Newsletter Nr. 1/Februar 2017

THEMENÜBERSICHT IN DIESEM NEWSLETTER:
TRANSFORMATION UND REFORMATION  AKTUELLES BUCH ZUM EHRENAMT ★  NEUER ANGEBOTSFLYER „SEELE UND SORGE“ ★ „AUGENBLICK MAL!“ UND KRAFTORTE ★ ORGANSPENDEDEBATTE ★ MORGENANDACHTEN DLF DIESE WOCHE


„Wir leben in interessanten Zeiten“, sagte neulich ein Journalist. Es war der erste Tag nach der Amtseinführung von Donald Trump – und über das ganze Land gab es Demonstrationen. „Interessante Zeiten“, meinte der Journalist, das sei in China allerdings ein Fluch. Beim Zuhören fiel mir ein, dass schon seit einiger Zeit alles spannend sein muss, was auf der Welt geschieht. „Noch eine spannende Woche“, „noch einen spannenden Abend“ wünscht man sich. Jetzt haben wir sie – neue Spannungen zwischen den USA und Europa, neue Spaltungen zwischen den „beati possidentes“, wie Ernst-Ulrich Huster sie nennt, den „Globalisierungsgewinnern“, und den Vergessenen, zwischen wütenden Vereinfachern und denen, die die offene Gesellschaft leidenschaftlich verteidigen. Zwischen denen, die sich um die Zukunft unseres Ökosystems sorgen, und denen, die den Klimawandel schlicht von der Agenda streichen. Der Ausgang der Wahl und die ersten Dekrete von Donald Trump in den USA, in Großbritannien die Brexit-Entscheidung, die Spannungen in Frankreich und der Zulauf zur AfD machen sichtbar, was sich in den letzten Jahren zugespitzt hat. Wir hätten es wissen können. Hinter den Phänomenen steht eine grundlegende Veränderung, eine Transformation der Welt, wie wir sie kannten. Die „Movum – Briefe zur Transformation“, die von Engagierten u. a. aus Deutschem Gewerkschaftsbund, Deutschem Naturschutzring und Deutscher Umweltstiftung veröffentlicht werden, nehmen in ihrer Ausgabe 13 vom Dezember 2016 passend zu Trumps Pipeline-Entscheidungen das Thema „Ressourcen und Macht“ auf.

Tatsächlich, wir leben in spannenden Zeiten, in Zeiten des Umbruchs. Da kann es durchaus inspirieren, dass wir gerade in diesem Jahr das Reformationsjubiläum feiern. Denn historisch gesehen fiel ja auch die Reformation in Zeiten gigantischer gesellschaftlicher Umwälzungen, etwa des Aufkommens des Fernhandels und des Geld- und Bankenwesens – frühkapitalistischer Phänomene, die viele traditionell wirtschaftende Menschen an den Rand und in die Armut drängten. Die Angst vieler Menschen, im wahrsten Sinne „den Boden unter den Füßen zu verlieren“, forderte auch die Kirchen heraus – sozialethisch wie theologisch und auch hinsichtlich der eigenen Institution. Denn auf der einen Seite drohten Aufstände, auf der anderen ließ die Spendenfreude der Wohlhabenderen nach – auch deshalb, weil man sich nicht mehr sicher war, ob die Gabe für die Armen oder für die Kirche das eigene Seelenheil sichern würde. Nur der Glaube macht gerecht, sagt Luther – und stellte damit das ganze System in Frage: die milden Gaben, den Ablasshandel, die Macht der Kirche. Zugleich aber schuf er mit der Leisniger Kastenordnung von 1523 ein Instrument der solidarischen und subsidiären Sozialfürsorge, das zu den ganz frühen Wurzeln unseres Sozialstaats in Deutschland gehört. In meinem Beitrag „Barmherzigkeit und Gerechtigkeit“, der im Februar in den Evangelischen Aspekten“  erscheint, habe ich das Thema aufgenommen. Und am 17. Mai geht es in Bad Alexandersbad darum, wie wir heute Subsidiarität gestalten“. Denn dass die grundsätzliche Änderung der politischen Landkarte Politik, Sozialsysteme und Kirche herausfordert, ist eben nicht nur eine Erfahrung der frühen Neuzeit und der Reformation oder des 19. Jahrhunderts und der Inneren Mission. Was das damals wie heute für die Familie bedeutet, das untersucht das Heft Reformation – Transformation: Familie, das ich für das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD geschrieben habe und das im November erschienen ist.

 

Auch in meinem Buch „Aufbrüche in Umbrüchen. Christsein und Kirche in der Transformation“ geht es darum, welche Möglichkeiten wir haben, auch in Zeiten rasanter Beschleunigung, beruflicher Flexibilisierung, des demografischen Wandels und verunsichernder Migrationsbewegungen ein erfülltes Leben zu führen und gute, funktionierende Gemeinschaften zu gestalten – in unserem Alltag als Einzelne wie gemeinsam in kirchlichen Organisationen. Übrigens gibt es eine schöne Rezension des Buchs in „Evangelisches Frankfurt“. Am 11. Februar lese ich daraus in Lüchow-Dannenberg. Unterstützt wird die Veranstaltung von der Jeetzel-Buchhandlung. Fragen Sie mich gern wegen Lesungen an!

Nicht erst in den zahlreichen Demonstrationen gegen den neuen US-Präsidenten und seine ersten Amtshandlungen zeigt es sich: Die Zivilgesellschaft ist der zentrale Akteur, der sich den Verwerfungen eines Turbokapitalismus und Politiken von Rassismus und Ausgrenzung entgegenstellen kann und muss. Wir alle können, Tag für Tag, an unserer Arbeitsstelle und im privaten Umfeld, mit Worten und Taten eintreten für eine offene Gesellschaft. In der Flüchtlingsarbeit, in Mehrgenerationenhäusern, bei Mentoringaufgaben … Wie viele Menschen sich – oft über Jahre und Jahrzehnte – freiwillig engagieren, in welchen Feldern sie aktiv sind und was ihre Motivation ist, das zeigt die soeben erschienene Broschüre „Freiwilliges Engagement in Deutschland“, die die Ergebnisse des von der Bundesregierung in Auftrag gegebenen Vierten Deutschen Freiwilligensurveys zusammenfasst.

„Ein anderes Leben entdecken“, das ist die Überschrift, unter der ich in der Februarausgabe von „Zeitzeichen“ zu erkunden versuche, welche Potenziale die jungen Alten im Ehrenamt für die Kirche erschließen.

 

Am 16. Februar erscheint im Verlag Kohlhammer das Buch „Symphonie – Drama – Powerplay. Zum Zusammenspiel von Haupt- und Ehrenamt in der Kirche“, das ich gemeinsam mit Beate Hofmann herausgebe. Autorinnen und Autoren aus der Praxis und aus verschiedenen Wissenschaftsfeldern zeichnen nach, wie sich das Ehrenamt aktuell verändert – und zeigen Möglichkeiten auf, wie die Bedingungen für das Engagement von Freiwilligen so verbessert werden können, dass einerseits Raum für ihre vielfältigen Kompetenzen und Visionen besteht, andererseits aber auch eine Orientierung über Verantwortlichkeiten und über einen gemeinsamen Weg gegeben ist.

Gerhard Hess und Paul-Stefan Roß greifen in ihrem Artikel die Beobachtung von kirchlich Engagierten auf, dass es trotz aller Chancen „im Ehrenamt kriselt“. Sie formulieren daher die „Forderung, auch in der Kirche müsse man sich systematisch und mit gebotener fachlicher Kompetenz um die Förderung des Ehrenamts bemühen. In die Gewinnung, Begleitung, Qualifizierung, Anerkennung usw. muss investiert werden. Lediglich auf periodische Mitarbeiterengpässe zu reagieren, reicht nicht mehr aus. Heute ist Agieren angesagt. […|. Insbesondere, aber keineswegs allein die Verantwortlichen in den Kirchengemeinden sind hier gefragt, also PfarrerInnen, DiakonInnen, VikarInnen und KirchengemeinderätInnen. […] Gefragt sind ebenso die Kirchenleitungen, die die Rahmenbedingungen ehrenamtlichen Engagements wesentlich mitbestimmen. Vor allem aber ist festzuhalten: Erste modellhafte Ansätze haben den Erfolg systematischer Strategien der Engagementförderung unter Beweis gestellt.“ 

Mehr Informationen zum Buch und Bestellmöglichkeit finden Sie hier, auf meiner Website auch das Inhaltsverzeichnis. Beate Hofmann und ich würden uns freuen, wenn Sie uns über entsprechende Veranstaltungen in anderen Landeskirchen informieren. Wir stellen Ihnen gern Flyer zur Verfügung oder unterstützen Sie bei der Organisation eines Büchertischs. Melden Sie sich gern auch, wenn Sie an einem Rezensionsexemplar interessiert sind und eine Veröffentlichungsmöglichkeit sehen.

Die Fachstelle für Engagementförderung in Kurhessen-Waldeck greift die Frage nach dem Ehrenamt auf und veranstaltet einen Fachtag zum Thema „Engagement fördern!” Was motiviert Menschen, ihre Zeit und ihre Kompetenzen einzubringen? In meinem Vortragsimpuls spreche ich über Spiritualität in der Begleitung von Ehrenamtlichen in der Kirche: am 4. März in Kassel.

 

Das Thema Ehrenamt interessiert mich auf vielen Ebenen: Als Kern organisierter Zivilgesellschaft. Als neues Aktionsfeld für Menschen, die neben oder nach der Berufsphase (weitere) Visionen und Träume verwirklichen möchten. Als Ausdruck des Priestertums aller Getauften. Es geht um bedeutende Potenziale, die es zu erschließen gilt: Natürlich die großartige konkrete Unterstützung, die Ehrenamtliche in vielen Feldern einbringen können. Aber auch die neuen Lebensmöglichkeiten, die sich für sie selbst damit öffnen. Und nicht zuletzt die Impulse, die die Gesellschaft und die Kirche durch das Engagement derer erfahren können, die gerade nicht beruflich mit ihnen verbunden sind.

In Vorträgen, Workshops und anderen Veranstaltungsformaten gebe ich die Ergebnisse meiner Arbeit an dem Thema weiter und unterstütze Kirchengemeinden, diakonische Unternehmen oder Quartiersgruppen darin, neue Konzepte für das Ehrenamt zu entwickeln.

Über meine weiteren Angebote beispielsweise zu den Themenfeldern Inklusion, Alternde Gesellschaft und Kirche, Gemeinwesendiakonie und Diakonische Kultur informiert Sie mein neuer Angebotsflyer. Wie Leitungsgremien, Pfarrkonvente oder diakonische Netzwerke durch einen Workshop oder auch durch eine diakonische Pilgerreise auf ihrem Weg vorankommen können, erfahren Sie hier.

Manchmal braucht Lernen einfach etwas mehr als nur einen Vortrag. Und manchmal kann ein guter Ort mit seinen Inspirationen dabei unterstützen.

 

Die Atmosphäre und die besondere Kraft, die von diakonischen Orten ausgehen kann, beschreiben Autorinnen und Autoren in dem Blog zu diakonischen Kraftorten auf meiner Website. Ob es um eine kleine Kapelle geht oder auch um einen ganz immateriellen Ort, der aus einem offenen Miteinander zwischen Menschen entstehen kann – die Beiträge machen Lust darauf, sich mal wieder einzulassen und mit Zeit das Hier und Jetzt zu erspüren.

Ein guter Ort, der mir besonders am Herzen liegt und für den ich mich ehrenamtlich stark engagiere, ist der Evangelische Diakonieverein Berlin Zehlendorf. Mit der Einrichtung eines Kompetenzzentrums Bildung will der Verein seine Bildungsarbeit in den Feldern Gesundheit, Pflege und soziale Arbeit sowie in den Bereichen Führung, Organisations- und Personalentwicklung weiter ausbauen – aus einer spezifisch diakonischen, auch spirituellen Haltung heraus. Aus dieser Verbundenheit weise ich gern auf die neu ausgeschriebene Leitungsstelle für das Kompetenzzentrum hin. Oberin Constanze Schlecht stellt die Diakonie Zehlendorf in meinem Kraft-Orte-Blog genauer vor.

 

„Augenblick mal!“ Den Druck rausnehmen und sich Zeit nehmen, Entscheidungen bewusst zu treffen – darum geht es bei der Fastenaktion in diesem Jahr: Die Aktion Sieben Wochen ohne Sofort beginnt am 1. März. Hoffentlich können wir dann auch Ostern noch in Ruhe verbringen, ohne gleich wieder lauter Aktivitäten hintereinanderhängen zu müssen …

Fasten- und Osterzeit erinnern uns an den elementaren Zusammenhang zwischen Tod und Leben. Die Journalistin Barbara Kamprad musste diese Verbindung auf besonders intensive Weise erleben, als der Mann, den sie liebte, gerade um Ostern auf der Intensivstation lag. In meinem Buch „Aufbrüche in Umbrüchen“ habe ich davon erzählt – und meine eigenen Fragen zu Papier gebracht: „Die größte österliche Gnade, sagt sie, habe sie nicht in der Krypta einer alten Feldkirche gefunden, in keiner Wallfahrtskapelle, sondern im Krankenhaus, wo das Elend des Daseins ins Licht der Gnade gestellt wurde. Was ist das Geheimnis dieser österlichen Gnade? Was hat sie gesehen da am Krankenbett zwischen den Schläuchen und den tickenden Monitoren. Ist sie der Liebe begegnet im Gesicht des geliebten Menschen? Hat sie die Hoffnung gespürt, die stärker ist als der Tod? Das unvergängliche Leben, das unzerstörbare Leben?“

Manches Sterben lässt sich aufschieben, wenn der oder die Kranke das Organ eines verstorbenen Menschen bekommen kann. Aber was bedeutet das für unsere Vorstellung von Leben und Tod, von Leiblichkeit und Identität? Was bedeutet es für Sterbende und ihre Angehörigen, wenn ein Organ entnommen wird? Die Evangelischen Frauen in Deutschland haben einen alternativen Organspendeausweis entwickelt. Die auf ihrer Website zusammengetragenen Informationen und Perspektiven können helfen, eine eigene Position zu der schwierigen Frage der Organspende zu finden. Inzwischen ist auch eine epd-Dokumentation zur Tagung des Frauenbundes und der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck in Kassel zum Thema Hirntod erschienen: Epd-Dokumentation 2/17. Zur Sterbebegleitung halte ich am 27. März einen Vortrag beim ambulanten Hospizdienst in Bad Rappenau.

Ob in der Frage der Organspende oder in unserem Umgang mit den aktuellen politischen Ereignissen: Der nüchterne Realismus gehört zum christlichen Glauben. Er ist so lebensnotwendig wie die Hoffnung auf eine andere, eine bessere Welt. Gottes Zeit kommt, sagt die Bibel. Darum lasst euch nicht irritieren, wenn nicht alles wie erwartet läuft. Sondern rechnet vor allem mit einem: mit seinem Kommen, mit seiner Gegenwart.

 

Realismus, Kraft und Fantasie, aber auch Gelassenheit und Hoffnung wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, für dieses aufwühlende Jahr 2017!

Ihre Cornelia Coenen-Marx

 

Wenn Sie mögen, hören Sie doch diese Woche mal in meine Morgenandachten im Deutschlandfunk hinein. Dort versuche ich zu beschreiben, wie in den ganz kleinen Dingen des Alltags, im Taschepacken, Schuheanziehen, Schlüsseleinpacken etwas Größeres aufleuchten kann. Vom 6. bis 11. Februar. Für Frühaufsteher morgens um 6:35 Uhr. Und für alle anderen als Podcast auf www.dlf.de.