{"id":848,"date":"2015-06-04T16:14:33","date_gmt":"2015-06-04T16:14:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=848"},"modified":"2016-02-04T19:55:11","modified_gmt":"2016-02-04T19:55:11","slug":"gott-schickt-nicht-in-rente","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=848","title":{"rendered":"Gott schickt nicht in Rente"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Von wo aus: Ich kann hier auch von mir selbst reden \u2026<\/strong><\/p>\n<p>Selten habe ich mit Briefen zu einem neuen Lebensabschnitt so viele spannende R\u00fcckmeldungen bekommen wie zuletzt, als ich vom EKD-Kirchenamt in die Freiberuflichkeit wechselte. Die Briefe wechselten sehr h\u00e4ufig von der Antwort auf meine Nachricht zu den Anliegen der Schreibenden \u2013 und nicht selten zum Allgemeinen. Selbst\u00e4ndig, au\u00dfer Dienst in der EKD oder eben doch \u201ei. R.\u201c? Von Pfarrern in Unruhe haben ich in diesen Briefen gelesen, von ganz au\u00dfergew\u00f6hnlichen Projekten, die dann angepackt werden \u2013 aber auch davon, dass Zeit ist, endlich die Freiheit zu genie\u00dfen. Immer wieder wird aber auch die Frage gestellt, ob man denn nicht heute einfach mal alt sein d\u00fcrfe, lesen und Orgel spielen und das Leben feiern. Der Schritt aus dem Dienst, der Eintritt in die Rente oder auch in einen anderen Lebensabschnitt, ruft ganz offenbar die unterschiedlichsten Altersbilder in uns wach. Dabei scheint ja durch das Rentensystem erst mal alles so klar und eindeutig geregelt zu sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Zur Situation: Der gesellschaftliche Umgang mit dem Alter oder Wie klar sind eigentlich die Rollen?<\/strong><\/p>\n<p>In einer Ausstellung \u00fcber die sozialen Sicherungssyteme, die ich k\u00fcrzlich gesehen habe, fand ich dazu Folgendes: \u201eDie soziale Absicherung soll bewirken, dass wir keine Angst vor dem Alter, vor Verarmung und Pflegebed\u00fcrftigkeit haben m\u00fcssen. Solange wir gesund und fit sind, k\u00f6nnen wir im Alter noch viel Positives erleben und auch noch viel tun; f\u00fcr unsere Familie, f\u00fcr unser Umfeld, die Gemeinschaft. Irgendwann werden wir von Gebenden zu Nehmenden. Das ist f\u00fcr viele nicht leicht. In einer solidarischen Gesellschaft k\u00f6nnen wir uns darauf verlassen, dass f\u00fcr unser Alter gesorgt ist.\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Einen Augenblick habe ich \u00fcberlegt, ob ich den Ausstellungsmacherinnen schreibe \u2013 immerhin hatte ich sie am Vorabend kennen und sch\u00e4tzen gelernt \u2013, denn es gibt hier einen Satz, der mich erheblich \u00e4rgert. Aber dann fiel mir ein, dass ich diesen \u00c4rger heute produktiv machen kann (in mein Manuskript habe ich hier so ein Smiley gemalt, wie es die jungen, aber eben auch die alten Leute heute oft in ihren Texten verwenden ;-)). Der Satz, der mich irritiert hat, hei\u00dft: \u201eIrgendwann werden wir von Gebenden zu Nehmenden.\u201c Hier wei\u00df ich aus pers\u00f6nlichem Erleben genauso gut wie aus soziologischen Studien: Diese Erfahrung ist doch nicht dem Alter vorbehalten! Der Satz zeichnet erneut das Bild einer Erwerbsgesellschaft, die das Geben den Starken und Fitten, eben den Erwerbsf\u00e4higen vorbeh\u00e4lt \u2013 und das Nehmen entsprechend den Kindern, Kranken und Alten. Ich bin sicher, auch Sie wissen, dass Sie, wenn Sie jung sind, nicht nur geben, sondern auch oft nehmen \u2013 das Gl\u00fcck, das Ihnen Ihre Kinder geben, aber auch die Unterst\u00fctzung, die Ihnen \u00c4ltere, Ihre Eltern vielleicht oder auch andere, schenken. Als \u00c4ltere wissen Sie, welchen Beitrag Sie leisten, in der Familie oft v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich und kaum thematisiert, h\u00e4ufig auch im Freundeskreis, in der Gemeinde oder in anderen Zusammenh\u00e4ngen, ganz egal, wie fit Sie sich f\u00fchlen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Grundthese: Demografischer Wandel als gesellschaftliche und zugleich jeweils individuelle Herausforderung \u2013 und Chance!<\/strong><\/p>\n<p>Merkw\u00fcrdig, was die Debatten um den Renteneintrittsalter alles ausl\u00f6sen, nicht wahr? Dabei geht es entscheidend um unser Bild vom Altern. Statistisch gesehen haben wir in den letzten hundert Jahren 10 gesunde Jahre dazu gewonnen. Das hat Konsequenzen f\u00fcr die Gestaltung unseres pers\u00f6nlichen Lebens, aber auch f\u00fcr die Sicherungssysteme und unsere Vorstellung vom Arbeiten. Schon ist mit Blick auf die 68er-Generation, die jetzt in Rente geht, von Power-Agern die Rede. Und die Vorstellung, die n\u00e4chsten zwanzig Jahre mit Freizeitgestaltung zu verbringen, finde ich nicht nur pers\u00f6nlich schwierig \u2013 sie ist auch gesellschaftspolitisch fragw\u00fcrdig. Und, das l\u00e4sst sich nicht allein mit der Rentenmathematik fassen. Denn genau hier, bei den Menschen in der Dritten Lebensphase, schlummern enorme zivilgesellschaftliche Potentiale.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Eine neue-alte Perspektive aus der Bibel heraus <\/strong><\/p>\n<p>\u201eGott schickt nicht in Rente\u201c hei\u00dft der Titel meines kleinen Impulses \u2013 und das ist in vielfacher Hinsicht wahr. Zun\u00e4chst einmal ganz banal: So sehr wir stolz sein k\u00f6nnen auf die solidarische Rentenversicherung \u2013 historisch ist sie sehr jung. In der Bibel spielt lediglich die Aufforderung eine Rolle, die alt gewordenen Eltern zu ehren und zu versorgen. Sie erinnern sich an das Elterngebot, das ja nicht f\u00fcr Kinder geschrieben wurde. Entsprechend viele Texte besch\u00e4ftigen sich mit der Frage, wer die Witwen versorgt, wenn die Familien dazu nicht in der Lage sind. Zugleich wei\u00df Jesus gerade den Beitrag der Witwen zum Gemeinwohl zu w\u00fcrdigen, beispielsweise in der Geschichte vom Beitrag einer Witwe f\u00fcr die Armenkasse \u2013 \u201eScherflein\u201c hei\u00dft das in der Luther\u00fcbersetzung, und damit ist auszurechnen, wie wenig oder wie viel diese arme Witwe zum Ganzen beitrug, eine winzige Summe, aber doch das, was sie hatte \u2013 und Jesus unterstreicht, dass es diese Gabe ist, der Akt des Gebens, auf den es ankommt. In jeder Situation ist es eine M\u00f6glichkeit, ein Bed\u00fcrfnis und eine Freude, Gebende zu sein \u2013 auch wenn wir auf andere angewiesen sind.<\/p>\n<p>Ganz selbstverst\u00e4ndlich nehmen die Alten in biblischer Zeit intensiv teil am Leben der Gemeinschaft. Als Maria und Josef ihren erstgeborenen Sohn zur Beschneidung in den Tempel bringen, begegnen sie Hannah und Simeon. Einer alt gewordenen, kinderlosen Frau und einem Propheten, der damit leben muss, dass seine K\u00e4mpfe umsonst gewesen waren, dass seine Hoffnungen sich nicht erf\u00fcllt haben. Nicht Armut und auch nicht Pflegebed\u00fcrftigkeit ist hier das Thema, sondern die Frage nach Lebensentt\u00e4uschungen und Lebenssinn. Simeon sieht das Jesuskind und findet in ihm, wonach er Ausschau gehalten hat: ein Hoffnungszeichen. Er nimmt Marias Sohn auf den Arm wie ein eigenes, lang erwartetes Kind und ich sehe vor mir das Bild von Rembrandt, in dem das Licht von diesem Kind ausstrahlt. \u201eJetzt also kann ich in Frieden gehen\u201c, sagt Simeon, \u201edenn ich habe den Erl\u00f6ser gesehen \u2013 mit meinen eigenen Augen.\u201c Alt und lebenssatt zu sterben wie Simeon oder Abraham, der noch sp\u00e4t aufbrach ins Land der Verhei\u00dfung und mit seiner Frau Sara auch zu den sp\u00e4ten Eltern geh\u00f6rte, das w\u00fcnschen sich viele. Aber das andere ist genauso wichtig: Es gibt auch in der Bibel diese alten Menschen, die von Gottes Geistkraft erf\u00fcllt sind, die noch Tr\u00e4ume haben.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Nicht nur f\u00fcr sich selbst \u2013 sondern eben auch f\u00fcr diese Welt!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Feststellung 1: Nehmen und Geben bei den heutigen Alten <\/strong><\/p>\n<p>Anteil zu nehmen am Leben der J\u00fcngeren und etwas weiterzugeben, das ist f\u00fcr die allermeisten alten und auch sehr alten Menschen ein zentraler Lebensinhalt. Die Hochaltrigenstudie der Universit\u00e4t Heidelberg liefert Ergebnisse, die nur diejenigen \u00fcberraschen, bei denen die Rede vom demografischen Wandel allein Bilder von Alter als Belastung hat entstehen lassen: 76 Prozent der befragten 80- bis 99-J\u00e4hrigen empfinden Freude und Erf\u00fcllung in emotional tieferen Begegnungen mit anderen Menschen. 61 Prozent im Engagement f\u00fcr andere Menschen. Und 60 Prozent haben das Bed\u00fcrfnis, \u2013 vor allem von den j\u00fcngeren Generationen \u2013 auch weiterhin gebraucht und geachtet zu werden. 85 Prozent besch\u00e4ftigen sich intensiv mit den Lebenswegen der nachfolgenden Generationen in der eigenen Familie. Dabei liegt \u00fcbrigens das Risiko, pflegebed\u00fcrftig zu werden, selbst bei den 80- bis 99-J\u00e4hrigen bei nur 28,8 Prozent.<\/p>\n<p>Der ehemalige Chefredakteur der Zeitschrift \u201ePsychologie heute\u201c, Heiko Ernst, spricht in diesem Zusammenhang von Generativit\u00e4t und sagt, sie sei \u201eunser Zukunftssinn. Wir richten das Denken \u00fcber die eigene Existenz hinaus. Generativit\u00e4t ist die F\u00e4higkeit, von sich selbst abzusehen, f\u00fcr andere da zu sein, Wissen und die eigenen Erfahrungen in die Gesellschaft einzubringen und etwas weiter zu geben\u201c \u2013 und sie h\u00e4ngt nicht davon ab, ob wir eigene Kinder zur Welt bringen. Generativit\u00e4t gibt Antwort auf zwei Fragen: Wie geht es mit mir weiter? Und: wie geht es mit meinem Umfeld weiter? Generativit\u00e4t, so Ernst, k\u00f6nnte die Schl\u00fcsseltugend f\u00fcr das 21. Jahrhundert werden. Schon heute sind Gro\u00dfeltern eine wichtige St\u00fctze f\u00fcr junge Familien, sie springen mit Geld, aber auch viel mit praktischer Hilfe ein, wenn die Belastungen aus Arbeit und Familie die mittlere Generation an den Rand bringen. Die unmittelbaren Beziehungen zwischen den Generationen sind nach wie vor eine bedeutsame S\u00e4ule zur Sicherung von Lebensrisiken und Lebensqualit\u00e4t \u2013 nicht mehr nur der alten, sondern eben auch und gerade der jungen Generation. Denn das materielle und das immaterielle Generationenerbe, das \u00c4ltere einzubringen haben, ist erheblich.<\/p>\n<p>Viele machen sich auf zu Menschen aus anderen sozialen und kulturellen Kontexten und arbeiten mit am Entstehen neuer Netzwerke \u2013 als \u201eLeih-Omas\u201c, Stadtteilm\u00fctter, Senior-Mentoren f\u00fcr Sch\u00fcler und Azubis, in Familienzentren und Generationenh\u00e4usern. Da geht es oft um das Elementare \u2013 um Kinderbetreuung und Eink\u00e4ufe, um Hausaufgaben und Mittagstische. Landl\u00e4ufig Aufgaben, die in Familien und Nachbarschaften wahrgenommen wurden, heute aber reichen die Beziehungsnetze weit dar\u00fcber hinaus. Denn diese Dienste verbinden Menschen. Und wo das Private in dieser Weise \u00f6ffentlich wird, da entstehen neue Netze \u2013 oft in guter Zusammenarbeit zwischen freiwillig Engagierten und sozialen Diensten. Und andere machen sich noch einmal auf den Weg und helfen international als Au-pair oder \u00fcbernehmen einen freiwilligen Einsatz in Krisengebieten Darin stecken immer auch eigene, oft ungeahnte, Entwicklungschancen.<\/p>\n<p>Vor einiger Zeit habe ich Margarete von Trottas Film \u00fcber Hildegard von Bingen<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><sup><sup>[3]<\/sup><\/sup><\/a> gesehen, der mich in meiner Lebenssituation sehr ber\u00fchrt hat. Er erz\u00e4hlt, dass die bekannte Klostergr\u00fcnderin gegen Ende ihres Lebens das Kloster verl\u00e4sst und sich zu Pferd und nur von wenigen begleitet auf eine Lese- und Gespr\u00e4chsreise macht. Der Franziskanerpater Richard Rohr hat ein Buch \u00fcber die spirituelle Reise der zweiten Lebensh\u00e4lfte geschrieben.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\"><sup><sup>[4]<\/sup><\/sup><\/a> \u201eWir sind hier, um das, was uns gegeben wurde, vollst\u00e4ndig und freiwillig zur\u00fcck zu geben\u201c, sagt er. In der ersten Lebensh\u00e4lfte schreibt er unter Bezug auf Carl Gustav Jung, gehe es darum, ein Heim und eine Familie aufzubauen, ein sicheres Fundament f\u00fcr das Leben. Dann aber sei die Herausforderung, das alles wie Hildegard loszulassen und noch einmal frei zu werden. Wissend frei, weil wir ein neues Gef\u00fchl f\u00fcr Grenzen und Begrenztheit auch unserer Zeit haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Feststellung 2: Das individuelle Lebenspotential<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr die \u00c4lteren selbst steckt darin auch ein eigenes Lebenspotential: \u00c4lterwerden h\u00e4lt noch einmal neue Entwicklungs- und Ver\u00e4nderungschancen bereit. Wir m\u00fcssen nicht mehr funktionieren. Jetzt kommt es nicht mehr darauf an, sich in Organisationen einzupassen oder sich mit Rollen zu identifizieren, jetzt geht es darum, ganz Person zu sein, wir selbst zu werden. Um diese Aufgabe zu verstehen, brauchen wir einen erweiterten Produktivit\u00e4tsbegriff. Nicht nur der Erfolg gebiert den Erfolg, auch die Auseinandersetzung mit Verlusten, mit Scheitern und Endlichkeit macht produktiv. Das verlangt allerdings, dass wir unseren Charakterpanzer ablegen und uns zu unseren Verletzungen und Grenzen bekennen. Es geht jetzt nicht nur um das, was ich nicht mehr kann, sondern auch um das, was ich nicht mehr will \u2013 und was vielleicht f\u00fcr uns alle nicht gut ist.<\/p>\n<p>\u201eIch bin in meinem Leben oft gefallen, sei es in Beziehungen oder im Beruf, emotional oder k\u00f6rperlich, doch immer gab es einen Trampolineffekt, der bewirkte, dass ich letztlich nach oben gefallen bin\u201c, schreibt der Franziskanerpater Richard Rohr. Erfolg und Besitz machen Angst, sie wieder zu verlieren. Verluste aber und Br\u00fcche richten den Blick nach oben oder nach vorn \u2013 auf das, was bleibt. Und sie f\u00fchren paradoxerweise zu einer neuen Verbundenheit. Wir sind eben nicht nur, was wir aus uns selbst machen.<\/p>\n<p>Das ist die Message, die gerade die weitergeben k\u00f6nnen, die in Rente sind. Und es steht f\u00fcr mich hinter dem Titel \u201eGott schickt nicht in Rente\u201c, den ich mir \u00fcbrigens nicht selbst ausgesucht habe. Ich meine: Das Leben schickt uns in neue, offene R\u00e4ume \u2013 endlich heraus aus den alten K\u00e4figen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Feststellung 3: Das gesellschaftliche Lebenspotential oder Alte als Pioniere f\u00fcr die Suche nach dem guten Leben<\/strong><\/p>\n<p>Mit solcher Ehrlichkeit, die leichter f\u00e4llt, wenn man schon viel Leben hinter sich hat, k\u00f6nnen \u00e4ltere Menschen \u2013 wie die ganz Jungen \u2013 Pioniere der gesellschaftlichen Auseinandersetzung um ein gutes Leben und nachhaltiges Wirtschaften sein. Davon profitieren alle \u2013 nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch ihre Angeh\u00f6rigen und Freunde. Viele Menschen suchen Mentoren und Ratgeber, die Lebenserfahrung einbringen, aber keine eigenen Aktien und Interessen mehr im Spiel haben, die frei von Loyalit\u00e4ts- und Konformit\u00e4tsdruck auf das Ganze sehen k\u00f6nnen, die sich mit den eigenen Fehlern und Umwegen ausges\u00f6hnt haben und deswegen auch andere vorurteilsfrei begleiten k\u00f6nnen. Es ist an der Zeit, die Rolle der \u00c4ltesten neu zu beleben. Die Kirche kennt ja sogar ein \u00c4ltestenamt, das Amt der Presbyter. Darin steckt die Erinnerung, dass es in der Antike wie auch im Judentum eine gro\u00dfe Ehrerbietung \u00e4lteren Menschen gegen\u00fcber gab, weil sie Weisheit und Einsicht entwickeln konnten. Nicht zuletzt deshalb wird ihnen auch Leitung zugetraut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Aufforderung an die Kirche: Mit den Alten neu werden und gesellschaftliche Herausforderungen neu anpacken<\/strong><\/p>\n<p>Viele Menschen wehren sich zu Recht, wenn sie das Gef\u00fchl bekommen, von der Kirche vor allem als Hilfebed\u00fcrftige wahrgenommen zu werden. Gerade diejenigen, die der Kirche nahe stehen, blicken n\u00e4mlich, wie Untersuchungen zeigen,<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> durchaus mit Zuversicht auf ihr weiteres Leben und k\u00f6nnen sich vorstellen, noch etwas Neues zu beginnen. Religiosit\u00e4t im Alter hei\u00dft eben durchaus nicht nur, sich auf das Ende vorzubereiten \u2013 vielmehr gilt es die durchaus biblische Botschaft in den Mittelpunkt zu r\u00fccken, die sich nicht nur bei Abraham zeigt, sondern auch in dem n\u00e4chtlichen Gespr\u00e4ch zwischen Jesus und Nikodemus weitergegeben wird: Wir k\u00f6nnen auch im Alter neu werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Fast vierzig Prozent der evangelischen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger \u00fcber sechzig nehmen nach eigener Aussage in irgendeiner Weise am Gemeindeleben teil \u2013 damit liegt die Kirche weit vor anderen Organisationen. Ein enormes Potential. Gemeindeh\u00e4user k\u00f6nnen R\u00e4ume f\u00fcr die Begegnung der Generationen sein, nicht nur im Blick auf die kirchlichen Angebote. Dabei k\u00f6nnen und sollten sie offen sein f\u00fcr die Vielf\u00e4ltigkeit des Lebens im Quartier \u2013 von dem die Alten aus ihrem Berufsleben und aus ihren privaten Kontakten oft viel mitbringen. Es ist wichtig, die Augen offen zu halten f\u00fcr B\u00fcndnis- und Kooperationspartner im Quartier vom Betreuten Wohnen \u00fcber den Pflegedienst bis zur Familienbildungsst\u00e4tte. Wenn Kirche und Diakonie \u2013 wieder \u2013 zusammenarbeiten, liegen die Chancen gleich vor der T\u00fcr: Das Caf\u00e9 der Altenhilfeeinrichtung \u00f6ffnet sich f\u00fcr den Stadtteil; Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler bieten Computerkurse im Altenzentrum an.<\/p>\n<p>Noch zu wenig verstehen sich die Kirchengemeinden als Plattformen f\u00fcr dieses Engagement. Dabei sind auch die \u00e4rmsten von ihnen so reich an R\u00e4umen und Kontakten, an internationalen Beziehungen und vor allem an Geschichte und Erfahrungen, die unser eigenes Leben weit \u00fcberschreiten, viele Generationen zur\u00fcck und nach vorn in eine Zeit, wenn wir nicht mehr leben. Aber noch immer ist sp\u00fcrbar, dass Kirche und Diakonie \u00fcber 150 Jahre lang auseinandergedriftet sind, aus sozialen Diensten sind inzwischen Dienstleistungen am Markt geworden, und oft geh\u00f6rt nur noch eine Minderheit im Stadtteil zur Kirchengemeinde. Die Diakonissen und Gemeindeschwestern, die die Familien und Nachbarschaften kannten, Netzwerke kn\u00fcpfen konnten und auch wussten, wer mit Hand anlegen konnte und wollte, fehlen. Es fehlen diejenigen, die das Professionelle mit dem Pers\u00f6nlichen, das Private mit dem \u00d6ffentlichen verbinden.<\/p>\n<p>Aber hier und da entsteht etwas Neues und ich denke, das gilt es auszubauen: in Projekten zur Fr\u00fchf\u00f6rderung von Kindern, in ambulanten Hospizdiensten oder an Mittagstischen, wo Einheimische und Migrantinnen Gerichte aus aller Welt kochen und gemeinsam essen. Da sind die regionalen Gerichte der Gro\u00dfm\u00fctter besonders gefragt. \u00dcberall sind die engagierten \u00c4lteren gefragt, wenn es um neue Konzepte zwischen Zivilgesellschaft und Dienstleistern, zwischen Familien und Gemeinden im Quartier geht. Und was sie einbringen, ist nicht nur praktische Hilfe, sondern, ich habe es eben schon kurz erw\u00e4hnt, auch das kulturelle, geistige und geistliche Erbe, aus dem auch die n\u00e4chsten Generationen noch leben. Ich denke an Kirchenkuratorinnen und ehrenamtliche Kirchenp\u00e4dagogen, an Menschen, die Friedh\u00f6fe erhalten und Ortsgeschichte schreiben, an ehrenamtliche Pr\u00e4dikantinnen und Pr\u00e4dikanten in schrumpfenden St\u00e4dten und Regionen, Mentorinnen und Mentoren, Stifterinnen und Stifter \u2013 materiell wie immateriell haben wir ein reiches Erbe weiterzugeben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ausblick: Neue R\u00e4ume<\/strong><\/p>\n<p>\u201eGott schickt nicht in Rente\u201c, hie\u00df dieser kurze Impuls. In dem schon kurz erw\u00e4hnten Gedicht von Hermann Hesse klingt das so:<\/p>\n<p>\u201eEs wird vielleicht auch noch die Todesstunde<\/p>\n<p>Uns neuen R\u00e4umen jung entgegensenden,<\/p>\n<p>Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.<\/p>\n<p>Wohlan denn Herz, nimmt Abschied und gesunde.\u201c<\/p>\n<p>Die Frage, wohin wir letztlich unterwegs sind, l\u00e4sst sich gerade in Aufbr\u00fcchen nicht ausklammern. Und vielleicht ist es gerade die Wahrnehmung unserer Br\u00fcche und unserer Endlichkeit, die dem Leben und unserem Glauben Tiefe gibt.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Die sch\u00f6nsten unserer Kunstwerke wie das Simeon-Bild von Rembrandt oder Hermann Hesses Gedicht und unendlich viele gro\u00dfartige Musikst\u00fccke machen uns Mut, uns auf die neue Reise einzulassen, sie geben langen Atem und halten uns gesund. \u2013 Wissen Sie \u00fcbrigens, welche Gruppe oder Gemeinschaft in unserer Gesellschaft noch immer am l\u00e4ngsten lebt? Es sind Nonnen und Diakonissen. Sie gehen in den Feierabend, aber nicht in Rente.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Cornelia Coenen-Marx <\/strong><strong>, Stuttgart 9.6.15<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Landesausstellung \u201eHilfe\u201c 2015 des Landes Ober\u00f6sterreich in Haus Bethanien in Gallneukirchen.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Joel 3,1: \u201e\u2026 eure \u00c4ltesten sollen Tr\u00e4ume haben, und eure J\u00fcnglinge sollen Gesichte sehen\u201c.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Von Trotta.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Reifes Leben.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Petra-Angela Ahrens, \u201eUns geht\u2019s gut\u201c Generation 60 plus, Religiosit\u00e4t und kirchliche Bindung, M\u00fcnster 2011.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Vgl. Ralph Kunz, \u201eSpiritualit\u00e4t und Altersdiskurs\u201c, in: Martina Kumlehn, Andreas Kubik (Hrsg.): Konstrukte gelingenden Alterns, Stuttgart 2012, Seite 74.<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Von wo aus: Ich kann hier auch von mir selbst reden \u2026 Selten habe ich mit Briefen zu einem&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=848\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":482,"menu_order":98,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-848","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/848"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=848"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/848\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":878,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/848\/revisions\/878"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/482"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=848"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}