1. Koseworte und Gefahren
Ausgiebig duschen. Erdbeerkuchen im Café Vienna. Ins Kino gehen. Leonhard Cohen hören. Rausgehen und fotografieren. Die Liste, die vor 50 Jahren an meinem Schrank hing, war noch viel länger.
Meine Damen und Herren, ich will Ihnen zunächst erzählen, was mein eigenes Leben hell macht. Und das hängt mit dieser Liste zusammen.
Damals, vor 50 Jahren, als ich nicht so recht wusste, wer ich war und was ich eigentlich anfangen wollte mit meinem Leben. Als die Zukunft im Dunkel lag. Die Ungewissheit, die für mich heute nach Freiheit schmeckt, machte mir damals Angst. Diese Liste war ein Rezept gegen die Angst. Kleine Dinge, Alltagsideen, Begegnungen, die Lust auf Leben machen.
So wie die eine, die zufällige Begegnung auf dem Bahnsteig an Gleis 4. Dieser Unbekannte im Holzfällerhemd mit dunklen Augen und rotbraunem Haar, der dann in denselben Zug steigt wie ich. 10 Minuten Fahrt und wir wussten, dass wir nicht nur die gleichen Fächer studierten.
Auf dem Weg durch die Stadt, beim gemeinsamen Suppe essen, war sie da, die Lebenslust. Sie hatte dunkle Augen und schmeckte nach Tomatensuppe und einem Alt. Seitdem ist klar: Seine Nähe macht mein Leben hell. Lange Gespräche, kurze Chats, die Tasse Tee, die er mir morgens ans Bett bringt. Seit 50 Jahren und bis heute. Ein Trost, ein Glück, ein Lachen auch in ungewissen Zeiten.
In Klaipeda in Litauen, im früheren Memel, sind wir auf einer Sommerreise Ännchen von Tharau begegnet. Dort steht nämlich das Denkmal von Anna Neander, der Tochter des Pfarrers. Für sie hat Simon Dach im 17. Jahrhundert ein Hochzeitslied geschrieben. Mehr als 100 Jahre später hat Johann Gottfried Herder das Lied vom Niederdeutschen ins Hochdeutsche übertragen. Von da an hatte es einen Boom – es wurde im 19. Und 20. Jahrhundert bei vielen Hochzeiten gesungen. Auch bei unserer. Vielleicht kennen Sie es auch:
Ännchen von Tharau ist’s, die mir gefällt.
Sie ist mein Reichtum, mein Gut und mein Geld.
Das Lied erzählt von einer großen Liebe. Größer und tiefer als Krankheit und Verfolgung, Blitz, Donner und Hagel. Auch Kreuz und Leiden können dieser Liebe nichts anhaben – im Gegenteil: Das alles macht sie nur stärker. Daran ändern auch Krieg, Folter und Gefangenschaft nichts. Eine ganz andere Erfahrung steht dagegen:
Ännchen von Tharau, mein Licht, meine Sonn, mein Leben schließt sich um deines herum, singt Simon Dach. Ich mag es, wie anschaulich das Lied ist. Wie konkret hier die Liebe beschrieben wird. Wie herzlich und vertrauensvoll. Wie zärtlich. Das ist stark. Diese Zärtlichkeit ist stärker als die harten Schicksalsschläge, von denen die Rede ist. Im Niederdeutschen klingt die Liebe so: Du bist mein Täubchen, mein Schäfchen, mein Huhn.
Koseworte und Gefahren – um beides geht es auch in dem Kirchenlied, um das sich in dieser Woche alles dreht: Jesus, meine Freude. Auch das ist ein Liebeslied. Und auch hier geht es um Stürme, um den Satan, der wettert. Es kracht und blitzt, Sünde und Hölle sperren das Maul auf. Die Welt tobt. Und trotzdem „Tobe, Welt, und springe, ich steh hier und singe, in gar sichrer Ruh“. Was für ein Mutmacher. Diese Liebe ist eine Trotzkraft. Davon sprechen auch hier die Koseworte: Meine Herzensweide, meine Zier, mein Bräutigam. Mein Schirm und mein Ruhepol. Mein Freudenmeister. Und mein Lamm. Wie hieß es bei Simon Dach? Mein Täubchen und mein Schäfchen.
Beide Lieder stammen aus derselben Zeit. Aus dem 17. Jahrhundert, das vom 30-jährigen Krieg überschattet wird. Dabei geht es nicht nur um Waffen und Plünderungen, um Folter und Gefangenschaft – es geht um Gefühle – das spürt man schon an den starken Gefühlsausdrücken wie „Ach“ und „weg“. Es geht um Angst und Schmerz, um Sünde und Hölle. Und um Liebe. Beide Dichter , Simon Dach und Johann Franck zeichnen ihre Erfahrungen in die religiösen Bilder und Traditionen ein. Dabei hat Franck kein Problem damit, im Kirchenlied dieselben Bilder zu nutzen wie in einem Liebeslied. Denn das war durchaus üblich. Das Lied „Jesu, geh voran“ zum Beispiel, dass lange Zeit auf fast jeder Beerdigung genutzt wurde, war eigentlich ein Tanzlied. Und 1650, als Franck das Kirchenlied dichtete, war der dreißigjährige Krieg erst zwei Jahre vorbei. Da konnte man wohl fröhlich sein. Da hätte man allen Grund zum Tanzen gehabt. Und zum Zupacken und Gestalten. Johann Franck ging es auch darum, das Alltagsleben heller und friedlicher zu machen. Er wurde Bürgermeister in Guben, seiner Heimatstadt. Wie beides zusammenhängt: der starke Glaube und das politische Handeln, darüber denken wir am Ende nochmal nach.
2. Verletzlich und zärtlich mit einem Lachen
Jesu, meine Freude – Johann Francks Choral ist das Lied der Stunde. Denn wir kennen das ja: Furcht und Zittern, die Schatten am heiteren Himmel. Wohin wir uns auch drehen: nach West oder Ost oder auch in den Süden: Überall Auseinandersetzungen, Hunger und Krieg. In der Ukraine wie in der Karibik, im Nahen Osten oder im Sudan. Und zum ersten Mal nach Jahrzehnten haben wir das Gefühl: Das geht uns an. Der Schatten liegt auch über unserem Leben.
Wie können wir damit umgehen? Was hilft in dieser Situation? Von Resilienz ist jetzt viel die Rede. Davon, wie man sich stark macht gegen Gefahren. Wie wir Sicherheit finden in Verunsicherungen. Wie wir festen Boden unter die Füße bekommen, wenn alles schwankt. Wie wir stark werden. „Sei stark… aber bleibe verletzlich“, hat Kurt Masur gesagt „ Denn wenn Du versuchst, Dich selbst zu schützen, dann wirst Du hart. Du verlierst Deine Weichheit und Verwundbarkeit. Sei also in der Lage, beides zu sein: stark und verletzlich.
Da ist sie wieder, die Liebe. Die Verletzlichkeit und die Zärtlichkeit. Davon erzählen ja die beiden Lieder, über die wir eben nachgedacht haben. In „Ännchen von Tharau“ wie in „Jesu meine Freude“ geht es um die Frage, wie wir uns die Liebe erhalten in einer Welt voller Hass, Schmerz und Tod. Dabei ist die Liebe zu Anna, zu dem liebsten Lebensmenschen, ein Vorbild für die Liebe zu Jesus. Was Liebe ist, das lernen wir ja an unseren nächsten Menschen.
Wenn Sie an Jesus denken. Was empfinden Sie am stärksten, hat neulich die Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“ ihre Lesern und Leserinnen gefragt. Die Umfrage lief unter dem Claim „Mein Jesus“. Und-was würden Sie antworten? Was empfinden Sie am stärksten? Ist es Hoffnung oder Dankbarkeit, ist es Geborgenheit oder sind es Zweifel? Oder eher ein fragendes Schulterzucken? Passen vielleicht die großen Gefühle gar nicht mehr, weil viele Jesus zwar als Menschen bewundern, aber keine persönliche Beziehung zu ihm haben ?
Kann der Choral helfen, sich da hineinzufühlen? Wir singen von Geborgenheit, ja, von innerer Sicherheit: „Ich steh hier und singe in gar sichrer Ruh.“ Franck geht es auch von Dankbarkeit für diese große Liebe, die das Leben hell macht. „Denen, die Gott lieben, muss auch ihr Betrüben lauter Freude sein.“ Ich liebe diese Strophen – auch an dunklen Tagen. Vielleicht geht es Ihnen auch so. Ich erinnere mich an eine Zeit schmerzhafter Trauer. Da stand ich manchmal in der Dusche und sang dieses Lied. Unter dem Pladdern und Tosen des Wassers „Tobe, Welt, und springe, ich steh hier und singe..“
Denen, die Gott lieben, muss auch ihr Betrüben lauter Freude sein, dichtet Johann Franck Er lehnt sich dabei an Paulus an. Der schreibt in seinem Brief an die Gemeinde in Rom: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen“ . Ich kann das nicht lesen ohne dabei an die kleine Holztafel zu denken, die im Flur meiner Großeltern hing, gleich neben dem Telefon. Als Kind habe ich da manchmal auf einem Hocker gesessen und das gelesen, „dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum besten dienen.“ Dann habe ich darüber nachgedacht, wie meine Großeltern sich diesen Spruch aufhängen konnten – trotz allem. Wie sie JA dazu sagen konnten. Schließlich schien er so gar nicht zu ihrem Leben zu passen. Schließlich hatten sie zwei Söhne im Krieg verloren.
Johann Franck geht sogar noch über Paulus hinaus. Aus der Trauer, aus der Bitterkeit kann lauter Freude werden, sagt er. Für ihn ist es Jesus, der alles dreht – um den sich alles dreht. „Wenn Sie an Jesus denken, was empfinden Sie am stärksten“, hat „Christ in der Gegenwart“ gefragt. Und dann auch: Gibt es Eigenschaften oder Rollen von Jesus, die Sie besonders ansprechen“? Zum Beispiel: Guter Hirte, Wunderheiler, Fürsprecher der Armen oder Friedensfürst? Das ist einer, der mein Leben fröhlich mache kann. Der mich wieder lachen lässt.
Und dann das Lamm. Dieses Kosewort mag uns fremd erscheinen, ist aber ein Ausdruck starker Liebe und Zärtlichkeit. Auch Simon Dach nennt Anna Neander sein „Schäfchen“. Wenn ich das Wort höre, denke ich in die große Kirche, in der ich als kleines Mädchen gesessen habe. Von den Worten im Gottesdienst habe ich nicht viel verstanden, ich habe derweil die Kassetten unter der Decke gezählt. Oder das Bild vorn am Altar angeschaut, das eine ganze Geschichte erzählte. Ein Parament, ein gesticktes Stoffbild, auf dem in der Mitte das Lamm zu sehen war. Nicht der Hirte, das Lamm.
Ich mochte dieses Lamm: Es war nicht bedrohlich wie ein Wolf. Stattdessen klein und zart. Und verletzlich. So war es mir als Kind irgendwie nah, für mich auf Augenhöhe. Dieses Lamm trug stolz einen kleinen roten Wimpel. Offenbar hatte es einen Kampf gewonnen. Den Kampf gegen Gefahren, gegen das Böse. Das erinnert an Jesus, erklärte meine Mutter. An seinen Tod und seine Auferstehung. Es zeigt, dass das Leben siegt. Ich weiß nicht, ob ich das verstanden habe – aber ich habe das Bild ganz fest im Kopf.
Das Lamm begegnet mir seitdem immer wieder: als Fresko in einer alten Kirche oder auch als gebackenes Osterlämmchen. Und auch das letzte Kapitel der Bibel, die Apokalypse, erzählt von diesem Lamm. Das Buch soll uns janicht erschrecken, wie wir beim Wort Apokalypse denken, es will Mut machen. Da lesen wir: Wenn alles hinter uns liegt, was uns jetzt Angst macht, werden wir ihm begegnen. In der Mitte des neuen Jerusalem, der Stadt Gottes. Da gibt es keine Tempel und keine Kirche, kein Rathaus und keine Paläste – nur das Lamm. Ein lebendiges Zeichen des Friedens unter den Völkern. „Gottes Lamm, mein Bräutigam, außer Dir soll nichts auf Erden mit sonst lieber werden“, singen wir.
Oh ja, Franck weiß schon, was einem sonst noch lieb sein kann. Ehre und Besitz. Ein Luxusleben. Dass wir was haben, dass wir wer sind und das Leben genießen können. Aber wie wird eigentlich aus der Lebenslust ein Lasterleben? Ich denke, alles dreht sich, wenn wir hoffen, Status und materielle Sicherheit könnte uns schützen vor Angst und Verletzlichkeit. Wenn wir nur reich oder mächtig genug wären, könnte uns nichts passieren. Auf den ersten Blick mag das stimmen. Wir sehen es gerade in Washington oder im Silicon Valley. Aber der Preis ist hoch. Das zerstört unser Miteinander. Wenn dieses Denken zu unserer Lebensmaxime wird, dann dreht sich was – zum Schlechten. Deshalb halte ich es lieber mit unserem Lied,„Gottes Macht hält mich in Acht, Erd und Abgrund muss verstummen – ob sie noch so brummen.“
Als Johann Sebastian Bach etwa 75 Jahre später eine Motette um dieses Lied komponierte, da hat er Sätze aus dem Brief des Paulus an die Gemeinde in Rom zwischen den Strophen eingefügt. Römer 8, Vers 1 und 2 gehören auch dazu. Da steht: So gibt es nun keine Verdammnis für die, die zu Jesus Christus gehören. Denn das Gesetz des Geistes, der da lebendig macht in Christus Jesus, hat mich frei gemacht
3. Alles kann sich drehen
Wie sich mit Jesus alles drehen kann, darüber hat Gerhard Schöne geschrieben. Ich habe Gerhard Schöne zum ersten Mal 1988 in der ehemaligen DDR gehört. Er ist ein Meister darin, alte Kirchenlieder mit den Erfahrungen unserer Zeit zu füllen. Auch in diesen Choral ist er tief eingetaucht und hat ihn neu interpretiert. Nicht einfach nur modernisiert, sondern tatsächlich umgedichtet. Dabei benutzt er die alten Namen für Jesus. Nennt ihn „Herzensweide“ und „wahrer Gott.“ Aber dann kommt die Wendung – er nimmt die Erfahrungen von heute auf. Die meisten Menschen begegnen den Worten Jesu gleichgültig- und das wäre immerhin etwas. Oder sie fühlen sich gestört. Und da haben sie einen PUNKT, meint Schöne. Denn Gottes Wort stört unsere Sicherheit. Er ist Sand im Weltgetriebe. Spricht vom Frieden und von Versöhnung, während wir über Verteidigung nachdenken. Vom Menschen aus Ost und West, aus Nord und Süd, die im neuen Jerusalem zusammenkommen, während wir Angst vor den Fremden haben. Tatsächlich
Seine Worte stören
Den gewohnten Trott
Du gefährdest Sicherheit
Du bist Sand im Weltgetriebe
Du, mit Deiner Liebe
Die Liebe ist die große Gegenkraft. Das singt auch Gerhard Schöne. Und er bezieht sich dabei auf seine eigenen Erfahrungen: Schon als ich ihn 1988 zum ersten Mal gehört habe, war ich begeistert über diesen Mutmacher, der die Worte so nutzt, dass der Blick sich dreht. Hier in seinem Lied, kommt jetzt die große Drehung. Schöne erzählt; dass und wie Jesus selbst die Liebe ist. Der hat alles erlebt, was Menschen fürchten, was wie ein dunkler Schatten über uns liegt, Verrat und Folter, Gefangenschaft und Todesangst. Und trotzdem:
Bist nicht totzukriegen; niemand kann besiegen
Deiner Liebe Kraft.
Wer dich foltert und erschlägt
Hofft auf deinen Tod vergebens
Samenkorn des Leben.
Samenkorn des Lebens – noch ein neuer, ein schöner Gottesname, ein Name für die unkaputtbare Liebe. Im Blick auf Gaza ist ja oft darüber gesprochen worden, dass man Hass nicht mit Bomben auslöschen kann. Ganz im Gegenteil, hieß es dann: Die nächste Generation wird umso mehr hassen. Aber so ist es mit der Liebe und der Hoffnung auch. Die Regime in Russland oder Belarus können die Oppositionellen in den Gefängnissen mundtot machen. Aber die Hoffnung töten sie nicht. Die Hoffnung; dass es nicht so bleibt wie es ist. Dass die Welt sich verändern kann. Dass die Menschenliebe sich durchsetzt. Und dass keiner mehr hungern muss.
Jesu , Freund der Armen,
groß ist Dein Erbarmen mit der kranken Welt, heißt das bei Schöne.
Und wenn ich ganz unten bin
Weiß ich dich an meiner Seite
Jesu, meine Freude.
Da schließt sich der Kreis zum alten Choral. Jesus ist nicht nur die Liebe, an der ich mich festhalte, zu der ich stehe – er steht auch zu mir. Und er wärmt und trägt mich mit seiner Liebe.
Da schließt sich der Kreis und geht doch noch einmal darüber hinaus: Der Freund der Armen, der die kranke Welt nicht vergisst, ermuntert mich auch, auf die zu achten, denen es heute so geht wie dem Gekreuzigten. Ich denke an die Schriftsteller in den Gefängnissen, die Kinder in der Ukraine, die Angst vor den Drachen und den Drohnen haben, die Geflüchteten hier bei uns,
Glauben ist ganz persönlich, darum habe ich auch aus meiner Geschichte erzählt. Aber er ist nicht nur individuell. Wir singen gemeinsam davon. Und darum soll er auch keine Privatsache sein.
Unser Glaube zielt auf diese Welt.
Das Kirchenlied von Franck und Crüger und Bachs Motette – sie erzählen von einer großen Liebe, von der Hoffnung, die uns Mut machen kann. Ich wünsche uns allen den Mut, darauf zu hoffen, das diese Liebe unser Leben hell macht.