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22.03.2018 – 16:13 Uhr Marbacher Zeitung | von Cornelia Ohst | http://www.marbacher-zeitung.de/inhalt.marbach-frueher-oder-spaeter-sind-alle-betroffen.a78b23e0-34c4-40a0-a464-4681324a75ce.html

Früher oder später sind alle betroffen

Marbach –Warum sich die Stadt Marbach mit dem Thema Älterwerden beschäftigt, liegt auf der Hand: Die Bevölkerung in Deutschland hat statistisch gesehen im vergangenen Jahrhundert zehn gesunde Jahre dazugewonnen. Viele Ältere fühlen sich jünger und sind bei ihrer Lebensgestaltung aktiv und selbstbestimmt. Die demografische Entwicklung aber macht deutlich, dass die Gesellschaft in den kommenden Jahren quasi „veraltet“. Die Geburtenrate ist seit Mitte der 1970er-Jahre eingebrochen und die Menschen leben immer länger. Das hat nicht nur auch Auswirkungen auf das Rentensystem, sondern auch auf die Städte und Gemeinden.

Mit der Auftaktveranstaltung zur Zukunftswerkstatt „Älterwerden in Marbach“ dürften die zahlreichen Besucher, die im Bürgersaal des Rathauses so ziemlich jeden Stuhl belegt hatten, nun sehr zufrieden gewesen sein. Sie nämlich wurden mit vielen motivierenden Botschaften konfrontiert, die man salopp unter dem Fazit: „Älterwerden kann Spaß machen“ zusammenfassen könnte. Oder wie es die Referentin und Autorin Cornelia Coenen-Marx schon in ihrem Buch positiv ausgedrückt hat: „Noch einmal ist alles offen: Das Geschenk des Älterwerdens“. Mit interessanten Ausführungen und statistisch aktuellem Zahlenmaterial präsentierte die 1952 geborene Vortragende nach den Begrüßungsworten von Bürgermeister Jan Trost ein neues Bild vom Alter und betonte das vitale Lebensgefühl heutiger Senioren. Fragen wie: „Was füllt mein Leben aus, was suche ich und wohin will ich gehen?“ seien die neuen Inhalte der „Alten“, die, wie jüngere Zeitgenossen auch, vielmals alternative Formen der Partnerschaft lebten.

Doch die Referentin zeigte auch Problemfelder auf: Nach wie vor gebe es einsame und wirtschaftlich schlecht gestellte Senioren. Die Gesundheit korreliere stark mit dem Bildungsgrad und dem Einkommen. „Die Zahl ökonomisch, sozial und gesundheitlich benachteiligter Senioren wird steigen“, so Coenen-Marx, die auch die Herausforderungen auflistete, denen sich Zeitgenossen und Kommunen stellen sollten. Durch die veränderte Werteorientierung müsse die Selbstwirksamkeit alter Menschen im Fokus stehen. Sie skizzierte dabei die Bedeutung von Netzwerken, nachbarschaftlicher Hilfe und kreativen Dienstleistungs-Ideen, die dem Impuls „sorgender Gemeinschaften“, also Unterstützungsformen, die sich auf mehrere Schultern verteilen, um weiterhin ein möglichst selbstbestimmter Teil der Gemeinschaft bleiben zu können, Rechnung tragen.

Andrea von Smercek, die in Marbach für das bürgerschaftliche Engagement zuständig ist, zeigte die Ziele der Stadt auf, die diese mit dem Projekt verfolge, und benannte die Zielgruppen, die sich mit der Thematik auseinandersetzen sollten. Werner Hertler vom Krankenpflegeverein ermöglichte eine Übersicht über die bereits vorhandenen Angebote in der Schillerstadt, die er wechselweise mit Mitarbeiterin Christa Stirm dem Publikum vorstellte. „Vielfach gelungene Beispiele dafür, wie sich ältere Menschen selbst helfen.“ Der Abend endete mit den Zielen, Plänen und Visionen für ein würdiges Leben im Alter.

Ein Themenbereich, bei dem die Anwesenden aktiv aufgefordert wurden, mitzudenken, und bei dem konkrete Ideen genannt wurden. Eine davon zielt darauf ab, die Senioren über Angebote und Dienstleistungen besser zu informieren. „Etwa über wöchentlich erscheinende Tipps in der Presse“, lautete ein Vorschlag. Ab sofort werden Mitbürger gesucht, die sich für die Umsetzung engagieren und sich der gesetzten Themen annehmen.




Cornelia Coenen-Marx (65): Pastorin, Beraterin und Autorin

Eine Seelsorgerin als Arbeitgeberin, die Entlassungen durchsetzt und am Sonntag in der Kirche predigt? Eine theologische Vorständin, die das traditionsreiche Mutterhaus einer Schwesternschaft in ein Hotel umwandelt? Oberkirchenrätin a.D. Cornelia Coenen-Marx hat bewiesen, dass das geht. Im Spannungsfeld von ökonomischen Erfordernissen, Verbraucherinteressen und religiöser Vielfalt liegt ihr auch heute daran, „die Seele des Sozialen“ zu erneuern und möglichst viele Beteiligte in die Veränderungsprozesse einzubeziehen.

Cornelia Coenen-Marx ist eine markante Erscheinung. Graugestreifte Leggins, eine Jacke im Zebramuster, kurze rote Locken, eine Brille mit eckigem schwarzem Rahmen und schwungvoll drapierte Schals: Das entspricht nicht unbedingt dem „gängigen“ Bild von einer Theologin, die zahlreiche Führungspositionen in der EKD und Diakonie innehatte. Sobald sie einen Raum betritt, wirkt ihre starke Präsenz. Dass diese nicht als Dominanz empfunden wird, mag daran liegen, dass sie sich intensiv auf ihre Gesprächspartner einlässt: offen und teilnahmsvoll, aber auch kritisch hinterfragend und leidenschaftlich diskutierend. Insbesondere dann, wenn sich der Austausch um „Glaubensbilder und Weltbilder“ dreht.

Seit drei Jahren ist sie Inhaberin der Agentur „Seele & Sorge“, mit der sie Vorträge und Seminare, aber auch Beratungen, Mentoring und Coachings sowie die Begleitung von Projekten anbietet. Dabei ziehen sich die Begriffe „Zukunft“ und „Entwicklung“, „Wandel“ und „Paradigmenwechsel“ sowie „Herausforderung“ und „Engagement“ wie rote Fäden durch die Beschreibung ihrer vielfältigen Tätigkeitsfelder. Diese Schlagworte sind aber auch für ihre vorherigen beruflichen Stationen charakteristisch. Immer wieder war es ihr ein Anliegen, sich mit den Hintergründen gesellschaftlicher Transformationen und deren Konsequenzen für Unternehmen und Gewerkschaften, Familien und die Zivilgesellschaft auseinander zu setzen.

Stadtteile als gesellschaftlicher Mikrokosmos

Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit heute ist die Begleitung diakonischer Unternehmen und Kirchengemeinden in Zusammenarbeit mit anderen Akteuren im Quartier. „Hier geht es um die Initiierung inklusiver Projekte für Menschen mit Behinderung ebenso wie um Nachbarschaftsarbeit mit Pflegebedürftigen oder die Entwicklung einer tragfähigen Infrastruktur für Familien und Ältere, die so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden wohnen möchten. Im Mikrokosmos eines Quartiers werden natürlich auch die Herausforderungen der Arbeitswelt von heute ersichtlich.“ So seien Berufsbiografien häufigen Veränderungen unterworfen, und durch die wachsende Mobilität entstünden eher kurzfristige Kontakte. Das erschwere den nachhaltigen Zusammenhalt von Familienmitgliedern und Nachbarn beträchtlich.

Als wichtiges Anliegen der Quartiersarbeit erachtet sie nicht zuletzt die Integration von Flüchtlingen, die in eine Balance zwischen ihrer Herkunftskultur und den kulturellen Einflüssen ihrer neuen Heimat kommen müssten. Alles in allem: „Die Themen, mit denen sich die Kirche auseinandersetzen muss, kommen gleich reihenweise auf uns zu. Es ist unsere Aufgabe, Menschen dabei zu unterstützen, den Wandel zu verkraften und daran zu partizipieren. Niemand kann aufbrechen, wenn er keinen Boden unter den Füßen hat.“

Auf der Suche nach einem neuen Miteinander in sozialen Einrichtungen

Nach ihrem Eindruck sind aber auch soziale Unternehmen und Wohlfahrtsverbände dazu aufgefordert, sich von vertrauten Grundlagen zu verabschieden. So sei es in Anbetracht des erhöhten Finanzdrucks und daraus erwachsender Fusionen, Ausgründungen und Neustrukturierungen nicht einfach, das diakonische Profil zu erhalten und gleichzeitig weiter zu entwickeln. Kunden erwarteten eine besondere Zuwendung, Mitarbeitende klagten über Zeitmangel und Bürokratie. Wie kann es aber gelingen, in solchen Situationen deren Motivation zu erhalten, den Teamgeist zu fördern und zugleich wirtschaftliche Fragen im Auge zu behalten? Wie arbeiten Menschen erfolgreich zusammen, die unterschiedlichen Glaubensrichtungen angehören oder auch gar keinen entsprechenden Bezug haben?

Mit diesen und ähnlichen Fragestellungen ist Coenen-Marx immer wieder konfrontiert. Ihre Antwort: „Wenn unterschiedliche Ziele und Wertvorstellungen aufeinanderprallen, kommt es darauf an, einander verstehen zu lernen, um dann zu einem gemeinsamen „Spirit“ und auf dieser Basis zu einem neuen Miteinander zu finden. Das halte ich für die wichtigste Voraussetzung für das Gelingen eines Transformationsprozesses – in welchem Zusammenhang auch immer ein solcher stattfindet.“ Sie ist davon überzeugt, dass es dabei Persönlichkeiten brauche, die über die Entschiedenheit, die Kraft und die Konsequenz verfügten, Mitarbeitende zur Mitsprache, zur Mitgestaltung und zur Mitverantwortung zu bewegen und die sich nicht scheuten, dabei selbst mit gutem Beispiel voranzugehen. „Das wünsche ich mir nicht zuletzt für Menschen auf Leitungsebenen in sozialen und kirchlichen Berufen.“

Traditionswissen in aktuelle Diskurse übersetzen

Auch im Coaching mit Führungskräften macht sie klar, dass diese – nach wie vor – über ein hohes Maß an Sozialkompetenz verfügen müssten. „Allerdings werden Führungskompetenzen und Managementerfahrungen sowie die Verankerung in Netzwerken zunehmend wichtiger.“ Nach ihrer Ansicht ähneln Kirchen in manchem Familienunternehmen. „Das hängt damit zusammen, dass es stark um Haltung und Weitergabe von Werten und Traditionen geht.“ Kommt das in unserer Gesellschaft und in Anbetracht des Mitgliederschwunds beider Volkskirchen denn noch an? „Nicht von selbst!“, antwortet die Theologin mit Nachdruck. „Es bedarf der Fähigkeit, Traditionswissen in aktuelle Diskurse zu übersetzen und dabei veränderte oder sich stark verändernde gesellschaftliche Rahmenbedingungen in Rechnung zu ziehen.“

Als Beispiel dafür führt sie die „Orientierungshilfe für Familien“ an, die der Rat der EKD im Jahre 2013 herausbrachte. „Hier geht es um eine fundamentale Erweiterung des bisherigen Familienbegriffs und damit auch der traditionellen Rollen von Mann und Frau. Paare mit und ohne Trauschein, Alleinstehende und Alleinerziehende, Personen, die Familienangehörige pflegen, Menschen mit unterschiedlicher sexueller Orientierung, Patchwork-Familien und Migrantenfamilien mit eigenen kulturellen und religiösen Traditionen: Hier gilt es einen gesellschaftlichen Umbruch auszuhalten, dem sich auch die Kirche nicht entziehen kann.“ Coenen-Marx macht keinen Hehl daraus, dass diese neue Einstellung bei manchen konservativen Kirchenmitgliedern Unruhe, ja Entsetzen ausgelöst habe. Doch so etwas ist ihr nicht fremd.

Offenheit für Reformen unabhängig von Ablehnung und Widerständen

Denn: Mit Ablehnung und Widerständen gegen neue Entwicklungen hat sie sich schon früh vertraut machen können. Großvater und Vater waren Pfarrer, beide reformfreudig. „So machte sich mein Vater für die Konfirmation ab 18 Jahren stark, da er der Meinung war, erst in diesem Alter könne ein junger Mensch über ein Für oder Wider entscheiden.“ Als Quittung dafür warf ein erbostes Gemeindemitglied einen Stein durch eine Fensterscheibe des Pfarrhauses. Beirren ließ sich der Pfarrer davon nicht. Abzuwarten, bis sich Veränderungen von selbst oder auf möglichst bequeme Weise ergeben: Das hat auch ihr nie gelegen. „Man muss seinen eigenen Weg finden, sich einmischen und auch einmal eine Vorreiterrolle spielen.“

Als sie 1979 in Mönchengladbach Gemeindepfarrerin wurde, war Coenen-Marx dort die erste Frau in diesem Amt. „In der patriarchal geprägten Kultur der evangelischen Kirche war so etwas absolut keine Selbstverständlichkeit.“ Damals nahm die Frau im Pfarrhaus meistens

immer noch die „normale“ Rolle der „Pfarrfrau“ ein, gerne auch mit Nachwuchs. Doch eine ordinierte Seelsorgerin mit Kindern? Ein Mitglied des für die Besetzung der Pfarrstelle zuständigen Presbyteriums machte ihr deutlich, dass so etwas für ihn nicht vorstellbar sei. „Sie können schließlich nicht schwanger an einem Grab stehen!“

Auch auf ihrem weiteren beruflichen Weg kam sie immer wieder mit Veränderungsprozessen in Berührung – nicht nur in unterschiedlichen Leitungspositionen, sondern auch dann, wenn sie neue Aufgabenbereiche übernahm oder von einer Organisationskultur in eine andere wechselte. So pendelte sie auf der Spur „eines neuen diakonischen und theologischen Selbstverständnisses“ von der Gemeindearbeit ins Landeskirchenamt, dann wieder in ein diakonisches Unternehmen und schließlich ins Kirchenamt der Evangelischen Kirche Deutschlands. Dieses „Schwingen zwischen diakonischer Praxis und Kirchenpolitik “ empfand sie eher als abwechslungsreich und anregend, denn als anstrengend. „Ich liebe es, die Wirklichkeit in verschiedenen Dimensionen auszuloten, unterschiedliche Organisationen, Berufe und Denkweisen kennen zu lernen und dabei immer wieder neue Perspektiven zu gewinnen.“

Krisen und Umbrüche als Chance für Weiterentwicklungen

Trotz aller Schwierigkeiten erachtet sie Umbrüche als Chance für die Weiterentwicklung von Personen und Organisationen. „Beim Formulieren und Umsetzen neuer Ziele, durch das Aufsetzen unkonventioneller Projekte und im Rahmen ungewohnter Kooperationsprozesse können ein neues Selbstverständnis und ein neues Gemeinschaftsmodell entstehen.“ Als sie 1998 an die Spitze der Kaiserswerther Diakonie berufen wurde, erlebte sie dies hautnah. Mit einem Krankenhaus und Altenhilfeeinrichtungen, Jugendhilfe und Sozialpsychiatrie, Schulen für Pflege und Pädagogik, vielen Kultureinrichtungen und insgesamt mehr als 2000 Mitarbeitenden gehörte die Einrichtung schon damals zu den größten diakonischen Sozial- und Gesundheitsunternehmen Deutschlands.

Zum einen wurde sie dort Vorsteherin der Schwesternschaft, wobei die meisten Diakonissen bereits „im Feierabend“ waren. Zum anderen fungierte sie, wiederum als erste Frau, als theologischer Vorstand der gesamten Einrichtung. „Damit wollte die Leitungsebene nicht nur eine Stelle einsparen. Mit einer Frau an der Spitze sollte ein klares Zeichen für einen Neuanfang gesetzt werden“, resümiert Coenen-Marx. Ihre neue Stellung machte ihr keine Angst. „Für mich ist Macht die Voraussetzung für Gestaltung und Veränderung. Dazu braucht es Einfluss und eine Position, die diesen verstärkt. Wer allerdings nur auf die funktionale Positionierung setzt, kann Veränderungsprozesse kaum nachhaltig bewirken. Es braucht gute Ideen und Konzepte, Überzeugungskraft und die Bereitschaft, als Vorbild zu wirken Im Übrigen ist immer mit „Gegenmacht“ zu rechnen und wichtig zu verstehen, woher diese rührt.“ An Widerständen mangelte es wahrhaftig nicht.

Da die Zeit des Wohlfahrtsstaates zu Ende ging, hieß es schon damals, ökonomischen Gesichtspunkten weitaus stärker Rechnung zu tragen. So wurde aus der Pfarrerin die Arbeitgeberin, die Entlassungen durchsetzen und sich mit Arbeitsanwälten auseinandersetzen musste. Auch als Immobilienmaklerin war sie gefragt: 400 werkseigene Wohnungen bedurften der Sanierung und konnten danach nicht mehr gewohnt günstig vermietet werden. „Von einigen wurde mein Vorgehen als knallhart empfunden, zumal sie mir am Sonntag in der Kirche als Seelsorgerin und Predigerin begegneten.“ Sogar das traditionsreiche Mutterhaus der Schwesternschaft blieb nicht, wie es war. Dreimal präsentierte Coenen-Marx ihrem Aufsichtsgremium ihr Konzept der Umwandlung in ein besonderes Hotel mit Tagungsmöglichkeiten, das heute gewinnbringend geführt wird.

Nicht nur die erforderlichen Quartals- und dann Monatsberichte bereiteten der Managerin schlaflose Nächte. Zum Aufruhr kam es, als eine Hebamme aus der Gynäkologie dem Vorstand das Foto eines spät abgetriebenen Kindes zusandte – platziert in einem „Moses Körbchen“, in dem ansonsten verstorbene Frühchen aufgebahrt wurden. „Das warf ethische Fragen auf, die sich nicht mehr unter der Decke halten ließen“, erinnert sich Coenen-Marx. „Ich musste erkennen, dass normative Vorgaben nicht ausreichen, dass es nicht nur um mein Gewissen geht und dass Eltern und Ärzte vor unerträglichen Entscheidungen stehen können.“

Sehr viel Wert legte sie darauf, in die von ihr initiierten Dialoge alle Beteiligten mit einzubeziehen. „Dabei habe ich zum einen gelernt, wie wichtig es auch im Management ist, Gefühle wie Angst und Wut ernst zu nehmen. Zum anderen erfuhr ich – und das war nicht das einzige Mal in meinem Leben – wie nahe Macht und Ohnmacht beieinanderliegen können. Wenn Argumente nicht zählen, Visionen die Herzen nicht erreichen und am Ende nur die Positionsmacht entscheidet, fühlt sich jeder, dem eine Sache am Herzen liegt, ohnmächtig. Möglicherweise auch der Mensch am längeren Hebel einer Machtposition.“

Anstöße von Veränderungsprozessen in der EKD

Neuen beruflichen Herausforderungen stellte sie sich 2004, als sie in das Kirchenamt der EKD in Hannover wechselte. Hier war sie zunächst als Nahostreferentin und Leiterin der Überseeabteilung tätig, um drei Jahre später die Leitung des Referats Sozial- und Gesellschaftspolitik zu übernehmen. Mit ihrer Arbeit an sozialpolitischen Denkschriften und als Herausgeberin der Zeitschrift Chrismon hat die Kirchenpolitikerin „viele notwendige Debatten“ über die Zukunft der Familien- und Gesundheitspolitik, den demografischen Wandel und die Inklusion in der EKD mit angestoßen: „Die Marke Volkskirche musste und muss schrittweise verändert werden.“ Durch ihre öffentlichen Auftritte und ihre Mitwirkung in Synoden und anderen kirchlichen Gremien kam sie auch mit ungewöhnlichen Persönlichkeiten aus den Medien, der Politik und dem Wissenschaftsbereich in Kontakt. „Je konsequenter ich meinen manchmal eigenwilligen Weg gegangen bin, desto mehr habe ich Menschen zu schätzen gelernt, die auf den eigenen Kopf und ihre Freiheit ebenso viel Wert legen wie ich selbst.“

Neue berufliche Weichenstellungen

Gleichwohl setzt sie auch auf „das Geschenk von Bindungen“. Ihren Mann, einen Lehrer für Deutsch und Geschichte, hat sie bereits während ihres Studiums kennen gelernt. Seine Unterstützung empfand sie nicht nur dann als wertvoll, als sie als Bischöfin nominiert wurde und vergeblich kandidierte. Michael Marx war ein weiteres Mal ihr erster Ratgeber, als sie sich 2015 dazu entschloss, ihr Kirchenamt niederzulegen. Unmittelbarer Anlass dafür war eine schwere Erkrankung, die sie über Wochen ans Bett fesselte. „Ich hatte schon früher daran gedacht, mich selbständig zu machen. Dann verdichtete sich mein Eindruck, viel zu viel Zeit am Schreibtisch zu verbringen. Zum Beispiel mit Dokumentationen oder Überzeugungsarbeit in Hinblick auf einen Konsens in Leitungsgremien, wo so oft vieler Rechtfertigungen bedarf.“

Gemäß ihrem Credo – „Umbrüche und Krisen haben bisweilen lebensverändernde Kraft“ – bringt sie ihre Erfahrungen seitdem als Beraterin von Organisationen in Übergangssituationen ein. „Auf diese Weise möchte ich dazu beitragen, die „Seele des Sozialen“, Gemeinschaftssinn, Achtsamkeit, Engagement und Motivation, lebendig zu erhalten – gerade in Anbetracht der wachsenden Wirtschaftlichkeitserwartungen an Medizin, Pflege und Bildung.“

Ihre Vorgehensweise hat sie auch in ihrem neuen Berufsfeld nicht verändert. „Bis an die Grenze zu gehen, gehört zu meinem Naturell. Wenn ich ausgelotet habe, wo das Limit liegt und warum das so ist, versuche ich, ein „Loch im Zaun“ oder einen „Haken in der Mauer“ zu finden: beispielsweise durch innovative Projekte oder auch im Rahmen von Bündnissen. Wo ich Grenzen anerkennen muss, schaue ich nach alternativen Wegen – allerdings nicht auf Kosten meiner Überzeugungen.“ Mit dem Kopf durch Wand geht sie deshalb nicht. „Den Umgang mit Diplomatie kann man in keinem Unternehmen so gut lernen wie in der Kirche.“

 


11.09.17 / http://www.diakonissenhaus-kassel.de/aktuelles/

Langjährige Mitarbeitende im Rahmen des
153. Jahresfestes mit Kronenkreuzen geehrt

STIFTUNG – Im Rahmen des 153. Jahresfestes wurden elf Mitarbeitende der Stiftung Kurhessisches Diakonissenhaus sowie der Agaplesion Diakonie Kliniken für 15 und 25 Jahre Dienst in der Diakonie ausgezeichnet. Nach dem Gottesdienst wurde im Speisesaal des Mutterhauses bei Kaffee und Kuchen gefeiert. Gäste aus Kirche und Gesellschaft überbrachten ihre Glückwünsche den Jubilaren.

Reihe 1 v.l.: Dr. E. Schwarz, P. Meyer, J. Lorenz, C. Heitzer, B. Gerk Reihe 2 v.l. S. Fischer, V. Christa-Winciers, G. Rümmel, R. Lange Reihe 3 v.l. R. Rolof, S. Kiefer, I. Korndörfer-Cavallo, F. Francis, Dr. C. Berger-Zell, G. Fitz, C. Coenen-Marx

 

Pfarrerin Dr. Carmen Berger-Zell der Diakonie Hessen und Pfarrer Dr. Eberhard Schwarz vom Diakonissenhaus überreichten für 15 Jahre Mitarbeit das silberne und für 25 Jahre Mitarbeit das goldene Kronenkreuz der Diakonie. „Das Kronenkreuz besteht aus einem Kreuz und einer Krone. Es verbindet Not und Tod mit der Hoffnung und der Auferstehung. Es ist das Symbol, dass Gott mit Ihnen auf dem Weg ist“, so erklärte Berger-Zell das Zeichen. „Menschen beizustehen und sie in schwierigen Situationen zu begleiten, dafür braucht es Geduld, Ausdauer und Verständnis“, Berger-Zell weiter.

Geehrt wurden Irmgard Korndörfer-Cavallo (Silbernes Kronenkreuz), Susanne Fischer, Frank Francis, Bettina Gerk, Carmen Heitzer, Ramona Lange, Judith Lorenz, Petra Meyer, Rita Rolof, Gabriele Rümmel und Verena Christa-Winciers (alle Goldenes Kronenkreuz).

Beim Festakt mit Kaffee und Kuchen konnte der theologische Vorstand Pfarrer Dr. Eberhard Schwarz neben den Jubilaren mit ihren Angehörigen und den Diakonissen weitere Gäste begrüßen. Die neue Geschäftsführerin des Kaiserswerther Verbandes, Pfarrerin Christa Schrauf, erinnerte daran, dass sich diakonisches Handeln immer in der Spannung zwischen Wirtschaftlichkeit und Fachlichkeit befinde. Trotz dieses Schmerzes bringe es immer auch Erfüllung. In Vertretung für Oberbürgermeister Christian Geselle sprach Stadträtin Gabriele Fitz. Die gelernte Kinderkrankenschwester wisse aus eigener Erfahrung um die Schwierigkeiten, die soziale Berufe mit sich bringen. „25 Jahre bei einem Arbeitgeber ist keine Selbstverständlichkeit!“ Eine gute Betreuung von Kranken und Alten könne man mit Geld nicht kaufen, „sondern es braucht Menschen, die es gerne machen“. Glückwünsche aus dem Landeskirchenamt überbrachte Pfarrerin Martina Tirre. „Was Sie hier tun ist ein Schatz, den wir nicht missen wollen. Sie sind es, die Jesu Menschenfreundlichkeit für jeden Einzelnen Realität werden lassen.“ sagte Tirre den Jubilaren zu. In der Pflege und Betreuung solle es um den Menschen gehen, doch oft gehe die Menschlichkeit verloren. Das sei auch die Folge von Personaleinsparungen. „Sparen wir da nicht an der falschen Stelle?“ fragte Tirre nachdenklich.

Acht der elf Jubilare sind Mitarbeiter des früheren Diakonissenkrankenhauses, jetzt Agaplesion Diakonie Kliniken. Die Pflegedienstdirektorin Cornelia Reissner dankte im Namen der Klinik den Mitarbeitenden: „Sie haben in all den Jahren sehr viel mitgetragen. Deswegen wollte ich Ihnen hier einfach auch danke sagen!“

Stefan Kiefer, der kaufmännische Vorstand der Stiftung Kurhessisches Diakonissenhaus, wies darauf hin, dass es an diesem Nachmittag viele Gründe zum Feiern, Danken und Würdigen gebe. Gleichzeitig befinde sich die Stiftung mit ihren Einrichtungen auch in sehr bewegten Zeiten. „Uns bewegen die Fragen, wie es mit unseren Pflegeeinrichtungen weitergehen kann und in welcher Struktur die Einrichtungen der Stiftung künftig weiterarbeiten werden.“ Ziel sei es, dass das Werk des Diakonissenhauses in Ruhe und Kontinuität weitergehen könne, damit Zukunft gelinge.

Oberkirchenrätin a.D. Cornelia Coenen-Marx hielt die Festpredigt im Gottesdienst. Sie predigte zu einem Text aus dem Markusevangelium, in der Jesus die Frage nach Mutter und seinen Brüdern stellt. „Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“, so seine Antwort.
Coenen-Marx ging in ihrer Predigt der Frage nach der Bedeutung der Familie nach. Wo finden wir diese, wer gehöre dazu und wer nicht? Die Gesellschaft wandle sich rasant, Familien seien überfordert, man spreche von einem Drittel Abgehängter. „Kommunen, Kirchengemeinden, Schulen und Unternehmen sind gefragt, Verantwortungsstrukturen neu zu beleben.“ forderte Coenen-Marx. „Wo Kinder und Enkel weit weg wohnen, brauchen gerade ältere Menschen Freunde und Wahlfamilien. Die Kirche hat hier eine besondere Aufgabe.“, so Coenen-Marx weiter. Familie sei Heimat in einer mobilen Gesellschaft. Seit der Geschichte mit Jesus wissen wir, dass die Form nicht so entscheidend sei, es gehe um den Geist der Offenheit, der Großzügigkeit und der Fürsorge.

Den Gottesdienst gestaltete Kirchenmusiker Martin Forciniti mit seinem Chor mit, den Festakt im Speisesaal des Mutterhauses umrahmte der Instrumentalkreis von Schwester Helga.

 


 

 

Osnabrücker Zeitung / 28.01.2017 /  von Johannes Giewald
www.noz.de/lokales-dk/

Neujahrsempfang in Wildeshausen

Diakonie ruft zu Toleranz und Verständnis auf

Diakonie-Vorstand Wolfgang Pape (von links), Landrat Carsten Harings, Theologin Cornelia Coenen-Marx, Franz-Josef Franke, Geschäftsführer des Diakonisches Werkes und Hero Mennebäck (Stadt Delmenhorst) hoffen auf eine geeinte Gesellschaft. Foto: Johannes Giewald

Wildeshausen. „Was wir brauchen, ist Respekt und Achtung voreinander“, sagte Landrat Carsten Harings beim Neujahrsempfang des Diakonischen Werkes Delmenhorst/Oldenburg-Land am Freitag in Wildeshausen. Vertreter aus Politik, Verwaltung und Diakonie appellierten an die Gesellschaft, im Jahr 2017 enger zusammenzurücken.

Sorgenvoll blickten die Redner vor 150 Gästen in der Alexanderkirche sowohl zurück auf die Ereignisse von 2016 als auch auf das, was die Menschen 2017 beschäftigen wird. „Ich hoffe nicht, dass sich der Geist von Fake News und alternativen Fakten breit macht“, sagte Franz-Josef Franke, Geschäftsführer des Diakonischen Werkes, „ich hoffe, dass sich der Geist von Ermutigung, Toleranz und Verständnis breitmacht“.

Pflegebedürftige, Wohnungslose, sozial Schwache und Flüchtlinge brauchen die Hilfe der Gesellschaft. Menschen bedürfen bei dramatischen Ereignissen den Trost anderer. Dass es so viele Freiwillige gibt, die sich in ihrer Freizeit für andere Menschen aufopfern, gerate zu oft in Vergessenheit. „Wie tröstlich ist es, dass es in den Situationen Menschen gibt, die für einen da sind“, sagte Franke.

„Können nur gemeinsam in der Welt leben“

Terror, Staaten, die sich in Europa verändern, die Ideen Donald Trumps und ein Europa, das ein fragwürdiges Bild abgebe: Landrat Harings prangerte die Selbstbezogenheit von Menschen und Staaten an und bezeichnete sie als „Grundlage für Gewalt“. Jeder scheine sich selbst der Nächste zu sein. „Wir brauchen die Erkenntnis, dass wir nur gemeinsam in dieser Welt und nur gemeinsam mit dieser Welt leben können“, sagte Harings. Diese Erkenntnis sei die Grundlage für ein friedvolles Jahr 2017.

Die Menschen, die in den verschiedenen Zweigen der Diakonie arbeiten, würden das jeden Tag vorleben, sagte Hero Mennebäck als Vertreter der Stadt Delmenhorst. Er betonte, dass auch in diesem Jahr die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen zu den Hauptaufgaben der Gesellschaft gehören. „Je mehr Willkommenskultur gelebt wird, desto mehr profitiert die Gesellschaft und es entsteht ein Wir-Gefühl“, sagte Mennebäck. Die Diakonie sei bei dieser Aufgabe ein „kompetenter Sozialpartner“.

Handeln im Sinne der Jahreslosung

Kreisdiakoniepfarrer Dietrich Jaedicke legte den Zuhörern die Jahreslosung ans Herz, die da lautet „Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.““Durch das Engagement können wir Menschen sehr viel Gutes schenken, vor allem wenn wir uns selbst als Beschenkte begreifen“, fügte er hinzu.

Den Reden bei dem Empfang folgte ein Vortrag der Theologin Cornelia Coenen-Marx zum Thema „Gerechtigung und Beteiligung – Impulse der Reformation für unseren Sozialstaat“. Musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung vom Otto Groote Ensemble.


 

Hofgeismar / Kassel / Hannover, 15. September 2016

„Der Tod ist auch eine kulturell definierte Größe“

Tagung will öffentlichen Diskurs über den Zusammenhang von Hirntod und Organspende anstoßen

Sind für hirntot erklärte Menschen Tote oder Sterbende? Dieser Frage ging gestern auf einem gemeinsamen Studientag der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, der Evangelischen Frauen in Deutschland e.V. (EFiD) und der Evangelischen Akademie Hofgeismar ein Fachpublikum aus Theologie, Medizin und Recht nach.

„Der Tod, so merkwürdig es auf den ersten Blick klingt, ist nicht nur ein biologisches Widerfahrnis, sondern auch eine kulturell definierte Größe“, eröffnete Prof. Dr. Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, die Tagung. Die Möglichkeiten der modernen Medizin, so Hein, hätten dies bei der Fragestellung der Organspende in den Blickpunkt gerückt: „Sind Hirntote Tote oder Sterbende und wann können Organe entnommen werden?“ Wie schwierig diese Frage sei, zeige sich zum Beispiel daran, dass auch der Deutschen Ethikrat keine abschließende Position bezogen, sondern zwei unterschiedliche Voten formuliert habe. Dieser Dissens zeige, so Hein, der selbst Mitglied des Rates ist, dass der öffentliche Diskurs zu diesem Thema weiterhin geführt werden müsse.

Die Position der Evangelischen Frauen in Deutschland machte deren Vorsitzende Susanne Kahl-Passoth deutlich. „Wir sind der Meinung, dass hirntote Menschen Sterbende sind.“ Es gehe hierbei um Fragen, die keinesfalls nur medizinisch beantwortet werden könnten. Diese bedürften mindestens ebenso sorgfältiger ethischer und rechtlicher Überlegungen und Abwägungen, so die Theologin. „Wir müssen und wollen unsere besondere Kompetenz für Fragen der menschlichen Würde von Anfang bis Ende des Lebens in diesen Diskurs einbringen“, stellte Kahl-Passoth klar.

Oberkirchenrätin i.R. Cornelia Coenen-Marx, die bis 2015 das Referat für Gesellschafts- und Sozialpolitik der EKD leitete, stellte die von René Descartes eingebrachte Trennung von Geist und Körper in Frage: „Biblisch gibt es diese scharfe Trennung nicht.“ Dies habe klare Konsequenzen, da es somit keine Verfügbarkeit über den Körper gebe und eine seelsorgerliche Begleitung gewährleistet sein müsse. Angehörige seien oftmals sehr kurzfristig mitbetroffen und trotzdem zwingend in den Prozess der Organentnahme einzubinden.

Der Jurist Prof. Dr. Wolfram Höfling, ebenfalls Mitglied im deutschen Ethikrat, wertete gemeinsam mit Bischof Hein das Hirntodkriterium „als notwendiges aber nicht hinreichendes Todeskriterium“. Da man bei hirntoten Patienten nicht von Leichen sprechen könne, müsse sich auch von der sogenannten „dead-donor-rule“ verabschiedet werden, die eine Organentnahme nur bei Toten erlaubt. Wichtiger sei eine wirklich gute Informationskultur zu dem Thema und eine freiwillige Vorabeinwilligung in die Explantation. 

Direktor Karl Waldeck von der Evangelischen Akademie Hofgeismar wertete die heutige Veranstaltung als Indiz dafür, dass bei weitem noch nicht alle Fragen zu den Themen Tod, Hirntod und Organspende geklärt seien. Eine einschlägige Statistik vom Juni diesen Jahres zeige, dass zwar 81 % der Befragten der Organspende eher positiv gegenüberständen, aber nur 32 % einen Organspendeausweis besäßen. Waldeck warnte davor, als alleinige Ursache für diese augenscheinliche Diskrepanz eine mangelnde Öffentlichkeitsarbeit anzusehen.

 


Einladung zum Pressegespräch:

Mittwoch, 14. September, 11.45 bis 12.15 Uhr, im Haus der Kirche, Kassel

Tagung der Evangelischen Akademie Hofgeismar zur Organspende

11.45 Uhr bis 12.15 Uhr im Raum 104

Ihre Gesprächspartner sind:

  • Bischof Prof. Dr. Martin Hein, Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck
  • Cornelia Coenen-Marx, Oberkirchenrätin a.D.
  • Direktor Pfarrer Karl Waldeck, Evangelische Akademie Hofgeismar

Weitere Informationen hier

erschienen: Zeitschrift „Anstöße“ der Evangelischen Akademie Hofgeismar

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erschienen: http://www.zdk.de

Ehrenamt als Teilhabeschlüssel

Der neue Freiwilligensurvey

Als im Frühjahr dieses Jahres der neue Freiwilligensurvey (FWS) erschien, war das Datenmaterial zum Teil überholt – jedenfalls was das TOP-Thema des Jahres 2015 angeht, das freiwillige Engagement von und für Migranten. Denn das Material dieses 4. Surveys wurde zwischen April und November 2014 erhoben; immerhin aber zum ersten Mal auch in fremdsprachigen Interviews in englischer, türkischer, arabischer, polnischer und russischer Sprache. 17,4 Prozent der Befragten in den im Schnitt halbstündigen telefonischen Interviews hatten Migrationshintergrund und immerhin 31,6 Prozent der Bürgerinnen und Bürger mit Migrationshintergrund sind freiwillig engagiert – nach dem Sport ganz besonders in Schulen und Kindergärten. Allerdings nehmen sie seltener als Menschen ohne Migrationshintergrund Leitungsaufgaben wahr. Nach der starken Zuwanderung im letzten Jahr liegt hier eine große Integrationsaufgabe auch für kirchliche Bildungseinrichtungen: Ehrenamt ist wie Erwerbsarbeit ein Schlüssel zu Integration und Teilhabe.

Der Freiwilligensurvey bildet nicht so sehr aktuelle Prozesse ab; er analysiert die langfristigen Veränderungen der ehrenamtlichen Arbeit – sowohl im Blick auf die individuellen Ressourcen, Geschlecht, Alter, Bildungs- und Erwerbsstatus als auch hinsichtlich der regionalen und kulturellen Rahmenbedingungen. Die Kontinuität der Fragestellungen in den vier Wellen des Surveys ermöglicht einen differenzierten Blick auf diese Themen im Zeitvergleich – und damit auf den gesellschaftlichen Wandel, der sich im Ehrenamt zeigt und auch für die Kirchen von großer Bedeutung ist. Eins der wichtigsten Ergebnisse: 31 Millionen engagieren sich; das ehrenamtliche Engagement in Deutschland ist konstant stabil, selbst wenn über die erhobene Prozentzahl im Detail gestritten wird.

Sorgenetze und Leitungsaufgaben

Zum ersten Mal wurde die informelle, außerfamiliale Unterstützung in Freundschaft und Nachbarschaft abgefragt, soweit sie eben unentgeltlich und außerhalb beruflicher Tätigkeiten erfolgt. Es geht also nicht um gering bezahlte „Jobs“ in der Pflege – auch wenn der Übergang manchmal unscharf und der gesellschaftliche Druck gerade hier immens ist. Gleichwohl wird deutlich: solche wechselseitigen Unterstützungsleistungen verbessern die Lebensqualität aller Beteiligten. Immerhin 26,2 Prozent geben an, dass sie nachbarschaftliche Hilfe bei Einkäufen, Handwerksdiensten bis Kinderbetreuung erbringen –  und es sind, bis auf die Unterstützung Pflegebedürftiger, mehr Männer als Frauen und eher Jüngere als Ältere. Die vielen Modelle von Quartiersarbeit und Sorgenetzwerken und Diakonie und Caritas zeigen: die gleichwohl nötigen Hintergrundstrukturen zu stärken und Vernetzungsangebote zu schaffen, ist eine wichtige Zukunftsaufgabe der Kirchen. Das gilt besonders im ländlichen Raum, wo die Vereine mit ihrem Ehrenamt nach wie vor der zentrale Faktor für sozialen Zusammenhalt sind.

Angesichts der Pluralisierung und Unüberschaubarkeit gesellschaftlicher Prozesse gewinnen die persönlich unterstützenden und beratenden Hilfeleistungen auch gegenüber der eher praktischen Arbeit an Gewicht – ebenso die administrativen Tätigkeiten von der Mittelbeschaffung bis zur Öffentlichkeitsarbeit. Was aber, wenn sich nicht mehr hinreichend Vorstandsmitglieder in einem Verein oder einer Initiative finden? Der FWS zeigt deutlich, dass die Beteiligung an Leitungsfunktionen von 38,2 Prozent 1999 auf 27,5 Prozent 2014 zurückgegangen ist – möglicherweise die Folge einer sinkenden Bereitschaft, organisationelle Verpflichtungen zu übernehmen. Dabei spielen allerdings auch die beruflichen Mobilitäts- und Flexibilitätserwartungen eine Rolle. Bei den Fusionen von Organisationen und Verbänden wachsen gleichzeitig die Anforderungen an Leitung – und auch die vielen kleinen Initiativen könnten nicht funktionieren ohne ein erhebliches Maß an Professionalisierung von Fundraising bis zur Interessenvertretung. Auf diesen Zusammenhang von Organisationsentwicklung und Ehrenamtsentwicklung zu achten – und übrigens auch Engagementforschung und Organisationsforschung neu aufeinander zu beziehen – ist eine weitere Herausforderung für Kirchen, Diakonie und Caritas. Noch immer ist die traditionelle Geschlechterhierarchie spürbar: 21,7 Prozent der Frauen und 33 Prozent der Männer übernehmen Leitungsfunktionen. Wie schon in den vorangegangenen Erhebungswellen zeigt sich aber: der Geschlechterunterschied spielt bei den 30-bis 39-Jährigen (21,4 zu 30,9 Prozent) schon eine weit geringere Rolle als bei den über 65-Jährigen (19,4 zu 38,8 Prozent). Schwerer scheint zukünftig der Einfluss sozialer Ungleichheiten wie Gesundheit und Bildung zu wiegen. Auch hier sind die Kirchen und ihre Verbände gefragt: gerade in Leitungsfunktionen sind Ehrenamtliche auf Fortbildung, Austausch und Informationen, aber zunehmend auch auf organisationelle Entlastung angewiesen.

Beruf, Familie, Ehrenamt

Dem Paradigmenwechsel zum „neuen Ehrenamt“ zum Trotz liegt die durchschnittliche Dauer des Engagements noch immer bei 10,2 Jahren – bei Männern sind es sogar 11,2, bei Frauen nur 9,1 Jahre. Hier schlägt bereits der Bildungsunterschied deutlich zu Buche: während niedriger Gebildete 15,4 Jahre lang „dabeibleiben“, beenden höher Gebildete ihr Engagement im Schnitt nach 9,1 Jahren. Dabei engagiert sich immerhin ein knappes Drittel täglich oder jedenfalls mehrfach in der Woche ehrenamtlich und immer noch jeder zweite mehrmals im Monat. Über die Jahre zeigt sich allerdings: während die Vielfalt der ehrenamtlichen Tätigkeiten zunimmt, nimmt der Stundenumfang seit 2004 kontinuierlich ab. Einer der wichtigsten aufgabenbezogenen Gründe, ein Ehrenamt zu beenden, liegt denn auch in einem zu hohen zeitlichen Aufwand. Dabei spielt bei fast jedem Zweiten die berufliche Situation eine Rolle – und mit 47,6 Prozent zeigt sich hier eine starke Steigerung von einem Drittel auf die Hälfte der Befragten. Bei einem knappen Drittel – 28,1 Prozent, nach wie vor zumeist bei Frauen – geht es um die Vereinbarkeit mit der Familie. Angesichts der zunehmend selbstverständlichen Frauenerwerbstätigkeit wird das Thema Vereinbarkeit von Beruf, Engagement und Familie, das zwischen 2009 und 2015 immer wieder Thema bei den ökumenischen Ehrenamtskongressen war, auch für die Kirchen wichtiger. Seit dem letzten Survey hat sich die Zahl derer verdreifacht, die angeben, dass ihre ehrenamtliche Tätigkeit von Anfang befristet war; hier zeigt sich tatsächlich der Vormarsch des neuen, projektorientierten Ehrenamts. Es lohnt sich, diese Entwicklungen mit denen auf dem Arbeitsmarkt zu vergleichen: hier wie da nehmen Aufgabenvielfalt und Arbeitsintensität zu, Elektronik und Rationalisierung werden immer wichtiger. Und wie auf dem Arbeitsmarkt gibt es auch im Ehrenamt einen noch wenig beachteten Trend zu kleinen Start-Ups: immerhin 10 Prozent der Ehrenamtlichen sind nicht durch Einrichtungen oder Vereine „organisiert“ – sie vernetzen sich spontan über soziale Netzwerke und fordern damit gerade die Verbände heraus.

Nach wie vor geht es im Ehrenamt aber um andere Werte als in der Erwerbstätigkeit. Hier zählen Wohlbefinden und Gemeinwohlorientierung: „Spaß haben“ (93,9 Prozent), Menschen helfen (81,9 Prozent) und Gesellschaft verändern (91 Prozent) stehen im Vordergrund. Der Wunsch, Qualifikation und Einfluss zu gewinnen (51,5 bzw. 31,5 Prozent), treten deutlich dahinter zurück. Wie weit sich allerdings die Motive bei Leitenden und anderen Ehrenamtlichen unterscheiden, ist noch zu wenig erforscht. Keinen Zweifel gibt es, wie Menschen für ein Ehrenamt gewonnen werden: neben den Netzwerken spielen Personen mit hoher Akzeptanz und Vertrauen vor Ort eine entscheidende Rolle. Solche haupt- wie ehrenamtlichen „Schlüsselpersonen“ weiter zu qualifizieren, haben sich die Kirchen mit Programmen für Ehrenamtsmanagement und Ehrenamtskoordinatoren vorgenommen. Das gilt es in den nächsten Jahren mit Zeit- und Mitteleinsatz fortzuführen. Politisch aber sollten die Kirchen sich einsetzen für eine bessere Verknüpfung der Erhebungen (nicht nur) im Freiwilligen- und Alterssurvey. Die Diskussion über Unstimmigkeiten in diesem Zusammenhang hat den Blick auf wichtige gesellschaftliche Entwicklungen im Ehrenamt geschwächt.


erschienen: futur2: www.futur2.org

 

Stabilitätsfaktor mit prophetischer Erinnerung

Der Beitrag der Kirche zu Teilhabe und Gerechtigkeit

Unsere Gesellschaft differenziert sich weiter aus, sie wird bunter, aber sie spaltet sich auch – ökonomisch, sozial und kulturell. Die Bedeutung von Erwerbsarbeit steigt – zugleich aber nehmen die wirtschaftlichen und sozialen Ungleichgewichte zu. Das wird sichtbar bei der Einkommens- und Vermögensentwicklung und geht weiter mit der Verteilungsgerechtigkeit: Eltern kleiner Kinder, Frauen und Männer, die Angehörige pflegen, chronisch Kranke oder Menschen mit Behinderung arbeiten oft nur in Teilzeit oder in prekären Beschäftigungsverhältnissen und müssen am Ende von geringen Renten leben.


Teilhabe und Erwerbsarbeit

Dass Teilhabe in unserer Gesellschaft wesentlich an Erwerbsarbeit oder eben zunächst einmal an Schule und Bildung gekoppelt ist, ist nicht unproblematisch. Für Arbeitslose, Rentner, Familienfrauen kann das bedeuten, sozial ins Aus zu geraten – obwohl sich gerade unter den jungen Alten und sozial engagierten Frauen viele finden, die sich für gesellschaftlichen Zusammenhalt engagieren können. Die Bedeutung der aktiven Teilhabe im bürgerschaftlichen Engagement wird in jüngsten Zeit politisch hervorgehoben; übersehen wird dabei leicht, dass man sich auch ein Ehrenamt leisten können muss. Sozial Engagierte, das zeigen alle Studien, sind in der Regel gut situiert, gut gebildet und gut vernetzt – während die, die gesellschaftlich benachteiligt sind und keinen Zugang zum Arbeitsmarkt finden, auch keine Möglichkeit sehen, sich ehrenamtlich zu engagieren. Das liegt an ihrer ökonomischen Situation, aber auch daran, dass man Kontakte braucht, um Zugang zum Engagement zu finden – in einem Verein, beim Sport oder auch in einer Kirchengemeinde. Auch hier gilt das „Matthäusprinzip“: Wer hat, dem wird gegeben. Inzwischen entwickelt sich ein neuer Graubereich zwischen Erwerbsarbeit und Ehrenamt – 450-Euro-Jobs, Bundesfreiwilligendienst, Bürgerarbeit, Übungsleiterpauschale – auf den nicht zu Unrecht kritisch gesehen wird. Denn die Gefahr, dass diese kleinen „Jobs“ an die Stelle beruflicher Beschäftigung treten, ist nicht von der Hand zu weisen. Gleichwohl bieten sie Benachteiligten derzeit eine Möglichkeit, über das Engagement in eine Gemeinschaft und damit zur Teilhabe zu finden.

»Die Bedeutung von Erwerbsarbeit steigt – zu‐ gleich aber nehmen die wirtschaftlichen und sozialen Ungleichgewichte zu.«

Hartz-IV-Empfängern, Jugendlichen ohne Abschluss, Älteren mit geringen Renten ist eins gemeinsam: sie haben das Gefühl, dass es auf sie nicht ankommt, dass sie „abgehängt“ sind. Ähnlich geht es denen, die sich im eigenen Land nicht mehr zu Hause fühlen, weil sie die gesellschaftlichen Veränderungsprozesse nicht nachvollziehen können – selbst, wenn sie sich ökonomisch nicht unmittelbar sorgen müssen. Und wie sieht es mit denen aus, die aus hoffnungslosen Kriegs- und Armutssituationen im Nahen Osten oder in Nordafrika zu uns geflohen sind? Können sie mittelfristig auf Bildung, Arbeit und Teilhabechancen hoffen? Finden sie offene Türen in der Nachbarschaft , geben Vereine oder Gemeinden ihnen das Gefühl, gebraucht zu werden? Die „Abgehängten“ zur Teilhabe zu ermutigen, ist entscheidend; wenn die gesellschaftliche Entwicklung vor allem den Interessen der Mittelschicht oder gar der privilegierten und informierten Elite folgt, wird sich die Spaltung verfestigen. Dabei haben die Kirchen eine wichtige Mittlerfunktion – schließlich sind sie noch immer in allen Schichten und verschiedenen Milieus verankert, auch wenn sie in den Augen vieler Betroffener zu „denen da oben“ zählen.

 

Die Kirchen haben eine Mittlerfunktion

Aber gerade darum können Kirchen auch dazu beitragen, die notwendigen Prozesse der gesellschaftlichen Integration, besser noch der Inklusion mit zu gestalten: Wir müssen lernen, Vielfalt zu akzeptieren, nicht nur zu tolerieren. Gleich ob es um die soziale, ethnische oder nationale Herkunft geht, um verschiedene Bildungskarrieren oder Lebenslagen – wir müssen Schwellenängste abbauen und Gleichgültigkeit überwinden, respektvoll miteinander umgehen. Es geht darum, miteinander zu wohnen, zu arbeiten, Sport zu treiben – und auch Gottesdienst zu feiern, statt Parallelstrukturen zu entwickeln. Denn nicht nur die Integration in die Erwerbsarbeit ist ja eine entscheidende Frage, auch die Segregation der Wohnquartiere erschwert das Zusammenleben. Und selbstverständlich sind auch Kirchengemeinden von der zunehmenden Spaltung betroffen: Kulturkirchen mit zahlreichen interessanten Events stehen Gemeinden gegenüber, die kaum noch Mittel für hauptberufliche Arbeit haben, zugleich aber in Wohnquartieren leben, in denen besonders viele Menschen auf Hilfe angewiesen sind. Dass es hier einen Ausgleich braucht, eine bessere Zusammenarbeit auch von Kirche, Diakonie und Caritas mit anderen Trägern und Initiativen, scheint selbstverständlich. Das ökumenische Projekt „Kirche findet Stadt“, das genau solche Modelle fördert, zeigt allerdings, wie mühsam dieser Weg ist.

»Selbstverständlich sind auch Kirchengemeinden von der zunehmenden Spaltung betroffen.«

Dabei gehören die Bilder und Geschichten vom Miteinander der Verschiedenen, von grenzüberschreitender Barmherzigkeit, wechselseitiger Sorge und geschwisterlicher Teilhabe zu den grundlegenden und modellhaften Erzählungen des Neuen Testaments. Die erste Gemeinde in Jerusalem teilt ihre Güter und hält täglich Tischgemeinschaft – mit Männern und Frauen, Juden und Griechen, Einheimischen und Zugereisten. Denn „sie sind alle eins in Christus“. Trotzdem ist es bei uns keinesfalls selbstverständlich, dass einheimische und Migrantengemeinden zusammen Gottesdienst feiern oder dass Menschen mit Behinderung in einem Kirchenvorstand sitzen – und auch wer zurückschaut, wird sich eingestehen müssen, dass zur Kirchengeschichte immer neue

Exklusions- und Abgrenzungsmechanismen gehören. Und dass das schon in der „Urgemeinde“ anfängt – mit den griechischen Witwen, die am gemeinsamen Tisch in Jerusalem zu kurz kommen und zunächst keine Lobby haben. Auch die große und ermutigende Geschichte von Diakonie und Caritas im 19. Jahrhundert ist janusköpfig: einerseits innovativ, was die Wertschätzung von Menschen mit Behinderung, Pflegebedürftigen oder überforderten Familien angeht, andererseits aber exkludierend mit Anstaltsgründungen, in denen sich „Sonderwelten“ entwickelten – Parallelgesellschaften, um den heutigen Sprachgebrauch aufzugreifen.

Dezentralisierung sozialer Fürsorge

Heute geht es darum, die Bewegung umzukehren und die sozialen Dienstleistungen zurück zu bringen in die Nachbarschaften und Quartiere, in die Regelschulen und Firmen, Begegnungsplattformen zur Verfügung zu stellen – ohne allerdings das Fachwissen zu verlieren und die Qualität der professionellen Arbeit zu senken. Diese Prozesse sind ohne zivilgesellschaftliche Initiativen und gut genknüpfte Netzwerke zwischen den unterschiedlichen Organisationen kaum möglich – zugleich aber sind die „Sorgenden Gemeinschaften“ der Bürgerinnen und Bürger auf professionelle Koordination und auf öffentliche Räume der Begegnung angewiesen. In der Flüchtlingsarbeit wird das zurzeit besonders deutlich. Hier können die Kirchen mit ihren Gemeindezentren, ihren beruflich Mitarbeitenden und der Vernetzung im Quartier einen wesentlichen Beitrag leisten, um die meist nur kurzfristig finanzierten Projekte zu stabilisieren.

»Die Bilder und Geschichten vom Miteinander der Verschiedenen, von grenzüberschreitender Barmherzigkeit, wechselseitiger Sorge und geschwisterlicher Teilhabe zu den grundlegenden und modellhaften Erzählungen des Neuen Testaments.«

Mit ihrer Nähe zu den Menschen im Wohnquartier – auch und gerade zu Älteren, Familien, Kranken – lebt Kirche in einem anderen „Zeitregime“ als Unternehmen und Dienstleister – besser gesagt: Kirchengemeinden leben in einem anderen Zeitrhythmus auch als ihre diakonischen oder caritativen Unternehmen, die von der Refinanzierung aus Sozialkassen oder Kommunen abhängen. Klar ist: die Sorge für andere – Care-Arbeit also – braucht einen langen Atem genauso wie gesellschaftliche und politische Teilhabeprozesse. In unserer auf Effektivität und Effizienz ausgerichteten Arbeit wird es zunehmend schwieriger, die dafür notwendige Zeit zur Verfügung zu stellen. Das gilt leider auch für die Kirche selbst. Während die Strategie- und Reformprozesse professioneller werden, die Angebote besser auf den Markt abgestimmt, nehmen o die Mitbestimmungsmöglichkeiten von Engagierten bei der Entwicklung von Gemeindeprofilen, bei Kirchenumbauten oder bei der Bildung von pastoralen Großräumen ab. Ob es gelingt, die Spannung zwischen Strategie und Teilhabe zu halten, wird eine entscheidende Zukunftsfrage sein.

Die Rolle der Kirchen in der Gesellschaft

Christinnen und Christen sind stark darin, immer wieder neue, heterope und unangepasste Modelle des Miteinanders zu entwickeln: in den Arche-Gemeinschaften, in Hospizen, im Sharehouse, in einer Flüchtlingskirche. In allen diesen Projekten geht es um die Überschreitung traditioneller Grenzen und die Teilhabe Exkludierter. Sie machen die Idee der ersten Jerusalemer Gemeinde in aller Frische sichtbar – wie eben aus der Taufe gehoben. Aber auch in der täglichen Arbeit mit Familien, Migranten, Demenzkranken im Quartier kann deutlich werden: dass Menschen sich wieder aufrichten können und ihren Platz finden, hat mit dem Glutkern der Spiritualität zu tun. Und was für das Christentum zentral ist, findet Entsprechungen zum Beispiel auch im Islam. Kirchen sind Träger des religiösen Gedächtnisses wie der interreligiösen Kompetenz und stehen für die Verankerung sozialer Grundwerte im Narrativ unseres Landes – sie sind ein Stabilitätsfaktor mit einer prophetischen Erinnerung, Veränderungskraft und Mittler zugleich. Denn die grundlegenden Vorstellungen von Gerechtigkeit und Teilhabe in unserer Kultur sind auf christlich-jüdischen Hintergrund entstanden.

»Christinnen und Christen sind stark darin, immer wieder neue, heterope und unangepasste Modelle des Miteinanders zu entwickeln.«

Diese Rolle der Kirche überlappt sich zum Teil mit der anderer gesellschaftlicher Funktionsbereichen – mit Erziehung, Bildung und Rechtssystem mit Wohlfahrtsorganisationen und politischen Parteien. Es ist gut, dass in allen diesen Systemen bewusste Christinnen und Christen arbeiten. Vielleicht kommt es deshalb auf Dauer nicht darauf an, dass die Kirchen das gesamtgesellschaftliche System mit all ihren Organisationsformen und Vereinen abbilden und zum Teil doppeln – vielleicht muss es also keinen kirchlichen Wohnungsbaufirmen oder Gewerkschaften geben, vielleicht auf Dauer nicht einmal kirchliche Kliniken. Wesentlich ist, dass Christinnen und Christen in diesen Arbeitsfeldern ermutigt werden, an ihrer Motivation festzuhalten und sich zu engagieren. Dass Kirche also die Vielfalt und die Kompetenzen ihrer aktiven Mitglieder anerkennt und würdigt.

Ein wesentlicher Au rag auch für die Zukunft ist deshalb aus meiner Sicht die Begleitung und Ermutigung zivilgesellschaftlicher Initiativen, die Bereitstellung von Begegnungsorten im öffentlichen Raum, die Vernetzung mit anderen Organisationen und Experten, die Beratung und Begleitung von Einzelnen und Gruppen und die Bereitschaft , Stimme der Exkludierten zu sein. Kirche muss sich als profilierter Teil der Zivilgesellschaft begreifen. Nichts kann uns daran hindern – es sei denn die Wagenburgmentalität und Milieuverengung – wie sie o mit Umbrüchen einhergehen. Vielleicht ist es gut, wenn wir das kennen und reflektieren – denn gerade darum geht es ja: Menschen in Umbrüchen zum Aufbruch zu ermutigen.


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„Stabilitätsfaktor mit prophetischer Erinnerung“

Der Beitrag der Kirche zu Teilhabe und Gerechtigkeit

Unsere Gesellschaft differenziert sich weiter aus, sie wird bunter, aber sie spaltet sich auch – ökonomisch, sozial und kulturell. Die Bedeutung von Erwerbsarbeit steigt – zugleich aber nehmen die wirtschaftlichen und sozialen Ungleichgewichte zu. Das wird sichtbar bei der Einkommens- und Vermögensentwicklung und geht weiter mit der Verteilungsgerechtigkeit: Eltern kleiner Kinder, Frauen und Männer, die Angehörige pflegen, chronisch Kranke oder Menschen mit Behinderung arbeiten oft nur in Teilzeit oder in prekären Beschäftigungsverhältnissen und müssen am Ende von geringen Renten leben …

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eaA-in-Frankfurt,-Bericht

 

 

„Engagement bedeutet Teilhabe“

Ehrenamtsakademie der Evangelischen Kirche in Frankfurt eröffnet

eaA in Frankfurt, Bericht als PDF

 


160319-buchmesse
Foto:© Klaus Ulrich Ruof, EmK-Öffentlichkeitsarbeit

Samstag, 19. März 2016
Erschienen unter: www.emk.de

 

»Der Mann kann sich verständlich machen«

Bei der Podiumsdiskussion zur Neuausgabe von Wesleys Lehrpredigten waren sich die Teilnehmer einig: die Themen von Wesleys Predigten sind hochaktuell.

Im Rahmen einer Podiumsdiskussion bei der Leipziger Buchmesse am gestrigen Freitag, wurde die Neuausgabe der Lehrpredigten John Wesleys erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Dazu brachte Friederike Ursprung, Redakteurin bei der Sächsischen Landesanstalt für privaten Rundfunk, den Übersetzer und Herausgeber Manfred Marquardt ins Gespräch mit drei Personen, die Auszüge aus dem im April erscheinenden Werk vorab lesen konnten.

Christoph Barnbrock, Professor für Praktische Theologie an der Lutherischen Theologischen Hochschule der SELK in Oberursel, fand Wesleys Predigten »durchaus anstößig, aber konkret«. Wesley komme auf den Punkt. »Wer‘s liest, weiß, er ist gemeint«, war sein Fazit aus der Lektüre. Als lutherischer Theologe riet er »die Goldkörner zu entdecken und für den eigenen Glauben mitzunehmen«.

»John Wesley hat keine Berührungsängste mit der Welt, aber er hat klare Kriterien zum Umgang mit weltlichen Dingen«, war der erste Kommentar von Cornelia Coenen-Marx zu Wesleys Predigten. Der ehemaligen Sozialreferentin der EKD und Geschäftsführerin der »Kammer für soziale Ordnung« der EKD waren besonders die Stellen ins Auge gesprungen, in denen Wesley die biblische Botschaft auch mit gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Konsequenzen konkretisiert. Bei Wesleys Predigt zum Umgang mit Geld habe sie besonders »die Sachlichkeit der Thesen und die Einfachheit der Kriterien zur Konkretion« beeindruckt. Diese Themen könnten heute durchaus »gepostet und ins Netz gestellt werden, das würde zur Diskussion anregen«.

Für den Kirchgengeschichtler Klaus Fitschen gehört die Wirkungszeit Wesleys gar nicht zum Schwerpunkt seines Lehrauftrags an der Universität Leipzig. Trotzdem war der Professor für Neuere und Neueste Kirchengeschichte geradezu von Wesleys Predigtstil beeindruckt. »Der Mann kann sich verständlich machen, was man heute nicht immer von Predigten sagen kann.« Und als lutherischer Theologe kommentierte er anerkennend: »Wesley gibt aber auch klar Rechenschaft über seine Kriterien.« Endlich gebe es diese Predigten »in einer schönen Aufmachung«.

Manfred Marquardt, vor seinem Eintritt in den Ruhestand Professor für Dogmatik und Ethik am Theologischen Seminar der Evangelisch-methodistischen Kirche (heute Theologische Hochschule Reutlingen) und langjähriger Rektor dieser Einrichtung, verschrieb sich als profunder Wesleykenner der Neuausgabe der Lehrpredigten John Wesleys. Marquardts Wunsch ist nun, »dass die Menschen in unseren Gemeinden Wesley als Gesprächspartner verstehen«. Das habe Wesley selbst so gewollt. »Seine Predigten waren und sind eine Einladung zum Gespräch und zum Vergleichen.« Deshalb sollten sich besonders Hauskreise und Bibelgesprächsgruppen mit den Lehrpredigten beschäftigen. »Es lohnt sich, die Predigten zu lesen«, sagt Marquardt, der nach über sechsjähriger Arbeit mit dem Druck des 800-seitigen Werkes seine umfangreichste Ruhesandsaufgabe abschließt.

Klaus Ulrich Ruof

 

John Wesley. Lehrpredigten, herausgegeben und neu übersetzt von Manfred Marqardt, 816 Seiten ISBN 978-3-8469-0248-6, Preis steht noch nicht fest, Verlag Edition Ruprecht
Die Lehrpredigten John Wesleys waren ab 1975 auf Beschluss des Rates der Zentralkonferenzen in Europa in einem 9-bändigen Sammelwerk erschienen. Dazu war eine Autorengruppe aus den beiden Zentralkonferenzen Ost- und Westdeutschland und der Schweiz gebildet worden. Deren Ergebnisse wurden unter der Endredaktion von Gotthard Falk, Robert Gebhart, Hartmut Handt, Karsten Mohr und Helmut Robbe sukzessive veröffentlicht. Nachdem die letzten Exemplare dieser Ausgabe seit 2007 vergriffen waren, stellte sich die Frage nach einer Neuausgabe. Manfred Marquardt nahm sich dieser Aufgabe an, die nach einer ersten Durchsicht mit dem Ziel einer Neuausgabe mit nur wenigen Änderungen zu einer Neubearbeitung und umfangreichen Neuübersetzung führte.

 



Artikel von Dr. Renate Hauser (August 2015) ist erschienen unter:

www.renatehauser.de/news/die_wegbereiterin.html

Cornelia Coenen-Marx (62): Die Wegbereiterin (von Dr. Renate Hauser)

Als Cornelia Coenen-Marx 1979 in Mönchengladbach Gemeindepfarrerin wurde, war sie dort die erste Frau in diesem Amt. „In der patriarchal geprägten Kultur der evangelischen Kirche war so etwas absolut nicht die Regel.“ Eine Frau auf dem Stuhl des Pastors“ titelte die „Rheinische Post“. Damals war die Frau im Pfarrhaus normalerweise die „Pfarrfrau“, gerne auch mit Nachwuchs. Ein Mitglied des für die Besetzung der Pfarrstelle zuständigen Presbyteriums ließ sie nicht in Zweifel darüber, dass eine Seelsorgerin mit Kindern für ihn nicht vorstellbar sei. „Sie können schließlich nicht schwanger an einem Grab stehen!“

Reformfreude als Erfahrung im Elternhaus

Mit Ablehnung und Widerständen gegen neue Entwicklungen hat sich Coenen-Marx von früh an vertraut machen können. Großvater und Vater waren Pfarrer, beide reformfreudig. „So machte sich mein Vater für die Konfirmation ab 18 Jahren stark, da er der Meinung war, ein junger Mensch könne erst in diesem Alter über ein Für oder Wider entscheiden.“ Als Quittung dafür warf ein erbostes Gemeindemitglied einen Stein durch eine Fensterscheibe des Pfarrhauses. Dem Mut der Frau mit den kurzen roten Locken tat dies keinen Abbruch. „Abwarten, bis sich Veränderungen von selbst ergeben: Das liegt mir nicht. Man muss seinen eigenen Weg finden, sich einmischen und auch einmal eine Vorreiterrolle spielen.“

„Ich liebe es, die Wirklichkeit in verschiedenen Dimensionen auszuloten.“

Auf ihrem beruflichen Weg war sie immer wieder mit Veränderungsprozessen konfrontiert – nicht nur in unterschiedlichen Leitungspositionen, sondern auch dann, wenn sie neue Aufgabenbereiche übernahm oder von einer Organisationskultur in eine andere wechselte. So pendelte sie auf der Spur „eines neuen diakonischen und theologischen Selbstverständnisses“ von der Gemeindearbeit in einen Spitzenverband, von dort ins Landeskirchenamt, dann wieder in ein diakonisches Unternehmen und schließlich ins Kirchenamt der Evangelischen Kirche Deutschlands. Das empfand sie eher als abwechslungsreich und anregend, denn als anstrengend. „Ich liebe es, die Wirklichkeit in verschiedenen Dimensionen auszuloten und unterschiedliche Organisationen, Berufe und Denkweisen kennen zu lernen.“

Umbrüche als Chance für Weiterentwicklungen

Trotz aller Schwierigkeiten erachtet sie Umbrüche als Chance für die Weiterentwicklung von Personen und Organisationen. „Beim Formulieren und Umsetzen neuer Ziele, durch das Aufsetzen unkonventioneller Projekte und im Rahmen ungewohnter Kooperationsprozesse können ein neues Selbstverständnis und ein neues Gemeinschaftsmodell entstehen.“ Als sie 1998 an die Spitze der Kaiserswerther Diakonie berufen wurde, erlebte sie dies hautnah. Mit einem Krankenhaus und Altenhilfeeinrichtungen, Jugendhilfe und Sozialpsychiatrie, Schulen für Pflege und Pädagogik, vielen Kultureinrichtungen und insgesamt mehr als 2000 Mitarbeitenden gehörte die Einrichtung schon damals zu den größten diakonischen Sozial- und Gesundheitsunternehmen Deutschlands.

„Macht ist die Voraussetzung für Gestaltung und Veränderung.“

Zum einen wurde sie dort Vorsteherin der Schwesternschaft, wobei die meisten Diakonissen bereits „im Feierabend“ waren. Zum anderen fungierte sie, wiederum als erste Frau, als theologischer Vorstand der gesamten Einrichtung. „Damit wollte die Leitungsebene nicht nur eine Stelle einsparen. Mit einer Frau an der Spitze sollte ein klares Zeichen für einen Neuanfang gesetzt werden“, resümiert Coenen-Marx. Ihre Machtposition machte sie nicht bange. „Für mich ist Macht die Voraussetzung für Gestaltung und Veränderung. Dazu braucht es Einfluss und eine Position, die diesen verstärkt. Wer allerdings nur auf die funktionale Positionierung setzt, kann Veränderungsprozesse kaum nachhaltig bewirken. Es braucht gute Ideen und Konzepte, Überzeugungskraft und die Bereitschaft, als Vorbild zu wirken Im Übrigen ist immer mit „Gegenmacht“ zu rechnen und wichtig zu verstehen, woher diese rührt.“ Und Widerständen mangelte es wahrhaftig nicht.

Da die Zeit des Wohlfahrtsstaates vorbei war, hieß es, ökonomischen Gesichtspunkten weitaus stärker Rechnung zu tragen. So wurde aus der Pfarrerin die Arbeitgeberin, die Entlassungen durchsetzen und sich mit Arbeitsanwälten auseinandersetzen musste. Auch als Immobilienmaklerin war sie gefragt: 400 werkseigene Wohnungen bedurften der Sanierung und konnten danach nicht mehr gewohnt günstig vermietet werden. „Von einigen wurde mein Vorgehen als knallhart empfunden, zumal sie mir am Sonntag in der Kirche als Seelsorgerin und Predigerin begegneten.“ Sogar das traditionsreiche Mutterhaus der Schwesternschaft blieb nicht, wie es war. Dreimal präsentierte Coenen-Marx ihrem Aufsichtsgremium ihr Konzept der Umwandlung in ein besonderes Hotel mit Tagungsmöglichkeiten, das heute gewinnbringend geführt wird. „Hier kam ich mit der Macht von Aufsichtsräten in Berührung, die in einem Unternehmen nun einmal die strategischen Letztentscheider sind.“

Macht und Ohnmacht im Management

Nicht nur die erforderlichen Quartals- und dann Monatsberichte bereiteten der Managerin schlaflose Nächte. Zum Aufruhr kam es, als eine Hebamme aus der Gynäkologie dem Vorstand das Foto eines spät abgetriebenen Kindes zusandte – platziert in einem „Moses Körbchen“, in dem ansonsten verstorbene Frühchen aufgebahrt wurden. „Das warf ethische Fragen auf, die sich nicht mehr unter der Decke halten ließen“, erinnert sich Coenen-Marx. „Ich musste erkennen, dass normative Vorgaben nicht ausreichen, dass es nicht nur um mein Gewissen geht und dass Eltern und Ärzte vor unerträglichen Entscheidungen stehen können.“ Sehr viel Wert legte sie darauf, in die von ihr initiierten Dialoge alle Beteiligten mit einzubeziehen. „Dabei habe ich zum einen gelernt, wie wichtig es auch im Management ist, Gefühle wie Angst und Wut ernst zu nehmen. Zum anderen erfuhr ich – und das war nicht das einzige Mal in meinem Leben – wie nahe Macht und Ohnmacht beieinander liegen können. Wenn Argumente nicht zählen, Visionen die Herzen nicht erreichen und am Ende nur die Positionsmacht entscheidet, fühlt sich jeder, dem eine Sache am Herzen liegt, ohnmächtig. Möglicherweise auch der Mensch am längeren Hebel einer Machtposition.“

Machtvoll durch Authentizität

Neuen beruflichen Herausforderungen stellte sie sich 2004, als sie in das Kirchenamt der EKD in Hannover wechselte. Hier war sie zunächst als Nahostreferentin und Leiterin der Überseeabteilung tätig, um drei Jahre später die Leitung des Referats Sozial- und Gesellschaftspolitik zu übernehmen. Mit ihrer Arbeit an sozialpolitischen Denkschriften und als Herausgeberin der Zeitschrift Chrismon hat Coenen-Marx viele Debatten über die Zukunft der Familien- und Gesundheitspolitik, den demografischen Wandel und die Inklusion in der EKD mit angestoßen. Längst waren ihre Brille mit dem eckigen schwarzen Rahmen und schwungvoll drapierte Schals zu ihren Markenzeichen geworden. Durch ihre öffentlichen Auftritte und ihre Mitwirkung in unterschiedlichen Gremien kam sie mit ungewöhnlichen Persönlichkeiten aus den Medien, der Politik und dem Wissenschaftsbereich in Kontakt. „Je konsequenter ich meinen manchmal eigenwilligen Weg authentisch gegangen bin, desto mehr habe ich Menschen schätzen gelernt, die auf den eigenen Kopf und ihre Freiheit ebenso viel Wert legen wie ich selbst.“

„Bis an die Grenze zu gehen, gehört zu meinem Naturell.“

Ihren Mann, Lehrer für Deutsch und Geschichte, hat sie bereits während ihres Studiums kennen gelernt. 2007 war er dann auch räumlich wieder an ihrer Seite. „Drei Jahre Pendelbeziehung waren genug. SMS-Nachrichten oder Telefongespräche können ein gemeinsames Frühstück und unsere ausführlichen Diskurse über Politik, Gesellschaft und Kirche nicht ersetzen.“ Auf seine Unterstützung konnte sie auch zählen, als sie als Bischöfin nominiert wurde und vergeblich kandidierte. Sie führt das nicht zuletzt auf einen mangelnden Rückhalt in einer „fremden“ Landeskirche zurück. „In kirchlichen Netzwerken läuft vieles informell und familiär ab.“ Gerne bewegt sie sich in Frauennetzwerken, die sie für egalitärer und offener, aber nichtsdestoweniger durchaus für machtvoll hält. Oft entstünden sie im Kontext von Förderprogrammen oder gemeinsamen Projekten. „Ich halte es für wichtig, dass Frauen einander zum Aufstieg ermutigen. Immer noch gibt es nur drei Bischöfinnen und nur wenige weibliche Vorstandsvorsitzende diakonischer Unternehmen. Deshalb kommt es darauf an, auf allen Ebenen von Diakonie und Kirche sowie in der Sozialpolitik mit verschiedensten Initiativen für einen Kulturwechsel einzutreten.“

Sinn als Grundlage für die eigene Macht

Die nunmehr 62jährige hat ihre Stelle als Oberkirchenrätin unlängst aufgegeben, um ihre Erfahrungen nunmehr als Beraterin von Organisationen in Übergangssituationen einzubringen. „Auf diese Weise möchte ich dazu beitragen, die „Seele des Sozialen“, Gemeinschaftssinn, Achtsamkeit, Engagement und Motivation, lebendig zu erhalten – gerade in Anbetracht der wachsenden Wirtschaftlichkeitserwartungen an Medizin, Pflege und Bildung.“ Ihr Credo hat sie deshalb nicht verändert. „Bis an die Grenze zu gehen, gehört zu meinem Naturell. Wenn ich ausgelotet habe, wo das Limit liegt und warum das so ist, versuche ich, ein „Loch im Zaun“ oder einen „Haken in der Mauer“ zu finden. Wo ich Grenzen anerkennen muss, schaue ich nach alternativen Wegen – allerdings nicht auf Kosten meiner Überzeugungen.“ Mit dem Kopf durch Wand geht sie deshalb nicht. „Den Umgang mit Diplomatie kann man in keinem Unternehmen so gut lernen wie in der Kirche.“

„Die Macht des Gebets unterstützt dabei, die eigene Verwundbarkeit wahrzunehmen und anzunehmen.“

Daran, dass sie auch in ihrer selbständigen Tätigkeit Macht habe, zweifelt Coenen-Marx nicht. „Meine Erfahrung, meine breite Fachkompetenz, die mir eigene Überzeugungskraft und das gute und vielfältige Netzwerk, an dem ich teilhabe – alles das mag dazu beitragen, mit meiner Macht weiterhin dienen zu können. Vielleicht ist es aber auch die Fähigkeit, in klare, offene und hoffentlich auch inspirierende Worte zu fassen, was manchmal nur diffus erfahren wird. „Non vi sed verbo“ ist ein altes kirchliches Wort, und vielleicht zählt am Ende wirklich nichts anderes als die bewegende und nachhaltige Macht des Wortes. Oder umgekehrt: Wo diese versagt, nützt alles andere langfristig nichts.“ Nach wie vor hält sie es für wesentlich, dass das eigene Sein und Tun mit Sinn erfüllt ist. „Die stärkste Autorität kommt aus der eigenen Überzeugung!“ Kraft verleiht ihr auch bei ihrem persönlichen Neubeginn „die Macht des Gebets. Diese unterstützt dabei, die eigene Verwundbarkeit wahrzunehmen und anzunehmen, um wieder an Vertrauen, Zuversicht und Freude zu gewinnen.“


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epd-Meldung über den Neujahrsempfang

Oberkirchenrätin Coenen-Marx fordert neue Kultur der Achtsamkeit Neukirchen-Vluyn (epd). Die Oberkirchenrätin Cornelia Coenen-Marx hat einen neuen Gesellschaftsvertrag gefordert. „Wohlfahrt und Lebensqualität werden wir nur erhalten können, wenn wir eine neue Kultur der Achtsamkeit mit einer Kultur der Teilhabe und der Verpflichtung gegenüber zukünftigen Generationen kombinieren“, sagte die Sozialreferentin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am Samstag in Neukirchen-Vluyn auf dem Jahresempfang des Neukirchener Erziehungsvereins. Der Geburtenrückgang sei vor allem die Folge von fehlenden Betreuungseinrichtungen und den nach wie vor unterschiedlichen Einkommen von Männern und Frauen. So zeige die jüngste Studie vom Wissenschaftszentrum Berlin Frauen, die Kinder bekommen haben, fühlen sich beruflich ausrangiert. Die Sozialpolitik stehe vor der Herausforderung, Erwerbsarbeit und Sorgearbeit gerechter zwischen den Geschlechtern zu verteilen und neue Arrangements zwischen Familien, Tageseinrichtungen, Schulen und anderen Dienstleistungen wie Familienzentren zu schaffen, erklärte Coenen-Marx vor rund 100 Gästen aus Politik, Wirtschaft und Kirche. Der Fachkräftemangel in der Pflege zwinge zudem dazu, über eine Vereinbarkeit von Beruf und Pflege nachzudenken. Coenen-Marx: „Wir brauchen auch eine wohnortnahe, integrierte Versorgung pflegebedürftiger Menschen und Kooperation zwischen Pflegefachkräften, Angehörigen und Freiwilligen.“ Auch Menschen am Rande der Gesellschaft wie Langzeitarbeitslose oder Obdachlose dürften trotz des großen finanziellen Drucks, unter dem die Kommunen stünden, nicht aussortiert werden. Dafür müssten die nötigen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Aber es gehe nicht nur um Geld. „Wir brauchen einen neuen Blick auf den öffentlichen Raum und eine neue Wertschätzung von Gemeinschaft und Fürsorglichkeit“, unterstrich die EKD-Sozialreferentin. Dazu könne Kirche wesentliches beitragen. Netzwerke innerhalb der Diakonie mischten sich ein, gestalteten gemeinnützige Programme und änderten so Standards: „Sie setzen Beispiele, erstreiten neue Finanzierungsformen, sie schaffen Innovation.“ Als Beispiele nannte Coenen-Marx die Tafelbewegung, Netzwerker für altengerechte Städte oder die Altenpflegerinnen im betreuten Wohnen einer Gemeinde.

Der Neukirchener Erziehungsverein, der 1845 von Pfarrer Andreas Bräm gegründet wurde, gehört zu den größten deutschen Kinder- und Jugendhilfeträgern. In zehn Bundesländern betreut er mit dem Paul-Gerhardt-Werk junge Menschen in stationären Einrichtungen, in Schulen und mit ambulanten Hilfeangeboten. Der Erziehungsverein ist auch in der Alten- und Behindertenhilfe tätig. www.neukirchener.de