{"id":916,"date":"2015-07-29T06:41:12","date_gmt":"2015-07-29T06:41:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=916"},"modified":"2019-05-14T10:24:15","modified_gmt":"2019-05-14T08:24:15","slug":"familien-und-angehoerige-im-hospizgeschehen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=916","title":{"rendered":"Familien und Angeh\u00f6rige im Hospizgeschehen"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Theologisch-ethische Reflexionen <\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>1. Wunderbare Wandlung \u2013 Eine Mutter-Tochter-Geschichte <\/strong><\/p>\n<p>Die Fotoreporterin Maggie Steber hat ihre Mutter in den letzten Lebensjahren mit der Kamera begleitet.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> In einer Altenwohnung in Miami dokumentierte sie deren langsamen Abschied vom eigenen Ich. Madje, die Mutter, war an Demenz erkrankt. Maggie hatte immer ein distanziertes Verh\u00e4ltnis zu ihr gehabt. Das \u00e4nderte sich nun. W\u00e4hrend sie fotografierte, wuchs ein neues Verstehen. Trotz der emotionalen Belastung entstand eine neue Bindung. Schmerzhafte Erinnerungen fielen weg; Sorgen \u00fcber die Zukunft spielten pl\u00f6tzlich keine Rolle mehr. Gemeinsam erlebten sie das Jetzt, und es wuchs eine N\u00e4he, mit der die Fotografin nie gerechnet h\u00e4tte. Am Ende starb Madje in den Armen ihrer Tochter. Diese Reportage sei ihre wichtigste Arbeit gewesen, sagt Maggie heute \u2013 und man glaubt es ihr, wenn man ihre Fotos sieht. Wie entspannt und gl\u00fccklich sie einmal neben der Mutter auf dem Sofa liegt. Wie k\u00f6niglich die Mutter, in eine blaue Decke geh\u00fcllt, auf der Matratze sitzt \u2013 zwischen ihren Katzen.<\/p>\n<p>Es ist wunderbar, auf diese Weise Abschied nehmen zu d\u00fcrfen. Wenn die Beziehung zueinander noch einmal vertieft wird, bevor sie endet. Wenn Vers\u00f6hnung m\u00f6glich wird, wo vorher Distanz und Unverst\u00e4ndnis waren. Wunderbar, den eigenen Eltern noch einmal neu als erwachsene Menschen begegnen zu k\u00f6nnen, auch in Verletzungen, Hilflosigkeit und Angewiesenheit \u2013 und damit selbst endg\u00fcltig erwachsen zu werden. So ging es mir auch und ich m\u00f6chte die Tage und Wochen am Sterbebett meiner eigenen Mutter nicht missen. Sie starb in ihrem kleinen Appartement in einem der nieders\u00e4chsischen Frauenkl\u00f6ster. Es war eine Zeit des Wandels und der Konzentration: Noch einmal leuchtete das Vergangene auf, noch einmal kamen Freunde und Verwandte \u2013 und ich selbst hatte die M\u00f6glichkeit, in den letzten zwei Wochen dort zu \u00fcbernachten. Selten habe ich den Augenblick so intensiv erlebt, die V\u00f6gel am Morgen selten so zwitschern geh\u00f6rt wie in dieser Zeit. Liebe und Leben werden noch einmal ganz dicht, wenn es hei\u00dft Abschied zu nehmen. Was da geschieht, betrifft nicht nur den, der geht, sondern auch die, die bleiben. Der Sterbeprozess ver\u00e4ndert auch das Leben der Angeh\u00f6rigen und Freunde. Es geht um eine gro\u00dfe Verwandlung.<\/p>\n<p>Wir wachsen und wandeln uns mit den Menschen, die uns am n\u00e4chsten sind. Wenn ein geliebter Mensch stirbt, wenn ein anderer geboren wird oder ein Mensch in unser Leben tritt, den wir lieben lernen. Mit und durch die anderen werden wir selbst ein anderer: bei einem Tod zur Waise, bei einer Geburt zu Mutter oder Vater, so werden wir Br\u00e4utigam oder Witwe, aber auch Freund oder Nachbarin \u2013 was an anderen geschieht, verwandelt auch uns. Denn wir werden am Du zum Ich, wir sind auf ein Gegen\u00fcber hin geschaffen, wie Emanuel Levinas und Martin Buber deutlich gemacht haben. Wenn unsere Beziehungen sich ver\u00e4ndern, bleiben auch wir nicht, die wir waren. Wo diese Ver\u00e4nderungen in Liebe geschehen, vers\u00f6hnt uns das mit den Wandlungsprozessen des Lebens. Der Segen, den wir einander im Abschied schenken, l\u00e4sst uns zu unserer Mitte kommen, neue Kraft tanken und neue Bilder vom Leben gewinnen, so wie sie die Fotografin Maggie Steber festgehalten hat. Von ihrer Mutter und von sich selbst.<\/p>\n<p>Nicht immer allerdings sind Abschieds- und Sterbeprozesse so vers\u00f6hnlich. Wie einverst\u00e4ndig sie verlaufen k\u00f6nnen, wie gut es gelingt, dass die Sterbenden ruhig gehen und die Angeh\u00f6rigen sie in Frieden gehen lassen, und ob es m\u00f6glich wird, durch den Schmerz zu einem neuen Leben zu finden, das h\u00e4ngt von vielen Faktoren ab. Wie alle Beteiligten die letzte Lebensphase eines Menschen erleben, das hat mit den individuellen Beziehungen zu tun, aber auch mit den Strukturen der Institutionen. Mit dem Gesundheitszustand der Sterbenden genauso wie mit dem der Angeh\u00f6rigen. Mit deren zeitlichen Ressourcen und ihren Verpflichtungen f\u00fcr die eigene Familie oder im beruflichen Bereich. Und nicht zuletzt auch mit finanziellen und rechtlichen Fragen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Institutionelle Entfremdung \u2013 \u00dcber Organisationen, Recht und Finanzen <\/strong><\/p>\n<p>Selten sind die Rahmenbedingungen so, dass Angeh\u00f6rige in einer Einrichtung \u00fcbernachten k\u00f6nnen. Kosten, Heimordnungen, Besuchszeiten stehen im Weg. Rechtliche Rahmenbedingungen f\u00fcr \u00c4rzte wie f\u00fcr Krankenh\u00e4user und Altenhilfeeinrichtungen regeln auch, wer das Recht hat, Auskunft \u00fcber den Gesundheitszustand eines Menschen zu bekommen, ihn auf der Intensivstation zu besuchen oder im Blick auf letzte Entscheidungen Geh\u00f6r zu finden. In der Regel sind das \u201en\u00e4chste Angeh\u00f6rige\u201c, also Eltern oder Kinder, Geschwister oder Ehegatten. Oft sind es im Alltag aber gar nicht diese Menschen oder nicht sie allein, sondern ganz andere, die einander N\u00e4chste geworden sind: Nachbarinnen und Freunde, Cousins oder Mitbewohnerinnen in einer Wohngemeinschaft. Besonders eklatant war \u00fcber lange Zeit das Auseinanderklaffen zwischen den rechtlichen Vorschriften und den tats\u00e4chlichen Lebensverh\u00e4ltnissen bei homosexuellen Paaren, die nur privatrechtliche M\u00f6glichkeit hatten, ihrer Beziehung einen rechtlichen Status zu geben; noch immer gilt dies f\u00fcr jedwedes unverheiratetes Paar. Die M\u00f6glichkeiten einer Vorsorgevollmacht haben hier tats\u00e4chlich neue R\u00e4ume er\u00f6ffnet \u2013 weil sie, wie die Patientenverf\u00fcgung, in den Rahmenbedingungen und Kompetenzen von Professionen und Institutionen vor allem nach dem Willen und der Lebenswirklichkeit der Betroffenen fragen.<\/p>\n<p>Doch damit tun sich auch neue Fragen auf \u2026 Um zun\u00e4chst einmal die Logiken zu verstehen, nach denen Institutionen Angeh\u00f6rige ein- oder ausschlie\u00dfen, nach denen innerhalb der Organisationen auch neue \u201eAngeh\u00f6rigkeiten\u201c oder besser \u201eZugeh\u00f6rigkeiten\u201c entstanden sind, m\u00f6chte ich ganz kurz an die Entwicklung erinnern, die zu der heutigen Situation gef\u00fchrt hat, in der das Sterben weitgehend aus dem gesellschaftlichen Alltag verdr\u00e4ngt worden ist. Mit etwas Abstand auf diese Entwicklung zu schauen, l\u00e4sst uns vielleicht deutlich werden, in welche Richtung es weitergehen kann, welche Lernprozesse auf verschiedenen Seiten notwendig sind, aber auch \u2013 es gibt keine Geschichte, die nur aus Verlusten besteht \u2013, welche Potenziale in dieser Entwicklung gewachsen sind.<\/p>\n<p>Noch immer gilt das Paradox, dass die Mehrheit der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger zu Hause sterben will \u2013 w\u00e4hrend die meisten tats\u00e4chlich in Krankenh\u00e4usern und Pflegeeinrichtungen oder in Hospizen sterben. Wir w\u00fcnschen uns Familienverh\u00e4ltnisse wie zuletzt in den 50er Jahren, als es selbstverst\u00e4ndlich schien, dass Pflegebed\u00fcrftige zu Hause von ihren Angeh\u00f6rigen \u2013 nein: von ihren T\u00f6chtern oder Schwiegert\u00f6chtern \u2013 versorgt wurden. Ich erinnere mich an die alt gewordene Nachbarin, deren Sterben ich in meinem Elternhaus miterlebte. Meine Mutter versorgte sie zusammen mit der Gemeindeschwester. Ich sehe die Girlande aus G\u00e4nseblumen vor mir, die wir kn\u00fcpften um ihren Sarg legten \u2013 sie hatte mir so oft Blumenkr\u00e4nze f\u00fcr die Haare geflochten. Und ich denke an die Sammeltasse, die sie noch im Herbst als Weihnachtsgeschenk f\u00fcr mich kaufen lie\u00df \u2013 eine bleibende Erinnerung, als sie schon gegangen war. Kleine Rituale, wechselseitiges Geben zwischen den Generationen. In den 80er Jahren dann, als ich Gemeindepfarrerin war, fand ich solche Traditionen des Abschiednehmens nur noch in wenigen H\u00e4usern \u2013 oft auf den alten H\u00f6fen. Mehrgenerationenh\u00f6fe, w\u00fcrde man heute sagen.<\/p>\n<p>Dass das Sterben professionalisiert, institutionalisiert und medikalisiert wurde, hat viele Gr\u00fcnde. Nicht zu untersch\u00e4tzen ist dabei die Tatsache, dass das sogenannte goldene Zeitalter der Familie der 50er Jahren lange hinter uns liegt. Die Ver\u00e4nderung der Geschlechterrollen, die selbstverst\u00e4ndliche Teilnahme von Frauen an der Erwerbsgesellschaft, die zunehmende Mobilit\u00e4t wie auch der demographische Wandel haben die Situation grundlegend ver\u00e4ndert: Das sogenannte T\u00f6chter- und Schwiegert\u00f6chter Pflegepotenzial schrumpft, Familien werden vielf\u00e4ltiger, gerade bei den \u00c4lteren entstehen immer mehr Single-Haushalte und diejenigen, die Kinder erziehen, f\u00fcr Pflegebed\u00fcrftige und Sterbende da sein k\u00f6nnen, sind finanziell benachteiligt und zeitlich in Zerrei\u00dfproben. Ehe wir allerdings die goldenen 50er verkl\u00e4ren, sollten wir uns daran erinnern, dass dieser Prozess bereits im 19. Jahrhundert begann, als die fr\u00fche Industrialisierung wie auch die wachsende Mobilit\u00e4t viele Familien \u00fcberforderte und die weibliche Diakonie mit Pflegeeinrichtungen und Krankenh\u00e4usern entstand.<\/p>\n<p>Entsprechend tief sind die Mentalit\u00e4tsver\u00e4nderungen, entsprechend stark auch die Eigengesetzlichkeiten, die sich in den Institutionen entwickelt haben. Hierzu geh\u00f6rt, dass auch in den Krankenh\u00e4usern, ja selbst in den Altenhilfeeinrichtungen der Tod m\u00f6glichst unsichtbar gemacht wurde, um die \u00fcbrigen Patienten oder ihre Angeh\u00f6rigen davor zu \u201esch\u00fctzen\u201c \u2013 Begriffe wie Gesundheitszentrum oder Seniorenresidenz sprechen eine deutliche Sprache. Erst mit den Hospizen wurden ja Einrichtungen geschaffen, in denen Sterbeprozesse zum Thema werden d\u00fcrfen. Hierzu geh\u00f6rt auch, dass Krankenh\u00e4user und Altenhilfeeinrichtungen mit ihrem Hausrecht die Regeln vorgeben \u2013 selbst dann, wenn heute selbstverst\u00e4ndlich von Bewohnerinnen und Bewohnern, von Miet- und Hotelkosten gesprochen wird. Gleichwohl werden die Prozesse von den Profis gesteuert \u2013 und da st\u00f6ren die Angeh\u00f6rigen die Routinen, die in den chronisch unterfinanzierten Organisationen m\u00f6glichst reibungslos ablaufen sollen. Und tats\u00e4chlich kommt es ja vor, dass die Familienmitglieder vor allem einen kritischen Blick auf die Versorgung werfen, nicht selten, weil sie zuvor selbst bis zur Ersch\u00f6pfung gepflegt haben und sich nun Vorw\u00fcrfe machen, nicht l\u00e4nger intensiv f\u00fcr ihre Angeh\u00f6rigen da sein zu k\u00f6nnen \u2013 aber auch, weil sie gerade in der Altenhilfe h\u00e4ufig an der Finanzierung beteiligt sind oder ihr Erbe dahinschmelzen sehen. Ich habe mich manchmal gefragt, ob Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in der Pflege sich nicht manchmal \u00e4hnlich f\u00fchlen wie die Angeh\u00f6rigen zuvor: \u00fcberfordert, allein gelassen und immer unter Anklage. Fest steht, dass viele von ihnen gerade in Sterbeprozessen ihr \u00c4u\u00dferstes an Zeit und Energie geben, bis zu dem Punkt, an dem es schwer f\u00e4llt, loszulassen. \u201eMutter, wann stirbst Du endlich?\u201c, das Buch von Martina Rosenberg, ein Tabubruch, zeigt die Ambivalenzen von F\u00fcrsorgen und Loslassen.<\/p>\n<p><strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n<p><strong>3. Familienbande \u2013 oder wer geh\u00f6rt dazu? <\/strong><\/p>\n<p>Beim Palliative-Care- und Ethikprojekt, das wir vor einigen Jahren in der Kaiserswerther Diakonie mit Andreas Heller und seinem Team durchgef\u00fchrt haben, waren es die Mitarbeitenden in der Altenhilfe, die sich besonders schwer taten, formale Ethikkonsile einzuf\u00fchren. Das hing damit zusammen, dass \u2013 anders als im Krankenhaus \u2013 in der station\u00e4ren Altenhilfe keine kontinuierliche Beratung mit den (Haus-) \u00c4rzten stattfindet und dass auch die Angeh\u00f6rigen in l\u00e4ngeren Sterbeprozessen eben nicht so regelm\u00e4\u00dfig anwesend sind. So sind Pflegeteams h\u00e4ufiger auf sich selbst gestellt und sehr viel mehr auf die eigene Beobachtung angewiesen. \u201eWir stehen ja auch den Angeh\u00f6rigen gegen\u00fcber, die ebenfalls mit der Situation \u00fcberfordert sind und sich von uns eine L\u00f6sung w\u00fcnschen\u201c, sagt einer der Mitarbeitenden im Interview. \u201eDa k\u00f6nnen wir uns eigentlich nur gegenseitig beraten.\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Seine vorsichtigen Formulierungen lassen ahnen, wie unklar und schwierig die Situation mit den Angeh\u00f6rigen h\u00e4ufig ist. Im Folgenden spricht er dar\u00fcber, die eigenen W\u00fcnsche und Selbstvorw\u00fcrfe, auch eine falsche F\u00fcrsorge zur\u00fcckzunehmen und vor allem den Willen der Sterbenden zu respektieren. Gerade hier aber wird eine gro\u00dfe Kompetenz und Lebenssicherheit sp\u00fcrbar: \u201eWir sollten lernen, keine Angst aufkommen zu lassen, sondern danach zu handeln, was Recht ist. Und das nicht im Alleingang, sondern immer im Team\u201c, sagt der Pflegende. Und schlie\u00dft: \u201eEin Bewohner hat das Recht, dass man f\u00fcr ihn k\u00e4mpft, wenn er das nicht mehr selbst kann.\u201c<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich finden am Sterbebett oft genug K\u00e4mpfe statt. Denn es ist keineswegs immer klar, \u201ewas Recht ist\u201c. Vorab kl\u00e4ren l\u00e4sst sich die Frage, ob Magensonde ja oder nein, schwieriger wird es bei der Entscheidung, ob ein erneuter Krankenhausaufenthalt n\u00f6tig ist oder beim Umgang mit der Fl\u00fcssigkeitszufuhr \u2013 bei solchen Entscheidungen m\u00fcssen Risiken abgewogen, Priorit\u00e4ten gekl\u00e4rt werden. Gerade bei \u00e4lteren, multimorbiden Menschen geht es im Sterbeprozess um eine Kette von Entscheidungen und keinesfalls um das schnelle Ende, das von manchen so sehr gew\u00fcnscht wird. Gleichwohl scheint es schwierig, alle Beteiligten zusammenzurufen und einen hilfreichen Dialog zu f\u00fchren, auch eine Basis zwischen Pflegeteam und Angeh\u00f6rigen herzustellen.<\/p>\n<p>Das liegt nicht nur daran, dass die Einrichtungen mit der Sterbegleitung \u00fcberfordert sind. Es hat auch damit zu tun, dass die Angeh\u00f6rigen selbst auf diese Situation wenig vorbereitet sind. Da sind die pflegenden Kinder, die selbst Familie haben und zudem beruflich eingespannt sind, die Rentnerinnen, die ihre hochaltrigen M\u00fctter bis zur eigenen Ersch\u00f6pfung gepflegt haben, die Ehepartner, die ebenfalls schon alt sind und durch die Begleitung k\u00f6rperlich und emotional an die Grenze geraten. Da sind die j\u00fcngeren Mitglieder der multilokalen Mehrgenerationenfamilie, die weite Wege einplanen m\u00fcssen, ihre sterbenden Familienmitglieder zu besuchen. Wenn nach langer Pflege die Belastung im Sterbeprozess noch einmal zunimmt, k\u00f6nnen auch in den Familien selbst die Spannungen wachsen. Wer hat jetzt die Zeit am Sterbebett zu sitzen? Wer muss sie sich nehmen? \u00dcberkommene Geschlechterrollen werden wieder lebendig, alte Rechnungen noch einmal aufgemacht, Geben und Nehmen in Beziehung gesetzt. Manchmal \u2013 keineswegs immer \u2013 werden solche Situationen besonders schwierig in Scheidungs- oder Patchworkfamilien. Alte und neue Bindungen, alte und neue Rechte stehen nebeneinander und manchmal eben auch in Konflikt miteinander. Die Anspannung, die mit all dem verbunden ist, \u00e4u\u00dfert sich in versch\u00e4rften Konflikten, wenn hierf\u00fcr keine Regelungen getroffen wurden.<\/p>\n<p>Kein Wunder, dass inzwischen viele Einrichtungen Patientenverf\u00fcgung und Vorsorgevollmacht gleich mit der Anmeldung verlangen und bereits in der ersten Zeit die W\u00fcnsche und Vorstellungen abfragen. Damit sind im Blick auf die Selbstbestimmung hilfreiche Instrumente geschaffen. Zugleich aber bleibt ein ger\u00fctteltes Ma\u00df an Skepsis, was die Lebensn\u00e4he solcher Entscheidungen angeht: Lassen sich die Dinge tats\u00e4chlich im Vorhinein kl\u00e4ren, wenn doch unsere Gef\u00fchle immer nur durch das bisherige Leben und Erleben gepr\u00e4gt sind? Und wenn wir mit dem Sterben keinerlei Erfahrung mehr haben? Droht nicht die Gefahr, damit selbst zu einer Verregelung und Versachlichung des Sterbens beizutragen, obwohl wir es am Ende doch immer mit widerstreitenden Perspektiven zu tun haben \u2013 bei den Sterbenden wie auch bei ihren Angeh\u00f6rigen? Ein gutes Miteinander in der Entscheidungssituation ist genauso wesentlich wie eine rechtliche Festlegung \u2013 auch wenn nicht bestritten werden soll, auch wenn sie tats\u00e4chlich allen Beteiligten eine zentrale Orientierung in schwierigen Situationen geben kann.<\/p>\n<p>Wie wichtig es ist, die Gemeinschaft, aus der ein Mensch kommt, im organisationellen Handeln nicht einfach vor der T\u00fcr zu lassen, sondern sie einzubeziehen, das hat die soziale Arbeit in vielen Feldern durchdekliniert: in der Adoptions- und Pflegekinderarbeit, in der ambulanten Suchtkrankenhilfe und in allem Bem\u00fchen um ein gutes Versorgungsnetz im Stadtteil. Das gilt im Sterben und Abschiednehmen noch einmal auf ganz besondere Weise.<\/p>\n<p>Die Zielsetzung der Ethikkonsile im Krankenhaus, dass alle Beteiligten &#8211; Angeh\u00f6rige wie Profis, Pflegende wie Haus\u00e4rzte und gegebenenfalls die Fachkollegen vom Krankenhaus miteinander beraten &#8211; schien in der Altenhilfe nur schwer umsetzbar. Wer soll beteiligt werden? Wer geh\u00f6rt dazu? Wer kann wann eine Beratung einberufen? Die Zeit der Sterbebegleitung, des Abschiednehmens und Neuordnens verlangt in unserer zunehmend fragmentierten Gesellschaft ein hohes Ma\u00df an Kommunikation und Absprachen. Und eben ein \u00dcberschreiten der Grenzen zwischen den Institutionen und ihrem Au\u00dferhalb, zwischen Pflegenden, der Kernfamilie und den anderen Zugeh\u00f6rigen, aber auch &#8211; das kann hier immer nur am Rand erw\u00e4hnt werden &#8211; zwischen verschieden Tr\u00e4gern, Kranken-und Pflegeversicherung, Organisationen und den Engagierten in der Zivilgesellschaft.<\/p>\n<p>Das Netzwerk, das uns tr\u00e4gt und unterst\u00fctzen kann, will gepflegt sein. Und das bedeutet: Angeh\u00f6rige m\u00fcssen so fr\u00fch wie m\u00f6glich einbezogen werden. Das gilt f\u00fcr die Gespr\u00e4che, die jeder und jede von uns wir f\u00fchren sollte, bevor wir eine Patientenverf\u00fcgung oder Vorsorgevollmacht aufsetzen, das gilt aber auch f\u00fcr die Organisationen, die am Ende oft \u00fcbernehmen. Es ist kein Zufall, dass Teams in der Altenpflege sich gelegentlich zum eigentlichen F\u00fcrsprecher des Sterbenden machen \u2013 die monatelange Pflege und F\u00fcrsorge hat eine Zugeh\u00f6rigkeit geschaffen. Auch wenn es inzwischen verschiedene Modelle der Angeh\u00f6rigenpflege gibt &#8211; die n\u00e4chsten Familienmitglieder bleiben in der Regel Besucher und werden gleichwohl, wenn es eng wird, f\u00fcr den einen oder anderen Hilfsdienst gebraucht. Eine unklare Rolle, in der sich die Angeh\u00f6rigen nachvollziehbarerweise unwohl f\u00fchlen; wo sie sich dann zur\u00fcckziehen, ist dies der Abschied vor dem Abschied. Zur\u00fcck bleiben Einsamkeit, Hilflosigkeit und Gef\u00fchle des Ausgeliefertseins \u2013 auf allen Seiten. Die nicht mehr so neuen Formen selbstbestimmter Wohngemeinschaften sind auch ein Weg, den Zugeh\u00f6rigen ihren Platz zu lassen, ihnen Raum zur Beteiligung zu geben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. Das biographische Netz \u2013 Von der Notwendigkeit, einen Resonanzrahmen zu haben <\/strong><\/p>\n<p>Im Sterben wird das Geflecht, das soziale und biographische Netzwerk erkennbar, in dem wir unser Leben gestaltet haben \u2013 mit seinen sichtbaren wie mit den unsichtbaren Knoten. Mit den Menschen, die leben und um uns sind, aber auch mit denen, die uns in unserer Lebensgeschichte gepr\u00e4gt haben, inzwischen aber verstorben oder nicht mehr erreichbar sind. Schmerzliche L\u00fccken, unvers\u00f6hnte Beziehungen, Abbr\u00fcche und gl\u00fcckliche Neuanf\u00e4nge. Menschen, die uns stark gemacht und solche, die uns gekr\u00e4nkt und geschw\u00e4cht haben. Eltern und Lehrerinnen werden erinnert und in Gespr\u00e4chen pl\u00f6tzlich wieder pr\u00e4sent, Namen fallen, die keiner mehr kennt &#8211; von Vorgesetzten, Freundinnen, Kollegen und auch von Zufallsbegegnungen, die den Verlauf einer Biographie gleichwohl entscheidend ver\u00e4ndert haben. In Einrichtungen f\u00fcr Demenzkranke ist es \u00fcblich geworden, Fotos aufzuh\u00e4ngen, die den Bewohner in j\u00fcngeren Jahren zeigen, sein oder ihr Lebens- und Berufsumfeld in Erinnerung rufen. Bilder vielleicht auch von Eltern, Ehepartnern und Kindern &#8211; wer aber erinnert sich an die Namen der Freunde? Wie alte Fotos, die niemand beschriftet hat, tauchen jetzt Bruchst\u00fccke von Geschichten auf. Und niemand, au\u00dfer den Angeh\u00f6rigen und engen Freunden, ist in der Lage, zu dechiffrieren, was sie bedeuten. Was mit einem Namen, einem Duft oder einem Bild verbunden ist, woran ein Musikst\u00fcck erinnert, das l\u00e4sst sich nicht auf Frageb\u00f6gen ankreuzen. Das wissen oft nur die Menschen, die uns vertraut sind. Auch darum ist es so wichtig, dass sie bei uns sind.<\/p>\n<p>Vielleicht erlauben es die letzten Wochen, noch einmal bewusst zu erz\u00e4hlen. Sich auszutauschen \u00fcber das, was ber\u00fchrt hat, was wichtig war oder was schmerzte. Unser Gesundheitswesen, schreibt Andreas Heller in dem Buch \u201eIn Ruhe sterben\u201c; das er gemeinsam mit Reimer Gronemeyer<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> verfasst hat, rechnet und plant in DRGs und Modulen \u2013 es z\u00e4hlt nur, was gez\u00e4hlt werden kann. Demgegen\u00fcber k\u00e4me es auf das an, was erz\u00e4hlt werde kann: individuelle Biographien, Lebensbr\u00fcche und Umbr\u00fcche, das Unverwechselbare. Dabei kommt es allerdings darauf an, dass diese Geschichten in ihrer Bedeutung verstanden und dechiffriert werden k\u00f6nnen; dazu braucht es einen gemeinsamen Deutungshorizont zwischen dem Erz\u00e4hlenden und seinen Zuh\u00f6rern.<\/p>\n<p>Die Philosophin Hannah Arendt hat am Ende ihres Lebens von dem Gef\u00fchl der \u201eEntlaubung\u201c gesprochen, dem Gef\u00fchl, auf der Welt ohne die gewohnten und geliebten Gesichter, die sie einst umgaben, nicht mehr zu Hause zu sein. Arendt schrieb im Dezember 1973 an ihre enge Freunde Mary McCarthy, dass sie nicht dagegen habe, sich auf das eigene Sterben als einen Prozess der Transformation einzulassen, aber das, was ihr wirklich etwas ausmache, sei die \u201estufenweise\u201c Transformation einer Welt mit vertrauten Gesichtern (egal ob Freund oder Feind) in eine Art W\u00fcste die von fremden Gesichtern bev\u00f6lkert sei. Dieser Prozess der Transformation, dieses \u201eaus der Welt gehen\u201c oder besser: dieser Weltverlust, entzieht sich den Augen derer, die noch mitten in der Welt sind. \u201eEs scheint, als habe der Tod f\u00fcr meine Schwester bereits eine Schrecken verloren, weil sie mit ihm kommuniziert, mehr als mit uns\u201c, beschreibt Charlotte Link in ihrem Buch \u201eSechs Jahre\u201c \u00fcber das Sterben ihrer Schwester diese Erfahrung.<\/p>\n<p>Viele Sterbende sind zudem gar nicht oder nur wenig in der Lage, zu erz\u00e4hlen, etwa weil sie nach einem Unfall im Koma liegen, weil sie an Demenz erkrankt sind oder weil sie wegen einer schweren Krankheit Schmerzmittel erhalten. Auch das geh\u00f6rt zu den Schwierigkeiten der Angeh\u00f6rigkeiten in diesem Geschehen: Die scheinbare geistige Abwesenheit der Sterbenden kann f\u00fcr die Begleitenden irritierend sein. Viele f\u00fchlen sich hilf- und nutzlos am Bett einer Person, die nur noch so wenig von dem zu sein scheint, was sie einmal war. Da gilt es wieder zu entdecken, dass Sprechen nicht der einzige und keineswegs immer der beste Weg ist, einander nahe zu sein und einander zu verstehen. Jetzt spielt wie in der Kindheit oder auch in einer Liebesbeziehung der k\u00f6rperliche Kontakt eine wichtige Rolle. Und auch Musik kann eine M\u00f6glichkeit sein, sich in eine gemeinsame, andere Welt zu begeben. Vielleicht hilft auch die Vorstellung, dass es f\u00fcr manche Sterbende auch darum geht, ihr Leben schlafend und tr\u00e4umend zu Ende zu bringen \u2013 allerdings eine Herausforderung in einer Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft, in der Schlafmangel und Schlafst\u00f6rungen zunehmen und Eltern in Kursen lernen, wie ein Kind schlafen lernen kann. Den Schlaf anderer zu bewachen, Sterbende in den Tod wie in einen Schlaf zu begleiten, durch die eigene Anwesenheit, ein Handhalten oder Streicheln, ein Gebet, m\u00fcssen wir sicher alle neu lernen. Es ist eine \u00dcbung an der Grenze \u2013 zwischen Wachsein und Traum, Schlaf und Tod, Sichtbarem und Unsichtbarem \u2013, w\u00e4hrend die \u00dcberwachungstechnik die Fiktion aufrechterh\u00e4lt, dass die entscheidenden Prozesse sichtbar zu machen seien.<\/p>\n<p>Was geschieht, wenn wir an einem Sterbebett sitzen, stellt unser Denken \u00fcber Leistung, Produktivit\u00e4t und Lebenssinn sehr grunds\u00e4tzlich in Frage. Denn das Bild vom immer wachen, gesunden und leistungsstarken Menschen, der nicht auf andere angewiesen ist \u2013 dieses Bild von Freiheit und Autonomie h\u00e4lt im Sterbeprozess nicht stand. \u201eDer Mensch, der es ablehnt, dem sinkenden Leben gut zu sein, vers\u00e4umt eine wichtige Chance, zu verstehen, was Leben \u00fcberhaupt ist, wie unerbittlich seine Tragik, wie tief seine Einsamkeit, und wie sehr wir Menschen miteinander solidarisch sein k\u00f6nnen\u201c, sagt Romano Guardini. \u201eDie Sorge f\u00fcr die Schwachen sch\u00fctzt die Starken selbst.\u201c<\/p>\n<p>Und Andreas Kruse und Thomas Klie schreiben: \u201eDie mit einer Gesellschaft des langen Lebens verbundenen Herausforderungen verlangen nach einer Auseinandersetzung mit Fragen des Menschseins, mit dem Verst\u00e4ndnis von W\u00fcrde und mit den Vorstellungen eines guten und sinnerf\u00fcllten Lebens unter Bedingungen der Vulnerabilit\u00e4t. Vorstellungen von Leben und Autonomie, die den Beziehungscharakter menschlichen Lebens und dessen Angewiesenheit auf andere nicht einbezieht, sind unvollst\u00e4ndig. Ein Bild von W\u00fcrde, das mit pers\u00f6nlicher Leistungsf\u00e4higkeit verbunden wird, gef\u00e4hrdet den Respekt vor jenen Menschen, die in erh\u00f6htem Ma\u00dfe vulnerabel sind\u201c \u2013 so ihr \u00f6ffentlicher Zwischenruf zur Debatte um den Assistierten Suizid, die ja nur die Zuspitzung dieser Fragen darstellt. Dabei darf nicht ausgeblendet werden, dass es bei dem Wunsch nach einer vorzeitigen Beendigung des Lebens h\u00e4ufig auch darum geht, den Angeh\u00f6rigen nicht zur Last fallen zu wollen. Ein Wunsch, den das gesellschaftliche Klima durchaus nahelegen kann. Dazu passt der Wunsch nach einem aufrechten, w\u00fcrdevollen Abschied &#8211; Menschen m\u00f6chten einander ein qu\u00e4lendes Aus-der Welt-gehen nicht zumuten. Die Frage, wie die Liebe mit Endlichkeit, Gebrechlichkeit und Verletzlichkeit umgeht, spielt inzwischen in vielen B\u00fcchern und Filmen eine Rolle. Aber auch der assistierte Suizid, der geplante Abschied, der aus Liebe geschieht oder zugelassen wird, ist ein qu\u00e4lender Schmerz. Darum finde ich es richtig, die enge und manchmal auch qu\u00e4lend-be\u00e4ngstigende N\u00e4he, die liebende Angeh\u00f6rige haben und in der sie ihre Verzweiflung mit dem Sterbenden teilen, zu einem dritten Ankerpunkt hin zu \u00f6ffnen. Deshalb spielen \u00c4rzte und Institutionen mit ihrer Ethik eine entscheidende Rolle. Rechtlich zuzulassen, dass sie die Rolle von Freunden einnehmen und damit selbst zu Zugeh\u00f6rigen werden, halte ich f\u00fcr ein Problem. Darum ist es so wichtig, dass wir gesellschaftlich und sozialpolitisch alles tun, damit Menschen auch in ihrer Pflegebed\u00fcrftigkeit w\u00fcrdevoll sterben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>6. Auf dass wir klug werden \u2013 Abh\u00e4ngigkeit akzeptieren<\/strong><\/p>\n<p>Unsere Vorstellungen von W\u00fcrde werden aber nicht erst am Sterbebett auf die Probe gestellt \u2013 das beginnt schon bei der Frage, ob Menschen, die alt und pflegebed\u00fcrftig sind oder eine Behinderung haben, ein Leben in W\u00fcrde f\u00fchren k\u00f6nnen. In einer Ausstellung \u00fcber die sozialen Sicherungssysteme, die ich k\u00fcrzlich gesehen habe, fand ich folgende S\u00e4tze: \u201eSolange wir gesund und fit sind, k\u00f6nnen wir im Alter noch viel Positives erleben und auch noch viel tun; f\u00fcr unsere Familie, f\u00fcr unser Umfeld, die Gemeinschaft. Irgendwann werden wir von Gebenden zu Nehmenden. Das ist f\u00fcr viele nicht leicht. In einer solidarischen Gesellschaft k\u00f6nnen wir uns darauf verlassen, dass f\u00fcr uns gesorgt ist.\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> So sehr ich f\u00fcr eine solidarische Altersversorgung einstehe, so sehr irritiert mich dieser Satz: \u201eIrgendwann werden wir von Gebenden zu Nehmenden.\u201c Er zeichnet das Bild einer Erwerbsgesellschaft, die das Geben den Starken und Fitten vorbeh\u00e4lt \u2013 und das Nehmen entsprechend den Kindern, Kranken und Alten. Wer sterbend vollkommen auf die Hilfe und Begleitung anderer angewiesen ist &#8211; ganz so wie es S\u00e4uglinge sind &#8211; scheint dann am Ende zum Objekt des Handelns zu werden. Das ist die absolute Kr\u00e4nkung unserer Vorstellung von Autonomie und Eigenverantwortung. Aber stimmt das tats\u00e4chlich? Der t\u00fcrkische Arzt einer Freundin sagte zu ihr, w\u00e4hrend ihr Sohn und die Schwiegertochter an ihrem Bett sa\u00dfen, sie w\u00fcrde mit ihrem Sterben den Nachkommen auch zeigen, wie man sterben kann.<\/p>\n<p>In der FAZ erschien vor kurzem ein Interview mit dem Musiker Mikis Theodorakis unter der \u00dcberschrift: \u201eWo sollen wir Hoffnung hernehmen?\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>. Ja, es ging um die griechische Politik, aber dar\u00fcber hinaus um die Frage, wie wir mit Chaos in der Welt umgehen und zur Harmonie finden k\u00f6nnen. Darin erz\u00e4hlt er, dass er oft mitten in der Krise eine Melodie geh\u00f6rt hat, die ihm Mut und Hoffnung gab. \u201eWir d\u00fcrfen dem Chaos einfach nicht erlauben, sich bei uns einzunisten\u201c, sagt er dem Journalisten, der nach einer Zukunftshoffnung fragt. Und er endet mit folgenden S\u00e4tzen: \u201eIch selbst aber will so schnell wie m\u00f6glich sterben; meine Eltern und mein Bruder sind schon gegangen. Sie warten.\u201c Dass wir von Alten oder Sterbenden lernen k\u00f6nnen, ist in unserer \u00e4lter werdenden Leistungsgesellschaft weitgehend aus dem kollektiven Ged\u00e4chtnis verschwunden. Verschwunden ist auch das Wissen um die, die uns voran gegangen sind. Vielleicht ist es ja kein Zufall, dass ich eine griechische Stimme zitiert habe &#8211; aus einer Kultur, in der die Ikonostase der Heiligen ganz selbstverst\u00e4ndlich zur Gemeinschaft der Lebenden hinzu geh\u00f6rt. Auch in unserer Trauer m\u00fcssten wir lernen, unsere Liebenden zu gerahmten Bildern werden zu lassen, schreibt Joan Didion in ihrem Roman \u201eDas Jahr des magischen Denkens\u201c.<\/p>\n<p>Von den Sterbenden k\u00f6nnen wir lernen, abschiedlich zu leben. Das ist eine der Grunderfahrungen der Hospizbewegung, die sich gesellschaftlich aber noch immer nicht durchgesetzt hat. Unsere \u00e4lter werdende Gesellschaft hat eine andere Blickrichtung: Wir schauen auf die Jungen. Allenfalls von Kindern wollen wir lernen \u2013 ihre Entdeckerfreude und Phantasie jenseits der gebahnten Wege beeindrucken uns so, dass ein Schlager vorschlug, ihnen das Kommando zu geben. Das ist durchaus jesuanisch, denn auch Jesus stellt im Gegenzug zur Verehrung seiner Zeit f\u00fcr die Alten ein Kind in die Mitte, damit andere von ihm Vertrauen lernen. Das Evangelium erinnert daran, wie zerbrechlich und wie angewiesen wir letztlich alle sind. Wie die Blumen auf dem Feld, wie die V\u00f6gel unter dem Himmel: sch\u00f6n und bunt, aber auch verletzlich und endlich. Unsere planende Vorsorge, unser Wunsch nach Eigenverantwortung sind wichtig &#8211; aber sie k\u00f6nnen das Vertrauen nicht ersetzen &#8211; das Gottvertrauen nicht und nicht das Vertrauen in andere Menschen. Wir m\u00fcssen \u2013 und wir d\u00fcrfen \u2013 damit leben, dass Leben mehr ist, als wir planen und uns vorstellen k\u00f6nnen und als wir vor Augen sehen.<\/p>\n<p>Und das l\u00e4sst sich eben vor allem von denen lernen, die nicht einmal ihr eigenes Leben steuern k\u00f6nnen: von Kindern, von Sterbenden, aber auch von Menschen mit Behinderungen: In einer Erkl\u00e4rung des Zentralausschusses des \u00d6kumenischen Rates der Kirchen von 2003 hei\u00dft es: \u201eOhne die Erkenntnisse (von Menschen mit Behinderung) werden die tiefsten, ureigensten Elemente der christlichen Theologie verf\u00e4lscht oder verloren gehen.\u201c<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Der Text wurde von einer Gruppe geschrieben, in der behinderte Menschen, ihre Betreuer, Angeh\u00f6rige und Freunde zusammen nachgedacht haben. Sie schreiben: Wir \u201ewissen, was es bedeutet, dass sich das Leben unerwartet von Grund auf ver\u00e4ndern kann. Wir waren in jenem Grenzbereich zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten, in dem wir nur zuh\u00f6ren und abwarten konnten. Wir hatten Angst und den Tod vor Augen und kennen nun unsere eigene Verwundbarkeit. Wir sind Gott in jener leeren Dunkelheit begegnet, in der uns bewusst wurde, dass wir \u201adie Kontrolle\u2018 \u00fcber uns verloren haben, und wir haben gelernt, auf Gottes Gegenwart und F\u00fcrsorge zu vertrauen. Wir haben gelernt, bereitwillig anzunehmen, mit Freude zu geben, und dankbar f\u00fcr den Augenblick zu sein. Wir haben gelernt, Neuland zu gewinnen und einen neuen Weg f\u00fcr unser Leben zu finden, der uns noch nicht vertraut ist. Wir wissen, was es bedeutet, inmitten von Paradoxen zu leben, und wir wissen, dass einfache Antworten und Sicherheiten uns nicht tragen.\u201c<\/p>\n<p>Eingespannt zwischen Autonomie und Angewiesenheit, zwischen Eigenverantwortung und Vertrauen, lernen wir von denen, die Krisen durchgestanden haben und die ihre Endlichkeit vor Augen haben. Wir lernen in der N\u00e4he des Todes, wenn Freund Hein mit uns am Sterbebett sitzt: Dass jeder von uns Zugeh\u00f6rigkeit braucht, dass jede zu geben hat \u2013 vielleicht gerade am Ende. Dass unser K\u00f6rper keine Statue ist, die wir modellieren, skulpturieren, optimieren, sondern verg\u00e4nglich wie alles Leben. Ariadne von Schirach, die mit ihrem Buch \u201eDu sollst nicht funktionieren\u201c zu einer neuen Lebenskunst ermutigen will, schreibt: \u201eUnsere Gesellschaft toleriert keine Schw\u00e4che mehr. Wenn der Wert der Natur ihr Ertrag ist und der Wert des Tieres seine Tauglichkeit als Futter, Lastentr\u00e4ger oder Attraktion, dann ist der Wert des Menschen seine Arbeitskraft und seine F\u00e4higkeit, ein gutes Bild abzugeben. Doch die W\u00fcrde des Menschen liegt jenseits solcher Zwecke. Eine Zeit, die den Wert eines Menschen mit seiner Leistungskraft gleichsetzt, ist eine w\u00fcrdelose Zeit. Sie diskriminiert diejenigen, die zur Verwertung entweder noch nicht oder nicht mehr tauglich sind \u2013 und damit irgendwann uns alle. Das Beharren auf die kategoriale Nutzlosigkeit des Menschen, verbunden mit dem Gebot, genau diese zu lieben und zu besch\u00fctzen, ist die Grundlage f\u00fcr alle Beziehungen, die das Reich des Widerw\u00e4rtigen zu verlassen verm\u00f6gen.\u201c<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\"><sup><sup>[7]<\/sup><\/sup><\/a> Sie ist die Grundlage der Solidarit\u00e4t.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich stehen wir heute an einem Punkt, an dem f\u00fcr das Ende des Lebens \u00e4hnliche \u00dcberlegungen der Planbarkeit und Machbarkeit greifen wie seit f\u00fcnfzig Jahren f\u00fcr den Anfang &#8211; zun\u00e4chst mit der Pille und dann mit Pr\u00e4nataldiagnostik und Fruchtbarkeitsbehandlungen. Dabei geht es um mehr als um den Umgang mit Medikamenten und technischen Ger\u00e4ten oder Sterbeverf\u00fcgungen. In einem Gesundheitssystem, das inzwischen durch Wettbewerb am Markt, durch Kennzahlen und DRGs gesteuert wird, ger\u00e4t mit wachsenden medizinischen M\u00f6glichkeiten auch das Sterben in den Sog standardisierter Versicherungsleistungen \u2013 bis hin zur vorgesehenen durchschnittlichen Sterbezeit. Die Sorge, dass der Umgang mit dem Sterben unter einen \u00e4hnlichen Druck ger\u00e4t wie der mit Schwangerschaften bei immer differenzierter Diagnostik, ist deshalb nicht von der Hand zu weisen.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte deshalb gern noch einmal zu denen zur\u00fcckkommen, die die die Sterbeprozesse professionell begleiten, zu den \u00c4rzten und \u00c4rztinnen und den Pflegenden. In einer Zeit, in der Einrichtungen wie Personal zunehmend unter Effektivit\u00e4tskriterien gesteuert werden, fehlt es oft an Zeit, den Weg eines Menschen wirklich mitzugehen und ihn bis zum Ende zu begleiten. \u00c4rzte und besonders Pflegende leiden darunter, weil es genau das w\u00e4re, worin sie den Sinn in ihrer Arbeit erfahren. Wo keine wirkliche Begleitung mehr m\u00f6glich ist, fehlt die Resonanz, die Menschen in sozialen Berufen sp\u00fcren l\u00e4sst, dass sie gebraucht werden. Kein Wunder, dass manche ihre Berufung in der Hospizarbeit wiederfinden. Nicht zuf\u00e4llig ist der Bestseller \u201eF\u00fcnf Dinge, die Sterbende am meisten bedauern\u201c das Buch einer Krankenschwester.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Gut, dass auf Palliativstationen und in Hospizen mehr Zeit ist, Beziehungen aufzubauen und Resonanz zu erfahren; umso schmerzlicher, dass diese Zeit in einer Lungenklinik oder einer Altenhilfeeinrichtung noch immer fehlt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>8. Alte und neue Familien \u2013 vom Gemeinde, Nachbarschaft und Quartier <\/strong><\/p>\n<p>In ihrem Buch \u201eJeder Tag ist kostbar\u201c beschreibt auch Daniela Tausch-Flammer, wie die Begegnung mit dem Sterben ihrer Mutter sie ver\u00e4ndert hat. \u201eIch war vorher jemand, der mit viel Angst im Leben stand. Angst vor der Dunkelheit. Angst, keinen Beruf zu bekommen. Angst keinen Ort zum Leben zu finden. Angst vor Begegnung. &#8230; Durch die Lupe des Todes weitete sich der Angstring, &#8230; hielt mich nicht l\u00e4nger gefangen. Durch das Bewusstwerden der Endlichkeit \u00f6ffnete sich eine T\u00fcr zur Spiritualit\u00e4t. In mir wuchs das Vertrauen: Das, was dir passiert, wird stimmen. Ich begann zu vertrauen, dass ich in meinem Leben gef\u00fchrt werde, von Gott begleitet bin. &#8230; Dass angesichts des Todes vor allem die Momente z\u00e4hlen, in denen ich gewagt habe, mich offen zu zeigen.\u201c<\/p>\n<p>Diese Erfahrung motivierte Daniela Tausch-Flammer zur Hospizarbeit. Sie fand ihre Lebensaufgabe. Bei aller Trauer gilt eben auch: Der Umgang mit dem Sterben vitalisiert, die ehrliche Auseinandersetzung, die Erfahrung der Vers\u00f6hnung und die \u00dcberwindung von Angst setzen neue Kr\u00e4fte frei. Es waren und sind ja oft die Angeh\u00f6rigen, die zivilgesellschaftliche Bewegungen in Gang bringen und damit letztlich f\u00fcr einen Mentalit\u00e4tswandel sorgen. Das gilt f\u00fcr die Hospizbewegung genauso wie f\u00fcr die Inklusionsbewegung und vorher schon f\u00fcr den Kampf der M\u00fctter, auf der Kinderstation \u00fcbernachten und ihre Kinder unterst\u00fctzen zu k\u00f6nnen. Was da in den 1970er Jahren mit dem Care-Thema und der \u201eneuen M\u00fctterlichkeit\u201c begann, findet heute im Mehrgenerationenwohnen eine Fortsetzung &#8211; aber noch immer gilt es daf\u00fcr zu k\u00e4mpfen, dass Angeh\u00f6rige eben auch in Einrichtungen ihren Platz finden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um einen solchen Mentalit\u00e4tswandel geht es auch bei der Neuentdeckung der Quartiere. \u201eIch will alt werden und sterben, wo ich gelebt habe\u201c \u2013 der eing\u00e4ngige Satz des Sozialpsychiaters Klaus D\u00f6rner steht paradigmatisch f\u00fcr diese Bewegung. Es geht darum, das eigene Leben zu gestalten. Und damit auch zu w\u00e4hlen, wie und wo wir sterben \u2013 so wie wir das im Blick auf Wohnen und Arbeiten, Beziehungen und Lebensstil seit langem tun. Zugleich aber geht es um das Gef\u00fchl, in m\u00f6glichst normale Zusammenh\u00e4nge eingebettet zu sein &#8211; so wie in den 50ern in meinem Elternhaus oder bis in die 70er Jahre auf den Mehrgenerationenh\u00f6fen. \u00c4ltere, die auf Alltagshilfen angewiesen sind, oder Menschen mit Behinderung sollen nicht l\u00e4nger in besonderen Einrichtungen, sondern m\u00f6glichst in der Nachbarschaft leben, Wohnquartiere sollen so gebaut werden, dass Rollatoren wie Kinderwagen \u00fcber die Schwelle kommen. H\u00e4user so barrierefrei sein, dass auch ein Rollstuhl oder ein Krankenbett Platz finden. Und nat\u00fcrlich sollen auch die notwendigen Dienstleistungen zu den Menschen kommen \u2013 und nicht l\u00e4nger umgekehrt. Die Quartiersbewegung will die Mauern durchl\u00e4ssig machen, die das Leben der Fitten und Leistungsstarken von dem der Hilfebed\u00fcrftigen trennt. Dabei geht es um keinen geringeren Anspruch als den, die Bewegung der Institutionalisierung der Hilfe umzukehren \u2013 oder sollte ich sagen: sie weiter zu entwickeln in Richtung auf eine inklusive Gesellschaft, in der das Angewiesensein auf Dienste zum Alltag geh\u00f6rt. Mit einem Netzwerk unterschiedlicher Professionen, mit Ehrenamtlichen, Nachbarn und den Betroffenen als Auftraggeber. Dabei spielen die bislang privaten Erziehungs- und Pflegeleistungen, die fr\u00fcher famili\u00e4ren Unterst\u00fctzungsleistungen bei Haushalt, W\u00e4sche, Eink\u00e4ufen eine zentrale Rolle \u2013 sie erfordern und erm\u00f6glichen Austausch und Kommunikation. Auch die ambulante Palliativpflege macht deutlich, worum es geht: Sie kann in gewisser Weise ankn\u00fcpfen an jene Zeiten, in denen Haus\u00e4rzte und Gemeindeschwestern die Familien in der Pflege unterst\u00fctzten \u2013 jetzt allerdings in einem integrativen Versorgungssetting mit hochspezialisierten Diensten und Einrichtungen. Diese Bewegung kann sich auf das Evangelium berufen: denn die Heilungsgeschichten, die dort \u00fcberliefert sind, sind allesamt Inklusionsgeschichten. Einsamkeit und Isolation werden aufgehoben &#8211; Menschen kehren in ihre H\u00e4user zur\u00fcck und feiern wieder gemeinsam mit anderen im Tempel Gottes.<\/p>\n<p>Gleichwohl haben wir es eben nicht mehr mit den Golden Fifties zu tun. In vielen Familien fehlen die Rahmenbedingungen, um die notwendige N\u00e4he in der Sterbebegleitung zu erm\u00f6glichen. Davon war eben schon die Rede. Was nutzt es, zu Hause zu sterben, wenn dieses zu Hause nichts weiter ist als eine Wohnung ohne Geschichte? Wenn ich die Nachbarn kaum kenne, wenn die Familie an vielen Orten zu Hause ist, die Unterst\u00fctzung im Alltag fehlt? Ohne andere Rahmenbedingungen wird es sozialpolitisch nicht gelingen, den Traum vom Quartier wirklich zu st\u00e4rken. Dazu geh\u00f6rt die Weiterentwicklung der Pflegezeit, weitere Verbesserungen f\u00fcr die Vereinbarkeit, steuerliche Verg\u00fcnstigungen nicht nur \u00fcber das Ehegattensplitting, wie es die EKD in ihrer Orientierungshilfe zur Familienpolitik dargestellt hat.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Letztlich geht es um einen Mentalit\u00e4tswandel, der Care- und F\u00fcrsorgearbeit in gleicher Weise anerkennt wie Erwerbsarbeit. Und die Angewiesenheit genauso als konstitutiven Teil unseres Lebens begreift wie unsere Autonomie. Sterben zu begleiten und Menschen durch den Tod zu verlieren ist kein Randproblem \u2013 weder ist es ein Problem, noch findet es am Rande statt. Gleichwohl kann man noch immer diesen Eindruck gewinnen, wenn Beerdigungen m\u00f6glichst so gelegt werden, dass sie berufliche Verpflichtungen nicht st\u00f6ren oder eine Trauer von mehr als 6 Monaten als Krankheit begriffen wird. Damit sich das \u00e4ndert, damit wir mit den Sterbenden leben lernen, sind auch Angeh\u00f6rige auf Hilfe und auf B\u00fcndnispartner angewiesen. Sie brauchen den Austausch, das Vorbild, die Beratung.<\/p>\n<p>Was k\u00f6nnen Kirchengemeinden, was kann Seelsorge tun, um nicht nur die Sterbenden, sondern auch die Angeh\u00f6rigen zu begleiten und zu st\u00e4rken? Da geht es um Entlastung, damit Menschen Zeit mit ihren Angeh\u00f6rigen verbringen k\u00f6nnen. Es geht um einf\u00fchlsame Begleitung, um Vers\u00f6hnungsprozesse und Wiederbegegnungen zu erm\u00f6glichen. Um Beratung in schwierigen Entscheidungssituationen \u2013 vorurteilsfrei und nah am Miteinander. Seelsorge, auch die Gemeindeseelsorge muss sich als integrativer Bestandteil hospizlicher Teams verstehen. Sie muss Menschen ermutigen, Entscheidungen in sozialer Verbundenheit zu f\u00e4llen. Erwachsenenbildungseinrichtungen k\u00f6nnen Ehrenamtliche und Begleiter ausbilden und coachen. Gemeinden k\u00f6nnen den Angeh\u00f6rigen Mut machen zum Abschiednehmen, Trauern und Leben. Charlotte Link erz\u00e4hlt in \u201eSechs Jahre\u201c vom Besuch bei einem Pfarrer \u2013 einem Seelsorgegespr\u00e4ch, das bis zuletzt ein Geheimnis zwischen ihr und ihrer Schwester bleiben wird. Denn kirchlich im konventionellen Sinne ist sie nicht. In diesem Gespr\u00e4ch geht es darum, dass es nicht die \u00c4rzte sind, die \u00fcber unser Leben entscheiden, sondern dass es \u2013 in aller Unbegreiflichkeit &#8211; Gott selbst ist. Diese letzte Abh\u00e4ngigkeit gelte es zu akzeptieren. Friedrich Daniel Schleiermacher kam mir in den Sinn, als ich das las: Religion, sagt er, sei das Gef\u00fchl der \u201eschlechthinnigen Abh\u00e4ngigkeit\u201c. F\u00fcr Charlotte Link wird diese Erkenntnis zu befreienden Wende; eine neue Kraft sei damit in ihr Leben getreten, die immer wieder einmal sp\u00fcrbar gewesen sei.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein Segen, wenn ein Gespr\u00e4ch eine solche Wirkung hat. Mir ist besonders wichtig, dass wir einander segnen, wenn wir loslassen m\u00fcssen. Ich meine damit nicht nur das Gebet am Krankenbett oder den Segen des Pfarrers f\u00fcr Sterbende und Verstorbene. Ich meine \u2013 und m\u00f6chte dabei bewusst beide Richtungen ansprechen, denn es geht um das ganze, die Generationen \u00fcbergreifende, das gr\u00f6\u00dfere Leben \u2013 ich meine also auch den Segen der Sterbenden f\u00fcr die, die bleiben. Die Bibel erz\u00e4hlt wie Abraham, Isaak und Jakob im Sterben ihre Kinder segnen \u2013 mit dem Segen, der durch die Generationen geht und doch jeden pers\u00f6nlich meint. Sich so gesegnet zu wissen, ist eine gro\u00dfe Kraftquelle, wenn es darum geht, die Zukunft zu gestalten. Dabei kommt es nicht auf die alten Worte an, nicht auf feste Formeln. Auch ein L\u00e4cheln kann ein Segen sein, eine kleine Blume, ein gutes Wort auf einer Postkarte, ein altes Schmuckst\u00fcck als Geschenk. Mutters Ring, Vaters Uhr oder auch die Sammeltasse der alten Nachbarin: Was wir an Gutem auf dem Weg bekommen und weitergeben k\u00f6nnen, ist so vielf\u00e4ltig wie unser Leben. Und was, wenn der Sterbende das nicht mehr tun kann? Dann k\u00f6nnen die, die sich in den Prozessen zugeh\u00f6rig f\u00fchlen, diese Rolle \u00fcbernehmen: Pflegende, Ehrenamtliche aus den Teams, Nachbarn, vielleicht auch \u00c4rzte. So war es auch in den ersten Gemeinden, als Christinnen und Christen sich mit ihrer Taufe aus den Herkunftsfamilien gel\u00f6st hatten und nun in den Gemeinden eine neue Familiaritas fanden &#8211; Br\u00fcder und Schwestern eben. Schon Jesu Grab wurde von Josef von Arimathia gekauft. Und sp\u00e4ter begleiteten Diakoninnen und Diakone die Gemeindeglieder im Sterben bis hin zur Bestattung. \u201eSollte ein Schiff, das durch so viele St\u00fcrme gegangen ist, am Ende nicht gut in den Hafen segeln?\u201c, h\u00f6rte ich eine alte Nonne sagen. Und sollten nicht die, die dann wieder aufbrechen zur n\u00e4chsten Fahrt, getr\u00f6stet wissen, dass es diesen Hafen gibt, wenn ihnen die Stunde schl\u00e4gt? Angeh\u00f6rige sind immer Beteiligte, selbst wenn sie von ferne zu sehen. Um auch selbst zu einem guten Ende zu kommen, sind sie \u2013 sind wir alle &#8211; auf Segen angewiesen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx, Bad Herrenalb 25.6.2015<\/p>\n<h5><\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Die Reportage findet sich in der Zeitschrift GEO-Wissen, Heft 52, 11\/2013.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Hans Bartosch, Cornelia Coenen-Marx u.a.: \u201cLeben ist kostbar\u201d \u2013 \u00dcber den Palliative Care und Ethik-Prozess in der Kaiserswerther Diakonie, 2004<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Andreas Heller, Reimer Gronemeyer, In Ruhe sterben, 2014<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Landesausstellung \u201eHilfe\u201c 2015 des Landes Ober\u00f6sterreich in Haus Bethanien in Gallneukirchen.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> FAZ, 24.6.2015<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> \u201eKirche aller\u201c, \u00d6kumenischer Rat der Kirchen 2003<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Ariadne von Schirach, Du sollst nicht funktionieren. F\u00fcr eine neue Lebenskunst, 2014, S. 75.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Bronnie Ware, F\u00fcnf Dinge, die Sterbende am meisten bedauern, 2013.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a>[9] \u201eZwischen Autonomie und Angewiesenheit\u201c &#8211; Familie als verl\u00e4ssliche Gemeinschaft gestalten, G\u00fctersloh 2013<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Theologisch-ethische Reflexionen &nbsp; 1. Wunderbare Wandlung \u2013 Eine Mutter-Tochter-Geschichte Die Fotoreporterin Maggie Steber hat ihre Mutter in den letzten Lebensjahren&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=916\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":502,"menu_order":96,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-916","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/916"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=916"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/916\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4381,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/916\/revisions\/4381"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/502"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=916"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}