{"id":912,"date":"2015-07-29T06:31:09","date_gmt":"2015-07-29T06:31:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=912"},"modified":"2019-07-04T09:34:45","modified_gmt":"2019-07-04T07:34:45","slug":"einzigartig-miteinander-respekt-und-kooperation-in-einer-gesellschaft-der-vielfalt","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=912","title":{"rendered":"Einzigartig Miteinander \u2013 Respekt und Kooperation in einer Gesellschaft der Vielfalt"},"content":{"rendered":"<p><strong>1. Gemeinsam mit Grenzen leben<\/strong><\/p>\n<p>\u201eGemeinsam mit Grenzen leben\u201c. Unter diesem Motto stand die \u00f6kumenische Woche f\u00fcr das Leben im Jahr 2009. In der Michaelskirche in L\u00fcneburg, wo Inklusion schon lange kein Fremdwort mehr ist, feierten wir den Auftakt. Mit einer Gemeinde aus Menschen mit und ohne Behinderung. Im R\u00fcckblick schrieb die evangelische Superintendentin: \u201eDer Tag hat uns Mut gemacht, in unserer Stadt und in der Kirche weiter f\u00fcr Barrierefreiheit und Inklusion einzutreten. Dass im Gottesdienst behinderte Menschen das erste Wort hatten, war f\u00fcr mich genau der richtige Ansatz\u201c. Auch ich erinnere mich gern an den Chor aus Lobetal, der zu Beginn den Sonnengesang des Franz von Assisi inszenierte und das Leben lobte. An die Mutter, die ihr Kind mit Downsyndrom auf dem Arm trug, hatte &#8211; in ihren Augen Tr\u00e4nen von Gl\u00fcck \u00fcber die sp\u00fcrbare Akzeptanz in der Gemeinde. Und an den Button, den wir an jenem Tag ausgegeben hatte. Er trug ein Motto des querschnittsgel\u00e4hmten Theologen Ulrich Bach: \u201cJeder Mensch gilt\u201c.<\/p>\n<p>Ulrich Bach, der an den Folgen einer schweren Polio-Erkrankung litt und dadurch zeitlebens auf den Rollstuhl angewiesen war, schrieb \u00fcber den Gottesdienst in Volmarstein, einer Einrichtung f\u00fcr Menschen mit K\u00f6rperbehinderung, wo er lebte: \u201eWir bilden zwar ein buntes V\u00f6lkchen: Die einen m\u00fcssen liegen, einige d\u00fcrfen schon sitzen, andere sind so nicht behindert, dass sie andere Leute schieben. Das alles ist so. Das macht Schmerzen. Nichts davon wollen wir vertuschen. Und dennoch: Obwohl hier Behinderte und Nichtbehinderte beisammen sind \u2013 nicht als Behinderte und Nichtbehinderte sind wir beisammen, sondern als Gemeinde des dreieinigen Gottes. Fragt nicht in erster Linie, was ihr k\u00f6nnt oder nicht k\u00f6nnt. H\u00f6rt, was Gott Euch sein l\u00e4sst. Ihr geh\u00f6rt zusammen als die bunte Gemeinde Gottes\u201c.<\/p>\n<p>Mit einer fast radikalen Konsequenz hat Bach aus seinen Grenzerfahrungen heraus unser Bild vom Menschen befragt: Einer seiner Buchtitel \u201eBoden unter den F\u00fc\u00dfen hat keiner\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>, ist ein kr\u00e4ftiges Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine solidarische Gesellschaft &#8211; aus der Erkenntnis gewachsen, dass unsere Verletzlichkeit uns einf\u00fchlsam machen kann, dass Grenzerfahrungen uns klug werden lassen. Ganz im Sinne des 90. Psalms und der Kirchentagslosung dieses Jahres: \u201eLehre uns bedenken, dass wir sterben m\u00fcssen, damit wir klug werden.\u201c<\/p>\n<p>Das Buch von Ulrich Bach ist inzwischen 35 Jahre alt, er selbst lebt nicht mehr &#8211; aber ich habe den Eindruck, dass wir noch immer in einer Gesellschaft leben, die die eigene Verg\u00e4nglichkeit verdr\u00e4ngt und eher von Konkurrenz als von Kooperation bestimmt ist. \u201eUnsere Gesellschaft toleriert keine Schw\u00e4che mehr\u201c, hei\u00dft es in dem neuen Buch von Ariadne von Schirach, die uns zu einer neuen Lebenskunst ermutigen soll. Es richtet sich gegen die Zurichtung des Menschen in der Marktgesellschaft. Ich zitiere noch einmal: \u201eGier, Geilheit, Gr\u00f6\u00dfenwahn. Der dunkle Affe steckt in jedem von uns und will alles nehmen \u2013 erobern &#8211; beherrschen, was ihm vor die Augen kommt. Wenn sich diese angeborene Bl\u00f6dheit, mit der jeder einzelne t\u00e4glich zu ringen hat, mit einem auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Weltbild verbindet, das solche Impulse nicht nur legitimiert, sondern auch f\u00f6rdert, dann ist es nicht verwunderlich, dass sich langsam ein Unbehagen breit macht. Denn wenn der Wert der Natur ihr Ertrag ist und der Wert des Tieres seine Tauglichkeit als Futter, Lastentr\u00e4ger oder Attraktion, dann ist der Wert des Menschen seine Arbeitskraft und seine F\u00e4higkeit, ein gutes Bild abzugeben. Doch die W\u00fcrde des Menschen liegt jenseits solcher Zwecke. Eine Zeit, die den Wert eines Menschen mit seiner Leistungskraft gleichsetzt, ist eine w\u00fcrdelose Zeit. Sie diskriminiert diejenigen, die zur Verwertung entweder noch nicht oder nicht mehr tauglich sind &#8211; und damit irgendwann uns alle. Das Beharren auf die kategoriale Nutzlosigkeit des Menschen, verbunden mit dem Gebot, genau diese zu lieben und zu besch\u00fctzen, ist die Grundlage f\u00fcr alle Beziehungen, die das Reich des Widerw\u00e4rtigen zu verlassen verm\u00f6gen.\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Die Gl\u00fccksgeographie<\/strong><\/p>\n<p>Bhutan ist bisher das einzige Land mit einem Gl\u00fccksindex. Der Versuch, solche Faktoren auch in Deutschland in die Berechnung des Bruttosozialprodukts einzuf\u00fchren, hat bislang noch nicht zum Erfolg gef\u00fchrt. Immerhin gibt es aber inzwischen einen Forschungszweig, der sich mit der \u201eGeografie des Gl\u00fccks\u201c in Deutschland besch\u00e4ftigt.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Wer sich die entsprechende Kartographie anschaut, wird schnell entdecken, dass Wohlbefinden und Zufriedenheit da am gr\u00f6\u00dften sind, wo es gute und gut bezahlte Arbeit gibt, wo aber auch qualitativ hochwertige Angebote f\u00fcr Kinder und Familien und attraktive Sport- und Kulturangebote vorgehalten werden und das Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl in den Nachbarschaften stimmt.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> \u201eHaben, Lieben und Sein\u201c, seien die unverzichtbaren drei Faktoren des Wohlbefindens, sagt Jan Delhey, Soziologe an der Jacobs University in Bremen und einer der Verfasser. Weit weniger, als manche uns glauben machen wollen, h\u00e4ngt unsere Seligkeit davon ab, dass sich unsere materiellen W\u00fcnsche, die Tr\u00e4ume und hoch gesteckten Lebensziele erf\u00fcllen, mindestens genauso wichtig ist, dass wir nicht allein sind, sondern uns zugeh\u00f6rig f\u00fchlen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dabei haben die alten Zugeh\u00f6rigkeiten zu einer bestimmten Heimatregion, einer Kirche oder politischen Partei an Bedeutung verloren &#8211; angesichts der wachsenden Mobilit\u00e4t und Individualisierung sprechen wir nur mehr von Milieus und Clustern. Der Soziologieprofessor Eric Klinenberg spricht von einer Versingelung der Gesellschaft. In einer Studie, die das Time-Magazin vor einiger Zeit ver\u00f6ffentlich hat, kann man lesen, dass heute 28% aller US-Haushalte Single-Haushalte sind, verglichen mit 9% in den 50er Jahren ein enormer Anstieg. In Schweden, dem am weitesten entwickelten Wohlfahrtsstaat sind es \u00fcbrigens 47 Prozent, in Gro\u00dfbritannien 34, in Japan 31 Prozent \u2013 aber in Kenia nach wie vor nur 15. Klinenberg kommt zu dem Ergebnis, dass Alleinleben der beste Weg ist, die modernen Werte einer individualistischen Gesellschaft zu leben: Freiheit, Selbstverwirklichung und Selbstkontrolle. Single zu sein, ist nicht mehr nur ein Durchgang, sondern eine Lebensform. Auch viele Paare kennen Lebensphasen, in denen sie aus beruflichen Gr\u00fcnden \u00fcber lange Zeit getrennt leben. Immerhin jedes dritte Paar in den ersten Berufsjahren ist betroffen &#8211; und f\u00fcr viele ist das der selbstverst\u00e4ndliche Preis f\u00fcr berufliche Mobilit\u00e4t und Karriere. Vielleicht w\u00fcnschen sich darum so viele, in einer verl\u00e4sslichen Gemeinschaft zu leben &#8211; in Familien, Betrieben, Vereinen und Quartieren.<\/p>\n<p>In der Zivilgesellschaftsbewegung ist zurzeit von Caring-Communities die Rede, von sorgenden Gemeinschaften. Die Alterskommission sowie die Ehrenamtskommission der Bundesregierung befassen sich damit. Es geht um die Entwicklung von lebendigen und starken Nachbarschaften, um Budgets f\u00fcr Quartierspflege und B\u00fcndnisse f\u00fcr Familien. Denn die traditionellen Netze in Familien und Nachbarschaften sind in der Zerrei\u00dfprobe. Der j\u00fcngste Freiwilligensurvey der Bundesregierung zeigt: Waren es vor 10 Jahren noch 74 Prozent der Bev\u00f6lkerung, die sagten, sie k\u00f6nnten sich in Notlagen auf Familie und Freunde verlassen, so sind es heute nur noch 64 Prozent. Die \u201eMoral\u00f6konomie verliert an Strahlkraft\u201c sagt der Vorsitzende der Alterskommission, Thomas Klie. Denn wer sich um andere k\u00fcmmert, und das waren traditionell die Frauen, der hat weniger Zeit f\u00fcr Erwerbsarbeit, weniger Geld f\u00fcr Konsum &#8211; und wahrscheinlich auch weniger Geld in der Rente. So wie die, die in den schrumpfenden Regionen zur\u00fcck bleiben, w\u00e4hrend die Mobilen der Arbeit nach in die wirtschaftsstarken St\u00e4dte ziehen. Die Alten in ihren Eigenheimen, die Jungen ohne Schulabschluss, die M\u00fctter mit kleinen Kindern. Der Theologe Ernst Lange sprach schon in den 60er Jahren vom Ensemble der Opfer. Und die Zahl der Ausgesto\u00dfenen, wie Heinz Bude sie nennt, w\u00e4chst.<\/p>\n<p>Vor lauter Effizienzdenken und Effizienzsteigerung habe man den roten Faden verloren, sowohl individuell als auch gesellschaftlich, sagt Stefan Gr\u00fcnewald vom Institut Rheingold in einem Buch \u00fcber den letzten Wahlkampf der SPD. Unserer Gesellschaft fehle es nicht nur an Zusammenhalt, sondern auch an einem gemeinsamen Projekt, an einer tragf\u00e4higen Vorstellung f\u00fcr die Gestaltungsaufgaben der n\u00e4chsten Jahrzehnte. Viele blickten in ein schwarzes Loch und fragten sich, was als n\u00e4chstes kommen werde. Keine Frage: die soziale Struktur unserer Gesellschaft ist im Umbruch. Und dabei geht es um mehr als um die fiskalische Krise der sozialen Sicherungssysteme oder um die \u00d6konomisierung des Sozialen. Nat\u00fcrlich wirken sich prek\u00e4re Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse, unterbrochene Erwerbsbiografien und Teilzeitbesch\u00e4ftigungen auf die Stabilit\u00e4t der Sozialsysteme aus, tats\u00e4chlich haben wir es bei zunehmender Privatisierung auch mit einer wachsenden Spaltung der Gesellschaft zu tun &#8211; in Arm und Reich, Bildungsgewinner und Bildungsverlierer, Menschen, die f\u00fcr ihren Arbeitsplatz jederzeit verf\u00fcgbar sind und solchen, die f\u00fcr Kinder oder Pflegebed\u00fcrftige sorgen. In Steuerzahler und Transferempf\u00e4nger. Und schlie\u00dflich: in solche, in die zu investieren sich lohnt und solche, die einfach nur auf Hilfe angewiesen sind.<\/p>\n<p>Aber die \u201eMoral\u00f6konomie verliert an Strahlkraft\u201c &#8211; und wer sich um andere k\u00fcmmert- auch in den sozialen Berufen, ger\u00e4t zunehmend selbst an den Rand oder eben unter den Effizienz- und Erfolgsdruck, der auch in den sozialen Unternehmen herrscht. Denn die alte Rollenaufteilung zwischen Erwerbsarbeit und unentgeltlicher Wohlfahrtsproduktion tr\u00e4gt nicht mehr. Die Trennung von Wirtschaft und Wohlfahrt l\u00f6st sich auf. Die Konsequenz ist Resonanzverlust, wie der Berliner Philosoph Harmut Rosa das nennt, &#8211; unter dem Druck der Wirtschaftlichkeit schwindet die Zeit f\u00fcr Beziehungen, die Zeit, die man braucht, um andere wirklich wahrzunehmen und f\u00fcr sie da zu sein.<\/p>\n<p>Vielleicht stehen wir am Ende einer langen Phase der Sozialstaatsentwicklung, die im 19. Jahrhundert mit der Industrialisierung begann. Mit grenz\u00fcberschreitendem Handel und wachsender Mobilit\u00e4t gingen auch damals Armut und prek\u00e4re Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse, \u00fcberforderte Familien und die Vernachl\u00e4ssigung von Kindern und Pflegebed\u00fcrftigen einher. Die Gr\u00fcndergestalten der neuzeitlichen Diakonie \u2013 Johann Hinrich Wichern, Theodor und Friederike Fliedner, Amalie Sieveking und Florence Nightingale und viele andere \u2013 reisten quer durch Europa, um sozialpolitische Zusammenh\u00e4nge zu verstehen und neue Initiativen zu entdecken. Dabei stand f\u00fcr diese Generation au\u00dfer Zweifel, dass die Herausforderungen ihrer Zeit zugleich Herausforderungen an ihr Christsein und ihre tiefsten \u00dcberzeugungen waren. Sie rechneten damit, dass ihnen in den vernachl\u00e4ssigten Kindern, den allein gelassenen Kranken, den jungen Leuten im Gef\u00e4ngnis Gott selbst begegnen w\u00fcrde \u2013 so wie Jesus es im Gleichnis vom gro\u00dfen Weltgericht zugesagt hat: \u201eAlles, was ihr getan habt meinen geringsten Br\u00fcdern, das habt Ihr mir getan.\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und so starteten neue Initiativen, eine Bewegung entstand, die Menschen Halt und Lebenschancen gab. Bruderh\u00e4user gaben jungen M\u00e4nnern aus schwierigem Umfeld Ausbildung und Beruf, damit sie anderen eine Zukunft erm\u00f6glichen konnten. Mutterh\u00e4user boten Pflege f\u00fcr die Kranken, zugleich aber auch berufliche Perspektiven f\u00fcr unverheiratete Frauen. Neue Gemeinschaften \u00fcber die Familien hinaus und neue Berufe waren ein Schl\u00fcssel, Menschen das Gef\u00fchl zu geben, gebraucht zu werden, dazu zu geh\u00f6ren. Es ist diese Erfahrung, wonach sich heute wieder viele sehnen \u2013 Berufstr\u00e4ger wie Hartz-IV-Empf\u00e4nger, Fr\u00fchrentner wie abgeh\u00e4ngte Jugendliche und die vielen, die nicht mithalten k\u00f6nnen in der beschleunigten Arbeitswelt, die M\u00fctter kleiner Kinder, Menschen mit Behinderung und psychisch Kranke. All die Abgeh\u00e4ngten, die das Gef\u00fchl haben, auf sie k\u00e4me es nicht mehr an. All die vielen, die den roten Faden in ihrem Leben suchen- so wie damals Ariadne im Labyrinth. Sie h\u00e4tte es niemals gewagt, durch das unbekannte Gel\u00e4nde zu gehen, in dem das Ungeheuer, der Minothaurus lauerte, wenn sie nicht vom Faden der Liebe gehalten gewesen w\u00e4re, den ihr Freund au\u00dfen vor der Mauer in der Hand hielt.<\/p>\n<p><strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n<p><strong>3. Ein-Ander: <\/strong><strong>Gleich und doch fremd <\/strong><\/p>\n<p>\u201eWir Menschentiere sind keine Nomaden, auch wenn die westliche Lebensweise den Eindruck hervorzurufen scheint. Alles ist miteinander verbunden und voneinander abh\u00e4ngig\u201c, schreibt Ariadne von Schirach. Wie schon Martin Buber oder Emanuel Levinas, die so gro\u00dfartig dargestellt haben, dass wir erst am Du zum Ich werden, macht auch sie deutlich, dass wir gerade so geschaffen sind &#8211; und sie kann sich dabei auf die Wissenschaft beziehen. \u201eAlles Denken, dass den Weg vom Ich zum Du bezweifelt, wurde durch die Entdeckung der Spiegelneuronen Mitte der 90er in Frage gestellt. Spiegelneuronen sorgen daf\u00fcr, dass sich die emotionalen Zust\u00e4nde unserer Mitmenschen in uns abbilden. So funktionieren Fremdsch\u00e4men und Mitf\u00fchlen und geteilte Freud. Und obwohl es Erfahrungen gibt, die weder verallgemeinerbar noch teilbar sind, hat man zumindest eine Ahnung davon, wie sich das Leben der anderen anf\u00fchlt. Allem Mitf\u00fchlen zum Trotz kann ein wei\u00dfer Mensch nicht wirklich wissen, wie es sich anf\u00fchlt, schwarz zu sein; ein Zivilist kann nicht wissen, was es hei\u00dft im Krieg zu sein; wir k\u00f6nnen nicht nachvollziehen, was es bedeutet, wenn die eigene Familie bedroht im Lager lebt. Wer immer aufrecht gegangen ist, wei\u00df nicht, was es bedeutet, den Alltag im Rollstuhl zu bestehen. Nur so ist es zu erkl\u00e4ren, dass wir zur Tagesordnung \u00fcbergehen k\u00f6nnen, wenn vor unseren Augen Menschen sterben und verhungern. Wir machen die Schotten dicht, in dem wir die anderen abwerten, die Gleichheit leugnen, und damit auch unsere eigene Menschlichkeit und Schw\u00e4che verdr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>\u201eNehmt einander an so wie Christus uns angenommen hat. Damit ehrt Ihr Gott\u201c, (R\u00f6mer 15,7), schreibt Paulus an die Gemeinde in Rom, die er damals noch nicht besucht hatte. Er schrieb aus Korinth. Aber er kannte einzelne Menschen dort &#8211; darunter einige der Juden und J\u00fcdinnen, die in den 50er Jahren des ersten Jahrhunderts aus der Emigration nach Rom zur\u00fcckkehrten, weil die Welle der Christenverfolgung unter dem Kaiser Claudius zu Ende war. Der Brief, den die Diakonin Ph\u00f6be \u00fcberbrachte, besch\u00e4ftigt sich vor allem mit Fragen der Gerechtigkeit und dem Miteinander der unterschiedlichen Gruppen in der Gemeinde. Es geht zum Beispiel darum, wie j\u00fcdische und nicht-j\u00fcdische Menschen zusammen leben, essen und glauben k\u00f6nnen. Man muss sich klarmachen, in welcher Vielfalt Gemeinden damals lebten &#8211; sie bestanden aus Migranten und Einheimischen, Frauen wie M\u00e4nner und auch Sklaven geh\u00f6rten dazu. Die Unterschiede im Blick auf Armut und Reichtum, Sprachen und Lebenswelten \u00fcbertrafen die, die wir in unserer Gesellschaft kennen, bei weitem.<\/p>\n<p>In den vergangenen Pfingsttaggen wurde an die erste Christengemeinde in Jerusalem erinnert. Sie waren ein kleines Gr\u00fcppchen in einer Stadt voller Widerspr\u00fcche, Unzufriedenheit und Gewalt. Als sie sich am Wochenfest nach der Kreuzigung Jesu herauswagten aus ihrem Versteck, da sp\u00fcrten sie wieder diese Sehnsucht in der Stadt, die Sehnsucht nach Frieden und Gemeinschaft, nach \u00dcberwindung der Grenzen. Das machte ihnen Mut und sie begannen, auf andere zuzugehen, mit Fremden zu sprechen und zu teilen. Und diese Bewegung des Teilens erzeugte Beteiligung \u2013 aus Hilfeempf\u00e4ngern wurden Gemeindeglieder. Gleichwohl erz\u00e4hlt die Apostelgeschichte auch von Krisen. Eine davon h\u00e4tte die Gemeinde fast gespalten: die griechischen Witwen &#8211; Frauen, Migrantinnen, Transferempf\u00e4ngerinnen &#8211; sa\u00dfen ganz unten an der Tafel. Und so wurden sie bei der Armenspeisung nicht so gut versorgt wie die, die auch in der Gemeinde ganz oben sitzen am Tisch. Die alten Statusfragen sind eben nicht \u00fcberwunden. Auch die Gemeinde kennt die gesellschaftlichen Statusgruppen, die Vorurteile, die Mechanismen der Diskriminierung. Das ist ja bis heute so &#8211; vielleicht sogar schlimmer. Denn viele f\u00fchlen sich gar nicht mehr zugeh\u00f6rig zu denen da oben, die in der Kirche das sagen haben.<\/p>\n<p>Damals aber erinnerte man sich, dass es am Tisch Jesu kein oben und kein unten gab &#8211; dass er alle einlud, sogar die von den Hecken und Z\u00e4unen, die Abgeh\u00e4ngten und Ausgegrenzten. Nicht nur die da oben sollten kommen, sondern auch die, \u00fcber die in ihren Gemeinschaften das Leichentuch gelegt wird, die Unsichtbaren, die als Schande gelten. Im lebendigen Miteinander der Gemeinde wird ihnen das Tischtuch aufgelegt. Denn \u201eDieser l\u00e4dt die Z\u00f6llner und S\u00fcnder ein und isst mit ihnen\u201c, hei\u00dft es im Evangelium.<\/p>\n<p>Die Integration von Ausgeschlossenen und Randsiedlern in die Gemeinschaft kennzeichnet des Wirken Jesu. Darum heilt er auch vor den Augen der \u00d6ffentlichkeit. Er will aufr\u00fctteln und stellt die g\u00e4ngige Diskriminierung in Frage. Dass Kranke im Umfeld Jesu Anteil bekommen an Gottes heilender Kraft und von ihr ber\u00fchrt werden, geh\u00f6rt zu den wichtigsten Gr\u00fcnden f\u00fcr die Anziehungskraft und Ausbreitung des Christentums. Die antike Welt war \u00fcberzeugt, dass Menschen mit Behinderung in die widerg\u00f6ttliche Sph\u00e4re des Todes geh\u00f6ren und aus der sozialen und kultischen Gemeinschaft ausgegrenzt werden m\u00fcssen. Dass sie von D\u00e4monen besessen sind oder dass eine Strafe auf ihnen liegt \u2013 und dass sie gerade damit das Miteinander bedrohen. Und das Judentum des Alten Testaments ging davon aus, dass Kranke von Gott geschlagen sind. Wir kennen solche Gedanken leider noch immer auch aus kirchlichen Liedern. In Jesus stellt Gott sich an die Seite der Kranken und Schwachen. Das kehrt alle bisherigen Vorstellungen um. \u201eDenn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht mitleiden k\u00f6nnte an unseren Schwachheiten\u201c, hei\u00dft es im Brief an die Hebr\u00e4er. (Hebr. 4,15)<\/p>\n<p>Der Urmythos der Diakonie ist das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter, das die meisten Menschen in unserem Kulturkreis noch immer kennen. Da liegt einer blutend am Boden und die anderen gehen vorbei &#8211; sie folgen anderen Gesch\u00e4ften, leider auch frommen Gesch\u00e4ften. Der einzige der hilft ist einer, der wei\u00df, was es hei\u00dft, \u00fcbersehen zu werden \u2013 ein Fremder, ein Au\u00dfenseiter, ein Samariter. Er bleibt stehen, b\u00fcckt sich und setzt damit eine Bewegung der Hilfe in Gang \u2013 der, der liegt, ist offenbar wie er. Diese Einf\u00fchlung setzt eine Bewegung der Hilfe in Gang, in der dann auch Geld eine Rolle spielt: er zahlt den Wirt, damit er den anderen gesund pflegt. In den vielen Deutungen dieser Geschichte wechselt der Christus seine Positionen: manchmal ist der, der den anderen aufhebt und verbindet &#8211; Christus, der Diakon. Und manchmal der, der am Boden liegt &#8211; ausgeraubt, blutend und geschlagen &#8211; Christus der Gekreuzigte. \u201eDer Gottessohn braucht Hilfe\u201c, schrieb Ulrich Bach &#8211; und gab dabei nicht nur das Menschenbild der Leistungsgesellschaft, sondern auch das Gottesbildes zur \u00dcberpr\u00fcfung frei. Wenn dieser Satz stimmt, dann ist St\u00e4rke kein absoluter Wert.<\/p>\n<p>Auf diesem Hintergrund schreibt Paulus im 15. Kapitel des R\u00f6merbriefs, gerade vor der Jahreslosung: \u201eWir Starken sind verpflichtet, die Unsicherheiten der (anderen) mit zu tragen und d\u00fcrfen nicht nur danach fragen, was f\u00fcr uns pers\u00f6nlich das Angenehmste ist. Jeder und jede sollte sich f\u00fcr die Mitmenschen zu ihrem Besten einsetzen und sie f\u00f6rdern. Denn auch der Cristus hat nicht nur danach gefragt, was f\u00fcr ihn selbst das Angenehmste ist, sondern hat so gelebt, wie geschrieben steht: \u201eDie Dem\u00fctigen derer, die Dich dem\u00fctigen wollten, sind auf mich gefallen.\u201c Alle, die mit so genannten Randgruppen der Gesellschaft arbeiten, wissen, was damit gemeint ist. Das alles, was in der Heiligen Schrift zu lesen ist, meint Paulus, sei aufgeschrieben, um unsere Widerstandskraft zu st\u00e4rken. Auch und gerade diese Jahreslosung, in der das EINANDER so betont wird &#8211; der Andere, der mir Fremde ist wesentlich, damit ich zu mir selbst komme und wir zum Miteinander finden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Kirche aller \u2013 ein \u00f6kumenischer Text<\/strong><\/p>\n<p>Das Christentum kennt einen mitleidenden Gott. Die einf\u00fchlende N\u00e4chstenliebe ist sein Markenzeichen. Auf diesem Hintergrund sind schon im 19. Jahrhundert die diakonischen Dienste und Einrichtungen entstanden, denen es nicht nur um das Seelenheil, sondern auch um das k\u00f6rperliche und soziale Wohlergehen der Menschen ging: Pflegedienste, Krankenh\u00e4user, Einrichtungen f\u00fcr Menschen mit Behinderung. Wie das gesamte Gesundheitswesen sind sie heute gepr\u00e4gt durch medizinisches Wissen, technische Unterst\u00fctzung und \u00f6konomische Steuerung. Viele Menschen gehen davon aus, dass Gesundheit herstellbar sein m\u00fcsse &#8211; Produkt der modernen Medizin oder als erfolgreiche Dienstleistung. Im schlimmsten Fall soll Krankheit verhindert werden &#8211; notfalls auch durch Abtreibungen oder In-Vitro-Fertilisation. Der Psychiater und katholische Theologe Manfred L\u00fctz spricht in diesem Zusammenhang von einer neuen Gesundheitsreligion in unserer Gesellschaft \u2013 Gesundheit, so sagt er, sei f\u00fcr uns unhinterfragt zum h\u00f6chsten Gut geworden. Diese Vorstellung habe aber eine gef\u00e4hrliche Kehrseite: die Unf\u00e4higkeit mit der eigenen Verg\u00e4nglichkeit umzugehen und eine erneute Ausgrenzung der Kranken,<\/p>\n<p>\u201eKernst\u00fcck christlicher Theologie ist Kritik an Erfolg, Macht und Perfektionismus, ist Achtung vor Schwachheit, Gebrochenheit und Verletzlichkeit\u201c, hei\u00dft es in der Erkl\u00e4rung des Zentralausschusses des \u00d6kumenischen Rats der Kirchen von 2003 zur Inklusion. Weil Christus an seinem Leib misshandelt und verkr\u00fcppelt wurde, weil er leibliche Schmerzen erlitt, darum geh\u00f6ren auch Schmerzen und Leiden zum Leib Christi, also zur Gemeinde Gottes dazu. Ohne die Erkenntnisse derer, die aufgrund ihres Lebens mit Behinderung etwas beitragen k\u00f6nnen, werden die tiefsten, ureigensten Elemente der christlichen Theologie verf\u00e4lscht oder verloren gehen.\u201c<\/p>\n<p>Der Text wurde von einer Gruppe geschrieben, in der behinderte Menschen, ihre Betreuer und andere, die mit ihnen arbeiten und leben zusammen nachgedacht haben. Ihre Erfahrung ist in diesem Text sp\u00fcrbar: \u201eMenschen mit Behinderungen wissen, was es bedeutet, dass sich das Leben unerwartet von Grund auf ver\u00e4ndern kann. Wir waren in jenem Grenzbereich zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten, in dem wir nur zuh\u00f6ren und abwarten konnten. Wir hatten Angst und den Tod vor Augen und kennen nun unsere eigene Verwundbarkeit. Wir sind Gott in jener leeren Dunkelheit begegnet, in der uns bewusst wurde, dass wir \u201edie Kontrolle\u201c \u00fcber uns verloren haben, und wir haben gelernt, auf Gottes Gegenwart und F\u00fcrsorge zu vertrauen. Wir haben gelernt, bereitwillig anzunehmen, mit Freude zu geben, und dankbar f\u00fcr den Augenblick zu sein. Wir haben gelernt, Neuland zu gewinnen und einen neuen Weg f\u00fcr unser Leben zu finden, der uns noch nicht vertraut ist. Wir wissen, was es bedeutet, inmitten von Paradoxen zu leben, und wir wissen, dass einfache Antworten und Sicherheiten uns nicht tragen.\u201c<\/p>\n<p>Das ist eine Lektion, die wir irgendwann alle lernen m\u00fcssen. Manche von Geburt an, andere bei einem Unfall, wieder andere bei einer Krebserkrankung, einem Herzinfarkt oder eben im Alter. Wir alle leben mit Verletzungen, mit Wunden und Narben. Diese Erfahrung entspricht der, die in den Seligpreisungen Jesu gepriesen wird: wir leben mit Br\u00fcchen und erfahren dennoch Augenblicke der Ganzheit. Wer durch solche Erfahrungen hindurch geht, kann sie als St\u00e4rke erleben: pl\u00f6tzlich wachsen uns ungeahnte Kr\u00e4fte zu, wir verstehen Zusammenh\u00e4nge, die uns verborgen blieben. Und dennoch versuchen wir, unsere Krisen und Verletzungen vor den Augen der \u00d6ffentlichkeit zu verbergen. Wir leben in einem Charakter- und Rollenpanzer, entsprechen den gesellschaftlichen Normen &#8211; wir funktionieren und kommen deshalb nicht wirklich zu uns selbst. Die Theologin Gunda Schneider-Flume spricht in diesem Zusammenhang von der \u201eTyrannei des gelingenden Lebens\u201c. Unsere Gesellschaft sei so sehr von Machbarkeitsvorstellungen bestimmt, dass suggeriert werde, wir h\u00e4tten das Gelingen in der Hand. Tats\u00e4chlich aber komme es eben darauf an, dass wir lernen, mit Grenzen zu leben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. Caring Communities \u2013 nicht nur in den Gemeinden <\/strong><\/p>\n<p>\u201eOhne die uneingeschr\u00e4nkte Integration von Menschen mit Behinderungen, kann die Kirche nicht f\u00fcr sich in Anspruch nehmen, Leib Christi zu sein\u201c, hei\u00dft es in \u201eKirche aller\u201c: Wie sieht das in unserem Altag aus? Wenn ich in meiner Wohnortgemeinde predige, dann sitzen im Gottesdienst vor allem \u00e4ltere Frauen und Konfirmanden, manchmal auch junge M\u00fctter, die ihre Kinder zur Kinderkirche gebracht haben, und Trauernde. Kaum Erwerbst\u00e4tige, die noch Kirchensteuern zahlen. Manchmal ein \u00e4lterer Mensch im Rollstuhl. Kaum Demenzkranke. Auch die Leute aus der Wohngruppe behinderter Menschen trauen sich kaum zu kommen.<\/p>\n<p>Was kann eine Gemeinde tun, um sie zu h\u00f6ren? Ich meine durchaus nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern auch chronisch kranke und pflegebed\u00fcrftige oder auch Fl\u00fcchtlinge und Wohnungslose. Wie k\u00f6nnen Kirche und Diakonie zusammen arbeiten, damit sie ihre Opferrolle verlassen und ihre Erfahrungen zu unserem gemeinsamen Leben beisteuern? Der Aufbruch der Diakonie im 19. Jahrhundert, bei dem die Kirche in der Regel nicht mitging, hat leider auch zu einer Trennung der Systeme gef\u00fchrt. Viel zu lange wurden das Hilfenetz f\u00fcr Arme und Kranke an Einrichtungen und Dienste delegiert. Sie wurden und werden professionell begleitet, oft aber au\u00dferhalb der Gemeinden und Wohnorte.<\/p>\n<p>Die Philosophin Martha Nussbaum hat grunds\u00e4tzlich dar\u00fcber nachgedacht, was es bedeutet, Distanzen zu \u00fcberwinden und Teilhabe zu erm\u00f6glichen. In ihrem Konzept der Gerechtigkeit r\u00fcckt sie die W\u00fcrde und die F\u00e4higkeiten jedes einzelnen in den Mittelpunkt.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Unser Selbstbewusstsein und unsere W\u00fcrde verbinden sich mit der Erfahrung, etwas beitragen zu k\u00f6nnen. F\u00fcr Martha Nussbaum geh\u00f6rt dazu die F\u00e4higkeit, das eigene Denken zu entwickeln, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, wie Kant gesagt hat. Alle Menschen brauchen Angebote zur Bildung und Ausbildung, um sie zu entwickeln. Genauso ist die F\u00e4higkeit, sich selbst zu versorgen, auf die eigene Gesundheit zu achten, f\u00fcr die eigene Wohnung zu sorgen. Menschen m\u00f6chten sich frei von einem Ort zum anderen bewegen &#8211; und sie brauchen Schutz vor Gewalt und sexuellen \u00dcbergriffen. Es geh\u00f6rt zum Menschsein, Bindungen aufzubauen, zu Menschen und zu Dingen &#8211; zu lieben, zu trauern, Dankbarkeit und Zorn zu empfinden. Auch das Gef\u00fchl der Zugeh\u00f6rigkeit zu einer sozialen Gruppe geh\u00f6rt zum Menschsein, die Anteilnahme an der Natur, auch an Tieren und Pflanzen, das Spiel und die Bereitschaft, sich politisch einzubringen. Das alles brauchen wir, um Selbstachtung zu empfinden.<\/p>\n<p>Hilfesysteme, m\u00fcssen diese F\u00e4higkeiten unterst\u00fctzen. Sie d\u00fcrfen sie nicht schw\u00e4chen. Sie d\u00fcrfen nicht entm\u00fcndigen. Von diesem Impuls lebte Ende der 60er Jahre im Westen die Aufl\u00f6sung der gro\u00dfen Heime der Jugendhilfe zu kleinen Familiengruppen, das trieb die Gemeindepsychiatriebewegung in den 70ern und die Hospizbewegung in den 80ern voran, und es f\u00fchrt seit 10 Jahren zur Ambulantisierung der Behindertenhilfe und zur Ver\u00e4nderung in der Altenhilfe. Gleich, ob es um behinderte Menschen oder um Sterbende geht: immer geht es darum, alle vorhandenen F\u00e4higkeiten und vor allem die Selbstbestimmung zu st\u00e4rken. Es geht darum, Menschen aus den Einrichtungen zur\u00fcck zu holen in die Stadtteile. Dahin, wo ihre Freunde leben, dahin, wo sie sich unter allen Generationen bewegen k\u00f6nnen. Empowerment statt Entm\u00fcndigung. Inklusion statt Exklusion. Normalisierung also \u2013 mit dem Anspruch an die, die sich f\u00fcr normal halten, auch ihre eigene Angewiesenheit und die eigenen Grenzen wahrzunehmen. Das ist eine Herausforderung nicht nur f\u00fcr die Kirchengemeinden, nicht nur f\u00fcr Schulen und Bildungssysteme, sondern auch f\u00fcr Unternehmen, Wohnungsbaugesellschaften, Sportvereine, Restaurants und Reiseunternehmen &#8211; f\u00fcr Nachbarn und Vereinsmitglieder, Kolleginnen und Kollegen, kurz f\u00fcr alle, die sich auch in Kirchengemeinden finden und gemeinsam Initiativen starten k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>6. Neue soziale Bewegungen: Produktivit\u00e4t neu verstehen<\/strong><\/p>\n<p>Inklusion fordert die traditionellen Strukturen von Kirche und Wohlfahrtspflege heraus. Die aktive B\u00fcrgergesellschaft wird wesentlich von Initiativen, von Ehrenamtlichen, Selbsthilfegruppen und Angeh\u00f6rigen vorangetrieben. Sie sind die Detektoren f\u00fcr neue soziale Notlagen und Umbr\u00fcche. Aus Hilfeempf\u00e4ngern werden Gestalter des eigenen Lebens. Engagierte schlie\u00dfen quer zu den alten, konfessionell oder weltanschaulich gepr\u00e4gten Verb\u00e4ndestrukturen zusammen. Vor allem den \u00c4lteren ist es sehr wichtig, auch mit anderen Generationen zusammen zu arbeiten und einfach mitzubekommen und mitzugestalten, was sich an Neuem entwickelt.<\/p>\n<p>Der Gerontologe Andreas Kruse meint, dass es an der Zeit ist, Produktivit\u00e4t in unserer Gesellschaft neu zu definieren. Zur Produktivit\u00e4t geh\u00f6rt n\u00e4mlich auch die Auseinandersetzung mit Verlusten, mit Scheitern und Endlichkeit. Davon profitierten nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch ihre Angeh\u00f6rigen und Freunde. Daraus erwachsen neue Kr\u00e4fte f\u00fcr unsere Gesellschaft \u2013 die F\u00e4higkeit zur Selbstverantwortung und Mitverantwortung Familienzentren und Mehrgenerationenh\u00e4user oder auch die Dorfl\u00e4den sind neue Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr regionale Netze. Dabei spielen die bislang privaten Erziehungs- und Pflegeleistungen, die fr\u00fcher famili\u00e4ren Unterst\u00fctzungsleistungen bei Haushalt, W\u00e4sche, Eink\u00e4ufen eine zentrale Rolle. Neue Netzwerke entstehen, die Familien und Dienste verbinden und Generationen \u00fcberschreiten.<\/p>\n<p>Die wachsende Pluralit\u00e4t unserer westlichen Gesellschaften, die vielen Angst macht, k\u00f6nnte auch dazu beitragen, dass wir lernen, mit Differenzen zu leben. Und die Erwartungen an Flexibilit\u00e4t k\u00f6nnten auch dazu beitragen, dass wir lernen, mit Br\u00fcchen und Fragmenten zu leben. Schon fragen viele, ob es so etwas wie eine Landkarte des normalen Lebens \u00fcberhaupt noch gibt. Ob letztlich nicht jeder \u201eanders\u201c ist als die anderen, ob wir nicht alle mit Chancen und Begrenzungen leben. Es w\u00e4re ein ungeheurer Fortschritt, wenn wir diese Erfahrung nicht mehr an besonders Hilfebed\u00fcrftige delegieren und auf andere projizieren m\u00fcssten.<\/p>\n<p>Wann immer wir aber an die Grenzen unserer M\u00f6glichkeiten sto\u00dfen, sind wir in besonderer Weise auf Solidarit\u00e4t angewiesen. Deswegen wird eine Gesellschaft unmenschlich, wenn sie nicht hinreichend Zeit f\u00fcr Selbstsorge, aber auch f\u00fcr die Sorge um andere zur Verf\u00fcgung stellt. Denn gerade in den Sorget\u00e4tigkeiten l\u00e4sst sich entdecken, dass auch Zuwendung und Angewiesenheit zu einem gelingenden Leben geh\u00f6ren. Das ist es ja, was Partnerschaften und Familien zusammen h\u00e4lt, was Gemeinschaften miteinander verbindet: Es geht nicht nur um gleiche Interessen und Ziele, sondern auch um vielf\u00e4ltige Interaktionen der wechselseitigen Hilfe. Wenn wir wollen, dass Leben gelingt, d\u00fcrfen wir deshalb nicht nur auf die Chancen der Einzelnen schauen \u2013 es wird auch darum gehen, Gemeinschaften zu st\u00e4rken: Familien genauso wie Wahlfamilien, Freundschaften, Wohngemeinschaften, aber auch die Teams in den Unternehmen, auch und gerade in den sozialen Unternehmen.<\/p>\n<p>Gerade von denen, die mit ihrer Verletzlichkeit ringen, geht oft die Ermutigung aus, die wir in unseren eigenen Br\u00fcchen und Umbr\u00fcchen brauchen. Ich denke an meine Facebook-Freundin Martina Lammers, die in diesen Wochen ihre Morgenbilder ins Internet stellt und dabei schonungslos auch von ihrer Chemotherapie erz\u00e4hlt. Um sie herum hat sich eine Gemeinschaft gebildet &#8211; virtuell vielleicht, aber doch ganz lebendig. Ein circle of support, der das Politische nicht au\u00dfen vorl\u00e4sst. Martina Lammers, offenbar eine Gr\u00fcne aus dem Wendland, h\u00e4lt daran fest, dass es nicht nur um ihr eigenes Leben geht, sondern immer noch um eine Ver\u00e4nderung der Welt hin zu einer Gemeinschaft des Lebens.<\/p>\n<p>Die Orientierungshilfe der EKD zur Inklusion, die Anfang des Jahres unter dem Titel \u201eEs ist normal verschieden zu sein\u201c erschienen ist, macht am Ende bewusst, dass wir immer im Vorl\u00e4ufigen leben. Unsere Gemeinschaften sind nicht vollkommen, Inklusion ist immer nur auf dem Weg. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft eine gro\u00dfe L\u00fccke. Aber \u201edas entbindet nicht von der dringlichen Einleitung des Paradigmenwechsels. Die Realisierung gleichberechtigter Teilhabe aller Menschen und insbesondere von Menschen mit Behinderungen duldet keinen Aufschub\u201c.<\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx , M\u00fchlhausen 1.6.15.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Ulrich Bach, Boden unter den F\u00fc\u00dfen hat keiner, Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine solidarische Gesellschaft, G\u00f6ttingen 1980<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Ariadne von Schirach, Du sollst nicht funktionieren. F\u00fcr eine neue Lebenskunst, 2014, S. 75<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> \u201eDas Dreieck des Wohlbefindens\u201c, Joachim Mohr, in \u201eDer Spiegel\u201c Wissen, Nr. 1 2013.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Das sind die Ergebnisse des \u201eGl\u00fccksatlasses\u201c, in dem die Deutsche Post die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Untersuchung zur Lebenszufriedenheit in den Gro\u00dfst\u00e4dten und Regionen vorstellt.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Martha C. Nussbaum: Die Grenzen der Gerechtigkeit<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Gemeinsam mit Grenzen leben \u201eGemeinsam mit Grenzen leben\u201c. 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