{"id":8451,"date":"2026-06-26T11:15:00","date_gmt":"2026-06-26T09:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=8451"},"modified":"2026-06-26T11:15:01","modified_gmt":"2026-06-26T09:15:01","slug":"assistierter-suizid-nicht-ohne-vorbereitung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=8451","title":{"rendered":"Assistierter Suizid \u2013 nicht ohne Vorbereitung"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>1. Das gro\u00dfe Schweigen \u2013 wie ein Tabu br\u00f6ckelt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Aus guten Gr\u00fcnden geh\u00f6rt das aktive T\u00f6ten zu den gro\u00dfen Tabus unserer Gesellschaft\u201c, schrieb der ehemalige Ratsvorsitzende Heinrich Betford-Strohm 2015 in seinem Buch \u201eLeben d\u00fcrfen, Leben m\u00fcssen.\u201c 5 Jahre sp\u00e4ter, kurz vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie in Deutschland entschied das Bundesverfassungsgericht am 26.2.20, den assistierten Suizid mit R\u00fccksicht auf das Selbstbestimmungsrecht jedes einzelnen B\u00fcrgers, jeder B\u00fcrgerin frei zu geben und den bestehenden Paragraphen 217 zu streichen. Damit fiel auch das vorl\u00e4ufig neue Gesetz, das darauf fu\u00dfte und die gesch\u00e4ftliche Sterbehilfe verbot<strong>. Die Frage, was das bedeutet und wie eine neue Gesetzgebung darauf reagieren kann, geriet w\u00e4hrend der Pandemie zun\u00e4chst in den Hintergrund.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Damals starben mehr als 50 Prozent der Pflegebed\u00fcrftigen in Heimen. Sie starben ohne die Begleitung, die wir ei<strong><em>g<\/em><\/strong>entlich f\u00fcr guten Standard hielten \u2013 ohne Ber\u00fchrung, ohne eine Hand, die sie hielt.<strong> Die Debatte drehte sich um das nackte \u00dcberleben, um Intensivbetten und Beatmungssysteme. Nicht nur in Schweden entschieden \u00c4rzte ohne R\u00fccksprache mit Angeh\u00f6rigen oder Betreuern von Langzeitpflegebed\u00fcrftigen, dass ein Krankenhausaufenthalt nicht mehr lohne und setzten stattdessen auf Palliativversorgung. Angeh\u00f6rige sahen die Sterbenden oft erst, wenn kein bewusster Kontakt mehr m\u00f6glich<\/strong> war und blieben mit Trauer und Schuldgef\u00fchlen allein. Und viele erlebten, wie in Einrichtungen die Selbstbestimmung auf die Patientenverf\u00fcgung reduziert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Theologin Hildegund Keul hat sich auf dem Hintergrund von Corona mit Vulnerabilit\u00e4t und Vulneranz besch\u00e4ftigt1. Was Vulnerabilit\u00e4t bedeutet, ist inzwischen allen klar \u2013 der Begriff wurde zum Schlagwort der Krise. Unter Vulneranz versteht Keul den Versuch, <strong>die eigene Verletzlichkeit abzuwehren und die der anderen nicht zu sehr an sich herankommen zu lassen<\/strong>. Am Beispiel von Corona zeigt sie, wie dazu ein Regime errichtet wurde, <strong>das Sicherheit geben sollte, letztlich aber die Verletzlichkeit und Verunsicherung aller Beteiligten steigerte \u201eDie Pandemie hat keinen Sinn. Sie ist f\u00fcr nichts gut. Aber wenn wir konstruktiv<\/strong> etwas daraus lernen wollen, kann man sagen: Sie st\u00f6\u00dft uns darauf, was am Ende des Lebens wirklich wichtig ist, sagt Elke B\u00fcdenbender. (in ihrem Buch mit Matthias Nagel \u00fcber den Tod)<\/p>\n\n\n\n<p>Dass k\u00f6rperliche Ber\u00fchrung w\u00e4hrend der Pandemie kaum m\u00f6glich war, hat k\u00f6rperliche und psychische Erkrankungen anwachsen lassen. Aber selbst ohne Ber\u00fchrung passt sich die Herzfrequenz an, wenn wir einander wirklich in die Augen sehen \u2013 das Gesicht des anderen wahrnehmen. Siri Hustvedt, die sich intensiv mit der Bedeutung unseres K\u00f6rpers f\u00fcr Denken und Kommunikation besch\u00e4ftigt hat, berichtet von der Synchronisierung des Blicks, der Stimme, der Affekte und Gef\u00fchle zwischen Eltern und ihren hilflosen Babys. \u00c4hnliches kann auch im Sterbeprozess zwischen Angeh\u00f6rigen, Freunden sogar zwischen fremden Menschen passieren. <strong>\u201eDas Evangelium verlangt von uns, das Risiko der Begegnung mit dem Angesicht des anderen einzugehen,<\/strong> mit seiner physischen Gegenwart, die uns anfragt, mit seinem Schmerz und seinen Bitten und mit seiner Freude im unmittelbaren Kontakt\u201c, schrieb damals Papst Franziskus<\/p>\n\n\n\n<p><strong>An dieser Stelle haben die Kirchen versagt. Zu viele f\u00fchlten sich im Stich gelassen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Und die Hospizbewegung?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie sind wichtig, weil Sie eben Sie sind. <strong>Sie sind bis zum letzten Augenblick Ihres Lebens wichtig, und wir werden alles tun, damit Sie nicht nur in Frieden sterben<\/strong><strong>, <\/strong>sondern auch bis zuletzt leben k\u00f6nnen.\u201c Das Versprechen der Hospizbewegung, wie es die Gr\u00fcnderin Cicely Sounders formuliert hat, konnte in der Pandemie oft nicht eingel\u00f6st werden. Zu dieser Grenzerfahrung habe ich leider wenig aus der Hospizbewegung geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00a0Es geht um ein doppeltes Ja: Ein Ja zu Selbstbestimmung und Selbstsorge. Und ein Ja zu Mitsorge und Solidarit\u00e4t.<strong>\u00a0Die Erfahrungen in der Pandemie zeigen: Damit dieses doppelte Ja tragen kann, braucht es verl\u00e4ssliche Rahmenbedingungen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>2. Expertendebatten \u2013 wie das Gespr\u00e4ch in Gang kommt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Unmittelbar nach Ver\u00f6ffentlichung des Verfassungsgerichts \u2013 Urteils zum assistierten Suizid haben sich <strong>der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und der Ratsvorsitzende der EKD in einer gemeinsamen Stellungnahme ge\u00e4u\u00dfert<\/strong>. Darin best\u00e4tigen sie prinzipiell die grundlegende Freiheit zur Selbstbestimmung, geben aber dann folgendes zu bedenken: \u201eDer Blick auf die aktuelle Suizidforschung zeigt jedoch, <strong>dass ein Suizidwunsch in den meisten F\u00e4llen die Folge von \u00c4ngsten, Verzweiflung und Aussichtlosigkeit in Extremsituationen ist und deshalb gerade nicht als Ausdruck der Selbstbestimmung verstanden werden kann.<\/strong> Respekt vor der Selbstbestimmung bedeutet in diesen Situationen nicht, den Wunsch oder die Entscheidung zum Suizid unhinterfragt hinzunehmen oder den Suizid als normale Form des Sterbens zu betrachten. F\u00fcr Christen ist das Leben ein Geschenk, das ihnen von Gott anvertraut wird. Es entzieht sich unserer Verf\u00fcgbarkeit und will deshalb bis zum Ende bewahrt sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende ihrer Stellungnahme unterstreichen die beiden Kirchen einmal mehr die Notwendigkeit, Palliativversorgung und Hospizarbeit weiter auszubaue<strong>n und lehnen den assistierten Suizid in den Einrichtungen von Diakonie und Caritas ab. <\/strong><strong>Damit h\u00e4ngt die grundlegende Freiheit zur Selbstbestimmung in der Luft<\/strong>. Bei einer Fortbildung der Malteser mit Pflegenden, an der ich beteiligt war, habe ich erlebt, wie diese grunds\u00e4tzliche Positionierung die ohnehin verunsicherten Handelnden allein l\u00e4sst. Der Wunsch, Menschen vor falschen Entscheidungen zu sch\u00fctzen, kann Einrichtungsleitungen vielleicht Sicherheit geben. Aber die meisten Menschen, die es gewohnt sind, \u00fcber ihr Leben zu entscheiden, werden sich erst recht hilflos und unsicher f\u00fchlen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kurz darauf schlugen die Theolog*innen Reiner Anselm, Isolde Karle und Ulrich Lilie in einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vor, einen assistierten professionellen Suizid auch in kirchlichen Einrichtungen zu erm\u00f6glichen<\/strong>. Die Kirchen sollten \u00fcberlegen, \u201ewie sie den vom Bundesverfassungsgericht gegebenen Spielraum nutzen wollen, um Suizide m\u00f6glichst zu verhindern und gleichzeitig eine Suizidhilfe in gut begr\u00fcndeten Einzelf\u00e4llen zu erm\u00f6glichen&#8220;.\u00a0 Entscheidend sei \u201e,dass wir respektieren und akzeptieren k\u00f6nnen, dass auch unter guten palliativen Bedingungen Menschen in eine Lage kommen k\u00f6nnen, in der sie sagen: &#8218;Es ist genug'&#8220;. <strong>In solchen Situationen k\u00f6nne es \u201eein Akt christlicher N\u00e4chstenliebe sein, den Sterbewunsch anzuerkennen \u2013 und zwar auch dann, wenn man die Situation anders einsch\u00e4tzt<\/strong>&#8222;. Der letzte Satz macht klar: Es geht um Augenh\u00f6he ohne jedes patriarchale Besserwissen. Es war \u00fcbrigens eine der wenigen Debatten, die auch au\u00dferhalb der kirchlichen Strukturen wahrgenommen wurden \u2013 auch deshalb, weil sie jeden angeht und weil jeder nach Antworten sucht,<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie k\u00f6nnte ein assistierter Suizid im kirchlichen Kontext \u00fcberhaupt aussehen?\u201c, wurde Isolde Karle am 1.2.2021 in einem Spiegel-Interview gefragt.&nbsp; M\u00fcsste es eine verpflichtende Beratung geben wie etwa bei Abtreibungen? Mindestens zwei \u00c4rzte oder \u00c4rztinnen sollten das Begehren pr\u00fcfen, um Fremdbestimmung oder mangelnde Urteilsf\u00e4higkeit bei psychischen Erkrankungen und Demenz auszuschlie\u00dfen, meint Karle. <strong>Ein assistierter Suizid ist in der Praxis ein\u2026 Grenz- und Ausnahmefall\u2026Aber f\u00fcr den Ausnahmefall muss es klare Regeln geben. Bislang haben \u00c4rztinnen und \u00c4rzte oft Angst, weil keine Rechtssicherheit gegeben ist\u201c.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Isolde Karle hat damals zu bedenken gegeben, <strong>dass die Kirchen in der Schweiz, wo man schon lange mit Sterbehilfeorganisationen lebt, ihre Seelsorgerinnen und Seelsorger ermutigen, Suizidwillige solidarisch zu begleiten. Sie versuchen, sie aus der Isolation zu holen und das Gespr\u00e4ch mit den Angeh\u00f6rigen in Gang zu bringen. <\/strong>Denn f\u00fcr Familie und Freunde ist es meistens schwer, mit einem Suizidwunsch klarzukommen. Manche haben Schuldgef\u00fchle, sind verletzt oder zornig. Da k\u00f6nnen Gespr\u00e4chsangebote helfen \u2013 und f\u00fchren hier und da sogar zu einer Revision des Suizidwunsches. Niemanden allein lassen \u2013 auch die Zur\u00fcckgelassenen nicht. Das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Entscheidung des andere zu st\u00e4rken Darum geht es.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>In den Jahren vor der Pandemie drehte sich die Debatte um die Frage, ob solche F\u00e4lle gesetzlich geregelt werden sollten<\/strong>, wie Karle das vorschlug, oder ob es besser w\u00e4re, sie in der Grauzone der Arzt \u2013 Patientenbeziehung zu belassen. <strong>Dabei wurden allerdings die Bedingungen des Sterbens in Krankenhaus oder Langzeitpflege ausgeklammert, obwohl die Mehrheit gerade dort stirbt. <\/strong>Dort geht aber es nie allein um das Arzt-Patientenverh\u00e4ltnis<strong>. Einrichtungen leben aus einem Netzwerk mit Pflegenden, Seelsorgepersonen und Angeh\u00f6rigen, Diese gewachsenen Beziehungen tragf\u00e4hig zu halten, gleich welche Entscheidung der Sterbende trifft, ist essentiel<\/strong>l. Niemanden allein lassen \u2013 wenn es darum geht, meinen Karle und ihre beiden Mitstreiter, sollten Einrichtungen auch denen verbunden bleiben, die trotz intensiver, zugewandter Seelsorge und hospizlicher Begleitung einen dauernden Sterbewunsch haben und am Ende den assistierten Suizid w\u00fcnschen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Auch der Landesbischof von Hannover, Ralf Meister, h\u00e4lt den assistierten Suizid in kirchlichen Einrichtungen f\u00fcr vorstellbar und erhielt Ende 2020 in einer Umfrage der HAZ breite Unterst\u00fctzung der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger. Ein Jahr sp\u00e4ter folgte ein selbstkritisc<\/strong>hes Wort der nieders\u00e4chsischen Bisch\u00f6fe zur Rolle der Kirche in der Pandemie. Der Vorwurf, die Kirche habe Sterbende und Trauernde in Pandemie-Zeiten allein gelassen, wiegt schwer. Im f\u00fcnften Jahr nach Beginn der Pandemie ist mein Eindruck, das hat Vertrauen gekostet.<strong> Eine Kirche der verschlossenen T\u00fcren ist nicht gefragt. Auch nicht dann, wenn sie T\u00fcren verschlie\u00dft, um andere zu sch\u00fctzen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist unm\u00f6glich, dass Thema assistierter Suizid abgel\u00f6st von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu bedenken\u201c schreiben Andreas Heller und Reimer Gronemeyer. Wie wir gerade gesehen haben, auch nicht losgel\u00f6st von der Verfassung verschiedener Kirchen. <strong>\u201eEs geh\u00f6rt zu den Eigenarten der Debatte, dass sie individualistisch orientiert ist, den gesellschaftlichen Raum also weitgehend ausblendet.\u201c<\/strong> Tats\u00e4chlich ist der Tod l\u00e4ngst der Enteignung durch Experten zum Opfer gefallen &#8211; auch, weil wir froh sind, die Dilemmata an Experten abgeben k\u00f6nnen. Es sind nicht nur die \u00dcberforderung der Familien und die Institutionalisierung von Krankheit und Sterben- es ist auch die Angst und die Hilflosigkeit, dar\u00fcber zu reden: \u201eDamit das gelingen kann, brauchen Sterbende, aber auch Angeh\u00f6rige professionelle Unterst\u00fctzung \u2013 und sie brauchen Zeit. <strong>Menschen in dieser Zeit auf ihren verschlungenen Wegen zu begleiten, sich einzulassen auf Sackgassen, Suchprozesse, Um- und R\u00fcckwege, statt allein vorauszulaufen, darin sehe ich die Aufgabe der Kirche. Mitgehen und ein Licht auf dem Weg sein.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>3. Selbstverantwortung, ein Leben lang<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Sorge, dass Patient*innen sich den Entscheidungen anderer ausgeliefert f\u00fchlen k\u00f6nnten, ist durchaus begr\u00fcnde<\/strong>t. Viele haben das w\u00e4hrend der Pandemie erlebt. Es steht auch u bef\u00fcrchten, dass eine Kultur entsteht, in der gesellschaftlicher Druck ausge\u00fcbt wird, \u201edie Bilanz in bestimmten Lebenssituationen fr\u00fcher zu ziehen, als man sie aufgrund eines nat\u00fcrlichen Sterbeprozesses ziehen m\u00fcsste\u201c, meint Elke B\u00fcdenbender Dieser Druck macht den Raum f\u00fcr Selbstverantwortung enger.\u201c Und mit den anstehenden K\u00fcrzungsma\u00dfnahmen zur Pflege wird er in Pflegeeinrichtungen wie in Familien wachsen. Und die Dunkelziffer ist ohnehin gr\u00f6\u00dfer als viele denken wollen, wenn wir an die oft verschwiegenen Suizide \u00c4ltere denken.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wir sind es bis heute nicht gewohnt, Pflegebed\u00fcrftige und auch Sterbende als (Mit) Gestalterinnen<\/strong> <strong>ihres eigenen Lebens zu sehen. <\/strong>Auf uns selbst zu achten, uns selbst ernst zu nehmen auch mit unseren Schmerzen, es uns gut gehen lassen auch in schwierigen Zeiten \u2013 das m\u00fcssen wir ein Leben lang \u00fcben. Und das bedeutet, die Spielr\u00e4ume wahrnehmen zu k\u00f6nnen, die uns bei allen Einschr\u00e4nkungen und Abh\u00e4ngigkeiten bleiben. <strong>Denn es gibt ja eine Gegenwart, auch wenn wir pflegebed\u00fcrftig und auf andere angewiesen sind, und es w\u00e4re vollkommen falsch, Sterbende auf den erwartbaren Krankheitsprozess oder auf ihre Vergangenheit festzulegen<\/strong>. Weder das Bild, das wir von einem Menschen haben, noch das Bild, das wir von einer Erkrankung haben, trifft ja die ganze Wirklichkeit. Vielleicht wird f\u00fcr den Moment alles noch einmal anders. Vielleicht entwickelt jemand eine Z\u00e4rtlichkeit, die er fr\u00fcher immer gescheut hat. Vielleicht f\u00e4llt sie eine Entscheidung, mit der keiner gerechnet h\u00e4tte. <strong>Daf\u00fcr offen zu bleiben, erm\u00f6glicht, die verbliebenen Gestaltungsr\u00e4ume wahrzunehmen. Annelie Keil spricht in diesem Zusammenhang von palliativer Selbstsorge.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie lernen wir wieder mit dem Tod umzugehen? Wie f\u00fchlt sich das Sterben an und was passiert danach?<\/strong> In j\u00fcngster Zeit sind viele B\u00fccher und Filme dazu erschienen. Aber noch immer w\u00fcrden wir diese Themen kaum bei einem gemeinsamen Abend mit Freunden besprechen. Allerdings werde ich seit einiger Zeit vermehrt gefragt, wie ich zu einem assistierten Suizid stehe, Dabei geht im Blick auf das Sterben es nicht nur um die Dinge, die wir nicht m\u00f6chten, die unterlassen werden sollen, Dinge, die wir in der Patientenverf\u00fcgung regeln k\u00f6nnen. E<strong>s geht vor allem darum, was wir uns f\u00fcr unsere letzten Wochen, Tage und Stunden w\u00fcnschen<\/strong>. Deshalb finde ich es gro\u00dfartig, dass inzwischen in den Toiletten der Autobahnrastst\u00e4tten eine Werbung f\u00fcr den W\u00fcnschewagen erscheint- gerade lang genug, um beim H\u00e4ndewaschen auf dem Weg in den Urlaub dar\u00fcber nachzudenken, was mein letzter Wunsch w\u00e4re.<strong> Der Tod r\u00fcckt aus der Tabuzone heraus.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u00a0Selbstverantwortung einzu\u00fcben und zu st\u00e4rken, ist aber eine lebenslange Aufgabe. <strong>Wir \u00fcben das in den Grenzsituationen, bei einem Berufswechsel, einer Hochzeit bei der Entscheidung \u00fcber eine OP \u2013 bei uns selbst, mit anderen. Und bei einer letalen Krankheit gibt es viele Entscheidungen auf dem Weg. Ja, selbst die Entscheidung, das Geschehen einfach anzunehmen, erscheint heute als Entscheidung. Es ist so oder so n\u00f6tig, sich darauf vorzubereiten.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u00a0An den Lebensschwellen sehen wir weiter, vielleicht auf das Ende \u2013 (bis dass der Tod uns scheidet) und werden uns unserer Werte bewusst.<\/strong> Was kann ich tun, um mich immer neu darin zu verankern? \u00a0Was tr\u00e4gt dazu bei, mich an Leben zu freuen? Und was kann ich tun, damit Menschen auch in der letzten Lebensphase mit ihren eigenen ethischen Anspr\u00fcchen und Werten ernst genommen zu werden?<\/p>\n\n\n\n<p>In der Sterbebegleitung sind wir gewisserma\u00dfen \u201emit der W\u00fcnschelrute unterwegs\u201c, schreibt Eva-Maria Faber Es geht darum, sich bewusst mit der eigenen Pr\u00e4gung einzubringen, zugleich aber kr\u00e4nkungsfrei damit umgehen zu k\u00f6nnen, wenn die Arbeit resonanzlos bleibt. Dazu geh\u00f6rt auch die F\u00e4higkeit, sich nicht aufzudr\u00e4ngen, sondern die Selbstbestimmung, insbesondere die religi\u00f6se Selbstbestimmung des Gegen\u00fcbers zu achten.&nbsp; Das kann nur gelingen, wenn ich mir der eigenen Verankerung, der eigenen Pr\u00e4gung und Werte bewusst bin und gleichzeitig den Anschluss an andere Lebenswelten bewahre.<\/p>\n\n\n\n<p>Das l\u00e4sst sich auch im Team ein\u00fcben, Dabei wird klar, dass auch wir Professionellen verschiedene Rollen in uns tragen: neben die fachliche Rolle schiebt sich die eigene Erfahrung als Tochter, Sohn, Angeh\u00f6rige. Oder auch die Erfahrung mit eigenen schweren Krankheiten.<strong> Im offenen Gespr\u00e4ch k\u00f6nnen unterschiedliche ethische Standpunkte zur Sprache kommen und ausgehalten werden. Tats\u00e4chlich ist ja die pers\u00f6nliche Haltung zu diesen grundlegenden Fragen oft ebenso durch existentielle Erfahrungen wie durch Prinzipien gepr\u00e4g<\/strong>t. So \u2013 im H\u00f6ren aufeinander \u2013 entstehen im besten Fall tragf\u00e4hige und weit gekn\u00fcpfte Sorgenetze in denen sich Sterbende geh\u00f6rt und gesehen wissen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der \u00e4u\u00dfere Rahmen einer Einrichtung kann ein solches Netzwerk st\u00fctzen oder ins Informelle dr\u00e4ngen<\/strong>. Wo H\u00e4user den assistierten Suizid nicht zulassen, besteht die Gefahr, dass nicht nur Betroffene und ihre Angeh\u00f6rigen, sondern auch Mitarbeitende sich mit ihrer \u00dcberzeugung ausgeschlossen f\u00fchlen. Die Bef\u00fcrchtung, dass mit dem ersten Ausnahmefall eine Mauer br\u00fcchig wird, ist nachvollziehbar, Eine solche Haltung kann aber auch denen, die gar nicht \u00fcber einen assistierten Suizid nachdenken, eine letzte Freiheit nehmen. Und ohne Freiheit keine Selbstverantwortung,<\/p>\n\n\n\n<p><strong>4. Selbstbestimmung und Grenzerfahrungen \u2013 einander begleiten \u00a0<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Martin Luther hat von der doppelten Natur des Menschen gesprochen: Von unserer Freiheit, aber auch von unserer Verletzlichkeit. \u201eEin Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan\u201c, sagt er, f\u00e4hrt dann aber fort: \u201eEin Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan\u201c. 8D<strong>ie Freiheit, die er hier beschreibt, rechnet damit, dass wir einander brauchen und f\u00fcr einander da sein m\u00fcssen, um ganz zu uns selbst zu komme<\/strong>n. Es geht darum, F\u00fcrsorge und Selbstbestimmung in eine gute Balance zu bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wolfgang Schmidtbauer hat es vor vielen Jahren \u00fcber die hilflosen Helfer geschrieben. Wenn immer weniger zu tun bleibt, Probleme sich mit Medikamenten oder Operationen nicht mehr l\u00f6sen lassen, k\u00f6nnen Ratlosigkeit und Ohnmacht auch das Team erreichen. Dann<strong> besteht die Gefahr des inneren oder \u00e4u\u00dferen R\u00fcckzugs. Dann braucht das Team selbst Unterst\u00fctzung, um die eigene Handlungs- und Entscheidungsf\u00e4higkeit nicht zu verliere<\/strong>n.<strong> Sp\u00e4testens jetzt geht es darum, auch die eigenen Grenzen zu respektieren \u2013 genauso wie die Selbstbestimmung der Sterbenden. \u00a0<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wo Sterbende uns selbst \u00fcberfordern, n<strong>ehmen wir sie vielleicht nicht mehr wahr; Ihre Sorgen und \u00c4ngste, aber auch ihre eigenwilligen L\u00f6sungen, ihr Hinweis auf Grenzen, ihre inneren Bilder<\/strong>. <strong>Es hat aber Konsequenzen, wenn wir uns nicht gegenseitig wahrnehmen und begleiten. Sowohl individuell als auch f\u00fcr die Gesellschaft wird der Tod damit immer belastender\u201c, <\/strong>sagt Eckhardt Nagel. Und seine Mitautorin Elke B\u00fcdenbender schreibt, die moderne Gesellschaft lie\u00dfe uns allein mit der Frage, was wir am Ende wollen. \u201e<strong>Wir m\u00fcssen das selbst kreieren. Wir m\u00fcssen eine Gesellschaft schaffen, in der wir leben wollen.<\/strong>\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Damit das gelingen kann \u2013 in einer Einrichtung, in einer Debatte \u2013 ist es hilfreich, sich auf einen gemeinsamen Grund beziehen zu k\u00f6nnen \u2013 auch wenn die damit verbundenen Erfahrungen ganz unterschiedlich sein m\u00f6gen. <strong>Aber die Hoffnung, getragen zu werden und die Gelassenheit, trotz Br\u00fcchen zu einem guten Abschluss kommen zu k\u00f6nnen, ist nicht selbstverst\u00e4ndlich. Diese Hoffnung lebt vom Vertrauen<\/strong> ins Leben. Dem<strong> Vertrauen, das Freiheit und Loslassen erm\u00f6glicht. <\/strong>-und davon, dass Freiheit, Solidarit\u00e4t und Menschenw\u00fcrde zu den Grundwerten unserer Gesellschaft geh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Tats\u00e4chlich geht es aber am Ende nicht nur um Ethik und Werte, es geht um Spiritualit\u00e4t. Ich meine das innere Erf\u00fcllt-sein, aus dem heraus ein Mensch seinem Leben, bewusst oder unbewusst, Wert und Bedeutung gibt.<\/strong> Die innere Einstellung, mit der ein Mensch auf die Widerfahrnisse des Lebens reagiert und auf sie zu antworten versucht. Was passiert mit uns, wenn diese Widerstandskraft ausgeht und wir nur noch Leere sp\u00fcren? Wer eine schwere Depression erlebt hat, kennt vielleicht das Gef\u00fchl der Leere \u2013 innerlich tot zu sein und abgekoppelt von allem, was Leben ausmacht. In dieser Situation liegt der Gedanke an einen Suizid nahe &#8211; vielleicht eine M\u00f6glichkeit, noch eine letzte eigene Entscheidung zu treffen. Wo es gelingt, dar\u00fcber ins Gespr\u00e4ch zu kommen und andere Perspektiven zur Sprache zu bringen, kann unsere Seele Leben sp\u00fcren. <strong>Dann \u00f6ffnet sich ein Fenster, dass uns stark macht, eigene Entscheidungen in aller Freiheit zu treffen<\/strong>. Entscheidungen aus dem inneren Kern der Person.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eEs ist, als ob in mir ein tiefes Loch w\u00e4re \u2013 da verkrieche ich mich und da kann ich die innere Stimme h\u00f6ren\u201c, schreibt Etty Hilversum.<\/strong> Der Film, der auf dem Hintergrund ihrer Tageb\u00fccher entstand, zeigt, wie sie die Kraft fand, ins Arbeitslager Westerbork zu gehen. In den sicheren Tod. Aus Lebensfreude, Liebe und Solidarit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Cornelia Coenen-Marx, Seele-und-Sorge<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. 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