{"id":896,"date":"2015-07-16T18:12:22","date_gmt":"2015-07-16T18:12:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=896"},"modified":"2016-02-04T19:47:45","modified_gmt":"2016-02-04T19:47:45","slug":"und-was-ist-ihre-berufung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=896","title":{"rendered":"\u201eUnd was ist Ihre Berufung?\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Predigt zu Lukas 5, 1- 11<\/strong><\/p>\n<p>\u201eUnd was ist Ihre Berufung?\u201c Diese \u00dcberschrift fand ich neulich in der Zeitschrift \u201eEmotion\u201c: Katrin Wilkens, eine Job-Profilerin, hilft Frauen dabei, den passenden Beruf zu finden und ist gerade genervt, weil das Thema \u201eBerufung\u201c Konjunktur hat. H\u00e4ufig s\u00e4\u00dfen Frauen in der Wiedereinstiegsphase bei ihr und fragten, wie es gelingen k\u00f6nnte, noch 30 Jahre zufrieden zu arbeiten &#8211; m\u00f6glichst auch in Teilzeit, ohne zu viele Dienstreisen und so, dass sich Selbstverwirklichung und Familie vereinbaren lie\u00dfen. \u201eIrgendetwas muss es doch geben, eine Berufung, eine Erf\u00fcllung, einen Job, f\u00fcr den ich wirklich brenne.\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup><sup>[1]<\/sup><\/sup><\/a>, bekommt sie immer wieder zu h\u00f6ren. In einer Welt, in der wir die Jobs und Positionen, die Wohnorte, Familien und Freundeskreise oft mehrfach im Leben wechseln, in der sich viele zerrissen f\u00fchlen zwischen verschiedenen Rollen und Identit\u00e4ten und manche Philosophen schon diskutieren, ob es \u00fcberhaupt so etwas gibt wie eine Identit\u00e4t der Person, da fragen sich auch ganz s\u00e4kulare Menschen, was der Sinn ihres Lebens ist und wof\u00fcr sie gebraucht werden.<\/p>\n<p>Die Geschichte, um die heute im Mittelpunkt steht, ist eine Berufungsgeschichte. Es geht um Simon Petrus und seinen Gef\u00e4hrten &#8211; um die allerersten J\u00fcnger in der Nachfolge Jesu. Schon beim ersten Lesen wird klar; dieser Weg ist kein Spaziergang. Schon eher geht es darum, die so genannte Komfortzone zu verlassen, vermeintliche Sicherheiten hinter sich zu lassen und ins Ungesicherte aufzubrechen. Es ist aufregend und gef\u00e4hrlich, wenn der Traum von der Berufung in Erf\u00fcllung geht. Furcht und Zittern begleiten den Augenblick, in dem wir begreifen, worum es in unserem Leben wirklich geht. Simon geht in die Knie, er f\u00e4llt Jesus zu F\u00fc\u00dfen und wehrt seine Berufung ab. Eine Zumutung, eine \u00dcberforderung. Jesus muss ihn aufrichten, er spricht ihm neuen Mut zu und st\u00e4rkt ihm den R\u00fccken: \u201eF\u00fcrchte dich nicht\u201c.<\/p>\n<p>Das ist eine der h\u00e4ufigsten Zusagen, die wir aus der Bibel kennen &#8211; insgesamt 70 mal lesen wir dieses \u201eF\u00fcrchte dich nicht\u201c. Wir h\u00f6ren es mit Abraham, als er im Alter noch einmal aufbrechen soll in das Land, das Gott ihm zeigen will. Jeremia wird es zugesprochen, als Gott ihn zu seinem Propheten macht, obwohl er sich viel zu jung dazu f\u00fchlt. Und genauso Hesekiel, der seinem Volk das Gericht zu verk\u00fcndigen hat. Gott macht seine Stirn hart, steht da \u2013 er st\u00e4rkt ihn zum Widerstand. Und auch Maria h\u00f6rt dieses \u201eF\u00fcrchte dich nicht\u201c von dem Engel, der ihr sagt, dass sie die Mutter Jesu werden soll. Das gro\u00dfe Gl\u00fcck, wirklich gebraucht zu werden und die Angst vor dem neuen Leben \u2013 sie liegen nah beieinander. Es ist also nicht so wie bei der Profilerin in meiner Zeitschrift oder wie beim Jobcenter, dass jemand deinen Lebenslauf und deine Gaben checkt und dann Bilanz zieht, um Dir zu sagen, was Du am besten aus Deinem Leben machst. Gott mutet Menschen etwas zu, er traut Menschen etwas zu, das sie nie gew\u00e4hlt h\u00e4tten, mit dem sie nicht gerechnet h\u00e4tten. Einen Aufbruch, einen Neuanfang, einen Einsatz f\u00fcr andere, den Widerstand gegen die herrschende Meinung, den Verzicht auf gewohnte Sicherheiten. Die schwindelerregende Freiheit, das Wagnis des Lebens.<\/p>\n<p>Der Philosoph Slavoj Zizek hat k\u00fcrzlich in einem Interview beklagt<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>, wir h\u00e4tten keinen Mut mehr, das scheinbar Unm\u00f6gliche zu wagen, es uns \u00fcberhaupt vorzustellen &#8211; so sehr pr\u00e4gten Sicherheit und Berechenbarkeit unser Leben. Alkoholfreies Bier, koffeinfreier Kaffee, fleischfreie W\u00fcrstchen und Zigaretten ohne Nikotin \u2013 und Partnerschaften ohne Verliebt sein. Die Heiratsagenturen im Internet f\u00fchrten zu einer Art arrangierter Partnerschaft. Wir verliebten uns nicht, sondern wir suchten nach passenden Eigenschaften und passendem \u00f6konomischen Hintergrund. So vermeide man die Gefahren des Verliebt seins, meint Zizek \u2013 denn Liebe k\u00f6nne das Leben eben vollkommen auf den Kopf stellen.<\/p>\n<p>Ab und an sieht man ja noch etwas davon. Vor ein paar Tagen erz\u00e4hlte die BILD\u2013Zeitung vom Liebesr\u00e4tsel auf der B3 bei Elze: da stand auf \u00fcber einem Kilometer Strecke die l\u00e4ngste Liebeserkl\u00e4rung der Region: Marie, bitte sag ja.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>. Mit roten Herzchen auf grauen Asphalt gespr\u00fcht \u2013 auf dem Mittelstreifen der Bundesstra\u00dfe. Und die Polizei warnt: \u201eWer so etwas tut, bringt sich und andere in Lebensgefahr\u201c: Ja, die Liebe ist gef\u00e4hrlich. Um der Liebe willen brechen Menschen alle Zelte ab, verlassen ihr Land und ziehen mit ihrem Partner in die Fremde. Um der Liebe willen brechen Menschen aus einer Ehe aus. Mit dem Geliebten wagen andere einen beruflichen Neuanfang und entdecken Gaben in sich, die sie nie gesehen hatten. Und wenn das schon f\u00fcr die Liebe zwischen Menschen gilt &#8211; sollte es mit Gottes Liebe anders sein? Nein, es kann unser Leben ersch\u00fcttern, wenn wir der Liebe Gottes begegnen &#8211; und die Berufungsgeschichte von Simon Petrus erz\u00e4hlt, was das hei\u00dft. Da l\u00e4sst ein Bootsbesitzer alles zur\u00fcck \u2013 seine Boote, seine Familie, sein Heimatdorf, die gewohnte Arbeit und macht sich auf den Weg mit Jesus. Er \u00e4ndert sein ganzes Leben, er macht sich auf ein anderer zu werden. Ich wei\u00df nicht, ob Ihnen das aufgefallen ist: Der Name Petrus, unter dem wir den Simon besser kennen, wird erst im Laufe dieser Geschichte eingef\u00fchrt. Am Ende tr\u00e4gt er einen anderen Namen. Ich kann mir vorstellen, dass einige von den Zur\u00fcckbleibenden den Kopf gesch\u00fcttelt haben \u00fcber so viel Verr\u00fccktheit &#8211; denn schlie\u00dflich hatte Simon doch gerade den Fang seines Lebens gemacht. Warum hat er sich nicht wenigstens die Zeit genommen, das alles zu Geld zu machen und seiner Familie ein gutes Polster zu hinterlassen? Warum geht einer im Augenblick des Erfolgs? \u201eEs muss im Leben mehr als alles geben\u201c, hei\u00dft es in einer Jugendgeschichte, die ich fr\u00fcher einmal gern gelesen habe \u2013 mehr als alles, was wir besitzen und berechnen und planen und wissen k\u00f6nnen. Berufungsgeschichten erz\u00e4hlen genauso wie Liebesgeschichten von diesem gro\u00dfen Mehr, das unser Leben wirklich ausmacht.<\/p>\n<p>Das ist nun allerdings kein Pl\u00e4doyer gegen das Gl\u00fcck, ein gef\u00fclltes Netz an Land zu ziehen. Ach was, ein gef\u00fclltes Netz: die Geschichte erz\u00e4hlt sogar von einer \u00dcberf\u00fclle, vom \u00dcberfluss des Gl\u00fccks. Fast w\u00e4re das Netz ja gerissen, die Kumpels vom anderen Boot m\u00fcssen kommen und mitziehen &#8211; fast zieht der Reichtum sie hinab. Und schlie\u00dflich sind zwei Boote voll mit silbrig-gl\u00e4nzenden Fischen gef\u00fcllt. Handfester, materieller Reichtum. Ein unverhofftes Gl\u00fcck f\u00fcr diese Fischer, die die m\u00fchsame Sorge um das t\u00e4gliche Auskommen nur allzu gut kennen. Die Frustration, wenn man die leeren Netze an Land zieht &#8211; ein bisschen Beifang vielleicht und sonst nichts. Gerade mal genug, um selbst zu \u00fcberleben &#8211; aber zu wenig, um Sicherheit f\u00fcr morgen oder \u00fcbermorgen zu schaffen. Man kennt das am See Genezareth &#8211; und man hat sich damit eingerichtet. So reinigen die Fischer ihre Netze, als Jesus vorbeikommt und den Menschen im Dorf vom Reich Gottes erz\u00e4hlt &#8211; und sie lassen sich sicher auch nicht st\u00f6ren, als Jesus den Simon bittet, ihn doch ein St\u00fcck mit dem Boot hinaus zu fahren, damit er von dort aus predigen kann, w\u00e4hrend die Leute sich am Ufer lagern. Einer von vielen Wanderpredigern der damaligen Zeit.<\/p>\n<p>\u00dcberraschend wird es erst, als Jesus den Fischer direkt anspricht: \u201eFahrt auf die H\u00f6he des Sees und werft noch einmal die Netze aus\u201c. Das ist auch schon ein bisschen verr\u00fcckt \u2013 und ganz sicher gegen alle Erfahrung &#8211; \u201edenn wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen.\u201c Alles spricht dagegen: der Zeitpunkt, die Erfahrung, die eigene Frustration &#8211; aber gut: wenn dieser Jesus sein Wort auf die Probe stellen willen, probiere ich\u2019s mal. Und wie bei einer Wette, ob man diesem Mann wirklich glauben kann, was er da sagt \u00fcber Gott und die Welt, wirft Petrus die Netze aus. Und kann es kaum glauben, was dann geschieht: Man kann sich auf Jesu Worte verlassen. Mehr noch als das Boot voller Fische, mehr noch als das materielle Gl\u00fcck \u00fcberzeugt Petrus die neue Erfahrung: seine Wette auf das Leben war ein Gewinn. Es gibt im Leben mehr als alles. Darum wohl kann er dann auf alles verzichten und mit Jesus gehen. Und den Gef\u00e4hrten geht es genauso &#8211; auch Jakobus und Johannes legen die Boote an den Strand .Kopf\u00fcber, den Boden nach oben. Der eine ein Bootsbesitzer, die anderen arme Fischer &#8211; aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. Sie alle sind Freunde bei Jesus.<\/p>\n<p>Lukas erz\u00e4hlt von dem, was wirklich z\u00e4hlt. Es ist eine von den vielen Geschichten, die wir jeden Tag h\u00f6ren und sehen. Wir sehen weinende Rentner vor den Banken, w\u00e4hrend wir unvorstellbare Berechnungen h\u00f6ren und die Bildzeitung \u00fcber die deutsche Hilfe f\u00fcr Griechenland abstimmen l\u00e4sst. Es ist noch nicht lange her, da sahen wir Menschen vor ihren zerst\u00f6rten H\u00e4usern und D\u00f6rfern in Nepal, w\u00e4hrend Touristen in Hubschraubern ausgeflogen wurden. Und andere Touristen, erschossen am Strand in Tunesien, w\u00e4hrend die Morddrohungen von Anh\u00e4ngern des islamischen Staats auch die B\u00fcrger erschrecken. Gewalt und Verzweiflung, Macht und Anziehungskraft des Geldes. Das alles gab es damals auch \u2013 die r\u00f6mische Besatzung, die reichen Steuereinnehmer, erschreckende Unterschiede zwischen Arm und Reich, bewaffnete Aufst\u00e4ndische. Jesus ist das nicht egal: aber was er sagt, geht \u00fcber diese Gegens\u00e4tze hinaus. Er predigt das Reich Gottes. Er spricht von dem Gott, der die Menschen nicht in dem festh\u00e4lt, was sie sind \u2013 der sie auf das anspricht, was sie sein k\u00f6nnen. Auf das, was wir f\u00fcr unm\u00f6glich halten: dass ein Steuereinnehmer teilt, dass zerstrittene Br\u00fcder sich vers\u00f6hnen, dass ein Aufst\u00e4ndischer das Schwert in die Tasche steckt, dass die Auss\u00e4tzigen in die Mitte der Gemeinschaft zur\u00fcck kommen. Wo Menschen Gott begegnen, k\u00f6nnen sie sich \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Dazu sind wir berufen. Jeder auf seine Weise. Simon Petrus und seine Gef\u00e4hrten wird hier gesagt, sie sollen Menschen fischen, wie Jesus Menschen f\u00fcr Gottes Reich gewinnen &#8211; mit all der Erfahrung, die sie mitbringen aus langen Jahren und von diesem Morgen. Geduld geh\u00f6rt dazu, auch die Bereitschaft, in Frustrationen durchzuhalten, das H\u00f6ren auf Gottes Wort, selbst wenn er Unm\u00f6gliches fordert, sich offen zu halten f\u00fcr Gottes Liebe \u2013 und schlie\u00dflich die Freiheit, nicht an dem zu h\u00e4ngen, was wir gewonnen zu haben, sondern weiter zu gehen, wenn Gott es will. Wer diese Freiheit kennt, wird auch den anderen Freiheit geben &#8211; damit sie ihre eigene Berufung finden. Menschenfischer werden &#8211; das Wort Zogron, das im biblischen Text steht, ist der Begriff f\u00fcr jemanden, der einem Gefangenen Freiheit gibt. Anders als die Fischer, die die gefangenen Fische t\u00f6ten. Jesus macht Mut, die eigene Berufung zu finden. Die kann ganz anders sein als der des Petrus \u2013 aber sie macht unser Leben lebenswert. Immer wieder neu. Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx, Osterwald, 5.7.15<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> \u201eUnd Was ist ihre Berufung?\u201c, Katrin Wilkens in Emotion 6- 2015, S. 71<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Slavoj Zizek, Fordern wir das Unm\u00f6gliche, Hamburg 2014<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a>[3] \u201eBild\u201c- Hannover, 3.7.14<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Lukas 5, 1- 11 \u201eUnd was ist Ihre Berufung?\u201c Diese \u00dcberschrift fand ich neulich in der Zeitschrift \u201eEmotion\u201c:&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=896\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":457,"menu_order":97,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-896","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/896"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=896"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/896\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":897,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/896\/revisions\/897"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/457"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=896"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}