{"id":5604,"date":"2020-11-06T16:36:36","date_gmt":"2020-11-06T15:36:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?p=5604"},"modified":"2020-11-06T16:36:38","modified_gmt":"2020-11-06T15:36:38","slug":"kreativitaet-gegen-einsamkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?p=5604","title":{"rendered":"Kreativit\u00e4t gegen Einsamkeit"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/SuS_Logo_RGB_mit-Unterzeile-Kopie.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-857\" width=\"288\" height=\"103\" srcset=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/SuS_Logo_RGB_mit-Unterzeile-Kopie.png 576w, https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/SuS_Logo_RGB_mit-Unterzeile-Kopie-300x107.png 300w\" sizes=\"(max-width: 288px) 100vw, 288px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/einkaufen-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5606\" srcset=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/einkaufen-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/einkaufen-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/einkaufen-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/einkaufen.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>&nbsp;\u201eAn Einsamkeit stirbt man blo\u00df\nl\u00e4nger als an Corona\u201c, sagt Elke Schilling. Die 75-J\u00e4hrige Berlinerin hat den\nTelefondienst \u201eSilbernetz\u201c gegr\u00fcndet, der sich inzwischen bundesweit an einsame\n\u00c4ltere richtet. Der\nDienst ist nachgefragt wie nie zuvor. Und Elke Schilling hat sich auch vom\nLockdown nicht abhalten lassen, ins B\u00fcro zu gehen. Auch wenn sie zur\nRisikogruppe geh\u00f6rt, sie wird gebraucht.<\/p>\n\n\n\n<p>In\nGro\u00dfbritannien wurde Anfang letzten Jahres ein Ministerium gegen Einsamkeit\ngegr\u00fcndet. 75 Prozent der Landbev\u00f6lkerung sind dort \u00e4lter als 65 \u2013 sie leben in\nGegenden, wo Post und Pub geschlossen sind und immer weniger Busse fahren.\nHerz-Kreislauf-Probleme und Depressionen nehmen zu, wenn Menschen ihre Wohnung\nkaum noch verlassen. 20 Prozent Gesundheitskosten k\u00f6nnten eingespart werden,\nhaben Wissenschaftler berechnet, wenn man soziale Angebote auf Rezept\nverschriebe: Wandergruppen, Gespr\u00e4chskreise, Chorgesang. Die Situation in\nDeutschland ist nicht viel anders; auch bei uns leben 46 Prozent der 70- bis\n85-j\u00e4hrigen allein. Und 20 Prozent von ihnen geben an<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a>,\nin der Woche zuvor ihre Wohnung kaum verlassen zu haben \u201eIch habe in den ersten\nWochen der Corona-Zeit das Alleinsein als besondere Last empfunden, viel\nschwerer und niederdr\u00fcckender als vorher. Ich habe vermisst, dass jemand mich\numarmt oder die Hand gibt. Die \u201eKinderfamilien\u201c leben verstreut in Z\u00fcrich,\nBerlin, Recklinghausen. Mit neuen Formen wie \u201e facetime\u201c halten wir den&nbsp; sicht- und h\u00f6rbaren Kontakt, aber es bleibt Ersatz\u201c,\nschreibt Ilse G. <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Hochbetagten, Dementen und Pflegebed\u00fcrftigen sind von zunehmender Exklusion betroffen und brauchen Unterst\u00fctzung, um auch weiterhin Teil der Gemeinde zu bleiben\u201c, sagt auch Prof. Eckart Hammer.<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> W\u00e4hrend der Corona-Krise entstanden deshalb an vielen Orten Einkaufsdienste; besonders erfolgreich waren sie da, wo sich unterschiedliche Organisationen zusammengetan haben, um Ehrenamtliche und Hilfebed\u00fcrfte anzusprechen. \u201eDich schickt der Himmel\u201c hei\u00dft ein Projekt in Witzenhausen\u00a0\u2013 denn es\u00a0 geht nicht nur um Lebensmittel oder Medikamente: auch der kurze Plausch an der Haust\u00fcr kann lebensnotwendig sein.<\/p>\n\n\n\n<p>83 Prozent von rund 1.000 Befragten k\u00f6nnen sich vorstellen, einen Service-Roboter zu nutzen, wenn sie dadurch im Alter l\u00e4nger zu Hause leben k\u00f6nnten<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a>. Und an einer Krankheit f\u00fcrchten mehr als drei Viertel der\u00a0 Deutschen vor allem den Verlust der\u00a0Selbst\u00e4ndigkeit \u2013 noch vor Schmerz und Tod. Wenn die Mobilit\u00e4t eingeschr\u00e4nkt ist, k\u00f6nnen Smart Homes helfen. Die Firma Magenta wirbt deshalb mit dem Slogan \u201eDas Zuhause, das sich k\u00fcmmert.\u201c Aber letztlich, das wissen wir, kann ein Haus sich nicht k\u00fcmmern. Mein Zuhause, das sind auch die Menschen, die ich kenne, die mich kennen. Freundinnen, die nach mir sehen, wenn ich frisch aus dem Krankenhaus entlassen bin. Nachbarn, die schauen, ob der Briefkasten geleert wird, die Rollladen hoch gezogen sind. Tats\u00e4chlich engagieren sich immerhin 25 Prozent in der nachbarschaftlichen Hilfe bei Eink\u00e4ufen, Handwerksdiensten, Arztbesuchen. Die kleinen, wechselseitigen Unterst\u00fctzungsleistungen verbessern die Lebensqualit\u00e4t aller Beteiligten,<a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a> sie st\u00e4rken das gemeinschaftliche Gewebe. Denn das Interesse, das dabei sp\u00fcrbar wird, gilt dem ganzen Menschen \u2013 nicht nur seiner Hilfebed\u00fcrftigkeit. <\/p>\n\n\n\n<p>Jeder Mensch braucht\ndie Gewissheit, sich in seinem Handeln und Sprechen \u00bbaus der Hand geben\u00ab zu\nk\u00f6nnen, sagt die Philosophin Hanna Arendt. So wichtig unsere Selbstbestimmung\nist, so entscheidend ist auch, dass wir Menschen haben, denen wir vertrauen\nk\u00f6nnen, eine Gemeinschaft, in der wir uns geborgen wissen. Wo die informellen\nNetze nicht mehr tragen, sind wir auf professionelle Dienst und\nvertrauensw\u00fcrdige Einrichtungen angewiesen. Die ersten \u201eSorgenden\nGemeinschaften\u201c entstanden in den&nbsp;\nMutterh\u00e4usern von Diakonie und Caritas, die &nbsp;Kranke und Sterbende aufnahmen, als in der\nindustriellen Transformation die Familien vollkommen \u00fcberlastet waren. Dabei\nentwickelte sich allerdings auch eine institutionelle Eigengesetzlichkeit, die\nwir bis heute in den Pflegeeinrichtungen kennen. Die Versorgung, die auch den\nAngeh\u00f6rigen Sicherheit bietet, erleben Betroffene auch als Verlust an Autonomie,\nPrivatsph\u00e4re und Freiheit. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Spannung zwischen Sicherheit, Selbstbestimmung und Gemeinschaft\u00a0 hat im Fr\u00fchjahrs-Lockdown zu einer einschneidenden Vertrauenskrise gef\u00fchrt. In Pflegeeinrichtungen sind Menschen gestorben, ohne ihre Angeh\u00f6rigen noch einmal zu sehen. Alte Menschen f\u00fchlten sich \u201ewie im Knast\u201c, Angeh\u00f6rige f\u00fchlten sich \u201eausgesperrt\u201c,\u00a0 selbst gesetzliche Betreuer konnten nicht mehr auf die Zimmer von Sterbenden kommen. Wie gro\u00df tats\u00e4chlich der Einfluss von Besuchern und Besucherinnen auf das Infektionsgeschehen war, ist noch nicht erforscht. Klar ist aber: Organisationen mit vielen Hochrisikopatienten und schlechten Schutzvorkehrungen sind gef\u00e4hrdet \u2013 zumal wenn der Schutz der Mitarbeitenden, die in den H\u00e4usern ein \u2013 und ausgehen, nicht gew\u00e4hrleistet ist, wie es im Fr\u00fchjahr noch der Fall war.\u00a0 Jedenfalls haben sich die Selbstbestimmung der Bewohner und die Beteiligung der Angeh\u00f6rigen oft nicht durchhalten lassen. \u201eFreiheitsbeschr\u00e4nkende Entscheidungen wurden ohne die Einbeziehung von kontrollierenden Instanzen getroffen\u201c.<a href=\"#_ftn5\">[5]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Zeit\nfehlten den Bewohnerinnen und Bewohnern die Kontakte auf dem Flur, im\nSpeisesaal. Vertraute, die sonst regelm\u00e4\u00dfig kamen, blieben pl\u00f6tzlich aus. Mitarbeitende,\ndie das Zimmer mit Schutzkleidung und Maske betraten, waren oft kaum zu\nerkennen. Ber\u00fchrung war nicht m\u00f6glich. Aber gerade Kranke und Sterbende sind\ndarauf angewiesen. Pflegende wissen das besser als andere. Und dieses Wissen\nist tief verankert in der christlichen Kultur. &nbsp;\u201eIst\neiner von euch krank? Dann rufe er die \u00c4ltesten der Gemeinde zu sich; sie\nsollen Gebete \u00fcber ihn sprechen und ihn im Namen des Herrn mit \u00d6l salben\u201c, hei\u00dft\nes im Brief des Jakobus: Lasst die Kranken nicht allein, sprecht mit Ihnen,\nwenn ihr sie schon nicht ber\u00fchren k\u00f6nnt! W\u00e4hrend der Pandemie gerieten deshalb\nnicht nur Pflegeeinrichtungen in die Kritik, sondern auch die Kirchen. \u201eOrdnungspolitik,\ndie totalit\u00e4r wird, darf keine Option sein f\u00fcr einen demokratischen Staat. Wir\nd\u00fcrfen Sterbende nicht wieder allein lassen\u201c, \u00e4u\u00dferten sich im Oktober die evangelischen\nund katholischen Bisch\u00f6fe in Niedersachsen selbstkritisch. <a href=\"#_ftn6\"><sup>[6]<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Angeh\u00f6rige nahmen die Dinge selbst in die Hand. Sie machten Musik vor der T\u00fcr, zogen K\u00f6rbe mit Obst an Seilen auf den Balkon, schickten Tabletts und Kameras, um die Kommunikation aufrecht zu halten. Manche Ehepartner zogen sogar selbst ins Pflegeheim. So viel Kreativit\u00e4t, so viel Bereitschaft, das Risiko zu teilen!\u00a0 Ich bewundere das \u2013 auch wenn ich \u00fcberzeugt bin, dass wir fr\u00fcher schon andere L\u00f6sungen h\u00e4tten finden m\u00fcssen. Mit Treffen in Parks und Besucherr\u00e4umen, mit Tests und\u00a0 Tabletts, vor allem aber immer mit Pflegebed\u00fcrftigen und Angeh\u00f6rigen gemeinsam. Und wir werden sie finden. Die Gemeinschaft zwischen den Generationen ist f\u00fcr uns alle ein St\u00fcck Lebensqualit\u00e4t. Und Einsamkeit nimmt uns den Lebensmut. \u00a0Denn \u201ewas nutzt es, wenn Menschen \u00fcberleben, aber den sozialen Tod gestorben sind?\u201c<a href=\"#_ftn7\"><sup>[7]<\/sup><\/a>. <\/p>\n\n\n\n<p>Cornelia Coenen-Marx<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Studie\nder Universit\u00e4t Frankfurt<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Mitglied\ndes Beirats \u201eAlter neu gestanden\u201c der Ev. Kirche in W\u00fcrttemberg.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a>\nBundesministerium f\u00fcr Bildung und Forschung.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a>\nBundesfreiwilligensurvey 2014<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a>\nPositionspapier Care.Macht.Mehr<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a> HAZ,\n27.10.20<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref7\">[7]<\/a> Peter\nDabrock, Spiegel , Nr. 34, 2020, S. 28<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp;\u201eAn Einsamkeit stirbt man blo\u00df l\u00e4nger als an Corona\u201c, sagt Elke Schilling. 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