{"id":914,"date":"2015-07-29T06:35:39","date_gmt":"2015-07-29T06:35:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=914"},"modified":"2019-05-14T10:20:46","modified_gmt":"2019-05-14T08:20:46","slug":"die-seele-des-sozialen-gemeinschaften-als-tragendes-netzwerk-fuer-engagement-und-inspiration","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=914","title":{"rendered":"Die Seele des Sozialen \u2013 Gemeinschaften als tragendes Netzwerk f\u00fcr Engagement und Inspiration"},"content":{"rendered":"<p><strong>1. Roseto \u2013 ein Traum aus den 60ern <\/strong><\/p>\n<p>Ein kleines Dorf in Pennsylvania wurde in den 60er Jahren ber\u00fchmt: Roseto. Dorf, das von italienischen Auswanderer gegr\u00fcndet wurde, hatte eine besonders niedrige Sterberate bei den unter 65-j\u00e4hrigen &#8211; 30 &#8211; 35 Prozent unter dem Durchschnitt. John Bruhn, Mitglied in einem Forscherteam, berichtete, man habe dort keine Selbstmorde gefunden, keinen Alkoholismus, keine Magengeschw\u00fcre; die meisten Leute seien einfach an Altersschw\u00e4che gestorben. In den n\u00e4chsten Jahren ging man verschiedenen Hypothesen nach: war es ein besonderes Oliven\u00f6l, das so gesund erhielt oder insgesamt eine ges\u00fcndere Kost? Tats\u00e4chlich aber nahmen die Leute dort 41 Prozent Fett zu sich. Lag es an den Genen? Am Trinkwasser, der medizinischen Behandlung in der dortigen Klinik? Keine Hypothese hielt der Forschung stand. Erst in den 70er Jahren kam das Forscherteam zu einem ganz anderen, \u00fcberraschenden Ergebnis. Damals, als in Roseto der erste junge Mann am Herzinfarkt starb, hatte das Dorf seinen urspr\u00fcnglichen, italienischen Charakter schon verloren; die jungen Leute zogen zur Arbeit raus, man ging nicht mehr regelm\u00e4\u00dfig zur Kirche oder in den Club, a\u00df abends nicht zusammen auf der Piazza. Im R\u00fcckblick zeigte sich: wer in eine solidarische Gemeinschaft eingebunden ist, lebt entspannt und vertrauensvoll. Und das lindert Stress und h\u00e4lt gesund.<\/p>\n<p>Inzwischen sind die Migranten aus Roseto l\u00e4ngst integriert. Heute sind 28% aller US-Haushalte Single-Haushalte, verglichen mit 9% in den 50er Jahren &#8211; ein enormer Anstieg. In Schweden sind es 47 Prozent, in Gro\u00dfbritannien 34, in Japan 31 Prozent \u2013 aber in Kenia nach wie vor nur 15, in Indien sogar nur 3 Prozent. Der Soziologieprofessor Eric Klinenberg spricht von einer Versingelung der Gesellschaft. Er kommt zu dem Ergebnis, dass Alleinleben der beste Weg ist, die modernen Werte einer individualistischen Gesellschaft zu leben: Freiheit, Selbstverwirklichung und Selbstkontrolle. Single zu sein, ist eine Lebensform. Von vielen frei gew\u00e4hlt oder in \u00dcbergangsphasen bewusst gestaltet. Auch viele Paare kennen Lebensphasen, in denen sie aus beruflichen Gr\u00fcnden \u00fcber lange Zeit getrennt leben. Immerhin jedes dritte Paar in den ersten Berufsjahren ist betroffen. Eine Frauenzeitschrift fragte vor kurzem solche Paare, wie Sie Ihre Liebe und Partnerschaft lebendig halten: durchschnittlich 10 sms und einige Emails am Tag und bis zu 480 Minuten Skype in der Woche kamen da zusammen. Das zeigt: so sehr wir unsere Autonomie lieben &#8211; wir w\u00fcnschen uns zugleich, in einer verl\u00e4sslichen Gemeinschaft zu leben. In Familien und auch in Betrieben, Vereinen und Quartieren. Der Streit um die EKD-Orientierungshilfe \u201eZwischen Autonomie und Angewiesenheit\u201c legt den Finger in die Wunde dieser Zerrei\u00dfproben: Was treibt uns auseinander und was h\u00e4lt uns zusammen? Sind wir bereit, das Miteinander zu st\u00e4rken und dabei die Pluralit\u00e4t der Familienformen anzuerkennen? Was k\u00f6nnen wir tun, um Familien zu unterst\u00fctzen, zu erg\u00e4nzen, neue Formen der Gemeinschaft zu entwickeln? Was l\u00e4sst sich lernen von den Mutterh\u00e4usern und Bruderh\u00e4usern des 19. Jahrhunderts, denen es um nichts anderes ging &#8211; Erg\u00e4nzungsfamilien in der Zeit der ersten Globalisierungswelle, als schon einmal Familien unter erheblichen Druck gerieten.<\/p>\n<p>In der Zivilgesellschaftsbewegung ist zurzeit von Caring- Communities die Rede, von sorgenden Gemeinschaften. Die Alterskommission wie die Ehrenamtskommission der Bundesregierung befassen sich damit. Es geht um die Entwicklung von lebendigen und starken Nachbarschaften, um Budgets f\u00fcr Quartierspflege und B\u00fcndnisse f\u00fcr Familien. Dass die traditionellen Netze in Familien und Nachbarschaften in der Zerrei\u00dfprobe stehen, zeigt schon der letzte Freiwilligensurvey der Bundesregierung: Waren es vor 10 Jahren noch 74 Prozent der Bev\u00f6lkerung, die sagten, sie k\u00f6nnten sich in Notlagen auf Familie und Freunde verlassen, so sind es heute nur noch 64 Prozent. Die \u201eMoral\u00f6konomie verliert an Strahlkraft\u201c sagt der Vorsitzende der Alterskommission, Thomas Klie. Denn wer sich um andere k\u00fcmmert, und das waren traditionell die Frauen, der hat weniger Zeit f\u00fcr Erwerbsarbeit, weniger Geld f\u00fcr Konsum &#8211; und wahrscheinlich auch weniger Geld in der Rente. Kein Wunder, dass viele \u00c4ltere Angst haben, ihren Kindern zur Last zu fallen, deren Leben zu st\u00f6ren. Und dass weniger Kinder geboren werden. Die Moral\u00f6konomie verliert an Strahlkraft, au\u00dfer in den Migrantenvierteln.<\/p>\n<p>Gott sei Dank gibt es auch Gegenbeispiele: ich denke an Mehrgenerationenh\u00e4user und Wohngemeinschaften f\u00fcr Demenzkranke. In M\u00f6ssingen zum Beispiel hat eine Gruppe von Angeh\u00f6rigen eine Wohngemeinschaft f\u00fcr Wachkomapatienten gegr\u00fcndet &#8211; und Menschen, die eigentlich schon aufgegeben waren, fanden nach Jahren zu neuem Leben. Ihre W\u00fcrde wird ernst genommen, Respekt auch vor der Schw\u00e4che sp\u00fcrbar. \u201eDie Sorge f\u00fcr die Schwachen sch\u00fctzt die Starken selbst\u201c, schreibt Romano Guardini. \u201eDer Mensch, der es ablehnt, dem sinkenden Leben gut zu sein, vers\u00e4umt eine wichtige Chance, zu verstehen, was Leben \u00fcberhaupt ist\u201c.<\/p>\n<p><strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n<p><strong>2. Und was ist Ihre Berufung? <\/strong><\/p>\n<p>\u201eUnd was ist Ihre Berufung?\u201c Diese \u00dcberschrift fand ich vor ein paar Tagen in der Zeitschrift \u201eEmotion\u201c: \u201eKatrin Wilkens, eine Job-Profilerin, hilft Frauen dabei, den passenden Beruf zu finden und ist gerade genervt, weil das Thema \u201eBerufung\u201c Konjunktur hat. H\u00e4ufig s\u00e4\u00dfen Frauen in der Widereinstiegsphase bei ihr und fragten, wie es gelingen k\u00f6nnte, noch 30 Jahre zufrieden zu arbeiten &#8211; m\u00f6glichst auch in Teilzeit, ohne zu viele Dienstreisen und so, dass sich Selbstverwirklichung und Familie vereinbaren lie\u00dfen. \u201eIrgendetwas muss es doch geben, eine Berufung, eine Erf\u00fcllung, einen Job, f\u00fcr den ich wirklich brenne.\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>, bekommt sie immer wieder zu h\u00f6ren. Dabei geht es um eine lohnende Aufgabe, die den eigenen Gaben entspricht. In einer Welt, in der wir die Jobs und Positionen, die Wohnorte, Familien und Freundeskreise oft mehrfach im Leben wechseln, in der sich viele zerrissen f\u00fchlen zwischen verschiedenen Rollen und Identit\u00e4ten und manche Philosophen schon diskutieren, ob es \u00fcberhaupt so etwas gibt wie eine Identit\u00e4t der Person, da fragen sich auch ganz s\u00e4kulare Menschen, was der Sinn ihres Lebens ist und wof\u00fcr sie gebraucht werden. \u201eWann haben Sie zuletzt aus tiefster \u00dcberzeugung heraus geliebt, was Sie tun? Kompromisslos, begeistert, enthusiastisch?\u201c Das fragen auch Anja F\u00f6rster und Peter Kreuz in ihrem Buch: \u201eH\u00f6rt auf zu arbeiten!<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Eine Anstiftung zu tun, was wirklich z\u00e4hlt\u201c.<\/p>\n<p>Dabei ist Arbeit wichtig zur Selbstverwirklichung, sie kann Anerkennung bringen, sie verbindet uns mit anderen Menschen, aber sie ist f\u00fcr viele mit steigendem Druck verbunden. H\u00f6here St\u00fcckzahlen werden erwartet, mehr Kundenbesuche, wachsende Fallzahlen, mehr gefahrene Kilometer, k\u00fcrzere Liegezeiten, mehr Ums\u00e4tze. Das gilt f\u00fcr die Industrie wie f\u00fcr den Dienstleistungsbereich und auch f\u00fcr die Sozialwirtschaft. Wir erleben eine Ausweitung der Betriebs- und Laden\u00f6ffnungszeiten bis hin zum Rund-um-die-Uhr-Betrieb in Fabriken und Callcentern und nat\u00fcrlich auch in Krankenh\u00e4usern und OPs. \u201eJust in time\u201c wird zur Erwartungshaltung, nicht nur in der Logistik, sondern auch im Blick auf die elektronische Kommunikation der Mitarbeitenden. Der moderne Arbeitnehmer soll flexibel, mobil und jederzeit verf\u00fcgbar sein wie seine Produkte. Da kann ein Bahnstreik schon das ganze Leben durcheinander bringen<\/p>\n<p>Nicht nur f\u00fcr M\u00fcttern und V\u00e4tern mit kleinen Kindern, auch f\u00fcr Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen und f\u00fcr viele \u00e4ltere Arbeitnehmern ist es nicht leicht, die Leistung, die von ihnen erwartet wird, stetig und vor allem in Vollzeit zu erbringen. Sie w\u00fcnschen sich eine \u201eatmende Teilhabe\u201c; ein Arbeitsverh\u00e4ltnis, das den verschiedenen Lebensphasen angemessen ist. Und gro\u00dfe Gruppen von Menschen haben erhebliche Schwierigkeiten, \u00fcberhaupt Arbeit zu bekommen \u2013 auch wenn die deutsche und europ\u00e4ische Arbeitsmarktpolitik unter dem Stichwort <em>employability<\/em> einiges unternehmen, um m\u00f6glichst viele auf dem Markt zu halten bzw. ihnen den Weg in die Besch\u00e4ftigung zu erm\u00f6glichen. Die Spaltung zwischen denen, die drin sind und denen, die drau\u00dfen bleiben, w\u00e4chst &#8211; genauso wie die zwischen prosperierenden und schrumpfenden Stadtvierteln und Regionen. Oder zwischen denen, die Sorge f\u00fcr Kinder oder Pflegebed\u00fcrftige tragen und denen, die sich ganz auf den Job konzentrieren. Und dabei ist Erwerbsarbeit nach wie vor zentral; als Hanna Arendt in den 60 er Jahren in ihrem Buch \u201evita activa\u201c unsere Gesellschaft als Erwerbsgesellschaft charakterisierte, stand dieser Prozess z. B. f\u00fcr die Frauen noch am Anfang.<\/p>\n<p>Wer keine Chance mehr sieht, den eigenen Anspruch im Berufsalltag zu verwirklichen, wer sich nicht gew\u00fcrdigt sieht mit seiner Biographie, mit dem, was er einzubringen hat, geht vielleicht in die \u201einnere Emigration\u201c, die innere K\u00fcndigung. Oder macht sich auch \u00e4u\u00dferlich auf den Weg &#8211; wechselt die Stelle, bildet sich weiter, spezialisiert sich. Das gilt auch und erst Recht in der sozialen Arbeit: die verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig geringe Verweildauer in Pflegeberufen, die Zahl der \u00c4rztinnen und \u00c4rzte, die in Forschung oder Versicherungswirtschaft arbeiten, ja &#8211; auch die der Pflegekr\u00e4fte und \u00c4rzte, die nach Skandinavien auswandern, sprechen eine klare Sprache. Andere reduzieren die Erwerbsarbeit, um Zeit f\u00fcr die Familie zu haben, oder machen sich selbst\u00e4ndig &#8211; mit einem Kinderhospiz, einer Wohngemeinschaft f\u00fcr Komapatienten oder einem Jugendhilfeprojekt. Und manche suchen neben dem Beruf ein ehrenamtliches Standbein, einen Ort, an dem sie ihre Berufung leben k\u00f6nnen: eine Imkerei vielleicht, ein Theaterprojekt, eine Yogaschule. Sinnvolle Arbeit hat zu tun mit der Erfahrung, die eigene Berufung zu leben und gerade so zu einem gr\u00f6\u00dferen Ganzen beitragen zu k\u00f6nnen. Sie lebt vom Engagement f\u00fcr etwas, was \u00fcber uns selbst hinausgeht &#8211; das Gl\u00fcck anderer Menschen, die Entdeckung neuer Chancen, eine andere Gesellschaft, ein nachhaltiger Umgang mit dem Lebendigen.<\/p>\n<p>Wir sind schon l\u00e4ngst auf dem Weg in die T\u00e4tigkeitsgesellschaft &#8211; teils gezwungen, teils aber auch freiwillig und bewusst. Erwerbsarbeit wird gebraucht, um das Einkommen zu sichern und es bleibt wesentlich, f\u00fcr angemessene und existenzsichernde Entgelte zu k\u00e4mpfen. In den Tarifk\u00e4mpfen, die wir gerade erleben &#8211; bei Erziehern und Sozialarbeitern &#8211; geht es aber nicht nur um Geld, es geht um Anerkennung und Wertsch\u00e4tzung von Bildung und sozialer Arbeit in einer Gesellschaft, die mehr und mehr darauf angewiesen ist &#8211; wegen des demographischen Wandels, wegen der Notwendigkeit zur Vollbesch\u00e4ftigung bei M\u00e4nnern und Frauen, wegen des Auseinanderdriftens von Milieus und der Vielfalt von Kulturen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Resonanz in Zeiten der Beschleunigung<\/strong><\/p>\n<p>Wie andere Dienstleistungsbereiche auch leidet aber die Sozial- und Gesundheitsbranche in besonderer Weise unter Kosten- und Arbeitsdruck. Hier werden keine \u00dcbersch\u00fcsse erwirtschaftet, die sich an Mitarbeitende verteilen lie\u00dfen. Aufgaben wie Erziehung, Pflege oder Hauswirtschaft, die traditionell von Frauen in den Familien oder erg\u00e4nzend von kirchlichen Einrichtungen \u00fcbernommen wurden, werden bis heute oft nicht als professionelle Dienstleistungen verstanden, die das Einkommen einer Familie sichern sollen. Tendenziell gelten sie noch immer als \u201eLiebesdienst\u201c f\u00fcr Menschen, die das Herz am rechten Fleck haben. F\u00fcr kleine Kinder, f\u00fcr alte Menschen &#8211; f\u00fcr alle, die als noch nicht oder nicht mehr produktiv gelten, nicht leistungsf\u00e4hig sind, sondern einfach da sind. Ohne Zweifel h\u00e4ngt das geringe Einkommen auch damit zusammen, dass \u201eBeziehungs- und Zuwendungsarbeit\u201c grunds\u00e4tzlich niedriger bewertet wird als wissenschaftliche und technische Arbeit oder Managementaufgaben &#8211; das zeigt sich bis hin zum Einkommensgef\u00e4lle zwischen verschiedenen Fachrichtungen der Medizin. Wo die Anforderungen an interdisziplin\u00e4res Arbeiten, an Effektivit\u00e4t und Wirtschaftlichkeit wachsen, nehmen aber auch die Ausbildungsanforderungen, die Erwartungen an Einkommen und die Belastungen zu &#8211; was die erwartete Leistung, aber auch, was die Arbeitskosten angeht. Auf diesem Hintergrund kommt es zu einer zunehmenden Spreizung von Qualifikationen und Einkommen: einfache T\u00e4tigkeiten werden outgesourcet, Fachdienste oft teuer eingekauft und Mitarbeiter ohne weitere Zusatzqualifikationen m\u00f6glichst flexibel eingesetzt. Teams werden immer neu gemischt, Patienten \u201edurchgeschleust\u201c, einzelne Module und Dienstleistungen in einer Kette aneinandergereiht &#8211; die Beziehungen geraten in Zerrei\u00dfproben und werden br\u00fcchig. Das Qualifikationsgef\u00e4lle, das heute schon in der Pflege zu beobachten ist, wird sich bei wachsendem finanziellem Druck in den Kommunen in den Tageseinrichtungen f\u00fcr Kinder fortsetzen.<\/p>\n<p>Die Zeit wird knapp, sie ist in sozialen Diensten das teuerste Gut &#8211; und so werden die \u201eResonanzfl\u00e4chen\u201c geringer und die M\u00f6glichkeiten, sich einzuf\u00fchlen und Feedback im Alltag aufzunehmen, schwinden.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Vor Jahren hat mich eine Untersuchung \u00fcber den Schritt in der Altenpflege beeindruckt, die deutlich machten, wie schnell die Mitarbeiterinnen \u00fcber die Flure gehen mussten, wie langsam dagegen die Bewohnerinnen vorankamen &#8211; beide konnten einander so wenig auf Augenh\u00f6he begegnen wie die Menschen im durchfahrenden Zug den Wartenden auf dem Bahnsteig. Zielvereinbarungen, Nutzerfrageb\u00f6gen, Regelgespr\u00e4che k\u00f6nnen zwar daf\u00fcr sorgen, dass Feedback und damit Resonanz organisiert werden, sie bleiben aber letztlich Managementinstrumente, deren Sinnhaftigkeit immer neu erinnert und hergestellt werden muss. So beschweren sich viele Mitarbeiterinnen wie Nutzerinnen \u00fcber den wachsenden b\u00fcrokratischen Aufwand, der das Gruppen- und Institutionenged\u00e4chtnis ersetzen muss und trotz immer neuer Ver\u00e4nderungsprozesse f\u00fcr geregelte Abl\u00e4ufe sorgen soll. Aber Qualitymanagement kann F\u00fchrung nicht ersetzen, \u00dcbergabeb\u00f6gen nicht das kollegiale Gespr\u00e4ch. Wer Hilfebed\u00fcrftige nur noch ein kleines St\u00fcck auf dem Weg begleiten kann und nicht mehr sieht, wie es weiter geht, wer sich immer neu einlassen und schnell wieder abgeben muss, verliert das Gef\u00fchl von Resonanz, das Kostbarste, was diese Berufe ausmacht. Interessanterweise bleiben viele noch im Ausscheiden oder im Protest genau darauf bezogen: es sind oft ehemalige Altenpfleger und Erzieher, Lehrerinnen oder \u00c4rzte, die die Missst\u00e4nde in Einrichtungen oder Fehlsteuerungen im System besonders scharf ins Visier nehmen und damit auch Verantwortungstr\u00e4ger in Politik und Gesellschaft an die Seele des Sozialen erinnern. Wenn man Hartmut Rosa folgt, der sich in vielen B\u00fcchern mit Entfremdung in der Beschleunigung auseinander gesetzt hat, dann geht es in Kirche und Diakonie genau darum, hier gegenzusteuern: Nachhaltige Beziehungen und verl\u00e4ssliche Gemeinschaften zu gestalten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Der rote Faden<\/strong><\/p>\n<p>Aber auch wir selbst erleben ja die beschriebenen Prozesse der Beschleunigung. Vor lauter Effizienzdenken und Effizienzsteigerung habe man den roten Faden verloren, sowohl individuell als auch gesellschaftlich, sagt Stefan Gr\u00fcnewald vom Institut Rheingold in einem Buch \u00fcber den letzten Wahlkampf der SPD. Unserer Gesellschaft fehle es nicht nur an Zusammenhalt, sondern auch an einem gemeinsamen Projekt, an einer tragf\u00e4higen Vorstellung f\u00fcr die Gestaltungsaufgaben der n\u00e4chsten Jahrzehnte. Viele blickten in ein schwarzes Loch und fragten sich, was als n\u00e4chstes kommen werde. Die soziale Struktur unserer Gesellschaft ist im Umbruch. Und dabei geht es um mehr als um die fiskalische Krise der sozialen Sicherungssysteme oder um die \u00d6konomisierung des Sozialen, die damit verbunden ist. Nat\u00fcrlich wirken sich prek\u00e4re Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse, unterbrochene Erwerbsbiografien und Teilzeitbesch\u00e4ftigungen auf die Stabilit\u00e4t der Sozialsysteme aus, tats\u00e4chlich haben wir es bei zunehmender Privatisierung auch mit einer wachsenden Spaltung zu tun. Aber noch tiefer reichen der demographische Wandel und die Ver\u00e4nderung von Familien und Geschlechterrollen: Das Design unseres Zusammenlebens bekommt ein neues Muster. Die alte Rollenaufteilung zwischen m\u00e4nnlicher Erwerbsarbeit und unentgeltlicher Wohlfahrtsproduktion von Frauen tr\u00e4gt nicht mehr. Die Trennung von Wirtschaft und Wohlfahrt l\u00f6st sich auf. Und die traditionelle Form der Subsidiarit\u00e4t, nach der vor allem die Verb\u00e4nde und Einrichtungen der Freien Wohlfahrtspflege, ausk\u00f6mmlich finanziert, daf\u00fcr zust\u00e4ndig waren, soziales Handeln professionell zu gestalten, ist auch l\u00e4ngst Geschichte. Von au\u00dfen betrachtet, erscheint Deutschland so manchem wie eine Insel der Seligen &#8211; w\u00e4hrend innen die \u00c4ngste wachsen. Vielleicht stehen wir am Ende einer langen Phase der Sozialstaatsentwicklung, die mit der neuzeitlichen Diakonie begann.<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcndergestalten der neuzeitlichen Diakonie reisten quer durch Europa, um sozialpolitische Zusammenh\u00e4nge zu verstehen und neue Initiativen zu entdecken. Mit grenz\u00fcberschreitendem Handel und wachsender Mobilit\u00e4t gingen auch damals Armut und prek\u00e4re Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse, \u00fcberforderte Familien und die Vernachl\u00e4ssigung von Kindern und Pflegebed\u00fcrftigen einher. Dabei stand f\u00fcr diese Generation au\u00dfer Zweifel, dass die Herausforderungen ihrer Zeit zugleich Herausforderungen an ihren Glauben waren. Sie rechneten damit, dass ihnen in den vernachl\u00e4ssigten Kindern, den allein gelassenen Kranken, den jungen Leuten im Gef\u00e4ngnis Gott selbst begegnen w\u00fcrde \u2013 so wie Jesus es im Gleichnis vom gro\u00dfen Weltgericht erz\u00e4hlt: \u201eAlles, was ihr getan habt meinen geringsten Br\u00fcdern, das habt Ihr mir getan.\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Wichern, die Fliedners und all die anderen Gr\u00fcnderpers\u00f6nlichkeiten der damaligen Zeit entwickelten neue Gemeinschaftsmodelle, die Antwort auf Zerrei\u00dfproben und Sinnsuche gaben: Bruderh\u00e4user gaben jungen M\u00e4nnern aus schwierigem Umfeld Ausbildung und Beruf, damit sie anderen eine Zukunft erm\u00f6glichen konnten. Mutterh\u00e4user boten Pflege f\u00fcr die Kranken, zugleich aber auch berufliche Perspektiven f\u00fcr unverheiratete Frauen. Es ist diese Erfahrung gebraucht zu werden, es ist das Gef\u00fchl, dazu zu geh\u00f6ren, wonach sich heute wieder viele sehnen \u2013 Berufstr\u00e4ger wie Hartz-IV-Empf\u00e4nger, Fr\u00fchrentner wie abgeh\u00e4ngte Jugendliche und die vielen, die nicht mehr mithalten k\u00f6nnen in der beschleunigten Arbeitswelt, die M\u00fctter kleiner Kinder, Menschen mit Behinderung und psychisch Kranke. All die Abgeh\u00e4ngten, die das Gef\u00fchl haben, auf sie k\u00e4me es nicht mehr an. In manchem gleichen die Herausforderungen der weltweiten Globalisierung denen des 19. Jahrhunderts und manche Probleme, die wir l\u00e4ngst \u00fcberwunden glaubten, kehren in der heutigen Transformation in neuem Gewand zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Und wie damals gewinnen ehrenamtliches Engagement und soziale Initiativen wieder an Bedeutung. Nicht nur Einzelne, auch Unternehmen machen sich auf den Weg. Dahinter stehen neue Konzepte des Sozialstaats, aber auch ein wachsendes Selbstbewusstsein der Zivilgesellschaft. So zeigt der letzte Freiwilligensurvey der Bundesregierung einen neuen Ausgleich von Ich- und Wir-Orientierung, weg von der Geselligkeitsorientierung hin zu Gemeinwohlorientierung. Und parallel entwickeln sich auch in der Kirche Gemeinwesendiakonie, Tafelarbeit und Nachbarschaftshilfen zu wichtigen ehrenamtlichen Arbeitsfeldern. Nicht zur Unrecht f\u00fcrchten machen, dass die Ehrenamtlichen zum billigen Jakob von Kirche und Sozialstaat geworden sind. Eltern reisen mit auf Klassenfahrten oder streichen die Klassenr\u00e4ume ihrer Kinder, Ehrenamtliche \u00fcbernehmen den Kaffeeservice im Altenzentrum oder die Rezeption. Und es mutet schon tats\u00e4chlich merkw\u00fcrdig an, wenn im Kontext der Einf\u00fchrung des Mindestlohns immer wieder betont wurde, dass die 8,50 Euro nicht f\u00fcr Ehrenamtliche gelten. Aber es gibt diese Grauzone zwischen dem klassischen Ehrenamt und prek\u00e4ren Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen \u2013 mit \u00dcbungsleiterpauschale, B\u00fcrgerarbeit und Minijobs. Es gibt die Langzeitarbeitslosen, die den Bundesfreiwilligendienst f\u00fcr sich entdeckt haben, und die Rentnerinnen, die ihre ehrenamtliche Aufgabe als Zusatzjob verstehen. Menschen, die es sich nicht leisten k\u00f6nnen, nur f\u00fcr Ehre und Anerkennung zu arbeiten. Studien, die in den Blick nehmen, aus welchen Schichten und Milieus die Engagierten kommen, zeigen: Auch im Ehrenamt gilt das Matth\u00e4usprinzip. Wer hat, kann weitergeben. Wer aber wenig an Best\u00e4tigung und Beziehungen mitbekommen hat, der findet oft den Einstieg nicht. Ich w\u00fcnsche mir von Herzen, dass Kirchengemeinden mit ihrem Sozialkapital dazu beitragen, das Beteiligungsgef\u00e4lle in unserer Gesellschaft aufzul\u00f6sen.<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Dass alle zum Leib Christi geh\u00f6ren sollen, Reiche wie Arme, Menschen mit und ohne Behinderung, Juden wie Griechen, M\u00e4nner wie Frauen &#8211; das geh\u00f6rt zu den tiefsten christlichen \u00dcberzeugungen. Deshalb ist es eine Glaubensfrage, wenn Herkunft zum Ausschluss f\u00fchrt, wenn Menschen sich einsam und elend f\u00fchlen, wenn Beziehungen zerbrechen. Das allerdings war f\u00fcr die Kirche der neuzeitlichen Diakonie ebenso wenig selbstverst\u00e4ndlich wie f\u00fcr uns. Damals ist es gelungen, den roten Faden wieder zu finden, der mitten in den Umbr\u00fcchen Orientierung gab. Sie erinnern sich an den antiken Mythos von Ariadne im Labyrinth. Sie kannte das Design nicht und hatte Angst, ihren Weg nicht zu finden. Ohne den roten Faden, an dem sie gehalten war, w\u00e4re sie dem Ungeheuer, dem Minotharus ausgeliefert gewesen. Die gro\u00dfen Erz\u00e4hlungen unseres Glaubens sind so ein roter Faden, der uns hilft, unsere Lebensgeschichte zu verstehen. Auch die Bindung an eine Gemeinschaft kann ein solcher Haltepunkt sein &#8211; Halt genug, um sich zu verankern und ohne Furcht zu entdecken, wie das Design unserer Welt sich wieder einmal ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Dabei wei\u00df ich wohl: die Zeit der gro\u00dfen Erz\u00e4hlungen ist vorbei; und auch Roseto ist nur noch ein Traum. F\u00fcr viele sind auch vom christlichen Glauben nicht mehr \u00fcbrig geblieben als einzelne Bilder und Gesten &#8211; so wie das Bild von den Werken der Barmherzigkeit und von den namenlosen Heiligen, die sie tun in Ihrer Kirche. Aber ich bin \u00fcberzeugt: das gen\u00fcgt. Das Kind von Bethlehem, das nur knapp den Schergen des Herodes entgeht, erz\u00e4hlt die ganze Jesusgeschichte. Als k\u00fcrzlich ein deutscher Familienvater aus Brandenburg ein Segelboot f\u00fcr die Fl\u00fcchtlingsrettung im Mittelmeer umbaute und in der Sonntagsabendtalkshow von G\u00fcnther Jauch mit einer Schweigeminute f\u00fcr sein Vorhaben warb, hielt die Mediengemeinde f\u00fcr einen Moment den Atem an. Endlich einmal wurde das \u201eReden \u00fcber\u201c unterbrochen; es ging, wie Dietrich Bonhoeffer gesagt h\u00e4tte, ums Beten und das Tun des Gerechten. Und zwar in Jetzt-Zeit. Ob dieser neue Noah in irgendeiner Weise von den Bildern und Geschichten des Glaubens inspiriert war, wei\u00df ich nicht, aber ich bin sicher, dass er seine Berufung sp\u00fcrt. Und dass f\u00fcr ihn die Fl\u00fcchtlingsfrage zu einer Glaubensfrage geworden ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. Freundschaft gegen die Vereisung<\/strong><\/p>\n<p>Soziales Handeln ist Beziehungshandeln. Ob in der Pflege oder der Stadtteilarbeit, in einer Fl\u00fcchtlingsinitiative oder bei der Fr\u00fchf\u00f6rderung in einer Familie, ja auch und vielleicht gerade in der Sterbebegleitung: immer geht es darum, eine tragf\u00e4hige Beziehung zwischen Hilfebed\u00fcrftigen und Helfern zu erhalten oder aufzubauen, die Compliance zwischen \u00c4rztinnen und Patienten, eine Partnerschaft in der Erziehung herzustellen. Gesundheit l\u00e4sst sich nicht einkaufen wie ein Medikament, Erziehung nicht \u00fcberst\u00fclpen, eine Therapie h\u00e4ngt von der Bereitschaft der Betroffenen ab, sich mit sich selbst auseinander zu setzen. Zielerreichung und erfolgreiche Arbeit basieren auf einer gelungenen Kooperation. Mit dem jungen Menschen, dessen Familie \u00fcberfordert ist, mit der chronisch Kranken, die ihren Alltag leben will, mit einem Sterbenden, der auch die letzten Wochen sinnvoll gestalten m\u00f6chte. Mit Johannes, mit Frau Boch, wie es in Ihrer Kampagne hei\u00dft. Denn unser Selbstbewusstsein und unsere W\u00fcrde verbinden sich mit der Erfahrung, eine eigene Lebensperspektive zu entwickeln, auf die eigene Gesundheit zu achten, uns so gut es geht, selbst zu versorgen. Wir wollen Bindungen aufbauen und gestalten, zu Menschen und zu Dingen &#8211; lieben, trauern, Dankbarkeit und Zorn empfinden. Wir brauchen das Gef\u00fchl der Zugeh\u00f6rigkeit zu einer sozialen Gruppe. Wir wollen teilhaben und zum Ganzen beitragen.<\/p>\n<p>Und tats\u00e4chlich stehen die meisten Menschen in einem sichtbaren oder auch unsichtbaren Netzwerk, nicht nur virtuell, sondern auch lebensgeschichtlich. Da sind Angeh\u00f6rige und Familiengeschichten, Nachbarn und Mitbewohner, Kumpels und Kollegen, &#8211; Menschen, die zum Guten wie zum Schlechten an unserem Ringen um Lebensqualit\u00e4t beteiligt sind. Wie wichtig es ist, die Gemeinschaft, aus der ein Mensch kommt, im Blick zu haben, negative Einfl\u00fcsse wahrzunehmen, f\u00f6rdernde Kr\u00e4fte zu st\u00e4rken, jedenfalls die Beziehungen nicht einfach abzubrechen, sondern einzubeziehen und zu erg\u00e4nzen, das hat die soziale Arbeit in vielen Arbeitsfeldern durchdekliniert: in der Adoptions- und Pflegekinderarbeit, in der Hospizarbeit, in der ambulanten Suchtkrankenhilfe, der Betriebs-Sozialarbeit und in allem Bem\u00fchen um ein gutes Versorgungsnetz im Stadtteil. Damit das gelingt ist mehr n\u00f6tig als Fachwissen und gutes Management. Es geht um eine Haltung, die dem anderen auf Augenh\u00f6he und mit Respekt begegnet, Ressourcen entdeckt, Begabungen f\u00f6rdert. Es geht darum, auch Br\u00fcche und Konflikte auszuhalten, Schmerzen wahrzunehmen und zur Vers\u00f6hnung beizutragen.<\/p>\n<p>\u201eWir brauchen Freunde und Freundinnen, eine Kultur der Freundschaft. Freundschaft begr\u00fcndet sich in dem Wissen, dass wir wohl immer mehr empfangen, als wir zu geben in der Lage sind.\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>, schreibt Andreas Heller. Die Sorge f\u00fcreinander kann uns helfen, reicher, lebendiger und sinnvoller zu leben &#8211; Resonanz zu erfahren. Freundschaft geht \u00fcber die berufliche Arbeit hinaus &#8211; sie l\u00e4sst sich nicht bezahlen, nicht organisieren und professionalisieren.\u201c Ein guter Freund ist jemand, der einen an einen selbst erinnert, wenn man sich aus den Augen verloren hat\u201c, schreibt Ariane von Schirach in ihrem Buch \u201eDu sollst nicht funktionieren\u201c: \u201eDieser Blick ist unersetzlich, vor allem, weil es manchmal leichter ist, sich selbst zu t\u00e4uschen als einen Menschen, der einem nahe steht. Eine Zeit, die diese soziale Energie auf die Fragen nach N\u00fctzlichkeit oder sexueller Attraktivit\u00e4t beziehungsweise Verf\u00fcgbarkeit reduziert, ist nicht nur widerw\u00e4rtig, sondern beraubt die ihr unbedacht Folgenden auch aller Erfahrungen von F\u00fcrsorge, Loyalit\u00e4t und Gro\u00dfz\u00fcgigkeit\u201c<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a>. Nat\u00fcrlich sind eine achtsame Haltung und die F\u00e4higkeit, Beziehungen aufzubauen, \u00fcber alles Expertenwissen und Handwerk hinaus Teil der Professionalit\u00e4t in sozialen, Gesundheits- und Bildungsberufen &#8211; zugleich aber kommen diese F\u00e4higkeit gerade da an ihre Grenzen, wo diese Branchen denselben Beschleunigungs- und \u00d6konomisierungsmechanismen unterliegen wie andere auch. Professionalisierung dagegen bedeute immer auch Vereisung, wie Heller sagt. Wenn die Spannung zwischen Haupt- und Ehrenamt in den sozialen Organisationen und auch in der Kirche zugenommen hat, dann liegt das nicht nur an knapper werdenden Ressourcen, sondern daran, das Haupt- und Ehrenamtliche sich das gleiche w\u00fcnschen: Menschen zu begleiten, ihre Gaben einzubringen. Unter dem wachsenden Zeit- und Finanzdruck brauchen sie einander mehr denn je &#8211; zugleich aber wollen sich die einen nicht auf ihre Professionalit\u00e4t und Funktion reduzieren lassen und die anderen f\u00fchlen sich untersch\u00e4tzt, wenn man ihnen ihre Kompetenzen abspricht. Bei knapper werdenden finanziellen Ressourcen m\u00f6chten die einen nicht nur managen, die anderen nicht nur umsetzen und ausf\u00fchren. Beiden geht es um mehr: um Sinnerfahrung und um Gemeinschaft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong> 6. Circle of support \u2013 Gemeinschaften als tragf\u00e4hige Netze<\/strong><\/p>\n<p>Soziale Dienste sind wie die Kirchen Agenturen f\u00fcr Sinnfragen in den Umbruchszeiten des Lebens. Ihr professionelles Wissen, ihre Dienstleistungsangebote, die Erfahrung von Mitarbeitenden und Teams, die regelm\u00e4\u00dfigen Diskurse \u00fcber Menschenbilder, soziale Ver\u00e4nderungsprozesse und Werte machen sie f\u00fcr Politik und Gesellschaft wie f\u00fcr die Einzelnen zu gefragten Partnern, wenn es darum geht, in Krisen- und Belastungssituationen und in Umbr\u00fcchen Orientierung zu finden. Dazu braucht es allerdings mehr als eine gute Marktbeobachtung im Management und Fachleute, die am Puls der Zeit sind. Notwendig sind Menschen, die mit allen Sinnen wahrnehmen, wo neue Notlagen auftauchen, die mit Betroffenen und ihren Angeh\u00f6rigen zusammenarbeiten und in den Quartieren zu Hause sind. M\u00e4nner und Frauen, die die offenen Fragen, die diffusen N\u00f6te auch wirklich an sich heran kommen lassen und aushalten, dass sie noch nicht f\u00fcr alles ein Angebot haben. Oft sind es Ehrenamtliche, die solche Detektoren f\u00fcr soziale Notlagen sind, aber auch Angeh\u00f6rige und Betroffene und nat\u00fcrlich engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Entscheidend ist deshalb die Frage, welchen Einfluss sie mit ihrer Kritik und ihren Ideen bekommen.<\/p>\n<p>\u201eF\u00fchrung macht den Unterschied\u201c, ist der Titel einer Studie von Heike Lubatsch vom Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD \u00fcber Arbeitsbedingungen in der Pflege im Krankenhaus. Knapp 2000 Frageb\u00f6gen wurden in diakonischen Krankenh\u00e4usern in Niedersachsen versandt, etwa ein Drittel kam zur\u00fcck und konnte ausgewertet werden. Hinzu kamen 500 Frageb\u00f6gen in den neuen Bundesl\u00e4ndern sowie als Vergleichsgr\u00f6\u00dfe knapp 300 in st\u00e4dtischen H\u00e4usern. Heike Lubatschs Studie fragte nach Arbeitszufriedenheit und Sinnerleben im Beruf. Angesichts hoher Burnoutgef\u00e4hrdung in der Pflege, erforschte sie auch Religiosit\u00e4t als eine Kraftquelle. Es wird niemanden \u00fcberraschen, dass sich knapp die H\u00e4lfte der Befragten mit Entlohnung und Anerkennung ihrer Leistung unzufrieden zeigten, dass 80 Prozent \u00fcber Zeitdruck klagten &#8211; w\u00e4hrend umgekehrt an erster Stelle der Zufriedenheit die vielf\u00e4ltigen Aufgaben und vor allem die sozialen Beziehungen zu den Kollegen standen. F\u00fcr immerhin 69 Prozent der Befragten hatte das Team diese hohe Bedeutung. An erster Stelle das Wohl der Patientinnen und Patienten, aber gleich danach ein gutes Team, eine sinnstiftende Tradition und schlie\u00dflich die M\u00f6glichkeit zur Selbstverwirklichung \u2013 in dieser Reihenfolge \u2013 sind nach wie vor hohe Werte. Die Studie von Lubatsch zeigt, wie unterschiedlich diese Kraftquellen sein k\u00f6nnen &#8211; sie reichen von Naturerfahrungen bis zu Zeiten der Stille, vom Yoga oder Joggen bis zu Teamtagen und der Erfahrung, einmal ohne Druck an einem Sterbebett sitzen zu k\u00f6nnen. Es kann darum gehen, den Alltagsrhythmus und den festgesetzten Rahmen zu verlassen &#8211; aber auch, ganz dicht hineinzugehen in die Brennpunkte.<\/p>\n<p>Nicht zuf\u00e4llig ist der Bestseller mit den \u201eF\u00fcnf Dinge, die Sterbende am meisten bedauern\u201c, das Buch einer Krankenschwester.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Tats\u00e4chlich ist ja da, wo es um Sterben und Abschied nehmen geht, oft mehr Zeit, Beziehungen aufzubauen und Zuwendung zu geben als auf einer normalen Station \u2013 Zeit, sich auch mit der eigenen Sterblichkeit, dem eigenen Lebenssinn &#8211; und der Erfahrungen von Sinnlosigkeit auseinander zu setzen. Darum erstaunt es nicht, dass viele genau hier ihre Berufung finden. Wer sich engagiert, einen sozialen Beruf ergreift, ist in der Regel bereit, dahin zu gehen, wo etwas auseinander bricht, wo Fragen aufbrechen. Dahin, wo es blutet und schmerzt. Wo geschrien, geschlagen und geweint wird. Kurz: an die Kreuze dieser Welt, an die Bruchstellen der Gesellschaft. Manche tun das aus Solidarit\u00e4t. Andere aus der Hoffnung des Glaubens, dass Gott auch und gerade in der Gottverlassenheit ist. Wo unterschiedliche Motivationen, Werte, \u00dcberzeugungen offen zur Sprache kommen k\u00f6nnen, muss auch Spiritualit\u00e4t kein Tabu bleiben &#8211; auch nicht in einer weitgehend s\u00e4kularisierten und religi\u00f6s vielf\u00e4ltigen Mitarbeiterschaft.<\/p>\n<p>Niemand sollte Angst vor diesem Einblick in seine Privatsph\u00e4re haben m\u00fcssen, niemand die Sorge, dass damit noch die letzten Motivationsressourcen ausgebeutet werden. Das war aber die Sorge mancher Mitarbeitervertretungen, die es ablehnten, sich an der SI-Studie zu beteiligen. F\u00fcr mich noch einmal ein deutliches Signal f\u00fcr den erheblichen Druck, der auch in diakonischen Unternehmen herrschen kann &#8211; die eisige Seite der Professionalisierung, ja, auch eines Glaubens, der in den Kleidern stecken geblieben ist. Es braucht Vertraute, Freunde und Kollegen, um Stand zu halten in einer Zeit, in der der Wind des Wandels alte Ordnungen und Strukturen aufl\u00f6st und neue Spannungen und Widerspr\u00fcche offen zu Tage treten l\u00e4sst. Ein Miteinander auch \u00fcber Unterschiede hinweg. Und die Ermutigung, eigene Erfahrungen und Fragen. beim Namen zu nennen. F\u00fchrung kann daf\u00fcr einen Rahmen schaffen. Gemeinschaft wird auf Augenh\u00f6he gebaut.<\/p>\n<p>Das ist in Unternehmen so &#8211; und auch in Kommunen und Stadtteilen. Die wachsenden sozialen Unterschiede zwischen Erwerbst\u00e4tigen und Hilfebeziehern, zwischen Bildungsgewinner und Bildungsverlierern sind eine der gr\u00f6\u00dften Herausforderungen f\u00fcr die Kommunen, die \u00e4hnlich wie soziale Unternehmen unter erheblichem Kostendruck leiden. Wie Menschen aus Armut, Benachteiligung und Isolation herausfinden, ist eine der Schl\u00fcsselfrage, die weit \u00fcber die Organisation einzelner Dienstleistungen hinausgeht. Vom Modul zur Behandlungskette, vom Fall zum Feld, von der Konkurrenz zur Kooperation hei\u00dft die Richtung. Es geht um eine Quartierskomponente in allen Prozessen der sozialen Sicherungssysteme und um die Integration von station\u00e4ren, teilstation\u00e4ren und ambulanten Angeboten. Schon Wichern hatte die Vision eines Stadtteils mit Schule und Krankenhaus, mit Bildungsangeboten und Treffpunkten. Und noch immer sind Kirche und Diakonie gefragt, wenn es darum geht, Teilhabe im Stadtteil zu organisieren.<\/p>\n<p>Christen w\u00e4ren besonders stark darin, kleine Netze zu kn\u00fcpfen, Heimat zu schaffen und Benachteiligte einzubinden, konnte man vor einiger Zeit im britischen \u201eGuardian\u201c lesen. Der Redakteur hatte das Sozialkapital, das die Kirchen f\u00fcr die Gesellschaft bereitstellen, sogar umgerechnet in Pfund. Und er kam zu dem Schluss, dass diese Leistung in Deutschland anerkannt w\u00fcrde \u2013 mit der Kirchensteuer n\u00e4mlich. Ich f\u00fcrchte, wir sind uns nicht bewusst dass die Kirchensteuer auch dazu dient \u2013 Netze im Stadtteil zu kn\u00fcpfen und Menschen Heimat zu bieten? Gemeinden seien Agenturen f\u00fcr Gemeinschaft, schreibt Rosemarie Henel, die als AWO-Mitarbeiterin mit einer Kirchengemeinde zusammenarbeitet, wenn es um Inklusion geht. Sie seien ein \u201eCircle of support\u201c. Kirche hat Begegnungsr\u00e4ume fast in jedem Wohnquartier \u2013 oft sind es die letzten \u00f6ffentlichen Orte. Sie zu \u00f6ffnen, damit viele sich einbringen k\u00f6nnen, ist ein wesentlicher Schritt. Wo wir sie nicht mehr brauchen und nicht mehr tragen k\u00f6nnen, kann es richtig sein, einen Verein mit anderen zu gr\u00fcnden, wie es bei Kirche findet Stadt hier und da geschehen ist. Wir m\u00fcssen nicht mehr immer Gastgeber sein &#8211; wir k\u00f6nnen, um im Bild zu bleiben, auch als Servicekr\u00e4fte mithelfen, damit das Leben gelingt.<\/p>\n<p>Was also ist unsere Berufung? Ja, es gibt auch eine gemeinsame Berufung &#8211; nicht nur eine pers\u00f6nliche. Denn wir sind ja hineingestellt in Familien und Organisationen, haben uns hineinrufen lassen in eine Gemeinschaft. Gastgeber, Dienstleister, Gemeinschaftsagenturen &#8211; das ist und war die Rolle der diakonischen Gemeinschaften. Zwischen Engagement und Beruf &#8211; zwischen Dienstleistungszentren und Gemeinden haben sie schon immer Br\u00fccken geschlagen. Sie leben Gemeinschaft, um Gemeinschaft zu stiften. Halfen anderen, ihre Gaben zu heben und stellten sich in den Krisen den eigenen Sinnfragen. Die Seele des Sozialen liegt in diesem Dreieck &#8211; zwischen Helfern und Hilfebed\u00fcrftigen wird Sinn erfahren, gestiftet, Menschsein erlebt und erlernt. Da geschieht Menschwerdung, da geschieht Gott. Zwischen Christus, meinem N\u00e4chsten und mir selbst entsteht eine Hilfebeziehung &#8211; und dabei kann jeder der unter die R\u00e4uber gefallene sein und jeder der Retter. Es ist eine einfache Geschichte, die Geschichte vom Barmherzigen Samariter. Aber in ihrer unendlichen Auslegungsvielfalt bleibt sie zugleich die gro\u00dfe Erz\u00e4hlung der Diakonie- grenz\u00fcberschreitend, irritierend, offen in ihren Rollenwechseln, wenn der Christus uns in dem Hilfebed\u00fcrftigen wie im Samariter begegnet. Sie ist vielleicht der rote Faden, der auch heute hilft, die Augen offen zu halten f\u00fcr Inspiration und eine Kette der Hilfe zu entwickeln &#8211; mit unseren Kontakten, mit unserem Geld. Ich w\u00fcnsche Ihnen, dass Sie einander darin unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Denn \u201edie besten Momente haben alle eines gemeinsam\u201c, schreibt Ariadne von Schirach: \u201eWir verbringen sie nicht alleine, sondern mit anderen Menschen.\u201c So wie heute.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx, Rummelsberg 2015<\/p>\n<p><strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n<h5><\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> \u201eUnd Was ist ihre Berufung?\u201c. Katrin Wilkens in Emotion 6- 2015, S. 71<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Anja F\u00f6rster, Peter Kreuz, H\u00f6rt auf zu arbeiten, Hamburg 2013<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Vgl. die \u00dcberlegungen von Hartmut Rosa zu \u201eBeschleunigung. Ver\u00e4nderung der Zeitstrukturen in der Moderne, Berlin 2005 \u2013 und seitdem vielf\u00e4ltige Aufs\u00e4tze und Texte zu Resonanz und Beschleunigung vom gleichen Autor<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.droemer-knaur.de\/autoren\/7780836\/andreas-heller\">Andreas Heller<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.droemer-knaur.de\/autoren\/7758620\/reimer-gronemeyer\">Reimer Gronemeyer<\/a><\/h5>\n<h5>In Ruhe sterben &#8211; Was wir uns w\u00fcnschen und was die moderne Medizin nicht leisten kann,<\/h5>\n<h5>M\u00fcnchen 2014<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Ariadne von Schirach, Du sollst nicht funktionieren, F\u00fcr eine neue Lebenskunst, M\u00fcnchen 2014, S. 148<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Bronnie Ware, F\u00fcnf Dinge, die Sterbende am meisten bedauern, 2013<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Roseto \u2013 ein Traum aus den 60ern Ein kleines Dorf in Pennsylvania wurde in den 60er Jahren ber\u00fchmt: Roseto&#8230;. <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=914\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":466,"menu_order":98,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-914","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/914"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=914"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/914\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4379,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/914\/revisions\/4379"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/466"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=914"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}