Newsletter Nr.2/ Juni/Juli 2016

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THEMENÜBERSICHT IN DIESEM NEWSLETTER:
 KRAFTORTE DER DIAKONIE  DIAKONISCHE PILGERREISEN
 VOM WERT GUTER SORGEARBEIT ★ AUFBRÜCHE IN UMBRÜCHEN

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Von der eigenen Kraft diakonischer Orte

„Man friert dort im Winter, gibt es doch keine Heizung; im Sommer kann es manchmal recht stickig sein, und doch fasziniert die Vorstellung, dass gerade hier, an diesem kaum veränderten Ort schon frühere Generationen gewirkt haben“, schreibt Norbert Friedrich, der Leiter der Fliedner-Kultur-Stiftung, über das Gartenhäuschen, in dem die diakonische Arbeit in Kaiserswerth mit der Aufnahme von zwei strafentlassenen Frauen begann. Und Claudia Rackwitz-Busse aus dem Rauhen Haus sagt: „Ich wäre nicht Rauhhäusler Diakonin, wenn ich nicht von Kraftorten und Kraftworten Johann Hinrich Wicherns begeistert und motiviert wäre. Seine Entscheidung vor über 180 Jahren, an die Orte zu gehen, an denen Not entsteht, wie im Gängeviertel in Hamburg, war bahnbrechend. ‚Wenn die Leute nicht zur Kirche gehen, muss die Kirche zu den Leuten gehen‘, das war sein Motto. Er schuf Räume, in denen Menschen sich entwickeln konnten.“

Welche Bedeutung haben Orte und Räume für die diakonische Arbeit? Als Schutzräume oder Orte der Inspiration, als Lernorte und Arbeitsplätze? Welche Rolle spielen Räume für unser Lebensgefühl, unseren sozialen Status und unsere Gesundheit? Darüber diskutieren wir auf dem Blog „Diakonische Kraftorte“, wo auch die Interviews mit Norbert Friedrich und Claudia Rackwitz-Busse erschienen sind. Weitere werden folgen und ich würde mich freuen, wenn Sie sich beteiligen. Oder Sie diskutieren mit auf unserer Facebook-Seite Seele und Sorge

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Pilgern, um an den drängenden Fragen zu arbeiten

Norbert Friedrich hat Recht: Die alten Orte der Diakonie mit ihren oft anrührend einfachen, manchmal auch ehrwürdigen historischen Gebäuden wirken teilweise wie „aus der Zeit gefallen“ – verglichen jedenfalls mit der modernen, oft allzu nüchternen Gestaltung heutiger Notaufnahmen, Quartierscafés oder Demenzstationen in Pflegeheimen. Aber auch da gibt es – trotz Kostendruck, Stress und Leidenserfahrungen – großartige Gestaltungsideen und Modelle. Beidem wollen wir ab Oktober dieses Jahres mit unseren Diakonischen Pilgerreisen nachgehen. Im Mittelpunkt steht jeweils ein Thema: Die Reise vom 2. bis 5. Oktober nach Kaiserswerth widmet sich der Pflege, vom 5. bis 8. Februar 2017 in Hannover geht es um das Altern im Wandel der Lebensphasen. Nicht zuletzt der Alterssurvey der gerade erschienen ist, zeigt, wie viel Bewegung in der Dritten Lebensphase steckt. Im April steht dann in Berlin das Thema Armut im Mittelpunkt.

Ausführlichere Informationen zu den einzelnen Diakonischen Pilgerreisen und den besonderen Orten, zu den Referentinnen und den Programmen finden Sie in unserem Angebotsflyer sowie auf meiner Website  und auch auf Facebook.  
Anmeldeschluss für die Reisen nach Kaiserswerth („Mit Leib und Seele“ – Pflege) und nach Hannover („Wesentlich werden“ – Altern) ist der 15. Juli 2016.

Brunnenhaus-in-HofgeismarAll dies sind Fragen, die ganz eng mit dem Ganzen unseres Lebens zu tun haben: mit Leib, Seele und auch mit dem Umfeld, in dem wir leben, aus dem wir kommen. Deshalb geht es bei den Pilgerreisen gerade nicht nur um Konzepte, sondern auch um Orte und Räume. Wir denken nicht nur nach, sondern spüren beim Yoga auch in unseren Körper hinein* und fragen nach religiösen Quellen.

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* Willst ‘n Kaffee, kleinen Whisky oder ‘n Joint, ich muss in Ruhe mal mit dir reden, mein alter Freund. Ey, du, mein armer Körper, was hab ich dir schon alles angetan – volle Dröhnung, hoch die Tassen, ey, das tut mir ziemlich leid. Ich muss dir jetzt mal danken nach all der Zeit.“ Udo Lindenbergs Lied hat mich angeregt, selbst tiefer in den Körper hineinzuspüren. Auch wenn ich die harten Getränke und Drogen nicht so mag, kenne ich es doch, meinem Körper „die volle Dröhnung“ zuzumuten. Unter dem Titel „Von Seelenlust und Körperzeichen – Was Leib und Seele zusammenhält“ entfalte ich etwas von dem, was mich hier beschäftigt: am 26. Juni von 8:35 bis 8:50 Uhr im Deutschlandfunk in der Sendung Am Sonntagmorgen (vgl. auch www.facebook.com/deutschlandradio.evangelisch). Auch mein aktueller Seele-und SorgeBlog widmet sich diesem Thema.

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Vom Wert und der Bezahlung guter Sorgearbeit

Die Wirtschaft braucht eine Infrastruktur aus Straßen, Elektrizität, Abfallbeseitigung und schnellem Internet, erklärt Anne-Marie Slaughter, Menschen brauchen, damit sie ihr Leben leben, ihre individuellen Ziele verwirklichen und gleichzeitig mit anderen Beziehungen haben können, eine „Infrastruktur der Fürsorge“. „Früher hatten wir so eine Infrastruktur“, fährt sie fort: „Sie wurde Hausfrau genannt.“ Die Autorin war Direktorin des politischen Planungsstabs von Hillary Clinton – und trat zurück, weil sich Job und Familie nicht vereinbaren ließen. In ihrem Bestseller Was noch zu tun ist plädiert sie für eine neue Wertschätzung der Sorgearbeit – und für politische und wirtschaftliche Veränderungsprozesse, die es ermöglichen, dass Frauen und Männer gleichberechtigt leben, arbeiten und Kinder erziehen können. Und dass alle die Fürsorge bekommen, die sie benötigen. Sorgende Gemeinschaften mit ehrenamtlich Engagierten, aber auch Sorgestrukturen mit Professionellen – das sind laut dem jüngsten Altenbericht in Deutschland die Konzepte der Zukunft. Sie gilt es zu unterstützen – und nicht länger gegeneinander auszuspielen. Es geht um Vernetzung, aber auch um eine finanzielle Wertschätzung von Carearbeit in den „Frauenberufen“, beispielsweise durch steuerliche Entlastung und gesicherte Renten. In Krankenhäusern, Altenheimen und Sozialstationen brauchen wir Führungskräfte, die die Mitarbeitenden darin unterstützen, ihre eigenen Kraftquellen zu pflegen und ihre Motivation aufrechtzuerhalten. Dabei spielen Zeiten für den Austausch, für die Auseinandersetzung mit ethischen Fragen, für Rituale eine besondere Rolle.

Mehrere alte diakonische Unternehmen greifen aktuell das Thema auf und bringen auf unorthodoxe Weise Unternehmen und Gemeinschaften ins Gespräch. Im Diako in Schwäbisch Hall gibt es gerade eine riesige Baustelle für die Krankenhausmodernisierung. Die Mitarbeitenden hatten die Idee, man könnte Umbruchsituationen doch für einen “Marktplatz der Pflege” nutzen: mit unternehmerisch Verantwortlichen, zivilgesellschaftlich Engagierten, mit Kirchengemeinden und Angehörigen. So lassen sich gemeinsam neue Pflegekonzepte entwickeln, neue Strukturen aufbauen!

Labyrinth-in-Kloster-FrenswegenIdeen und Ressourcen erschließen, Unternehmen und Gemeinschaften ins Gespräch bringen und zugleich politisch hörbar werden – das ist mein Anliegen in meinen eigenen Workshops, Veranstaltungen und Vorträgen, beispielsweise anlässlich des Mitarbeitertages der Diakonischen Gemeinschaft am 31. Oktober 2016 in Speyer mit dem Thema „Zwischen Stress, Selbstsorge und Sinnsuche – wofür arbeiten wir eigentlich?“. Ein gutes Thema für den Reformationstag, wie ich finde!

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Aufbrüche in Umbrüchen

Wenn Marie-Anne Slaughter von der Hausfrau als Fürsorgeinfrastruktur der Vergangenheit spricht, dann klingt das fast zynisch. Aber es markiert auch etwas von den Umbrüchen, in denen wir uns gerade befinden. Nach meiner Wahrnehmung – und sicher nicht nur meiner – ist unsere Zeit durch viele solcher Umbrüche gekennzeichnet: im sozialen Bereich ebenso wie im wirtschaftlichen, im ökologischen so wie in der rasanten Veränderung unserer Städte, die wir mit dem Stichwort Gentrifizierung kennzeichnen. Diese Umbrüche strapazieren uns. Für viele stellen sie sogar ihre Existenz in Frage. Ohne zynisch sein zu wollen, denke ich doch, es liegt darin auch eine Chance, eine Chance für Aufbrüche. Und ich glaube: Gerade um all der Kosten willen müssen wir die Chancen dieser Aufbrüche wahrnehmen. „There is a crack in everything – that’s where the light goes in.“, heißt es in Leonard Cohens „Anthem“.

Altes-und-neues-Leben-am-Rauhen-HausIn meinem neuen Buch habe ich versucht, diese Ambivalenz nach beiden Seiten auszuloten, jeweils für das Individuelle wie für das Gesellschaftliche, für die Einzelnen wie für die Kirche als Akteur. Die Kosten zu benennen, und doch auch zu ertasten, was gerade im Unsicheren möglich wird. Das Buch enthält Anregungen zum Spirituellen wie Reflexionen zu politischen Fragen. Aus meiner Sicht gehört beides zusammen. Und ich bin dankbar, dass Prof. Dr. Gustav Horn, Wirtschaftswissenschaftler und Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Heinrich-Böll-Stiftung, ihm ein Geleitwort mitgeben wird. Aufbrüche in Umbrüchen. Christsein und Kirche in der Transformation erscheint im September in der Edition Ruprecht.