{"id":4912,"date":"2020-02-13T18:39:19","date_gmt":"2020-02-13T17:39:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?p=4912"},"modified":"2020-02-14T11:16:51","modified_gmt":"2020-02-14T10:16:51","slug":"demokratie-ueber-schwierigkeiten-und-potenziale-der-kirche-im-umgang-mit-rechtspopulismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?p=4912","title":{"rendered":"Demokratie!  \u00dcber Schwierigkeiten und Potenziale der Kirche im Umgang mit Rechtspopulismus"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"107\" class=\"wp-image-857\" style=\"width: 300px;\" src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/SuS_Logo_RGB_mit-Unterzeile-Kopie.png\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/SuS_Logo_RGB_mit-Unterzeile-Kopie.png 576w, https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/SuS_Logo_RGB_mit-Unterzeile-Kopie-300x107.png 300w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><a href=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/SuS_Logo_RGB_mit-Unterzeile-Kopie.png\"><\/a><\/h3>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"586\" src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/mahnmal-fu\u0308r-die-barmer-erklaerung_01-1024x586.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4920\" srcset=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/mahnmal-fu\u0308r-die-barmer-erklaerung_01-1024x586.jpg 1024w, https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/mahnmal-fu\u0308r-die-barmer-erklaerung_01-300x172.jpg 300w, https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/mahnmal-fu\u0308r-die-barmer-erklaerung_01-768x440.jpg 768w, https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/mahnmal-fu\u0308r-die-barmer-erklaerung_01.jpg 1247w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Mahnmal zur Barmer Theologischen Erkl\u00e4rung, Werth, am Ende der Adolf-R\u00f6der-Gasse in Wuppertal<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Ereignisse bei der Ministerpr\u00e4sidentenwahl in Th\u00fcringen haben mich wie so viele andere best\u00fcrzt. Best\u00fcrzt hat mich, wie selbstverst\u00e4ndlich vielen Politiker*innen offenbar die Zusammenarbeit mit einer Partei erscheint, die Fremdenhass sch\u00fcrt, die Verbrechen des Nationalsozialismus bagatellisiert und die explizit die demokratische Ordnung dieses Staates in Frage stellt. <\/p>\n\n\n\n<p>Und\nnat\u00fcrlich frage ich mich, welche Rolle Kirche in diesem Zusammenhang spielt \u2013 und\nwelche Rolle sie spielen k\u00f6nnte. <\/p>\n\n\n\n<p>Die\nReaktion des Landesbischofs der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland,\nFriedrich Kramer, sowie mehrerer weiterer Landesbisch\u00f6fe war zeitnah und richtig:\n\u201eDie FDP- und CDU-Fraktion im Th\u00fcringer Landtag haben gestern eine rote Linie\n\u00fcberschritten: Aus christlicher Sicht darf es keine Regierung unter Mitwirkung\nvon Rechtspopulisten und Rechtsextremisten geben. Dies leistet\nantidemokratischen, fremdenfeindlichen und antisemitischen Positionen Vorschub\nund macht sie salonf\u00e4hig. F\u00fcr Christinnen und Christen aber hat jeder Mensch\nseine W\u00fcrde. Aufgabe der Politik ist es nach Artikel 1 Grundgesetz, diese W\u00fcrde\nzu wahren und zu verteidigen\u201c, hei\u00dft es in ihrer Erkl\u00e4rung. Doch wie verh\u00e4lt es\nsich mit der breiteren kirchlichen Kultur?<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht\n\u00fcberraschend, aber ebenfalls best\u00fcrzend sind die Ergebnisse der Leipziger\nAutoritarismusstudie von 2018. Demnach haben Kirchenmitglieder \u2013 sowohl\nkatholische als auch evangelische \u2013 eine starke Neigung zu autorit\u00e4ren\nHaltungen. Dem Satz \u201eUnruhestifter sollten deutlich zu sp\u00fcren bekommen, dass\nsie in der Gesellschaft unerw\u00fcnscht sind\u201c stimmen 88&nbsp;Prozent der\nKatholiken und 86&nbsp;Prozent der Protestanten \u201eetwas\u201c, \u201eziemlich\u201c oder sogar\n\u201evoll und ganz\u201c zu. Entsprechende Einstellungen finden sich auch unter den\nKonfessionslosen, jedoch in nicht ganz so hohen Ma\u00dfe: Dort liegt der Anteil der\nin unterschiedlichem Ma\u00dfe Zustimmenden bei 83&nbsp;Prozent. \u201eMenschen sollten wichtige\nEntscheidungen in der Gesellschaft F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten \u00fcberlassen\u201c, das\nmeinen etwa 59&nbsp;Prozent der Kirchenmitglieder und etwa 52&nbsp;Prozent der\nMenschen ohne Kirchenzugeh\u00f6rigkeit.<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a>\nZur Einstellung von Kirchenmitgliedern gegen\u00fcber Islam und Zuwanderung\nermittelte die Studie \u201eChrist sein in Westeuropa\u201c des Pew Research Center von\n2018: 55&nbsp;Prozent der regelm\u00e4\u00dfigen Kircheng\u00e4nger meinen, der \u201eIslam sei\ngrunds\u00e4tzlich nicht mit Kultur und Werten unseres Landes vereinbar\u201c \u2013 bei den\nReligionslosen sind es 32&nbsp;Prozent. 73&nbsp;Prozent der regelm\u00e4\u00dfigen\nKirchg\u00e4nger meinen, man m\u00fcsse \u201eeine deutsche Abstammung haben, um wirklich\ndeutsch zu sein\u201c \u2013 gegen\u00fcber 35 Prozent der Konfessionslosen.<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Wahr ist, dass eine jahrhundertelange Geschichte machtvoller Hierarchien auch innerhalb der Kirche \u2013 Gehorsamspflicht galt ja nicht nur weltlichen Herrschaften gegen\u00fcber \u2013 eine Kultur der Autorit\u00e4tsgl\u00e4ubigkeit gepr\u00e4gt hat. Nach dem Ende der Einheit von Kirche und Reich hatten die weltlichen Obrigkeiten auch innerhalb der Kirche weitgehenden Einfluss: Seit der Reformation galt in den evangelisch gewordenen Staaten das landesherrliche Kirchenregiment. Der Landesherr war zugleich Summus Episcopus. Er fiel unter den Geltungsanspruch des vierten Gebotes \u2013 die Obrigkeit wurde patriarchal verstanden. Als 1918 mit der Monarchie auch das Summepiscopat endete, bedeutete das f\u00fcr viele Christen eine gro\u00dfe Verunsicherung. Dies war sicherlich einer der Hintergr\u00fcnde f\u00fcr den gro\u00dfen Erfolg der Religionspolitik der NSDAP, die mit dem Anspruch einer national gesinnten, \u00fcberkonfessionellen, aber positiv christlichen Weltanschauung auftrat. Das kirchliche Leben nahm einen enormen Aufschwung. Ausgetretene kehrten in die Kirche zur\u00fcck. Und Gliederungen der NSDAP nahmen in Uniform und geschlossenen Formationen an Gottesdiensten teil.<\/p>\n\n\n\n<p>So viel zu der Rolle, die Kirche und kirchliche\nKultur historisch zur Bildung von rechtsradikalen Einstellungen beigetragen\nhaben. Anl\u00e4sslich der Debatten um (teilweise lange zur\u00fcckliegende) \u00c4u\u00dferungen\ndes inzwischen zur\u00fcckgetretenen evangelischen Landesbischofs von Sachsen, Carsten\nRentzing, beispielsweise zu einem Vergleich der Opfer der Milit\u00e4rdiktatur in\nChile mit der Zahl der Abtreibungen in Deutschland, zu Herrschaft und Eliten oder\nzu schlagenden Verbindungen entstand der Eindruck, dass auch in der Gegenwart einige\nkirchliche Kreise die Grenze zwischen konservativen und rechtsextremen, menschenverachtenden\nPositionen nicht eindeutig ziehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die fr\u00fchen Christen zeigen uns Beispiele des\nnichthierarchischen, Fremde nicht ausgrenzenden Miteinanders. Und auch im\n20.&nbsp;Jahrhundert gibt es eine andere Tradition. Erinnert sei an die Barmer\nTheologische Erkl\u00e4rung von 1934. <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie christliche Gemeinde ist die Gemeinde von\nBr\u00fcdern, in der Jesus Christus in Wort und Sakrament durch den Heiligen Geist\nals der Herr gegenw\u00e4rtig handelt. Sie hat mit ihrem Glauben wie mit ihrem Gehorsam,\nmit ihrer Botschaft wie mit ihrer Ordnung mitten in der Welt der S\u00fcnde als Kirche\nder begnadigten S\u00fcnder zu bezeugen, dass sie allein sein Eigentum ist, allein\nvon seinem Trost und von seiner Weisung in Erwartung seiner Erscheinung lebt\nund leben m\u00f6chte [\u2026].\u201c (These 3 )<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Bild von der Gemeinde von Br\u00fcdern (und\nSchwestern) nimmt der Text der Barmer Erkl\u00e4rung die biblische Tradition der\nGleichheit und Geschwisterlichkeit wieder auf, die sich in den fr\u00fchchristlichen\nGemeinden in der Beteiligung von M\u00e4nnern und Frauen, Sklaven und Freien, Juden\nund Griechen zeigt. Auch wenn der Text die Juden vergisst und die Frauen\nausspart, leuchtet diese Vision als Herkunftsbestimmung der Gemeinde auf: \u00dcber\nalle sozialen Unterschiede hinweg, \u00fcber Herkunft, Geschlecht, Unterschiede des\nAlters und der Gesundheit hinweg ist Gemeinde Leib Christi.<\/p>\n\n\n\n<p>Und: <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie verschiedenen \u00c4mter in der Kirche begr\u00fcnden\nkeine Herrschaft der einen \u00fcber die anderen, sondern die Aus\u00fcbung des der\nganzen Gemeinde anvertrauten und befohlenen Dienstes.\u201c (These 4)<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Tradition, in diesem Denken liegt meiner\nAnsicht nach ein gro\u00dfes Potenzial auch f\u00fcr ein gesellschaftliches Miteinander,\ndas auf lebendigem Dialog und dem Lernen voneinander beruht. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirche selbst hat sich schwer getan, ihre eigene Beteiligung am nationalsozialistischen Unrechtsregime aufzuarbeiten. Und zu den Traditionen von Gleichheit und Geschwisterlichkeit zur\u00fcckzufinden. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat es vierzig Jahre gedauert, ehe die EKD ihre Denkschrift \u201eEvangelische Kirche und freiheitliche Demokratie\u201c formulieren konnte. Grundlage der Demokratie ist die Achtung der Menschenrechte. Daraus\u00a0ergibt\u00a0sich die Anerkennung von Freiheit und Gleichheit der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger. \u201eDie grundrechtlich begrenzte\u00a0Demokratie vertr\u00e4gt nicht nur, sondern f\u00f6rdert\u201c, so hei\u00dft es in der Denkschrift explizit,\u00a0\u201eunterschiedliche Lebensauffassungen, \u00dcberzeugungen und Lebensstile.\u201c Damit wird die Vielfalt bewusst wertgesch\u00e4tzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch heute stehen starre Strukturen im Weg, wo es\ndarum geht, den Geist dieser Erkl\u00e4rungen Realit\u00e4t werden zu lassen. Als der\n\u201eLeib Christi\u201c ist die Kirche eine Gemeinde von Schwestern und Br\u00fcdern. Aber: \u201eWas\nmacht eine Kirche, die von diesem Selbstverst\u00e4ndnis her nur eine sehr flache\nHierarchie braucht, aber mit Gemeinden, Dekanaten und Kirchenkreisleitungen,\nLandeskirchenleitungen und der EKD als Gemeinschaft der Gliedkirchen nach\nLeitungsebenen durchgestaffelt ist?\u201c, fragt Heinrich Bedford-Strohm.<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn sie ihre Kultur ver\u00e4ndern und ihre Potenziale\nwirksam in die Gesellschaft einbringen will, ist die Kirche dringend auf ein\ngleichberechtigtes Einbeziehen von Ehrenamtlichen mit ihren&nbsp; unterschiedlichsten Biografien und\nKompetenzen angewiesen. Zugleich geht es darum, die Potenziale von Kindern und\nJugendlichen, genauso wie die von Hochaltrigen und auch von Menschen mit Behinderung\nwahrzunehmen. Und: Die Kirche muss sich \u00f6ffnen f\u00fcr eine Zusammenarbeit mit anderen\nAkteuren in der Gesellschaft, wie es etwa 2016 in der \u201eAllianz f\u00fcr\nWeltoffenheit\u201c geschah.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIn\nden 70er-Jahren werden wir aber in diesem Lande nur so viel Ordnung haben, wie\nwir an Mitverantwortung ermutigen. Solche demokratische Ordnung braucht\nau\u00dferordentliche Geduld im Zuh\u00f6ren und au\u00dferordentliche Anstrengung, sich\ngegenseitig zu verstehen. Wir wollen mehr Demokratie wagen.\u201c Das sagte Willy\nBrandt bei seiner Regierungserkl\u00e4rung am 28. Oktober 1969. Es gilt noch heute\nund es gilt auch f\u00fcr die Kirche. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Potenziale an Engagement, an Kultur der Gemeinschaft, an Kultur des Vertrauens sind da. Aus aus meiner Sicht\u00a0besteht\u00a0f\u00fcr alle, denen die Kirche am Herzen liegt, eine gewaltige Chance darin, sich auf den Weg zu machen, sich zu bewegen, um diese Potenziale lebendig werden zu lassen \u2013\u00a0um das Feld nicht dem Hass und der Ausgrenzung zu \u00fcberlassen. An jedem Ort in der Gesellschaft, auch in Th\u00fcringen. <br><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a>\nOliver Decker, Elmar\nBr\u00e4hler (Hg.), Flucht\nins Autorit\u00e4re. Rechtsextreme\nDynamiken in der Mitte der Gesellschaft. Die Leipziger Autoritarismus-Studie 2018. Online unter: <a href=\"https:\/\/www.boell.de\/sites\/default\/files\/leipziger_autoritarismus-studie_2018_-_flucht_ins_autoritaere_.pdf?dimension1=ds_leipziger_studie\">https:\/\/www.boell.de\/sites\/default\/files\/leipziger_autoritarismus-studie_2018_-_flucht_ins_autoritaere_.pdf?dimension1=ds_leipziger_studie<\/a>, hier S. 221.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a>\nPew Research Center,\nChrist sein in Westeuropa. 29. Mai 2018. Online unter <a href=\"http:\/\/assets.pewresearch.org\/wp-content\/uploads\/sites\/11\/2018\/05\/24143201\/Being-Christian-in-Western-Europe-FINAL-GERMAN.pdf\">http:\/\/assets.pewresearch.org\/wp-content\/uploads\/sites\/11\/2018\/05\/24143201\/Being-Christian-in-Western-Europe-FINAL-GERMAN.pdf<\/a>, S.&nbsp;20 und 26.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Heinrich Bedford-Strohm, Den\nSinn des Kreuzes \u00f6ffentlich machen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 10.\nMai 2018.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Ereignisse bei der Ministerpr\u00e4sidentenwahl in Th\u00fcringen haben mich wie so viele andere best\u00fcrzt. 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