Assistierter Suizid – nicht ohne Vorbereitung

1. Das große Schweigen – wie ein Tabu bröckelt

Aus guten Gründen gehört das aktive Töten zu den großen Tabus unserer Gesellschaft“, schrieb der ehemalige Ratsvorsitzende Heinrich Betford-Strohm 2015 in seinem Buch „Leben dürfen, Leben müssen.“ 5 Jahre später, kurz vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie in Deutschland entschied das Bundesverfassungsgericht am 26.2.20, den assistierten Suizid mit Rücksicht auf das Selbstbestimmungsrecht jedes einzelnen Bürgers, jeder Bürgerin frei zu geben und den bestehenden Paragraphen 217 zu streichen. Damit fiel auch das vorläufig neue Gesetz, das darauf fußte und die geschäftliche Sterbehilfe verbot. Die Frage, was das bedeutet und wie eine neue Gesetzgebung darauf reagieren kann, geriet während der Pandemie zunächst in den Hintergrund.

Damals starben mehr als 50 Prozent der Pflegebedürftigen in Heimen. Sie starben ohne die Begleitung, die wir eigentlich für guten Standard hielten – ohne Berührung, ohne eine Hand, die sie hielt. Die Debatte drehte sich um das nackte Überleben, um Intensivbetten und Beatmungssysteme. Nicht nur in Schweden entschieden Ärzte ohne Rücksprache mit Angehörigen oder Betreuern von Langzeitpflegebedürftigen, dass ein Krankenhausaufenthalt nicht mehr lohne und setzten stattdessen auf Palliativversorgung. Angehörige sahen die Sterbenden oft erst, wenn kein bewusster Kontakt mehr möglich war und blieben mit Trauer und Schuldgefühlen allein. Und viele erlebten, wie in Einrichtungen die Selbstbestimmung auf die Patientenverfügung reduziert wurde.

Die Theologin Hildegund Keul hat sich auf dem Hintergrund von Corona mit Vulnerabilität und Vulneranz beschäftigt1. Was Vulnerabilität bedeutet, ist inzwischen allen klar – der Begriff wurde zum Schlagwort der Krise. Unter Vulneranz versteht Keul den Versuch, die eigene Verletzlichkeit abzuwehren und die der anderen nicht zu sehr an sich herankommen zu lassen. Am Beispiel von Corona zeigt sie, wie dazu ein Regime errichtet wurde, das Sicherheit geben sollte, letztlich aber die Verletzlichkeit und Verunsicherung aller Beteiligten steigerte „Die Pandemie hat keinen Sinn. Sie ist für nichts gut. Aber wenn wir konstruktiv etwas daraus lernen wollen, kann man sagen: Sie stößt uns darauf, was am Ende des Lebens wirklich wichtig ist, sagt Elke Büdenbender. (in ihrem Buch mit Matthias Nagel über den Tod)

Dass körperliche Berührung während der Pandemie kaum möglich war, hat körperliche und psychische Erkrankungen anwachsen lassen. Aber selbst ohne Berührung passt sich die Herzfrequenz an, wenn wir einander wirklich in die Augen sehen – das Gesicht des anderen wahrnehmen. Siri Hustvedt, die sich intensiv mit der Bedeutung unseres Körpers für Denken und Kommunikation beschäftigt hat, berichtet von der Synchronisierung des Blicks, der Stimme, der Affekte und Gefühle zwischen Eltern und ihren hilflosen Babys. Ähnliches kann auch im Sterbeprozess zwischen Angehörigen, Freunden sogar zwischen fremden Menschen passieren. „Das Evangelium verlangt von uns, das Risiko der Begegnung mit dem Angesicht des anderen einzugehen, mit seiner physischen Gegenwart, die uns anfragt, mit seinem Schmerz und seinen Bitten und mit seiner Freude im unmittelbaren Kontakt“, schrieb damals Papst Franziskus

An dieser Stelle haben die Kirchen versagt. Zu viele fühlten sich im Stich gelassen.

Und die Hospizbewegung?

„Sie sind wichtig, weil Sie eben Sie sind. Sie sind bis zum letzten Augenblick Ihres Lebens wichtig, und wir werden alles tun, damit Sie nicht nur in Frieden sterben, sondern auch bis zuletzt leben können.“ Das Versprechen der Hospizbewegung, wie es die Gründerin Cicely Sounders formuliert hat, konnte in der Pandemie oft nicht eingelöst werden. Zu dieser Grenzerfahrung habe ich leider wenig aus der Hospizbewegung gehört.

 Es geht um ein doppeltes Ja: Ein Ja zu Selbstbestimmung und Selbstsorge. Und ein Ja zu Mitsorge und Solidarität. Die Erfahrungen in der Pandemie zeigen: Damit dieses doppelte Ja tragen kann, braucht es verlässliche Rahmenbedingungen.

2. Expertendebatten – wie das Gespräch in Gang kommt

Unmittelbar nach Veröffentlichung des Verfassungsgerichts – Urteils zum assistierten Suizid haben sich der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und der Ratsvorsitzende der EKD in einer gemeinsamen Stellungnahme geäußert. Darin bestätigen sie prinzipiell die grundlegende Freiheit zur Selbstbestimmung, geben aber dann folgendes zu bedenken: „Der Blick auf die aktuelle Suizidforschung zeigt jedoch, dass ein Suizidwunsch in den meisten Fällen die Folge von Ängsten, Verzweiflung und Aussichtlosigkeit in Extremsituationen ist und deshalb gerade nicht als Ausdruck der Selbstbestimmung verstanden werden kann. Respekt vor der Selbstbestimmung bedeutet in diesen Situationen nicht, den Wunsch oder die Entscheidung zum Suizid unhinterfragt hinzunehmen oder den Suizid als normale Form des Sterbens zu betrachten. Für Christen ist das Leben ein Geschenk, das ihnen von Gott anvertraut wird. Es entzieht sich unserer Verfügbarkeit und will deshalb bis zum Ende bewahrt sein.“

Am Ende ihrer Stellungnahme unterstreichen die beiden Kirchen einmal mehr die Notwendigkeit, Palliativversorgung und Hospizarbeit weiter auszubauen und lehnen den assistierten Suizid in den Einrichtungen von Diakonie und Caritas ab. Damit hängt die grundlegende Freiheit zur Selbstbestimmung in der Luft. Bei einer Fortbildung der Malteser mit Pflegenden, an der ich beteiligt war, habe ich erlebt, wie diese grundsätzliche Positionierung die ohnehin verunsicherten Handelnden allein lässt. Der Wunsch, Menschen vor falschen Entscheidungen zu schützen, kann Einrichtungsleitungen vielleicht Sicherheit geben. Aber die meisten Menschen, die es gewohnt sind, über ihr Leben zu entscheiden, werden sich erst recht hilflos und unsicher fühlen.

Kurz darauf schlugen die Theolog*innen Reiner Anselm, Isolde Karle und Ulrich Lilie in einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vor, einen assistierten professionellen Suizid auch in kirchlichen Einrichtungen zu ermöglichen. Die Kirchen sollten überlegen, „wie sie den vom Bundesverfassungsgericht gegebenen Spielraum nutzen wollen, um Suizide möglichst zu verhindern und gleichzeitig eine Suizidhilfe in gut begründeten Einzelfällen zu ermöglichen“.  Entscheidend sei „,dass wir respektieren und akzeptieren können, dass auch unter guten palliativen Bedingungen Menschen in eine Lage kommen können, in der sie sagen: ‚Es ist genug'“. In solchen Situationen könne es „ein Akt christlicher Nächstenliebe sein, den Sterbewunsch anzuerkennen – und zwar auch dann, wenn man die Situation anders einschätzt„. Der letzte Satz macht klar: Es geht um Augenhöhe ohne jedes patriarchale Besserwissen. Es war übrigens eine der wenigen Debatten, die auch außerhalb der kirchlichen Strukturen wahrgenommen wurden – auch deshalb, weil sie jeden angeht und weil jeder nach Antworten sucht,

„Wie könnte ein assistierter Suizid im kirchlichen Kontext überhaupt aussehen?“, wurde Isolde Karle am 1.2.2021 in einem Spiegel-Interview gefragt.  Müsste es eine verpflichtende Beratung geben wie etwa bei Abtreibungen? Mindestens zwei Ärzte oder Ärztinnen sollten das Begehren prüfen, um Fremdbestimmung oder mangelnde Urteilsfähigkeit bei psychischen Erkrankungen und Demenz auszuschließen, meint Karle. Ein assistierter Suizid ist in der Praxis ein… Grenz- und Ausnahmefall…Aber für den Ausnahmefall muss es klare Regeln geben. Bislang haben Ärztinnen und Ärzte oft Angst, weil keine Rechtssicherheit gegeben ist“.

Isolde Karle hat damals zu bedenken gegeben, dass die Kirchen in der Schweiz, wo man schon lange mit Sterbehilfeorganisationen lebt, ihre Seelsorgerinnen und Seelsorger ermutigen, Suizidwillige solidarisch zu begleiten. Sie versuchen, sie aus der Isolation zu holen und das Gespräch mit den Angehörigen in Gang zu bringen. Denn für Familie und Freunde ist es meistens schwer, mit einem Suizidwunsch klarzukommen. Manche haben Schuldgefühle, sind verletzt oder zornig. Da können Gesprächsangebote helfen – und führen hier und da sogar zu einer Revision des Suizidwunsches. Niemanden allein lassen – auch die Zurückgelassenen nicht. Das Verständnis für die Entscheidung des andere zu stärken Darum geht es.

In den Jahren vor der Pandemie drehte sich die Debatte um die Frage, ob solche Fälle gesetzlich geregelt werden sollten, wie Karle das vorschlug, oder ob es besser wäre, sie in der Grauzone der Arzt – Patientenbeziehung zu belassen. Dabei wurden allerdings die Bedingungen des Sterbens in Krankenhaus oder Langzeitpflege ausgeklammert, obwohl die Mehrheit gerade dort stirbt. Dort geht aber es nie allein um das Arzt-Patientenverhältnis. Einrichtungen leben aus einem Netzwerk mit Pflegenden, Seelsorgepersonen und Angehörigen, Diese gewachsenen Beziehungen tragfähig zu halten, gleich welche Entscheidung der Sterbende trifft, ist essentiell. Niemanden allein lassen – wenn es darum geht, meinen Karle und ihre beiden Mitstreiter, sollten Einrichtungen auch denen verbunden bleiben, die trotz intensiver, zugewandter Seelsorge und hospizlicher Begleitung einen dauernden Sterbewunsch haben und am Ende den assistierten Suizid wünschen.

Auch der Landesbischof von Hannover, Ralf Meister, hält den assistierten Suizid in kirchlichen Einrichtungen für vorstellbar und erhielt Ende 2020 in einer Umfrage der HAZ breite Unterstützung der Bürgerinnen und Bürger. Ein Jahr später folgte ein selbstkritisches Wort der niedersächsischen Bischöfe zur Rolle der Kirche in der Pandemie. Der Vorwurf, die Kirche habe Sterbende und Trauernde in Pandemie-Zeiten allein gelassen, wiegt schwer. Im fünften Jahr nach Beginn der Pandemie ist mein Eindruck, das hat Vertrauen gekostet. Eine Kirche der verschlossenen Türen ist nicht gefragt. Auch nicht dann, wenn sie Türen verschließt, um andere zu schützen.

Es ist unmöglich, dass Thema assistierter Suizid abgelöst von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu bedenken“ schreiben Andreas Heller und Reimer Gronemeyer. Wie wir gerade gesehen haben, auch nicht losgelöst von der Verfassung verschiedener Kirchen. „Es gehört zu den Eigenarten der Debatte, dass sie individualistisch orientiert ist, den gesellschaftlichen Raum also weitgehend ausblendet.“ Tatsächlich ist der Tod längst der Enteignung durch Experten zum Opfer gefallen – auch, weil wir froh sind, die Dilemmata an Experten abgeben können. Es sind nicht nur die Überforderung der Familien und die Institutionalisierung von Krankheit und Sterben- es ist auch die Angst und die Hilflosigkeit, darüber zu reden: „Damit das gelingen kann, brauchen Sterbende, aber auch Angehörige professionelle Unterstützung – und sie brauchen Zeit. Menschen in dieser Zeit auf ihren verschlungenen Wegen zu begleiten, sich einzulassen auf Sackgassen, Suchprozesse, Um- und Rückwege, statt allein vorauszulaufen, darin sehe ich die Aufgabe der Kirche. Mitgehen und ein Licht auf dem Weg sein.

3. Selbstverantwortung, ein Leben lang

Die Sorge, dass Patient*innen sich den Entscheidungen anderer ausgeliefert fühlen könnten, ist durchaus begründet. Viele haben das während der Pandemie erlebt. Es steht auch u befürchten, dass eine Kultur entsteht, in der gesellschaftlicher Druck ausgeübt wird, „die Bilanz in bestimmten Lebenssituationen früher zu ziehen, als man sie aufgrund eines natürlichen Sterbeprozesses ziehen müsste“, meint Elke Büdenbender Dieser Druck macht den Raum für Selbstverantwortung enger.“ Und mit den anstehenden Kürzungsmaßnahmen zur Pflege wird er in Pflegeeinrichtungen wie in Familien wachsen. Und die Dunkelziffer ist ohnehin größer als viele denken wollen, wenn wir an die oft verschwiegenen Suizide Ältere denken.

Wir sind es bis heute nicht gewohnt, Pflegebedürftige und auch Sterbende als (Mit) Gestalterinnen ihres eigenen Lebens zu sehen. Auf uns selbst zu achten, uns selbst ernst zu nehmen auch mit unseren Schmerzen, es uns gut gehen lassen auch in schwierigen Zeiten – das müssen wir ein Leben lang üben. Und das bedeutet, die Spielräume wahrnehmen zu können, die uns bei allen Einschränkungen und Abhängigkeiten bleiben. Denn es gibt ja eine Gegenwart, auch wenn wir pflegebedürftig und auf andere angewiesen sind, und es wäre vollkommen falsch, Sterbende auf den erwartbaren Krankheitsprozess oder auf ihre Vergangenheit festzulegen. Weder das Bild, das wir von einem Menschen haben, noch das Bild, das wir von einer Erkrankung haben, trifft ja die ganze Wirklichkeit. Vielleicht wird für den Moment alles noch einmal anders. Vielleicht entwickelt jemand eine Zärtlichkeit, die er früher immer gescheut hat. Vielleicht fällt sie eine Entscheidung, mit der keiner gerechnet hätte. Dafür offen zu bleiben, ermöglicht, die verbliebenen Gestaltungsräume wahrzunehmen. Annelie Keil spricht in diesem Zusammenhang von palliativer Selbstsorge.

Wie lernen wir wieder mit dem Tod umzugehen? Wie fühlt sich das Sterben an und was passiert danach? In jüngster Zeit sind viele Bücher und Filme dazu erschienen. Aber noch immer würden wir diese Themen kaum bei einem gemeinsamen Abend mit Freunden besprechen. Allerdings werde ich seit einiger Zeit vermehrt gefragt, wie ich zu einem assistierten Suizid stehe, Dabei geht im Blick auf das Sterben es nicht nur um die Dinge, die wir nicht möchten, die unterlassen werden sollen, Dinge, die wir in der Patientenverfügung regeln können. Es geht vor allem darum, was wir uns für unsere letzten Wochen, Tage und Stunden wünschen. Deshalb finde ich es großartig, dass inzwischen in den Toiletten der Autobahnraststätten eine Werbung für den Wünschewagen erscheint- gerade lang genug, um beim Händewaschen auf dem Weg in den Urlaub darüber nachzudenken, was mein letzter Wunsch wäre. Der Tod rückt aus der Tabuzone heraus.

 Selbstverantwortung einzuüben und zu stärken, ist aber eine lebenslange Aufgabe. Wir üben das in den Grenzsituationen, bei einem Berufswechsel, einer Hochzeit bei der Entscheidung über eine OP – bei uns selbst, mit anderen. Und bei einer letalen Krankheit gibt es viele Entscheidungen auf dem Weg. Ja, selbst die Entscheidung, das Geschehen einfach anzunehmen, erscheint heute als Entscheidung. Es ist so oder so nötig, sich darauf vorzubereiten.

 An den Lebensschwellen sehen wir weiter, vielleicht auf das Ende – (bis dass der Tod uns scheidet) und werden uns unserer Werte bewusst. Was kann ich tun, um mich immer neu darin zu verankern?  Was trägt dazu bei, mich an Leben zu freuen? Und was kann ich tun, damit Menschen auch in der letzten Lebensphase mit ihren eigenen ethischen Ansprüchen und Werten ernst genommen zu werden?

In der Sterbebegleitung sind wir gewissermaßen „mit der Wünschelrute unterwegs“, schreibt Eva-Maria Faber Es geht darum, sich bewusst mit der eigenen Prägung einzubringen, zugleich aber kränkungsfrei damit umgehen zu können, wenn die Arbeit resonanzlos bleibt. Dazu gehört auch die Fähigkeit, sich nicht aufzudrängen, sondern die Selbstbestimmung, insbesondere die religiöse Selbstbestimmung des Gegenübers zu achten.  Das kann nur gelingen, wenn ich mir der eigenen Verankerung, der eigenen Prägung und Werte bewusst bin und gleichzeitig den Anschluss an andere Lebenswelten bewahre.

Das lässt sich auch im Team einüben, Dabei wird klar, dass auch wir Professionellen verschiedene Rollen in uns tragen: neben die fachliche Rolle schiebt sich die eigene Erfahrung als Tochter, Sohn, Angehörige. Oder auch die Erfahrung mit eigenen schweren Krankheiten. Im offenen Gespräch können unterschiedliche ethische Standpunkte zur Sprache kommen und ausgehalten werden. Tatsächlich ist ja die persönliche Haltung zu diesen grundlegenden Fragen oft ebenso durch existentielle Erfahrungen wie durch Prinzipien geprägt. So – im Hören aufeinander – entstehen im besten Fall tragfähige und weit geknüpfte Sorgenetze in denen sich Sterbende gehört und gesehen wissen.

Der äußere Rahmen einer Einrichtung kann ein solches Netzwerk stützen oder ins Informelle drängen. Wo Häuser den assistierten Suizid nicht zulassen, besteht die Gefahr, dass nicht nur Betroffene und ihre Angehörigen, sondern auch Mitarbeitende sich mit ihrer Überzeugung ausgeschlossen fühlen. Die Befürchtung, dass mit dem ersten Ausnahmefall eine Mauer brüchig wird, ist nachvollziehbar, Eine solche Haltung kann aber auch denen, die gar nicht über einen assistierten Suizid nachdenken, eine letzte Freiheit nehmen. Und ohne Freiheit keine Selbstverantwortung,

4. Selbstbestimmung und Grenzerfahrungen – einander begleiten  

Martin Luther hat von der doppelten Natur des Menschen gesprochen: Von unserer Freiheit, aber auch von unserer Verletzlichkeit. „Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan“, sagt er, fährt dann aber fort: „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan“. 8Die Freiheit, die er hier beschreibt, rechnet damit, dass wir einander brauchen und für einander da sein müssen, um ganz zu uns selbst zu kommen. Es geht darum, Fürsorge und Selbstbestimmung in eine gute Balance zu bringen.

Wolfgang Schmidtbauer hat es vor vielen Jahren über die hilflosen Helfer geschrieben. Wenn immer weniger zu tun bleibt, Probleme sich mit Medikamenten oder Operationen nicht mehr lösen lassen, können Ratlosigkeit und Ohnmacht auch das Team erreichen. Dann besteht die Gefahr des inneren oder äußeren Rückzugs. Dann braucht das Team selbst Unterstützung, um die eigene Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit nicht zu verlieren. Spätestens jetzt geht es darum, auch die eigenen Grenzen zu respektieren – genauso wie die Selbstbestimmung der Sterbenden.  

Wo Sterbende uns selbst überfordern, nehmen wir sie vielleicht nicht mehr wahr; Ihre Sorgen und Ängste, aber auch ihre eigenwilligen Lösungen, ihr Hinweis auf Grenzen, ihre inneren Bilder. Es hat aber Konsequenzen, wenn wir uns nicht gegenseitig wahrnehmen und begleiten. Sowohl individuell als auch für die Gesellschaft wird der Tod damit immer belastender“, sagt Eckhardt Nagel. Und seine Mitautorin Elke Büdenbender schreibt, die moderne Gesellschaft ließe uns allein mit der Frage, was wir am Ende wollen. „Wir müssen das selbst kreieren. Wir müssen eine Gesellschaft schaffen, in der wir leben wollen.

Damit das gelingen kann – in einer Einrichtung, in einer Debatte – ist es hilfreich, sich auf einen gemeinsamen Grund beziehen zu können – auch wenn die damit verbundenen Erfahrungen ganz unterschiedlich sein mögen. Aber die Hoffnung, getragen zu werden und die Gelassenheit, trotz Brüchen zu einem guten Abschluss kommen zu können, ist nicht selbstverständlich. Diese Hoffnung lebt vom Vertrauen ins Leben. Dem Vertrauen, das Freiheit und Loslassen ermöglicht. -und davon, dass Freiheit, Solidarität und Menschenwürde zu den Grundwerten unserer Gesellschaft gehören.

Tatsächlich geht es aber am Ende nicht nur um Ethik und Werte, es geht um Spiritualität. Ich meine das innere Erfüllt-sein, aus dem heraus ein Mensch seinem Leben, bewusst oder unbewusst, Wert und Bedeutung gibt. Die innere Einstellung, mit der ein Mensch auf die Widerfahrnisse des Lebens reagiert und auf sie zu antworten versucht. Was passiert mit uns, wenn diese Widerstandskraft ausgeht und wir nur noch Leere spüren? Wer eine schwere Depression erlebt hat, kennt vielleicht das Gefühl der Leere – innerlich tot zu sein und abgekoppelt von allem, was Leben ausmacht. In dieser Situation liegt der Gedanke an einen Suizid nahe – vielleicht eine Möglichkeit, noch eine letzte eigene Entscheidung zu treffen. Wo es gelingt, darüber ins Gespräch zu kommen und andere Perspektiven zur Sprache zu bringen, kann unsere Seele Leben spüren. Dann öffnet sich ein Fenster, dass uns stark macht, eigene Entscheidungen in aller Freiheit zu treffen. Entscheidungen aus dem inneren Kern der Person.

„Es ist, als ob in mir ein tiefes Loch wäre – da verkrieche ich mich und da kann ich die innere Stimme hören“, schreibt Etty Hilversum. Der Film, der auf dem Hintergrund ihrer Tagebücher entstand, zeigt, wie sie die Kraft fand, ins Arbeitslager Westerbork zu gehen. In den sicheren Tod. Aus Lebensfreude, Liebe und Solidarität.

Cornelia Coenen-Marx, Seele-und-Sorge