

Ignoranz und Inkonsequenz sollen der Vergangenheit angehören, eine neue Strenge einkehren: Wenn damit gemeint ist, dass Deutschland zu den Zusagen steht, die es im Rahmen der Europäischen Union und der NATO den osteuropäischen Partnern vor vielen Jahren gegeben hat, so kann ich das nur unterstützen. Die Osterweiterung beider Bündnisse bedeutete für jene jedenfalls anderes und viel mehr, als es die Deutschen wahrgenommen haben.

Und dann sollen die Deutschen irgendwie von „ihrem“ Pazifismus lassen und wehrhaft werden. Die Bundeswehr soll nicht alleine aus-, sondern aufgerüstet werden. Manche:r wähnt sich gleich zur gesellschaftlichen Aufrüstung und Tarnfleck-Einkleidung berufen. Wer seinen Twitter-Account als Kriegspropaganda-Verteiler oder als Nachrichtenagentur missversteht, neigt zu Absolutismen.

Die Folgen des Krieges tragen

Die sicherheitspolitisch notwendige Ausstattung der Streitkräfte allerdings verlangt der Bevölkerung neben einem – emotional vielleicht schwer zu verarbeitenden – Einsehen in die Notwendigkeit wenig mehr ab. Die Bundesregierung wird gut daran tun, die Rüstung nicht auf Kosten der Bevölkerung zu finanzieren. Es wäre dies in der deutschen Geschichte auch ein Novum und käme einem politischen Suizid für die Sozialdemokratie und die Grünen gleich. In diesen Krieg werden obendrein – zum Glück – keine deutschen Soldat:innen geschickt. Und auch in künftige Kriege wohl kaum die Söhne und Töchter derjenigen, die nun von Katheder und Redaktionssessel aus nach Opferbereitschaft rufen.

Ich bin mir sicher, dass der Ukraine-Krieg und die humanitäre Krise, die er schon jetzt geschaffen hat und die sich in den kommenden Wochen und Monaten noch weiter verschärfen wird, viel von „uns“ fordern wird. Allerdings nicht den vielfach beschworenen militärischen Heroismus. Wenn Deutschland seinen internationalen Verpflichtungen nachkommt, werden wir hundertausende Geflüchtete aus der Ukraine und ihren Nachbarländern, vor allem Moldawien, aufnehmen müssen. Die Bundeministerin des Auswärtigen, Annalena Baerbock, hat darauf bei ihrem Kurzbesuch in der Republik Moldau hingewiesen.

Das wird mehr von uns verlangen als Nachbarschaftshilfe und Zivilcourage

Es gibt an den europäischen Grenzen längst Städte von Flüchtlingszelten. Wollen wir derer neue und größere bauen – oder nutzen wir die neugewonnene europäische Einmütigkeit dazu, sie allesamt überflüssig zu machen? Das wird mehr von uns verlangen als Nachbarschaftshilfe und Zivilcourage, nämlich koordiniertes staatliches Handeln. Und es wird kosten: Geld und die kostbare Währung „gesellschaftlichen Zusammenhalt“.

Es ist darum ein richtiges Zeichen, dass der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland mit dem Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), Christian Stäblein, zum ersten Mal einen Beauftragten für Flüchtlingsfragen beruft. Seit dem Ausscheiden von Heinrich Bedford-Strohm aus dem Amt des EKD-Ratsvorsitzenden im vergangenen Jahr hat das Engagement in der Flüchtlingshilfe und Migrationspolitik kein vergleichbar prominentes Gesicht gehabt.

Das beides weiterhin und verstärkt Gewicht in der Kirche haben wird, ist nun an Stäblein gelegen. Dafür wird er neben seinem persönlichen Einsatz auch die Connections als „Hauptstadtbischof“ benötigen. Mehr als um die Koordination der unterschiedlichen Hilfsangebote von Diakonischen Werken und Landeskirchen wird er sich allerdings um die gesellschaftliche Vermittlung der Kraftanstrengungen zugunsten der Geflüchteten bemühen müssen. Stäblein, der sich immer wieder deutlich gegen Rechts abgrenzt, ist dafür der richtige Mann.

Der Heroismus des Alltags

Wenn wir die notwendigen verteidigungspolitischen Konsequenzen aus dem neuerlichen Angriffskrieg Russlands ziehen, dann sind damit nicht allein Ausrüstungsfragen bei der Bundeswehr gemeint. Der zivile Katastrophenschutz muss ausgebaut werden. Zugleich braucht es den genauen Blick darauf, wo eine notwendige Stärkung gesellschaftlicher Resilienz in eine gefährliche Remilitarisierung umzuschlagen droht. Es braucht auch ein neues Commitment Deutschlands zur wirtschaftlichen Partnerschaft mit den osteuropäischen Ländern. Und hoffentlich werden wir uns den Wiederaufbau der demokratischen Ukraine einiges kosten lassen: Neben unserem Geld, auch Fantasie und den kostbaren Einsatz von Freundschaft.

Die Wunden der an Leib und Seele verletzten Kriegsopfer verbinden, Häuser und Herzen offenhalten, Gesprächsfäden nicht abreißen lassen, Neuankömmlingen und unseren eigenen Kindern Sicherheit vermitteln – das sind keine nachgeordneten Aufgaben. Das ist Tagwerk, das Mut und Kraft erfordert. Ein Tagwerk, das nicht mit Fanfarenzügen und in Flecktarn einhermarschiert, sondern neben den großen Gesten vor allem aus ermüdender und schleppender Arbeit besteht. Die Kärrnerarbeit am Frieden beginnt in der Stunde des Krieges. Sie ist uns aufgetragen.



mdr_mitteldeutscherrundfunk
Verifiziert

In der @ardmediathek gibt es sofort Inhalte extra für ukrainische Kinder u.a. mit kyrillischen Titeln 🇺🇦🧒.

Kinder, die mit ihren Familien aus dem ukrainischen Kriegsgebiet nach Deutschland kommen, haben belastende Tage und Wochen hinter sich und müssen sich jetzt in einer neuen Umgebung mit einer fremden Sprache zurechtfinden. Umso wichtiger ist es, dass sie immer wieder Momente der Ruhe und Ablenkung haben.

Daher haben wir in der ARD Mediathek einen Bereich eingerichtet mit Sendungen speziell für Kinder, die kein Deutsch sprechen, mit werbe- und gewaltfreien Geschichten, die jedes Kind auf der Welt versteht. Mit dabei sind u.a. „Der kleine Maulwurf“, das „Sandmännchen“ oder „Shaun das Schaf“. Die Reihe „Deutsch lernen mit Socke“ führt Kinder spielerisch in die deutsche Sprache ein.

Den Link zum Angebot, das permanent ergänzt und vom #MDR koordiniert wird, findet ihr in der Bio.


https://www.spiegel.de/kultur/literatur/krieg-in-der-ukraine-liebe-europaeer-machen-sie-sich-keine-illusionen-a-62d574fb-97f9-48b4-8d2d-ab763731e476

Spiegelonline: 18.03.2022, 14.03 Uhr

Krieg in der Ukraine Liebe Europäer, machen Sie sich keine Illusionen

Ein Gastbeitrag von Serhij Zhadan Serhij
Zhadan ist der populärste Schriftsteller der Ukraine – und noch immer im belagerten Charkiw. Hier richtet er sich an den Westen und appelliert an die Deutschen, diesen Krieg als das zu sehen, was er ist.

Meine Freunde wurden am Donnerstag in Charkiw durch ein russisches Grad beschossen, das ist ein Mehrfachraketenwerfersystem. Ein Geschoss explodierte ein paar Dutzend Meter von ihnen entfernt und traf dann das Auto, das hinter ihnen fuhr.

Wären sie fünf Sekunden langsamer gewesen, hätten sie ihr Leben verloren. Sie sind keine Soldaten. Sie sind Künstler. Angesagte junge Künstler. Vor dem Krieg hatten sie ihre eigenen Ausstellungen, lebten ein Künstlerleben. Nach dem Einmarsch der Russen blieben sie in der Stadt und arbeiteten ehrenamtlich, sie brachten Lebensmittel und Medikamente in die Stadt und halfen der Zivilbevölkerung. Sie gerieten nun unter Beschuss.

In Charkiw kann das im Augenblick jeden treffen: Die Russen bombardieren die Stadt chaotisch und ununterbrochen, treffen Wohngebiete, Schlafzimmer, Schulen, Krankenhäuser, Kindergärten. Das Bombardement ist ständig zu spüren. Das ist unsere Realität. Aber die Stadt hat keine Angst, sie lebt ihr Leben weiter. Dieses Leben findet jetzt eben nur unter dem Hagel von Raketen statt.

Charkiw liegt sehr nah an der russischen Grenze. Schon am ersten Tag des Krieges tauchten hier russische Truppen auf. Es schien, als rechneten sie damit, die Stadt schnell und mit wenig Blutvergießen einzunehmen. Ebenfalls am ersten Tag tauchten russische Panzer auf den umliegenden Straßen in der Nähe der Stadt auf. Sie wurden abgeschossen und verbrannten.

Zur Mittagszeit sind die Straßen leer

Die Verteidigung der Stadt hat sich als recht effektiv erwiesen – die Russen konnten nicht in die Stadt eindringen, und die Kampfgruppen, denen es gelang, nach Charkiw durchzubrechen, wurden vernichtet. Die Stadt wurde nicht besiegt, denn es gelang, eine große Zahl feindlicher Truppen auszuschalten. Da die russische Armee es nicht schaffte, die Stadt im Sturm einzunehmen, begann sie, mit Flugzeugen und Raketen anzugreifen.

Dabei hat sie allerdings eine große Anzahl von Flugzeugen über Charkiw verloren. Nun fliegen diese nicht mehr so häufig. Dafür werden die Wohngebiete bombardiert, als wollten die Russen sich auf diese Weise an der Stadt rächen, die sich nicht aufgibt.

Die Stadt funktioniert weiterhin. Alle kommunalen Dienste funktionieren, es kommt humanitäre Hilfe aus dem ganzen Land, die Zivilbevölkerung wird nach und nach evakuiert. Wenn man das ständige Geräusch des Beschusses beiseiteschiebt, kann die Stadt einem das Gefühl geben, ein normales Leben zu führen. Allerdings sind nicht mehr so viele Passanten auf den Straßen zu sehen. Und es gibt immer mehr zerstörte Gebäude.

Zur Mittagszeit sind die Straßen leer – die Bürger von Charkiw bereiten sich dann auf die Ausgangssperre vor. Nachts wechseln sich Zeiten der Stille mit heftigen Explosionen ab, und stündlich wird Bombenalarm ausgelöst. Am schlimmsten hat es bisher den großen Vorort Saltiwka getroffen, eine Schlafstadt – die Russen zerstören die Häuser dort einfach mit ihren Raketen. Ich habe Freunde dort, um ein Haar sind sie dem Tod entkommen.

Am Morgen spreche ich mit einem Priester, den ich kenne und der sich dort – in der Zone mit dem stärksten Beschuss – aufhält, und frage ihn nach der Lage. »Sehr gut sogar«, antwortet er. »Findet der Gottesdienst am Samstag statt?«, frage ich. »Natürlich«, sagt er, »unbedingt.«

Ich weiß nicht, wie dieser Krieg in Deutschland dargestellt wird, wie man ihn schildert, was man darüber sagt. Aber mehrmals habe ich schon westliche Politiker gesehen, die davon sprechen, die Nato werde sich nicht in den Ukrainekonflikt einmischen. Also nicht in den »Krieg«, oder »Krieg mit dem Aggressor«, sondern »Konflikt«. Tatsächlich überrascht mich das nicht.

In den vergangenen acht Jahren, seit der Annexion der Krim, habe ich sehr häufig gesehen, wie Bürger Deutschlands, Frankreichs oder der Schweiz nach immer neuen Möglichkeiten gesucht haben, die Dinge nicht beim Namen zu nennen. Zum Beispiel, Russland nicht als »Aggressor« zu bezeichnen, Putin nicht als »Schurken« zu bezeichnen, den Krieg im Donbass nicht als »russisch-ukrainischen Krieg« zu bezeichnen. Wir haben gesehen, wie die westlichen Mächte weiterhin mit dem Kreml Handel getrieben haben und auch immer noch treiben – und dabei schöne Worte über »Freiheit« und »Demokratie« verlieren.

Ich weiß nicht, wann dieser Krieg zu Ende sein wird und welchen Preis wir für unseren Sieg zahlen müssen. Aber ich möchte ein paar Worte über die kollektive Verantwortung des Westens für all das sagen, was hier vor sich geht. Ihr habt zu lange und zu unverschämt mit den Tätern dieses Kriegs verhandelt. Ihr habt lange zwischen euren Prinzipien und eurer Bequemlichkeit geschwankt und dabei alle Verpflichtungen der Partnerschaft vergessen. Ihr habt zugelassen, dass die russische Propaganda euer Bewusstsein mit Lügen über »ukrainische Nazis« und den »Bürgerkrieg in der Ukraine« oder den »gesellschaftlichen Konflikt« überschwemmt hat. Ihr habt eine Mitverantwortung.

Nach allem, was die Russen in Mariupol, Charkiw, Tschernihiw und anderen ukrainischen Städten angerichtet haben, kann es meines Erachtens keinen Kompromiss mit dem heutigen Russland geben. Denn dies ist kein Krieg zwischen der russischen Armee und der ukrainischen Armee. Es ist ein Krieg zwischen der russischen Armee und dem ukrainischen Volk. Was hier geschieht, ist ein Völkermord. Die Russen dezimieren bewusst und systematisch die Zivilbevölkerung der Ukraine. Sie zerstören die Infrastruktur, bombardieren Schulen, Theater, Museen, Kirchen, Wohngebäude.

Das ist die Zerstörung des ukrainischen Volkes. Und dafür werden die Russen eine kollektive Verantwortung tragen. Eines sollte hier verstanden werden: In diesem Konflikt leiden am meisten die Städte, die auch nach dem Beginn des Krieges 2014 Russland gegenüber noch loyal waren. Deren Einwohner sich Russland zugehörig fühlten und die versuchten, das russische Volk und Putin zu trennen. Russland hat in den vergangenen drei Wochen alles getan, damit die russischsprachigen Ukrainer des Ostens ihre Illusionen über die Bevölkerung der Russischen Föderation verlieren.

Wir werden nicht von einem abstrakten Putin getötet, sondern von bestimmten Bürgern des Angreiferlandes, die genau zu diesem Zweck hierhergekommen sind – um uns zu töten. Es gibt keinen anderen Namen dafür.

Der Kreml kann so viel Unfug über die »Entnazifizierung« verbreiten, wie er will, diese idiotischen Lügen verlieren jeden Sinn, wenn man das zerbombte Theater von Mariupol sieht.

Liebe Europäer, machen Sie sich keine Illusionen: Dies ist kein lokaler Konflikt, der morgen zu Ende sein wird. Dies ist der dritte Weltkrieg. Und die zivilisierte Welt hat kein Recht, diesen zu verlieren, wenn sie sich für zivilisiert und unabhängig hält.


https://www.zeit.de/politik/ausland/2022-03/janice-stein-ukraine-krieg-nato

Zeit Online: Janice Stein zum Ukraine-Krieg, 19. März 2022, 13:16 Uhr

„Putin braucht Anreize, diesen Krieg zu beenden“

Wie kann der Krieg gestoppt werden? Der Westen muss weiter mit Putin verhandeln, sagt Konfliktexpertin Janice Stein. Zugleich brauche die Ukraine noch mehr Waffen.

Interview: Kati Krause

Die Kanadierin Janice Gross Stein ist Politikwissenschaftlerin, Expertin für internationale Beziehungen und Professorin für Konfliktmanagement. Wladimir Putin könnte versucht sein, bei einem direkten Aufeinandertreffen des russischen Militärs mit der Nato den Krieg zu eskalieren, sagt sie im ZEIT-ONLINE-Interview. Deswegen ist sie gegen eine Flugverbotszone über der Ukraine. Wie könnte aber eine Lösung aussehen? Westliche Regierungen müssen direkt mit Präsident Putin verhandeln, sagt sie. Und je mehr wir ihn dämonisierten, desto schwieriger wird es, Raum dafür zu schaffen. Stein war die Gründungsdirektorin der Munk School of Global Affairs an der Universität Toronto.

ZEIT ONLINE: Frau Stein, seit Wochen warnen Sie in nordamerikanischen Medien vor einer Eskalation des Kriegs in der Ukraine. Letzten Sonntag bombardierte Russland eine Militärbasis im Westen des Landes, die wohl auch zum Training ausländischer Kämpfer genutzt wurde. Was dachten Sie, als Sie davon erfuhren?

Janice Stein: Präsident Putin wollte den Nato-Ländern, die die Ukraine in diesem Krieg unterstützen, ein Signal senden: Ihr bewegt euch auf dünnem Eis! Und es war sicher auch eine Warnung vor der Gefahr einer Eskalation. Die Luftabwehrraketen und Panzerabwehrraketen, die für den ukrainischen Widerstand von zentraler Bedeutung sind, kommen über Polen und Rumänien in die Westukraine. Ohne diese Versorgungsleitung wäre die Ukraine nicht mehr in der Lage, weiterzukämpfen. Bisher hat Russland aber keinen der Konvois bombardiert, deshalb können wir den Angriff auf das Trainingslager so nah an der polnischen Grenze so lesen: Dass die Nato Nachschub sendet, ist akzeptabel. Sollte sie jedoch einen Schritt weiter gehen, wird Russland es auch tun.  

ZEIT ONLINE: Warum akzeptiert Russland, dass die Nato sich überhaupt einmischt?  

Stein: Weil auch Putin sich schwer damit tut, die Eskalation zu kontrollieren. Die russischen Soldaten sind den ukrainischen zahlenmäßig überlegen, doch sollte es zu einem Krieg zwischen der Nato und Russland kommen, dann wäre Russland in jeder Hinsicht unterlegen.

ZEIT ONLINE: Das klingt, als hätte Russland bei einer militärischen Eskalation viel mehr zu verlieren. Warum richtet die Nato dann keine Flugverbotszone über der Ukraine ein, wie es der ukrainische Präsident Selenskyj gerade diese Woche wieder in einer Rede vor dem US-Kongress gefordert hat?  

Stein: Eine Flugverbotszone würde eine der Grundregeln für die Vermeidung von Eskalation verletzen. Sollte ein russisches Flugzeug in den ukrainischen Luftraum eindringen, müsste die Nato es abschießen. Das würde einen Krieg zwischen Russland und den Nato-Staaten bedeuten. Und Putin wäre dann versucht, seine Unterlegenheit wettzumachen, indem er wiederum eskaliert und die nächstgelegenen Nato-Staaten angreift, also Polen, Lettland, Litauen und Estland. So wird aus einem geografisch begrenzten Krieg ein großer Krieg. Das schaukelt sich langsam hoch.

ZEIT ONLINE: Wie kann sich der Westen in diesem Krieg dann moralisch verhalten?

Stein: Das ist die falsche Fragestellung, denn Sie nehmen damit an, dass es nur eine moralische Herausforderung gibt. Es gibt aber mindestens zwei. Die eine ist: Wie hilft man den Opfern eines unverschuldeten, brutalen Angriffskriegs, also den Ukrainern? Das ist ein moralisches Gebot. Es gibt aber noch ein zweites moralisches Gebot, nämlich den Krieg zu begrenzen und den Tod von Hunderttausenden in Russland und Europa zu verhindern. Gäbe es nur eine moralische Frage, wüssten wir sofort, was zu tun ist. Wir müssen aber verschiedene moralische Pflichten abwägen und den Weg finden, der am wenigsten Schaden anrichtet. Und genau das tun Regierungen und die Nato gerade. 

„Sanktionen richten auf lange Sicht Schaden an“

ZEIT ONLINE: Sie haben dabei aber nicht immer die öffentliche Meinung auf Ihrer Seite.  

Stein: Der Druck auf die Nato-Mitgliedsstaaten ist derzeit riesig. Aber Politiker haben die Aufgabe, die Öffentlichkeit aufzuklären. Sie müssen den Menschen erklären, wie schnell man sich in einem Krieg einer ganz anderen Größenordnung befinden kann. Der Erste Weltkrieg begann mit einem Konflikt zwischen Österreich und Serbien im Sommer 1914. Im September war bereits ein Weltkrieg daraus geworden. 

ZEIT ONLINE: Viele Beobachter fühlen sich ja eher an 1939 erinnert, als Deutschland Polen angriff. Sie warnen vor den Gefahren einer neuen Beschwichtigungspolitik.

Stein: Man kann verschiedene historische Beispiele wählen und Lektionen daraus ziehen. Nur, dass wir hier eine Dimension haben, die wir noch nie getestet haben, nämlich eine Konfrontation mit einer Nuklearmacht, deren Militärdoktrin den Einsatz taktischer Atomwaffen auf dem Schlachtfeld in Erwägung zieht. 

ZEIT ONLINE: Sie nehmen Russlands Drohung, Atomwaffen zu benutzen, also ernst?  

Stein: Ja, natürlich. Wie könnte man das nicht ernst nehmen? Es wäre töricht, mit Sicherheit zu behaupten, das sei nur ein Bluff. Niemand weiß, was in Präsident Putins Kopf vor sich geht, außer Präsident Putin selbst. Man muss sich also gegen das Schlimmste absichern. Aber weil wir von Moral sprachen: Stellen Sie sich vor, dieser Krieg eskaliert und Russland setzt taktische Nuklearwaffen in der Ukraine ein – wer würde am meisten darunter leiden? Wenn es Ihnen also darum geht, möglichst viel für die Ukrainer zu tun, haben Sie hier Ihr Argument gegen Eskalation.  

ZEIT ONLINE: Was halten Sie von den Wirtschaftssanktionen, die der Westen gegen Russland verhängt hat?

Stein: Sanktionen richten auf lange Sicht Schaden an, können aber nie kurzfristig die Tatsachen auf dem Schlachtfeld ändern. Sie müssen der sanktionierten Person also auch Anreize bieten, ihr inakzeptables Verhalten zu ändern. Was tun wir, wenn Putin die Kampfhandlungen einstellt? Heben wir alle Sanktionen auf oder die schwersten? Diese Anreize sind der Kern eines erfolgreichen Sanktionsregimes und sie werden derzeit komplett außer Acht gelassen. Dabei wissen wir doch aus den letzten 20 Jahren, dass politischer Druck es sehr schwierig macht, Sanktionen wieder aufzuheben.  

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, diese Anreize werden derzeit in Hinterzimmern verhandelt, über China, die Türkei oder Israel?  

Stein: Nein, ich weiß, dass das nicht der Fall ist. Der Grund ist, dass die Sanktionen als Strafe angesehen werden. Manche gehen sogar so weit zu sagen, sie sollen Putin stürzen. Dafür sind Sanktionen aber nicht vorgesehen. Sie sollen Verhalten ändern. Man muss die Bedingungen also ganz klar festlegen.

ZEIT ONLINE: Liegt diese Bestrafungsmentalität auch an der moralischen Entrüstung in demokratischen Gesellschaften?  

Stein: Natürlich. Und Regierungen müssten auch hier ihre Bevölkerung aufklären. Unsere beste Hoffnung in diesem Krieg ist eine Einigung zwischen Russland und der Ukraine. Die schlimmsten Szenarien wären entweder, dass die Ukraine besiegt wird oder dass der Krieg eskaliert. Beides wäre schrecklich. Das bedeutet, Regierungen werden mit Präsident Putin verhandeln müssen. Und je mehr wir ihn dämonisieren, je mehr wir unsere Gefühle überhandnehmen lassen, desto schwieriger wird es für die Nato werden, Raum für diese Verhandlungen zu schaffen. 

ZEIT ONLINE: Es gibt bereits Verhandlungen, unter anderem über eine Neutralität der Ukraine. Trotzdem scheinen die Positionen derzeit noch sehr weit auseinander zu liegen. Wie könnte ein Friedensabkommen aussehen?  

Stein: Frieden ist ein großes Wort. Der Schaden, den Russland seinem Verhältnis mit der Ukraine zugefügt hat, wird auf mindestens 20 Jahre nicht zu reparieren sein. Der Hass der Ukrainer ist zu groß. Es wird also keinen Frieden geben. Was es geben kann, ist ein Waffenstillstand. Und Präsident Selenskyj sagt jetzt schon Dinge, die er vor drei Wochen noch nicht gesagt hat – zum Beispiel, dass die Ukraine nicht der Nato beitreten wird. Das sind die ersten Schritte hin zu Verhandlungen, die für einen Waffenstillstand notwendig sind. Diese Verhandlungen hängen jedoch auch davon ab, dass der Preis des Kriegs für Präsident Putin zu hoch wird und er Anreize bekommt, ihn zu beenden.  

„Wir müssen alle glaubhaften Mittelsmänner kontaktieren“

ZEIT ONLINE: Allerdings haben wir in den letzten Wochen auch gelernt, dass Präsident Putin seine Entscheidungen nicht nach einer Kostennutzenrechnung zu treffen scheint. Für ihn ist wichtiger, wie er in die Geschichte eingeht. Was bedeutet das für die Verhandlungen?  

Stein: Präsident Putin mag sich auf einer historischen Mission glauben, die ursprünglichen russischen Völker zu vereinen. Doch sogar er wird darin behindert, wenn so viele russische Soldaten sterben, dass er keine Reserven mehr hat und jetzt ausländische Kämpfer suchen muss. Das ist kein Zeichen von Stärke. Auch Staatschefs mit hochtrabenden Ambitionen können unter Druck geraten. Putin sieht die Risse im System. Seine engsten Berater im Sicherheitssystem machen sich langsam Sorgen über die innerstaatlichen Folgen dieses Kriegs. Und Putin ist weder komplett von der Realität abgeschnitten, noch ist er gänzlich immun gegen den Schaden, den dieser Krieg seinem Ansehen in Russland zufügt, wenn er genauso schlecht weitergeht wie bisher. Die große Frage ist: Wie weit wird er noch gehen? Ist er bereit, die ganze Ukraine in Schutt und Asche zu legen? Dann muss er das Land auch wieder aufbauen und besetzen, mit einer Armee, die schon jetzt mit dem Hass der ukrainischen Bevölkerung nicht zurechtkommt. Er hat einen riesigen strategischen Fehler begangen.

ZEIT ONLINE: Was kann der Westen tun, um diesen Krieg zu beenden?  

Stein: Zwei Dinge. Der Westen kann den Ukrainern möglichst lange und möglichst viele Verteidigungswaffen liefern. Leert die Arsenale! Die Mengen an Ausrüstung, die über die Grenzen gehen, erinnern jetzt schon an die Berliner Luftbrücke. Aber es müssen noch mehr werden, denn diese Waffen machen die ukrainische Armee so effektiv. Eine Flugverbotszone würde nur begrenzt nutzen, denn der größte Schaden für Zivilisten kommt von Raketen und Artilleriegeschossen.

ZEIT ONLINE: Und zweitens?

Stein: Zweitens müssen wir alle glaubhaften Mittelsmänner kontaktieren, um die Kommunikation aufrechtzuerhalten und nach Möglichkeiten für eine Waffenruhe zu suchen. So unappetitlich das den moralisch empörten westlichen Öffentlichkeiten auch zu sein scheint: Es ist das, was den Ukrainern am meisten helfen würde. Regierungschefs müssen weiterhin nach Moskau reisen. Wir müssen mit privaten Vermittlern sprechen. Das darf keine Schande sein, denn wir verhandeln nie mit unseren Freunden, sondern immer nur mit unseren Feinden.

ZEIT ONLINE: Was ist mit Selenskyjs Bitte, die Sanktionen noch zu verschärfen?  

Stein: Ein bisschen ließe sich noch machen, aber nicht mehr viel. Bei der Energie bestehen die größten Lücken. Wenn aber die Heizkosten durch die Decke gehen, riskieren die Nato-Staaten den öffentlichen Rückhalt für diesen Krieg.  

ZEIT ONLINE: Ein großes Thema in Deutschland.  

Stein: Genau. Deutschland könnte sagen: Wir unternehmen alles außer einer Militärinvasion und importieren kein russisches Öl und Gas mehr. Das wäre übrigens ein Weg, sich moralisch zu verhalten. Aber ich verstehe auch, warum die deutsche Regierung es nicht tut. 


Abendforum 

Orthodoxe Kirchen in der Ukraine und Russland 

Können sie zur Beendigung des Krieges beitragen? 

16. März 2022, 17:00 Uhr bis 18:30 Uhr, Online 

Am Tag des Kriegsbeginns hat Metropolit Onufriy als Oberhaupt der zum Moskauer Patriarchat gehörenden Ukrainisch-Orthodoxen Kirche betont, der Krieg sei weder vor Gott noch vor den Menschen zu rechtfertigen. Damit setzte sich der Metropolit deutlich von der Haltung des Moskauer Patriarchen Kyrill ab. Im Hintergrund steht auch ein Konflikt, der vor drei Jahren zur Spaltung der orthodoxen Kirche in der Ukraine geführt hat. Aktuell haben auch 250 Priester der Russisch-Orthodoxen Kirche in einem offenen Brief gefordert: „Stoppt den Krieg.“ 

Ein Hauptthema des Abends wird die Rolle und ein möglicher Beitrag der Kirche(n) zur Deeskalation bzw. für die Beendigung des Krieges sein. Dabei geht es auch um die Frage, was an Unterstützung von den Kirchen in der weltweiten Ökumene erwartet wird. 

Unser Gesprächspartner ist Dr. Sergey Bortnyk, Dozent an der Theologischen Akademie und Mitarbeiter im Außenamt der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche (Moskauer Patriarchat), Kiew. 

Die Veranstaltung findet in Kooperation mit der Evangelischen Akademie Villigst statt. Das detaillierte Programm und den Link zur Anmeldung finden Sie unter https://www.eaberlin.de/seminars/data/2022/pol/orthodoxe-kirchen-in-der-ukraine-und-in-russland 

Beachten Sie bitte aus aktuellem Anlass auch die Einladung zur Veranstaltung am 19.03.2022 „Back to basics? Abrüstung, Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung nach dem Ukraine-Krieg“ (u.a. mit Katja Keul, Staatsministerin im Auswärtigen Amt). https://www.kircheundgesellschaft.de/veranstaltungen/ungleichheit-frieden-konfliktafk-jahrestagung-2022-2022-03-17-150000-3472 

Diskutieren Sie mit uns – wir laden Sie herzlich ein! 


Friedensdemo in Garbsen
14.3.22, Cornelia Coenen-Marx

Das darf nicht sein. Dass Schulen und Krankenhäuser beschossen werden. Dass Familien auf der Flucht in ihren Autos sterben. Dass Menschen in den belagerten Städten ohne Wasser, Strom und Gas frieren und hungern. Dass die Supermärkte leer sind. Es darf nicht sein, dass die wunderbaren Städte, die schönen alten Kirchen in Schutt und Asche liegen. Und dass ein Land ein anderes überfällt. Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein.

Plötzlich höre ich Worte, die mich an die Kriegsgeschichten meiner Kindheit erinnern: Ausgebombt, verschüttet, entführt und verhört. Ich denke an die Familien, die damals ohne Väter blieben. An die Ruinen, in denen ich gespielt habe. Ich denke an die Kriegskinder, die jetzt im Alter noch einmal sehen, was sie nie wieder erleben wollten. Und an die Menschen unter uns, die aus den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien geflohen sind, aus Syrien oder Afghanistan oder vom Horn von Afrika. Alte Wunden reißen auf.

Wir sind in einer anderen Welt aufgewacht, hat Anna-Lena Baerbock am 24. Februar gesagt. Und es war eine Zeitenwende für uns alle. Tatsächlich sehen wir die Welt jetzt mit anderen Augen. Plötzlich erkennen wir, wie lange dieser Krieg geplant war – wir hätten es wissen können, aber wir haben Putin nicht ernst genommen. Jetzt sehen wir eine Aggression, die wir in Europa nicht mehr für möglich hielten. Unsere Träume vom ewigen Frieden sind wie Seifenblasen zerplatzt. Wir sehen russische Soldaten – 18, 19 Jahre alt-, die aus dem fernen Sibirien in die Ukraine gebracht werden. Wir hören von den Soldatenmüttern, die jetztum ihre Söhne bangen und trauen. Wir erleben, wie mutige Demonstranten in Moskau und St. Petersburg zusammengeknüppelt werden. Und wir bewundern den Freiheitswillen und den  Widerstand der Menschen in der Ukraine. Es war und ist richtig, dass wir den Widerstand, dass wir die Notwehr dieses Volkes unterstützen. Mit Sanktionen, ja – auch mit Defensivwaffen. Aber jetzt braucht es eine Waffenruhe, eine Feuerpause. Die Ukraine braucht sichere Fluchtkorridore für die Kinder, die Alten, die Familien.

Dabei weiß ich, viele wollen bleiben. So war es auch im letzten Krieg, als wir Deutschen das Land überfielen. „Ich fragte meine Mutter, warum ihre Großmutter Anna in Kiew geblieben sei“, schreibt die ukrainische Schriftstellerin Anna Petrowskaja. „Sie habe das Grab ihres Ehemanns Ozjel nicht verlassen wollten, sagte meine Mutter voller Gewissheit, und dann fügte sie etwas weniger überzeugt hinzu, Anna habe gedacht, es gäbe keine Notwendigkeit zu fliehen, oder vielleicht sei sie zu alt für die Flucht gewesen – aber eigentlich wisse sie das nicht“. Ich lese das und denke an die alte Frau, die sie in einer Schubkarre aus einem Dorf bei Kiew herauszogen.

Aber dieser Krieg findet nicht nur in der Ukraine statt. Die Flüchtlinge entfliehen ihm nicht. Er betrifft uns alle. Beim Presseclub gestern Mittag saßen die internationalen Gäste vor den Bildern der zerstörten Stadt Charkiv. Das ist die jetzt die Welt, in der wir leben und es gibt keinen Lebensbereich, der nicht betroffen ist:  Von der Ernährung bis zur Kultur, von Social Media bis zur Wirtschaft. Der Informationskrieg, der nun in der ganzen Welt stattfindet, tobt auch in unseren Köpfen: Es geht auch um unsere Freiheit und um unsere Demokratie.

Die Kriegslogik in unseren Köpfen – sie lässt uns den Blick nicht vom Handy nehmen. Viele können nicht mehr ruhig schlafen. Aber es ist wichtig, die Augen einmal zu schließen. Zur Ruhe zu kommen und Kraft zu schöpfen. Es ist wichtig, neue Klarheit zu gewinnen, damit der Hass nicht die Oberhand gewinnt. Damit wir uns immer wieder  verwurzeln im Frieden. Denn der Friede ist da – auch wenn wir ihn nicht sehen. In uns , um uns – eine andere Wirklichkeit. Menschen singen, Orchester spielen vom Frieden. Andere gehen in eine Kirche und zünden Kerzen an. Ich schließe die Augen und bete. Und heute stehen wir zusammen. 

Der Krieg ändert unser Leben total. Aber er hat nicht das letzte Wort. Das letzte Wort ist Frieden. Frieden machen, das ist der Ernstfall. Noch weiß niemand, wie das gehen soll in er Ukraine. Aber wir können viel tun, damit das bei uns gelingt: Wir können die Augen und die Hände aufmachen. Wir können spenden und Hilfsmittel liefern. Und wir können für die Geflüchteten da sein, die jetzt am Messebahnhof ankommen. Bei uns werden sie wohnen, ihre Kinder werden in unsere Schulen gehen – so wie die Kinder und Jugendlichen, die mit ihren Eltern aus Russland gekommen sind. Wir können dafür sorgen, dass der Krieg nicht weitergeht auf unseren Schulhöfen oder in den Pflegeteams in unseren Heimen und Krankenhäusern. Das darf nicht sein, dass Menschen nach nationaler Herkunft getrennt werden. Wir sind eine offene Gesellschaft- das macht unsere Freiheit aus. Die Freiheit, nach der sich so viele sehnen. In der Ukraine und auch in Russland. Die Demonstranten in Moskau und St. Petersburg, die Künstlerinnen und Künstlern, die Wissenschaftlern: Vergessen wir sie nicht. Sie sind die zweiten Opfer des Krieges. Denn Kriege kann man nicht gewinnen. Kriege kennen nur Verlierer. Gewinnen werden wir nur im Frieden.


https://eulemagazin.de/die-macht-gewaltlosen-widerstands/

VON BENJAMIN ISAAK-KRAUSS, 10. MÄRZ 2022

Die Macht gewaltlosen Widerstands

Ziviler Widerstand, der auf Gewaltanwendung verzichtet, ist nicht weniger „realistisch“ als der bewaffnete Kampf und Aufrüstung. Im Gegenteil: Er hat viel häufiger Erfolg.

Unbewaffnete Menschen blockieren PanzerStraßenschilder werden verändert, sodass „F*ckt euch!“ darauf steht oder alle Wege nach Den Haag zum Internationalen Strafgerichtshof zeigen. Es kursieren Videos von Ukrainern, die russischen Soldaten, die ohne Benzin gestrandet sind, anbieten, sie nach Moskau abzuschleppen, und Bilder von russischen Deserteuren, die mit Tee und Jubel empfangen werden. In ganz Europa organisieren Menschen Netzwerke der gegenseitigen Hilfe, die Hilfsgüter in die Ukraine bringen und verteilen, und helfen, Flüchtlinge unterzubringen und zu versorgen.

In Russland riskieren tausende bei Demonstrationen ihre Freiheit und ihr Leben, während hunderte Priester mutig ihrer Hierarchie widersprechen, zu Befehlsverweigerung aufrufen und Präsident Putin mit Verdammnis drohenHacker durchbrechen die Mediensperre des staatlichen Fernsehens und senden zensierte Kriegsbilder. Tausende Freiwillige nutzen Google-Rezensionen und andere kreative Wege, um offene Kommunikationskanäle zu schaffen und den kriegstreiberischen Lügen der Staatspropaganda etwas entgegenzusetzen.

Diese Wirklichkeit des massenhaften und gewaltfreien Widerstands in der Ukraine und Russland wird in den Diskussionen über eine „Zeitenwende der Friedensethik“ ausgeblendet oder bestenfalls als sekundär zur militärischen Verteidigung der Ukraine und den Sanktionen der russischen Wirtschaft gesehen. Besonders deutlich wird dies im Artikel von Johannes Fischer im Magazin zeitzeichen. Auch Ralf Haska blendet im Interview mit der Eule zivile Verteidigung aus, erwähnt lediglich die Produktion von Molotov-Cocktails (die als Anti-Panzer-Waffen nicht tödlich sind und auch wenig Effekt haben).

Diese selektive Wahrnehmung und das Gefühl der Ohnmacht angesichts des Angriffskrieges, führen zum fatalen Ruf nach Aufrüstung. Dabei werden strategische Interventionsmöglichkeiten zur Schwächung von Putins Macht verspielt. Im Eifer für mehr „Realismus“ werden die Ergebnisse empirischer Forschung ignoriert, die gezeigt hat, dass gewaltfreie Bewegungen in den letzten hundert Jahren etwa doppelt so erfolgreich waren als solche, die auf einen bewaffneten Kampf setzten.

Im Folgenden möchte ich die spontanen Formen gewaltfreien Widerstands kurz in den Kontext der Forschung zu zivilem Widerstand und sozialer Verteidigung einordnen, in der Hoffnung, die Debatte über eine wirklichkeitsgemäße und evangelische Friedensethik zu versachlichen. Schließen möchte ich mit einer Reihe Fragen schließen, die eine realistische Friedensethik sich stellen müsste.


https://www.facebook.com/deutschebahn/photos/a.317045298314476/5228972627121694/

Unsere Schienenbrücke von DB Cargo und DB Schenker nimmt Fahrt auf: In der Nacht zum Freitag ist bei Berlin ein erster Zug mit 350 Tonnen Hilfsgütern für die Menschen in der #Ukraine gestartet. Vielen Dank an alle Spender:innen und Beteiligten! Weitere Züge sind geplant. #WeStandWithUkraine

Alle Infos unter: https://www.deutschebahn.com/ukraine

Die Kathedrale des heiligen Volodymyr, Kiew.
Foto: Tony Brooks

https://www.facebook.com/gib.demfrieden.deingesicht/photos/a.106040168673349/119179947359371/

„Frieden liegt in der Verantwortung der Menschheit.
Er entspricht einer Haltung und Lebenseinstellung. Er ist überlebenswichtig.“
Susanne Zilgens, geb. 1972. Heilpädagogin
#friedensgesichter #75jahre #aachenerfriedenskreuz


https://chrismon.evangelisch.de/newsletter/2022/chrismontag-hilfe-fuer-die-ukraine-52415

chrismontag: Hilfe für die Ukraine

Liebe Leserin, lieber Leser.

Eine junge Frau drückt im Luftschutzkeller ihr Baby an sich. Zerbombte Häuser, verzweifelte Menschen. Die Berichte aus der Ukraine, die Fotos, die Filme: fürchterlich bedrückend. Gestern die Meldung des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen, dass seit Beginn des Kriegs in der Ukraine mehr als 1,5 Millionen Menschen in andere Länder geflohen sind.

Viele Leute in Deutschland wollen den Ukrainern helfen, mit Geld, mit Lebensmitteln, mit Decken, mit Powerbanks, das ist toll! Aber wie? Und wo kann man sich melden, wenn man Hilfsgüter sortieren, Geflüchtete privat unterbringen möchte? Unser Mitarbeiter Daniel Friesen hat eine Übersicht angelegt, die laufend aktualisiert und erweitert wird, darin kleine Kirchengemeinden und große Organisationen.

Wie etwa das Gustav-Adolf-Werk, das Diasporahilfswerk der evangelischen Kirche. Es unterstützt Partnergemeinden, auch die Deutsche Evangelisch-Lutherische Kirche in der Ukraine (DELKU) in Odessa. Oder Gemeinden in den Nachbarländern Ungarn, Polen, Rumänien und der Slowakei.

Ehrenamtliches Tun beschäftigt uns in der chrismon-Redaktion sowieso immer, ganz neu interviewen wir jetzt jeden Monat jemanden, der oder die sich einsetzt, als Müll-Engel oder als Lesepatin. Denn ja, die Hilfen für Ukrainer und Ukrainerinnen sind dringlich, aber es werden auch weiterhin Leute gebraucht, die in Frankfurt am Main Müll sammeln oder Kindern vorlesen.

Und so schön es ist, jemandem helfen zu können, manchmal gibt es im Ehrenamt auch Frust. Wie man den vermeiden kann, erzählt der Diplom-Pädagoge Tim Kurth vom Diakonischen Werk Main-Taunus im Interview.

Ich wünsche Ihnen eine zuversichtliche Woche.

Herzliche Grüße

Mareike Fallet
Textchefin

Spenden für Kriegsopfer in der Ukraine

Hilfe für Kriegsopfer

Zahlreiche Organisationen und Initiativen bitten um Spenden für die Opfer des Ukraine-Krieges. Eine Übersicht

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Gustav-Adolf-Werk: Spenden für die Ukraine

Nothilfe für die Ukraine

Das Gustav-Adolf-Werk unterstützt Partnergemeinden im Kriegsgebiet – und Geflüchtete, etwa in Polen

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Interview mit einem Pfarrer aus Odessa zum Krieg in der Ukraine

„Wir können die Menschen hier nicht verlassen“

Der russische Präsident hat seinen Truppen befohlen, die Ukraine anzugreifen. Ein Stimmungsbild aus Odessa von Pfarrer Alexander Gross

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Ehrenamtlicher Müllsammler

„Man macht das Leben sauberer“

Martin Franke, ist Müll-Engel in Frankfurt am Main. Warum macht er das?

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Ehrenamtliche Lesepatin

„Er setzte sich zu uns und lauschte still“

Marion Fütterer, 85, liest jede Woche Flüchtlingskindern vor. Warum macht sie das?

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Wie sich Ehrenamtliche vor Frust schützen

„Gehen Sie ehrlich miteinander um!“

Tim Kurth rät Ehrenamtlichen, Erwartungen klar auszusprechen und sich und andere nicht zu überfordern

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https://www.texterella.de/mode-text.php/lifestyle/comments/Krieg_Ukraine

Texterella persönlich.

Wie ich in diesen Zeiten bei Sinnen bleibe.

Nach zwei Jahren Pandemie und einigen privaten Traurigkeiten hätte ich nicht gedacht, dass sich das alles noch toppen lassen würde – im negativen Sinne. Und doch ist es genauso gekommen. Nicht nur gibt es gut 1000 Kilometer entfernt einen Krieg, P*tin zündelt auch noch mit der Atombombe. Was ist nur mit unserer Welt passiert? Die Frage stelle ich mir mittlerweile jeden Tag. Nein: jede Stunde.

Und auch wenn dies Zeiten von großer Solidarität, Hilfsbereitschaft und Altruismus sind und auch sein müssen – so sollten wir uns unbedingt auch um uns selbst kümmern. Nur wenn wir selbst bei Kräften bleiben, können wir anderen helfen. Kennen wir ja vom Fliegen: Erst sich selbst die Sauerstoffmaske aufsetzen, und dann anderen helfen.

Es ist also nicht egoistisch in diesen Zeiten auch an sich selbst zu denken. Im Gegenteil: Es ist vernünftig und fürs Ganze sogar hilfreich. 

Beten hilft mir persönlich auch.
(Foto: Susanne Ackstaller, Georgien 2019)

Was wem hilft, ist natürlich sehr individuell. Die eine betreibt Business as usual, um schlimme Gedanken zu vertreiben, die andere packt im Akkord Care-Pakete mit Babykleidung und Windeln, die dritte konsumiert eine Nachrichtensendung nach der anderen und kann nicht aufhören auf dem Handy durch die News zu scrollen („Doomscrolling“ nennt sich das übrigens, habe ich gelernt). Natürlich ist nichts davon falsch und es steht mir sowieso nicht an, darüber zu urteilen. Was „gut tut“ oder wenigstens ein Ventil ist, ist okay. 

In diesem Beitrag spreche ich also nur von mir. Was mir hilft und was ich tue, um in diesen Tagen bei Verstand zu bleiben. Bei dir kann es etwas anderes sein. 

Ich darf mich überfordert fühlen

Ich gestehe es mir zu, aktuell überfordert zu sein. Es ist okay, dreimal am Tag wegen Nichtigkeiten in Tränen auszubrechen, sich nicht konzentrieren zu können und nichts „geschafft“ zu kriegen. Ich bin ein Mensch, keine Maschine. Ich darf traurig, ratlos und am Limit sein. 

Vorsicht mit Nachrichten!

Meine Nachrichtenkanäle wähle ich bewusst aus. Alles, was nach Riesenschlagzeilen und Clickbaiting aussieht, vermeide ich tunlichst. Diese Art Journalismus lebt davon, Katastrophen zu überhöhen und mit den Ängsten der LeserInnen zu spielen. Überhaupt höre ich Nachrichten lieber, als dass ich sie lese, denn so vermeide ich Bilder – die sich mir leider immer sehr schnell einbrennen. Am liebsten mag ich die Politik-Podcasts auf Deutschlandfunk: Hier bekommt man gut recherchierte Nachrichten und Informationen so sachlich präsentiert, dass sie besser verträglich sind. Übrigens muss man auf Social Media immer auch mit Fake News rechnen. Alles, was mir seltsam vorkommt, versuche ich erstmal zu verifizieren, bevor ich es weitergebe. 

Eskapismus ist erlaubt

Ja, dies ist die Zeit für „Emily in Paris“, die x-te Wiederholung von „Sex and the City“ und andere Lieblingsfilme mit Happy End. Damit drücke ich ganz bewusst die Pausentaste für die Katastrophennachrichtendauerschleife in meinem Kopf. Schwere Literatur versuche ich zu vermeiden, die Situation ist schwer genug. Die tollen und gut recherchierten Historienschinken von Rebecca Gablé etwa entspannen mich und lenken mich ab. Zugleich versuche ich möglichst viel Zeit mit meiner Familie zu verbringen: Mein Mann, meine Kinder und die Katzen tun mir wirklich gut.

Aktiv helfen

Viel können wir ohnehin nicht tun, aber bei dem wenigen, das möglich ist, werde ich aktiv: ich spende, ich biete unser Gästezimmer für Geflüchtete an und am Sonntag war ich in Freising auf einer Mahnwache. Friedensdemos als sichtbares Zeichen der Unterstützung und der Solidarität gegenüber der Ukraine halte ich sogar für besonders wichtig. 

Letztlich versuche ich aber auch, das Geschehen zu akzeptieren. Es ist, wie es ist. Und ich kann es nicht ändern. Es ist doch so: Irgendwie geht es immer weiter, und wie auch immer dieser Krieg ausgeht – wir werden damit zurechtkommen. Weil wir es müssen. Das stimmt mich auf eine seltsame Art zuversichtlich. Irgendwann, da bin ich mir sicher, werden wir wieder fröhlich sein und lachen.

Und hier auf Texterella?

Was mich auch noch bewegt, sind ganz konkret die Inhalte, die ich aktuell auf meinem Blog teile: einerseits möchte ich nicht in eine freudlose Endzeitstimmung verfallen, andererseits scheint mir die bunte und fröhliche Modewelt derzeit auch nicht passend. Ich bin wirklich unentschlossen, was ich hier auf Texterella veröffentlichen kann/soll – und was du hier aktuell lesen willst. Für ein kleines Stimmungsbild in den Kommentaren wäre ich daher sehr dankbar! 

Ein paar Blogger-Kolleginnen haben ebenfalls über das Thema geschrieben:

Claudia Steinlein von Glam up your lifestyle: Ein paar Worte über die aktuelle Situation

Conny Doll von Conny Doll Lifestyle: Solidarität auf Social Media

Joanna Goetz von Liebesbotschaft: Krieg in der Ukraine. Wie ich mit der momentanen Situation umgehe.

Nic Hildebrandt von Luzia Pimpinella: #StandwithUkraine Sieben Dinge, die jede*r tun kann, um der Ukraine zu helfen.

Nicole von Life with a Glow: Montagsgedanken


https://www.kirchentag.de/service/aktuelles/maerz-22/erklaerung-des-praesidiumsvorstandes?mtm_campaign=NewsletterUkraine&mtm_kwd=erklaerung

Aktuelles

Erklärung des Präsidiums

Der Deutsche Evangelische Kirchentag lädt seit 1949 zum friedlichen Dialog ein und fordert zur gesellschaftlichen Verantwortungsübernahme auf. Als engagierte Christ:innen richten wir deshalb unseren Apell direkt nach Moskau: Kehren sie um! 

 Mehr lesen

Katastrophenhilfe der Diakonie

Wir rufen auf, die Arbeit humanitärer Hilfsorganisationen für die Ukraine und Menschen auf der Flucht mit Spenden und Tatkraft zu unterstützen. 
Jetzt spenden!


https://www.focus.de/politik/symbol-im-ukraine-krieg-bedeutung-des-russischen-kriegssymbols-z-propandazeichen-und-panzermarkierung_id_64613062.html

Panzer-Marker, Hashtag, Propaganda-Instrument

Was es mit dem russischen Kriegssymbol „Z“ auf sich hat

Der Buchstabe „Z“ ziert viele russische Militärfahrzeuge – und gilt inzwischen als Propaganda-Symbol.
Screenshot: Twitter/kamilkazani

Dienstag, 08.03.2022, 05:52

Russische Militärfahrzeuge, die in der Ukraine einfielen, waren häufig mit einem weißen „Z“ gekennzeichnet. Inzwischen nutzen auch viele russische Nationalisten, Influencer und Firmen den Buchstaben, den es eigentlich im kyrillischen Alphabet gar nicht gibt. Manche sprechen gar vom „neuen Hakenkreuz“. Was es mit dem Symbol auf sich hat.

Der Turner Ivan Kuliak gewann am vergangenen Wochenende Bronze am Barren bei der Weltmeisterschaft in Doha. In die internationalen Medien geriet er aber wegen etwas anderem: Bei der Siegerehrung trug Kuliak den Buchstaben „Z“ auf seinem Trikot, als er neben seinem ukrainischen Rivalen Illia Kovtum stand, der Gold gewann.

Schnell kündigte der Internationale Turnerbund eine Untersuchung des „schockierenden“ Verhaltens von Kuliak an – denn das „Z“ ist seit dem Angriffskrieg Russlands auf das Nachbarland Ukraine zu einem Propaganda-Symbol geworden.


https://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/psychologie/koennen-wir-nicht-einfach-wegdruecken-kriegsbilder-ueberall-psychologin-nennt-7-methoden-um-besser-damit-klarzukommen_id_64810218.html

„Können wir nicht einfach wegdrücken“

Kriegsbilder überall: Psychologin nennt 7 Methoden, um besser damit klarzukommen

Kriegsbilder sind nur schwer aus dem Kopf zu bekommen
Getty Images/iStockphoto/AntonioGuillem

Dienstag, 08.03.2022, 11:09

Ob in den sozialen Medien oder in den Nachrichten – die Schreckensbilder vom Krieg aus der Ukraine sind omnipräsent. Bilder, die vielen Menschen Angst machen und sie schwer belasten. Wir haben mit einer Psychotherapeutin darüber gesprochen, wie man das Gesehene am besten verarbeitet.

Zerbombte Städte, weinende und verängstigte Menschen auf der Flucht, Tote und Verletzte – die Bilder aus der Ukraine erschüttern bis ins Mark. Nicht nur in den Nachrichten sehen wir sie, auch die sozialen Medien sind voll davon. Neben Wut, Trauer und Betroffenheit lösen sie bei vielen auch Ängste aus. Vor allem bei Menschen, die selbst schon Krieg und Flucht durchgemacht haben, kommen dadurch Erinnerungen an das Selbst-Erlebte wieder schmerzlich ins Bewusstsein.

1. Annehmen und Verunsicherung akzeptieren

Wie also können wir mit diesen belastenden Bildern umgehen, die sich nur zwei Flugstunden von uns entfernt abspielen? „Zunächst einmal müssen wir akzeptieren, dass wir dadurch verstört und verunsichert sind, das können wir nicht einfach wegdrücken“, sagt Felicitas Heyne, Diplom-Psychologin und Familientherapeutin, gegenüber FOCUS Online.

Es zeigt, dass wir emphatisch sind und es ist wichtig, diese Gefühle wahr- und auch anzunehmen“, führt Heyne aus. Die Emotionen zu unterdrücken, sei kontraproduktiv. „Wenn ich Ihnen sage, denken Sie nicht an einen rosa Elefanten, denken Sie natürlich an einen rosa Elefanten“, erklärt die Therapeutin. Denn das Wort „nicht“ versteht unser Gehirn nicht.

2. Kriegsbilder mit positiven Bildern ersetzen

„Genau deshalb müssen wir diese Schreckensbilder im Kopf regelmäßig mit positiven ersetzen und so bewusst einen Gegenpol schaffen“, empfiehlt Heyne. Unerlässlich sei deshalb, dass wir nicht in ein sogenanntes „Doomscrolling“ verfallen – und im Sog der Algorithmen auf Social Media immer weiterscrollen und immer noch mehr schreckliche Bilder und Nachrichten sehen und lesen. „Gerade für Menschen, die sehr darunter leiden, ist es momentan wichtig, sich ein zeitliches Limit für den Medienkonsum zu setzen, um sich nicht darin zu verlieren“, rät die Psychologin.   

Denn in Angst und Mitleid zu versinken, hilft letztendlich niemandem. „Es nützt den Menschen in der Ukraine gar nichts, wenn es uns schlecht geht“, führt Heyne weiter aus. Deshalb bräuchten wir im Umkehrschluss auch kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn es uns gut geht, betont Heyne. „Das denken jetzt viele Menschen, aber es darf und soll uns gutgehen und dafür sollten wir auch dankbar sein.“

3. Aktiv werden gegen Ohnmacht und Angst

Ein weiterer Weg, um aus der negativen Gedankenspirale herauszukommen, sei deshalb auch, aktiv zu werden und zu helfen. „Es gibt so viele Möglichkeiten, sich einzubringen – sei es durchs Spenden, Kleidung, Spielsachen oder Medikamente zu sammeln und zu Hilfsorganisationen zu bringen oder selbst auch Flüchtende aufzunehmen – jeder kann etwas tun.“ Aktiv zu werden und zu handeln sei dabei entscheidend und helfe gegen das Gefühl der Angst und der Ohnmacht. „Jeder kann sich selbst überlegen, wie und in welchen Umfang er helfen oder unterstützen möchte und kann“, so Heyne.

4. Psychischen Stress physisch abbauen

Darüber hinaus empfiehlt die Therapeutin auch bewusst durch Meditation, Atemübungen, Muskelentspannung, autogenes Training oder körperliche Aktivität wieder eine innere Balance herzustellen – also den emotionalen Stress physisch abzubauen. „Das hilft gut bei der Angstbewältigung.“

5. Über das Gesehene sprechen

Hilfreich seien auch Gespräche und der Austausch mit anderen. „Wichtig ist es dabei, mit Menschen darüber zu sprechen, die eine positive und optimistische Haltung haben und eine Stütze sein können“, betont die Therapeutin. Auch malen oder seine Gedanken aufzuschreiben helfe dabei, seinen Ängsten Ausdruck zu verleihen und sie so abzubauen.

Hinweis für Betroffene:

Bei Sorgen und Ängsten bezüglich des Krieges können Sie sich auch an die Deutsche Telefonseelsorge wenden, die rund um die Uhr erreichbar ist. Die Gespräche sind kostenfrei und anonym.
Tel. 0800/1110111
Tel. 0800/111 0 222
Per Mail und Chat unter online.telefonseelsorge.de

6. Negative Bilder und Gedanken aus dem Kopf holen

Eine weitere Methode, um belastende Erfahrungen und Bilder zu entmachten, bietet die auch die Tresor-Technik, die in der Trauma-Therapie zum Einsatz kommt. „Mit dieser Technik versucht man belastende Erinnerungen, die man mit einem Symbol oder einem Bild verknüpft greifbar zu machen und dann in einem imaginären inneren Tresor wegzusperren“, erläutert Psychologin Felicitas Heyne. Zu einem späteren Zeitpunkt könne man diese Erinnerungen dann wieder hervorholen und genauer ansehen, wenn man möchte.

Hilfreich sei aber auch eine viel einfachere Methode: „Negative Gedanken oder Erlebnisse am besten auf einem Zettel notieren, den Zettel dann weglegen oder wegsperren und bewusst sagen: ‚Du bist jetzt nicht mehr in meinem Kopf‘.“ Beides seien bewährte Methoden, die selbst bei schwersten Traumata zum Einsatz kämen und Wirkung zeigten, so Heyne.

Weitere Berichte zum Krieg in der Ukraine

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj ist das Ziel Nummer 1 von Putin. Laut einem Bericht der britischen „Times“ konnten bereits drei Anschläge auf den ukrainischen Staatschef vereitelt werden. Doch was passiert, falls Selenskyj tatsächlich getötet oder gefangen genommen wird?

Seit zehn Tagen tobt Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine, doch noch immer verteidigen die ukrainischen Streiftkräfte mit aller Kraft. Eine starke Front, die offenbar auch Putin und seine Armee überrascht. Die sieht sich mit einem doppelten Widerstand konfrontiert – neben tapferen Zivilisten verteidigen auch vom Westen ausgebildete und ausgestattete Spezialkräfte das Land.

Russland bietet eine erneute Feuerpause am Dienstag an, um Fluchtkorridore zu öffnen. Unterdessen berichtet das Pentagon, dass Russland mit fast allen mobilisierten Soldaten in die Ukraine einmarschiert ist. Das belagerte Mariupol ist ohne Wasser, Lwiw bittet aufgrund zahlreicher Geflüchteter in der Stadt um Hilfe. Die Lage des Krieges in der Ukraine im Überblick.


https://www.facebook.com/avitall.cantor/posts/4868053623314000

Avitall Gerstetter

Die Soli-Bänder sind angekommen. Wer mindestens 6 Euro überweist, bekommt ein Band der Solidarität. Die Spenden gehen an die ukrainische Botschaft.
Konto: Makkabi-Potsdam e.V. Sparkasse Berlin
IBAN: DE73 1005 0000 0190 8204 38
Spendenbescheinigung ab einem Betrag von 200 Euro möglich #standupforukraine


https://www.landeskirche-hannovers.de/evlka-de/presse-und-medien/frontnews/2022/03/09?fbclid=IwAR1cdrkAtjL5BSDWRG2o6k4ZinNA8NJuRXpuOUPmfPcNeI1ITdlmSoEZeEE

Eine ukrainische Familie aus Kovel hat in Walsrode Schutz gefunden

Seit 30 Jahren besucht Ljuba Semenjuk Walsrode – als Dolmetscherin für ukrainische Ferienkinder. Dass sie als Kriegsflüchtling kommen würde, lag außerhalb ihrer Vorstellungskraft. Doch jetzt ist sie da – mit ihrer Tochter und zwei Enkelkindern.

Die 13-jaehrige Zlata (2.v.li.) ist mit ihrer Mutter Oksana (3.v.li.), ihrem Cousin Dima (2.v.re.) und ihrer Grossmutter Ljuba Semenjuk (li.) am Mittwoch (02.03.2022) im Walsroder Ortsteil Bomlitz im Landkreis Heidekreis angekommen (Foto vom 04.03.2022). Sie sind vor dem Krieg aus ihrer Heimatstadt Kovel in der West-Ukraine geflohen. Jetzt wohnen die vier bei Herwig Sager (re.) von der „Kinderhilfe Kovel“, im Haus seiner kuerzlich verstorbenen Mutter. In den offiziellen Einrichtungen der Landesaufnahmebehoerde sind seit Beginn des Ukrainekonflikts bis zum Wochenende rund 500 Personen aufgenommen wurden. Ljuba kennt Bomlitz, und sie kennt Herwig Sager. Sie war schon oft bei ihm zu Gast. Seit mehr als zehn Jahren dolmetscht die 62-Jaehrige fuer die „Kinderhilfe Kovel“, einen Verein, der Anfang der neunziger Jahre infolge des Reaktorungluecks in Tschernobyl entstanden ist und Erholungsurlaube fuer ukrainische Kinder bei Gastfamilien organisiert. Dass sie einmal als Kriegsfluechtling kommen wuerde, lag ausserhalb ihrer Vorstellungskraft. (Siehe epd-Bericht vom 06.03.2022)

Zlata und „Tante Hedwig“ sind unzertrennlich. Den ganzen Tag schmusen und toben sie. Kommt Zlata ein Fremder zu nah, knurrt der Schweizer Sennhund. Ein Wachhund eben. Er ist den Menschen treu, gibt Schutz und warnt bei Gefahr – all das benötigt die 13-Jährige in diesen Tagen mehr denn je.

Zlata ist mit ihrer Mutter Oksana, ihrem Cousin Dima und ihrer Großmutter Ljuba Semenjuk am Mittwoch im Walsroder Ortsteil Bomlitz im Landkreis Heidekreis angekommen. Sie sind vor dem Krieg aus ihrer Heimatstadt Kovel in der West-Ukraine geflohen. Jetzt wohnen die vier bei Herwig Sager, im Haus seiner kürzlich verstorbenen Mutter. In den offiziellen Einrichtungen der Landesaufnahmebehörde sind seit Beginn des Ukrainekonflikts bis zum Wochenende rund 500 Personen aufgenommen wurden.

Ljuba kennt Bomlitz, und sie kennt Herwig Sager. Sie war schon oft bei ihm zu Gast. Seit mehr als zehn Jahren dolmetscht die 62-Jährige für die „Kinderhilfe Kovel“, einen Verein, der Anfang der neunziger Jahre infolge des Reaktorunglücks in Tschernobyl entstanden ist und Erholungsurlaube für ukrainische Kinder bei Gastfamilien organisiert.

Das erste Mal kam Ljuba 1992 mit ihrer damals zehnjährigen Tochter Oksana. Fröhliche Sommerfeste und blauer Himmel – das war Walsrode für die Semenjuks. „Wir haben immer so viel gelacht und jetzt?“, fragt die zierliche Frau, und die Tränen laufen ihr unablässig über das Gesicht.

Nie habe sie sich träumen lassen, dass es so weit kommen könnte. Natürlich gäbe es schon lange Sorgen und Ängste, aber die Separatistengebieten Donezk und Luhansk im Osten der Ukraine lägen weit von der 70.000-Einwohner-Stadt Kovel entfernt, fast 1.200 Kilometer. Dass Russland die gesamte Ukraine angreifen würde? Undenkbar.

„Ich wollte nicht weg“

Die 13-jährige Zlata spielt mit dem Hund von Gastgeber Herwig Sager. Zlata und ihre Angehörigen können im Haus seiner verstorbenen Mutter wohnen. epd-Bild: Harald Koch

„Ich wollte nicht weg“, sagt Ljuba, die bereits viele Jahre verwitwet ist, „aber dann rief Oksana mitten in der Nacht und sagte, Bomben würden fallen, da haben wir gepackt.“ Eine kleine Tasche für jeden, 20 Minuten später ging es los. Mit Sager standen sie bereits in Kontakt. „Wir haben auch vor dem Angriff oft miteinander telefoniert.“ Für Sager stand außer Frage, dass er helfen würde. Auch dem 62-Jährigen fehlen die Worte. Er wischt sich Tränen aus den Augen. „Ich hätte nie gedacht, dass das passieren könnte.“

Die Frauen sorgen sich jede Stunde, jede Minute. An Schlaf ist nicht zu denken. „Mein Kopf und mein Herz platzen“, sagt Ljuba und reibt sich die Schläfen. Ihre Gedanken sind vor allem bei Sirgei, Ljubas Sohn und Dimas Vater, sowie Oksanas Mann Vitali. Beide sind in Kovel geblieben. Sie sind 43 und 40 Jahre alt und dürfen die Ukraine nicht verlassen. Das wollen sie auch nicht, wie Oksana betont. Die Männer bauten Barrikaden und Molotow-Cocktails, transportierten Lebensmittel und Medikamente. „Sie helfen, unsere Stadt zu beschützen“, sagt sie.

Michael Haacke ist langjähriger Vorsitzender der „Kinderhilfe Kovel“. Als er eine „SOS-Mail“ aus dem Rathaus Kovel erhielt, mit der Bitte, Unterkünfte zu besorgen, startete er einen Aufruf. Mehr als 200 Menschen meldeten sich und boten Zimmer an, nicht nur in der Region, „sondern aus einem Gebiet von Bremen bis Holzminden“, sagt Haacke.

Er selbst hat sich Freitagnacht mit einem Reisebus auf den Weg Richtung Ukraine gemacht. Im polnischen Chełm will er Flüchtlinge aus Kovel übernehmen, die sich mit einem von der „Kinderhilfe Kovel“ organisierten Bus auf dem Weg zur Grenze gemacht haben – unter ihnen eine weitere langjährige Dolmetscherin des Ferienprojekts mit ihrer 87-jährigen Mutter. „Dass diese Frau, die im Zweiten Weltkrieg Fürchterliches erlebt hat, das Vertrauen gefunden hat, zu uns zu kommen, rührt mich zutiefst“, sagt Haacke.

„Städtepartnerschaft nicht nur auf dem Papier“

Schreckliche Nachrichten aus der Heimat: Im Fernsehen ist Putins Krieg gegen die Ukraine Dauerthema. epd-Bild: Harald Koch

Dass die Hilfe für die Ukraine in Walsrode so effizient läuft, liegt Haackes Ansicht nach in der langjährigen, engen Verbindung mit Kovel. Die Partnerschaft, die 2003, lange nach der Vereinsgründung, geschlossen wurde, habe auf einem vertrauensvollen Miteinander aufsetzen können. Das sei wichtig. „Die Menschen haben die Städtepartnerschaft mit Leben gefüllt“, sagt der 62-jährige Tischler, „die existiert nicht nur auf dem Papier.“

Eine weitere lebendige Städtepartnerschaft mit Kovel gibt es knapp 100 Kilometer südlich von Walsrode. Barsinghausen (Region Hannover) und Kovel sind seit 2008 offiziell verbunden. Auch hier gibt es einen Verein, die „Kinderhilfe Ukraine“, die jeden Sommer sozial benachteiligte Kinder aus der ukrainischen Stadt aufnimmt.

An diesem Wochenende erwartet der Verein 50 Kinder. Sie werden ebenfalls alle privat unterkommen. „So schlimm es ist, dass sie von ihren Familien getrennt sind, ich bin sicher, dass es für die Eltern eine große Entlastung ist, ihre Kinder in Sicherheit zu wissen“, sagt die zweite Vorsitzende Andrea Gaede.

In Walsrode laufen derweil weitere Hilfsaktionen. Während Ljuba, Oksana, Dima und Zlata mit Sagers Hilfe versuchen, über das Unfassbare zu sprechen und etwas Zuversicht zu finden, sind Haacke und seine Mitstreiter dabei, einen LKW mit Sachspenden zu beladen. Anfang der Woche wollen sie losfahren. „Es ist gut, dass wir so viel zu tun haben“, sagt Haacke, „das lenkt etwas ab.“

Julia Pennigsdorf (epd)