Kraftorte: Interview mit Claudia Rackwitz-Busse, Konviktmeisterin im Rauhen Haus

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DIAKONISCHE PILGERREISEN: DER BLOG

Wir entdecken Diakonische Pilgerorte –
diesmal auf der Spur von: Claudia Rackwitz-Busse

An welchem Ort (in welcher Einrichtung, in welchem Haus oder Raum) ist Diakonie für Sie in besonderer Weise sichtbar und erfahrbar geworden und was hat Sie dort fasziniert?

Eine Bild habe ich vor Augen, das ich diakonische Idylle nenne: Auf dem Stiftungsgelände des Rauhen Hauses ist ein Teich am zentralen Ort. Regelmäßig begegnen sich hier die betreuten Menschen, die Mitarbeitenden, die Bewohnerinnen des Altenheims, Studierende der Hochschule. Sie staunen im Frühjahr über die ersten Entenküken, genießen, auf den Bänken sitzend, die Sonne und den Augenblick. Sie sind alle Rauhhäusler und Teil dieser diakonischen Einrichtung. Das ist doch Wesen der Diakonie, dass sie nicht an einen Ort gebunden ist. Dieses Miteinander „en passant“ auf Augenhöhe gefällt mir daran ganz besonders.

Claudia Rackwitz-Busse, 57 Jahre alt, verheiratet. Eine erwachsene Tochter, die im Ruhrpott lebt und arbeitet und einen Sohn, der 2011 im Alter von 20 Jahren durch einen Unfall gestorben ist. Diakonin und Dipl.- Sozialpädagogin, seit 1986 Mitglied der Brüder- und Schwesternschaft des Rauhen Hauses. Verschiedene berufliche Tätigkeiten in der kirchlichen Jugendarbeit, der beruflichen Förderung junger Erwachsener. Ab 2000 Leitung eines passageren Citykirchenprojekts und mehrere Jahre Leitung der Bahnhofsmission Hamburg. Seit 2010 als Konviktmeisterin, die gewählte Leitung der Brüder-und Schwesternschaft des Rauhen Hauses, sowie mitverantwortlich für die diakonische Bildung in der Stiftung Das Rauhe Haus.

Sie beschäftigen sich beruflich und/oder ehrenamtlich mit Diakonie. Was liegt Ihnen dabei besonders am Herzen?
In dreißig Jahren beruflicher Tätigkeit in Kirche und Diakonie und Sozialarbeit ist mir das wesentlich: Mit Herzblut arbeiten zu können. Professionelles Handeln und Wissen verknüpft mit Authentizität, Humor und Leidenschaft sind mir Kernanliegen. Getragen durch meine Glaubensüberzeugung, dass jeder Mensch geliebtes Geschöpf Gottes ist. Das Diakonin-Sein in der Nachfolge Jesu Christi gibt mir dafür den roten Faden. Menschen anzusehen und anzuerkennen, ihnen Begleitung zu sein, sie mit ihren Gaben und Fähigkeiten zu entdecken, sehe ich als das an, was mir am Herzen liegt.

Gibt es eine persönliche Erfahrung, die Ihnen den Kern diakonischer Arbeit existenziell vor Augen geführt hat?
Der Tod unseres Sohnes war elementar einschneidend und hat mich mit meinen Grenzen konfrontiert. All’ mein bisheriges Handwerkszeug, meine Möglichkeiten, Lösungen zu suchen, hatten keine Bedeutung. Dass sich mir dann Menschen an die Seite stellen, genau das tun, was gerade notwendig ist und Leid mittragen, war eine Erfahrung am eigenen Leib. Dass mit der Trauer neues Wachstum möglich ist, die Liebe zum Nächsten, die mir gilt und die Weite des Glaubens, die dem Schmerz und der Trauer Raum gibt sind für mich prägend und von Grund auf diakonisch.

An welchem Ort (in welcher Einrichtung, in welchem Haus oder Raum) ist Diakonie für Sie in besonderer Weise sichtbar und erfahrbar geworden und was hat Sie dort fasziniert?
Ich wäre nicht Rauhhäusler Diakonin, wenn ich nicht von Kraftorten und Kraftworten Johann Hinrich Wicherns begeistert und motiviert wäre. Seine Entscheidung, vor über 180 Jahren, an die Orte zu gehen, an denen Not entsteht, wie im Gängeviertel in Hamburg, war mit bahnbrechend. “Wenn die Leute nicht zur Kirche gehen, muss die Kirche zu den Leuten gehen”, das war sein Motto. Er schuf Räume in den Menschen sich entwickeln konnten. Sein Worte aus dem Aufnahmeritual für die Kinder im Rauhen Haus: “Du bist mit keiner Kette gebunden, nur mit einem, dem Band der Liebe…“ berühren mich bis heute. Menschen in ihrer Not ansehen, nicht von oben herab, sondern als die, die sie sind, als Geschöpfe Gottes. Daraus entsteht für mich spirituelle Kraft.

Was würden Sie in Ihrem Arbeitsumfeld räumlich ändern, wenn Sie die Freiheit und Mittel dazu hätten, damit die Arbeit, die Ihnen am Herzen liegt, noch besser gelingt?
Auf dem Stiftungsgelände steht das „Alte Haus“, eine reetgedeckte Kate, sie erinnert an die Gründung und die Gründer: Das Ehepaar Wichern. Sie ist Ort für ein kleines Museumszimmer, für Bildung und Beratung und für Rituale im Kirchenjahr oder bei anderen feierliche Anlässen im kleinen Rahmen. Orte des geistlichen Lebens sind die Kapellen im Brüderhaus oder der Wichern-Schule. Das ist gut so. Es wäre aber wunderbar, wenn es dazu, zwischen Kate und dem Teich, einen Ort unter freiem Himmel gäbe, der einlädt zum Innehalten z.B. mit einer Möglichkeit Kerzen anzuzünden. Erste Überlegungen sind angestellt dazu. Ich wünsche mir weiter den Planungsfreiraum und die materiellen Ressourcen, Orte zu gestalten, die die Menschliebe der Diakonie lebendig werden lassen.

Und sonst? Haben Sie weitere Gedanken, Anmerkungen, Anregungen zur Bedeutung – und vielleicht auch zur Relativierung – diakonischer Orte?
Diakonische Einrichtungen und deren Träger stehen vor der Herausforderung ökonomischer Notwendigkeiten und dem, was sie in ihrem Angebot unterscheidet von anderen Anbietern auf dem Sozialmarkt. Das fordert auf, zum Neuentdecken und zum Wiederentdecken, was den diakonischen Eigensinn ausmacht. Leitungskräfte regen das an und eröffnen Mitarbeitenden dafür Räume und Gelegenheiten. Sie befördern das Miteinander.

Vielen Dank!

Link zu Ihrer Webseite: www.rauheshaus.de 

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