{"id":892,"date":"2015-07-16T17:59:25","date_gmt":"2015-07-16T17:59:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=892"},"modified":"2016-02-04T19:39:57","modified_gmt":"2016-02-04T19:39:57","slug":"was-wir-als-kirche-mit-dem-quartier-zu-tun-haben-zur-theologie-der-gemeinwesenarbeit","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=892","title":{"rendered":"Was wir als Kirche mit dem Quartier zu tun haben \u2013 zur Theologie der Gemeinwesenarbeit"},"content":{"rendered":"<h3><strong>1. \u00a0<\/strong><strong>\u201eWo das Herz wohnt\u201c<\/strong><\/h3>\n<p>\u201eHeimat\u201c ist das Gef\u00fchl des Monats in der Zeitschrift <em>vital<\/em>. Kaum ein anderer Begriff hat so viel Imagewechsel und Definitionen erlebt, sagt Dr. Simone Egger, die diese Sehnsuchtslandschaft erforscht hat. Im 19. Jahrhundert, dem Zeitalter der Industrialisierung und ersten Globalisierung, entstand die romantische Sehnsuchtsheimat mit Bildern von Caspar David Friedrich und den Hausm\u00e4rchen der Br\u00fcder Grimm. Dass Heimat dann in den 60ern und 70ern als piefig galt \u2013 bis die Geschichte von Schabbach eine andere Hunsr\u00fcckstory erz\u00e4hlte \u2013, das hing mit der politischen Instrumentalisierung im Dritten Reich zusammen. Und jetzt, seit etwa zehn Jahren, ist Heimat im Trend, mit Lederhosen, lokalen Brauereien und Kaffeer\u00f6stereien, mit Landgasth\u00f6fen und regionaler Ern\u00e4hrung. Je mobiler die Gesellschaft, je mehr Optionen und Lebensstile, desto wichtiger wird Heimat. Der Lebensraum, in dem wir uns selbstverst\u00e4ndlich und ungezwungen bewegen k\u00f6nnen, weil wir dazugeh\u00f6ren. Die Stadt, von der ich \u201eWir\u201c sagen kann, sagte k\u00fcrzlich ein Schriftsteller. <em>Vital<\/em> empfiehlt eine kleine Silberkette, auf der man die Koordinaten der Heimatstadt eingravieren lassen kann \u2013 die Heimat im Herzen tragen.<\/p>\n<p>Die heimatliche Silhouette ist ohnehin h\u00e4ufig ganz tief in die Seele eingraviert: die Frankfurter City mit ihren Hochh\u00e4usern, die M\u00fcnchner Frauenkirche, das Brandenburger Tor, der Hamburger Michel, die Dorfkirche in Wickrathberg \u2013 nicht zuf\u00e4llig sind es ganz h\u00e4ufig die Kirchen und Dome, die das Heimatgef\u00fchl st\u00e4rken \u2013 auch f\u00fcr die, die die Kirche selbst kaum noch besuchen: \u201eWir lassen der Dom in K\u00f6lle\u201c. Ob im Dorf oder im Stadtteil einer Metropole \u2013 die Kirch ist nach wie vor markanter und pr\u00e4gender Punkt im Stadtbild, die Schl\u00e4ge der Kirchturmuhr und der Klang der Glocken geh\u00f6ren zum akustischen Raum und geben uns Orientierung in der Zeit.<\/p>\n<p>Auch wenn die Kirche l\u00e4ngst nicht mehr den Alltag bestimmt \u2013 f\u00fcr viele bleibt sie Teil der eigenen kulturellen Identit\u00e4t, Seelenheimat eben. In Zeiten der Verunsicherung richten sich deshalb durchaus Hoffnungen und Erwartungen, aber auch Wut und Verzweiflung darauf. Wir sp\u00fcren das, wo die Kirchen Sparprogramme auflegen, Kirchenkreise fusionieren und Kirchengeb\u00e4ude aufgeben, verkaufen oder umwidmen. Da erinnern sich Mitglieder an die Augenblicke, in denen sich dieser Ort in ihre Biographie eingeschrieben hat. Und manchmal engagieren sich auch die, die l\u00e4ngst nicht mehr an diesem Ort wohnen. Ich erinnere mich, dass wir vor zwanzig Jahren den Osten Londons besucht haben \u2013 eine heruntergekommene Hafengegend mit internationaler B\u00fcrgerschaft, in der der Bischof von London eine Kirche aufgegeben hatte \u2013 dort k\u00e4mpfte eine B\u00fcrgerinitiative um den Erhalt; es waren Menschen, die dort getauft oder getraut worden waren, die dort eine Erfahrung von Verbundenheit und Zugeh\u00f6rigkeit, ja, von W\u00fcrde gemacht hatten. Und ich denke an die Kirchenkuratoren und Kirchenkuratorinnen, die heute daf\u00fcr sorgen, dass alte Dorfkirchen in Brandenburg oder in Mitteldeutschland saniert werden \u2013 die Orgelpaten suchen, Veranstaltungen planen, die Kirchen offen halten, selbst wenn sie selbst gar nicht Mitglied sind. Mir fallen aber auch die vielen w\u00fctenden Briefe ein, die ich ebenfalls vor zwanzig Jahren im rheinischen Landeskirchenamt erhielt, als in Duisburg der Streit um den Emissionsschutz beim lautsprecherverst\u00e4rkten Gebetsruf auf den Moscheen losbrach. Kirchenglocken ja \u2013 Muezzinrufe nein. Die \u201eanderen\u201c, hie\u00df das, geh\u00f6ren hier nicht dazu. Dass die Kirchen die Lichter ausgeschaltet haben, wo die Identit\u00e4ren von Pegida und Hagida versucht haben, sie als Identit\u00e4tsorte zu nutzen, war deshalb ein wesentliches Zeichen.<\/p>\n<p>Das alles kann aber deutlich machen, wie verunsichernd der Transformationsprozess ist, der uns gerade herausfordert \u2013 und der eben auch die Kirchen selbst herausfordert: als Orientierungspunkte in den Nachbarschaften und Quartieren, bei der Suche nach Zugeh\u00f6rigkeit und in den Kulturk\u00e4mpfen unserer Tage. Ich liebe \u00fcbrigens die Klangkulisse von Jerusalem, dieser Stadt, in der man zu bestimmten Zeiten eine wunderbare Mischung aus Glocken, Muezzinrufen und Schofarh\u00f6rnern erleben kann \u2013 aber klar ist: Es ist die Fremde, die mich da reizt, und gerade nicht die Heimat. Ein Heimatgef\u00fchl stellt sich ein, wenn bei uns im Dorf die Glocken den Sonntag einl\u00e4uten \u2013 und mich an einen Lebensrhythmus erinnern, der so ganz anders ist als die 24\/7-Gesellschaft, in der wir uns heute bewegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><\/h3>\n<h3><strong>2. Nachbarschaften in der Transformation<\/strong><\/h3>\n<p>Noch bekomme ich regelm\u00e4\u00dfig die \u201eGemeindethemen\u201c, den Gemeindebrief meiner ersten Pfarramtsgemeinde, die ich vor 25 Jahren verlassen habe. In den ersten zehn Jahren konnte ich beobachten, wie meine ehemaligen Konfirmanden heirateten und ihre Kinder tauften. Inzwischen kenne ich nur noch einen geringen Teil der Namen der Verstorbenen und interessanterweise viele der Engagierten. Dass Familien, m\u00f6glicherweise sogar mit mehreren Generationen, an einem Ort wohnen, ist schon lange keine Normalit\u00e4t mehr \u2013 offenbar gibt eine solche Konstellation aber R\u00fcckhalt f\u00fcr b\u00fcrgerschaftliches Engagement. Ich komme sp\u00e4ter darauf zur\u00fcck. Der Normalfall ist dagegen die sogenannte multilokale Mehrgenerationenfamilie, die sich durchaus f\u00fcreinander engagiert, daf\u00fcr aber erheblich mehr Zeit aufwenden und Entfernungen \u00fcberwinden muss. Junge Leute ziehen in die prosperierenden Regionen; zur\u00fcck bleiben die \u00c4lteren, weniger Beweglichen, die h\u00e4ufig Wohneigentum haben, das sich in schrumpfenden Regionen kaum verkaufen l\u00e4sst. V\u00e4ter pendeln von Ost nach West zur Arbeit: Wo bereits Kinder in der Familie leben, sind es dann h\u00e4ufig die M\u00fctter, die bleiben. Aber auch und gerade kinderlose Paare kennen Lebensphasen, in denen sie aus beruflichen Gr\u00fcnden \u00fcber lange Zeit getrennt leben. Immerhin jedes dritte Paar in den ersten Berufsjahren ist betroffen. Der Soziologe Eric Klinenberg spricht bereits von einer Versingelung der westlichen Gesellschaften \u2013 immerhin 28 Prozent aller US-Haushalte sind heute Single-Haushalte, verglichen mit 9 Prozent in den 50er Jahren \u2013 ein enormer Anstieg. Klinenberg kommt zu dem Ergebnis, dass Alleinleben der beste Weg ist, die modernen Werte einer individualistischen Gesellschaft zu leben: Freiheit, Selbstverwirklichung und Selbstkontrolle. Zugleich aber verlieren Menschen, die h\u00e4ufig umziehen oder auch pendeln, die allt\u00e4gliche soziale Einbettung in Familie und Nachbarschaft. Das Alleinsein und das Zerbrechen der hergebrachten sozialen Bez\u00fcge sind dabei nicht nur eine emotionale Herausforderung. Familien mit kleinen Kindern, auch alte oder kranke Menschen \u2013 deren Anteil an der Gesamtbev\u00f6lkerung mit dem demografischen Wandel w\u00e4chst \u2013 geraten bei der Bew\u00e4ltigung des Alltags oft enorm unter Druck, wenn sie nicht auf die selbstverst\u00e4ndliche Hilfe von Angeh\u00f6rigen zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen. Der Theologe Ernst Lange, der Gr\u00fcnder der ersten \u201e Ladenkirche\u201c in Berlin, sprach damals vom Ensemble der Opfer.<\/p>\n<p>Aber auch die Nachbarschaften ver\u00e4ndern sich, weil Menschen von anderswoher zuziehen \u2013 als Arbeitssuchende, Migranten oder Fl\u00fcchtlinge. Manche, wie die Einwanderer der 60er Jahre aus S\u00fcdeuropa oder aus der T\u00fcrkei, geh\u00f6ren mit ihren Familien seit Generationen dazu; und dennoch hat sich noch nicht \u00fcberall ein echtes Miteinander entwickelt. Wo die Arbeitslosigkeit hoch ist, wo viele leben, die von Transfereinkommen abh\u00e4ngen, w\u00e4chst angesichts der Neuank\u00f6mmlinge die Angst mancher \u201eAutochthonen\u201c vor dem Verlust des \u201eEigenen\u201c \u2013 des eigenen Arbeitsplatzes, der eigenen Kultur, der gewohnten Nachbarschaft.<\/p>\n<p>Zwar beobachten wir zur Zeit einen guten Stand bei der sozialversicherungs\u00adpflichtigen Besch\u00e4ftigung, aber sozialversicherungspflichtige Arbeitspl\u00e4tze sind vielfach nicht mehr existenzsichernd \u2013 zumal wenn davon nicht nur ein Einzelner, sondern eine Familie ern\u00e4hrt werden soll, wie z.B. bei der wachsenden Gruppe Alleinerziehender. Armut aber bedeutet nicht nur fehlende materielle Absicherung, sondern vielfach auch Ausschluss von der gesellschaftlichen Teilhabe. \u201eWir reden von Millionen von Ausgeschlossenen, die einen Keil durch unsere Gesellschaft treiben<strong>\u201c, <\/strong>schreibt Heinz Bude. \u201eKinder, die in Verh\u00e4ltnissen aufwachsen, wo es f\u00fcr keinen Zoobesuch, Musikunterricht oder f\u00fcr Fu\u00dfballschuhe reicht, junge Leute, die sich mit Gelegenheitsjobs zufrieden geben m\u00fcssen, Minijobber und Hartz-IV-Empf\u00e4nger, denen es kaum zum Leben reicht. Gemeinsam ist ihnen, dass sie die \u00dcberzeugung gewonnen haben, dass es auf sie nicht mehr ankommt.\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Es g\u00e4be inzwischen eine Art \u201eheimatlosen Antikapitalismus\u201c der zu Abgrenzung und Unsicherheiten f\u00fchre und der Treiber der rechtspopulistischen Bewegungen sei, sagt Bude, der gerade ein neues Buch \u00fcber die \u201e Gesellschaft der Angst\u201c geschrieben hat. Dahinter steht die diffuse Erfahrung, dass die sogenannten M\u00e4rkte nicht nur den Wettbewerb der Unternehmen um Produkte, Dienstleistungen, Arbeitspl\u00e4tze antreiben, sondern inzwischen auch auf Lebensbereiche \u00fcbergreifen, die bislang \u00f6ffentlich und solidarisch organisiert waren. Die K\u00e4mpfe, die wir zurzeit um Mieten und Wohnungswirtschaft, um Wasserwirtschaft und Ern\u00e4hrung, um Erziehung und Pflege, ja auch um Bahn und Post erleben, zeigen, worum es geht. Um Infrastruktur und \u00f6ffentliche G\u00fcter \u2013 und auch um die M\u00f6glichkeiten der Zivilgesellschaft, ihr Leben subsidi\u00e4r mitzugestalten.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h3><strong>3. \u00dcberforderte Kommunen, chancenreiche Quartiere? <\/strong><\/h3>\n<p>Die Bertelsmann-Studie zur Situation der Kommunen, die vor kurzem erschien, hat in allen Medien Aufsehen erregt: Sozialausgaben belasten die Kommunen mit bis zu 58 Prozent des gesamten Haushaltsvolumens, hie\u00df die Schlagzeile. Nach langen Jahren der Debatte um einen neuen Finanzausgleich wird endlich wahrgenommen, dass viele Kommunen kaum noch in der Lage sind, ihre Pflichtaufgaben in ausreichendem Ma\u00dfe zu erf\u00fcllen \u2013 geschweige denn, den wachsenden Erwartungen nachzukommen. G\u00fcnstige Wohnungen werden gebraucht, Kitas und Schulen, die ganzt\u00e4tig eine qualifizierte Betreuung, Erziehung und Bildung leisten, m\u00f6glichst angepasste Pflegeangebote, eine alternsgerechte st\u00e4dtische Infrastruktur, Beratung und Unterst\u00fctzung in Krisen und nicht zuletzt \u00f6ffentliche Orte, an denen sich Menschen begegnen k\u00f6nnen. Strukturen eben, mit denen die Schwierigkeiten der Einzelnen abgefangen werden k\u00f6nnen, Strukturen, die auch beitragen zu mehr Gleichheit und Gerechtigkeit und zu einem Miteinander auf Augenh\u00f6he.<\/p>\n<p>Erst die finanziellen Herausforderungen, die mit inklusiven Schulen und pers\u00f6nlichen Budgets verbunden sind, und die Konflikte, die sich angesichts von Fl\u00fcchtlingswohnheimen in \u00fcberforderten Kommunen abspielen, haben auch politisch deutlich gemacht, welcher Handlungsbedarf besteht. Die enormen Transferleistungen in strukturschwachen Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit, die Folgen des demographischen Wandels haben die Situation schon in l\u00e4nger angespannt und vielen Kommunen die Freiheit, eigene Priorit\u00e4ten zu setzen, genommen. Hinzu kommen die Sparzw\u00e4nge, die mit dem Stichwort Schuldenbremse verbunden sind. Die Bertelsmann-Studie markiert die Unterschiede zwischen Orten in wirtschaftlich strukturschwachen Regionen, in denen das Steueraufkommen gering ist, der Bedarf an Transferleistungen dagegen sehr hoch, und sogenannten In-Vierteln der boomenden Metropolen, in denen gut verdienende Menschen hohe Steuern, aber auch hohe Mieten zahlen, wodurch weniger gut Verdienende verdr\u00e4ngt werden \u2013 auch dies Ausdruck wachsender sozialer Ungleichheiten.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Hinzu kommt, dass angesichts der oben angesprochenen Marktlogik auch St\u00e4dte \u2013 wie \u00fcbrigens auch Schulen und Universit\u00e4ten \u2013 zunehmend unternehmerisch gef\u00fchrt werden. F\u00fcr eine Stadt wie D\u00fcsseldorf hat das bedeutet, sich durch geschickte Privat-Public-Partnership neue, schuldenfreie Spielr\u00e4ume zu erarbeiten. F\u00fcr andere bedeutet es, dass auch die soziale Arbeit durch regelm\u00e4\u00dfige Projektvergabe an den g\u00fcnstigsten Anbieter im Quartier an Stabilit\u00e4t und Stetigkeit verliert.<\/p>\n<p>Nicht nur von Sozialpolitik und Stadtplanung, sondern auch von den Sozialwissenschaften und von den unterschiedlichen zivilgesellschaftlichen Initiativen wird das <strong>Quartier<\/strong> deshalb in den letzten Jahren wiederentdeckt. als ein Raum, in dem neue Formen der Kooperation zwischen dem \u00f6ffentlichen und dem privaten Bereich, zwischen zivilgesellschaftlichen Initiativen, Kommune, Sozialversicherungen und Tr\u00e4gern sozialer Dienste Antworten auf die dr\u00e4ngenden Bed\u00fcrfnisse der Menschen geben k\u00f6nnen, wo aber auch neue Chancen der Begegnung und der Teilhabe entstehen. Im Quartier, wo Menschen einkaufen, ihre Kinder zur Tageseinrichtung bringen, wo Schulen und Sportvereine Ankn\u00fcpfungspunkte bieten und \u00c4rzte medizinische Versorgung bereitstellen, begegnen sich unterschiedliche Menschen noch immer ganz selbstverst\u00e4ndlich. Hier anzukn\u00fcpfen, bedeutet allerdings, nicht nur fall-, sondern eben auch feldorientiert zu arbeiten und entsprechende Einrichtungen der Begegnung und Beratung im Quartier zu f\u00f6rdern.<\/p>\n<p>Ein instruktives Beispiel ist die Pflege \u00e4lterer Menschen: 43 Prozent der \u00c4lteren leben inzwischen in Einpersonenhaushalten. Auch wenn die meisten Pflegebed\u00fcrftigen noch immer in ihren Familien gepflegt werden, gehen doch auch viele in ein Altenheim. Der Grund ist dabei h\u00e4ufig \u201enur\u201c, dass sie ihren Alltag nicht mehr allein bew\u00e4ltigen k\u00f6nnen. Hinzu kommt, dass die famili\u00e4ren Pflegesettings bei zunehmender Erwerbsarbeit der Frauen alle Beteiligten \u00fcberfordern. Was fehlt, ist ein ambulantes Setting mit Unterst\u00fctzung beim Erledigen der Hausarbeit und beim Einkaufen. Gehen die alten Menschen dann in eine station\u00e4re Einrichtung, so verlieren sie damit nicht nur weitgehend ihre Autonomie und damit ein wesentllches St\u00fcck Lebensqualit\u00e4t. Diese \u201eL\u00f6sung\u201c ist zudem extrem teuer, entweder f\u00fcr die Betroffenen selbst oder auch f\u00fcr die Kommunen. Eine quartiersbezogene Komponente, eine regelhafte Planung sowie Angebote der Beratung stehen deshalb in Altenhilfe und Pflegeversicherung genauso an wie zuvor in der Jugendhilfe und der Behindertenhilfe. Es gibt inzwischen zahlreiche Projekte, in denen mit innovativen Konzepten hilfreiche Angebote im Quartier geschaffen werden. Im Blick auf die alternsgerechten Kommunen verweise ich auf das Konzept Wohnquartier hoch 4 der Diakonie RWL.<\/p>\n<p>Damit solche neuen Konzepte funktionieren k\u00f6nnen, m\u00fcssen einige wesentliche Voraussetzungen erf\u00fcllt sein. Beispielsweise m\u00fcssen sich die Kommunen, die sozialen Dienste, die Wohnungswirtschaft, aber auch Verkehrsbetriebe und Einkaufszentren, \u00c4rzte und Apotheken auf neue, ungewohnte Kooperationen einlassen. Es muss aber in den Quartieren auch die Menschen geben, die die Bereitschaft, die F\u00e4higkeit und die Zeit mitbringen, sich in Projekten zu engagieren. In der Regel ist dazu auch professionelle Unterst\u00fctzung erforderlich \u2013 z.B. im Quartiersmanagement oder in einem Familienzentrum oder Mehrgenerationenhaus. Gebraucht werden die R\u00e4ume, wo alle Beteiligten sich treffen, die Plattformen, auf denen die Vermittlung organisiert werden kann.<\/p>\n<p>Dabei geht es immer h\u00e4ufiger darum, \u00fcberhaupt die Eckpfeiler des \u00f6ffentlichen Raums und des nachbarschaftlichen Lebens aufrecht zu halten: eine Grundschule, einen Laden am Ort, die Praxis des Hausarztes, eine Kneipe oder ein Caf\u00e9, wo man sich ungezwungen treffen kann, regelm\u00e4\u00dfigen Nahverkehr. Wo die Kommunen kein Geld mehr haben, die Infrastruktur bereitzustellen, wo vielen Wirtschaftsunternehmen die Rendite zu gering ist, setzen in den letzten Jahren zivilgesellschaftliche und innovative privatwirtschaftliche Initiativen an: Schulgr\u00fcndungen, gerade im Osten, die Dorfladenbewegung, Initiativen, die Schwimmb\u00e4der unterhalten \u2013 aber auch die Wohnungswirtschaft, die den Supermarkt mietfrei l\u00e4sst und f\u00fcr einen Treffpunkt mit Quartiersmanagement sorgt. Mit zivilgesellschaftlicher Partizipation, mit sozialer Unternehmerschaft und in Zusammenarbeit mit aufgeschlossenen Akteuren bei den \u00f6ffentlichen Tr\u00e4gern werden Einrichtungen und Strukturen geschaffen, die auf vorhandene Bedarfe reagieren.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt durch das gemeinsame Engagement f\u00fcr die Nachbarschaft entstehen starke Bindungen zwischen den Beteiligten, oft \u00fcber die Grenzen traditioneller kultureller oder ethnischer Milieus hinweg. Neue Nachbarschaften wachsen, in denen Menschen aufgehoben sind und einander helfen. Zentraler Bestandteil solchen Engagements ist in der Regel eine basisdemokratische, beteiligungsorientierte Entscheidungsstruktur. Darin liegt durchaus eine Herausforderung f\u00fcr die Kirche, die zugleich viel einzubringen hat \u2013 an \u00f6ffentlichem Raum, Infrastruktur und freiwillig Engagierten.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h3><strong>4. Trennungen \u00fcberwinden \u2013 Chancen und Herausforderungen f\u00fcr Kirche und Diakonie<\/strong><\/h3>\n<p>Was sich in Kommunen und Quartieren abzeichnet, das zeigt sich auch in den Kirchengemeinden: Die zunehmende Spreizung der Einkommen, die wachsenden sozialen Unterschiede zwischen Erwerbst\u00e4tigen und Hilfebeziehern, zwischen Bildungsgewinner und Bildungsverlierer, zwischen denen, die Kinder erziehen und Alte pflegen, und denen, die sich ganz auf Erwerbsarbeit konzentrieren; die Parallelgesellschaften zwischen unterschiedlichen ethnischen Gruppen, zwischen Migranten und Autochthonen \u2013 ein solches buntes Bild ist eigentlich selbstverst\u00e4ndlich in einer Kirche, deren Haupt-Rechtsstruktur nach wie vor die Parochie ist \u2013 also die religi\u00f6se und diakonische Versorgung wie die Stiftung von Gemeinschaft an einem Ort.<\/p>\n<p>Nicht immer sind sich die Engagierten und Verantwortungstr\u00e4ger bewusst, dass sie selbst Teil des sozialen Wandels sind. Und sie halten fest an ihren traditionellen Formen und ihrer hergebrachten Klientel. Viele andere dagegen f\u00fchlen sich nicht angesprochen: Die Zahl der Arbeitslosen und Geringverdiener, der Alleinerziehenden, der Menschen mit Behinderung oder Demenzerkrankung in Gottesdienst und Gruppengemeinde ist gering \u2013 viele Betroffene haben das Gef\u00fchl, dort ohnehin nicht verstanden zu werden; sie sp\u00fcren, dass die \u00e4u\u00dferen und vor allem die mentalen Schwellen viel zu hoch sind. Andere haben keinen Kontakt zur Gemeinde, weil sie l\u00e4ngst in einem komplett anderen Wochenrhythmus leben, als ihn die kirchlichen Gruppen- und Angebotsstrukturen vorsehen. Wieder andere f\u00fchlen sich in der Ortsgemeinde schlicht nicht zu Hause \u2013 nicht nur, weil das Milieu nicht passt, sondern weil ihr Seelenort nach wie vor anderswo liegt. In den EKD-Denkschriften und -Orientierungshilfen der letzten Jahre von \u201eGerechte Teilhabe\u201c \u00fcber die Orientierungshilfe zur Familienpolitik bis zur Inklusionsschrift ging es immer wieder um die Frage, wie es gelingen kann, die Schranken zu \u00fcberwinden, die letztlich dazu gef\u00fchrt haben, dass der \u00f6ffentliche und gesellschaftliche Horizont von Kirchengemeinden enger wurde. Es dominiert dort ein Mittelschichtsmilieu, das sich im Bildungsniveau, Lebensstil und im ganzen Verhalten deutlich gegen andere Milieus abgrenzt. Dazu hei\u00dft es in der EKD-Denkschrift \u201eGerechte Teilhabe\u201c: \u201eAus der Sicht der von unzureichenden Teilhabem\u00f6glichkeiten betroffenen Menschen z\u00e4hlen die Kirchen, gemeinsam mit anderen Einrichtungen, in der Regel zu denen, die eher \u201aoben\u2018 angesiedelt sind und mit denen man zwar unter bestimmten Bedingungen etwas zu tun hat, zu denen man aber nicht geh\u00f6rt und in denen man sich deshalb auch nicht bet\u00e4tigt. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr diese mangelnde Beteiligung liegen in erheblichen emotionalen, kulturellen und sozialen Distanzen.\u201c<\/p>\n<p>Teilweise wird der Wandel der Bev\u00f6lkerungsstruktur in den Gemeinden von den Akteuren durchaus wahrgenommen. Die Antworten darauf sind jedoch nicht immer geeignet, Gemeinschaft und damit vielleicht auch Heimat zu stiften. In einem Aufsatz \u00fcber Milieus und Kirchenreform<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> hat Franz Grubauer neulich beklagt, dass die weit verbreitete Analyse von Gemeindegruppen anhand der Sinus-Milieustudien dazu verf\u00fchrt, zielgruppengerechte Angebote zu schaffen, als sei die Kirche ein Unternehmen oder ein Club. Er schreibt: \u201eDie Logik des Marktes beteiligt sich beabsichtigt oder unbeabsichtigt an der kulturellen und \u00e4sthetischen und schlie\u00dflich sozialen Ausdifferenzierung und damit auch an der sich versch\u00e4rfenden Spaltung der Gesellschaft. Die Milieuforschung selbst beschreibt ja diese Spaltung [&#8230;].\u201c Angesichts \u201ewachsende[r] Wohlstandspolarisierung, prek\u00e4re[r] Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse, Erosion der klassischen Familienverh\u00e4ltnisse und biographische[r] Br\u00fcche\u201c sei aber die gezielte Ansprache der einzelnen Gruppen die falsche Strategie: \u201eDie theologische Orientierung der Kirche (dagegen) lautet: Zusammenhalt und Integration f\u00f6rdern, Grenzen und Schranken durch die Botschaft \u00fcberwinden.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr die tats\u00e4chliche Situation unserer Kirchengemeinden spielt die <strong>historische Trennung von verfasster Kirche und Diakonie <\/strong>in Deutschland eine entscheidende Rolle. Auch wenn die Aufbr\u00fcche der Inneren Mission im 19. Jahrhundert vom Quartier ausgingen und ins Quartier zur\u00fcckf\u00fchrten \u2013 mit Wicherns Utopie eines neuen Wohnquartiers in Hamburg-St. Georg oder mit Fliedners Gemeindeschwestern \u2013 die Entwicklung des Sozial- und Wohlfahrtsstaats f\u00fchrte \u00fcber die Anstaltsdiakonie zur fallbezogenen Dienstleistung und ist grundiert von der Exkludierung und besonderen Behandlung der jeweils anderen, denen die Gesunden und Gesicherten mit Barmherzigkeit begegnen. Die Trennung von Kirche und Diakonie spiegelt sich deshalb in der Trennung der Klientel \u2013 und zwar auch dann, wenn alle Betroffenen Kirchenmitglieder sind. Die Klienten diakonischer Beratungsangebote und Dienstleistungen sind oft gerade die, die in der Gruppengemeinde vor Ort fehlen \u2013 weil sie das Gef\u00fchl haben, nicht der Norm zu entsprechen. Die niedrige Taufquote Alleinerziehender ist daf\u00fcr nur ein Beispiel.<\/p>\n<p>Theologisch allerdings ist es umgekehrt: \u201eOhne die uneingeschr\u00e4nkte Integration von Menschen [\u2026] mit Behinderungen [\u2026] kann die Kirche nicht f\u00fcr sich in Anspruch nehmen, Leib Christi zu sein\u201c, hei\u00dft es in \u201eKirche aller\u201c, einer Erkl\u00e4rung des Zentralausschusses des \u00f6kumenischen Rates von 2003. Und weiter: \u201e[\u2026] ohne die Erkenntnisse derer, die [\u2026] mit Behinderung [leben,] werden die tiefsten, ureigensten Elemente der christlichen Theologie verf\u00e4lscht oder verloren gehen.\u201c Dazu geh\u00f6ren die Erfahrungen der Verwundung und Verletzung, von Angewiesenheit und Freundschaft, Kreuz und Auferstehung. Die Erkl\u00e4rung wurde von einer Gruppe mit behinderten Menschen und ihren Betreuern geschrieben. Einige S\u00e4tze darin haben mich besonders beeindruckt: \u201eMenschen mit Behinderungen wissen, was es bedeutet, dass sich das Leben unerwartet von Grund auf ver\u00e4ndern kann. [\u2026] Wir sind Gott in jener leeren Dunkelheit begegnet, in der uns bewusst wurde, dass wir \u201adie Kontrolle\u2018 \u00fcber uns verloren haben, und wir haben gelernt, auf Gottes Gegenwart und F\u00fcrsorge zu vertrauen. [\u2026] Wir haben gelernt, Neuland zu gewinnen und einen neuen Weg f\u00fcr unser Leben zu finden, der uns noch nicht vertraut ist.\u201c<\/p>\n<p>Die Bibel hilft uns, einander als Gleiche wahrzunehmen, indem sie die Gottesebenbildlichkeit <em>jedes<\/em> Menschen betont, und das hei\u00dft auch und gerade von denen zu lernen, die in pers\u00f6nlichen und gesellschaftlichen Krisen die verdr\u00e4ngte Seite unseres Menschseins offenbar werden lassen \u2013 unsere Verwundbarkeit und Endlichkeit, unser Angewiesensein auf Freundschaft und wechselseitige Hilfe. Der Autor Ulrich Bach, der nach einer schweren Polioerkrankung zeitlebens auf den Rollstuhl angewiesen war, schrieb einmal \u00fcber ein Treffen von Behinderten und Nichtbehinderten: \u201e[\u2026] nicht als Behinderte und Nichtbehinderte sind wir beisammen, sondern als Gemeinde des dreieinigen Gottes. Fragt nicht in erster Linie, was ihr k\u00f6nnt oder nicht k\u00f6nnt. H\u00f6rt, was Gott euch sein l\u00e4sst.\u201c Die US-amerikanische Philosophin Martha Nussbaum hat herausgearbeitet, dass es ein wesentlicher Aspekt der W\u00fcrde eines Menschen ist, etwas beitragen zu k\u00f6nnen.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Neben der Wiederentdeckung der Vielfalt der bunten Gemeinde Gottes \u2013 auch das ein Bild von Ulrich Bach \u2013 geht es im Quartier zentral um Gastfreundschaft, Beteiligung und N\u00e4chstenliebe als gute Nachbarschaft. \u201eKommt alle zu mir, die ihr m\u00fchselig und beladen seid\u201c, sagt Jesus (Mt 11,28). Die Bibel ist voller Einladungen. Und die N\u00e4chstenliebe \u00fcberschreitet Grenzen \u2013 zwischen Etablierten und Au\u00dfenseitern, zwischen Autochthonen und Zugewanderten, zwischen denen, die in den Arbeitsmarkt integriert sind, und denen, die keine Chance haben. Grenzen zwischen M\u00e4nnern und Frauen, die voll in ihrem Job aufgehen, und denen, die Kinder oder Pflegebed\u00fcrftige zu versorgen haben, Grenzen zwischen Steuerb\u00fcrgern und Transferempf\u00e4ngern. Dabei ist es wichtig, dass wir die N\u00e4chstenliebe nicht missverstehen als ein Gutmenschentum, mit dem man einer wahrgenommenen sozialen Verantwortung nachkommt, sich aber letztlich \u00fcber den anderen erhebt. \u201eWohlt\u00e4tigkeit ist das Ers\u00e4ufen des Rechts im Mistloch der Gnade\u201c, soll Pestalozzi einmal gesagt haben. N\u00e4chstenliebe, Gastfreundschaft und die Anerkennung des anderen als Ebenbild Gottes leben dagegen von Respekt und Solidarit\u00e4t.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>5. Gemeinden als Caring Communities <\/strong><\/h3>\n<p>Schon die ersten Kapitel der Apostelgeschichte erz\u00e4hlen davon, wie die Gemeinde Schranken \u00fcberwindet: Bald geh\u00f6ren Sklaven und Frauen dazu, Armut ist kein Hindernis am Tisch des Herrn und Menschen mit Behinderung werden genauso einbezogen wie Migrantinnen und Migranten. Ein solches Miteinander, auch das erz\u00e4hlt die Bibel, muss aber auch immer neu erstritten werden: Wie heute gab es Spannungen zwischen Einheimischen und Migranten, zwischen den j\u00fcdischen Christen aus Jerusalem und denen, die aus der Fremde gekommen waren. Die einen sprachen hebr\u00e4isch, die anderen griechisch. Diese Griechinnen und Griechen geh\u00f6rten zur gleichen Gemeinde, aber so ganz geh\u00f6rten sie doch nicht dazu. Auf beiden Seiten gab es Arme, aber auch hier, wie so oft, eine Hackordnung. Am schlechtesten geht es damals den griechischen Witwen. Frauen ohne Einkommen. Frauen, die einst eine ganze Familie versorgt haben, sich selbst jetzt aber nicht versorgen k\u00f6nnen. Migrantinnen zudem. Sie sitzen ganz unten an der Tafel, sie m\u00fcssen von dem leben, was dort ankommt. Aber kaum einer schaut hin. Die Armut dieser Frauen bleibt unsichtbar.<\/p>\n<p>Damals aber kommt Bewegung in die Geschichte. Denn die griechischen M\u00e4nner empfinden die Ungerechtigkeit. Sie beklagen sich und ihr \u00c4rger trifft auf offene Ohren. Endlich wird in der Gemeindeleitung \u00fcberlegt, was geschehen muss, damit diesen Frauen Gerechtigkeit widerf\u00e4hrt. Die Benachteiligten brauchen Anw\u00e4lte, die ihre Sache in die Hand nehmen. Und die Gemeinde braucht Diakone, Leute, die sich einf\u00fchlen k\u00f6nnen und f\u00fcr die Armen eintreten. Dass die griechischen M\u00e4nner die Versorgung der Witwen zu ihrer Sache gemacht haben, war ein entscheidender Schritt. Jetzt werden sieben von ihnen als Diakone berufen. Die Apostelgeschichte erz\u00e4hlt, welche Kr\u00e4fte frei werden, wenn Menschen bereit sind, f\u00fcr andere einzutreten, wenn Menschen, die am Rande stehen, integriert werden. Die griechischen Diakone werden Teil der Gemeindeleitung und sie beginnen, das Evangelium in ihrer eigenen Sprache zu predigen. Zugeh\u00f6rigkeit macht stark. Und sie ist, wie Martha Nussbaum analysiert, ein wesentlicher Faktor, der es uns erm\u00f6glicht, f\u00fcr uns selbst einzutreten und uns einzubringen.<\/p>\n<p>In der Zusammenarbeit von Kirche und Diakonie liegt ein gro\u00dfes Potenzial, die quartiersbezogene Entwicklung in den Feldern Familie, Pflege, Armut oder Zuwanderung wirklich zu unterst\u00fctzen. Diakonie kann erg\u00e4nzen, was Kirchengemeinden oft fehlt: Sie bietet professionelle Dienstleistungen, gr\u00f6\u00dfere Freiheitsspielr\u00e4ume, Unternehmensgeist zur Projektentwicklung, politisches Know-how. Das Gelingen von Gemeinwesendiakonieprojekten h\u00e4ngt davon ab, beides zusammenzubringen \u2013 Lebensweltorientierung und Professionalit\u00e4t, Sozialraum und Dienstleistung, aber auch: Orientierung an denen, die in die Gemeinde kommen, und denen, die das besondere Engagement der Kirche brauchen. Dass Kirche und Diakonie unterschiedliche Perspektiven, Sprachen, Kulturen haben, ist eine ungeheure Chance. Auch hier kommt es darauf an, Verschiedenheit wahrzunehmen und wertzusch\u00e4tzen. Dabei geht es auch um die gesellschaftliche Anschlussf\u00e4higkeit von Kirchengemeinden. So besch\u00e4ftigen sich zum Beispiel die Alterskommission der Bundesregierung unter Leitung von Andreas Kruse sowie die Ehrenamtskommission unter Vorsitz von Thomas Klie zurzeit mit der Entwicklung Caring Communities \u2013 und in beiden sind die Kirchen nicht vertreten. Sie gelten nicht als innovativ.<\/p>\n<p>Manchmal m\u00fcssen wir uns durchaus selbst in Erinnerung rufen, welches Sozialkapital Gemeinden mitbringen \u2013 an Kontakten, Netzwerken und Beziehungen, an symbolischen Orten, an gemeinsamer Geschichte mit Stadt und Quartier. Versuchen wir einmal die Gemeindewirklichkeit mit dem Blick eines Fremden anzusehen: Fast an jedem Ort gibt es Kirchen und Gemeindeh\u00e4user. Nur noch die Sparkassen sind besser vertreten. Gemeindeh\u00e4user aber sind \u00f6ffentliche R\u00e4ume mit ungeheuren M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Begegnungen, Basare, Caf\u00e9s und B\u00fcros, aber auch f\u00fcr Vermietungen. Gemeinden nehmen Fl\u00fcchtlinge auf und bieten Kirchenasyl, bieten Mittagstische, an denen gemeinsam gekocht wird, bauen die Kirchen im Winter zu Winterspielpl\u00e4tzen um. Kirche hat Begegnungsr\u00e4ume fast in jedem Wohnquartier \u2013 oft sind es die letzten \u00f6ffentlichen Orte, die zug\u00e4nglich sind, ohne Eintrittsgeld zu bezahlen. Sie zu \u00f6ffnen, damit viele sich einbringen k\u00f6nnen, ist ein wesentlicher Schritt. Wo wir sie nicht mehr brauchen und nicht mehr tragen k\u00f6nnen, kann es richtig sein, einen Verein mit anderen zu gr\u00fcnden, wie es bei Kirche findet Stadt hier und da geschehen ist. Wir m\u00fcssen nicht mehr immer Gastgeber sein \u2013 wir k\u00f6nnen, um im Bild zu bleiben, auch als Servicekr\u00e4fte mithelfen, damit das Leben gelingt.<\/p>\n<p>Christen und Kirchen w\u00e4ren besonders stark darin, kleine Netze im Stadtteil zu kn\u00fcpfen, Heimat zu schaffen und Benachteiligte einzubinden, f\u00fchrte einmal ein Artikel im britischen \u201eGuardian\u201c aus. Der Redakteur hatte das Sozialkapital, das die Kirchen f\u00fcr die Gesellschaft bereitstellen, sogar umgerechnet in Pfund. Und er kam zu dem Schluss, dass diese Leistung in Deutschland anerkannt w\u00fcrde \u2013 mit der Kirchensteuer n\u00e4mlich. Ich f\u00fcrchte allerdings, hierzulande war vielen lange nicht mehr bewusst, dass Kirchensteuer auch dazu dienen sollte, Netze im Stadtteil zu kn\u00fcpfen und Menschen Heimat zu bieten. Gemeinden seien Agenturen f\u00fcr Gemeinschaft, schreibt auch Rosemarie Henel, die als AWO-Mitarbeiterin beim Thema Inklusion mit einer Kirchengemeinde zusammenarbeitet, sie seien ein \u201eCircle of support\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>6. Gemeinschaft (er)leben \u2013 Gemeinschaft organisieren<\/strong><\/h3>\n<p>Die Gro\u00dfeltern, deren Enkel an anderen Orten wohnen, die gemischtkonfessionellen Familien, die Sportvereine, die sich f\u00fcr Migranten ge\u00f6ffnet haben, die Elternvertreter in den Inklusionsklassen \u2013 sie alle leben im Quartier und sind schon l\u00e4ngst daran interessiert, Trennungen zu \u00fcberwinden und Gemeinschaft zu gestalten. Angesichts schrumpfender \u00f6ffentlicher Etats wird ihr ehrenamtliches Engagement zu einer entscheidenden Ressource des Sozialstaats. Manche f\u00fcrchten nicht zu Unrecht, dass Engagierte zum billigen Jakob werden. Es mutet merkw\u00fcrdig an, wenn im Kontext der Einf\u00fchrung des Mindestlohns immer wieder betont wurde, dass die 8,50 Euro nicht f\u00fcr Ehrenamtliche gelten \u2013 aber tats\u00e4chlich gibt es l\u00e4ngst eine Grauzone zwischen dem klassischen Ehrenamt und prek\u00e4ren Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen mit \u00dcbungsleiterpauschale, B\u00fcrgerarbeit und Minijobs. Langzeitarbeitslose und Rentnerinnen mit kleinen Renten geh\u00f6ren zu denen, die es sich nicht leisten k\u00f6nnen, nur f\u00fcr Ehre und Anerkennung zu arbeiten. Studien, die analysieren, aus welchen Schichten und Milieus die meisten Engagierten kommen, zeigen deutlich: Sie sind nicht nur gut ausgebildet, sondern k\u00f6nnen sich auch auf Familie und Freundeskreis verlassen. Im Blick auf Quartier und Nachbarschaft spielen die sogenannten \u201ejungen Alten\u201c eine besondere Rolle. Sie sind h\u00e4ufig lange am Ort, sozial und oft auch politisch engagiert, bringen breite Lebenserfahrungen und soziale Netze ein und sind damit Teil einer neuen, generationen\u00fcbergreifenden und gemeinwohlorientierten Bewegung. Engagierte zwischen sechzig und 69 tragen viele neue Projekte vom Mentoring \u00fcber die Tafeln bis zu den Wohngemeinschaften. Diese Power-Ager geh\u00f6ren zu den st\u00e4rksten Potenzialen der Kirche.<\/p>\n<p>Gleichwohl gilt das Matth\u00e4usprinzip: Wer hat, kann weitergeben. Wer aber wenig an Ressourcen mitbekommen hat, der findet oft den Einstieg nicht. Was k\u00f6nnen Kirchengemeinden tun, um auch diejenigen zum Engagement einzuladen, die sich bisher als Hilfeempf\u00e4nger verstanden haben? Menschen mit Behinderung zum Beispiel, Fl\u00fcchtlinge, oder auch Arbeitslose? Was ist n\u00f6tig, um Menschen im Dritten Lebensalter bei ihren eigenen Konzepten zu unterst\u00fctzen? Wie k\u00f6nnen wir ernst machen mit der Gemeinde von Schwestern und Br\u00fcdern, in der die verschiedenen \u00c4mter der Kirche keine Hierarchie bilden? Diese Zielbestimmung aus der Theologischen Erkl\u00e4rung von Barmen 1934, wird nicht nur im Ehrenamtsgesetz der rheinischen Kirche zitiert \u2013 sie bleibt eine Zielsetzung f\u00fcr die Kirche der Zukunft.<\/p>\n<p>Dazu muss die Kirche sich neu entdecken: als Plattform f\u00fcr Teilhabeprozesse, als Lebensmittelpunkt, als Erm\u00f6glicherin, als Herberge auf dem Weg. Gemeindeh\u00e4user, die wieder zu Stadtteilzentren werden, Diakoniel\u00e4den in Brennpunktquartieren, Caf\u00e9s in Familienzentren machen sichtbar, wohin die Reise geht. Es m\u00fcssen nicht die eigenen R\u00e4ume sein, die wir nutzen. Wo ein Gemeindehaus oder eine Kirche umgebaut werden muss, l\u00e4sst sich entdecken, was alles im Stadtteil m\u00f6glich ist: Gottesdienste in der Scheune oder in der Sporthalle, Konfirmandenarbeit im Altenzentrum, Arbeitsgruppen im Rathaus, Elternabende beim Griechen \u2013 manche Gemeinde hat sich mit diesem Wandern durch die s\u00e4kularen Orte den Stadtteil neu erschlossen, hat Fenster und T\u00fcren nach au\u00dfen ge\u00f6ffnet. Wo das gelingt, werden vielleicht auch die Pl\u00e4tze neu zu uns sprechen, in die die Geschichte einer Gemeinde eingeschrieben ist: der Platz, wo die alte Synagoge stand, das Haus, wo die j\u00fcdische Familie wohnte, die stillgelegte Fabrik, die Friedenseiche mit dem Gedenkstein. Oft ist die Kirche an diesen Geschichten beteiligt, die die Seele des Ortes zum Klingen bringen. Und wir wissen nur zu gut, dass Ver\u00e4nderung und Neuorientierung nur m\u00f6glich sind, wenn wir die erreichen. Community Organising zeigt, wie es geht: Zuh\u00f6ren und Raum f\u00fcr Selbstorganisation geben \u2013 tats\u00e4chlichen und ideellen Raum: Ehrenamtliche f\u00f6rdern, Projekte professionell unterst\u00fctzen und auch Mittel zur Verf\u00fcgung stellen. Dabei kann es durchaus darum gehen, Projekte zu f\u00f6rdern, deren Mittelpunkt nicht die Kirche ist \u2013 sondern vielleicht ein Familienzentrum, eine Schule oder auch ganz einfach eine Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke so wie in Saarbr\u00fccken. Da wurde das B\u00fcrgerengagement gegen den Abriss einer Fu\u00dfg\u00e4ngerzone zum Kristallisationspunkt des Quartiers.<\/p>\n<p>\u201eWas sollen wir denn noch alles tun?!\u201c, fragen manche, wenn es um neue Projekte geht \u2013 gleich ob Gemeinwesendiakonie oder Inklusion, Familienzentren oder generationengerechtes Arbeiten. Aus meiner Sicht geht es aber nicht darum, mehr zu tun oder verschiedene Felder, Milieus und Zielgruppen zus\u00e4tzlich abzudecken, es geht um die Entwicklung eines neuen, quartiersbezogenen und inklusiven Selbstverst\u00e4ndnisses. Es geht darum, die ambulanten Dienste und Wohngemeinschaften der sozialen Tr\u00e4ger neu wahrzunehmen. Neben den Wohngruppen der Jugendhilfe und den Wohngemeinschaften f\u00fcr Demenzkranke die vielen Alters-WGs und Familien-Nachbarschaften, die selbstbestimmt entstehen. Den Ort wahrzunehmen und den Raum, die soziologische Situation der Gemeinde, aber auch ihre Mythen, Geschichten, ihre Stimmungslage wahrzunehmen. Das Gef\u00fchl der \u00dcberlastung werden wir nur abbauen, wenn wir auf die Bewegung achten und die Kompetenzen in den einzelnen Feldern gut verteilen. Das gelingt nicht in jeder Gemeinde, aber es ist m\u00f6glich auf der mittleren Ebene. Die St\u00e4rkung der Kirchenkreisebene ist ein Anliegen aller Reformprozesse der letzten zehn Jahre. Vor allem die Gemeinwesenarbeit ist auf eine strategische Vernetzung mit Diakonie und Bildungsarbeit auf der mittleren Ebene angewiesen.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h3><strong>7. Gastfreundschaft leben \u2013 in der Hoffnung auf Gottes neue Stadt<\/strong><\/h3>\n<p>Das Altbew\u00e4hrte ist br\u00fcchig geworden, Institutionen erodieren, das Verh\u00e4ltnis von Markt, Staat und Zivilgesellschaft ver\u00e4ndert sich \u2013 aber in den Rissen und Br\u00fcchen w\u00e4chst Neues heran. Was f\u00fcr die gesamte Gesellschaft gilt, das gilt auch f\u00fcr die Kirche. Es geht darum, R\u00e4ume zu schaffen, in denen Resonanzerfahrungen m\u00f6glich sind. Kooperationen zu organisieren, an denen sich die Bewohner, Nutzer, Hilfeempf\u00e4nger, Gemeindeglieder als B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger beteiligen k\u00f6nnen. Orte entstehen zu lassen, an denen jeder gefragt und mit seinen Gaben gebraucht wird. Damit das gelingt, muss man wahrnehmen, wo der Schuh dr\u00fcckt, am besten miteinander leben. Kirchengemeinden sind dazu pr\u00e4destiniert. Eine gro\u00dfe Zahl an erfolgreichen Projekten ganz unterschiedlicher Gr\u00f6\u00dfenordnung zeigt, was es bedeutet, Gelegenheiten aufzugreifen und etwas in Bewegung zu setzen. Ein Blick auf die Website von \u201eKirche findet Stadt\u201c gen\u00fcgt.<\/p>\n<p>Die Kirche geh\u00f6rt zum Quartier: mit ihren Geb\u00e4uden, mit ihren Kl\u00e4ngen, aber eben auch mit ihren Menschen und mit deren Hoffnungen und Tr\u00e4umen und ihrem Einsatz f\u00fcr eine gerechte Welt. Dieses Kapital ist ganz sicher noch wichtiger als die kirchlichen Immobilien und nat\u00fcrlich auch die Kirchensteuer \u2013 aber alles zusammen bietet gro\u00dfartige Voraussetzungen, um Solidarit\u00e4t zu leben, neue Formen der Gemeinschaftlichkeit <em>f\u00fcr alle<\/em> zu unterst\u00fctzen. Solidarit\u00e4t, sagt Heinz Bude, das sei das Wissen, dass das, was dem anderen passiert, auch mir selbst geschehen kann. Nicht immer muss die Kirche dabei Ziel und Richtung vorgeben, vielmehr k\u00f6nnen Kirche und Diakonie, wie es in den 12 Kriterien zur Gemeinwesendiakonie hei\u00dft, \u201e[j]e nach Situation, nach Ressourcen und Begabungen, nach Kr\u00e4ften und gesellschaftlichen M\u00f6glichkeiten verschiedene Rollen einnehmen. Um es mit dem Bild einer Filmproduktion zu sagen: Sie k\u00f6nnen Produzent, Regisseur, Haupt \u2013 oder Nebendarsteller, manchmal vielleicht auch nur Komparse sein. Wichtig ist, dass sie in ihrer Motivation und ihrem Profil erkennbar bleiben.\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Oder, um es in noch einem anderen Bild zu sagen: Manchmal sind wir Wirt oder Gastgeber und manchmal nur die Bedienung \u2013 aber darauf kommt es nicht an. Entscheidend ist, dass wir Gastfreundschaft \u00fcbern. Und dass wir einander Heimat geben auf dem Weg zur neuen Stadt Gottes, zum ewigen Zuhause, wie Friedrich von Bodelschwingh sagt.<\/p>\n<p>Die neue Stadt Gottes braucht keinen Tempel mehr. In der Mitte stehen keine Geldt\u00fcrme, aber auch keine Kircht\u00fcrme; in der Mitte steht das Lamm mit seinen Verwundungen und dem Siegeszeichen. Hier waren die Opfer nicht umsonst, Tr\u00e4nen werden abgewischt, Schmerzen gestillt, blutige Kleider ausgewaschen, der Lebensdurst wird gel\u00f6scht, das besch\u00e4digte Leben beginnt neu. Wir sehen die V\u00f6lker von Osten und Westen, von Norden und S\u00fcden zu dieser Stadt pilgern, wir sehen sie durch die Tore gehen und durch die Stra\u00dfen wandern \u2013 in dem Licht, das von Gottes Thron ausstrahlt. Vieles von dem, was wir in der Offenbarung \u00fcber das neue Jerusalem lesen, ist die Erf\u00fcllung alter prophetischer Visionen.<\/p>\n<p>Gott wohnt unter den Menschen. Was f\u00fcr eine Verhei\u00dfung! Als die Offenbarung des Johannes geschrieben wurde, da war das alte Jerusalem schon zweimal zerst\u00f6rt wurden und auch der zweite Tempel war gepl\u00fcndert und niedergerissen. Bis in die Gegenwart geh\u00f6rt die Hoffnung auf den Neuaufbau, auf die Vereinigung der geteilten Stadt, ja sogar auf den Wiederaufbau des Tempels zu den Triebkr\u00e4ften der Geschichte und Politik in Israel. Aber sp\u00e4testens nach den furchtbaren Erfahrungen der Kreuzz\u00fcge hat sich in unseren K\u00f6pfen das himmlische vom irdischen Jerusalem getrennt. Wir denken nicht mehr an eine reale Stadt. Allenfalls an die Verhei\u00dfung, die jeder Stadt gilt. So konnte New York zum neuen Jerusalem werden \u2013 genauso wie einst Konstantinopel, Rom oder Aachen. Tats\u00e4chlich geht es aber immer um eine reale Stadt. Es geht darum, dass das Reich Gottes, dass der Himmel sich in unserem irdischen Raum erden will! Auch deswegen tragen Kirchengemeinden Verantwortung f\u00fcr den Raum, f\u00fcr die Stadt. \u201eDas neue Jerusalem ist ein Versprechen, eine Herausforderung und eine Einladung, sich jetzt schon einzulassen auf das Leben in der himmlischen Welt, indem wir Barmherzigkeit leben und der Gerechtigkeit zum Durchbruch verhelfen, und damit daf\u00fcr sorgen, dass unsere irdischen St\u00e4dte etwas vom Glanz der himmlischen spiegeln. Auch wenn wir noch auf den neuen Himmel und die neue Erde warten \u2013 lasst uns anfangen, die neue Stadt zu bauen, die Stadt von Frieden und Gerechtigkeit\u201c, sagte Anthony Pilla, der katholische Bischof von Cleveland, 1993 in einer Rede \u00fcber die Kirche in der Stadt:<\/p>\n<p>Heimat geben auf dem Weg nach dem ewigen Zuhause \u2013 nichts charakterisiert die Rolle der Kirchen besser als dieses Wort von Friedrich von Bodelschwingh. Die Kirchen und auch die Gasth\u00e4user in unseren Heimatorten sind Herzensorte, an denen Einheimische wie Fremde willkommen sind und wenn es gut geht, zu Nachbarn und Freunden werden. Wenn es wahr ist, dass Heimat heute mehr ist als ein Ort; wenn es um Zugeh\u00f6rigkeit geht, um ein Gef\u00fchl der Sicherheit, um vertraute Speisen und Kl\u00e4nge und Ger\u00fcche, dann k\u00f6nnen unsere Nachbarschaften vielen zur Heimat werden. Mit internationalen G\u00e4rten und unterschiedlichen Gerichten, mit Glocken und Muezzinrufen, mit gemeinsamem Lernen und Festen. Entscheidend ist, dass wir leben, was wir sind \u2013 Seelenorte mit unseren Nachbarschaften und Hilfenetzen wie mit unseren Kircht\u00fcrmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx, Lindlar, 18.6.2015<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Heinz Bude, Die Ausgeschlossenen. Das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft, M\u00fcnchen, Hanser, 2008.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung h\u00e4lt fest (ich zitiere): \u201eDie Belastung der Kommunalhaushalte durch Sozialleistungen ist bundesweit unterschiedlich. Am geringsten ist sie in Baden \u2013W\u00fcrttemberg mit durchschnittlich 31 Prozent, am h\u00f6chsten in Nordrhein-Westfalen mit 43 Prozent. Zwischen den einzelnen Kommunen sind die Unterschiede teilweise eklatant: W\u00e4hrend die Stadt Wolfsburg (17 Prozent) und der bayerische Kreis Ha\u00dfberge (18 Prozent) nur einen kleinen Teil ihres Etats f\u00fcr Sozialleistungen aufwenden, machen die Sozialkosten in Duisburg, Wiesbaden, Eisenach und Flensburg mehr als die H\u00e4lfte des st\u00e4dtischen Haushalts aus.\u201c <a href=\"http:\/\/www.bertelsmann-stiftung.de\/de\/themen\/aktuelle-meldungen\/2015\/juni\/sozialausgaben-belasten-haushalte-der-kommunen-mit-bis-zu-58-prozent\/\">http:\/\/www.bertelsmann-stiftung.de\/de\/themen\/aktuelle-meldungen\/2015\/juni\/sozialausgaben-belasten-haushalte-der-kommunen-mit-bis-zu-58-prozent\/<\/a> Vom 8. Juni 2015.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> \u201eZweierlei Logik, Milieus und Kirchenreform: Richtige Analyse, falsche Strategie? Franz Grubauer in \u201eZeitzeichen\u201c 2\/ 2012.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Martha C. Nussbaum, Die Grenzen der Gerechtigkeit, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 2010. Von ihr k\u00f6nnen wir auch lernen, was die Bedingungen hierf\u00fcr sind, n\u00e4mlich die F\u00e4higkeit, das eigene Denken, eine eigene Lebensperspektive zu entwickeln. Alle Menschen brauchen Angebote zur Bildung und Ausbildung, um sie zu entwickeln. Genauso ist die F\u00e4higkeit, sich selbst zu versorgen, auf die eigene Gesundheit zu achten, f\u00fcr die eigene Wohnung zu sorgen. Es geh\u00f6rt zum Menschsein, Bindungen aufzubauen, zu Menschen und zu Dingen \u2013 zu lieben, zu trauern, Dankbarkeit und Zorn zu empfinden, sich zugeh\u00f6rig zu f\u00fchlen. Das alles brauchen wir, um Selbstachtung zu empfinden.<\/h5>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\"><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. \u00a0\u201eWo das Herz wohnt\u201c \u201eHeimat\u201c ist das Gef\u00fchl des Monats in der Zeitschrift vital. Kaum ein anderer Begriff hat&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=892\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":564,"menu_order":98,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-892","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/892"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=892"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/892\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":893,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/892\/revisions\/893"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/564"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=892"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}