Sinn und Sinnlosigkeit

Über das Arbeiten in sozialen Unternehmen

Rom demonstriert - Aezte-Demo (2)„ Soziale Berufe aufwerten“: Das fordern der DGB und die beiden Branchengewerkschaften ver.di und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). In einer Resolution appelliert der DGB an die politisch Verantwortlichen in den Kommunen, die Beschäftigten in Sozial-und Gesundheitsberufen besser zu bezahlen. Es ist an der Zeit für diese Kampagne. Erzieherinnen und Erzieher in Deutschland streiken in diesen Wochen, weil sie für ihre Arbeit in Bildung und Erziehung zu geringe Entgelte und noch immer zu wenig Anerkennung bekommen. Zwar wurde die Infrastruktur in den Tageseinrichtungen für Kinder, auch bei den Unter-Drei-Jährigen in den letzten Jahren quantitativ ausgebaut, aber qualitativ sind wir hinter anderen Ländern in Europa deutlich ins Hintertreffen geraten. Dabei standen wir im 19. Jahrhundert, als in Deutschland die ersten Kindergärten und Kleinkinderschulen erfunden wurden, an der Spitze, was Bildung und Betreuung anging. Heute aber ist in vielen Ländern selbstverständlich, dass die Arbeit in den Tageseinrichtungen nicht weniger anspruchsvoll ist als die in Grundschulen und auch entsprechend vergütet werden muss. Neben einer Erhöhung der Entgelte steht deswegen bei uns nach wie vor ein verpflichtender Hochschulabschluss auf der Tagesordnung; er wird von vielen seit Jahrzehnten gefordert.

Nach wie vor aber zollt unsere GeseIMG_20150521_183150llschaft technischen, unternehmerischen oder wissenschaftlichen Tätigkeiten hohen Respekt , während die Sorge-Aufgaben, die mit Empathie und Zuwendung verbunden sind, wie Erziehen, Pflegen und Beraten, in den meisten Fällen nur schlecht honoriert werden. Noch immer ist hier die historische Entwicklung des „zweiten sozialen Netzes“ zu spüren, in der diese Aufgaben hauptsächlich weiblich konnotiert waren und innerhalb eigener Ökonomien getragen wurden: In den Familien kümmerten und kümmern sich Frauen um ihre Kinder, aber auch um die alternden Eltern und andere Angehörige, außerhalb der Familie waren es früher oft Kirche, Diakonie und Caritas. Auch in Kaiserswerth entstand einer der ersten Kindergärten, als in der Mitte des 19. Jahrhunderts im Zuge der Industrialisierung die Überforderung der Familien spürbar wurde.

Der offene Blick für neue Herausforderungen, das Engagement für Menschen, die Hilfe brauchen, und die Phantasie, neue Angebote zu entwickeln, gehören zur Signatur von Kirche und Diakonie. Und in der Regel empfinden diejenigen, die sich engagieren, ihre Arbeit zunächst auch jenseits der Bezahlung als sinnvoll und erfüllend. Traditionell spielte hier auch die Überzeugung, im kranken, armen oder verwahrlosten Menschen Gott selbst zu begegnen, eine wichtige Rolle. Jesu Zusage aus dem Gleichnis vom großen Weltgericht im Mt. 25, 40 war und ist eines der Schlüsselworte diakonischer Arbeit: „Alles, was ihr getan habt meinen geringsten Brüdern, das habt Ihr mir getan“ (Mt 25:40). Aber auch diejenigen, die nicht aus dem Glauben motiviert sind, spüren, dass die Arbeit mit Kindern oder mit Kranken in sich sinnvoll ist – ganz so wie in dem bekannten Poesiealbumsspruch: „ Denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eigne Herz zurück.“

 

Soziales Handeln ist Beziehungshandeln

Pflegende, Fachkräfte in der sozialen Arbeit, Erzieher und Erzieherinnen haben einen Beruf, der sie erfüllt. In den letzten Jahren allerdings hat der Arbeitsdruck so zuge- nommen, hat die Zeit für Begegnung und Begleitung so abgenommen, dass die Begeisterung sich bei vielen im Burn-out erschöpft. Statistisch erkennbar ist das schon lange an kurzen Verweildauern von Mitarbeitenden in den Pflegeberufen oder auch an der wahren Auswanderungswelle von Fachkräften aus Medizin und Pflege nach Skandinavien, aber auch an dem Fachkräftemangel in Deutschland, der schon lange dazu führt, dass Krankenhäuser wie Altenhilfeeinrichtungen ihre Mitarbeitenden seit Jahren buchstäblich aus der ganzen Welt „importieren“ müssen.

In einem vordergründigen Sinn geht es inzwischen auch auf dem Sozialmarkt um Optimierung und Effizienz. Da sollen, um es technisch zu sagen, Kranke geheilt oder jedenfalls so weit wieder hergestellt werden, dass sie gut und selbständig leben können, Arbeitslose wieder in einen Berufsalltag integriert, und Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung gefördert werden. Der medizinische und technische Fortschritt, Qualitätsinstrumente und optimierte Abläufe sollen und können dazu beitragen, dass das gelingt. Und auch die Arbeitszeiten in Pflege und Erziehung sind – selbst in Zeiten der Flexibilisierung – planbarer geworden, als sie es in früheren Jahrzehnten waren. Doch erstaunlicherweise sind nach Umfragen gerade diejenigen Beschäftigten mit ihrer Arbeit besonders zufrieden, von denen der volle Einsatz der ganzen Person gefordert ist und die damit in praktischer Hinsicht nichts Aufbauendes mehr bewirken können: Pflegekräfte in den Hospizen. Gerade sie berichten nicht von Sinnlosigkeit, sondern von großer Erfüllung durch ihre Arbeit, die doch immer im Sterben der Patienten einen Schlusspunkt – vielleicht aber auch einen Doppelpunkt – findet. Es ist, sagen sie, befriedigend, Patienten und Angehörige auf dieser Wegstrecke zu begleiten und sich gemeinsam – auch mit einem überschaubaren und multidisziplinären Team – Gedanken zu machen über den Sinn des Lebens und die eigene Endlichkeit. Diese Beobachtung führt zu einer wichtigen Einsicht: Jenseits aller fachlichen Betreuung spielt die Beziehung eine herausragende Rolle.

 

zukunft pflegenResonanzerfahrung als Sinnerfahrung

Ob in der Pflege oder der Stadtteilarbeit, in einer psychologischen Beratung oder in der Frühförderung, ja auch und vielleicht gerade in der Sterbebegleitung: Immer geht es darum, eine gelingende (Arbeits-) Beziehung zwischen Hilfebedürftigen und Helfern, zwischen Ärztinnen und Patienten, zwischen Kindern und Erziehungspersonen herzustellen, die die entscheidende Grundlage aller Veränderung ist. Ein zentrales Element einer solchen Beziehung ist die Resonanz. Wörtlich bedeutet der Begriff das Wiederklingen: Wer sich für einen helfenden Beruf entscheidet, ist oft in besonderem Maße in der Lage, zu spüren, was in anderen Menschen vorgeht, mit ihnen zu fühlen und auf sie zu antworten.

Im medizinischen, pädagogischen oder pflegenden Handeln geht es zunächst darum, sich als lebendiger Resonanzraum für andere anzubieten. Es geht um Achtsamkeit und Empathie und schließlich um Kooperation. Denn Gesundheit kann man nicht kaufen, die Entwicklung nicht delegieren; immer kommt es darauf an, dass der oder die Betroffene sich selbst mit Hilfe des oder der anderen verändern. In diesem Prozess entstehen beglückende Momente der Gemeinsamkeit, – denn Resonanz ist nicht einseitig, sondern ein Geschehen zwischen Menschen. In solchen Momenten scheint die Zeit still zu stehen. Diese Erfahrung, in der sie immer auch sich selbst erleben, macht für viele Beschäftigte im sozialen Bereich den eigentlichen Sinn ihrer Arbeit aus.

 

Beziehungsfähigkeit schützen und stärken

Wer aber in Zeiten der Beschleunigung, des Finanz- und Zeitdrucks immer nur für kurze Zeit mit Kranken zusammen ist, weil immer weniger Personal für immer mehr Menschen vorhanden ist und die Patienten schnell durch die Krankenhäuser geschleust werden, wer in zu großen Gruppen keine Zeit mehr für das einzelne Kind hat oder wer zu viele Jugendliche betreuen muss, kann Beziehungen oft nicht mehr aufbauen, kann selbst oft keine Resonanz mehr empfangen. Zeit ist das kostbarste Gut in der sozialen Arbeit – denn Einsparungen lassen sich hier im Wesentlichen im Personalbereich realisieren. Wo aber die Zeit für Begegnung, Beziehung und Beteiligung fehlt, werden die emotionalen Reserven der Mitarbeitenden aufgebraucht. Hier gibt es keine Patentrezepte. Sicherlich sind die Zusammenhänge komplex und Lösungen zu einem guten Teil nur auf politischer Ebene zu finden. Und am Streit um die Entgelte der Erzieherinnen sehen wir, wie wenig Handlungsspielräume auch die überforderten und ausgebluteten Kommunen haben. Jenseits politischer und organisatorischer Strukturen ist deshalb ein Mentalitätswechsel in der Bürgergesellschaft und auch in der Kirche angesagt. Wir sind es, die bereit sein müssen, die sozialen Berufe aufzuwerten – auch durch Umverteilung vorhandener Ressourcen.

Dennoch gibt es auch für die Praxis in der einzelnen Einrichtung hilfreiche Wege, um zu verhindern, dass die Mitarbeitenden ausbrennen, dass ihre Arbeit den Sinn verliert. So ist es unbedingt notwendig, dass Professionelle im sozialen Bereich in der Wahrnehmung ihrer eigenen Gefühle, in einer Achtsamkeit für sich selbst unterstützt werden. Auch ein gutes Miteinander im Team spielt eine wichtige Rolle. Räume der Stille, gemeinsame Rituale bei Abschied und Neubeginn, interreligiöse Dialoge und Ethikdiskurse, Teamtage und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sind wesentliche Aspekte. Die Führung einer Einrichtung ist dabei gefragt. Im Blick auf die Organisation wie auf den eigenen Führungs- und Lebensstil.

Welche Formen haben Sie gefunden, um der Sinnlosigkeit zu begegnen? Als Führungskraft oder auch als Engagierte in der Sozialen Arbeit? Persönlich oder in Ihrer Organisation? Ich freue mich auf den Dialog und auf die Zusammenarbeit mit Ihnen. Zum Schluss noch ein Tipp: Die Gestalterin und Unternehmerin Catharina Bruns legt in ihrem inspirierenden Buch „ Work is not a job“ überzeugend dar, wie wir Arbeit auch heute als Berufung verstehen können und zitiert dabei Khalil Gibran: Arbeit ist sichtbar gemachte Liebe!

Ihre Cornelia Coenen-Marx

 

 

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