Reise ohne Rückkehr
Die Tagebücher der Etty Hillesum
Samstag, 20.06.2026, 6.35 – 6.40 Uhr, Deutschlandfunk DLF
„Ich schlage die Bibel an einer willkürlichen Stelle auf und finde: Der Herr ist meine starke Burg. Ich sitze mitten in einem überfüllten Güterwagen auf meinem Rucksack. Vater, Mutter und Mischa sitzen einige Waggons entfernt. Die Abfahrt kam dann doch recht unerwartet. Ein plötzlicher Befehl für uns aus Den Haag. Singend haben wir dieses Lager verlassen, Vater und Mutter sind tapfer und ruhig. Wir werden drei Tage auf der Reise sein. Auf Wiedersehen von uns vieren. Etty.“
Die Reise, von der hier die Rede ist, ist keine Urlaubsreise und auch keine Dienstreise. Es ist eine Deportation von Jüdinnen und Juden aus dem Lager Westerbork nach Auschwitz-Birkenau. In das Vernichtungslager. Und die Postkarte mit den wenigen Sätzen, die ich eben gelesen habe, wurde von Etty Hillesum aus dem Zug geworfen. Bauern haben sie gefunden. Ettys Eltern starben wahrscheinlich schon auf dem Transport oder sie wurden gleich nach der Ankunft in Auschwitz ermordet. Etty selbst am 30. November 1943. Sie wurde keine 40 Jahre alt. Wer diese Frau wirklich war, wurde erst Jahrzehnte später durch ihre Tagebücher bekannt.
Sie schrieb diese Tagebücher – neun einfache Hefte – in den Jahren 1941 – 1942. Da waren die Niederlande schon fast ein Jahr von der Deutschen Wehrmacht überfallen und besetzt. Im Februar 41 hatte Etty den deutschem Emigranten Julius Spier kennengelernt, einen Psychoanalytiker und Körpertherapeuten. Bei ihm machte sie eine Psychotherapie. Er wurde zu ihrem Freund und Geliebten – und gab ihr den Rat, Tagebuch zu schreiben.
Als Etty Hillesum 1942 den Aufruf in das Durchgangslager Westerbork bekam, versuchte sie, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen. Sie übernahm eine Aufgabe in der sozialen Arbeit mit den so genannten Aussiedlern dort. Sie widmete sich den Alten und Kranken, den Müttern und ihren Kindern. Weil sie beim Judenrat angestellt war, konnte sie noch eine Weile zwischen Amsterdam und Westerbork pendeln. Sie nahm an Spiers Beerdigung teil und lag dann einige Monate krank in Amsterdam.
In dieser Zeit hätte sie untertauchen können. Viele Freund:innen kannten sie aus ihrer Heimat in Middelburg oder aus dem Studium. Sie war eine säkulare Jüdin gewesen, keinesfalls auffällig, eine Studentin der Slawistik und Psychologie, die viele mochten. Trotzdem ging sie im Juni 43 endgültig ins Lager, wohin jetzt auch ihre Eltern und der Bruder verschleppt wurden. Am Ende des Sommers wurde sie mit dem 75. Massentransport nach Auschwitz deportiert.
Etty Hillesum trat eine Reise an, von der sie – wie die allermeisten – nie zurückkehren würde. Warum war sie nicht untergetaucht? Ihre Briefe zeigen, dass sie sehr genau beobachtete, was geschah. Wie sich die Judenverfolgung entwickelte, wie die Transporte abliefen. Sie hatte offene Augen und Ohren. Aber was genauso wichtig war: Sie wurde immer hellhöriger für ihre inneren Erfahrungen, für ihre spirituelle Entwicklung. So konnte sie mitten in dieser bestürzenden Zeit die Depression hinter sich lassen, unter der sie so lange gelitten hatte. Sie konnte Klarheit in ihr Leben bringen.
Sie las Rilke, Dostojewski und die Bibel. Sie entdeckte eine tiefere Dimension des Lebens. In ihren Tagebüchern spricht sie von einem Wachstumsprozess. In ihren Seelenlandschaften fand sie große, weite Flächen und das Allertiefste, das sie Gott nannte. So kam sie zum Beten. Im Gebet war sie geborgen. So sehe ich sie auf ihrem Rucksack sitzen – mitten in dem überfüllten Güterwagen auf dem Weg nach Auschwitz. Sie war reisefertig. Sie hatte sich vorbereitet. Und sie liebte die Menschen.
Etty Hillesum war überzeugt: Gott braucht sie. Gott braucht Menschen, um zu lieben, zu helfen. Sie blieb Gott treu und war bereit anzunehmen, was sie nicht verstand. So konnte sie freiwillig mitgehen auf diese furchtbare Reise. Die Frau, die ruhig im überfüllten Güterwagen saß, fühlte sich geschützt wie in einer Klosterzelle.
Öliges Abkommen
Wo bleiben Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung?
Freitag, 19.06.2026, 6.35 – 6.40 Uhr, Deutschlandfunk DLF
Über meinem Schreibtisch hängt ein kleiner brauner Keramikbecher an einem einfachen Lederband. Seoul, Korea, März 1990, steht drauf. Da fand die ökumenische Weltversammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung statt. In Seoul trugen viele diesen Becher am Lederband um den Hals. „Konziliarer Prozess“ nennt sich die Bewegung, die damals auf ihrem Höhepunkt war. Ein gemeinsamer Lernweg christlicher Kirchen weltweit auf dem Weg zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.
In der Abschlusserklärung von Seoul heißt es: „Weil wir Gottes Bund verlassen haben, ist alles Leben auf der Erde von Ungerechtigkeit, Krieg und Umweltzerstörung bedroht, (aber) wir sind Zeugen hoffnungsvoller Veränderungen.“ Es war die Zeit der großen Umbrüche rund um die Jahre 1989/90. Wenn ich die Selbstverpflichtung aus Seoul heute lese, habe ich das Gefühl, es war eine andere Welt.
Inzwischen haben wir uns gewöhnt an die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten, an Menschenrechtsverletzungen und Hinrichtungen, an die Zerstörung von Infrastruktur und an die Zerstörung von ganzen Ökosystemen. Und anders als damals in Seoul habe ich heute das Gefühl, als ginge es immer tiefer in den Abgrund. Lässt sich das stoppen?
„Schiffe der Welt, startet eure Motoren und lasst das Öl fließen“, verkündete Donald Trump am letzten Sonntag. Mit einem ersten Abkommen zwischen den USA und dem Iran soll jetzt die Straße von Hormus wieder geöffnet werden. Ob es dabei Zölle geben wird oder Servicegebühren, das wissen wir noch nicht so genau. Und auch andere Bedingungen müssen noch verhandelt werden. Aber das Abkommen wurde am Mittwochabend von Trump und dem Iran unterschrieben.
Seit 15 Wochen stauen sich die großen Schiffe im Persischen Golf. Iran blockiert die Durchfahrt mit Artillerie und Seeminen. Und die USA halten auf der anderen Seite dagegen. Angespannt hofft die ganze Welt auf das Ende der Blockade. Der internationale Handel verliert hier gerade eine Milliarde US-Dollar am Tag, höre ich. Kein Wunder, dass schon die bloße Ankündigung eines Abkommens zu einem Freudensprung an den Börsen geführt hat.
Auch hierzulande kann man das Aufatmen spüren. Der Tankrabatt läuft in Kürze aus, die Urlaubszeit hat begonnen – da hoffen alle auf sinkende Erdölpreise. Denn noch immer sind wir abhängig vom Öl – beim Autofahren wie beim Strom und in der Chemieindustrie. Wo die Grenzen dicht gemacht werden, ist unser Wohlstand gefährdet.
Überall wird Geld gezählt. Die hohe Zahl der Protestierenden, Erschossenen und Hingerichteten im Iran wird darüber vergessen. Amnesty spricht von 6000 willkürlichen Festnahmen und mindestens 41 politischen Hinrichtungen seit Ende Februar. Und ob das jetzt unterzeichnete Abkommen zu mehr Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung führt, das wissen wir nicht. Es wird Jahre dauern, bis sich die Natur wieder erholt hat.
Lasst das Öl fließen! Industrielles Wachstum und fossile Energie – das ist nach wie vor Trumps Wohlfahrtsrezept. Und nicht nur seins. Da wollen viele sich die Erde untertan machen, ein Missverständnis der biblischen Schöpfungsgeschichte. Denn in der Bibel meint der Auftrag an die Menschen nicht Ausbeutung, sondern Verantwortung. Stattdessen aber lautet für viele die Maxime: Das ÖL soll fließen. Dafür lassen sie Naturschutzgebiete ausbeuten und zetteln Kriege an. Das macht mir Angst. Öl hat in den vergangenen Jahrzehnten manches bewegt – aber auch viel zerstört.
Wir Menschen sollen die Erde bebauen und bewahren. Davon sind wir weit entfernt. Wohlstand, Wachstum, Machtinteressen – dieser Dreiklang beherrscht die Welt. Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung haben das Nachsehen. Aber ich will nicht, dass diese Ziele nur eine schöne Erinnerung sind wie der Keramikbecher aus Seoul über meinem Schreibtisch. Ich halte fest an der Hoffnung: Echte Veränderung ist möglich. Ich bete darum. Und ich weiß: Überall auf der Welt gibt es Menschen, die tun das auch.
Eine Heldenreise
Aufbrechen und neu zurückfinden
Montag, 15.06.2026, 6.35 – 6.40 Uhr, Deutschlandfunk DLF
Eine meiner Lieblingsgeschichten in der Bibel ist die von Jakob. Ich meine den Zwillingsbruder von Esau, den zweitgeborenen. Er soll sich bei der Geburt an der Ferse seines Bruders festgehalten haben. Der zweite zu sein, das war sein Schicksal. Wenn es um die Zukunft ging, um das Erbe, stand ihm sein Bruder immer im Weg. Esau würde die Zukunft der Familie sichern. Jakob war lediglich die Reserve. Lange war das nur ein Gefühl. Dann wurde es ernst.
Als der blinde Vater im Sterben liegt und er den Segen der Vorfahren an seinen Erstgeborenen weitergeben will, schiebt Jakob sich nach vorn. Esau ist gerade auf dem Feld bei der Arbeit – immer fleißig, immer pflichtbewusst. Das ist die Chance: Jakob zieht sich Esaus Kleidung an, schiebt sich ein Fell über die Arme, weil sein Körper nicht so behaart ist wie der von Esau. Jetzt riecht er wie sein Bruder, fühlt sich an wie sein Bruder und nimmt dessen Platz am Sterbebett ein. Der Vater ist kurz irritiert, aber er gibt ihm den Segen.
Und dann: Nichts wie weg! Denn damit würde Esau nicht leben können. Einfach so ausgetrickst zu werden. Jakob macht sich auf die Flucht zu seinem Onkel. Der hat viel Land und große Herden. Dort würde sich sicher Arbeit finden. So liegt Jakob auf seinem Fluchtweg nachts in der Einsamkeit. Mutterseelenallein, erschöpft und ein bisschen verzweifelt. Wozu das Ganze?, denkt er, als ihm die Augen zufallen. Zurück geht es nicht mehr – er hatte eine Schwelle überschritten. Jetzt muss er den Weg zu Ende gehen.
In dieser Nacht träumt Jakob von einer himmelhohen Leiter, auf der Engel auf und ab steigen. Oben steht Gott und spricht: „Ich bin mit dir und will dich behüten.“ Ein Segen für seinen Weg – trotz allem. Ich habe eine Ikone von der Himmelsleiter auf einem Holztäfelchen aus Jerusalem – kleiner als ein Dominostein. Ein Segen zum Mitnehmen für die Jackentasche,
Der Literaturprofessor Joseph Campbell hat sich mit Mythen, Märchen und Geschichten beschäftigt. Er hat festgestellt, dass die Lebensreisen, von denen da erzählt wird, ganz ähnlich sind. „Der Held in tausend Gestalten“, heißt das Buch über die Heldenreise, das er 1949 geschrieben hat.
Das Grundmuster der Heldenreise sieht so aus: Wir werden herausgerufen aus dem Gewohnten und finden Mentorinnen, die uns über die Schwelle begleiten. Wir müssen Prüfungen und Kämpfe bestehen. Dann treten wir den Rückweg an – mit allem, was wir erreicht haben. Wir müssen noch einmal eine Schwelle überschreiten, uns auseinandersetzen mit unseren Schatten und mit unserer Sehnsucht.
So ging es auch mit Jakob weiter. Bei seinem Onkel ist er erfolgreich, heiratet dessen Töchter und erreicht alles, wovon er zu Hause geträumt hatte. Er ist ein gemachter Mann. Aber seinen Bruder hat er verloren.
So wächst in ihm die Sehnsucht, noch einmal nach Hause zu finden. Nein, nicht einfach zurück. Er ist längst ein anderer geworden auf der Reise. Aber er muss über den Fluss, hinter dem sein Elternhaus liegt. Noch einmal muss er eine Schwelle überschreiten. Dieses Mal mit Frauen und Kindern und all seinen Herden.
Ich stelle mir vor, wie nervös er war, wie angespannt. Und ich verstehe, dass er zunächst allein losging. In der Nacht hat er vor Jahren die Himmelsleiter mit den Engeln gesehen. Jetzt kämpft er nachts noch einmal mit seiner Schuld und um den Segen. Eine Gestalt taucht im Fluss auf und attackiert ihn. Ist es Gott oder ein Dämon, mit dem er kämpft? Als er am frühen Morgen ans andere Ufer tritt, hinkt er. Und er trägt einen neuen Namen. Am Ende der Reise wird aus Jakob Israel. Er ist weit gegangen, hat Kränkungen erlebt und Verletzungen. So dünnhäutig geworden, kann er sich endlich mit Esau versöhnen. Gesegnet sein. Das ist in Jakobs Geschichte mit Fehlern verbunden. Mit Verletzung und Versöhnung, mit Scheitern und Glück. Um ein Held und eine Heldin sein, muss man nicht immer nur stark sein. Man kann sogar hinken. Das macht mir Mut, mich auf meine eigene Lebensreise einzulassen.
Saras Weg
Dienstag, 16.06.2026, 6.35 – 6.40 Uhr, Deutschlandfunk DLF
Joseph Campbell, ein US-amerikanischer Mythenforscher, hat vor bald 80 Jahren den Begriff „Heldenreise“ geprägt. Das ist eine Grundstruktur in den großen Geschichten der Menschheit: Ein Held muss aus seiner Heimat aufbrechen und in der Fremde Prüfungen und Gefahren überstehen, bis er nach Hause zurückkehrt. Frauen sind selten die Hauptfigur. In den antiken Mythen, Märchen und biblischen Geschichten steht meist ein Mann im Vordergrund. So wie Abraham, Odysseus oder König Arthur. Aber was ist mit Sara, der Frau von Abraham? War ihr Leben eine Heldinnenreise? Was war ihr Lebensziel, worum und mit wem hat sie gekämpft?
Es lohnt sich, genauer hinzuschauen. Da steht sie mit ihrem Abraham unter dem Sternenhimmel. Was für ein Reichtum, unzählbar viele Sterne. Sara hat keine Kinder, keine Nachkommen. Und sie ist nicht mehr jung. Wie die Sterne am Himmel, murmelt Abraham neben ihr. So viele Kinder werden wir haben, Kinder und Kindeskinder – Gott hat es versprochen. Wir müssen es nur wagen. Aufbrechen und der Zukunft entgegen gehen.
Sara könnte sagen: Du spinnst! Aber sie vertraut ihm. Sie wagt es und geht mit. Sie ist eine schöne Frau. Als sie in Ägypten sind, schauen die Männer ihr nach. So sehr, dass Abraham fürchtet, die anderen Männer könnten sie ihm nicht gönnen. Deshalb gibt er sie als seine Schwester aus – und macht sie damit erst recht zum Freiwild. Den beiden bleibt nur eins: Ägypten hinter sich lassen.
So ziehen sie weiter. Von Zeltplatz zu Zeltplatz. Eines Tages erscheinen drei Unbekannte am Zelteingang. Als ob sie Gottes Versprechen kennten, bestätigen sie Abraham die Verheißung: Nachkommen wirst du haben wie Sterne am Himmel. Bevor das Jahr um ist, wird deine Frau Sara einen Sohn zur Welt bringen, sagen sie. Sara, wo ist sie eigentlich? Wir hören sie lachen, als die Männer über sie reden. Irgendwo hinter dem Vorhang, im Innern des Zeltes. Sie glaubt nicht mehr, dass das möglich ist. Sie ist doch längst zu alt.
Ohne Nachkommen keine Zukunft. Aber ist es ihre Schuld, wenn sie keine Kinder bekommt? Ein Frauenschicksal in biblischen Zeiten. Fruchtbar soll sie sein, aber bitte nicht zu schön und begehrenswert. Ihren Mann soll sie stolz machen. Von ihm hängt ihr Schicksal ab – von ihm und von ihrem Körper. Die Frauen, die von Männern gegen ihren Willen auf Social Media präsentiert werden, zeigen: Ganz vorbei ist das noch nicht.
Aber Sara nimmt ihr Schicksal in die Hand. Heute würde das Paar vielleicht eine Leihmutter suchen. Sara damals sorgt dafür, dass ihre Magd schwanger wird. So wäre es immer noch Abrahams Kind, durch das die Verheißung lebendig wird. An Sara soll es nicht scheitern. Eher gibt sie sich selbst auf. Und zieht ihre Magd mit hinein.
Als deren Kind geboren wird, hält Sara es nicht aus, den Säugling Tag für Tag zu sehen. Sie schickt ihre Magd mit dem Kind in die Wüste. Sara hat versucht, die Zukunft zu gewinnen um jeden Preis. Was für eine Dummheit, sagt eine innere Stimme. Finde dich ab mit dem, was ist. Die Magd und das Kind werden wundersam gerettet und kehren zurück.
Als Sara schon resigniert hat, wird sie doch noch schwanger. Ein Wunder, ein Geheimnis. Der verheißene Sohn wird tatsächlich geboren. Sie werden ans Ziel ihrer Reise kommen, das gelobte Land erreichen. Als Sara stirbt, ist längst klar: Hier werden sie bleiben. Abraham, Sara und ihre Nachkommen. Abraham kauft ein Familiengrab und Sara ist die erste, die dort begraben wird. Die erste, die schönste, die mutige, die alles gewagt und alles gegeben hat.
Für mich ist es nicht leicht, mich in Saras Welt hinein zu denken. Ich will frei und unabhängig sein. Wie die allermeisten Frauen heute. Aber auch in unserem Leben spielen Körper, Beziehungen, Schwangerschaft oder Kinderlosigkeit, mal gewollt, mal ungewollt, eine große Rolle. Auch wir ringen um unsere Zukunft. Sara behält Gottes Verheißung im Auge. Sie bleibt hartnäckig dran. Das macht auch mir Mut, an meinen Hoffnungen festzuhalten.
Hildegards großes Licht
Heilkunde und Vision von Gott
Mittwoch, 17.06.2026, 6.35 – 6.40 Uhr, Deutschlandfunk DLF
Sie war eine der einflussreichsten Frauen des Mittelalters. Eine der frühesten Vertreterinnen der Mystik. Die Benediktinerin Hildegard von Bingen. Sie schrieb über Medizin und Ernährung ebenso wie über Religion. Sie komponierte und züchtete Kräuter – eine Universalgelehrte.
Schon als Kind litt sie unter Kopfschmerzen, sah Lichtblitze und hatte Visionen. Sie schreibt in ihrer Autobiographie: „In meinem dritten Lebensjahr sah ich ein so großes Licht, das meine Seele erschütterte.“ Als zehntes Kind einer adligen Familie wurde sie mit gerade mal acht Jahren in ein Kloster gegeben. Aber ihre Visionen waren auch dort vielen unheimlich. Hildegard schreibt: „Bis zu meinem 15. Jahr war ich jemand, der viele Dinge sah und einfältig aussprach, so dass auch die, welche diese Dinge hörten, verwundert fragten, woher sie kämen.“
Mit 14 wurde sie zusammen mit zwei anderen jungen Frauen in die Klause des Klosters Disibodenberg eingeschlossen. Die Gruppe wuchs, Hildegard wurde zur Magistra gewählt und geriet schon bald mit den Oberen in Konflikt: Sie lockerte die Speiseregeln, kürzte die Gebetszeiten und wollte schließlich mit ihrer wachsenden Gemeinschaft ein neues Kloster gründen.
Dabei berief sie sich immer wieder auf ihre Visionen, die jetzt, in der Mitte ihres Lebens noch stärker, ja unwiderstehlich wurden. „Ich weigerte mich lange, sie niederzuschreiben“, sagt sie später, „aus Zweifel und nicht aus Eigensinn, weil ich der Demut folgte, bis ich ins Krankenbett fiel. Dann endlich gab ich meine Hand dem Schreiben anheim. Und erhob mich so selbst von der Krankheit durch die Stärke, die ich empfing.“
Jahrelang hat sie gelitten und gekämpft. Es sei eine schwere Migräne gewesen, vermutete später anhand ihrer Beschreibungen der Neurologe und Psychiater Oliver Sacks. Hildegard rang mit ihren Schmerzen, den Selbstzweifeln und der Sorge, sie könne sich das alles nur einbilden. Aber wenn sie dann ihre Texte sah, wusste sie: Das sind nicht einfach meine eigenen Worte, sie kommen aus einer anderen Wirklichkeit.
Mit einer Freundin und ihrem Sekretär begann sie nun, ihre theologischen Einsichten niederzuschreiben, ihre inneren Bilder zu zeichnen. So entstand in sechs Jahren ihr Hauptwerk Scivias, Wisse die Wege. Als sie schließlich die Erlaubnis erhielt, Scivias zu veröffentlichen, stand sie längst mit vielen bekannten Persönlichkeiten in Kontakt. Jetzt endlich durfte sie auch ein eigenes Kloster gründen. Das Kloster Rupertsberg wuchs schnell. Immer im Kampf mit dem Bischof, dem Neid anderer Äbtissinnen.
Und es gab manches zu neiden: die Pracht des Klosters, das Selbstbewusstsein der Schwestern, die Tabulosigkeit ihrer medizinischen Texte. Hildegard scheute sich nicht, auch über Lust und Zeugung zu schreiben. Und bei Festgottesdiensten erschienen die Klosterfrauen mit weißen Kleidern, offenen Haaren und Goldschmuck. Auch Hildegard selbst trug eine Nonnenkrone aus weißen Bändern und Seidenmedaillons mit Gold und Silber.
Kloster Rupertsberg wurde im Dreißigjährigen Krieg zerstört. Aber in Hildegards Texte kann man sich noch heute versenken. Ihre Bücher sind Verkaufsschlager. Das gilt vor allem für die Klostermedizin und ihre Kräuterbücher. Im Netz suchen viele nach der Hildegardis-Medizin, nach Tipps für ein gesundes, langes Leben. Hildegard selber wurde 81. Am Ende ihres Lebens bekam sie als erste Frau die Erlaubnis, öffentlich zu predigen. Sie predigte in Mainz, in Würzburg und Bamberg, reiste nach Metz und Trier. In Margarethe von Trottas Hildegard-Film mit Hanna Schygulla sehen wir sie zu Beginn ihrer letzten Predigtreise, wie sie in den Sattel steigt und das Kloster hinter sich lässt. Sie hat alles erreicht. Es sind vor allem ihre Schriften, die ihr Leben ausmachen. Alles dreht sich um die Vision, die sie immer neu buchstabiert hat. Scivias. Wisse die Wege. Das buchstabiere ich immer wieder neu für meine Vision von Gott und für mein Leben.
Das Weite suchen …
… und nach Hause kommen
Donnerstag, 18.06.2026, 6.35 Uhr, Deutschlandfunk DLF
Eine alte Geschichte erzählt von drei Mönchen, die seit Jahren zufrieden in ihrem Bergkloster leben. Jeden Morgen sehen sie hinter den Bergen die Sonne aufgehen, bis sich ihr Licht über das ganze Land ergießt. Und gegen Abend können sie beobachten, wie es dunkel wird, wenn die Sonne hinter dem Haus verschwindet. Aber wohin geht das Licht in der Nacht?
Eines Tages sagen sie zueinander: „Wir haben die Welt nie gesehen. Wie können wir über Schönheit und Weisheit sprechen, wenn wir nur diesen einen Ort kennen?“ Also packen sie ihre Sachen und ziehen los. Viele Jahre wandern sie durch fremde Länder. Sie stehen vor den schneebedeckten Tempeln in Tibet, laufen durch die Wüsten Arabiens, bestaunen die goldenen Paläste Indiens und die Kirschblüten Japans.
Doch je mehr die Mönche sehen, desto unruhiger werden sie. Auf ihrem Weg haben sie Kirchen und Klöster, Tempel und Moscheen gesehen. Aber auch großes Elend: Krankheiten, Hunger, Armut. Und immer wieder Menschen, die zupacken und helfen. Schließlich werden sie müde.
Nicht nur ihre Beine sind müde. Nicht nur ihre Rücken können die Lasten nicht mehr tragen. Nein, ihre Augen sind müde von all der Schönheit. Und ihre Köpfe und Herzen von den vielen Fragen. Wer ist denn nun Gott? Was macht unser Leben hell? Und was sollen wir tun, wenn es dunkel wird?
Da entdecken sie ein kleines Bergkloster, hinter dem gerade die Sonne untergeht. Der Mond steht schon über dem Dach, der Brunnen im Hof plätschert, und der Duft von Zedern hängt in der Luft. Es ist ihr Zuhause. Der älteste Mönch atmet tief und sagt: „Hier ist alles, was wir gesucht haben. Wir mussten nur gehen, um das zu sehen.“
Vielen geht es wie den drei Mönchen. Sie machen sich auf, um neue Perspektiven zu gewinnen. Manche wandern den Jakobsweg entlang, wenn sie nach Antwort auf ihre Fragen suchen. Nach einer Krankheit, bei einer schweren Diagnose, am Anfang eines Lebensabschnitts. Sie pilgern nach Santiago de Compostela oder einfach ein Stück des Weges dahin. Durch Spanien, in Frankreich oder auch in Deutschland.
Für den Jakobsweg muss man nicht katholisch sein. Auch Christ:innen anderer Konfessionen, Glaubende wie Suchende machen sich auf. Pilgerwege zu einem Heiligtum, das kennen viele Religionen, von Jerusalem bis Mekka. „Religionen sind wie Glasfenster“, hat der Benediktinermönch und Zen-Meister Willigis Jäger gesagt. „Wir sollten nie vergessen, dass nicht das Glasfenster das Letzte ist, sondern das Licht, das dahinter leuchtet“.
Während die einen nach Santiago pilgern, gehen andere auf Kreuzfahrt. So wie früher die jungen Männer auf die große Tour geschickt wurden, wie Goethe nach Italien reiste. Sie lernen andere Landschaften und Kulturen kennen. Immer auf der Suche nach dem Licht. Sie entdecken alte Klöster in Griechenland, buddhistische Stupas in Thailand, Ikonen und Gebetsglocken – und kommen mit neuen Fragen zurück. Was wissen wir von der Welt? Was wissen wir von Gott? Wo finden wir ihn? In goldenen Tempeln, an weiten Sandstränden – oder zu Hause, wo wir zusammen sitzen und ehrlich miteinander sprechen?
Nun gibt es ja nicht nur die Reisen und Pilgerwege, die wir bewusst suchen. Manche hat ihre Arbeit in andere Länder geführt, manche die Liebe. Manche sind geflohen oder wurden vertrieben. Nicht alle können dahin zurückkehren, wo sie herkamen wie die drei Mönche. Und manche wollen das gar nicht. Aber jede Lebensreise kann zur Pilgerreise werden – unterwegs zu fremden Welten, auf der Suche nach Gott. „Die Hütten der Religion, auf die der Mensch im Zyklus des Lebens immer wieder trifft, sind… nur vorläufige Herbergen“, schreibt der Zürcher Theologe Ralph Kunz. „Sie schützen, weil sie von der Hütte Gottes bei den Menschen erzählen und ihm die Gewissheit schenken: Die Reise ist noch nicht zu Ende. Aber irgendwann kommen wir nach Hause.“