{"id":823,"date":"2015-05-25T15:36:38","date_gmt":"2015-05-25T15:36:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?p=823"},"modified":"2020-05-01T10:57:33","modified_gmt":"2020-05-01T08:57:33","slug":"sinn-und-sinnlosigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?p=823","title":{"rendered":"Sinn und Sinnlosigkeit"},"content":{"rendered":"<h3>\u00dcber das Arbeiten in sozialen Unternehmen<\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Rom-demonstriert-Aezte-Demo-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-832 alignleft\" src=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Rom-demonstriert-Aezte-Demo-2.jpg\" alt=\"Rom demonstriert - Aezte-Demo (2)\" width=\"420\" height=\"320\" srcset=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Rom-demonstriert-Aezte-Demo-2.jpg 420w, https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Rom-demonstriert-Aezte-Demo-2-300x229.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 420px) 100vw, 420px\" \/><\/a>\u201e Soziale Berufe aufwerten\u201c: Das fordern der DGB und die beiden Branchengewerkschaften ver.di und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). In einer Resolution appelliert der DGB an die politisch Verantwortlichen in den Kommunen, die Besch\u00e4ftigten in Sozial-und Gesundheitsberufen besser zu bezahlen. Es ist an der Zeit f\u00fcr diese Kampagne. Erzieherinnen und Erzieher in Deutschland streiken in diesen Wochen, weil sie f\u00fcr ihre Arbeit in Bildung und Erziehung zu geringe Entgelte und noch immer zu wenig Anerkennung bekommen. Zwar wurde die Infrastruktur in den Tageseinrichtungen f\u00fcr Kinder, auch bei den Unter-Drei-J\u00e4hrigen in den letzten Jahren quantitativ ausgebaut, aber qualitativ sind wir hinter anderen L\u00e4ndern in Europa deutlich ins Hintertreffen geraten. Dabei standen wir im 19. Jahrhundert, als in Deutschland die ersten Kinderg\u00e4rten und Kleinkinderschulen erfunden wurden, an der Spitze, was Bildung und Betreuung anging. Heute aber ist in vielen L\u00e4ndern selbstverst\u00e4ndlich, dass die Arbeit in den Tageseinrichtungen nicht weniger anspruchsvoll ist als die in Grundschulen und auch entsprechend verg\u00fctet werden muss. Neben einer Erh\u00f6hung der Entgelte steht deswegen bei uns nach wie vor ein verpflichtender Hochschulabschluss auf der Tagesordnung; er wird von vielen seit Jahrzehnten gefordert.<\/p>\n<p>Nach wie vor aber zollt unsere Gese<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"  wp-image-831 alignleft\" src=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/IMG_20150521_1831501.jpg\" alt=\"IMG_20150521_183150\" width=\"425\" height=\"416\">llschaft technischen, unternehmerischen oder wissenschaftlichen T\u00e4tigkeiten hohen Respekt , w\u00e4hrend die Sorge-Aufgaben, die mit Empathie und Zuwendung verbunden sind, wie Erziehen, Pflegen und Beraten, in den meisten F\u00e4llen nur schlecht honoriert werden. Noch immer ist hier die historische Entwicklung des \u201ezweiten sozialen Netzes\u201c zu sp\u00fcren, in der diese Aufgaben haupts\u00e4chlich weiblich konnotiert waren und innerhalb eigener \u00d6konomien getragen wurden: In den Familien k\u00fcmmerten und k\u00fcmmern sich Frauen um ihre Kinder, aber auch um die alternden Eltern und andere Angeh\u00f6rige, au\u00dferhalb der Familie waren es fr\u00fcher oft Kirche, Diakonie und Caritas. Auch in Kaiserswerth entstand einer der ersten Kinderg\u00e4rten, als in der Mitte des 19. Jahrhunderts im Zuge der Industrialisierung die \u00dcberforderung der Familien sp\u00fcrbar wurde.<\/p>\n<p>Der offene Blick f\u00fcr neue Herausforderungen, das Engagement f\u00fcr Menschen, die Hilfe brauchen, und die Phantasie, neue Angebote zu entwickeln, geh\u00f6ren zur Signatur von Kirche und Diakonie. Und in der Regel empfinden diejenigen, die sich engagieren, ihre Arbeit zun\u00e4chst auch jenseits der Bezahlung als sinnvoll und erf\u00fcllend. Traditionell spielte hier auch die \u00dcberzeugung, im kranken, armen oder verwahrlosten Menschen Gott selbst zu begegnen, eine wichtige Rolle. Jesu Zusage aus dem Gleichnis vom gro\u00dfen Weltgericht im Mt. 25, 40 war und ist eines der Schl\u00fcsselworte diakonischer Arbeit: \u201eAlles, was ihr getan habt meinen geringsten Br\u00fcdern, das habt Ihr mir getan\u201c (Mt 25:40). Aber auch diejenigen, die nicht aus dem Glauben motiviert sind, sp\u00fcren, dass die Arbeit mit Kindern oder mit Kranken in sich sinnvoll ist &#8211; ganz so wie in dem bekannten Poesiealbumsspruch: \u201e Denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eigne Herz zur\u00fcck.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Soziales Handeln ist Beziehungshandeln<\/strong><\/p>\n<p>Pflegende, Fachkr\u00e4fte in der sozialen Arbeit, Erzieher und Erzieherinnen haben einen Beruf, der sie erf\u00fcllt. In den letzten Jahren allerdings hat der Arbeitsdruck so zuge- nommen, hat die Zeit f\u00fcr Begegnung und Begleitung so abgenommen, dass die Begeisterung sich bei vielen im Burn-out ersch\u00f6pft. Statistisch erkennbar ist das schon lange an kurzen Verweildauern von Mitarbeitenden in den Pflegeberufen oder auch an der wahren Auswanderungswelle von Fachkr\u00e4ften aus Medizin und Pflege nach Skandinavien, aber auch an dem Fachkr\u00e4ftemangel in Deutschland, der schon lange dazu f\u00fchrt, dass Krankenh\u00e4user wie Altenhilfeeinrichtungen ihre Mitarbeitenden seit Jahren buchst\u00e4blich aus der ganzen Welt \u201eimportieren\u201c m\u00fcssen.<\/p>\n<p>In einem vordergr\u00fcndigen Sinn geht es inzwischen auch auf dem Sozialmarkt um Optimierung und Effizienz. Da sollen, um es technisch zu sagen, Kranke geheilt oder jedenfalls so weit wieder hergestellt werden, dass sie gut und selbst\u00e4ndig leben k\u00f6nnen, Arbeitslose wieder in einen Berufsalltag integriert, und Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung gef\u00f6rdert werden. Der medizinische und technische Fortschritt, Qualit\u00e4tsinstrumente und optimierte Abl\u00e4ufe sollen und k\u00f6nnen dazu beitragen, dass das gelingt. Und auch die Arbeitszeiten in Pflege und Erziehung sind &#8211; selbst in Zeiten der Flexibilisierung \u2013&nbsp;planbarer geworden, als sie es in fr\u00fcheren Jahrzehnten waren. Doch erstaunlicherweise sind nach Umfragen gerade diejenigen Besch\u00e4ftigten mit ihrer Arbeit besonders zufrieden, von denen der volle Einsatz der ganzen Person gefordert ist und die damit in praktischer Hinsicht nichts Aufbauendes mehr bewirken k\u00f6nnen: Pflegekr\u00e4fte in den Hospizen. Gerade sie berichten nicht von Sinnlosigkeit, sondern von gro\u00dfer Erf\u00fcllung durch ihre Arbeit, die doch immer im Sterben der Patienten einen Schlusspunkt \u2013&nbsp;vielleicht aber auch einen Doppelpunkt &#8211; findet. Es ist, sagen sie, befriedigend, Patienten und Angeh\u00f6rige auf dieser Wegstrecke zu begleiten und sich gemeinsam \u2013&nbsp;auch mit einem \u00fcberschaubaren und multidisziplin\u00e4ren Team &#8211; Gedanken zu machen \u00fcber den Sinn des Lebens und die eigene Endlichkeit. Diese Beobachtung f\u00fchrt zu einer wichtigen Einsicht: Jenseits aller fachlichen Betreuung spielt die Beziehung eine herausragende Rolle.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/zukunft-pflegen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-833 alignleft\" src=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/zukunft-pflegen.jpg\" alt=\"zukunft pflegen\" width=\"420\" height=\"620\" srcset=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/zukunft-pflegen.jpg 420w, https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/zukunft-pflegen-203x300.jpg 203w\" sizes=\"(max-width: 420px) 100vw, 420px\" \/><\/a>Resonanzerfahrung als Sinnerfahrung<\/strong><\/p>\n<p>Ob in der Pflege oder der Stadtteilarbeit, in einer psychologischen Beratung oder in der Fr\u00fchf\u00f6rderung, ja auch und vielleicht gerade in der Sterbebegleitung: Immer geht es darum, eine gelingende (Arbeits-) Beziehung zwischen Hilfebed\u00fcrftigen und Helfern, zwischen \u00c4rztinnen und Patienten, zwischen Kindern und Erziehungspersonen herzustellen, die die entscheidende Grundlage aller Ver\u00e4nderung ist. Ein zentrales Element einer solchen Beziehung ist die Resonanz. W\u00f6rtlich bedeutet der Begriff das Wiederklingen: Wer sich f\u00fcr einen helfenden Beruf entscheidet, ist oft in besonderem Ma\u00dfe in der Lage, zu sp\u00fcren, was in anderen Menschen vorgeht, mit ihnen zu f\u00fchlen und auf sie zu antworten.<\/p>\n<p>Im medizinischen, p\u00e4dagogischen oder pflegenden Handeln geht es zun\u00e4chst darum, sich als lebendiger Resonanzraum f\u00fcr andere anzubieten. Es geht um Achtsamkeit und Empathie und schlie\u00dflich um Kooperation. Denn Gesundheit kann man nicht kaufen, die Entwicklung nicht delegieren; immer kommt es darauf an, dass der oder die Betroffene sich selbst mit Hilfe des oder der anderen ver\u00e4ndern. In diesem Prozess entstehen begl\u00fcckende Momente der Gemeinsamkeit, \u2013 denn Resonanz ist nicht einseitig, sondern ein Geschehen <em>zwischen<\/em> Menschen. In solchen Momenten scheint die Zeit still zu stehen. Diese Erfahrung, in der sie immer auch sich selbst erleben, macht f\u00fcr viele Besch\u00e4ftigte im sozialen Bereich den eigentlichen Sinn ihrer Arbeit aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Beziehungsf\u00e4higkeit sch\u00fctzen und st\u00e4rken<\/strong><\/p>\n<p>Wer aber in Zeiten der Beschleunigung, des Finanz- und Zeitdrucks immer nur f\u00fcr kurze Zeit mit Kranken zusammen ist, weil immer weniger Personal f\u00fcr immer mehr Menschen vorhanden ist und die Patienten schnell durch die Krankenh\u00e4user geschleust werden, wer in zu gro\u00dfen Gruppen keine Zeit mehr f\u00fcr das einzelne Kind hat oder wer zu viele Jugendliche betreuen muss, kann Beziehungen oft nicht mehr aufbauen, kann selbst oft keine Resonanz mehr empfangen. Zeit ist das kostbarste Gut in der sozialen Arbeit &#8211; denn Einsparungen lassen sich hier im Wesentlichen im Personalbereich realisieren. Wo aber die Zeit f\u00fcr Begegnung, Beziehung und Beteiligung fehlt, werden die emotionalen Reserven der Mitarbeitenden aufgebraucht. Hier gibt es keine Patentrezepte. Sicherlich sind die Zusammenh\u00e4nge komplex und L\u00f6sungen zu einem guten Teil nur auf politischer Ebene zu finden. Und am Streit um die Entgelte der Erzieherinnen sehen wir, wie wenig Handlungsspielr\u00e4ume auch die \u00fcberforderten und ausgebluteten Kommunen haben. Jenseits politischer und organisatorischer Strukturen ist deshalb ein Mentalit\u00e4tswechsel in der B\u00fcrgergesellschaft und auch in der Kirche angesagt. Wir sind es, die bereit sein m\u00fcssen, die sozialen Berufe aufzuwerten &#8211; auch durch Umverteilung vorhandener Ressourcen.<\/p>\n<p>Dennoch gibt es auch f\u00fcr die Praxis in der einzelnen Einrichtung hilfreiche Wege, um zu verhindern, dass die Mitarbeitenden ausbrennen, dass ihre Arbeit den Sinn verliert. So ist es unbedingt notwendig, dass Professionelle im sozialen Bereich in der Wahrnehmung ihrer eigenen Gef\u00fchle, in einer Achtsamkeit f\u00fcr sich selbst unterst\u00fctzt werden. Auch ein gutes Miteinander im Team spielt eine wichtige Rolle. R\u00e4ume der Stille, gemeinsame Rituale bei Abschied und Neubeginn, interreligi\u00f6se Dialoge und Ethikdiskurse, Teamtage und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sind wesentliche Aspekte. Die F\u00fchrung einer Einrichtung ist dabei gefragt. Im Blick auf die Organisation wie auf den eigenen F\u00fchrungs- und Lebensstil.<\/p>\n<p>Welche Formen haben Sie gefunden, um der Sinnlosigkeit zu begegnen? Als F\u00fchrungskraft oder auch als Engagierte in der Sozialen Arbeit? Pers\u00f6nlich oder in Ihrer Organisation? Ich freue mich auf den Dialog und auf die Zusammenarbeit mit Ihnen. Zum Schluss noch ein Tipp: Die Gestalterin und Unternehmerin Catharina Bruns legt in ihrem inspirierenden Buch \u201e Work is not a job\u201c \u00fcberzeugend dar, wie wir Arbeit auch heute als Berufung verstehen k\u00f6nnen und zitiert dabei Khalil Gibran: Arbeit ist sichtbar gemachte Liebe!<\/p>\n<p>Ihre Cornelia Coenen-Marx<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber das Arbeiten in sozialen Unternehmen \u201e Soziale Berufe aufwerten\u201c: Das fordern der DGB und die beiden Branchengewerkschaften ver.di und&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?p=823\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-823","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/823"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=823"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/823\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5278,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/823\/revisions\/5278"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=823"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=823"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=823"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}