{"id":4269,"date":"2019-04-12T13:23:52","date_gmt":"2019-04-12T11:23:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?p=4269"},"modified":"2019-04-12T13:25:06","modified_gmt":"2019-04-12T11:25:06","slug":"mitten-im-leben-friedhofskultur-gestalten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?p=4269","title":{"rendered":"Mitten im Leben: Friedhofskultur gestalten"},"content":{"rendered":"<h3><a href=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/SuS_Logo_RGB_mit-Unterzeile-Kopie.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-857\" src=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/SuS_Logo_RGB_mit-Unterzeile-Kopie-300x107.png\" alt=\"SuS_Logo_RGB_mit Unterzeile Kopie\" width=\"300\" height=\"107\" srcset=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/SuS_Logo_RGB_mit-Unterzeile-Kopie-300x107.png 300w, https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/SuS_Logo_RGB_mit-Unterzeile-Kopie.png 576w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/h3>\n<p><a href=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Gedenksteine_01.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4275 size-full alignleft\" src=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Gedenksteine_01.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"326\" srcset=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Gedenksteine_01.jpg 300w, https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Gedenksteine_01-276x300.jpg 276w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>\u201eEure Toten werden leben\u201c<\/strong> steht \u00fcber dem Friedhofseingang in M\u00f6nchengladbach-Rheydt. Ich habe diese Inschrift vor kurzem wieder entdeckt, als ich das Grab meiner Gro\u00dfeltern besuchte. Es liegt gleich an der Mauer in der N\u00e4he der Friedhofskapelle \u2013 da, wo die Kirchengemeinde schon im 19.\u00a0Jahrhundert eine Grabst\u00e4tte f\u00fcr ihre Pfarrer und deren Frauen angelegt hat. Ich liebe diese Grabst\u00e4tte. Die grauen Steine sind alle gleich. Sie unterscheiden sich lediglich durch die Bibelworte, die den Namen und Daten hinzugef\u00fcgt sind. Meist sind es die Konfirmationsspr\u00fcche, manchmal aber auch ein Motto, ein Wahlwort. Wenn ich an den Gr\u00e4bern vorbeigehe, habe ich das Gef\u00fchl, durch die Bibelworte hindurch etwas zu ahnen vom Leben, vom Charakter der Menschen, die dort liegen. Mir gef\u00e4llt der Gedanke, dass die ehemaligen Kollegen, Vorg\u00e4nger und Nachfolger in einem intensiven Bibelgespr\u00e4ch sind.<\/p>\n<p>Die Pfarrgrabst\u00e4tte ist schon eine besondere Ecke auf diesem Friedhof; <strong>die Zahl der Gr\u00e4ber mit Bibelspr\u00fcchen geht ansonsten deutlich zur\u00fcck<\/strong>. Inzwischen sieht man auf dem evangelischen Friedhof neben Engeln und Marienfiguren auch Spiralen, Gingkobl\u00e4tter und Lotusblumen. <strong>Die konfessionellen Bindungen l\u00f6sen sich auf, der Friedhof spiegelt die Individualisierung und zunehmende Vielfalt unserer Gesellschaft<\/strong>. Familiengrabst\u00e4tten sind selten geworden; aber noch findet man \u00fcberall die alten Namen aus der Region. Diese Familien pr\u00e4gten die evangelische Gemeinde, zu der heute nur noch eine Minderheit in der Stadt geh\u00f6rt \u2013 wahrscheinlich sind es nicht viel mehr als die Musliminnen und Muslime, die in den letzten f\u00fcnfzig Jahren zugezogen sind. Merkw\u00fcrdig, wie die Realit\u00e4ten auseinanderfallen: Wer einem Trauerzug \u00fcber den Friedhof folgt, taucht ein in eine vergangene Welt. Ein Gef\u00fchl von Heimat wird sp\u00fcrbar, Geborgenheit in der Phase des Verlusts und der Verunsicherung<strong>. Und es ist nicht nur der Weg unter aufbl\u00fchenden B\u00e4umen, der Hoffnung vermittelt \u2013 es ist auch das Ritual selbst, der Trauerzug, zu dem Verwandte und Freunde gekommen sind. Man kann sich getragen f\u00fchlen in der Tradition.<\/strong><\/p>\n<p>Als ich in den 80er Jahren Gemeindepfarrerin in M\u00f6nchengladbach war, bin ich regelm\u00e4\u00dfig mit Konfirmandinnen und Konfirmanden auf den Friedhof gegangen. <strong>Der alte Friedhofsg\u00e4rtner f\u00fchrte uns an den Gr\u00e4bern entlang wie durch eine Totenstadt; er erz\u00e4hlte die Geschichten der Verstorbenen \u2013 der Bekannten wie der Au\u00dfenseiter \u2013\u00a0als Geschichte der Kleinstadt. <\/strong>Die Jugendlichen hatten Grablichter bemalt oder beklebt und stellten sie am Ende zu einem Menschen, der sie besonders beeindruckt hatte. Wenn die Lichter angez\u00fcndet waren, wurde sichtbar, wie Tote und Lebende zusammengeh\u00f6ren.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/lampe.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4272 size-full alignleft\" src=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/lampe.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/lampe.jpg 300w, https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/lampe-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Davon ist drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter immer weniger zu sp\u00fcren. <strong>Auf dem Friedhof gegen\u00fcber unserem Haus, wo meine Eltern begraben sind, werden die Gr\u00e4ber kleiner \u2013 die Zahl der unscheinbaren Urnengr\u00e4ber w\u00e4chst. <\/strong>Wo die Familien nicht mehr an einem Ort wohnen \u2013 und das ist inzwischen der Normalfall \u2013, wollen Sterbende die Angeh\u00f6rigen nicht mit Grabpflege belasten. Eine kleine Grabplatte mit Namen und Daten, im Rasen eingelassen, gen\u00fcgt. So wachsen die freien Fl\u00e4chen, immer mehr Waldfriedh\u00f6fe entstehen, auch Seebestattungen sind gefragt. <strong>Die Friedhofskultur \u00e4ndert sich rasant. Und sie spiegelt die gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen: Individualisierung, Mobilit\u00e4t, Patchworkfamilien, religi\u00f6se Vielfalt. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Im Land Bremen ist der sogenannte Friedhofszwang inzwischen aufgehoben<\/strong>, Urnen k\u00f6nnen also auch im eigenen Garten bestattet oder auf den Kamin gestellt werden. Der ehemalige Bremer B\u00fcrgermeister Henning Scherf sieht darin einen Gewinn an Freiheit, einengende, b\u00fcrokratische Normen w\u00fcrden \u00fcberwunden.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Andere dagegen \u2013 ich geh\u00f6re auch dazu \u2013 sehen vor allem einen Verlust an \u00d6ffentlichkeit. Zugleich allerdings entstehen neue \u00d6ffentlichkeiten: Seit den 1990er Jahren gibt es virtuelle Friedh\u00f6fe im Netz, dazu digitale Traueranzeigen, wo man einen anteilnehmenden Vers hinterlassen oder eine virtuelle Kerze anz\u00fcnden kann. Ein Beispiel ist die Gedenkst\u00e4tte \u201eLichter der Ewigkeit\u201c des Volksbunds Deutscher Kriegsgr\u00e4berf\u00fcrsorge. Und weil weit entfernt lebende Angeh\u00f6rige und Freunde oft nicht mehr zur Bestattung kommen k\u00f6nnen, bieten viele Bestatter in Gro\u00dfbritanien bereits einen Livestream von der Trauerfeier an.<\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.lichter-der-ewigkeit.info\/anleitung.html\" target=\"_blank\" rel=\"https:\/\/www.lichter-der-ewigkeit.info\/anleitung.html noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-4276 size-full\" src=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Licht_01.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"198\" \/><\/a>Kein Wunder, dass sich viele Kirchengemeinden und auch Landeskirchen Gedanken dar\u00fcber machen, wie Friedh\u00f6fe Gemeinschaftsorte bleiben k\u00f6nnen, auch wenn sie nicht mehr Heimat- und Gemeindegeschichte spiegeln<\/strong>. Orte, die Trost geben und etwas erz\u00e4hlen von der Verbindung zwischen Tod und Leben. Wo Menschen auf einer Bank miteinander reden, Kinder ganz selbstverst\u00e4ndlich den Umgang mit dem Tod lernen, w\u00e4hrend in den B\u00e4umen die V\u00f6gel singen.<strong> In den ehemaligen Leichenhallen werden Gespr\u00e4chsorte eingerichtet: Trauercaf\u00e9s, Begegnungsst\u00e4tten. Gemeindebusse oder B\u00fcrgerbusse fahren \u00c4ltere einmal die Woche zum Friedhof.<\/strong> B\u00e4nke, manchmal schon abgebaut, werden wieder aufgestellt. In der Begegnungsst\u00e4tte gibt es Kaffee und Kuchen. Kinder d\u00fcrfen mitfahren und finden am Rand des Friedhofs vielleicht sogar einen Spielplatz. <strong>Ein Ort des Lebens, an dem auch die Toten ins Gespr\u00e4ch kommen. Wo selbstverst\u00e4ndlich auch die ihren Ort finden, die in den Traditionskulturen keinen Platz auf dem Friedhof fanden: fr\u00fchgeborene Sternenkinder, Menschen, die sich selbst das Leben genommen haben, Menschen anderer Religion<\/strong>. Der Wunsch nach Freiheit, Mitgestaltung, Vielfalt, der sich in der Zivilgesellschaft zeigt, ist ja leider auch eine kritische Antwort auf die normative Enge mancher Gemeinde- und Friedhofsordnungen fr\u00fcherer Tage.<\/p>\n<p>Jetzt, in der Passionszeit, sind mir die Gedanken an Sterben und Tod besonders nah. Meine Mutter starb an einem Samstag vor Ostern, zwischen Karfreitag und Auferstehung sozusagen. Als der Sarg aus der T\u00fcr ihres Appartements getragen wurde, hing am T\u00fcrschild schon ein gelbes Osterstr\u00e4u\u00dfchen. Lebendige Hoffnung, dass das Leben siegt. Und zugleich ein Zeichen, wie eng Tod und Leben zusammengeh\u00f6ren. Ich bin \u00fcberzeugt, dass der Tod, der so existenziell zu unserem Menschsein geh\u00f6rt, uns verbinden kann \u2013 er macht uns gleich, \u00fcber all unsere lebendigen Verschiedenheiten hinweg. Und ich w\u00fcnsche mir, dass auch die Hoffnung uns verbindet: Unsere Toten werden leben.<\/p>\n<p><span style=\"color: #db9737;\"><strong>Ich w\u00fcnsche Ihnen noch eine gesegnete Passionszeit und frohe Ostern.<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #db9737;\"><strong>Ihre CCM<\/strong><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. Henning Scherf in: Ders., Annelie Keil (Hg.): Das letzte Tabu. \u00dcber das Sterben reden und den Abschied leben lernen. Freiburg, Herder, 2016.<\/h5>\n<p><a href=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=394\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-2960 size-full\" src=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Aufbrueche_01.gif\" alt=\"\" width=\"120\" height=\"115\" \/><\/a><a href=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=394\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-2961 size-full\" src=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Symphonie.gif\" alt=\"\" width=\"120\" height=\"115\" \/><\/a><a href=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=394\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-2962 size-full\" src=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/noch_einmal.gif\" alt=\"\" width=\"120\" height=\"115\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Seele-und-Sorge-278815565795410\/?fref=ts\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-2023\" src=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/facebook_s_kl.png\" alt=\"facebook_s_kl\" width=\"37\" height=\"37\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Seele-und-Sorge-278815565795410\/?fref=ts\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Besuchen Sie auch unsere facebookseite \u201eSeele &amp; Sorge\u201c<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEure Toten werden leben\u201c steht \u00fcber dem Friedhofseingang in M\u00f6nchengladbach-Rheydt. 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