Presse

Rezension: Septemberfrau / Mai. 2017/ Elvira Loeber
www.septemberfrau.de/noch-einmal-ist-alles-offen/

Noch einmal ist alles offen – Das Geschenk des Älterwerdens

Der Untertitel lautet „Das Geschenk des Älterwerdens“ und für Geschenke bin ich immer zu haben. Und dann der Titel „Noch einmal ist alles offen“. Schließe einmal kurz die Augen und lass beide auf dich wirken. Sie klingen derart verheißungsvoll, dass ich das Buch von Cornelia Coenen-Marx sofort nach dessen Erscheinen gekauft habe. Und ich nehme es gleich vorweg, der Inhalt hält, was der Titel verspricht.

Von wegen alt und zu nichts mehr nutze

Frau Coenen-Marx zeigt in ihrem Buch eine Vielzahl von Chancen und Möglichkeiten auf, wie sich das Leben jenseits von Ruhestand gestalten lässt. Sie räumt auf mit dem Vorurteil, dass alte Menschen überflüssig und unsichtbar sind, nicht mehr gebraucht werden oder sogar der nachfolgenden Generation was wegnehmen. Dabei bietet sie keine fertigen Rezepte zum Nachmachen an sondern einen großen Korb mit den verschiedensten Zutaten, aus dem sich Jeder herauspicken kann, was ihm schmeckt. Darin enthalten sind: neue Lebensformen ausloten, sich mit Klimawandel oder Naturzerstörung auseinandersetzen, die losen Fäden zwischen den Generationen verknüpfen, Entscheidungen treffen, was die eigene Vorsorge und vielleicht Pflegebedürftigkeit betrifft, sich in Ehrenämtern engagieren oder als Mentoren tätig werden, um nur einige Beispiele zu nennen.

Nichts müssen – alles können

Besonders gefallen hat mir, dass es die Autorin nicht nur bei theoretischen Ansätzen belässt. Sie schildert auch immer wieder Begebenheiten aus der Praxis oder erzählt aus ihrem eigenen Leben, in dem sie nach einem langen Krankenhausaufenthalt vieles verändert, alte Abläufe losgelassen und neue Strukturen geschaffen hat.

Es ist ein Privileg des Alters, dass wir unsere Träume endlich realisieren können, losgelöst von Druck und Erwartungshaltungen, denn wir müssen damit nicht mehr unseren Lebensunterhalt verdienen, schreibt sie. An anderer Stelle heißt es: „Die Frage, was will ich im Leben noch tun, gewinnt eine ganz neue Dimension und Qualität.“ Der inneren Stimme lauschen, der Sehnsucht nach einem Neuanfang nachgeben und sich auf den Weg machen mit dem Wissen, dass man seinen lebenslang erworbenen Fähigkeiten vertrauen kann, hat etwas Verheißungsvolles. Hilfreich ist dabei, dass es nicht die ferne Zukunft ist, für die wir Alten planen müssen, sondern ein überschaubarer Zeitraum.

Irgendwie wärmen mich diese Sätze von innen. Und da ich mich gerade mitten im dritten Viertel meines Lebens befinde, ist es umso schöner, solche mutmachenden Zeilen zu lesen. Freiheiten zu entdecken, die ich vorher nie registriert habe und nichts müssen, aber alles können sind ebenfalls wunderbare Denkanstöße.

Im Labyrinth der Sozialsysteme

„Noch einmal ist alles offen“ ist ein Buch, welches Wege aufzeigen will, was im Alter alles möglich ist, doch Cornelia Coenen-Marx legt auch den Finger in die Wunde längst überholter Sozialsysteme. Sie fordert,

  • dass Pflege und Fürsorge nicht länger nur Frauensache sein darf mit allen damit verbundenen Nachteilen,
  • dass es nicht länger hinzunehmen ist, wenn Alte aus Kostengründen als geballte Masse in Heimen untergebracht werden,
  • dass ein Umdenken stattfinden muss, was die finanzielle Unterstützung von begleitenden Angehörigen oder Freunden betrifft,
  • dass eine Verzahnung von Schulen, Seniorenzentren und Tageseinrichtungen wünschenswert ist,
  • dass neue Wohnformen geplant und erprobt werden, wo jung und alt zusammen leben und sich gegenseitig unterstützen,
  • dass „sorgende Gemeinschaften“ unerlässlich sind, weil sich die demographische Altersstruktur rapide wandelt,
  • dass in Zeiten kleinerer Renten über eine Vergütung ehrenamtlich tätiger Menschen nachgedacht wird.

Doch sie fordert nicht nur, sondern hat auch Vorschläge und Lösungen parat, wie gelingendes Altern aussehen kann, wenn Politik, Interessenvertretungen, Arbeitgeber, soziale Verbände sowie die Institution Kirche gemeinsam an neuen Ideen arbeiten.

Noch einmal ist alles offen

Das Buch von Cornelia Coenen-Marx inspiriert, regt zum Nachdenken an, ist aufrüttelnd, macht Mut, ist voller Verheißungen und Energie. Am Ende war mir nach in die Hände klatschen und einem „Ja, dann wollen wir mal Loslegen“-Ausruf. Ich fühle mich reich beschenkt und lege dir das Buch sehr ans Herz. Es ist absolut empfehlenswert.

Lass uns zusammen LEBEN – LIEBEN – LACHEN
wunderbare Bücher lesen und viele bunte Sachen machen

Elvira



Rezension: social.net / 23.03.2017
http://www.socialnet.de

Cornelia Coenen-Marx, Beate Hofmann (Hrsg.): Symphonie – Drama – Powerplay (Haupt-/Nebenamt in der Kirche)

Cover Cornelia Coenen-Marx, Beate Hofmann (Hrsg.): Symphonie – Drama – Powerplay. Zum Zusammenspiel von Haupt- und Ehrenamt in der Kirche. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2017. 248 Seiten. ISBN 978-3-17-032216-5. D: 26,00 EUR, A: 26,80 EUR.
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Thema

Gegenwärtig erleben wir eine neue Phase der theoretischen Auseinandersetzung mit dem Ehrenamt bzw. dem freiwilligen Engagement. Die globalen Erkenntnisse zum Strukturwandel des Ehrenamtes können als gesichert gelten und haben sowohl auf politischer wie auf verbandlicher Ebene nachhaltige Impulse gesetzt. In der aktuellen Phase des Diskurses werden nun einzelne Themenaspekte und spezifische Besonderheiten differenzierter analysiert. Differenzierung erfolgt in Einzelstudien zu spezifischen Handlungsfeldern des Ehrenamtes aber auch im theoretischen Zugang. So werden organisationssoziologische Studien zu den Rahmenbedingungen des Ehrenamtes, neue professionstheoretische Analysen zur Kooperation von Haupt- und Ehrenamtlichen aber auch sozialphilosophisch begründete Ansätze zum Thema Anerkennungskultur vermehrt veröffentlicht.

In diese Phase der Differenzierung kann auch das vorliegende Buch eingegliedert werden. Das spezifische Handlungsfeld ist hier die Kirche, die sowohl in Bezug auf ihre Tradition wie auch das zahlenmäßige Engagement von Ehrenamtlichen eine herausragende Rolle spielt. Das ehrenamtliche Engagement in der Kirche wird in erster Linie theologisch aber darüber hinaus auch gesellschafts- und berufspolitisch begründet. Neben dieser Besonderheit der Debatte in dem Handlungsfeld der Kirche hat die Diskussion über das Zusammenspiel von Haupt- und Ehrenamt aber auch eine handlungsfeldüberschreitende Bedeutung, die für andere soziale Felder richtungsweisend sein kann. Die Metaphern des Buchtitels weisen darauf hin: Das Zusammenspiel von Haupt- und Ehrenamt kann dramatische Züge annehmen, wenn es zu wechselseitiger Überforderung und Enttäuschung kommt und es kann zu einem Spiel degenerieren, in dem Machtgebärden ein konstruktives Miteinander gefährden. Es kann aber auch – trotz nicht zu unterschätzender Paradoxien – in der Harmonie einer Symphonie ihre Gestalt finden, woran Ehrenamtliche wie Hauptamtliche gleichermaßen interessiert sein sollten.

Das Buch vermittelt ein Bild davon, wo das Ehrenamt in der Kirche aktuell steht und was die gegenwärtigen und was die zukunftsgerichteten Bedingungen für ein gelingendes Zusammenspiel von Haupt- und Ehrenamt sind. Es will zum „Nachdenken“ zum „Querdenken“ und zum „Diskutieren“ anregen und damit Impulse in den kirchlichen und den gesellschaftlichen Raum senden.

Herausgeberinnen und Autoren/Autorinnen

Die Herausgeberinnen des Buches kommen beide aus dem kirchlichen Kontext und sind als Expertinnen ausgewiesen.

Cornelia Coenen-Marx war bis 2015 als Oberkirchenrätin in der EKD für das Ehrenamt zuständig und ist nun Inhaberin der Agentur „Seele und Sorge“ mit einem Schwerpunkt in der Begleitung von Ehrenamtsprojekten.

Beate Hofmann ist Praktische Theologin und Professorin für Diakoniewissenschaft und Diakoniemanagement an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel. Sie hat an verschiedenen Studien zum Thema Ehrenamt in der Kirche mitgewirkt.

Neben den Herausgeberinnen liefern 28 Autorinnen und Autoren 25 Eigenbeiträge. Die Biogramme dazu sind am Ende des Buches eingestellt.

Entstehungshintergrund

In der Evangelischen Kirche in Deutschland gibt es auf der Ebene der EKD, in den verschiedenen Landeskirchen und auf Gemeindeebene seit längerer Zeit eine Diskussion über den Wandel des Ehrenamtes und über neue Formen der Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamtlichen. So haben beispielsweise die Evangelischen Kirchen in Bayern sowie in Hessen und Nassau schon vor längerer Zeit ein eigenes Ehrenamtsgesetz verabschiedet, das die Unterstützung und Begleitung der Ehrenamtlichen verbessern soll. Die EKD-Synode hat 2009 in einer Erklärung die generelle Bedeutung des Ehrenamtes für die Kirche hervorgehoben.

2012 führte das Sozialwissenschaftliche Institut der Kirche (SI) eine repräsentative Erhebung zum ehrenamtlichen Engagement in Kirchengemeinden durch. Der vorliegende Band knüpft an diesen Entwicklungen und Debatten an, sortiert sie, ordnet sie ein und gibt Anstöße für strukturelle Veränderungen. Er geht damit weit über einen individuellen Blick auf das Thema hinaus und spiegelt den institutionellen Diskurs der Kirche auf das Thema wider.

Aufbau

Das Buch vereint 25 Beiträge unterschiedlicher Autoren und Autorinnen zum Zusammenspiel von Haupt- und Ehrenamt in der Kirche aus unterschiedlichen Perspektiven. Dies mag auf den ersten Blick verwirrend erscheinen. Dank einer hervorragenden Dramaturgie der Herausgeberinnen verliert der Leser oder die Leserin aber zu keiner Zeit die Orientierung.

Ein Prolog eröffnet den Band. Darin wird das Thema in seinen Bezügen vorgestellt, theoretisch verortet und die Intentionen des Buches dargelegt. Anschließend werden die einzelnen Beiträge in drei grundlegende Themenbereiche gegliedert.

  1. In einem ersten Themenbereich werden Analysen zur Veränderung im Zusammenspiel von Haupt- und Ehrenamt in der Kirche vorgestellt. Die binnenkirchliche Perspektive ist hier tragend.
  2. In dem zweiten Themenbereich erfolgen Seitenblicke von außen auf das kirchliche Ehrenamt. Die gesellschaftspolitische Perspektive steht hier im Vordergrund.
  3. Der dritte Themenbereich ist der Suche nach Lösungen für ein künftiges Zusammenspiel von Haupt- und Ehrenamt in der Kirche gewidmet.

In einem Epilog werden nächste Schritte und offene Fragen angesprochen.

Inhalte

In dem ersten Themenbereich werden zunächst verschiedene Studien über das Ehrenamt in der Kirche vorgestellt und diskutiert. Dabei wird deutlich, wo die Stärken des kirchlichen Ehrenamts liegen, wie vielfältig die Tätigkeitsfelder des Ehrenamtes sind aber auch, wo bisher ungenutzte Potentiale des ehrenamtlichen Engagements liegen. Die Beiträge zeigen, dass der Wandel des Ehrenamtes auch in der Kirche angekommen ist. Dies wird u.a. in einer Pluralisierung der Motive des ehrenamtlichen Engagements mit kirchlicher Ausprägung sichtbar. Der Wandel tangiert aber auch das Rollenverständnis von Haupt- und Ehrenamtlichen sowie die Formen der Unterstützung, Förderung und Weiterentwicklung des kirchlichen Ehrenamtes. Neue Formen der Unterstützung und Begleitung werden in einem Modell der systematischen Ehrenamtsförderung in Württemberg deutlich, zeigen sich aber auch in Erfahrungen mit ausgebildeten Ehrenamtsmanagern und Ehrenamtsmanagerinnen. In einem weiteren Beitrag wird danach gefragt, welche Kompetenzen Hauptamtliche benötigen, um Ehrenamtliche als ehrenamtliche Seelsorger und Seelsorgerinnen zu qualifizieren. In einem grundsätzliche Beitrag wird die Engagementpolitik der Kirche im Kontext gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen untersucht und daraus ein Paradigmenwechsel im Umgang mit dem Ehrenamt in der Kirche begründet. Schließlich runden drei kurze Beiträge zu den Themen Engagement älterer Menschen, zur Inklusion im Ehrenamt und zur Flüchtlingsarbeit den ersten Themenbereich ab.

In dem zweiten Themenbereich wird der Blick über den kirchlichen Tellerrand gewagt. Die Hintergrundfolie dazu bilden gesellschaftliche Strukturveränderungen, die mit Begriffen wie Individualisierung, Pluralisierung, Ökonomisierung und demografischer Wandel beschrieben werden. Die aktuelle sozialpolitische Debatte hat als eine Antwort auf den Strukturwandel das Konzept der „Sorgenden Gemeinschaften“ (neu) entdeckt. Dieses Konzept rückt den Begriff der „Mitverantwortung“ (Hannah Arendt) verbunden mit dem Gedanken der sozialräumlichen Nähe stärker in den Mittelpunkt und ist in Teilen auch auf Kirchengemeinden übertragbar. Allerdings ist dabei zu beachten, dass diese Art des zivilgesellschaftlichen Engagements nicht ohne eine hauptamtliche Struktur auskommt. Spannend ist auch der Blick auf die Schnittstelle zwischen bürgerschaftlichem und kirchlichem Engagement, der die Verantwortung der Kirche als zivilgesellschaftlicher Akteur unterstreicht. Wie sieht es aber mit der ökumenischen Zusammenarbeit aus? Auch hier werden gemeinsame Interessen und strukturelle Unterschiede ausgelotet. Schließlich erfolgt noch ein Blick auf das Milizsystem der Schweiz, das nicht nur bzgl. der allgemeinen Wehrpflicht dort eine Rolle spielt, sondern auch für die Schweizer Bürgergesellschaft insgesamt bedeutsam ist.

Nach diesem umfassenden Blick auf die Innen- und Außenperspektive wird in einem dritten Themenbereich danach gefragt, wie das Zusammenspiel von Haupt- und Ehrenamt in der Kirche „symphonischer“ gestaltet werden kann. Im Mittelpunkt der Beiträge stehen zwei zentrale Themen: „Die Frage nach dem Verständnis von Rollen und Aufgaben im Miteinander von Haupt- und Ehrenamt und die Diskussion um angemessene Anerkennungsformen.“ (154) In einigen Beiträgen werden grundsätzliche ekklesiologische Fragestellungen über das Grundverständnis von Kirche diskutiert. So finden sich im dritten Themenbereich Beiträge zum Zusammenspiel von Ämtern, Diensten und Engagierten, darüber hinaus Reflexionen zur gemeinsamen Leitung der Kirche im Zusammenspiel von Haupt- und Ehrenamt und schließlich organisations- bzw. institutionstheoretische Betrachtungen, die unterschiedliche Ansprüche und Erwartungen von Beteiligten deutlich machen. Auch das Thema Anerkennungskultur ist mit sozialphilosophischen Überlegungen vertreten. Darüber hinaus findet man Beispiele für erfolgreiche Praxismodelle und die Reflexion von Erfahrungen mit neuen Formen des Zusammenspiels von Haupt- und Ehrenamt.

Ein kurzer Epilog beschließt die Betrachtungen und formuliert nächste Schritte und offene Fragen.

Diskussion

Um meinen Gesamteindruck gleich vorweg zu nehmen: Den Herausgeberinnen gebührt große Anerkennung und Dank für dieses Buch. Dies bezieht sich zum einen auf den fundierten sozialwissenschaftlichen und theologischen Theoriehintergrund, der das ganze Buch durchzieht und als „versteckter roter Faden“ die Dramaturgie und die Aussagekraft des Buches prägt. Man erkennt sehr deutlich, wie fest verankert und wie kompetent die Herausgeberinnen in den einschlägigen Diskursen sind. Gleiches wird aber auch in den Beiträgen der vielen Autoren und Autorinnen der Einzelkapitel deutlich. Diese Kompetenz wirkt positiv auf die fachliche Substanz des Buches.

Die Anerkennung bezieht sich aber auch auf die didaktische Gestaltung des Buches. Mit profunder Sachkenntnis führen die Herausgeberinnen in das Thema ein und strukturieren es. Jedem Themenbereich wird eine Einleitung vorangestellt, die bei der Einordnung des Themas hilft und einen Überblick zu den folgenden Beiträgen gibt. Dieses Engagement ist nicht selbstverständlich. Die Leser werden es aber danken.

Die große fachliche Bedeutung dieses Bandes sehe ich in seiner Wirkung auf einen offenen Diskurs in der Kirche über das Ehrenamt. Sicher, es gibt schon viele verheißungsvolle Ansätze und neue Modelle, manche strukturelle Änderungen sind auch auf den Weg gebracht. Das Buch aber bündelt diese Ansätze und ordnet sie in zukunftsweisende Theoriedebatten ein. Der Leser und die Leserin erhalten so einen differenzierten Blick auf die aktuelle Bühne des kirchlichen Ehrenamtes und bekommen Anstöße für eigene Reflexionen und Möglichkeiten des Querdenkens. Zu diesen Anstößen gehören innovative Entwicklungen im Ehrenamt gleichermaßen wie die Herausarbeitung von kirchlichen Eigenlogiken und Paradoxien des kirchlichen Handlungsfeldes. Mit ihrem Buch zeigen die Herausgeberinnen, wie weit der Wandel des Ehrenamtes in der Kirche schon vorangeschritten ist. Mögliche Konflikte und unterschiedliche Interessen werden damit aber nicht nivelliert.

Die innerkirchliche Wirkung ist die eine Seite, der Diskurs in den Fachdisziplinen eine andere. Auch hier liefert das Buch wichtige theoretische Impulse. Es steht damit auch als Beispiel für eine neue Qualität in dem Diskurs zum Ehrenamt. In dem vorliegenden Buch wird deutlich, wie neben den allgemeinen sozialwissenschaftlichen Strukturanalysen zunehmend auch spezifische Erkenntnisse aus theologischen, philosophischen, soziologischen und psychologischen Blickwinkeln gewinnbringend genutzt werden können.

Fazit

Den Herausgeberinnen und den Autoren und Autorinnen ist ein enorm spannendes und anregendes Werk gelungen. Das Buch macht allen Mut, die im Ehrenamt oder an den Schnittstellen tätig sind. Es zeigt aber auch realistisch, wie weit der gemeinsame Weg noch ist, um innerkirchliche Veränderungen nachhaltig zu verankern. Dem Buch wünsche ich eine weite Verbreitung und eine offene und konstruktive Auseinandersetzung mit den vielen anregenden Impulsen.
Rezensent
Prof. Dr. Hans-Joachim Puch
Präsident i.R. Evangelische Hochschule Nürnberg

 


BBE – Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement: Rezension Dieter Rothardt: Newsletter Nr. 6 vom 23.3.2017

Rothardt: Haupt- und Ehrenamt in der Kirche –Rezension

Der von Beate Hofmann und Cornelia Coenen-Marx herausgegebene Sammelband »Symphonie – Drama – Powerplay. Haupt- und Ehrenamt in der Kirche«, Stuttgart 2017, ist das Thema der Rezension von Dieter Rothardt, bis 2015 Leiter des Fachbereichs Männer, Familie, Ehrenamt im Institut für Kirche und Gesellschaft der Evangelischen Kirche von Westfalen und Mitglied der Steuerungsgruppe zum EKD-Ehrenamtsportal. Er sieht in der Publikation eine Reaktion auf die zunehmende Beachtung des Themas Ehrenamt in der Evangelischen Kirche und das Phänomen, dass sich analog zur Idee der »Bürgergesellschaft« im Raum der Kirche die Vorstellung einer »Ehrenamtskirche« entwickelt. Gleichzeitig sehen die Autorinnen, dass in der evangelischen Theologie trotz ihrem Nachdenken über Kirche das Thema Ehrenamt eine Randerscheinung bleibt. Der Sammelband stellt einen wichtigen Fortschritt für die Debatte dar. Aber: »Vielleicht wäre es hilfreich, in der weiteren Beschäftigung mit dem Thema wie Jan Hermelink neben Institution und Organisation auch Interaktion und Inszenierung als organisationsrelevante Dimensionen der sozialen Gestalt von Kirche in den Blick zu nehmen.«

Gesamte Rezension zum download als PDF


BuchMarkt / 7.02.2017
www.buchmarkt.de

Edition Ruprecht: Luther-Jahr und dann?

Luther und das Reformationsjubiläum sind in aller Munde. Doch wie geht es danach weiter?  Wir sprachen mit der evangelischen Theologin Cornelia Coenen-Marx über ihr neues Buch Aufbrüche in Umbrüchen“ (Edition Ruprecht) und darüber, wie die Kirche jetzt aktuelle Veränderungsprozesse der Gesellschaft produktiv bewältigen helfen kann.

BuchMarkt: Frau Coenen-Marx, warum ist die Kirche auch nach dem Jubiläum ein aktuelles Thema?

Cornelia Coenen-Marx: Eines gerät vielfach aus dem Blick: Die Reformation leitete eine große gesellschaftlicheTransformation ein – sie war aber auch selbst Folge einer Transformation. Mit dem Aufkommen des internationalen Handels sowie des Geld-und Bankenwesens war die Reformationszeit von erheblichen ökonomischen Umbrüchen geprägt. Der Preisverfall einheimischer Erze entzog den Bergleuten die Existenzgrundlage. Der Paradigmenwechsel von der Naturalien-zur Geldwirtschaft wirkte sich dramatisch aus. Die Auflösung der Ständegesellschaft im Frühkapitalismus erforderte also eine neue Ethik gesellschaftlicher Verantwortung –  eine Neuordnung von der Familie bis zur Fürsorge für die Armen.

In diesen Veränderungsprozessen spielte die Kirche eine entscheidende Rolle?

Sie spielte eine entscheidende Rolle indem sie den Einzelnen Mut machte, der eigenen Berufung zu folgen und gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, und indem sie die Gemeinschaft unter den Menschen stärkte. Diese Haltung kann auch angesichts der aktuellen Herausforderungen hilfreich sein.

Und darum geht es in Ihrem Buch?

Mein Buch Aufbrüche in Umbrüchen (Edition Ruprecht) handelt von diesen aktuellen Herausforderungen und geht der Frage nach, wie sich die gegenwärtigen Transformationsprozesse – Globalisierung, Beschleunigungsprozesse, Migration, demokratischer Wandel – auf unser alltägliches Leben wie auf das Gesellschaftliche auswirken. Ich habe beschrieben, welche gesellschaftlichen Herausforderungen dies alles mit sich bringt, und woher die Einzelnen die Kraft nehmen, damit produktiv umzugehen. Ich habe neue Wege des Gemeinschaftlichen zu erkunden versucht.

Welche Fragen stehen hierbei im Fokus?

aufbrüche in

Nicht nur soziale Fragen, sondern auch spirituelle und letztlich theologische Fragen: vom Umgang mit Zeit, der Suche nach Identität, der Begegnung mit Fremden bis zum Respekt vor den Grenzen des Machbaren. Aus eigener Erfahrung berichte ich über das, was Menschen in Umbrüchen verunsichert und umtreibt, aber auch über Hilfestellungen und Chancen, die darin liegen. Dabei geht es auch um scheinbar ganz alltägliche Fragen wie den Umgang mit dem eigenen Körper, mit Krankheit und Schmerzen, um Reisen und Rituale.

Sie gehen auch auf die Möglichkeiten der Kirche heute ein…

Genau –  am Ende schaue ich auf die Möglichkeiten der Kirche heute, deren Einfluss in einer pluralen und auch säkularen Gesellschaft natürlich nicht mehr groß ist. Aber Kirche hat viel von dem, was wir in dieser Transformation brauchen: Angebote und Möglichkeiten, sich zu engagieren, Chancen zur Beteiligung und Auseinandersetzung mit anderen. Das beginnt bei den Räumen, die die Kirche in fast jedem Dorf oder Stadtteil hat und die für Begegnungen genutzt werden können.

Kirche hat alte und neue Rituale, die helfen Übergänge zu gestalten. Und sie hat eine eigene Kultur der Auseinandersetzung über Grundlagen und Werte. In der Sprache der Reformation würde man sagen: Wichtige Potenziale liegen im Priestertum aller, der Offenheit für Debatten über die Bibel, aber auch in dem noch immer lebendigen Anschluss an alte mystische Traditionen. Vor allem aber hat Kirche Erfahrung mit Übergängen – in der Begleitung Einzelner wie auch gesellschaftlich. Wir sind weniger ‚ein’feste Burg‘ als eine Pilgergruppe, die sich gegenseitig unterstützen kann.  Wie sich Kirche auch ganz praktisch wandeln muss, um diese Vorzüge besser zum Leuchten zu bringen, dazu sage ich etwas aus meinen Erfahrungen in unterschiedlichen Bereichen von Kirche und Diakonie.

Also nur eine Lektüre für Fachleute und Theologen?

Nicht nur. Angesprochen werden sollen engagierte Christen und Christinnen und diejenigen, die sich fragen, ob und wie Kirche beitragen kann, die gegenwärtigen Veränderungsprozesse produktiv zu bewältigen: für die Einzelnen wie für die Gesellschaft.

 

Weitere Rezensionen finden Sie hier:

Das Unruhewerk, 20.10.2016

Evangelisches Frankfurt vom 17.11.2016


Hessisches Pfarrblatt: April 2017, Martin Zentgraf

Cornelia Coenen-Marx:

Aufbrüche in Umbrüchen. Christsein und Kirche in der Transformation.

Göttingen: Edition Ruprecht 2017. 336 S., broschiert für 24,90 Euro; ISBN 978-3-8469-0252-3.

Wer kennt nicht moderne Unheilspropheten, die angesichts eines oft rasanten Wandels in Kirche und Gesellschaft nur Negatives sehen, Vergangenem nachtrauern und Früheres nur idealisieren und vergolden.

Krisen gelten als Gefahren, die Bewährtes bedrohen und zum Einsturz bringen.

Wie der Titel des Buches schon zeigt, geht die Verfasserin den anderen Weg, in den Umbrüchen der Gegenwart Chancen für Aufbrüche und Transformationen des Christseins und der Kirche zu entdecken. Dabei reflektiert die Autorin ihre Erfahrungen als Gemeindepfarrerin, aus Leitungspositionen ihrer rheinischen Landeskirche und der EKD sowie als Vorstand der Kaiserwerther Diakonie in Düsseldorf. Weitere Angaben zu ihrer Vita können den biografischen Notizen auf der letzten Seite entnommen werden.

In der Alten Kirche gab es die aus der antiken Rhetorik gespeiste Gattung der Exhortatio etwa zur Philosophie als Lebensgestaltung. In dieser Tradition plädiert die Verfasserin in vielen Variationen dafür, die Zeichen unserer Zeit nicht zu übersehen und die sich bietenden Chancen zu nutzen. Einem billigen Optimismus um jeden Preis wird durch Berücksichtigung auch ernster Themen entgegengewirkt. Wer vielleicht gelegentlich an der Gegenwart verzweifelt, sollte das Buch lesen; es wird ihm/ihr guttun.

 


Osnabrücker Zeitung / 28.01.2017 /  von Johannes Giewald
www.noz.de/lokales-dk/

Neujahrsempfang in Wildeshausen

Diakonie ruft zu Toleranz und Verständnis auf

Diakonie-Vorstand Wolfgang Pape (von links), Landrat Carsten Harings, Theologin Cornelia Coenen-Marx, Franz-Josef Franke, Geschäftsführer des Diakonisches Werkes und Hero Mennebäck (Stadt Delmenhorst) hoffen auf eine geeinte Gesellschaft. Foto: Johannes Giewald

Wildeshausen. „Was wir brauchen, ist Respekt und Achtung voreinander“, sagte Landrat Carsten Harings beim Neujahrsempfang des Diakonischen Werkes Delmenhorst/Oldenburg-Land am Freitag in Wildeshausen. Vertreter aus Politik, Verwaltung und Diakonie appellierten an die Gesellschaft, im Jahr 2017 enger zusammenzurücken.

Sorgenvoll blickten die Redner vor 150 Gästen in der Alexanderkirche sowohl zurück auf die Ereignisse von 2016 als auch auf das, was die Menschen 2017 beschäftigen wird. „Ich hoffe nicht, dass sich der Geist von Fake News und alternativen Fakten breit macht“, sagte Franz-Josef Franke, Geschäftsführer des Diakonischen Werkes, „ich hoffe, dass sich der Geist von Ermutigung, Toleranz und Verständnis breitmacht“.

Pflegebedürftige, Wohnungslose, sozial Schwache und Flüchtlinge brauchen die Hilfe der Gesellschaft. Menschen bedürfen bei dramatischen Ereignissen den Trost anderer. Dass es so viele Freiwillige gibt, die sich in ihrer Freizeit für andere Menschen aufopfern, gerate zu oft in Vergessenheit. „Wie tröstlich ist es, dass es in den Situationen Menschen gibt, die für einen da sind“, sagte Franke.

„Können nur gemeinsam in der Welt leben“

Terror, Staaten, die sich in Europa verändern, die Ideen Donald Trumps und ein Europa, das ein fragwürdiges Bild abgebe: Landrat Harings prangerte die Selbstbezogenheit von Menschen und Staaten an und bezeichnete sie als „Grundlage für Gewalt“. Jeder scheine sich selbst der Nächste zu sein. „Wir brauchen die Erkenntnis, dass wir nur gemeinsam in dieser Welt und nur gemeinsam mit dieser Welt leben können“, sagte Harings. Diese Erkenntnis sei die Grundlage für ein friedvolles Jahr 2017.

Die Menschen, die in den verschiedenen Zweigen der Diakonie arbeiten, würden das jeden Tag vorleben, sagte Hero Mennebäck als Vertreter der Stadt Delmenhorst. Er betonte, dass auch in diesem Jahr die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen zu den Hauptaufgaben der Gesellschaft gehören. „Je mehr Willkommenskultur gelebt wird, desto mehr profitiert die Gesellschaft und es entsteht ein Wir-Gefühl“, sagte Mennebäck. Die Diakonie sei bei dieser Aufgabe ein „kompetenter Sozialpartner“.

Handeln im Sinne der Jahreslosung

Kreisdiakoniepfarrer Dietrich Jaedicke legte den Zuhörern die Jahreslosung ans Herz, die da lautet „Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.““Durch das Engagement können wir Menschen sehr viel Gutes schenken, vor allem wenn wir uns selbst als Beschenkte begreifen“, fügte er hinzu.

Den Reden bei dem Empfang folgte ein Vortrag der Theologin Cornelia Coenen-Marx zum Thema „Gerechtigung und Beteiligung – Impulse der Reformation für unseren Sozialstaat“. Musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung vom Otto Groote Ensemble.


Evangelisches Frankfurt Nachrichten und Debatten: 17. November 2016

http://evangelischesfrankfurt.de/2016/11/mut-vertrauen-neugier-und-lust-auf-neues/

Mut, Vertrauen, Neugier und Lust auf Neues

„Aufbrüche in Umbrüchen – Christsein und Kirche in der Transformation“: Ein Plädoyer für Mut und Vertrauen, Neugier, Lust und für Bereitschaft, Dinge zu verändern und Neues zu wagen – als Christ und Christin, als Kirche und als Gemeinschaft aller.

coenenNimmt man das große Ganz in den Blick, die vielen Facetten des gesellschaftlichen Miteinanders, kann es schnell komplex und unübersichtlich werden. Die Frage danach, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, muss sich an alle Akteurinnen und Akteure einer Gemeinschaft richten. An die Einzelnen wie an die unterschiedlichen Institutionen einer Gesellschaft. Dem Zugrunde sollte ein Wertekanon liegen, mit dem sich die Mehrheit aller identifizieren kann oder der zumindest eine Orientierung bietet.

Cornelia Coenen-Marx sieht hier vor allem die Kirche in der Pflicht. Sie sollte den Menschen eine erkennbare, glaubwürdige und hilfreiche Identität bieten. Wichtig hierbei sei die ständige und ehrliche Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Veränderungen und deren Bedeutung für ein gutes Miteinander. Werte schöpft die Kirche aber auch aus dem Stetigen, den Ritualen, den heiligen Räumen. Sie geben Halt und gehören zu ihrem Schatz, so die Autorin.

Dabei dürfe die Kirche aber nicht zum Museum verkommen. Sie soll ihre „Türen und Fenster nicht schließen, um so Glauben und Tradition zu schützen“. Dann nämlich „wird es eng und stickig“, mahnt Coenen-Marx. Sie muss dran bleiben, die Kirche. Mit neuen, unkonventionellen Ideen zum Beispiel in der Gemeindearbeit. Sie muss Netzwerke spinnen, neue Formen von Kooperationen eingehen. Allen voran sollte sie ihr Profil schärfen. Ihre Stärken, das Wissen über Gemeinschaft und Zusammenhalt, über Engagement und Solidarität und über Nächstenliebe. Diese Schätze zu bündeln und damit „professionell auf den Markt gehen – den Sozial- und Gesundheitsmarkt wie den Sinnmarkt.“

Cornelia Coenen-Marx weiß, wovon sie spricht. Aus ihrer langjährigen innovativen Arbeit in verschiedenen Positionen innerhalb der Kirche bringt sie viel Erfahrungen und praktisches Know-How mit. Ihre eindeutige Botschaft ist: Fast alles ist möglich. Jede und jeder muss einzig dafür bereit sein. Mut haben, sich aus Gewohnheiten zu lösen. Neugierig sein, was das Neue bringen wird. So die fast zu einfach klingende Formel.

Die Autorin berichtet viel über Aufbrüche, Umbrüche, Zeiten von Veränderungen, Wendepunkten, von Krisen und Neuanfängen – im Kleinen und ganz persönlich. Ihre Beschreibungen und alltäglichen Berichte scheinen eine universelle Gültigkeit zu haben. Es lässt sich Trost finden, aber auch Kraft schöpfen aus diesem Buch. Coenen-Marx wird nicht müde zu raten und dem Leser und der Leserin ans Herz zu legen die Notwendigkeit zu begreifen, mit Veränderungen positiv umzugehen oder dies zu lernen. Hier verberge sich die Chance, die Dinge bewusst zu denken und sich mit seiner kulturellen und religiösen Identität aufs Neue auseinander zu setzen.

Mit ihrem neuen Buch veröffentlicht Cornelia Coenen-Marx einen ungewöhnlich daher kommenden Ratgeber der eine vielfältig geprägte gesellschaftliche Realität in den Blick nimmt: Die Institution Kirche, nicht ohne Kritik und in ihrer strukturellen Wahrheit, ausgestattet mit unverzichtbaren Ressourcen, zielgerichtet und im Aufbruch. Die unterschiedlichen Menschen in ihr, mit ihren körperlichen und spirituellen Persönlichkeiten und scheinbar bereit, Veränderungen anzupacken.

„Es ist alles schon da!“ könnte eine passende Antwort von Marx-Coenen sein auf die Frage: In welcher Gesellschaft wollen wir leben?

Cornelia Coenen-Marx: Aufbrüche in Umbrüchen: Christsein und Kirche in der Transformation. Edition Ruprecht, 2016, 339 Seiten, 24,90 Euro.

Beitrag von , veröffentlicht am 17. November 2016 in der Rubrik Bücher & Filme, erschienen in der Ausgabe .Angela Wolf studierte Soziologie, Politikwissenschaften und Psychoanalyse in Frankfurt am Main, arbeitet als freie Autorin und ist ehrenamtlich aktiv.

 


 

http://unruhewerk.de/christsein/ 2Wie ein Buch mit einem Titel wie „Aufbrüche in Umbrüchen – Christsein und Kirche in der Transformation“ auch noch trösten kann

Wie ein Buch mit einem Titel wie „Aufbrüche in Umbrüchen – Christsein und Kirche in der Transformation“ auch noch trösten kann

Für mich stand immer fest: Kirche ist und war in Europa – bei allen Brüchen, Fehlern und sogar Verbrechen – eine unverbrüchlich Identität stiftende spirituelle, kulturelle und sozial wie gesellschaftlich, manchmal sogar politisch relevante Größe. Das hat einerseits mit meiner eigenen Sozialisation zu tun – von evangelischem Kindergarten bis Gymnasium -, andererseits mit meinem Studium unter anderem der Philosophie und Geschichte. Dass und warum „die Kirche“ – zu der ja auch Diakonie und Caritas mit all ihren Hilfsangeboten gehören –  mit der ihr sozusagen „von Natur aus“ zugrunde liegenden einzigartigen Stellung in unserer Gesellschaft all den Prozessen von Ungerechtigkeit, Kriegen, Konsumdenken, Egoismus etc. so selten entschieden Paroli bietet, etwa nach dem Motto: „Wir stehen für ein ANDERES Leben!“, das  habe ich noch nie verstanden. Ich weiß nur: Sie könnte es. Und tut es viel zu selten. Doch das ist ein Thema, für das ich hier gar nicht genug Platz finden würde…

Buchbesprechung: "Aufbrüche in Umbrüchen – Christsein und Kirche in der Transformation" von Cornelia Coenen-Marx

Die Autorin: Cornelia Coenen-Marx

Tatsache ist: Ich war und bin froh und glücklich, 15 Jahre als stellvertretende Leiterin der Pressestelle für einen großen evangelischen Verband gearbeitet zu haben. Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit sind nun mal „mein Thema“. Aus dieser Zeit kenne ich auch Cornelia Coenen-Marx. Sie war immer so etwas wie ein Vorbild für mich: ihre unglaubliche Vernetzungsfähigkeit – schon in einer Zeit, als die Definition von „Vernetzung“ im Sinne einer unverzichtbaren Fähigkeit der Kommunikation noch in den Kinderschuhen steckte –, ihre Neugierde und der Mut, immer wieder Neues zu wagen, all das hat mich damals schon beeindruckt. Ganz zu schweigen von den überaus zahlreichen, engagierten Büchern, Sachtexten, Rundfunksendungen, der redaktionellen Mitarbeit an fast allen wichtigen Kommunikations-Schaltstellen evangelischer Kirche. Und der Tatsache, dass sie all das tat, obwohl (ja, Absicht!) sie eine Frau ist in einer – zumindest in den „oberen Rängen“ – leider immer noch stark männlich geprägten Welt….

Man könnte auch sagen: Sie hat sich immer gekümmert. Ja, sie ist Theologin. Das erwartet man von einer Pfarrerin. Aber das Ausmaß des „Kümmerns“ ist bei Cornelia Coenen-Marx durchaus größer als üblich. Davon zeugt auch die Tatsache, dass sie heute mit ihrer Agentur Seele und Sorge noch immer Workshops und Beratung anbietet – obwohl die 1952 geborene Oberkirchenrätin eigentlich schon im Ruhestand ist. Dort bietet sie – nur ein Beispiel der breiten Angebotspalette – etwa diakonische Pilgerreisen zu Kraftorten an.

Ihr Haupt- Thema aber sind Übergangssituationen, Aufbrüche und Umbrüche. Genau dazu ist soeben ihr neues Buch erschienen: „Aufbrüche in Umbrüchen – Christsein und Kirche in der Transformation“, Göttingen 2016.

Das Buch: Aufbrüche in Umbrüchen

Es ist fast quadratisch. Es ist umfangreich. Und gehaltvoll. Denn Coenen-Marx unternimmt hier nichts weniger als den Versuch, „die Kirche“ (wohlgemerkt vorwiegend aus evangelischer Sicht) und den Menschen in ihr mit all seinen Befindlichkeiten, das Ganze dann auch noch in der Welt von heute plus einem Blick in die Zukunft zusammen zu denken.

Versuch? Ich gebe zu: Die ersten Seiten zu lesen fiel mir schwer. Denn das Buch geht vom Allgemeinen ins ganz Persönliche, Plastische, Konkrete. Das Thema ist groß, sehr groß: „Christsein und Kirche in der Transformation“. Da müssen erst einmal Rahmenbedingungen genannt werden, da muss Bestandsaufnahme gemacht werden. Ohne Frage notwendig. Und vermutlich bin ich nicht die „klassische Leserin“ – für mich waren das schlicht Fakten, die ich schon kannte. Doch dort, wo sie beginnt, persönlich zu werden, wo sie vom Scheitern, von „Umzügen und Neuanfängen“, vom „Potenzial des Älterwerdens“, von Wendepunkten und „Eigenzeit“, von der „wirklichen Berufung“, von „sorgenden Gemeinschaften“, „Sehnsuchtszielen“, der „Diakonie im Quartier“, der Arbeitswelt von heute, dem „Ja- und Nein-Sagen“ schreibt, da hatte sie mich ganz schnell gepackt: Nein, kein Versuch, sondern rundum gelungen. Wohlgemerkt: Sie erzählt dabei keineswegs die ganze Zeit von sich, sie spricht von ihren Erfahrungen, Begegnungen und Erkenntnissen aus all den Einblicken in zahlreiche, ganz unterschiedliche gesellschaftliche Realitäten, die sie wirklich in ihrem überaus facettenreichen Leben hatte. Das hat – zumindest für mich – ganz schnell gleichzeitig universelle Gültigkeit UND einen sehr persönlichen Bezug zu meinem Leben, der Realität, wie auch ich sie täglich sehe, wahrnehme. Zu dem, was auch mir aufstößt, mich wundert oder gar verletzt.

Und dann geschieht etwas Wundersames: Sie schafft es mit diesem schier unmöglich großen (sprich: thematisch groß angelegten) Buch, mich zu trösten.

Kirche, ich, wir und die Gesellschaft

Dieses Buch ist kein Ratgeber, der nur einen kleinen Bereich meines Lebens in den Blick nimmt, es ist wirklich „ganzheitlich“ – auch wenn dieser Begriff normalerweise anders gebraucht wird. Coenen-Marx schafft es nämlich, alle für mich wichtigen Bereiche des Themas gleichzeitig in den Blick zu nehmen: Kirche von innen, ihre Werte, Strukturen und Ziele. Und den Menschen in alledem: von seiner körperlichen bis zu seiner geistigen/spirituellen und gesellschaftlichen Realität.

Damit nicht genug, beschreibt sie auch noch, wo Kirche in ihrer Rolle, mit ihren Zielen und Aufgaben mit Blick auf die Gesellschaft wie auf andere Gemeinschaften steht, gleichzeitig universell wie ganz pragmatisch, mit vielen Best-Practice-Beispielen. Das aber keineswegs kritiklos: Mit Blick auf das „lebenswerte Miteinander im Quartier“ sagt sie etwa: „Noch sind Kirchengemeinden zu selten in Netzwerken und Modellprojekten engagiert“. Oder mit Blick auf die Leistungen von Diakonie und Caritas: Wir haben uns zu lange nur auf „Fachlichkeit und Wirtschaftlichkeit konzentriert und über Religion, Ethik und Spiritualität oft geschwiegen – und damit möglicherweise Suchende allein gelassen.“ Ganz wichtig ist: Die beiden Zitate stehen unter der Überschrift „Es ist alles schon da!“ Damit meint sie „die Ressourcen der Kirche für die Bewältigung gesellschaftlicher Umbrüche.“ Und genau das finde ich so tröstlich, besagt es doch, dass alle, die sich den Zielen von Kirche in irgendeiner Form verbunden fühlen, durchaus die Chance haben, die anstehenden Umbrüche gut zu bewältigen.

Die Formulierung „Kirche in irgendeiner Form verbunden“ habe ich nicht zufällig gewählt, denn auch das ist Coenen-Marx wichtig: Dass Kirche ernst macht mit der biblischen Erkenntnis, dass „auch – und vielleicht gerade – die, die wir für schwach halten, eine Berufung mitbringen, die Welt zu gestalten.“

Umbrüche und Identität

Tröstlich sind aber natürlich noch viel mehr all jene Passagen, in denen es um den „Menschen an sich“ geht. Jedenfalls mich tröstet es immer, zu wissen, dass meine eigenen Prozesse – des Umbruchs beispielsweise – sich in den größeren Umbruchsprozessen des biologischen Lebens (soll heißen: des Älterwerdens) ebenso spiegeln wie in den gesellschaftlichen Umbruchsituationen, in denen wir uns zweifelsohne jetzt (wie immer wieder) befinden. Dem geht Coenen-Marx auf allen Ebenen nach: Sei es, dass sie – mit Blick auf ihr eigenes Leben – schreibt: „wieder einmal geht es darum, ein altes Stück Identität loszulassen – eine gewohnte, vielleicht auch überlebte Rolle“. Die Identität aber kann für Coenen-Marx (wie übrigens auch für mich) nie wirklich verloren gehen, denn „Gottes Identität ist im Wandel – nicht anders als unsere“, sagt sie. Und meint das keineswegs konfrontativ, sieht sie doch zum Beispiel auch in den Stationen eines Pilgerwegs ein Abbild der Stationen jenes Wandels, dem wir selbst alle, wie vermutlich jedes Geschehen auf dieser Welt, auf die ein oder andre Weise unterworfen sind. Und von dem wir  – allein durch unsre Existenz – immer wieder Zeugnis ablegen. Ob wir das nun wollen oder nicht…

Sie wird noch viel konkreter, etwa in den Kapiteln „Gefühle ernst nehmen“ – „den Körper wahrnehmen“ – „die eigne Stimme finden“ – „den Träumen auf der Spur“ – „Ballast abwerfen und loslassen“. Und vielen mehr. Kann ich natürlich nicht alles nacherzählen… Bitte selber lesen!

Das ganz Große. Und das scheinbar Kleine

Ich denke, es ist schon spürbar geworden: Dieses Buch ist ein ganz besonderes Projekt. Ich jedenfalls kenne nur wenige Bücher, die sich so gekonnt wie elegant zwischen dem „ganz Großen“ und dem scheinbar „ganz Kleinen“ hin und her bewegen. Hier liegt auch die Erklärung für meine anfängliche Irritation auf den ersten Seiten. Die Erklärung ist simpel: Sie ist allein in der Art begründet, wie Coenen-Marx denkt. Sie hat alle Faktoren des vernetzten Denkens so sehr verinnerlicht und gleichzeitig ein so breites Fachwissen wie persönlich ausgereifte Statements, dass die notwendige Linearität eines Buches all diesen Faktoren gar nicht gerecht werden kann. So finden sich beispielsweise alle für mich wichtigen Passagen im hinteren Teil des Buches, so dass ich mich zunächst irritiert fragte, warum sie die nicht an den Anfang gestellt hat. Bis ich erkannte: Ich befinde mich mitten in einem gedanklichen Netzwerk mit so vielen internen Querverweisen, dass eigentlich nur ein Online-Projekt mit allen virtuellen Vernetzungsmöglichkeiten – sozusagen dreidimensional – diesem in sich vernetzten Gedankengut gerecht werden könnte. (Denn selbstverständlich spielen auch Internet und Soziale Netzwerke in den Gedanken der Cornelia Coenen-Marx eine Rolle….)

Transformationsprozesse. Oder: Ich bin nicht allein!

Dass dazu all die Lebenserfahrung einer 64-Jährigen gehört, ist der eine Aspekt. Dass es dabei um Kirche und Gesellschaft geht, der wohl viel wichtigere: Denn das Thema ist groß, geht uns alle an, ist genauso umfassend wie tief verwurzelt in unser aller (Seelen-)Biographie, zu der – ob wir nun Christ/in sind oder nicht – immer auch der „Transformationsprozess“ gehört, dem wir als Person wie als Gesellschaft ausgesetzt sind. Diese universelle Definition von Transformation ist die eigentliche Klammer, die das Buch zusammenhält. Und da auch ich immer schon glaubte, dass jeder einzelne Mensch immer Teil eines größeren Ganzen ist/sein muss (das man natürlich nicht zwingend Gott nennen muss…), besteht der dritte Aspekt dafür, dass ich dieses Buch so tröstlich finde, eben genau darin – und die lautet knapp gefasst: Ich bin nicht allein.

Ein wirklich wichtiges Buch

Dieses Buch zwingt seine Leser/innen fast dazu, ihre eigene Biografie zu ihm (oder seiner Autorin) in Bezug zu setzen, wie ich das eingangs getan habe. Es beinhaltet unglaublich viele Aspekte – die einzeln gelesen oder eben als „großes Ganzes“ gesehen werden können. Zu Fragen, die uns wirklich alle angehen. Sei es, weil wir älter werden, oder nicht wissen, wie wir mit Hilfsbedürftigkeit umgehen sollen, mit Armut oder „dem Fremden“, von der optimalen Nachbarschaft oder gleich einer „besseren Welt“ träumen, noch immer keinen Weg gefunden haben, um unser vielleicht ganz verstecktes Bedürfnis nach Spiritualität zu leben, gern ehrenamtlich sinnvoll aktiv werden wollen, oder, oder… Jede/r von uns wird es vermutlich anders lesen. Und aus all diesen Gründen finde ich, dass es ein wirklich wichtiges Buch ist.

http://unruhewerk.de/christsein/

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Interview auf der Frankfurter Buchmesse zu „Aufbrüche in Umbrüchen“

22.10.2016

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Live von unserer Buchpräsentation zu „Aufbrüche in Umbrüchen“, gerade auf der Bühne der Deutschen Bibelgesellschaft bei der Frankfurter Buchmesse. Dort plaudern die Autorin Cornelia Coenen-Marx und Benjamin Lassiwe (gerade noch als Journalist bei der Israel-Pilgerreise von EKD und katholischer Bischofskonferenz). Über Neuanfänge im eigenen Leben, über das Engagement in Kirche und Gesellschaft.

https://m.facebook.com/EditionRuprecht/photos/a.166041586780905.47402.166032030115194/1287729357945450/?type=3&source=57&ref=m_notif¬if_t=like

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Hofgeismar / Kassel / Hannover, 15. September 2016

„Der Tod ist auch eine kulturell definierte Größe“

Tagung will öffentlichen Diskurs über den Zusammenhang von Hirntod und Organspende anstoßen

Sind für hirntot erklärte Menschen Tote oder Sterbende? Dieser Frage ging gestern auf einem gemeinsamen Studientag der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, der Evangelischen Frauen in Deutschland e.V. (EFiD) und der Evangelischen Akademie Hofgeismar ein Fachpublikum aus Theologie, Medizin und Recht nach.

„Der Tod, so merkwürdig es auf den ersten Blick klingt, ist nicht nur ein biologisches Widerfahrnis, sondern auch eine kulturell definierte Größe“, eröffnete Prof. Dr. Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, die Tagung. Die Möglichkeiten der modernen Medizin, so Hein, hätten dies bei der Fragestellung der Organspende in den Blickpunkt gerückt: „Sind Hirntote Tote oder Sterbende und wann können Organe entnommen werden?“ Wie schwierig diese Frage sei, zeige sich zum Beispiel daran, dass auch der Deutschen Ethikrat keine abschließende Position bezogen, sondern zwei unterschiedliche Voten formuliert habe. Dieser Dissens zeige, so Hein, der selbst Mitglied des Rates ist, dass der öffentliche Diskurs zu diesem Thema weiterhin geführt werden müsse.

Die Position der Evangelischen Frauen in Deutschland machte deren Vorsitzende Susanne Kahl-Passoth deutlich. „Wir sind der Meinung, dass hirntote Menschen Sterbende sind.“ Es gehe hierbei um Fragen, die keinesfalls nur medizinisch beantwortet werden könnten. Diese bedürften mindestens ebenso sorgfältiger ethischer und rechtlicher Überlegungen und Abwägungen, so die Theologin. „Wir müssen und wollen unsere besondere Kompetenz für Fragen der menschlichen Würde von Anfang bis Ende des Lebens in diesen Diskurs einbringen“, stellte Kahl-Passoth klar.

Oberkirchenrätin i.R. Cornelia Coenen-Marx, die bis 2015 das Referat für Gesellschafts- und Sozialpolitik der EKD leitete, stellte die von René Descartes eingebrachte Trennung von Geist und Körper in Frage: „Biblisch gibt es diese scharfe Trennung nicht.“ Dies habe klare Konsequenzen, da es somit keine Verfügbarkeit über den Körper gebe und eine seelsorgerliche Begleitung gewährleistet sein müsse. Angehörige seien oftmals sehr kurzfristig mitbetroffen und trotzdem zwingend in den Prozess der Organentnahme einzubinden.

Der Jurist Prof. Dr. Wolfram Höfling, ebenfalls Mitglied im deutschen Ethikrat, wertete gemeinsam mit Bischof Hein das Hirntodkriterium „als notwendiges aber nicht hinreichendes Todeskriterium“. Da man bei hirntoten Patienten nicht von Leichen sprechen könne, müsse sich auch von der sogenannten „dead-donor-rule“ verabschiedet werden, die eine Organentnahme nur bei Toten erlaubt. Wichtiger sei eine wirklich gute Informationskultur zu dem Thema und eine freiwillige Vorabeinwilligung in die Explantation. 

Direktor Karl Waldeck von der Evangelischen Akademie Hofgeismar wertete die heutige Veranstaltung als Indiz dafür, dass bei weitem noch nicht alle Fragen zu den Themen Tod, Hirntod und Organspende geklärt seien. Eine einschlägige Statistik vom Juni diesen Jahres zeige, dass zwar 81 % der Befragten der Organspende eher positiv gegenüberständen, aber nur 32 % einen Organspendeausweis besäßen. Waldeck warnte davor, als alleinige Ursache für diese augenscheinliche Diskrepanz eine mangelnde Öffentlichkeitsarbeit anzusehen.

 

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Einladung zum Pressegespräch:

Mittwoch, 14. September, 11.45 bis 12.15 Uhr, im Haus der Kirche, Kassel

Tagung der Evangelischen Akademie Hofgeismar zur Organspende

11.45 Uhr bis 12.15 Uhr im Raum 104

Ihre Gesprächspartner sind:

  • Bischof Prof. Dr. Martin Hein, Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck
  • Cornelia Coenen-Marx, Oberkirchenrätin a.D.
  • Direktor Pfarrer Karl Waldeck, Evangelische Akademie Hofgeismar

Weitere Informationen hier

erschienen: Zeitschrift “Anstöße” der Evangelischen Akademie Hofgeismar

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erschienen: http://www.zdk.de

Ehrenamt als Teilhabeschlüssel

Der neue Freiwilligensurvey

Als im Frühjahr dieses Jahres der neue Freiwilligensurvey (FWS) erschien, war das Datenmaterial zum Teil überholt – jedenfalls was das TOP-Thema des Jahres 2015 angeht, das freiwillige Engagement von und für Migranten. Denn das Material dieses 4. Surveys wurde zwischen April und November 2014 erhoben; immerhin aber zum ersten Mal auch in fremdsprachigen Interviews in englischer, türkischer, arabischer, polnischer und russischer Sprache. 17,4 Prozent der Befragten in den im Schnitt halbstündigen telefonischen Interviews hatten Migrationshintergrund und immerhin 31,6 Prozent der Bürgerinnen und Bürger mit Migrationshintergrund sind freiwillig engagiert – nach dem Sport ganz besonders in Schulen und Kindergärten. Allerdings nehmen sie seltener als Menschen ohne Migrationshintergrund Leitungsaufgaben wahr. Nach der starken Zuwanderung im letzten Jahr liegt hier eine große Integrationsaufgabe auch für kirchliche Bildungseinrichtungen: Ehrenamt ist wie Erwerbsarbeit ein Schlüssel zu Integration und Teilhabe.

Der Freiwilligensurvey bildet nicht so sehr aktuelle Prozesse ab; er analysiert die langfristigen Veränderungen der ehrenamtlichen Arbeit – sowohl im Blick auf die individuellen Ressourcen, Geschlecht, Alter, Bildungs- und Erwerbsstatus als auch hinsichtlich der regionalen und kulturellen Rahmenbedingungen. Die Kontinuität der Fragestellungen in den vier Wellen des Surveys ermöglicht einen differenzierten Blick auf diese Themen im Zeitvergleich – und damit auf den gesellschaftlichen Wandel, der sich im Ehrenamt zeigt und auch für die Kirchen von großer Bedeutung ist. Eins der wichtigsten Ergebnisse: 31 Millionen engagieren sich; das ehrenamtliche Engagement in Deutschland ist konstant stabil, selbst wenn über die erhobene Prozentzahl im Detail gestritten wird.

Sorgenetze und Leitungsaufgaben

Zum ersten Mal wurde die informelle, außerfamiliale Unterstützung in Freundschaft und Nachbarschaft abgefragt, soweit sie eben unentgeltlich und außerhalb beruflicher Tätigkeiten erfolgt. Es geht also nicht um gering bezahlte „Jobs“ in der Pflege – auch wenn der Übergang manchmal unscharf und der gesellschaftliche Druck gerade hier immens ist. Gleichwohl wird deutlich: solche wechselseitigen Unterstützungsleistungen verbessern die Lebensqualität aller Beteiligten. Immerhin 26,2 Prozent geben an, dass sie nachbarschaftliche Hilfe bei Einkäufen, Handwerksdiensten bis Kinderbetreuung erbringen –  und es sind, bis auf die Unterstützung Pflegebedürftiger, mehr Männer als Frauen und eher Jüngere als Ältere. Die vielen Modelle von Quartiersarbeit und Sorgenetzwerken und Diakonie und Caritas zeigen: die gleichwohl nötigen Hintergrundstrukturen zu stärken und Vernetzungsangebote zu schaffen, ist eine wichtige Zukunftsaufgabe der Kirchen. Das gilt besonders im ländlichen Raum, wo die Vereine mit ihrem Ehrenamt nach wie vor der zentrale Faktor für sozialen Zusammenhalt sind.

Angesichts der Pluralisierung und Unüberschaubarkeit gesellschaftlicher Prozesse gewinnen die persönlich unterstützenden und beratenden Hilfeleistungen auch gegenüber der eher praktischen Arbeit an Gewicht – ebenso die administrativen Tätigkeiten von der Mittelbeschaffung bis zur Öffentlichkeitsarbeit. Was aber, wenn sich nicht mehr hinreichend Vorstandsmitglieder in einem Verein oder einer Initiative finden? Der FWS zeigt deutlich, dass die Beteiligung an Leitungsfunktionen von 38,2 Prozent 1999 auf 27,5 Prozent 2014 zurückgegangen ist – möglicherweise die Folge einer sinkenden Bereitschaft, organisationelle Verpflichtungen zu übernehmen. Dabei spielen allerdings auch die beruflichen Mobilitäts- und Flexibilitätserwartungen eine Rolle. Bei den Fusionen von Organisationen und Verbänden wachsen gleichzeitig die Anforderungen an Leitung – und auch die vielen kleinen Initiativen könnten nicht funktionieren ohne ein erhebliches Maß an Professionalisierung von Fundraising bis zur Interessenvertretung. Auf diesen Zusammenhang von Organisationsentwicklung und Ehrenamtsentwicklung zu achten – und übrigens auch Engagementforschung und Organisationsforschung neu aufeinander zu beziehen – ist eine weitere Herausforderung für Kirchen, Diakonie und Caritas. Noch immer ist die traditionelle Geschlechterhierarchie spürbar: 21,7 Prozent der Frauen und 33 Prozent der Männer übernehmen Leitungsfunktionen. Wie schon in den vorangegangenen Erhebungswellen zeigt sich aber: der Geschlechterunterschied spielt bei den 30-bis 39-Jährigen (21,4 zu 30,9 Prozent) schon eine weit geringere Rolle als bei den über 65-Jährigen (19,4 zu 38,8 Prozent). Schwerer scheint zukünftig der Einfluss sozialer Ungleichheiten wie Gesundheit und Bildung zu wiegen. Auch hier sind die Kirchen und ihre Verbände gefragt: gerade in Leitungsfunktionen sind Ehrenamtliche auf Fortbildung, Austausch und Informationen, aber zunehmend auch auf organisationelle Entlastung angewiesen.

Beruf, Familie, Ehrenamt

Dem Paradigmenwechsel zum “neuen Ehrenamt” zum Trotz liegt die durchschnittliche Dauer des Engagements noch immer bei 10,2 Jahren – bei Männern sind es sogar 11,2, bei Frauen nur 9,1 Jahre. Hier schlägt bereits der Bildungsunterschied deutlich zu Buche: während niedriger Gebildete 15,4 Jahre lang „dabeibleiben“, beenden höher Gebildete ihr Engagement im Schnitt nach 9,1 Jahren. Dabei engagiert sich immerhin ein knappes Drittel täglich oder jedenfalls mehrfach in der Woche ehrenamtlich und immer noch jeder zweite mehrmals im Monat. Über die Jahre zeigt sich allerdings: während die Vielfalt der ehrenamtlichen Tätigkeiten zunimmt, nimmt der Stundenumfang seit 2004 kontinuierlich ab. Einer der wichtigsten aufgabenbezogenen Gründe, ein Ehrenamt zu beenden, liegt denn auch in einem zu hohen zeitlichen Aufwand. Dabei spielt bei fast jedem Zweiten die berufliche Situation eine Rolle – und mit 47,6 Prozent zeigt sich hier eine starke Steigerung von einem Drittel auf die Hälfte der Befragten. Bei einem knappen Drittel – 28,1 Prozent, nach wie vor zumeist bei Frauen – geht es um die Vereinbarkeit mit der Familie. Angesichts der zunehmend selbstverständlichen Frauenerwerbstätigkeit wird das Thema Vereinbarkeit von Beruf, Engagement und Familie, das zwischen 2009 und 2015 immer wieder Thema bei den ökumenischen Ehrenamtskongressen war, auch für die Kirchen wichtiger. Seit dem letzten Survey hat sich die Zahl derer verdreifacht, die angeben, dass ihre ehrenamtliche Tätigkeit von Anfang befristet war; hier zeigt sich tatsächlich der Vormarsch des neuen, projektorientierten Ehrenamts. Es lohnt sich, diese Entwicklungen mit denen auf dem Arbeitsmarkt zu vergleichen: hier wie da nehmen Aufgabenvielfalt und Arbeitsintensität zu, Elektronik und Rationalisierung werden immer wichtiger. Und wie auf dem Arbeitsmarkt gibt es auch im Ehrenamt einen noch wenig beachteten Trend zu kleinen Start-Ups: immerhin 10 Prozent der Ehrenamtlichen sind nicht durch Einrichtungen oder Vereine „organisiert“ – sie vernetzen sich spontan über soziale Netzwerke und fordern damit gerade die Verbände heraus.

Nach wie vor geht es im Ehrenamt aber um andere Werte als in der Erwerbstätigkeit. Hier zählen Wohlbefinden und Gemeinwohlorientierung: „Spaß haben“ (93,9 Prozent), Menschen helfen (81,9 Prozent) und Gesellschaft verändern (91 Prozent) stehen im Vordergrund. Der Wunsch, Qualifikation und Einfluss zu gewinnen (51,5 bzw. 31,5 Prozent), treten deutlich dahinter zurück. Wie weit sich allerdings die Motive bei Leitenden und anderen Ehrenamtlichen unterscheiden, ist noch zu wenig erforscht. Keinen Zweifel gibt es, wie Menschen für ein Ehrenamt gewonnen werden: neben den Netzwerken spielen Personen mit hoher Akzeptanz und Vertrauen vor Ort eine entscheidende Rolle. Solche haupt- wie ehrenamtlichen „Schlüsselpersonen“ weiter zu qualifizieren, haben sich die Kirchen mit Programmen für Ehrenamtsmanagement und Ehrenamtskoordinatoren vorgenommen. Das gilt es in den nächsten Jahren mit Zeit- und Mitteleinsatz fortzuführen. Politisch aber sollten die Kirchen sich einsetzen für eine bessere Verknüpfung der Erhebungen (nicht nur) im Freiwilligen- und Alterssurvey. Die Diskussion über Unstimmigkeiten in diesem Zusammenhang hat den Blick auf wichtige gesellschaftliche Entwicklungen im Ehrenamt geschwächt.

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erschienen: futur2: www.futur2.org

 

Stabilitätsfaktor mit prophetischer Erinnerung

Der Beitrag der Kirche zu Teilhabe und Gerechtigkeit

Unsere Gesellschaft differenziert sich weiter aus, sie wird bunter, aber sie spaltet sich auch – ökonomisch, sozial und kulturell. Die Bedeutung von Erwerbsarbeit steigt – zugleich aber nehmen die wirtschaftlichen und sozialen Ungleichgewichte zu. Das wird sichtbar bei der Einkommens- und Vermögensentwicklung und geht weiter mit der Verteilungsgerechtigkeit: Eltern kleiner Kinder, Frauen und Männer, die Angehörige pflegen, chronisch Kranke oder Menschen mit Behinderung arbeiten oft nur in Teilzeit oder in prekären Beschäftigungsverhältnissen und müssen am Ende von geringen Renten leben.


Teilhabe und Erwerbsarbeit

Dass Teilhabe in unserer Gesellschaft wesentlich an Erwerbsarbeit oder eben zunächst einmal an Schule und Bildung gekoppelt ist, ist nicht unproblematisch. Für Arbeitslose, Rentner, Familienfrauen kann das bedeuten, sozial ins Aus zu geraten – obwohl sich gerade unter den jungen Alten und sozial engagierten Frauen viele finden, die sich für gesellschaftlichen Zusammenhalt engagieren können. Die Bedeutung der aktiven Teilhabe im bürgerschaftlichen Engagement wird in jüngsten Zeit politisch hervorgehoben; übersehen wird dabei leicht, dass man sich auch ein Ehrenamt leisten können muss. Sozial Engagierte, das zeigen alle Studien, sind in der Regel gut situiert, gut gebildet und gut vernetzt – während die, die gesellschaftlich benachteiligt sind und keinen Zugang zum Arbeitsmarkt finden, auch keine Möglichkeit sehen, sich ehrenamtlich zu engagieren. Das liegt an ihrer ökonomischen Situation, aber auch daran, dass man Kontakte braucht, um Zugang zum Engagement zu finden – in einem Verein, beim Sport oder auch in einer Kirchengemeinde. Auch hier gilt das „Matthäusprinzip“: Wer hat, dem wird gegeben. Inzwischen entwickelt sich ein neuer Graubereich zwischen Erwerbsarbeit und Ehrenamt – 450-Euro-Jobs, Bundesfreiwilligendienst, Bürgerarbeit, Übungsleiterpauschale – auf den nicht zu Unrecht kritisch gesehen wird. Denn die Gefahr, dass diese kleinen „Jobs“ an die Stelle beruflicher Beschäftigung treten, ist nicht von der Hand zu weisen. Gleichwohl bieten sie Benachteiligten derzeit eine Möglichkeit, über das Engagement in eine Gemeinschaft und damit zur Teilhabe zu finden.

»Die Bedeutung von Erwerbsarbeit steigt – zu‐ gleich aber nehmen die wirtschaftlichen und sozialen Ungleichgewichte zu.«

Hartz-IV-Empfängern, Jugendlichen ohne Abschluss, Älteren mit geringen Renten ist eins gemeinsam: sie haben das Gefühl, dass es auf sie nicht ankommt, dass sie „abgehängt“ sind. Ähnlich geht es denen, die sich im eigenen Land nicht mehr zu Hause fühlen, weil sie die gesellschaftlichen Veränderungsprozesse nicht nachvollziehen können – selbst, wenn sie sich ökonomisch nicht unmittelbar sorgen müssen. Und wie sieht es mit denen aus, die aus hoffnungslosen Kriegs- und Armutssituationen im Nahen Osten oder in Nordafrika zu uns geflohen sind? Können sie mittelfristig auf Bildung, Arbeit und Teilhabechancen hoffen? Finden sie offene Türen in der Nachbarschaft , geben Vereine oder Gemeinden ihnen das Gefühl, gebraucht zu werden? Die „Abgehängten“ zur Teilhabe zu ermutigen, ist entscheidend; wenn die gesellschaftliche Entwicklung vor allem den Interessen der Mittelschicht oder gar der privilegierten und informierten Elite folgt, wird sich die Spaltung verfestigen. Dabei haben die Kirchen eine wichtige Mittlerfunktion – schließlich sind sie noch immer in allen Schichten und verschiedenen Milieus verankert, auch wenn sie in den Augen vieler Betroffener zu „denen da oben“ zählen.

 

Die Kirchen haben eine Mittlerfunktion

Aber gerade darum können Kirchen auch dazu beitragen, die notwendigen Prozesse der gesellschaftlichen Integration, besser noch der Inklusion mit zu gestalten: Wir müssen lernen, Vielfalt zu akzeptieren, nicht nur zu tolerieren. Gleich ob es um die soziale, ethnische oder nationale Herkunft geht, um verschiedene Bildungskarrieren oder Lebenslagen – wir müssen Schwellenängste abbauen und Gleichgültigkeit überwinden, respektvoll miteinander umgehen. Es geht darum, miteinander zu wohnen, zu arbeiten, Sport zu treiben – und auch Gottesdienst zu feiern, statt Parallelstrukturen zu entwickeln. Denn nicht nur die Integration in die Erwerbsarbeit ist ja eine entscheidende Frage, auch die Segregation der Wohnquartiere erschwert das Zusammenleben. Und selbstverständlich sind auch Kirchengemeinden von der zunehmenden Spaltung betroffen: Kulturkirchen mit zahlreichen interessanten Events stehen Gemeinden gegenüber, die kaum noch Mittel für hauptberufliche Arbeit haben, zugleich aber in Wohnquartieren leben, in denen besonders viele Menschen auf Hilfe angewiesen sind. Dass es hier einen Ausgleich braucht, eine bessere Zusammenarbeit auch von Kirche, Diakonie und Caritas mit anderen Trägern und Initiativen, scheint selbstverständlich. Das ökumenische Projekt „Kirche findet Stadt“, das genau solche Modelle fördert, zeigt allerdings, wie mühsam dieser Weg ist.

»Selbstverständlich sind auch Kirchengemeinden von der zunehmenden Spaltung betroffen.«

Dabei gehören die Bilder und Geschichten vom Miteinander der Verschiedenen, von grenzüberschreitender Barmherzigkeit, wechselseitiger Sorge und geschwisterlicher Teilhabe zu den grundlegenden und modellhaften Erzählungen des Neuen Testaments. Die erste Gemeinde in Jerusalem teilt ihre Güter und hält täglich Tischgemeinschaft – mit Männern und Frauen, Juden und Griechen, Einheimischen und Zugereisten. Denn „sie sind alle eins in Christus“. Trotzdem ist es bei uns keinesfalls selbstverständlich, dass einheimische und Migrantengemeinden zusammen Gottesdienst feiern oder dass Menschen mit Behinderung in einem Kirchenvorstand sitzen – und auch wer zurückschaut, wird sich eingestehen müssen, dass zur Kirchengeschichte immer neue

Exklusions- und Abgrenzungsmechanismen gehören. Und dass das schon in der „Urgemeinde“ anfängt – mit den griechischen Witwen, die am gemeinsamen Tisch in Jerusalem zu kurz kommen und zunächst keine Lobby haben. Auch die große und ermutigende Geschichte von Diakonie und Caritas im 19. Jahrhundert ist janusköpfig: einerseits innovativ, was die Wertschätzung von Menschen mit Behinderung, Pflegebedürftigen oder überforderten Familien angeht, andererseits aber exkludierend mit Anstaltsgründungen, in denen sich „Sonderwelten“ entwickelten – Parallelgesellschaften, um den heutigen Sprachgebrauch aufzugreifen.

Dezentralisierung sozialer Fürsorge

Heute geht es darum, die Bewegung umzukehren und die sozialen Dienstleistungen zurück zu bringen in die Nachbarschaften und Quartiere, in die Regelschulen und Firmen, Begegnungsplattformen zur Verfügung zu stellen – ohne allerdings das Fachwissen zu verlieren und die Qualität der professionellen Arbeit zu senken. Diese Prozesse sind ohne zivilgesellschaftliche Initiativen und gut genknüpfte Netzwerke zwischen den unterschiedlichen Organisationen kaum möglich – zugleich aber sind die „Sorgenden Gemeinschaften“ der Bürgerinnen und Bürger auf professionelle Koordination und auf öffentliche Räume der Begegnung angewiesen. In der Flüchtlingsarbeit wird das zurzeit besonders deutlich. Hier können die Kirchen mit ihren Gemeindezentren, ihren beruflich Mitarbeitenden und der Vernetzung im Quartier einen wesentlichen Beitrag leisten, um die meist nur kurzfristig finanzierten Projekte zu stabilisieren.

»Die Bilder und Geschichten vom Miteinander der Verschiedenen, von grenzüberschreitender Barmherzigkeit, wechselseitiger Sorge und geschwisterlicher Teilhabe zu den grundlegenden und modellhaften Erzählungen des Neuen Testaments.«

Mit ihrer Nähe zu den Menschen im Wohnquartier – auch und gerade zu Älteren, Familien, Kranken – lebt Kirche in einem anderen „Zeitregime“ als Unternehmen und Dienstleister – besser gesagt: Kirchengemeinden leben in einem anderen Zeitrhythmus auch als ihre diakonischen oder caritativen Unternehmen, die von der Refinanzierung aus Sozialkassen oder Kommunen abhängen. Klar ist: die Sorge für andere – Care-Arbeit also – braucht einen langen Atem genauso wie gesellschaftliche und politische Teilhabeprozesse. In unserer auf Effektivität und Effizienz ausgerichteten Arbeit wird es zunehmend schwieriger, die dafür notwendige Zeit zur Verfügung zu stellen. Das gilt leider auch für die Kirche selbst. Während die Strategie- und Reformprozesse professioneller werden, die Angebote besser auf den Markt abgestimmt, nehmen o die Mitbestimmungsmöglichkeiten von Engagierten bei der Entwicklung von Gemeindeprofilen, bei Kirchenumbauten oder bei der Bildung von pastoralen Großräumen ab. Ob es gelingt, die Spannung zwischen Strategie und Teilhabe zu halten, wird eine entscheidende Zukunftsfrage sein.

Die Rolle der Kirchen in der Gesellschaft

Christinnen und Christen sind stark darin, immer wieder neue, heterope und unangepasste Modelle des Miteinanders zu entwickeln: in den Arche-Gemeinschaften, in Hospizen, im Sharehouse, in einer Flüchtlingskirche. In allen diesen Projekten geht es um die Überschreitung traditioneller Grenzen und die Teilhabe Exkludierter. Sie machen die Idee der ersten Jerusalemer Gemeinde in aller Frische sichtbar – wie eben aus der Taufe gehoben. Aber auch in der täglichen Arbeit mit Familien, Migranten, Demenzkranken im Quartier kann deutlich werden: dass Menschen sich wieder aufrichten können und ihren Platz finden, hat mit dem Glutkern der Spiritualität zu tun. Und was für das Christentum zentral ist, findet Entsprechungen zum Beispiel auch im Islam. Kirchen sind Träger des religiösen Gedächtnisses wie der interreligiösen Kompetenz und stehen für die Verankerung sozialer Grundwerte im Narrativ unseres Landes – sie sind ein Stabilitätsfaktor mit einer prophetischen Erinnerung, Veränderungskraft und Mittler zugleich. Denn die grundlegenden Vorstellungen von Gerechtigkeit und Teilhabe in unserer Kultur sind auf christlich-jüdischen Hintergrund entstanden.

»Christinnen und Christen sind stark darin, immer wieder neue, heterope und unangepasste Modelle des Miteinanders zu entwickeln.«

Diese Rolle der Kirche überlappt sich zum Teil mit der anderer gesellschaftlicher Funktionsbereichen – mit Erziehung, Bildung und Rechtssystem mit Wohlfahrtsorganisationen und politischen Parteien. Es ist gut, dass in allen diesen Systemen bewusste Christinnen und Christen arbeiten. Vielleicht kommt es deshalb auf Dauer nicht darauf an, dass die Kirchen das gesamtgesellschaftliche System mit all ihren Organisationsformen und Vereinen abbilden und zum Teil doppeln – vielleicht muss es also keinen kirchlichen Wohnungsbaufirmen oder Gewerkschaften geben, vielleicht auf Dauer nicht einmal kirchliche Kliniken. Wesentlich ist, dass Christinnen und Christen in diesen Arbeitsfeldern ermutigt werden, an ihrer Motivation festzuhalten und sich zu engagieren. Dass Kirche also die Vielfalt und die Kompetenzen ihrer aktiven Mitglieder anerkennt und würdigt.

Ein wesentlicher Au rag auch für die Zukunft ist deshalb aus meiner Sicht die Begleitung und Ermutigung zivilgesellschaftlicher Initiativen, die Bereitstellung von Begegnungsorten im öffentlichen Raum, die Vernetzung mit anderen Organisationen und Experten, die Beratung und Begleitung von Einzelnen und Gruppen und die Bereitschaft , Stimme der Exkludierten zu sein. Kirche muss sich als profilierter Teil der Zivilgesellschaft begreifen. Nichts kann uns daran hindern – es sei denn die Wagenburgmentalität und Milieuverengung – wie sie o mit Umbrüchen einhergehen. Vielleicht ist es gut, wenn wir das kennen und reflektieren – denn gerade darum geht es ja: Menschen in Umbrüchen zum Aufbruch zu ermutigen.

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NEB_103_082016_Interview_C_01

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„Stabilitätsfaktor mit prophetischer Erinnerung“

Der Beitrag der Kirche zu Teilhabe und Gerechtigkeit

Unsere Gesellschaft differenziert sich weiter aus, sie wird bunter, aber sie spaltet sich auch – ökonomisch, sozial und kulturell. Die Bedeutung von Erwerbsarbeit steigt – zugleich aber nehmen die wirtschaftlichen und sozialen Ungleichgewichte zu. Das wird sichtbar bei der Einkommens- und Vermögensentwicklung und geht weiter mit der Verteilungsgerechtigkeit: Eltern kleiner Kinder, Frauen und Männer, die Angehörige pflegen, chronisch Kranke oder Menschen mit Behinderung arbeiten oft nur in Teilzeit oder in prekären Beschäftigungsverhältnissen und müssen am Ende von geringen Renten leben …

Weiterlesen unter: www.futur2.org

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eaA-in-Frankfurt,-Bericht

 

„Engagement bedeutet Teilhabe“

Ehrenamtsakademie der Evangelischen Kirche in Frankfurt eröffnet

eaA in Frankfurt, Bericht als PDF

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Foto:© Klaus Ulrich Ruof, EmK-Öffentlichkeitsarbeit

Samstag, 19. März 2016
Erschienen unter: www.emk.de

 

»Der Mann kann sich verständlich machen«

Bei der Podiumsdiskussion zur Neuausgabe von Wesleys Lehrpredigten waren sich die Teilnehmer einig: die Themen von Wesleys Predigten sind hochaktuell.

Im Rahmen einer Podiumsdiskussion bei der Leipziger Buchmesse am gestrigen Freitag, wurde die Neuausgabe der Lehrpredigten John Wesleys erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Dazu brachte Friederike Ursprung, Redakteurin bei der Sächsischen Landesanstalt für privaten Rundfunk, den Übersetzer und Herausgeber Manfred Marquardt ins Gespräch mit drei Personen, die Auszüge aus dem im April erscheinenden Werk vorab lesen konnten.

Christoph Barnbrock, Professor für Praktische Theologie an der Lutherischen Theologischen Hochschule der SELK in Oberursel, fand Wesleys Predigten »durchaus anstößig, aber konkret«. Wesley komme auf den Punkt. »Wer‘s liest, weiß, er ist gemeint«, war sein Fazit aus der Lektüre. Als lutherischer Theologe riet er »die Goldkörner zu entdecken und für den eigenen Glauben mitzunehmen«.

»John Wesley hat keine Berührungsängste mit der Welt, aber er hat klare Kriterien zum Umgang mit weltlichen Dingen«, war der erste Kommentar von Cornelia Coenen-Marx zu Wesleys Predigten. Der ehemaligen Sozialreferentin der EKD und Geschäftsführerin der »Kammer für soziale Ordnung« der EKD waren besonders die Stellen ins Auge gesprungen, in denen Wesley die biblische Botschaft auch mit gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Konsequenzen konkretisiert. Bei Wesleys Predigt zum Umgang mit Geld habe sie besonders »die Sachlichkeit der Thesen und die Einfachheit der Kriterien zur Konkretion« beeindruckt. Diese Themen könnten heute durchaus »gepostet und ins Netz gestellt werden, das würde zur Diskussion anregen«.

Für den Kirchgengeschichtler Klaus Fitschen gehört die Wirkungszeit Wesleys gar nicht zum Schwerpunkt seines Lehrauftrags an der Universität Leipzig. Trotzdem war der Professor für Neuere und Neueste Kirchengeschichte geradezu von Wesleys Predigtstil beeindruckt. »Der Mann kann sich verständlich machen, was man heute nicht immer von Predigten sagen kann.« Und als lutherischer Theologe kommentierte er anerkennend: »Wesley gibt aber auch klar Rechenschaft über seine Kriterien.« Endlich gebe es diese Predigten »in einer schönen Aufmachung«.

Manfred Marquardt, vor seinem Eintritt in den Ruhestand Professor für Dogmatik und Ethik am Theologischen Seminar der Evangelisch-methodistischen Kirche (heute Theologische Hochschule Reutlingen) und langjähriger Rektor dieser Einrichtung, verschrieb sich als profunder Wesleykenner der Neuausgabe der Lehrpredigten John Wesleys. Marquardts Wunsch ist nun, »dass die Menschen in unseren Gemeinden Wesley als Gesprächspartner verstehen«. Das habe Wesley selbst so gewollt. »Seine Predigten waren und sind eine Einladung zum Gespräch und zum Vergleichen.« Deshalb sollten sich besonders Hauskreise und Bibelgesprächsgruppen mit den Lehrpredigten beschäftigen. »Es lohnt sich, die Predigten zu lesen«, sagt Marquardt, der nach über sechsjähriger Arbeit mit dem Druck des 800-seitigen Werkes seine umfangreichste Ruhesandsaufgabe abschließt.

Klaus Ulrich Ruof

 

John Wesley. Lehrpredigten, herausgegeben und neu übersetzt von Manfred Marqardt, 816 Seiten ISBN 978-3-8469-0248-6, Preis steht noch nicht fest, Verlag Edition Ruprecht
Die Lehrpredigten John Wesleys waren ab 1975 auf Beschluss des Rates der Zentralkonferenzen in Europa in einem 9-bändigen Sammelwerk erschienen. Dazu war eine Autorengruppe aus den beiden Zentralkonferenzen Ost- und Westdeutschland und der Schweiz gebildet worden. Deren Ergebnisse wurden unter der Endredaktion von Gotthard Falk, Robert Gebhart, Hartmut Handt, Karsten Mohr und Helmut Robbe sukzessive veröffentlicht. Nachdem die letzten Exemplare dieser Ausgabe seit 2007 vergriffen waren, stellte sich die Frage nach einer Neuausgabe. Manfred Marquardt nahm sich dieser Aufgabe an, die nach einer ersten Durchsicht mit dem Ziel einer Neuausgabe mit nur wenigen Änderungen zu einer Neubearbeitung und umfangreichen Neuübersetzung führte.

 

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Artikel von Dr. Renate Hauser (August 2015) ist erschienen unter:

www.renatehauser.de/news/die_wegbereiterin.html

Cornelia Coenen-Marx (62): Die Wegbereiterin

Als Cornelia Coenen-Marx 1979 in Mönchengladbach Gemeindepfarrerin wurde, war sie dort die erste Frau in diesem Amt. „In der patriarchal geprägten Kultur der evangelischen Kirche war so etwas absolut nicht die Regel.“ Eine Frau auf dem Stuhl des Pastors“ titelte die „Rheinische Post“. Damals war die Frau im Pfarrhaus normalerweise die „Pfarrfrau“, gerne auch mit Nachwuchs. Ein Mitglied des für die Besetzung der Pfarrstelle zuständigen Presbyteriums ließ sie nicht in Zweifel darüber, dass eine Seelsorgerin mit Kindern für ihn nicht vorstellbar sei. „Sie können schließlich nicht schwanger an einem Grab stehen!“

Reformfreude als Erfahrung im Elternhaus

Mit Ablehnung und Widerständen gegen neue Entwicklungen hat sich Coenen-Marx von früh an vertraut machen können. Großvater und Vater waren Pfarrer, beide reformfreudig. „So machte sich mein Vater für die Konfirmation ab 18 Jahren stark, da er der Meinung war, ein junger Mensch könne erst in diesem Alter über ein Für oder Wider entscheiden.“ Als Quittung dafür warf ein erbostes Gemeindemitglied einen Stein durch eine Fensterscheibe des Pfarrhauses. Dem Mut der Frau mit den kurzen roten Locken tat dies keinen Abbruch. „Abwarten, bis sich Veränderungen von selbst ergeben: Das liegt mir nicht. Man muss seinen eigenen Weg finden, sich einmischen und auch einmal eine Vorreiterrolle spielen.“

„Ich liebe es, die Wirklichkeit in verschiedenen Dimensionen auszuloten.“

Auf ihrem beruflichen Weg war sie immer wieder mit Veränderungsprozessen konfrontiert – nicht nur in unterschiedlichen Leitungspositionen, sondern auch dann, wenn sie neue Aufgabenbereiche übernahm oder von einer Organisationskultur in eine andere wechselte. So pendelte sie auf der Spur „eines neuen diakonischen und theologischen Selbstverständnisses“ von der Gemeindearbeit in einen Spitzenverband, von dort ins Landeskirchenamt, dann wieder in ein diakonisches Unternehmen und schließlich ins Kirchenamt der Evangelischen Kirche Deutschlands. Das empfand sie eher als abwechslungsreich und anregend, denn als anstrengend. „Ich liebe es, die Wirklichkeit in verschiedenen Dimensionen auszuloten und unterschiedliche Organisationen, Berufe und Denkweisen kennen zu lernen.“

Umbrüche als Chance für Weiterentwicklungen

Trotz aller Schwierigkeiten erachtet sie Umbrüche als Chance für die Weiterentwicklung von Personen und Organisationen. „Beim Formulieren und Umsetzen neuer Ziele, durch das Aufsetzen unkonventioneller Projekte und im Rahmen ungewohnter Kooperationsprozesse können ein neues Selbstverständnis und ein neues Gemeinschaftsmodell entstehen.“ Als sie 1998 an die Spitze der Kaiserswerther Diakonie berufen wurde, erlebte sie dies hautnah. Mit einem Krankenhaus und Altenhilfeeinrichtungen, Jugendhilfe und Sozialpsychiatrie, Schulen für Pflege und Pädagogik, vielen Kultureinrichtungen und insgesamt mehr als 2000 Mitarbeitenden gehörte die Einrichtung schon damals zu den größten diakonischen Sozial- und Gesundheitsunternehmen Deutschlands.

„Macht ist die Voraussetzung für Gestaltung und Veränderung.“

Zum einen wurde sie dort Vorsteherin der Schwesternschaft, wobei die meisten Diakonissen bereits „im Feierabend“ waren. Zum anderen fungierte sie, wiederum als erste Frau, als theologischer Vorstand der gesamten Einrichtung. „Damit wollte die Leitungsebene nicht nur eine Stelle einsparen. Mit einer Frau an der Spitze sollte ein klares Zeichen für einen Neuanfang gesetzt werden“, resümiert Coenen-Marx. Ihre Machtposition machte sie nicht bange. „Für mich ist Macht die Voraussetzung für Gestaltung und Veränderung. Dazu braucht es Einfluss und eine Position, die diesen verstärkt. Wer allerdings nur auf die funktionale Positionierung setzt, kann Veränderungsprozesse kaum nachhaltig bewirken. Es braucht gute Ideen und Konzepte, Überzeugungskraft und die Bereitschaft, als Vorbild zu wirken Im Übrigen ist immer mit „Gegenmacht“ zu rechnen und wichtig zu verstehen, woher diese rührt.“ Und Widerständen mangelte es wahrhaftig nicht.

Da die Zeit des Wohlfahrtsstaates vorbei war, hieß es, ökonomischen Gesichtspunkten weitaus stärker Rechnung zu tragen. So wurde aus der Pfarrerin die Arbeitgeberin, die Entlassungen durchsetzen und sich mit Arbeitsanwälten auseinandersetzen musste. Auch als Immobilienmaklerin war sie gefragt: 400 werkseigene Wohnungen bedurften der Sanierung und konnten danach nicht mehr gewohnt günstig vermietet werden. „Von einigen wurde mein Vorgehen als knallhart empfunden, zumal sie mir am Sonntag in der Kirche als Seelsorgerin und Predigerin begegneten.“ Sogar das traditionsreiche Mutterhaus der Schwesternschaft blieb nicht, wie es war. Dreimal präsentierte Coenen-Marx ihrem Aufsichtsgremium ihr Konzept der Umwandlung in ein besonderes Hotel mit Tagungsmöglichkeiten, das heute gewinnbringend geführt wird. „Hier kam ich mit der Macht von Aufsichtsräten in Berührung, die in einem Unternehmen nun einmal die strategischen Letztentscheider sind.“

Macht und Ohnmacht im Management

Nicht nur die erforderlichen Quartals- und dann Monatsberichte bereiteten der Managerin schlaflose Nächte. Zum Aufruhr kam es, als eine Hebamme aus der Gynäkologie dem Vorstand das Foto eines spät abgetriebenen Kindes zusandte – platziert in einem „Moses Körbchen“, in dem ansonsten verstorbene Frühchen aufgebahrt wurden. „Das warf ethische Fragen auf, die sich nicht mehr unter der Decke halten ließen“, erinnert sich Coenen-Marx. „Ich musste erkennen, dass normative Vorgaben nicht ausreichen, dass es nicht nur um mein Gewissen geht und dass Eltern und Ärzte vor unerträglichen Entscheidungen stehen können.“ Sehr viel Wert legte sie darauf, in die von ihr initiierten Dialoge alle Beteiligten mit einzubeziehen. „Dabei habe ich zum einen gelernt, wie wichtig es auch im Management ist, Gefühle wie Angst und Wut ernst zu nehmen. Zum anderen erfuhr ich – und das war nicht das einzige Mal in meinem Leben – wie nahe Macht und Ohnmacht beieinander liegen können. Wenn Argumente nicht zählen, Visionen die Herzen nicht erreichen und am Ende nur die Positionsmacht entscheidet, fühlt sich jeder, dem eine Sache am Herzen liegt, ohnmächtig. Möglicherweise auch der Mensch am längeren Hebel einer Machtposition.“

Machtvoll durch Authentizität

Neuen beruflichen Herausforderungen stellte sie sich 2004, als sie in das Kirchenamt der EKD in Hannover wechselte. Hier war sie zunächst als Nahostreferentin und Leiterin der Überseeabteilung tätig, um drei Jahre später die Leitung des Referats Sozial- und Gesellschaftspolitik zu übernehmen. Mit ihrer Arbeit an sozialpolitischen Denkschriften und als Herausgeberin der Zeitschrift Chrismon hat Coenen-Marx viele Debatten über die Zukunft der Familien- und Gesundheitspolitik, den demografischen Wandel und die Inklusion in der EKD mit angestoßen. Längst waren ihre Brille mit dem eckigen schwarzen Rahmen und schwungvoll drapierte Schals zu ihren Markenzeichen geworden. Durch ihre öffentlichen Auftritte und ihre Mitwirkung in unterschiedlichen Gremien kam sie mit ungewöhnlichen Persönlichkeiten aus den Medien, der Politik und dem Wissenschaftsbereich in Kontakt. „Je konsequenter ich meinen manchmal eigenwilligen Weg authentisch gegangen bin, desto mehr habe ich Menschen schätzen gelernt, die auf den eigenen Kopf und ihre Freiheit ebenso viel Wert legen wie ich selbst.“

„Bis an die Grenze zu gehen, gehört zu meinem Naturell.“

Ihren Mann, Lehrer für Deutsch und Geschichte, hat sie bereits während ihres Studiums kennen gelernt. 2007 war er dann auch räumlich wieder an ihrer Seite. „Drei Jahre Pendelbeziehung waren genug. SMS-Nachrichten oder Telefongespräche können ein gemeinsames Frühstück und unsere ausführlichen Diskurse über Politik, Gesellschaft und Kirche nicht ersetzen.“ Auf seine Unterstützung konnte sie auch zählen, als sie als Bischöfin nominiert wurde und vergeblich kandidierte. Sie führt das nicht zuletzt auf einen mangelnden Rückhalt in einer „fremden“ Landeskirche zurück. „In kirchlichen Netzwerken läuft vieles informell und familiär ab.“ Gerne bewegt sie sich in Frauennetzwerken, die sie für egalitärer und offener, aber nichtsdestoweniger durchaus für machtvoll hält. Oft entstünden sie im Kontext von Förderprogrammen oder gemeinsamen Projekten. „Ich halte es für wichtig, dass Frauen einander zum Aufstieg ermutigen. Immer noch gibt es nur drei Bischöfinnen und nur wenige weibliche Vorstandsvorsitzende diakonischer Unternehmen. Deshalb kommt es darauf an, auf allen Ebenen von Diakonie und Kirche sowie in der Sozialpolitik mit verschiedensten Initiativen für einen Kulturwechsel einzutreten.“

Sinn als Grundlage für die eigene Macht

Die nunmehr 62jährige hat ihre Stelle als Oberkirchenrätin unlängst aufgegeben, um ihre Erfahrungen nunmehr als Beraterin von Organisationen in Übergangssituationen einzubringen. „Auf diese Weise möchte ich dazu beitragen, die „Seele des Sozialen“, Gemeinschaftssinn, Achtsamkeit, Engagement und Motivation, lebendig zu erhalten – gerade in Anbetracht der wachsenden Wirtschaftlichkeitserwartungen an Medizin, Pflege und Bildung.“ Ihr Credo hat sie deshalb nicht verändert. „Bis an die Grenze zu gehen, gehört zu meinem Naturell. Wenn ich ausgelotet habe, wo das Limit liegt und warum das so ist, versuche ich, ein „Loch im Zaun“ oder einen „Haken in der Mauer“ zu finden. Wo ich Grenzen anerkennen muss, schaue ich nach alternativen Wegen – allerdings nicht auf Kosten meiner Überzeugungen.“ Mit dem Kopf durch Wand geht sie deshalb nicht. „Den Umgang mit Diplomatie kann man in keinem Unternehmen so gut lernen wie in der Kirche.“

„Die Macht des Gebets unterstützt dabei, die eigene Verwundbarkeit wahrzunehmen und anzunehmen.“

Daran, dass sie auch in ihrer selbständigen Tätigkeit Macht habe, zweifelt Coenen-Marx nicht. „Meine Erfahrung, meine breite Fachkompetenz, die mir eigene Überzeugungskraft und das gute und vielfältige Netzwerk, an dem ich teilhabe – alles das mag dazu beitragen, mit meiner Macht weiterhin dienen zu können. Vielleicht ist es aber auch die Fähigkeit, in klare, offene und hoffentlich auch inspirierende Worte zu fassen, was manchmal nur diffus erfahren wird. „Non vi sed verbo“ ist ein altes kirchliches Wort, und vielleicht zählt am Ende wirklich nichts anderes als die bewegende und nachhaltige Macht des Wortes. Oder umgekehrt: Wo diese versagt, nützt alles andere langfristig nichts.“ Nach wie vor hält sie es für wesentlich, dass das eigene Sein und Tun mit Sinn erfüllt ist. „Die stärkste Autorität kommt aus der eigenen Überzeugung!“ Kraft verleiht ihr auch bei ihrem persönlichen Neubeginn „die Macht des Gebets. Diese unterstützt dabei, die eigene Verwundbarkeit wahrzunehmen und anzunehmen, um wieder an Vertrauen, Zuversicht und Freude zu gewinnen.“

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epd-Meldung über den Neujahrsempfang

Oberkirchenrätin Coenen-Marx fordert neue Kultur der Achtsamkeit Neukirchen-Vluyn (epd). Die Oberkirchenrätin Cornelia Coenen-Marx hat einen neuen Gesellschaftsvertrag gefordert. “Wohlfahrt und Lebensqualität werden wir nur erhalten können, wenn wir eine neue Kultur der Achtsamkeit mit einer Kultur der Teilhabe und der Verpflichtung gegenüber zukünftigen Generationen kombinieren”, sagte die Sozialreferentin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am Samstag in Neukirchen-Vluyn auf dem Jahresempfang des Neukirchener Erziehungsvereins. Der Geburtenrückgang sei vor allem die Folge von fehlenden Betreuungseinrichtungen und den nach wie vor unterschiedlichen Einkommen von Männern und Frauen. So zeige die jüngste Studie vom Wissenschaftszentrum Berlin Frauen, die Kinder bekommen haben, fühlen sich beruflich ausrangiert. Die Sozialpolitik stehe vor der Herausforderung, Erwerbsarbeit und Sorgearbeit gerechter zwischen den Geschlechtern zu verteilen und neue Arrangements zwischen Familien, Tageseinrichtungen, Schulen und anderen Dienstleistungen wie Familienzentren zu schaffen, erklärte Coenen-Marx vor rund 100 Gästen aus Politik, Wirtschaft und Kirche. Der Fachkräftemangel in der Pflege zwinge zudem dazu, über eine Vereinbarkeit von Beruf und Pflege nachzudenken. Coenen-Marx: “Wir brauchen auch eine wohnortnahe, integrierte Versorgung pflegebedürftiger Menschen und Kooperation zwischen Pflegefachkräften, Angehörigen und Freiwilligen.” Auch Menschen am Rande der Gesellschaft wie Langzeitarbeitslose oder Obdachlose dürften trotz des großen finanziellen Drucks, unter dem die Kommunen stünden, nicht aussortiert werden. Dafür müssten die nötigen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Aber es gehe nicht nur um Geld. “Wir brauchen einen neuen Blick auf den öffentlichen Raum und eine neue Wertschätzung von Gemeinschaft und Fürsorglichkeit”, unterstrich die EKD-Sozialreferentin. Dazu könne Kirche wesentliches beitragen. Netzwerke innerhalb der Diakonie mischten sich ein, gestalteten gemeinnützige Programme und änderten so Standards: “Sie setzen Beispiele, erstreiten neue Finanzierungsformen, sie schaffen Innovation.” Als Beispiele nannte Coenen-Marx die Tafelbewegung, Netzwerker für altengerechte Städte oder die Altenpflegerinnen im betreuten Wohnen einer Gemeinde.

Der Neukirchener Erziehungsverein, der 1845 von Pfarrer Andreas Bräm gegründet wurde, gehört zu den größten deutschen Kinder- und Jugendhilfeträgern. In zehn Bundesländern betreut er mit dem Paul-Gerhardt-Werk junge Menschen in stationären Einrichtungen, in Schulen und mit ambulanten Hilfeangeboten. Der Erziehungsverein ist auch in der Alten- und Behindertenhilfe tätig. www.neukirchener.de