Diakonie als Lebensform und Lebensinhalt

1. Einfach leben – die neue Bewegung

„Simplify your life!“ Seit der Jahrtausendwende ist eine neue Bewegung in Gang. Junge Leute machen keinen Führerschein mehr, Städte planen Mobilitätskonzepte mit weniger Autos. Architekten konzipieren small houses für die Innenstädte und Eltern schicken ihre Kinder in Waldkindergärten. Und immer mehr Leute versuchen, sich von Unnötigen zu trennen und ihren Besitz auf weniger als 1000 Dinge zu reduzieren. Man erkennt sie schon am Aussehen: Rucksack und Sneakers, dazu das Klappfahrrad und die Wasserflasche, Handy und Stöpsel in den Ohren – dazu veganes Essen, so kommst Du überall hin. Loslassen und einfach leben ist die Devise. Erlebnisse sammeln – nicht Dinge. Die Zeit der großen Gier scheint vorbei.

„Detox your life!“ „Wenn die gesamte Lebenswirklichkeit dem Gewinnstreben unterworfen wird, verkehrt sich der ökonomische Nutzen in einen Verlust an Lebenswert“, sagt Gerhard Scherhorn von der Humboldt-Universität, Berlin. „Der gesellschaftliche Wohlstand sinkt, das Gemeinwohl zerfällt, die Umweltzerstörung nimmt zu. Ein Weiter so wäre fatal“. Mit unserem Wirtschaften verbrauchen wir Ressourcen und Lebenschancen armer Bevölkerungsgruppen im Süden; wir verschärfen die ökologische Krise und damit auch die Fluchtbewegungen. Es scheint, als seien die Forschungsergebnisse des Club of Rome nun – nach dem Klimagipfel in Paris – in weiten Teilen der westlichen Welt endlich angekommen: „Erst wenn die Nachfrage nach Öl sinkt, lohnt es nicht mehr, Förderzonen im Urwald zu erschließen; erst wenn der Wasserdurst von Plantagen und Fabriken abklingt, bleibt genügend Grundwasser für Brunnen in den Dörfern; erst wenn der Wunsch nach Rindersteaks zurückgeht, braucht nicht mehr Boden für Weiden und Futtermittelanbau vereinnahmt zu werden.“, heißt es in der Studie „Zukunftsfähiges Deutschland“. Die Zukunft hängt auch von uns ab. Von unserem Lebensstil.

„Simplify your life. Detox your life. Small is beautiful!“ Regionales Wirtschaften hat Konjunktur. Mit genossenschaftlich geführten Dorfläden kehren die Tante-Emma-Läden zurück. Bürgerbusse sorgen für Mobilität in abgehängten Regionen, Umsonstläden und Tafeln sind selbstverständlich geworden. In Stadtgärten werden alte Pflanzensorten neu gezüchtet. Urban Gardening weckt die Phantasie. Immer gilt: Weg von der Produktion immer neuer Güter hin zum Sharing und Mehrfachnutzen.

„Haben, Lieben und Sein“, seien die drei Faktoren des Wohlbefindens, sagt Jan Delhey, Soziologe an der Jacobs University in Bremen. Dort gibt es einen Forschungszweig, der sich mit der „Geografie des Glücks“ beschäftigt. Auf einer Deutschlandkarte kann man sehen, dass Wohlbefinden und Zufriedenheit da am größten sind, wo es gute und gut bezahlte Arbeit gibt, bezahlbaren Wohnraum, eine gute Infrastruktur für Kinder und Familien und attraktive Sport- und Kulturangebote – und nicht zuletzt: wo das Zusammengehörigkeitsgefühl in den Nachbarschaften stimmt. Weit weniger, als manche glauben, hängt unsere Seligkeit davon ab, dass sich unsere materiellen Wünsche, die hoch gesteckten Lebensziele erfüllen, mindestens genauso wichtig ist, dass wir nicht allein sind, sondern uns zugehörig fühlen zu einer Gemeinschaft.

Seit einigen Jahren setzt der Begriff der „Caring Community“ neue Akzente. Es geht um ein neues Miteinander über Lebensalter und Herkunft hinweg. Um wechselseitige Unterstützung und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen – für sich selbst und für andere, für die Umwelt und auch für die gesellschaftliche Entwicklung. In Deutschland ist von „Sorgenden Gemeinschaften“ die Rede. Kommunen, Kirchengemeinden, Schulen und Unternehmen sind gefragt und greifen das Thema auf. Und die Handlungsfelder, in denen sich eine Sorgende Gemeinschaft entfalten kann, sind ganz verschieden: Es geht um Kinder, um Menschen mit Behinderung, um Ältere und Geflüchtete, aber auch um nachhaltiges Wirtschaften und eine gesunde Umwelt.

 

2. In Zeiten des Umbruchs

Neue Initiativen und eine breite bürgerschaftliche Bewegung kennzeichneten auch das 19. Jahrhundert, als die Diakonissenhäuser entstanden. Mit der Industrialisierung, mit grenzüberschreitendem Handel und wachsender Mobilität gingen damals schon Armut und prekäre Beschäftigungsverhältnisse einher. Kinder und Pflegebedürftige blieben sich oft selbst überlassen – die Familien waren überfordert. Die Kriminalität wuchs. Es war eine Zeit des Umbruchs, eine Transformationszeit wie heute. Menschen wie Johann Hinrich Wichern, Theodor und Friederike Fliedner, Amalie Sieveking und Florence Nightingale – die Gründergestalten der neuzeitlichen Diakonie – reisten genauso wie die Kaufleute quer durch Europa, um Antworten zu suchen, Ideen zu entdecken. Es waren Unternehmer und Ratsherren, adelige Damen und Pfarrfamilien, engagierte Bürgerinnen und Bürger. Sie waren Christen und zutiefst überzeugt, dass die Herausforderungen ihrer Zeit Herausforderungen an ihren Glauben waren. Deshalb rechneten sie damit, dass ihnen in den vernachlässigten Kindern, den allein gelassenen Kranken, den jungen Leuten im Gefängnis Gott selbst begegnen würde – so wie Jesus es im Gleichnis vom großen Weltgericht zugesagt hat: „Alles, was ihr getan habt meinen geringsten Brüdern, das habt Ihr mir getan.“ Hungernden zu essen geben, Durstige tränken, Fremde beherbergen und Kranke pflegen, Gefangene besuchen und Tote bestatten – die Werke der Barmherzigkeit wurden zu Knoten in einem neuen sozialen Netz. Im Handeln Einzelner und in der Gründung sozialer Organisationen.

Die Bahnhofsmission wurde gegründet, Armenhäuser und Herbergen für Obdachlose entstanden, Hospize lebten wieder auf und ein neuer Typ von Gefängnissen wurde gebaut. Wichern machte sich Gedanken über soziales Wohnen und bald schon gaben seine Bruderhäuser jungen Männern aus Armutsfamilien Ausbildung und Beruf. Und Fliedners Mutterhäuser boten Pflege für die Kranken, zugleich aber auch berufliche Perspektiven für unverheiratete Frauen. Und auch damals waren sie unschwer zu erkennen, die Protagonistinnen der Bewegung: an den hellblauen Punkten auf ihrem schwarzen Arbeitskleid, den stabilen schwarzen Stiefeletten und der immer sauber gestärkten weißen Schleife unter der Haube. Diakonissen – bis heute sehen sich viele nach ihrem Engagement – in den Pflegeeinrichtungen, in den Nachbarschaften. Ihre Gemeinschaften – die sorgenden Gemeinschaften von damals – bilden das Wurzelwerk für den heutigen Sozialstaat. Und die neu entwickelten sozialen Berufe gaben Menschen das Gefühl, gebraucht zu werden und etwas beitragen zu können zum Ganzen. Es ist diese Erfahrung, nach der sich heute wieder viele sehnen – Berufsträger wie Hartz-IV-Empfänger, Frührentner wie Jugendliche ohne Ausbildung. Und die vielen anderen, die nicht mithalten können in der beschleunigten Arbeitswelt, Alleinerziehende mit kleinen Kindern, Menschen mit Behinderung und psychisch Kranke. All die Abgehängten, die das Gefühl haben, auf sie käme es nicht mehr an. Sie brauchen Communities, die sie stärken, Vorbilder für ihr Engagement, Orte, an denen sie ihre Gaben entdecken können.

„Jeder Mensch ist einzigartig und kostbar, darum fördern wir uns gegenseitig in unseren Fähigkeiten und Talenten. Wir helfen nicht, wir unterstützen einander auf Augenhöhe, denn keiner ist besser als der oder die andere, und nur im Teilen sind wir wirklich reich.“ Das ist der Sharehausgedanke. Der syrische Flüchtling Alex Assali hatte 2014 das Glück, ein Zimmer im Sharehouse Refugio in Berlin zu finden. In dem schönen, hundertjährigen Haus in Neukölln leben und arbeiten auf 5 Etagen Menschen zusammen, die ihre Heimat verloren haben oder verlassen mussten, oder die nach neuem Leben in Gemeinschaft suchen. Menschen aus Syrien, Somalia, England und Deutschland, aus Schweden, Afghanistan oder der Türkei. Das Refugio ist eine Wohn- und Arbeitsgemeinschaft auf Zeit. Es geht nicht nur um die Integration von Geflüchteten, es geht um einen neuen Lebensstil. Das Sharehouse versteht sich als Teil eines Netzwerks, als Coworking-Space und soziales Unternehmen – refinanziert durch Vermietung von Räumen, Catering, Konferenzen und Spenden. Und damit knüpft es ganz selbstverständlich an die Tradition der Mutter- und Bruderhäuser an.

Dass Alex Assali aus Syrien hier ganz selbstverständlich mitleben und mitarbeiten konnte, dass er von Anfang an dazu gehörte, das machte ihn einfach glücklich – und von diesem Glück wollte er etwas weitergeben. Er kochte Suppen und Eintöpfe, packte die Töpfe auf sein Fahrrad und installierte eine Warmhalteplatte auf den Straßen Berlins. Und dann schöpfte er aus an Flüchtlinge und Obdachlose – und einfach an jeden, der probieren wollte.

„Ich habe hier im Refugio gelernt, wie man tief leben kann“, schreibt auch Esra im Sharehouse-Blog. Das bedeutet für mich, wie man alle akzeptieren kann. Wir haben auf dieser Welt genug Platz. Wir sollen keine Angst vor anderen haben und vor uns selbst auch nicht. Wir sind alle auf der Flucht – auf der Flucht auch vor uns selbst. Teil deine Liebe mit allen. Mach die Revolution mit dir“. Ja, wahrhaftig – wir leben in einer Umbruchzeit!

 

3. Lebensstil und Lebensform: der Diakonat

„Wir Menschentiere sind keine Nomaden, auch wenn die westliche Lebensweise den Eindruck hervorzurufen scheint. Alles ist miteinander verbunden und voneinander abhängig“, schreibt die Philosophin Ariadne von Schirach. Wie schon Martin Buber oder Emanuel Levinas macht sie deutlich, dass wir erst am Du zum Ich werden – und sie kann sich dabei auf die Wissenschaft beziehen, auf die Entdeckung der Spiegelneuronen Mitte der 90er Jahre. „Spiegelneuronen sorgen dafür, dass sich die emotionalen Zustände unserer Mitmenschen in uns abbilden. So funktionieren Fremdschämen und Mitfühlen und geteilte Freud. Und obwohl es Erfahrungen gibt, die weder verallgemeinerbar noch teilbar sind, hat man zumindest eine Ahnung davon, wie sich das Leben der anderen anfühlt.“ Allem Mitfühlen zum Trotz kann aber ein weißer Mensch nicht wirklich wissen, was es bedeutet, schwarz zu sein; wir können nicht nachvollziehen, was es bedeutet, wenn die eigene Familie im Kriegsgebiet zurückgeblieben ist. Und wer immer aufrecht gegangen ist, weiß nicht, was es heißt, den Alltag im Rollstuhl zu bestehen. Nur so ist zu erklären, dass wir zur Tagesordnung übergehen können, wenn vor unseren Augen Menschen leiden und sterben.

Der Urmythos der Diakonie ist das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter. Da liegt einer blutend am Boden und die anderen gehen vorbei – sie folgen ihren Geschäften, leider auch frommen Geschäften. Der einzige, der hilft, ist einer, der weiß, was es heißt, übersehen zu werden – ein Fremder, ein Außenseiter, der Samariter. Er bleibt stehen und kniet sich hin – der da liegt, ist ein Mensch wie er. Oder ist es Gott, der ihm hier begegnet – der hilflose Gott, der auf unsere Liebe und Barmherzigkeit angewiesen ist? In den vielen Deutungen dieser Geschichte wechselt der Christus seine Position: Manchmal ist er der, der am Boden liegt – blutend und geschlagen – Christus der Gekreuzigte. Und manchmal ist er der, der den anderen aufhebt – Christus, der Diakon.

Wir können einander zum Christus werden. Wir können einander Diakon und Diakonin sein. Dazu braucht es nichts als ein offenes Herz, wache Augen und die Bereitschaft, einfach mal anzuhalten und genau hinzuschauen, was andere Menschen brauchen. Der Hamburger Pastor Johann Hinrich Wichern, von dem eben schon die Rede war, nannte das den allgemeinen Diakonat – so wie Luther vom allgemeinen Priestertum sprach. Engagement, davon war er überzeugt, gehört zum Christsein wie das Gebet. Und bis heute zeigt sich, dass ein Zusammenhang besteht zwischen Glaube und freiwilligem Engagement. 30,9 Millionen Menschen in Deutschland sind freiwillig engagiert, die Engagementquote steigt. Und noch immer finden sich unter den Engagierten besonders viele, die kirchlich gebunden sind.

Für Wichern gab es darüber hinaus auch das besondere diakonische Amt, das Amt des Diakons, den Dienst der Diakonisse. Die Tradition der Diakonissenmutterhäuser sticht dabei besonders hervor, weil sie – wie die Klöster- zölibatär geprägt ist. Die evangelischen Räte – Armut, Keuschheit und Gehorsam – auf den ersten Blick sind sie uns heute fremd, so fremd wie Schwesterntracht und Haube, das Taschengeld als Entlohnung und das Ineinanderfallen von Leben und Beruf. Oder?

Ich denke an Menschen an Ärzte und Ärztinnen wie Georg Trabert und Monika Hauser. All die vielen, die Urlaube, Zeit und Leben bei Ärzte ohne Grenzen einsetzen. Sie folgen ihrer Berufung und setzen alle Gaben, alle Ressourcen dafür ein. Vielleicht müssen wir die evangelischen Räte neu übersetzen: Gegen das Machen und die Machtgier heißt Gehorsam, hellhörig zu bleiben für die innere Stimme, für die Wirklichkeit, in der Gott uns anspricht. In einer Welt der Gier kann Armut auch die Bereitschaft zum Verzicht auf materiellen Gewinn bedeuten. Und Keuschheit markiert die Achtung vor den Grenzen – den eigenen und denen anderer. Ehrfurcht vor dem Leben gegen jede Verobjektivierung, gegen jeden Übergriff. Das ist so aktuell wie in den Anfängen der Bewegung. Wir reden heute von Achtsamkeit und Einfachheit. Simplify your life. Detox your life. Small is beautiful!

 

4. Tiefer leben und arbeiten: Eine neue Care-Kultur

Der faszinierende Weg der alten Diakonissengemeinschaften geht zu Ende. Das hat auch mit den dunklen Seiten der Einrichtungen zu tun, die wir nicht verschweigen dürfen: zu viel Gesetz – zu wenig Freiheit. Die sexuelle Keuschheit, die so lange von den Frauen – und nur von den Frauen – im Diakonat gefordert wurde, hat Menschen gebrochen und Beziehungen zerbrochen. Und der Verzicht der Schwestern ließ die Unternehmen wachsen – oft genug buchstäblich auf dem eigenen Rücken. Ich fürchte, manche Schieflage in der Pflege hat noch immer mit diesem Erbe zu tun. Insgesamt aber haben diakonische Einrichtungen ihr Gesicht verändert, sie sind längst zu sozialen Unternehmen geworden. Zugleich aber wächst die Sehnsucht nach Alternativen zur geschäftsmäßig organisierten Fürsorge. Klar ist: auf dem Sozialmarkt kann man professionelle Hilfe, aber keine Nächstenliebe organisieren. Gute Dienstleister können Familie und Nachbarschaft nicht ersetzen, und Unternehmen stiften noch kein Gemeinwohl. In den letzten Jahren wird verstärkt nach dem Mehrwert der Diakonie gefragt. Ist es eine andere Unternehmenskultur, eine andere Haltung der Mitarbeiterschaft? Es geht um ein neues Miteinander, eine moderne Sorgekultur, um Ethik und Spiritualität. Wie können wir beides stärken?

Individualität in der Lebensgestaltung und Freiheit in der Lebensform sind selbstverständlich geworden. Zugleich aber wächst das Bewusstsein für Freundschaft und Zusammenarbeit. Gerade Menschen in sozialen und pflegerischen Berufen fragen nach tragfähigen Beziehungen und ethischer Orientierung. Eigentlich wäre es Zeit, die diakonischen Gemeinschaften neu zu erfinden – in Freiheit und Vielfalt, ohne Zwang. Und sie werden ja gerade neu erfunden: in den Sorgenden Gemeinschaften von Ehren- und Hauptamtlichen in den Nachbarschaften. In den „Tischgemeinschaften“ der Älteren im Gemeindehaus. In den internationalen Gärten, wo Migrantinnen und Migranten miteinander kochen. An den Orten der Gastfreundschaft in den Quartiersläden. In Selbsthilfegruppen, Trauergruppen und genossenschaftlich getragenen Dorfläden. In den Wohngemeinschaften von Demenzkranken und ihren Angehörigen. In den Caring Communities ist eine Bewegung im Gang, die die Sozialunternehmen aufs Beste ergänzt.

Unter dem ökonomischen Druck wächst der Wunsch nach Sinnerfahrung. Menschen suchen Sinn im Engagement, persönliche Entwicklung in Bildungsangeboten, den eigenen roten Faden im lebenslangen Lernen – so wie es Diakonissen erlebt haben. Wir suchen Gleichgesinnte, vor Ort, aber auch in internationalen Netzwerken wie bei Ärzte ohne Grenzen. Pflegende, Sozialarbeiter, Pädagogen wollen ernst machen mit dem Slogan, dass der Mensch im Mittelpunkt steht. Assistenzdienste, Case-Management, die Orchestrierung um die Sterbenden in der Palliativarbeit zeigen die Richtung. Und auch die Freiwilligenbewegung wächst weiter– in den Quartieren und in den Kirchengemeinden. Wohnprojekte, Mehrgenerationenhäuser, Stadtteilarbeit gewinnen an Bedeutung. Die Zusammenarbeit von Gemeinden und diakonischen Diensten wird zum Mehrwert.

Das alles ähnelt den Ideen der Gründerzeit. Auch damals ging es um Haltung und Engagement, um Bildung und Beruflichkeit. Die Gründerinnen und Gründer schufen Netzwerke der geschwisterlichen Liebe gegen die globalisierten Netzwerke der Industrie und des Handels. Von der Vorstellung, dass die unentgeltliche Nächstenliebe „Frauensache“ sei, haben wir uns schon weitgehend verabschiedet – obwohl die meisten Mitarbeitenden in der Diakonie noch immer Frauen sind. Und wir müssen uns auch verabschieden von Anpassungsdruck und Kritiklosigkeit, Individualität und Vielfalt schätzen lernen. Aber auch heute gilt: Soziale Professionalität braucht Empathie und Selbstreflexion, Beziehungs- und Gemeinschaftsorientierung. Und in den eigenen Leidenserfahrungen wachsen Empathie und Compassion – und Respekt auch vor den Schwächen und Stärken anderer. Diakonische Arbeit braucht eine gemeinsame Suche nach Kraftquellen.

Diakonie braucht aber auch Orte. Sorgende Gemeinschaften brauchen Orte. Das gilt erst Recht im Blick auf die, die tatsächlich an keinem Ort (mehr) zu Hause und oft nicht willkommen sind. In Pflegeeinrichtung und Mehrgenerationenhäusern Wohngemeinschaften, im Sharehouse und in internationalen Gärten entstehen Gemeinschaften auf Zeit. Ja, die Gärten und Labyrinthe gehören auch dazu – die Rosenbeete und Apfelplantagen, Schönheit und Nachhaltigkeit im Umgang mit der Natur gehörten von Anfang an zur Diakonie. Auch Aprath ist ein solcher Ort – über 100 Jahre nun. Bis heute ein Anknüpfungspunkt, eine Plattform der Hilfe und Begegnung, ein Ort des Lernens und der Entwicklung. Ein Platz der Erinnerung und neuer Impulse. Heute feiern wir die Kraft des Kreuzes und der Auferstehung, die Kraft von Gebet und Engagement, die in dieser Geschichte erkennbar wurde. Die Vorbilder eines diakonischen Lebens, deren Namen hier vor den Fenstern aufgeschrieben sind und nun im Morgenlicht leuchten. Wir feiern die Schwestern mit dem Pünktchenkleid. Nein, Tracht muss keine mehr tragen, und auch nicht nur Frauen sind gefragt. Gebraucht wird jeder und jede mit Einfühlung und Engagement. Wie Margarete und Therese, wie Georg und Monika oder Esra und Alex. Wir sind gefragt in dieser Umbruchzeit unsere kleine Revolution zu machen: die Revolution der Liebe!

Cornelia Coenen-Marx, Aprath, 05.10.2017