Morgenandachten und Rundfunkbeiträge

Deutschlandfunk DLF, 2. Advent, 9.12.2018, 8.35 – 8.50 Uhr
Link zur Sendung https://rundfunk.evangelisch.de/node/9875/

Wohlfahrt, Wohlstand, Wohlgefallen.

Weihnachtswünsche ernst genommen

Ein alter Mann – im Weihnachtszimmer – gedeckter Tisch und Tannenbaum, alles festlich geschmückt. Er steht am Fenster, allein, und wartet auf seine Kinder. Aus ihnen ist etwas geworden – einer ist Klinikarzt, die Tochter verdient gut und hat eine eigene Familie. Der andere Sohn ist weltweit unterwegs, im Management. Alle in der Rushhour des Lebens – da wird die Zeit knapp. Eine Karte, eine Nachricht auf den Anrufbeantworter – sie denken an den Vater, aber er bleibt allein. Alle Jahre wieder. Aber diesmal ist alles anders, da kommen sie tatsächlich nach Hause, die drei. Der alte Mann hat zu einem Trick gegriffen und seinen Kindern die eigene Todesanzeige geschickt. Und da kommen sie. Mit dem Auto, dem Flieger – aus aller Welt. Die Familie versammelt sich um den Tisch, sie essen, erzählen und lachen zusammen.

Mit einem Schlag ist klar, worauf es wirklich ankommt. Der kurze Clip war die Weihnachtswerbung, von Edeka, vor drei Jahren. Klar, die Speisen und Getränke gibt es im Supermarkt um die Ecke – aber erst die Tischgemeinschaft macht den Weihnachtstisch so schön. Das weiß auch Edeka; beim aktuellen Spot geht es dann auch wieder um die Gans, die gefüllte. Ich sehe den vollen Einkaufswagen, überlege, was ich selbst noch besorgen muss – und schon steht mir vor Augen, was sonst noch alles geplant, verabredet, gemanagt werden muss in den nächsten zwei Wochen. Die Feiern in Familie, Gemeinde und Betrieb, die letzten Grüße und Geschenke. Viele haben schon im November mit den Einkäufen angefangen, weil die To-do-Listen immer länger werden. Da kamen die Rabatte am Black Friday sehr gelegen. Die Einkaufszentren waren schwarz vor Menschen. Ob das hilft, entspannter auf Weihnachten zuzugehen?

“Mehr Raum für mich“, benennt eine Frauenzeitschrift das Problem[1] und schlägt Yoga zur Entspannung vor. Das mag der Einzelnen helfen. Aber viele haben das Gefühl, selbst gar nicht mehr vorzukommen vor lauter Angst, nicht alles zu schaffen. Und bald jeder zweite schafft’s nur noch, weil er die Weihnachtseinkäufe im Internet abarbeitet. Susanne Ackstaller macht’s anders. Sie will lieber „Feste feiern statt feste einkaufen“. Sie ist angewidert vom Kaufrausch und schreibt auf ihrem Blog[2]:

„Ehrlich gesagt, war ich noch selten so angewidert von unserem Konsumverhalten. Kaufenkaufenkaufen als ginge es um unser Leben – und nur der überlebt, der möglichst viele Rabatte einlöst. Abstoßend ist das. Ich habe auf jeden Fall beschlossen, diesen Advent lieber mit lieben Freunden zu verbringen, mit leckerem Essen und guten Gesprächen. Collect moments. Not things.“

Momente sammeln, nicht Sachen. Längst haben sich sogar Adventskalender in Probepäckchen verwandelt – für Kosmetikartikel oder Tee. Vorfreude als Konsumanreiz. Und wenn dann endlich alles geschafft und die Deadline erreicht ist – Heiligabend unterm Tannenbaum – hat so mancher einen Kater. Aus Anspannung wird Überdruss.

Als meine Schwester in den USA lebte, hatte sie oft Sehnsucht nach dem deutschen Advent. Lebkuchen und Stollen kann man ja schicken, „Macht hoch die Tür“ und Bachs „Weihnachtsoratorium“ gibt es auf CD, aber die in unseren Städten gibt’s nicht im Netz. Einmal, als das Heimweh besonders stark war, hat sie sich freitags abends in den Flieger gesetzt und ist nach Nürnberg geflogen. Christkindlesmarkt mit Posaunen, Tannengrün und Lichterschmuck und der Duft von gebrannten Mandeln – Weihnachten verzaubert alle Sinne und verwandelt die ganze Stadt.

Die alten Feste lassen keinen außen vor. Das habe ich vor Jahren so erlebt – in Kairo, im Ramadan. Abends, wenn Familien, Freunde und Gäste sich zum Iftaressen treffen, leuchten bunte Glaslaternen über allen Hauseingängen – und sie laden jeden ein. Auch die Müllsammler an den Straßenecken. Mich hat das so begeistert, dass ich eine Ramadanlampe mitgebracht habe – im Handgepäck. Jetzt im Advent leuchtet sie blau, rot und golden in unserem Flur. Was für wunderbare Rituale die großen Religionen haben!

Das weiß längst auch die Wirtschaft.

Der Sozialphilosoph Christoph Deutschmann spricht vom Kapitalismus als Religion. [3]Die allermeisten kaufen mehr, als nötig – als könnten wir uns mit Dingen den eigenen Wert bestätigen. Im Konsumieren und Produzieren suchen viele nach Sinn. Wirtschaftswachstum wird zum Wert an sich. Und die Globalisierung hat die Märkte entgrenzt: Die Produktionsketten von Autos oder Kleidung sind weltweit verbunden. Und Internetfirmen wie Amazon haben dafür gesorgt, dass es jetzt auch bei uns Black-Friday- Rabatte gibt. Die Entgrenzung der Märkte verändert auch unsere Zeitrhythmen, unseren Arbeitsalltag, unser Leben. Wer es sich leisten kann, kann Dienstleister beauftragen, das Fest vorzubereiten und Geschenke zu organisieren – auch für die eigene Familie. Es gibt kaum noch etwas, was man für Geld nicht kaufen kann

In der globalisierten Welt ist alles möglich, zu jeder Zeit und überall. Black Friday in Deutschland. Ein Weihnachtsbasar in Kairo. Und Lebkuchen im Oktober. Alles lässt sich ordern, mindestens im Netz. Was man für Geld nicht kaufen kann“, darüber schreibt der Harvard-Philosoph Michael Sandel[4].

Er fragt in seinem Buch nach den moralischen Grenzen des Marktes: Darf ein Unternehmen Brunnen abschöpfen und das Wasser eines ganzen Dorfes privatisieren? Darf man eine Leihmutter bezahlen, um den eigenen Kinderwunsch zu erfüllen? Dürfen wir die Luft so verschmutzen, dass Kinder und Alte daran krank werden?

Dass Wohlfahrt mehr ist als Wohlstand, ist den meisten klar. Wir zerstören, was uns lieb ist, wenn wir alles dem Markt überlassen. Der Kaufrausch trübt den Blick auf den andern. Und Geschenke stiften noch keine Gemeinschaft – wohl aber ein gedeckter Tisch und Zeit füreinander.

Johann Volkmann[5] hat so einen Tisch um die Welt geschickt. Er steht auf den Plätzen von Akko, von Bochum, Galway und Barcelona. Es ist immer ein anderer, aber er sieht immer gleich aus. Darauf Teller mit weißem Packpapier. Passanten sind eingeladen, darauf zu schreiben. Die Frage lautet überall gleich: Was ist unbezahlbar? Viele Teller werden dicht beschrieben, auf anderen steht nur ein Wort. Volkmann hat die Frage umgetrieben, wie wir Menschen auf dieser Welt zusammenleben wollen. Vier Jahre lang ist er mit seinem Kunstprojekt um die Welt gezogen. Was unbezahlbar ist, lässt sich mit Geld nicht kaufen. Aber träumen lässt sich davon. Mitgeträumt haben auch Menschen in Bethlehem: sie träumen von Freiheit, Frieden und Freundschaft.

Bethlehem. Ich kann nicht daran denken, ohne den Schuppen mit dem Säugling zu sehen. Maria, seine Mutter, und Joseph, der sich gegen alle Zweifel entschieden hat, hier zu bleiben – bei Frau und Kind. Die Erbärmlichkeit der Unterkunft, die Zerbrechlichkeit der Familie. Auch die Sterndeuter sind da – durch die halbe Welt sind sie gereist auf der Suche nach dem neugeborenen König. Sinnsucher auch sie. Jetzt glauben sie, dass dieses Kind in der zugigen Unterkunft die Zukunft bringt – und sie legen ihm ihre Geschenke zu Füssen: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Nichts davon passt wirklich hierher. Die Hirten, die danebenstehen, wundern sich – es sind einfache Leute, sie haben nicht viel zu geben. Aber das spielt keine Rolle. Hier geht es nicht um Leistung und Gegenleistung, um Gabe und Gegengabe. Es ist nicht das Gold, von dem der Glanz ausgeht. Es ist das Kind. Dieser kleine Mensch verkörpert die Hoffnung – auf ein neues Miteinander aller Menschen

Der amerikanische Anthropologe Alan Fiskel hat Tauschbeziehungen und Nahbeziehungen unterschieden.[6] Nahbeziehungen mit Verwandten und Freunden leben vom Vertrauen. Da geben alle Beteiligten, was sie können, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Es geht nicht um Dinge oder Waren, es geht um geteilte Erlebnisse. Tauschbeziehungen funktionieren anders – sie sind interessengeleitet. Da schauen wir auf den Marktwert, den Geldwert der Gabe.

Das ist das Problem: Wenn aus Nahbeziehungen Tauschbeziehungen werden, sind wir enttäuscht. Oder vielleicht auch wütend. Gerade an Weihnachten. „Ich war noch selten so angewidert von unserem Konsumverhalten“, schreibt Susanne Ackstaller. „Collect Moments. Not things.“

Das ist das Besondere an Weihnachten: An der Krippe werden Fremde zu Freunden. Da gibt tatsächlich jeder, was er kann – die einen legen Gold an die Krippe, die anderen fallen auf die Knie. Die einen bringen ihre Gaben, die anderen ihre Hingabe. Das darf man nicht verrechnen. Weil es um Glück geht, und nicht um Geld oder Gold. „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“ sollen die Engel gesungen haben. Legenden und Bilder erzählen, dass das Kind gelächelt hat – ich glaube, es ist Gott selbst, der hier gelächelt hat. Weil er einverstanden ist mit seinen Menschen. Was für eine Vision – eigentlich zu schön, um wahr zu sein. Die Weihnachtslieder halten sie fest, die Erinnerung, dass ein anderes Leben möglich ist.

Manchmal denke ich an den Advent, den ich im Krankenhaus verbracht habe. Wirbel gebrochen und Arm in Gips. Da war nichts mit Einkaufen und Briefe schreiben. Echte Kerzen durfte man nicht anzünden; ich war heilfroh, dass wenigstens draußen ein Weihnachtsbaum leuchtete. Und sonntags spielte ein Posaunenchor Weihnachtslieder. Zum Heulen schön – mehr war nicht nötig für das Fest.

Ich glaube, die schönsten Feiern sind die, wo wir einfach beschenkt werden. Wohnungslose bei der Bahnhofsmission, Einsame im Quartiersladen – bei Kartoffelsalat und Würstchen wie früher zu Hause. Da, am Tisch, werden nicht nur die Lebensmittel geteilt – da teilen Menschen ihre Zeit und ihre Geschichten. An diesem Abend können auch Fremde einander zuhören und füreinander sorgen. Wer so etwas erlebt, der spürt: da wird das Leben gut, da breitet sich Wohlgefallen aus.

Noch zwei Wochen bis Weihnachten. Das Weihnachtsgeschäft läuft. Gut für Wohlstand und Wachstum. Aber Weihnachten ist mehr: das Fest will alle einbeziehen – die Wohnungslosen genauso wie die Einsamen.

Wohlfahrt lässt keinen außen vor. Die Philosophin Hanna Arendt nennt das „Sorge für die Welt“[7]. „Welt“ – das ist für sie dieser unersetzliche „Zwischenraum, der zwischen dem Menschen und seinem Mitmenschen“ zu gestalten ist. Die Atmosphäre, die uns umgibt und verbindet – in der wir die ungeweinten Tränen sehen, die Sehnsucht spüren und die Engel singen hören. Wo jeder seinen Platz hat – und keine vergessen wird. Wie an der Krippe in Bethlehem.

Noch zwei Wochen bis Weihnachten. Ich will mir Zeit schenken, damit ich die Tage nicht abhake wie eine To-do-Liste. Damit ich mein Dasein nicht verbringe wie ein Geschäft. Will Raum haben, für mich und andere. Und lieber Feste feiern als feste einkaufen – vielleicht auch mal mit Fremden? Vor zwei Jahren wurde die Kampagne #keinerbleibtallein ins Leben gerufen. Ziel ist, Menschen, die Gesellschaft suchen, Einladungen aus der Nähe zu vermitteln, eben: #keinerbleibtallein. Da fällt mir der alte Mann wieder ein. Vielleicht lässt er sich dieses Jahr einladen? Die Aktion geht noch bis zum 20. Dezember. Das könnte mir wohl gefallen. Wohlgefallen – das ist mehr als Wohlstand. Das ist Erzählen und Lachen und die Engel singen hören. Weihnachten eben, wie es gemeint ist.

[1] Emotion, 12 /18
[2] Texterella
[3] Kapitalistische Dynamik. Eine gesellschaftstheoretische Perspektive. VS, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-531-15945-4
[4] Was man für Geld nicht kaufen kann, Berlin 2014
[5][5][5] www.kubis.org
[6] Vgl. Philosophie Magazin Dez 2008, Tausch und Täuschung
[7] Martina Holme, Die Sorge um sich- die Sorge um die Welt. Martin Heidegger, Michel Foucault und Hanna Arendt, Frankfurt 2018

26.09.2018, 6.35 Uhr, Deutschlandfunk DLF

Eine Bank ist kein Zuhause

„Eine Bank ist kein Zuhause“. Die Obdachlosenhilfe hat das vor 25 Jahren plakatiert, damals, als die Zahl der Wohnungslosen wuchs, weil es immer weniger geförderte Wohnungen gab. Sozialer Wohnungsbau galt als überholt – der Markt könne das besser, meinte man. Eine Zeit lang lief es ja anscheinend. Wohnen und Wohnungslosigkeit, das waren Themen der Fachleute. Wohnungswirtschaft und Stadtplanung auf der einen Seite, auf der anderen Obdachloseneinrichtungen und Bahnhofsmissionen. Aber in den letzten Jahren sind die Hilferufe wieder lauter geworden – allein in Berlin leben rund 37.000 Wohnungslose, fast ein Viertel davon mit Kindern[1]. Die Zahl der Betroffenen hat sich zwischen 2014 und 2017 vervierfacht. Manchmal, wenn einer erfriert, weil Unterkünfte fehlen, oder wenn einer im S-Bahnhof einem Brandanschlag zum Opfer fällt – erschrickt die Gesellschaft kurz. Über die Menschenverachtung, die Schutzlosigkeit… Manch einer muss selbst schmerzhaft feststellen, dass die Miete kaum noch bezahlbar ist.4084

Wir brauchen vier Wände und ein Dach, das uns schützt. Selbst Füchse haben Höhlen und Vögel haben Nester, aber Menschen haben keinen Platz, wo sie zur Ruhe kommen können? Das sagt Jesus, der selbst keinen Platz hatte. Er weiß, wovon er spricht.

Jeder Mensch braucht ein Zuhause. Wohnen ist ein Menschenrecht[2]. Und doch machen die langen Schlangen bei Wohnungsbesichtigungen mutlos. Erfahrungen mit Wucherpreisen und Entmietung machen wütend. Die Preise für Baukosten und Wohnen gehen durch die Decke. Mehr als 10.000 Menschen haben vergangenes Wochenende deswegen demonstriert. „Ausspekuliert“ war das Motto der großen Mieterdemo in München[3]. Heute findet in der Hauptstadt der Wohngipfel statt – mit Immobilien- und Bauwirtschaft, Kommunen, Gewerkschaft und Verbänden. Sonderabschreibung für den Bau von Mietwohnungen, Baukindergeld… reicht die Wohnraumoffensive der Regierung aus? Hilft sie Familien mit kleinen und mittleren Einkommen, den Mietern und den Wohnungssuchenden? Das bleibt strittig. Die Angst vor Verdrängung sitzt tief. Seit gestern tagt auch der alternative Wohngipfel – auf dem Sozialverbände und die Mieterseite stärker vertreten sind[4]. Für die Regierung scheint das Thema Wohnen erstmal untergegangen – der jüngste Koalitionsstreit hat das wirklich Dringliche verdrängt. Und den Bauexperten im Bundesinnenministerium, Staatssekretär Gunther Adler, gleich mit.

Dabei brennt die Hütte. Es kann doch nicht sein, dass Familien aufs Land ziehen, weil sie sich die Miete in der Stadt nicht leisten können – und jetzt mit ihrem Diesel gar nicht mehr rein kommen in die Stadt. Es kann doch nicht sein, dass Studierende in den Unis campen müssen[5]. Oder dass ältere Menschen sich ihre Wohnung nicht mehr leisten können, wenn der Partner ins Heim muss oder stirbt. Irgendetwas läuft grundsätzlich falsch. Die Probleme beim Bauen und Mieten sind ein Spiegel unserer Gesellschaft: Von Kreuzberg bis St. Pauli werden Stadtviertel saniert – und die, die dort Zuhause waren, müssen raus. Inzwischen kann man die Spaltungen zwischen arm und reich im Stadtplan erkennen. Der Wohnqualität, dem sozialen Miteinander tut das nicht gut[6]. Aber viele Städte sind wie gelähmt – sie haben Wohnungsbestände veräußert oder lange nicht mehr gebaut; es fehlt an Ressourcen.

Jeder Mensch braucht ein Zuhause. Einen Ort, wo man die Türe hinter sich schließen kann. Vier Wände, die man selbst gestalten und bezahlen kann. Keine Ghettos, sondern gemischte Quartiere, wo einer dem anderen vertrauen kann.

Selbst Füchse haben Höhlen und Vögel haben Nester. Und eine Bank für die Nacht ist kein Zuhause. Jesus wusste das. Dass wir einen Platz haben in Gottes Haus gehört zu seinen größten Versprechen: „In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen.“ Vielleicht muss man wissen, wie es ganz unten aussieht, um zu verstehen, wonach sich Menschen sehnen. Das sollte jetzt Thema sein, im Heimatministerium und in der politischen Debatte. Diskutieren Sie mit, auf Facebook unter „Evangelisch im Deutschlandradio“.

 

 

[1] https://www.tagesspiegel.de/berlin/wohnungslosigkeit-in-berlin-37-000-menschen-leben-in-notquartieren/22810842.html
[2] http://www.menschenrechte.org/lang/de/wsk-rechte/das-recht-auf-wohnen-ein-menschenrecht-auch-in-deutschland
[3] https://www.sueddeutsche.de/muenchen/ausspekuliert-demo-die-groesste-mieterdemo-die-muenchen-je-gesehen-hat-1.4131464
[4] https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/alternativer-wohngipfel-endlich-bezahlbare-wohnungen
https://www.tagesspiegel.de/berlin/miet-und-wohnungspolitik-300-gruppen-demonstrieren-gegen-mietenwahnsinn-in-berlin/23087644.html
[5] http://www.spiegel.de/lebenundlernen/uni/semesterbeginn-studierende-leiden-unter-wohnungsnot-a-1225537.html
[6] https://www.handelsblatt.com/finanzen/immobilien/immobilien-leben-wie-auf-dem-dorfplatz-so-sehen-urbane-quartiere-der-zukunft-aus/22944434.html?ticket=ST-9125075-BLHhaazO7XP45q3FLNbc-ap1


Andacht bei der 40. Sommertagung der Wirtschaftsgilde e.V., Oberstorf, 02.07.2018

„Ja, mach nur einen Plan! Sei nur ein großes Licht! Und mach dann noch ‘nen zweiten Plan, gehn tun sie beide nicht.“ Bert Brechts „Ballade von der Unzulänglichkeit menschlichen Planens“ von 1928 ist geprägt von der Erfahrung, dass sich der Einzelne lächerlich macht, wenn er versucht, sein Glück zu planen. Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlecht genug. Doch sein höhres Streben ist ein schöner Zug.

Ja, renn nur nach dem Glück, doch renne nicht zu sehr. Denn alle rennen nach dem Glück, das Glück rennt hinterher. Der Versuch, das eigene Leben wie ein Unternehmen zu planen, stößt schnell an Grenzen. Woran das liegt, variiert Brecht über vier Strophen: Der Mensch ist nicht anspruchslos genug, nicht schlau genug, nicht gut oder nicht schlecht genug. Er ist ganz einfach nicht Gott.

Wir sind an einem Punkt angelangt, wo wir unglaublich viele Möglichkeiten haben. Wir haben uns befreit von Bindungen und Beziehungen, traditionelle Zusammenhänge aufgelöst. „Aber immer schärfer treibt die Moderne die Frage nach dem Sinn hervor. In der wachsenden Komplexität können wir das Leben nur noch unzusammenhängend und fragmentarisch wahrnehmen. Was bleibt, wird von vielen als sinnloses „Nichts“ empfunden.“ sagt der Philosoph Wilhelm Schmidt.

Alle Suche nach Sinn ist unbefriedigend – ein Haschen nach Nichts. Das ist auch die Botschaft des Predigerbuches.

Am guten Tage sei guter Dinge, und den bösen Tag nimm auch für gut; denn diesen schafft Gott neben jenem, dass der Mensch nicht wissen soll, was künftig ist. Allerlei habe ich gesehen in den Tagen meiner Eitelkeit. Da ist ein Gerechter, und geht unter mit seiner Gerechtigkeit; und ein Gottloser, der lange lebt in seiner Bosheit.

Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, dass du dich nicht verderbest. Sei nicht allzu gottlos und narre nicht, dass du nicht sterbest zur Unzeit. Gott schafft Tage des Glücks und des Unheils, damit der Mensch nichts findet hinter ihm. (Koh. 7, 15- 18)

Die Zeit des Hellenismus in der dieser Text in Jerusalem geschrieben wurde, glich in manchem unserer globalen Moderne. So großartig die „sieben Weltwunder“ erschienen, so viel Individualität und Differenzierung der Länder und Kulturen möglich war – wo alles möglich scheint, trägt nichts mehr. Die Maßstäbe verschieben sich. Das Streben nach Weisheit, ja selbst der Kampf um Gerechtigkeit sind zum Geschäft verkommen.

Das kennen wir auch. Nehmen wir das Beispiel Flüchtlingsarbeit. Viele engagieren sich, weil sie es nicht ertragen, auf einer Insel der Seligen zu leben, während andere unverschuldet leiden – unter Armut, Kriegen, Klimawandel. “Unser Dorf ist glücklicher, seit wir Flüchtlinge haben. Weil es viele Menschen gibt, die vorher für sich allein lebten und jetzt plötzlich Menschen in Not helfen können“, sagt der Psychiater und Theologe Manfred Lütz. „Glück ist eben kein Ego-Trip. Der Mensch ist ein soziales Wesen.“ Oder ist es ganz anders – werden dabei die Anderen zu einem subtilen Mittel für das eigene Glück? Der Soziologe Heinz Bude meint, der Ausdruck „Gutmensch“ sei ein Versuch, diese Selbstbezogenheit in der Fremdbekümmerung bloßzulegen. „Sobald wir die Bilder sehen, wie Menschen ertrinken bei dem Versuch, übers Meer nach Europa zu gelangen, meldet sich der Gutmensch in seiner ganzen moralischen Hilflosigkeit“ sagt er. Und er spitzt zu: Flüchtlingsinitiativen seien moralische Geschäfte – sie verkaufen Moral an die Mittelschicht, die sich Moral leisten können. Was bleibt nach solchen Auseinandersetzungen um Glück und Moral, was bleibt nach all den engagierten, aber auch aggressiven politischen Debatten in Europa? Am Ende bleiben nur Enttäuschung und Zynismus. Man kann auch auf der Suche nach Gerechtigkeit zu Grunde gehen, sagt der Prediger.

Nur – wie sonst lässt sich die Ungerechtigkeit der Welt aushalten?

Der jüdische Psychoanalytiker Victor Frankl hat das KZ überlebt. Er hat sich mit der Frage nach dem Sinn auseinandergesetzt und die Logo-Therapie entwickelt. „Trotzdem Ja zum Leben sagen“, heißt sein bekanntestes Buch. Er beschreibt drei Hauptstraßen zum Sinn: Erstens: Sinnliche Erfahrung. Das unmittelbare Erleben von Glück in der Liebe, die Freude an einem guten Essen, einem Sonnenuntergang oder an schöner Musik. Zweitens: Engagement. Das Eintreten für eine Sache und das Gefühl, mit dem eigenen Leben etwas bewirken zu können. Und drittens eine bedingungslose Treue zum Leben – auch im Leiden. Es geht darum, offen zu bleiben, für das, was mit uns geschieht – und was wir eben nicht beeinflussen. „Wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen“, heißt es bei Kohelet. Entgeht dem Zynismus und der Verzweiflung, dem politischen Extremismus und der Sucht nach purem Genuss. Gottesfurcht wächst aus der Einsicht, dass man den unbegreifbaren Gott letztlich nicht verstehen, sondern nur vertrauen kann. Dass da Sinn ist gegen alle Unsinnserfahrung.

In den letzten Jahren wandeln sich die Glücksratgeber. Neben das Planen ist das Vertrauen getreten. In dem Bestseller „Wiedersehen im Café am Rande der Welt“ – wird ein gelungenes Leben mit dem Surfen verglichen. Wie beim Surfen kommt es darauf an, die Wellen des Lebens zu reiten, die wir selbst nicht steuern: Die Traumwelle in den Blick zu nehmen, sich von ihrer machtvollen Energie nicht beirren zu lassen und die Angst zu besiegen. Keine Garantie, dass das gelingt – so manches Mal wird man unter der Welle hindurchtauchen müssen. Dann gibt es nur eins: sich den Wellen zu überlassen, statt dagegen anzukämpfen – einfach nur darauf zu achten, dass man genügend Luft bekommt und atmet. Und darauf zu vertrauen, dass das Wasser trägt, so Furcht einflößend es auch erscheinen mag. „Weiß ich den Weg auch nicht, Du weißt ihn wohl“, heißt es in einem alten Lied. Dieses Vertrauen ist die entscheidende Dimension der Spiritualität. Respekt vor dem Leben, Gottesfurcht.

Klaus Hemmerle, der ehemalige Bischof von Aachen, hat diesen Glauben gegen allen Unglauben so beschrieben: „Der Spielraum des Menschen entsteht nicht aus vorgeplanten und vorgefertigten Möglichkeiten, sondern aus ausgehaltenen Unmöglichkeiten. Spielraum ist, wo ich in den Unmöglichkeiten und Ausweglosigkeiten da bin und IHM zutraue, dass ER da ist. Wir haben ein ziemlich perfektes System entwickelt, um solche Ausweglosigkeiten möglichst zu vermeiden, vor Katastrophen gesichert und auf Unvorhergesehenes vorbereitet zu sein. Glaube geschieht aus dem Wunder, und das Wunder ist das Unmögliche, und das Unmögliche geschieht eben nur dort, wo wir am Ende sind: in der Aporie. Aporie: nicht billig auflösen, Aporie: nicht ausweichen, sondern da sein, wo ich am Ende bin. Dasein, wo die oder der andere am Ende ist. Dasein, wo unser Latein am Ende ist. Dasein, so dass er wirken kann.“

Damit ist zugleich das Thema Gerechtigkeit aufgenommen: Dasein, wo die oder der andere am Ende ist. Wo unser Latein am Ende ist. Und so – in der schlichten Solidarität, die mehr ist als alles „Gutmenschentum“ – selbst erneut Sinn erfahren. Amen

 


KWA-Forum: Andacht

„Heimat“ ist wieder im Trend. Nicht nur in Politik und Ministerien. Je mobiler die Gesellschaft, je mehr Optionen und Lebensstile, desto wichtiger wird Heimat. Die Zeitschrift Vital empfahl kürzlich eine kleine Silberkette, auf der man die Koordinaten der Heimatstadt eingravieren lassen kann – die Heimat immer auf dem Herzen tragen. Die heimatliche Silhouette ist ohnehin tief in die Seele eingraviert: die Münchner Frauenkirche, das Brandenburger Tor, der Hamburger Michel – nicht zufällig sind es häufig die Kirchen und Dome, die das Heimatgefühl stärken. Hier im Ruhrgebiet sind es die Silhouetten der alten Fördertürme. Auch Kirche hatte den Förderturm im Logo – in der Evangelischen Akademie in Mülheim, die inzwischen verkauft wurde.

Hier ist alles etwas anders. Heimat hat hier nichts mit Lederhosen oder Landzeitschriften zu tun. „Eine traditionelle Ruhrgebietsküche suchen Sie vergebens“ steht im Reiseführer. „Die Menschen, die von überall her ins Land strömten, haben einen kulinarischen Flickenteppich geschaffen. Dass Fremde zuziehen, als Arbeitssuchende, Migranten oder Flüchtlinge, gehört zur Region. Dass in der Kneipe die Speisekarte wechselt, dass Nachbarn eine andere Sprache sprechen – das kennt man hier. Es gibt Döner wie Frikadellen zum Bier und immer Pommes rot-weiß. Handfeste Küche und klare Ansagen. Anders käme man auch nicht klar. „Hömma! Das ist hier nich für zum Spaß“ steht auf einer Karte, die ich neulich am Bahnhof gekauft habe.

Trotzdem kann auch diese Heimat fremd werden. Das „Identifikationsgehäuse“ kann zerbrechen, der Ort, wo wir uns geistig, emotional und kulturell zu Hause fühlen. So wie in Duisburg-Marxloh, wo schon vor 25 Jahren 80 Prozent der Kinder im evangelischen Kindergarten muslimisch waren. Mitte der 90er Jahre, im Zuge der ersten Sparwelle im Rheinland, wurde die Gemeinde dort aufgegeben, und auch anderswo im Duisburger Norden, in Mülheim und Oberhausen wurden Kirchen geschlossen und verkauft, Gemeinden zusammengeschlossen, Kirchenkreise fusioniert. Ein schmerzhafter Prozess für die meist älteren Gemeindemitglieder, die in den schrumpfenden Regionen zurückgeblieben waren. Wo Thyssen-Krupp oder Mannesmann ihre Werke schlossen, waren die Mobilen längst weggezogen. In Presbyterien und Gemeindeversammlungen war die Verunsicherung zu spüren. Was bleibt, wenn Post und Sparkassen geschlossen sind, fragten sich die Leute. In Duisburg brach der Streit um den lautsprecherverstärkten Gebetsruf los. 40 Moscheen hatte irgendwer gezählt. Hier war alles etwas früher.

Es gäbe inzwischen eine Art „heimatlosen Antikapitalismus“. der zum Treiber der rechtspopulistischen Bewegungen werde, sagt Heinz Bude. Dahinter steht die diffuse Erfahrung, dass die Märkte nicht nur den Wettbewerb um Produkte, Dienstleistungen, Arbeitsplätze antreiben, sondern inzwischen auch auf Lebensbereiche übergreifen, die bislang öffentlich und solidarisch organisiert waren. Wo Stadtteilbibliotheken und Schwimmbäder geschlossen, wo Brunnen abgestellt und Bänke abgebaut werden, verschwinden gerade jene Orte, die Raum gaben für ein Miteinander in der Öffentlichkeit.

In dieser Region haben auch Fremde sich Heimat erarbeitet – Solidarität wird hier groß geschrieben, wenn tragende Strukturen brechen. Und wenn nun auch Kirchen geschlossen werden – welche Hoffnung kann der Glaube bieten? „Das ist aller Gastfreundschaft tiefster Sinn, dass wir einander Heimat geben auf dem Weg nach dem ewigen Zuhause“, hat Friedrich von Bodelschwingh geschrieben. Die Antwort der Inneren Mission auf die Umbrüche der Industrialisierung waren die Herbergen für Heimatlose, die Arbeiterkolonien und Hospize für Pflegebedürftige – Einrichtungen für die, die unter die Räder gekommen waren. Oft waren dabei die Wohnquartiere im Blick – mit Wicherns Utopie eines neuen St. Georg genauso wie mit Fliedners Gemeindeschwester. Heute wollen die offenen Stadtkirchen, die Diakonieläden und Gemeinwesenzentren genau das sein: Herbergen am Weg. Wo Menschen ihre Geschichten teilen, sich füreinander einsetzen, solidarisch zusammenarbeiten und einander auf diese Weise ein Stück Heimat geben.

Wie im Bonni in Gelsenkirchen-Haspel. Da hat die Bürgerstiftung „Wir in Hassel“ ein Gemeindehaus übernommen und zum Gemeinwesenzentrum weiterentwickelt: mit Fahrradwerkstatt und Kantine für die Schule, mit kleinem Theater und Generationentreffs. Und auch mit Gottesdiensten – im Zentrum und auf dem nahen gelegenen Markt. Zum Trägerverein gehören auch BP und die DITIB. Das blieb nicht ohne Kritik – aber hier brummt das Leben. Kirche hat sich neu entdeckt – als Plattform für Teilhabeprozesse, als Lebensmittelpunkt, als Ermöglicherin und als Herberge auf dem Weg. Das Restaurant im Bonni, wo es lecker Mittagessen gibt, heißt übrigens „Dietrichs“ – denn das Haus ist noch immer nach Dietrich Bonhoeffer benannt, dem Kirche für und mit anderen so wichtig war. „Wenn ich einen Traum von der Kirche habe, so ist es der Traum von den offenen Türen gerade für die Fremden, die anders sprechen, essen, riechen“, hat auch Dorothee Sölle gesagt. „Heimat, die wir nur für uns selbst besitzen, macht uns eng und muffig.“

Beheimatung braucht Beteiligung. Das weiß man nicht nur in Gelsenkirchen. Dafür braucht es runde Tische und Räume der Begegnung, vor allem aber ein neues Denken. Manchmal müssen wir uns selbst in Erinnerung rufen, was wir als Kirche dazu beitragen können – und welches Kapital Gemeinden noch immer haben – an Räumen, aber auch an Kontakten, Netzwerken und Beziehungen. Kirchen können können Raum geben für Initiativen oder spontane Hilfe, für Mittagstische, Tafeln, oder Deutschkurse. Die ersten Kapitel der Apostelgeschichte erzählen davon, wie die Gemeinde Schranken überwindet. „Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte. Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk.“ Die Gemeinde teilt und organisiert Teilhabe. Armut ist kein Hindernis am Tisch des Herrn und Menschen mit Behinderung werden genauso einbezogen wie Migrantinnen und Migranten. Das geht auch damals nicht ohne Konflikte ab. Die Apostelgeschichte erzählt von den griechischen Witwen. Frauen, Migrantinnen – sie sitzen ganz unten an der Tafel und müssen von dem leben, was da ankommt. Die Bibel erzählt, welche Kräfte frei werden, wenn Menschen bereit sind, sich nach unten zu bücken, statt zu treten – wenn Menschen, die am Rande stehen, integriert werden. Die griechischen Männer, die sich für die Witwen einsetzen, werden Teil der Gemeindeleitung und beginnen, das Evangelium in einer Sprache zu predigen, die ihre Leute verstehen. Die Gemeinde öffnet sich und sie wächst.

„Denn euch und euren Kindern gilt die Verheißung und allen, die fern sind, so viele der Herr, unser Gott, herzurufen wird“, hat Petrus gesagt. „Eine Stadt ist dann gut, wenn sie Menschen miteinander verbindet“, sagt der Psychiater Mazla Adli von der Fliedner-Klinik in Berlin. Wenn man auch mal Bänke zusammenschieben und zusammensitzen kann. Das entscheidende geschieht am gemeinsamen Tisch, wo sich Männer und Frauen, Juden und Griechen finden – alle auf der Suche nach einem neuen Miteinander. Alle verbunden in der großen Hoffnung auf die neue Stadt, das neue Jerusalem. Da werden Tränen abgewischt, blutige Kleider ausgewaschen, das beschädigte Leben wird gewürdigt. In der Mitte stehen keine Geldtürme, keine Fördertürme, aber auch keine Kirchtürme; in der Mitte steht das Lamm mit seinen Verwundungen. Der Gekreuzigte. Der Mensch.

Hier in den Ruhrgebietskirchenkreisen wurde immer wieder darüber gestritten, was eigentlich in der Mitte stehen muss, wenn unsere Städte Heimat werden sollen. Was zeichnet eine menschliche Stadt aus? 1994 entschloss sich der Kirchenkreis Oberhausen, ein ökumenisches Kirchenzentrum hier im Centro einzurichten, in der neuen Mitte. Darf man das, fragten viele? In diesem Tempel des Konsumismus, der die alte Innenstadt entleert? Oder muss das sein, um zu zeigen, wo wir Heimat finden? Und worauf es dabei ankommt? „Auch wenn wir noch auf den neuen Himmel und die neue Erde warten – lasst uns anfangen, die neue Stadt zu bauen, die Stadt von Frieden und Gerechtigkeit“, sagt, Anthony Pilla, Bischof von Cleveland, in einer Rede über die Kirche in der Stadt. Daran arbeiten wir, dafür setzen wir uns ein. Amen.

 

Cornelia Coenen-Marx, Oberhausen 16.6.18

 


27.1.2018, 6.35 Uhr, Deutschlandfunk DLF

Engagement – der Rat der Alten

Der Rat der Großmütter: In Deutschland wurde er 2009 gegründet. „Großmütter“ aus aller Welt haben sich zusammengeschlossen, weil sie sich angesichts von Seuchen und Armut, von Klimawandel und Naturzerstörung um die Zukunft der Erde und der Menschheit sorgen. Großmütter aus Afrika sind dabei, sie versorgen die Enkel, weil die Eltern an Aids gestorben sind. Großmütter vom Balkan, sie ziehen die Kinder groß, weil ihre Mütter bei uns andere Großmütter pflegen. Frauen aus Deutschland, die Leihgroßmütter geworden sind – für überlastete Familien. Für alleinerziehende Mütter.

Vielleicht ist es an der Zeit, die Rolle der Ältesten neu zu beleben. Auch die Kirche kennt ja ein Ältestenamt, das Presbyteramt. Das griechische Wort ist eine Erinnerung: Die Älteren in der Antike genossen große Wertschätzung, weil sie im Lauf ihres Lebens Weisheit und Einsicht entwickeln konnten. Und auch ein Witwenamt gab es; da waren die Frauen gefragt, die mit ihren Kindern allein dastanden und oft auf die Hilfe anderer angewiesen waren. Sie kannten die Armut und die Umbrüche im Leben. Sie wussten, was Lebensbrüche sind und wie es sich anfühlt, abhängig zu sein. Sie hatten eine besondere Empathie für die Armen, für die Kinder und die Sterbenden.

Heute engagieren sich viele Ältere in ihrer Nachbarschaft, sie knüpfen die kleinen Netze des Zusammenhalts in den Gemeinden. „Im Alter bekommen die Körper eine andere Bedeutung – sie werden anfälliger und zeigen Schwäche“, schreibt Lisa Frohn. „Das heißt auch, dass der Ort, an dem sich der Körper befindet, und die Umstände an diesem Ort wichtiger werden. Weil es um Wohlergehen, Gesundheit, Versorgung und Betreuung geht. Ältere haben die Fähigkeit, von sich selbst abzusehen – sie wollen für andere da sein und ihre Erfahrungen in die Gesellschaft einbringen.“

Bei den jungen Alten schlägt das Herz der neuen, generationenübergreifenden Gemeinwohlbewegung. Sie tragen die Nachbarschaftsprojekte, die Dorfläden und die Bürgerbusse und auch die Mittagstische, bei denen reihum gekocht wird. Bei „Rent a Grant“ arbeiten sie als Leihomas und in Mehrgenerationenhäusern geben sie den Kindern ein Stück Kontinuität in wechselnden Alltagsmustern. Man findet sie bei Hausaufgabenhilfen, in der Flüchtlingsarbeit, als Lesehelfer und Mentoren für Auszubildende. Viele suchen solche Ratgeber, die Lebenserfahrung einbringen. Menschen, die sich mit den eigenen Fehlern und Umwegen ausgesöhnt haben. Sie können deswegen auch andere vorurteilsfrei aufnehmen und begleiten. Und vielen zu Segen werden.

Für die allermeisten alten und auch sehr alten Menschen ist das ein zentraler Lebensinhalt. Eine Hochaltrigenstudie der Universität Heidelberg stellt fest: Mehr als sechzig Prozent engagieren sich für andere Menschen. Und genauso viele haben das Bedürfnis, auch weiterhin gebraucht und geachtet zu werden. Vor allem von den jüngeren Generationen. 85 Prozent der Befragten beschäftigen sich intensiv mit den Lebenswegen der nachfolgenden Generation. Selbst wer körperlich nicht mehr fit ist, muss mit seinem Engagement für andere nicht aufhören.

Gerade die Älteren können andere beraten und begleiten. Mehr noch: Sie können für andere beten. Ich denke dabei an Abraham, der für seine Verwandten in Sodom gebetet hat. Abraham bekniet Gott, die Stadt Sodom zu erhalten – trotz Profitgier und Naturzerstörung. Weil er die Erde und die Menschen liebt – ganz ähnlich, wie der Rat der Großmütter es tut. Abraham bittet Gott, die Stadt vom Untergang zu verschonen, wenn es nur fünfzig Gerechte darin gibt – oder nur fünfundvierzig oder vierzig. Oder sogar nur zwanzig oder zehn. Er bittet und bettelt und handelt mit Gott. Voller Furcht, aber ohne falsche Scheu. Weil die Liebe größer ist als jeder Wunsch nach Bestrafung. Weil es ihm um die Zukunft der Welt geht. Das ist der Zukunftssinn der Älteren. Wer weiß, wie endlich das Leben sein kann, der setzt sich ein, damit es weitergeht. Mit seinem Engagement – mit Rat und Tat und mit seiner Fürbitte.

 

26.1.2018, 6.35 Uhr, Deutschlandfunk DLF

Olivenzweig

„Nur die Empfänger wissen, welche Ziele sie über Selbstverteidigung hinaus mit diesen Waffen verfolgen“. Das stellt die Gemeinsame Konferenz Kirche und Entwicklung der Deutschen Bischofskonferenz und der EKD fest. 2014 schon. Es geht um den Kampf gegen den IS und die Waffenlieferung an die kurdischen Peschmerga-Truppen im Irak. Es ergäben sich unkontrollierbare „Risiken und Gefahren“, schrieben die Experten[1]. Über Alternativen wie eine Intervention unter dem Dach der Vereinten Nationen habe man viel zu wenig diskutiert. Und es fehle an einem umfassenden Konzept für die Region.

Dass „nur die Empfänger wissen, welche Ziele sie mit den Waffen verfolgen“, das muss man inzwischen wohl auch für das Nato-Land Türkei sagen. Fotos zeigen, wie Leopard-Kampfpanzer aus deutscher Produktion in Syrien einrollen[2]. Die türkische Armee nutzt sie offenbar für ihre Offensive gegen die kurdische YPG-Miliz im Nordwesten Syriens – die international und auch von der Bundesregierung äußerst kritisch gesehen wird.

Gleichzeitig wird geprüft, die türkischen Leopard-Panzer durch Rheinmetall modernisieren zu lassen. Ein Waffengeschäft, das die Wiederannäherung zwischen Berlin und Ankara befördern soll – und zugleich die Freilassung des Journalisten Denniz Yükzel[3].

Damit ist der Konflikt endgültig bei uns angekommen. Es sind unsere Waffen, die in der Region aufeinandertreffen. Und hier in Deutschland treffen die verschiedenen Communities aufeinander. Für morgen hat der Kurden-Verband zu einer Demo in Köln aufgerufen. 15.000 werden erwartet. Und am Montag sind auf dem Flughafen in Hannover kurdischen Demonstranten und türkischstämmige Fluggäste aneinandergeraten – über die türkische Offensive in Syrien. Die Operation Olivenzweig.

Wenn ich „Olivenzweig“ höre, sehe ich keine Panzer vor mir, sondern eine Friedenstaube mit Ölzweig im Schnabel. Und ich denke an das Bibelwort des Propheten Jesaja: “Wie lieblich sind die Füße dessen, der frohe Botschaft bringt, der Frieden verkündet… (Jes 52,7) denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn daher geht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird vom Feuer verzehrt (Jes 9,4)“.

Nein, ich bin keine Pazifistin; jedenfalls nicht mehr. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man dem Kriegsherrn Assad mit Diplomatie das Handwerk hätte legen können. Und Adolf Hitler auch nicht – das hat die Geschichte gezeigt. Aber dass die Waffenexporte aus Deutschland in der letzten Legislaturperiode von 20 auf 25 Milliarden Euro gestiegen sind[4] -, das führt sicher auch nicht zum Frieden. Jedenfalls weiß ich nicht, wie die türkische Offensive Frieden bringen soll, weder in Syrien noch in der Türkei selbst.

Man werde beten für den Sieg „unserer heldenhaften Armee und Soldaten“, stand auf der Internetseite eines Imam in Baden-Württemberg. Moscheen forderten ihre Gläubigen auf, „zahlreich die Fetih-Sure zu lesen“, die 48. Sure über den Sieg. In Deutschland wurden diese Bitten inzwischen von den Homepages gelöscht. Aber der türkische Religionsattaché hat den Aufruf der Religionsbehörde verteidigt. Die Sure sei als Beitrag zum Frieden gemeint gewesen[5].

Ich finde es unerträglich, Feldzüge zu segnen. Mich erinnert das an unsere eigene furchtbare Geschichte im ersten Weltkrieg. Auf den Kirchlichen Kriegsgrüßen stand damals: „Fromm und stark, deutsch bis ins Mark.“ Die Botschaft: „Lasst Eure Herzen schlagen zu Gott und Eure Fäuste auf den Feind“.

Nein, wer verantwortlich mit der Geschichte Europas umgehen will, der muss genau hinschauen. Dem Frieden dienen Waffengeschäfte nicht. Die Gemeinsame Konferenz Kirche und Entwicklung der evangelischen und katholischen Kirche fordert eine europäische Rüstungskontrolle, weil Rüstungsgeschäfte national immer weniger zu kontrollieren sind. Und Gebete sollten sich auf Verständigung ausrichten. Das muss auch für die Zusammenarbeit mit den Moscheegemeinden gelten.

[1] http://www3.gkke.org/73.html; http://www.faz.net/aktuell/politik/gkke-kritisiert-waffenlieferung-an-peschmerga-in-nordirak-13307701.html
[2] http://www.sueddeutsche.de/news/politik/konflikte-tuerkei-setzt-offensichtlich-deutsche-panzer-in-syrien-ein-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-180122-99-741498
[3] http://www.spiegel.de/spiegel/deniz-yuecel-bundesregierung-bietet-tuerkei-panzerdeal-an-a-1188854.html
[4] http://www.sueddeutsche.de/news/wirtschaft/ruestungsindustrie-deutlich-mehr-ruestungsexporte-unter-grosser-koalition-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-180124-99-774086
[5] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/ditib-laesst-in-deutschland-fuer-sieg-der-tuerkei-in-syrien-beten-a-1189223.html

 

25.1.2018, 6.35 Uhr, Deutschlandfunk DLF

Engagement  – Partnerschaften

„Du wirst gebraucht. Mit allem, was du kannst. Und mit allem, was schiefgelaufen ist in deinem Leben.“ Mitten in der Wüste hört Mose diese Stimme. In Ägypten hatte er einen Mann erschlagen. Einen der Vorarbeiter beim Pyramidenbau, der die Hebräer spüren ließ, dass sie Fremde waren. Spät erst hatte Mose begriffen, dass er selbst ein Hebräer war. Er war am Hof des Pharao aufgewachsen – ein hebräisches Findelkind im Zentrum der Macht. „Du wirst gebraucht“, sagt ihm die Stimme, „damit dein Volk frei wird.“ Und alles wehrt sich in Mose. „Ich? Wieso ich? Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehen sollte?“

Wer kennt das nicht? Das Nachbarschaftszentrum braucht Integrationshelfer für Geflüchtete – Menschen, die sie auf Behördengängen begleiten oder im Gespräch mit Firmen. Da muss man es ertragen, wenn man mit all seinem Engagement vor Mauern läuft. Die Ungewissheit aushalten und die Traumata. Kann ich das? Anderswo werden Ehrenamtliche gesucht, die Sterbende im Pflegeheim begleiten. Schaffe ich das? Mich der eigenen Endlichkeit zu stellen? Und wer unterstützt mich, wenn ich nicht weiter weiß?

Auf mich kann es doch nicht ankommen, denkt man. Immer wieder erzählt die Bibel von Menschen, die Angst haben vor dem, was auf sie zukommt. Sie fühlen sich zu jung, zu alt oder zu krank. Mose hat eine Behinderung: Er kann nicht reden. Wie soll denn jemand Politik machen, der nicht gut im Reden ist? Als ob Gott nicht bedacht hätte, wer da vor ihm steht. „Habe nicht ich, der Herr, den Menschen einen Mund gegeben? Kann ich sie nicht stumm oder taub machen, sehend oder blind?“, bekommt Mose zu hören. So, wie wir sind, werden wir gebraucht. Auch wenn wir mit dem Rollator oder dem Rollstuhl unterwegs sind. Wer Fluchterfahrungen hat, weiß, wie es ist, sich nach Freiheit zu sehnen. Wer Mobbingerfahrungen hat, weiß, wie es ist, klein gemacht zu werden. Genau das sind die Menschen, die anderen Rückenwind geben können. Auf dem Weg zum Amt. Am Arbeitsplatz. Und auch in der Politik. „Geh jetzt, Mose. Ich bin bei dir und sage dir, was du reden sollst.“

Aber Mose traut sich schon lange nichts mehr zu. „Herr, sende doch lieber einen anderen“, sagt er kleinlaut. Mein Gott, ist es schwer, einem Menschen Mut zu machen! Aber dann gibt es da einen, der das Wort für Mose ergreifen kann. Sein Bruder wird zum Mitstreiter, er kann gut reden. Zu zweit sind sie ein gutes Gespann. Mose und Aaron. Wenn einer mitgeht, wachsen dir Kräfte zu.

Selten habe ich jemanden so begeistert von seinem Engagement erzählen hören wie einen der Kirchenwächter aus der Marktkirche in Essen. Den ehrenamtlichen Dienst hat der Stadtkirchenverband für eine Kunstausstellung organisiert. Neunzig Ehrenamtliche machen mit – darunter neunzehn mit einer geistigen Behinderung. Die Idee: Sie üben ihren Dienst jeweils im Tandem mit einem Nichtbehinderten aus. So wurde die Marktkirche zu einem Ort der Begegnung. In der Gruppe werden die Ehrenamtlichen mit Behinderungen als Gleichberechtigte wahrgenommen. Sie kamen mit den Besuchern in Gespräche, konnten ihre ganz eigene, oft ungewohnte Deutung der Bilder weitergeben. So wurden die Besucherinnen und Besucher zu einem neuen, anderen Blick auf die Kunstwerke angeregt. Und weil am Ende alle begeistert waren, ging der Dienst auch nach der Ausstellung weiter.

Gebraucht werden und dazugehören. Das ist eine wunderbare Erfahrung. Studien, die in den Blick nehmen, aus welchen Schichten und Milieus die Engagierten kommen, zeigen aber: Die meisten Ehrenamtlichen sind gut ausgebildet, haben Familie und Freunde. Hartz-IV-Empfänger, Langzeitarbeitslose oder Menschen mit Behinderung finden oft den Einstieg nicht. Es fehlt ihnen an Netzwerken. Mehr noch als andere brauchen sie jemanden, der sie anspricht und ermutigt. Und einen Partner, der mitgeht.

Hier und da können Menschen mit einer schwierigen Lebensgeschichte diese Erfahrungen machen. Die „Kunden“ der Tafeln zum Beispiel, die zum Teil des Teams werden. Oder Wohnungslose, die andere durch ihre Stadt führen. Berufungen entdecken, die andere nicht sehen. Menschen nach vorn stellen, die immer im Hintergrund bleiben – das sollte die Kirche nicht den Castingshows überlassen.

 

24.1.2018, 6.35 Uhr, Deutschlandfunk DLF

Engagement – einfach mal nein sagen!

„Gibst du ihm den kleinen Finger, nimmt er gleich die ganze Hand.“ Der launige Spruch erzählt von der Angst, mit Haut und Haaren verschluckt zu werden. Bei einem Ehrenamt ist das gar nicht so unrealistisch. Ehrenamtliche sind oft an verschiedenen Stellen engagiert: in der Schule, im Sportverein und auch noch in der Kirchengemeinde. Und wer sich mit Haut und Haaren einer Aufgabe widmet, verliert schnell aus den Augen, wie viel Zeit er einsetzt. So ging es vielen in der Arbeit mit Geflüchteten. Als vor zwei, drei Jahren die Notunterkünfte bereitgestellt wurden, war ein schneller Einsatz gefragt: Betten bauen, Kleidung sortieren, Kinder verwahren, Deutschunterricht anbieten. Da wurde jeder gebraucht. Und wer schon Erfahrung mitbrachte, wurde schnell zum Koordinator vor Ort. Es ist großartig, wie viele Menschen sich ansprechen ließen von dieser Aufgabe. Wie viele durchgehalten haben und nach wie vor dabei sind. Aber jetzt, wo es um die Langstrecke geht, um Integration in der Schule, in Betrieben und Nachbarschaft, spüren viele auch ihre Grenzen.

„Ich habe Generationen von Ehrenamtlichen erlebt, die sich unheimlich engagiert haben, aber viel zu viele haben irgendwann einfach aufgegeben, weil sie resignierten oder nicht mehr weiterkamen“, sagt eine Mitarbeiterin der Caritas. Sie hat eine Fortbildung zum Thema „Das Ehrenamt und seine Grenzen“ organisiert. Da stellt sich heraus: Die Begleitung einer Familie aus Syrien oder Afghanistan nimmt auf Dauer viel mehr Zeit in Anspruch, als man sich am Anfang vorgestellt hatte. Wie zieht man Grenzen, wenn man längst zum Teil der Großfamilie geworden ist? Besser Grenzen setzen als sich komplett zurückziehen. Ein bewusster Umgang mit der eigenen Zeit ist ein Anfang: Wenn die Freizeit auf der Strecke bleibt – Sport, Familie oder Freundeskreis –, dann läuft etwas schief. Sich selbst aufgeben, um die anderen nicht aufgeben zu müssen, das ist keine Lösung. Trotzdem: Es ist nicht leicht auszuhalten, dass kein anderer einspringt, wenn ich nicht kann. Dass vieles nur im Schneckentempo vorangeht. Und dass die Aufgabe größer ist als meine Kräfte.

Eine Fortbildung kann helfen, den Druck herauszunehmen. Auch ein Ehrenamtsvertrag trägt dazu bei, sich über die eigenen Aufgaben und Grenzen klar zu werden. Was will ich einbringen, welche Kompetenzen habe ich und welche Unterstützung brauche ich? Wie viel Zeit will ich spenden und wo finde ich Beratung, wenn ich selbst nicht mehr weiter weiß? Eine Mentorin, ein Mentor kann helfen – oder auch eine Supervision, um ab und an Inventur zu machen. Gerade Ehrenamtliche brauchen das – nicht nur in der Flüchtlingsarbeit, auch in der Telefonseelsorge oder in der Hospizarbeit.

„Ich habe heute viel zu tun, darum muss ich heute viel beten“, soll Martin Luther gesagt haben. Er war dabei ganz auf der Spur Jesu. Wenn Jesus von besonders vielen Kranken und ihren Angehörigen bestürmt wurde, dann zog er sich in die Einsamkeit zurück und betete. Er hat nicht alle Krankheiten geheilt, er hat nicht alle Wünsche erfüllt – mit seinem ganzen Leben hat er nur Zeichen gesetzt. Er hat Pausen gemacht, um aufzutanken – trotz seiner göttlichen Kraft. Zu meinen, wir hätten das nicht nötig – das wäre hochmütig. Nein, wenn wir meinen, wir könnten die ganze Welt retten, dann ist es sinnvoll, immer wieder bei uns selbst anzufangen. Und Kraft zu tanken. Vielleicht geht es im Ehrenamt auch um diese Entdeckung: Wenn wir uns neuen Herausforderungen stellen, statt die Augen zu verschließen, dann geschieht etwas an uns. Wir lernen unsere Grenzen kennen, wir müssen mit Enttäuschungen umgehen. Wir werden geerdet, demütiger – und nehmen so vielleicht den Himmel besser wahr. Engagement schickt auch auf einen spirituellen Weg.

Von den Jakobspilgern lerne ich: das Ziel vor Augen haben, die eigenen Kräfte einteilen und mir vielleicht auch Begleitung suchen. Und regelmäßig Rast machen. Luther hat Recht: Gerade, wenn alle etwas von mir wollen, wenn es von allen Seiten an mir zieht, will ich mir Zeit nehmen zu beten. Ich will und darf meine Grenze ziehen und einfach mal Nein sagen.

 

23.1.2018, 6.35 Uhr, Deutschlandfunk DLF

Engagement – die Stimme hören

Die Begegnung mit dem Sterben ihrer Mutter hat sie freigemacht. Das beschreibt Daniela Tausch-Flammer in ihrem Buch „Jeder Tag ist kostbar“. Ihr ist die Endlichkeit bewusst geworden, aber mitten in der Angst öffnete sich eine Tür und sie begann zu vertrauen: „… dass ich in meinem Leben geführt werde und dass ich von Gott begleitet bin.“

Tausch-Flammer fand ihre Berufung in der Hospizarbeit. Sie begleitet fremde Menschen im Sterben und in der Trauer, damit auch andere die Lebenskraft entdecken, die darin verborgen ist: plötzlich klar zu sehen, was wesentlich und was unwichtig ist. Angesichts des Todes zu erleben: Es zählen vor allem die Momente, in denen Menschen wagen, sich offen zu zeigen. Daniela Tausch-Flammer spürt das immer wieder. Im Angesicht der Trennung wird eine ungeahnte Nähe möglich. Wer sich auf solche Nähe einlässt, findet oft den Sinn im eigenen Leben. Die eigene Berufung.

Berufung – da ist eine Stimme, die lockt, sich einzulassen: auf eine Aufgabe, einen Weg. Im Beruf gelingt das oft nicht mehr. Der Job wird zur Routine oder sogar zur Last. Manche suchen sich dann eine selbstgewählte Aufgabe. So wie die Ärztin Adelheid Franz. In der Malteser-Migrantenmedizin hat sie ehrenamtlich ein dichtes Netzwerk geknüpft – vom Entbindungsplatz bis zum Krankenhaus, von der Kleiderkammer bis zur Flüchtlingsberatung. Ein Netzwerk aus ehrenamtlich Engagierten – Ärzte, Juristinnen, Sozialarbeiter, bei denen Menschen in Not Hilfe finden. Flüchtlinge und illegale Migranten sind dabei, Tagelöhner aus Osteuropa und verarmte Deutsche. In der Migrantenmedizin bekommen sie eine erste Hilfe. Genauso wie im Kältebus der Stadtmission oder bei den Tafeln, wo Freiwillige sich engagieren.

Oft sind es solche ehrenamtlichen Initiativen, in denen Menschen ihre Berufung wiederfinden. Ärztinnen und Zahnärzte, Friseurinnen, die kostenlose Haarschnitte anbieten. Bäcker, die frische Brötchen zur Verfügung stellen – hier haben sie endlich wieder Zeit, sich anderen mit ihrer ganzen Kompetenz zuzuwenden. Und anders als im Berufsalltag erleben sie wieder, wie wunderbar es sein kann, für andere da zu sein. Wenn jemand krank ist oder stirbt. Wenn einer Hunger hat oder ein Dach über dem Kopf braucht.

Werke der Barmherzigkeit. In den Fenstern der Elisabethkirche in Marburg sind sie zu sehen. Szenen aus dem Leben der Landgräfin Elisabeth, die von ihrer Burg herabstieg, um Leidenden auf Augenhöhe zu begegnen. Wer ihr begegnete, berichtet davon, dass Menschen und Dinge sich in ihrer Nähe wandeln: Aus Brot werden Rosen, Blinde lernen zu sehen, Eltern, die ihre Kinder verstoßen hatten, lernen sie anzunehmen.

In solchen Augenblicken ist die Nähe Gottes zu spüren – eine Kraft, die heilt, eine Quelle, die lebendig macht. In den Werken der Barmherzigkeit, in diesen einfachen Handlungen der Liebe, lassen sich religiöse Erfahrungen machen wie sonst nur in Gebet und Meditation. Engagement kann ein spiritueller Weg sein.

Wer sich darauf einlässt, findet Zugang zu den eigenen Kraftquellen. Victor Frankl, ein jüdischer Psychotherapeut, hat diese Entdeckung im Konzentrationslager gemacht. Alles hängt davon ab, sagt er, ob unser Leben Bedeutung für andere hat – und sei es nur für einen Menschen, den wir lieben. Es kommt darauf an, dass wir unseren Beitrag leisten, und sei er noch so klein – damit Güte und Gerechtigkeit sich ausbreiten. Auch die Mitgefangenen im KZ schöpften Lebensmut daraus, nicht nur für sich selbst zu leben.

Das ist eine Erfahrung, von der Ehrenamtliche immer wieder erzählen. Dass sie bei ihrer Arbeit mehr empfangen, als sie geben. Damit ist nicht nur Dankbarkeit gemeint. Wer sich für andere einsetzt, ist oft überrascht von der Hoffnung und Kraft bei denen, die ganz unten und in Not sind. Viele erleben, dass im hilfreichen Handeln etwas heil und ganz wird – auch bei ihnen selbst. So hat es Daniela Tausch-Flammer bei der Sterbebegleitung erlebt. Ihre Angst trat zurück, sie spürte, dass sie geführt und begleitet ist. Das eigene Leben hat eine Bedeutung. Das ist es, was Christen „Berufung“ nennen.

 

22.1.2018, 6.35 Uhr, Deutschlandfunk DLF

Engagement – Gaben entdecken

Der Januar macht Mut, neu aufzubrechen. Eine Zeitschrift bietet hübsche Symbole dafür an – einen Füller für die Schriftstellerin, ein Mikro für die Medienfrau, Ballerinas für die Tänzerin, bunte Kochlöffel für die Hobbyköchin. Wellness und Gesundheit sind die Themen der Zeitschrift. In diesem Artikel geht es darum, den eigenen Gaben nachzuspüren und die eigene Berufung zu entdecken. Und dann gezielt Prioritäten zu setzen. Vielleicht eine Fortbildung zu machen oder sich sogar noch einmal ganz neu zu erfinden.

Die arbeitslose Schuhverkäuferin hätte sich vielleicht einen Spiegel als Symbol ausgesucht. Ich werde sie nicht vergessen: Sie kam eines Tages in unserem Nachbarschaftsladen vorbei, weil sie einfach keine Lust mehr hatte, zu Hause sitzen. Ob sie bei uns ehrenamtlich mitarbeiten könnte, wollte sie wissen. Sie hatte gehört, dass wir gerade eine neue Kleiderkammer eröffnet hatten – eigentlich war’s ein richtig schicker Secondhandshop. Und Menschen zeigen, was zu ihnen passt, das konnte sie. Jede, die aus der Umkleide herauskam und sich vor dem Spiegel drehte, hatte ein Lächeln auf den Lippen. Und unsere Schuhverkäuferin hatte einfach eine Begabung: Sie konnte sehen, was einer Kundin passte, was ihr stand und sie zum Strahlen brachte.

Eine tolle Frau jedenfalls. Sie wohnte bei uns in der Gemeinde, aber wir kannten uns noch nicht. In der Kirche mitarbeiten, sagte sie, da ginge es doch meistens ums Reden oder ums Singen. Dafür wäre sie nicht gemacht. Und auch Besuche seien nicht ihre Sache; so gern sie Menschen möge. Im Café bedienen oder im Secondhandshop, das könnte sie sich aber gut vorstellen. Ehrlich gesagt: Ich konnte das nachvollziehen. Beim Ehrenamt in der Kirche denken viele an Besuchsdienst, an die Mitarbeit im Kindergottesdienst oder in der Jugendarbeit oder auch an Lesungen im Gottesdienst. Dabei gibt es eine große Vielfalt von ehrenamtlichen Aufgaben: bei den Tafeln und Nachbarschaftshilfen, in der Hospizarbeit, im Kirchgarten, bei Mittagstischen und Hausaufgabenhilfen. Jeder und jede kann und soll einbringen, was er kann. Mit dem Mikro, der Gartenschere oder dem Kochlöffel. Mit der Bibel, dem Hausaufgabenheft oder der Yoghurtpalette. Und auch mit den Ballerinas. Alles ist möglich, was Menschen können.

Im Neuen Testament gehören zu den Gaben des Heiligen Geistes nicht nur Glaubenskraft, Weisheit und Vermittlung von Erkenntnis, sondern auch die Gabe, Krankheiten zu heilen. Und nicht nur das Predigen gehört zu den Ämtern der Kirche, sondern auch die Armenspeisung und die Begleitung der Sterbenden und Trauernden. Diese Vielfalt wurde manchmal vergessen. Vielleicht, weil nur einige dieser Aufgaben in der Kirche selbst stattfinden. Dabei werden doch alle Begabungen gebraucht, damit Gottes Liebe sich im Alltag ausbreitet. Die Seelsorge genauso wie die Arbeit an der Tafel.

Ich denke da noch mal an die Schuhverkäuferin. Was sie kann, gerät schnell aus dem Blick. Darum freue ich mich, dass es Gemeinden gibt, die andersherum denken: von den Gaben zu den Aufgaben. Gemeinden, die ihre ganze Arbeit an den Gaben, den Charismen orientieren! Dahinter steht die Annahme, dass Kirche sich von einem weltlichen Verein grundlegend unterscheidet. Es geht nicht zuerst um Aufgaben und Zuständigkeiten, für die dann die passenden Menschen gefunden werden müssen. Es ist umgekehrt: Eine Kirche, die ernst macht mit ihrem geistlichen Ursprung, entdeckt jeden Getauften mit seinen Gaben. Damit ist das Vertrauen verbunden, dass Gott seiner Kirche alles gibt, was sie braucht – und das ganz konkret durch die Menschen, von denen jeder und jede einzelne reich beschenkt und berufen ist.

Ich finde es lohnt sich für Gemeinden, auf Talentsuche zu gehen. Und umgekehrt lohnt es sich für jeden Einzelnen, mit den eigenen Talenten zu wuchern. Neu aufzubrechen mit dem, was man hat und kann. Jetzt, in diesem Frühjahr, finden in einigen evangelischen Gemeinden Kirchenvorstandswahlen statt. Ich freue mich auf jeden und jede, die Lust hat, sich zu engagieren – damit ganz viele mit ihren Gaben zum Zug kommen.

 


7.1.2018, 8.35 – 8.50 Uhr, Deutschlandfunk DLF

Barmherzige Samariterinnen

Kirche, Pflege und Politik


Autorin 1: 
Der Anruf aus dem Krankenhaus hat mich lange nicht losgelassen: „Und Sie reden vom Barmherzigen Samariter – aber für meine Frau haben Sie nicht mal Wasser“ schimpfte der Mann. Es war Abend, Feierabend eigentlich, und ich saß zu Hause am Schreibtisch. Aber weil ich für ein Diakonie-Unternehmen zuständig war, war nie so ganz Feierabend – denn im Notfall konnten einige Dienststellen auf meine Privatnummer durchstellen. Wenn jemand starb und niemand aus der Krankenhausseelsorge erreichbar war, wenn es irgendwo brannte, bei einem Unfall oder eben jetzt – als ein Angehöriger so gar nicht zu beruhigen war. „Und Sie reden vom Barmherzigen Samariter – aber meine Frau hat nicht mal Wasser auf dem Nachtisch.“ Der Mann war wütend, aber eigentlich tief enttäuscht, weil unser Handeln so gar nicht mit dem Anspruch übereinstimmte. Mit unserem diakonischen Profil.

Was war passiert? Es gab natürlich Wasser – in regelmäßigen Abständen kam ein spezieller Service über die Stationen – aber neuerdings mussten die Patienten dafür zahlen. Die Buchhaltung hatte errechnet, dass die Kosten für das kostenlose Wasser sich zu einer ganzen Pflegestelle summierten. Und die Krankenhausleitung hatte entschieden, eine Pflegekraft mehr einzustellen. Eigentlich eine gute Entscheidung – denn die Pflege arbeitete schon damals hart an der Grenze der eigenen Kräfte. Aber der Ärger darüber wurde immer lauter – und schwer zu ertragen für die Mitarbeitenden auf der Station. Bis er sich in dem wütenden Anruf bei mir entlud. Die Entscheidung wurde revidiert, das Wasser gab’s fortan wieder umsonst, aber seitdem achte ich noch sensibler auf die Risse im diakonischen Handeln – die Risse zwischen Anspruch, Erwartungen und Möglichkeiten.

Autorin 2: An den wütenden Anruf erinnert hat mich die biblische Losung für das neue Jahr 2018. „Ich will dem Durstigen geben aus der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“ Es stimmt ja: Wasser ist ein elementares Symbol für das Nötigste – Lebendigkeit, Vitalität, Zuwendung, ohne die niemand leben kann. Dass wir damals Wasser und Pflege verrechnet hatten, das irritierte nicht nur meinen Anrufer. In einem Diakonissenhaus machte man sich früher keine Gedanken über die Kosten der Pflege. Diakonissen arbeiteten ja umsonst – naja, nicht ganz – sie waren gut versorgt und sie lebten in einer Gemeinschaft, die trug.

Sprecherin 1: Pflegende in Deutschland müssen sich im Schnitt um 13 Patienten kümmern. In den USA kommen durchschnittlich 5,3 Patienten auf eine Pflegefachkraft, in den Niederlanden 7 und in der Schweiz 7,9. Gesetzlich festgelegte Mindestschlüssel können Arbeitsüberlastung und Qualitätsmängel lindern – auch in Deutschland[1]. Die Probleme sind drängend auch für die politische Agenda. Trotz der Pflegestrukturreform im letzten Jahr wird immer deutlicher, dass die Pflege unterfinanziert ist. „Wir haben jetzt schon einen Notstand – aber das ist nichts im Vergleich zu dem, was kommt“, sagt der Bremer Gesundheitsökonom Heinz Rothgang. Die Zahl der Pflegebedürftigen wird in den kommenden 30 Jahren von rund drei Millionen auf fünf Millionen Menschen steigen. Ausgehend vom heutigen Verhältnis der in der Pflege Beschäftigten zu den Pflegebedürftigen tut sich bis zum Jahr 2030 eine Lücke von 350.000 Vollzeitstellen auf.

Autorin 3: Eine Reihe von Pflegekräften haben aus dem Mangel und den schlechten Arbeitsbedingungen schon jetzt ihren Schluss gezogen und sich selbständig gemacht. Auf dem leer gefegten Markt sind Selbständige oft die letzte Rettung. Sie werden engagiert, wenn auf der Station ein Engpass ist, aber sie bestimmen ihre Zeiten selbst – machen vielleicht keinen Nachtdienst, arbeiten nicht am Wochenende oder nur, wenn die Kinder in der Schule sind. Der Rest muss dann von den fest Angestellten aufgefangen werden. Selbständige Pflegekräfte sind der konsequente Endpunkt der Entwicklung weg von der Institution und hin zur Individualisierung und vom Krankenhaus zum Gesundheitsdienstleister.

Weil auch selbständige Pflegekräfte im Vergleich zu Ärzten oder IT-Kräften wenig verdienen, sorgen sie wenigstens für ein gutes Zeitmanagement und achten auf Entlastung, wenn sie sie brauchen. Allerdings lässt sich eine Station so kaum managen; hier greift eins ins andere und alles hängt an einer guten Abstimmung. Dass das in den Kliniken und Pflegeeinrichtungen überhaupt noch funktioniert – dass Menschen bereit sind, sich für andere einzusetzen, sich miteinander abzustimmen, Beruf und Familie irgendwie unter einen Hut zu kriegen, das ist alles andere als selbstverständlich. Aber Pflege braucht eine Hilfekette – das zeigt sich schon in der Geschichte vom Barmherzigen Samariter. Die meisten kennen sie noch – so wie der wütende Angehörige bei mir am Telefon. Der Samariter macht die Erstversorgung bei dem, der unter die Räuber gefallen war. Er wäscht und verbindet seine Wunden und hebt ihn auf sein Reittier. Aber dann bringt er ihn zu einer Herberge, damit er dort gesund gepflegt wird. Und er lässt dem Wirt Geld dafür da – umsonst war Pflege auch damals nicht.

Ich verstehe, dass manche sich zurücksehnen nach den Diakonissen und Diakonieschwestern. Sie hatten Zeit für ein Gespräch zwischendurch, Zeit auch am Sterbebett zu sitzen – aber das hatte eben auch seinen Preis. Zum Schwestersein gehörte der Verzicht auf Familie und Privatleben und lange Zeit auch auf ein eigenes Einkommen. Pflegende waren und sind es gewohnt, sich selbst zurück zu stellen. Und viele erwarten das auch, erwarten Überstunden und dauernde Verfügbarkeit bis zum Burnout. Die Verweildauer im Beruf ist deshalb kurz, von „Bettenflucht“ ist inzwischen die Rede, und nicht wenige gehen ins Ausland, wo bessere Arbeitsbedingungen herrschen. 

Sprecherin 2: Die gesetzlichen Vorgaben für Pflegeschlüssel in den USA und Australien sind auf Kampagnen der Gewerkschaften und Berufsverbände zurückzuführen. “Wir können nicht von Politikern erwarten, dass sie irgendetwas in der Pflege ändern, wenn wir selbst nicht einfach mal aufstehen, den Mund aufmachen. Es ist ganz in Ordnung, dass man sagt, Pflege muss laut sein. Aber nicht nur laut sein, sondern einfach mal sagen: Nein! Das mache ich nicht!”, sagt Claudia Hanke, eine der Gründerinnen von Care-Slam. CareSlam bietet seit 2015 eine Plattform für Menschen, die eng mit der Pflege verbunden sind. Die über Missstände, Personalmangel und die Zwänge der Ökonomisierung in der Pflege sprechen möchten.

Autorin 4: Tatsächlich hat es lange gedauert, bis bei uns Pflegende selbst ganz unüberhörbar für eine gute Pflege eintraten. Die Rechte der Pflegekräfte mussten Stück für Stück erkämpft werden: Eigenes Einkommen, Berufsfreiheit, Familie, Studium, das Recht auf Streik – leider auch gegen die Kirche. Heute, wo Pflege eine Dienstleistung ist wie andere auch, geht es darum, den Wert der Pflege wieder ins Bewusstsein zu rufen. Vielleicht tragen ja die Impulse aus dem Wahlkampf weiter. Noch im Januar soll ein fraktionsübergreifendes Sofortprogramm in den Bundestag eingebracht werden.

Sprecherin 3: Mathias Düring erinnert auf Care-Slam daran: „Bei aller Konkurrenz, bei allen Sticheleien zwischen den verschiedenen Abteilungen  wegen des wirtschaftlichen Drucks durch höhere Fallzahlen und weniger Personal, dürfen wir alle nicht vergessen: es geht immer um die Menschen, die vor uns liegen. Sie legen uns ihre Gesundheit, manchmal auch ihr Leben, aber auf jeden Fall ihre Würde in die Hände. Dabei spielt es keine Rolle, ob schwarz, weiß, rot oder gelb. Moslem, Jude, Christ, Hindu, Buddhist oder Zeuge Jehovas. Die Würde bleibt unantastbar und gehört in diesem speziellen Bereich besonders geschützt.“ 

Autorin 5: Das erinnert mich noch einmal an das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter, der ja im damaligen Israel ein Fremder war. Anders als der Priester und der Levit in der Geschichte sieht er den Verletzten. Und er bleibt stehen. Vielleicht hat er einen besonders guten Blick für die Würde des Anderen. Jedenfalls spürt er, was in diesem Moment das Wichtigste ist. Und tut es. Keine große Sache eigentlich; er gibt sich dabei nicht selbst auf. Im Gegenteil: er wäre ja froh, wenn er genauso behandelt würde – auch wenn er nur ein Fremder ist. Kann es sein, dass diese einfache Menschenliebe in unserer Gesellschaft vor die Hunde geht? Wenn Bankkunden einfach über einen Ohnmächtigen steigen? Wenn Bewohnerinnen und Bewohner in Altenheimen stundenlang in ihren Ausscheidungen liegen?

Sprecherin 4: „Wir müssen reden: Über unseren Alltag. Über unsere Sorgen, unsere Verzweiflung und unsere Wut. Aber auch über unsere Freude, die Erfolge und unsere Leidenschaft. Darüber, was wir können und leisten und darüber, was wir gerne tun würden – wenn man uns nur ließe“, heißt es auf der Careslam-Plattform. Endlich vernetzen sich Menschen, die an der Pflege beteiligt sind – Altenpfleger, Krankenschwestern und auch pflegende Angehörige.  Immerhin 1,4 Millionen Menschen werden zu Hause gepflegt. Die Töchter und Schwiegertöchter, die die kranke Mutter über Jahre pflegen, die Männer, die ihre Frauen pflegen – sie verzichten auf eigenes Einkommen und Karriere und werden oft nicht einmal gesehen. Sie verschwinden einfach aus dem Kollegen- und Freundeskreis, haben keine Zeit und kein Geld mehr für Einkaufsbummel und Geburtstagsbesuche, für Urlaub oder den Friseur. Bis zu acht Jahren dauert die häusliche Pflege im Durchschnitt. Die IG Metall hat ihre Mitglieder 2017 gefragt, wie Beruf und Familie vereinbar sind. Da zeigte sich: 84 Prozent der Befragten fordern eine finanzielle Unterstützung für diejenigen, die wegen Kindererziehung oder der Pflege von Angehörigen ihre Arbeitszeit reduzieren müssen. Genauso wichtig ist die direkte Unterstützung: Haushalts- und Einkaufshilfen und Nachbarschaftsnetzwerke.

Autorin 6: Es braucht eine gut abgestimmte Hilfekette. Persönlich und politisch. Ethisch und ökonomisch. Viele Angehörige sind am Ende ihrer Kräfte, wenn Pflegebedürftige dann ins Krankenhaus oder in ein Heim kommen. Wie der Mann, der mich damals anrief. „Und Sie reden vom Barmherzigen Samariter“.

Das Paradies beginnt beim Nachbarn“, schreibt der Pfleger Lutz Müller-Bohlen bei Care-Slam. Ewiges Leben, wirkliche Lebendigkeit wird spürbar, wenn wir einander zum Nächsten werden, sagt Jesus mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Pflegende wissen das – darum lieben sie ihren Beruf. Aber sie wissen auch, dass das Leben ein Wechsel von Geben und Nehmen ist – Zuwendung und Loslassen, für andere und für sich selbst sorgen. „Wenn Du vernünftig bist, dann zeige Dich als Schale und nicht als Kanal“, schrieb der Zisterzienser-Abt Bernhard von Clairvaux. „ Die Schale ahmt die Quelle nach: Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss. Du tue das gleiche. Zuerst anfüllen und dann ausgießen. Wenn Du nämlich mit dir selbst schlecht umgehst, wem bist Du dann gut? Ich möchte nicht reich werden, wenn Du dabei leer wirst.“

Ich fürchte, das ist das Problem unserer reichen Gesellschaft: die Pflege läuft leer – weil die Angst groß ist nur abzugeben. Wer zu den herrschenden Bedingungen in der Pflege arbeitet, kann das nicht auffangen. Wenn wir zum Beispiel die Altenpflege wie die Krankenpflege bezahlen würden, müsste der Beitragssatz um 0,5 Prozentpunkte steigen. Ist das die politische Hürde? Ich denke, die Zukunft unserer Gesellschaft hängt entscheidend davon ab, , wie wir mit der Menschenwürde der Pflegebedürftigen umgehen. Und mit der Liebe der Pflegenden. Irgendwann spürt jeder wie elementar das ist. Wie das Wasser, das unseren Durst stillt, uns aufrichtet und neue Kraft gibt. „Ich will den Durstigen geben aus der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“ (Offb 21,6) Die Jahreslosung für 2018 will ich so lesen: Gott schaut auf die, die am Boden liegen und ausgebrannt sind. Tun wir es auch.

Link zur Mediathek DLF

[1] Internationale Vergleichsstudie aus dem Jahr 2012. https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/73008/Personalschluessel-in-der-Pflege-Andere-Laender-machen-es-vor