{"id":8087,"date":"2025-10-10T16:21:49","date_gmt":"2025-10-10T14:21:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=8087"},"modified":"2025-10-10T16:22:18","modified_gmt":"2025-10-10T14:22:18","slug":"geschwisterlich-miteinander-leben-kirchen-im-quartier","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=8087","title":{"rendered":"Geschwisterlich miteinander leben \u2013 Kirchen im Quartier"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Geschwisterlich miteinander leben \u2013 Kirchen im Quartier<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:18px\"><strong>1. Der Gemeindeladen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>1.1. Sammlung und Sendung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><\/ol>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><\/ol>\n\n\n\n<p>Fast 40 Jahre lang waren die T\u00fcren des\u201c Gemeindeladens\u201c offen \u2013 fast 40 Jahre konnte\u00a0 man an und hinter den gro\u00dfen Schaufenstern vielf\u00e4ltige Angebote finden. Vor allem aber immer ein offenes Ohr f\u00fcr die eigenen Sorgen. Jetzt aber, kurz vor dem Jubil\u00e4um, wurde der Mietvertrag gek\u00fcndigt \u2013 auf dem Hintergrund von Sparauflagen f\u00fcr viele nachvollziehbar. Schlie\u00dflich war die hauptamtliche Stelle schon seit ein paar Jahren auf eine halbe reduziert, das Projekt l\u00e4ngst \u00f6kumenisch aufgestellt. Wenn es um Geld ging \u2013 h\u00e4tte man nicht weitere Tr\u00e4ger oder Sponsoren finden k\u00f6nnen? Der vielleicht wichtigste Grund, den Laden zu schlie\u00dfen, stand im Gemeindebrief. Es seien am Ende zu wenige Gemeindeglieder dort gewesen, meinte der Kirchenvorstand.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber ein Treffpunkt f\u00fcr Gemeindemitglieder sollte der Laden nie sein. Offenbar konnte der Kirchenvorstand die Zielsetzung, mit der der Laden 1986 gegr\u00fcndet wurde, nicht mehr nachvollziehen. Damals ging es darum, andere, neue Menschen einzuladen und anzusprechen \u2013 gerade die, die den Weg ins Gemeindehaus nicht fanden, denen die Schwelle zu hoch war. Damit folgte das Leitungsgremium der \u201emissionarischen Doppelstrategie\u201c,\u00a0die damals viel diskutiert wurde. Es sollte nicht nur darum gehen, Menschen zu sammeln , ihr Engagement zu f\u00f6rdern, Gemeinschaft zu bilden und Gottesdienst zu feiern,\u00a0 sondern auch darum, sich immer wieder herauszuwagen, das bekannte Milieu hinter sich zu lassen und\u00a0 neue Menschen anzusprechen. Die 1980-er Jahre waren eine Zeit starken Gemeindewachstum, die Zahl der Gruppen, der Erwachsenenbildungsangebote, der Ehrenamtlichen stieg; bis zu 20. Prozent der Mitglieder engagierten sich. Die hohe Arbeitslosigkeit, die Ver\u00e4nderung von Frauenrollen, das Schicksal von Asylsuchenden besch\u00e4ftigten viele in der Gemeinde- aber mit den \u00fcblichen Bildungsveranstaltungen gelang es nicht, die Betroffenen selbst anzusprechen. Gleichzeitig zeigte der Austausch mit\u00a0 Sozialarbeit und Gemeindekrankenpfleg, dass die diakonischen Dienste ganz andere Menschen ansprachen &#8211; Menschen, die allerdings \u00a0durchaus zur Kirchengemeinde angeh\u00f6rten.<\/p>\n\n\n\n<p>So entstand \u2013 gemietet von Eltern einer Konfirmandin\u00a0\u2013 auf \u00a0der Einkaufsstra\u00dfe mitten in der Kleinstadt der Laden und lud alle, die vorbeikamen, zu einem Kaffee und einem Kl\u00f6nschnack ein. Das\u00a0Motto: \u201eMach Dich auf, lass Dich ein\u201c,\u00a0zeigte das Selbstverst\u00e4ndnis: Ein offenes Haus, in dem Menschen einander zuh\u00f6ren , sich auf Neues einlassen, sich selbst neu entdecken konnten. Wer Lust hatte, konnte sich ein Buch leihen, an einem Kurs teilnehmen oder auch selbst einen anbieten. Wer Hilfe brauchte, konnte sich an die diakonische Beratung wenden, an einem Seminar \u00a0f\u00fcr pflegende Angeh\u00f6rige teilnehmen oder in der Kleiderkammer vorbeischauen. <a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a>\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1.2. Teilhabe auf der H\u00f6he der Zeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><\/ol>\n\n\n\n<p>\u00dcber die Jahre entstanden vielf\u00e4ltige \u00a0Angebote \u2013 immer mit besonderem Blick darauf, wo der Schuh der Zeit dr\u00fcckte. Am Anfang waren es die Mutter-Kind-Kurse: es fehlten Kindergarten- und noch mehr Krippenpl\u00e4tze. Ein paar Jahre sp\u00e4ter gab es mittags ein Angebot zur Schulkindbetreuung \u2013 die verl\u00e4ssliche Grundschule gab es noch nicht. Dann eine Ausstellung \u00fcber das\u00a0 Kopftuch und t\u00fcrkische Migrantinnen und einen Vortrag \u00fcber die Situation in Sri Lanka, von wo damals die Tamil Tigers in die Gemeinde kamen. Die\u00a0Irritation in der Begegnung mit \u201efremden\u201c Ladenbesuchern musste bearbeitet werden. Gleichzeitig ging es angesichts der hohen Zahl von Arbeitslosen um Arbeitsmarkpolitik, Und schlie\u00dflich auch um die Einsamkeit der \u00c4lteren: Caf\u00e9 Efeu wurde gegr\u00fcndet, das Sonntags-Caf\u00e9.<a> <\/a>Auf dem H\u00f6hepunkt der Ankunft von Sp\u00e4t-aussiedlern sorgte eine Familie f\u00fcr die Gr\u00fcndung einer Dependance in einem der Viertel mit vielen Neuzugezogenen \u2013 kein Zufall, dass die Initiatoren selbst\u00a0 fr\u00fchere\u00a0Umsiedler waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann die Alltagshilfen f\u00fcr Pflegende. Mehr als 15 Frauen beteiligten sich daran. Wurzelboden war ein Kurs f\u00fcr Pflegende Angeh\u00f6rige mit Mitarbeiterinnen der Diakoniestation und eine Selbsthilfe-Gespr\u00e4chsgruppe, in der die h\u00e4uslichen Probleme und N\u00f6te sichtbar wurden. Ausgehend von den Fragen der pflegenden Angeh\u00f6rigen entwickelten sich in Seelsorge und\u00a0 Beratungen\u00a0parallel \u00a0Gespr\u00e4che \u00fcber Spiritualit\u00e4t in der Pflege. Und weil die ersten Jahre des Ladens in die Zeit hoher Arbeitslosigkeit fielen, unterst\u00fctzte das Arbeitsamt das Pflegeprojekt finanziell. Die Liste, die die Leiterin des Ladens zum 25-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um vortrug, war lang und voller \u00dcberraschungen: Alles war m\u00f6glich, was Besucherinnen und Besucher beitrugen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1.3. Br\u00fcckenschlag ins Quartier \u2013 Kooperation von Kirche und Diakonie<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><\/ol>\n\n\n\n<p>In der Auseinandersetzung mit den aktuellen Herausforderungen entwickelten sich neue\u00a0 Partnerschaften \u2013 mit\u00a0der Stadtverwaltung, der Arbeitsagentur, den Schulen, den Vereinen; fr\u00fch schon entstanden Bez\u00fcge zum Einzelhandel und eine Mitgliedschaft im Heimatverein. Aus dem Gemeindeprojekt war ein Quartiersladen geworden. Dabei war die Zusammenarbeit von Kirche und Diakonie von Anfang an konstitutiv\u00a0 und wurde in\u00a0 entsprechenden Vertr\u00e4gen festgehalten. Auch wenn es hin und wieder ruckelte \u2013 schlie\u00dflich haben die Organisationen verschiedene Strukturen und\u00a0 Kulturen-, wurde daraus ein interdisziplin\u00e4res\u00a0Team von Hauptamtlichen, das den Horizont der \u201eKerngemeinde\u201c offen hielt: Die Leitung des Ladens und des Kindergartens, die dem Bezirk zugewiesene ambulante Pflegekraft, die Vertreterin der diakonischen Beratung und die Gemeindepfarrerin oder sp\u00e4ter \u00a0der Gemeindepfarrer \u00a0teilten einmal w\u00f6chentlich Erfahrungen, trafen Absprachen. \u00a0Verk\u00fcndigung, Gemeinschaft und Dienst wurden integral gedacht: als Angebot im Quartier f\u00fcr alle, die Unterst\u00fctzung brauchen, als\u00a0inklusive Gemeinschaft \u2013 auch auf Zeit \u2013, als Verk\u00fcndigung\u00a0 im Alltag der Welt. Dazu geh\u00f6rte, die Themen der Zeit wie die des Kirchenjahrs im Laden zu gestalten \u2013 auf dem Schwarzen Brett wie in kurzen Andachten. Darauf zu h\u00f6ren, welche Themen die Ladenbesucher besch\u00e4ftigten, wie Gott im Alltag vorkam und wie dieser Alltag in der Andacht zur Sprache kommen konnte. Tats\u00e4chlich k\u00f6nnen Sozialr\u00e4ume \u201eOrte sein, an denen die heilsam-befreiende Gegenwart Gottes erfahren werden kann\u201c (Lob-H\u00fcdepohl in:\u00a0Eurich, L\u00e4mmlin, Wegner 2024)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1.4. Neues und traditionelles Ehrenamt:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><\/ol>\n\n\n\n<p>In Reutlingen haben sich Menschen auf den Weg gemacht, ihre Wohnquartiere lebenswerter zu gestalten \u201eDas Projekt \u201eLebenswerte Nachbarschaft\u201c,<a href=\"#_ftn2\" id=\"_ftnref2\">[2]<\/a> das aus der Kreuzkirchengemeinde heraus entstanden ist, vernetzte innerhalb weniger Jahre hunderte unterschiedliche Menschen f\u00fcr ein neues, vielf\u00e4ltiges Miteinander und m\u00fcndete 2019 in die \u201eStiftung lebenswerte Nachbarschaft\u201c. Zu der F\u00fclle von Aktivit\u00e4ten geh\u00f6rt ein Altersnetzwerk genauso wie ein Kindercaf\u00e9, ein Reparaturdienst wie die Job Paten und ein Sprachtraining f\u00fcr Gefl\u00fcchtete.\u00a0Einer der Gr\u00fcnder, Otto Haug, verr\u00e4t sein Geheimnis: \u201eNicht einfach nur Ehrenamtliche suchen, die eigenen Ideen aus den Leuten herausholen \u2013 wir motivieren Menschen zu machen, was sie schon immer machen wollten. Dann entwickeln wir gemeinsam\u201c,<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz auf der H\u00f6he der Zeit entwickelte sich auch im Laden ein neues Ehrenamt \u2013 selbstbestimmt, teilhabe- und projektorientiert. Der Begriff Freiwilliges Engagement w\u00e4re hier wohl angemessener. An den Kaffeetischen helfen und einfach da sein, in der Kleiderkammer \u201ebedienen\u201c, Kinder bei den Hausaufgaben betreuen \u2013 \u201edas kann ich, mach ich gern\u201c, sagten manche. \u201eSingen und Reden das ist nicht so meins.\u201c\u00a0Es waren diese M\u00e4nner und Frauen, die bald schon daf\u00fcr sorgten, dass der Dienstplan sicher aushing, f\u00fcr Vertretung gesorgt war und dass \u00fcber den gemeinsamen Ausflug beraten wurde. Dabei nutzten einige den Gemeindeladen als Sprungbrett nach der Familienphase zur\u00fcck in die Erwerbsarbeitet: hier gab es Struktur und ein kollegiale Miteinander.<\/p>\n\n\n\n<p>Daneben dominierte im Gemeindehaus das traditionelle Ehrenamtsmodell: mit langj\u00e4hrigen Gruppenleitungen und starker Zugeh\u00f6rigkeit zur Gottesdienstgemeinde. Manche waren schon durch die Generation der Eltern hineingewachsen. Reibung gab es kaum \u2013 aber die Sorge, dass\u00a0 hier ein Nebeneinander entstand, wuchs, als das \u201eGr\u00fcndungteam\u201c des Ladens allm\u00e4hlich verschwand. So entstand der Gemeindebeirat als Integrations- und Planungsrunde, zu dem auch Mitglieder des Kirchenvorstand und Ehrenamtliche aus beiden H\u00e4usern geh\u00f6rten. Dort gab es auch Anregungen f\u00fcr gemeinsame Feste und Jahresthemen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>2. Wandel \u00a0braucht Entscheidungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>2.1. Konflikte zulassen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als der Gemeindeladen zum Quartiersladen wurde, ist \u00a0das beteiligungsorientierte und inclusive Konzept des Ladens vielleicht \u00a0nicht klar genug \u00a0kommuniziert und im Kirchenvorstand diskutiert worden. Vielleicht gab es Angst vor Konflikten. M\u00f6glicherweise w\u00e4re es\u00a0\u2013 wie an anderen Orten auch \u2013 zu Reibungen gekommen. Zwischen Laden-Gemeinde und Gruppengemeinde. \u00a0Zwischen Sammeln und Senden. Zwischen Offenheit f\u00fcr die Region und Kirchenmitgliedschaft. Solche Konflikte setzen bis heute kirchliche Konzepte unter Spannung. Bei knapper werdenden \u00a0Ressourcen zeigt sich, wo das Herz schl\u00e4gt. Kommt das zur \u00a0Sprache, finden sich vielleicht neue Wege. H\u00e4tte man das neu gebaute Gemeindehaus zum Teil zu\u00a0 vermieten k\u00f6nnen, um den Laden zu erhalten? Gemeinden, die das getan haben- Immobilien verkauft, H\u00e4user vermietet, neue Absprachen mit der Stadt , mit Vereinen oder Wohlfahrtsverb\u00e4nden getroffen, \u00a0suchen inzwischen \u00a0\u00a0Wege und Standorte \u00a0im Quartier, um neue Zielgruppen zu erreichen: da steht dann der Camper f\u00fcr Seelsorge auf dem Marktplatz, ein paar Kirchenb\u00e4nke werden raus getragen oder die Gemeinde zieht in diakonische Werk.<a href=\"#_ftn3\" id=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte des Ladens, der kurz vor dem 40. Jubil\u00e4um geschlossen wurde, zeigt wie wichtig es ist, auch da, wo die Prozesse gelingen und neue Formen umgesetzt werden, Konzepte und Zielsetzungen immer neu zu diskutieren. So ein Projekt braucht neben dem finanziellen Controlling auch regelm\u00e4\u00dfige Evaluation durch den Vorstand. Dass der Laden im Quartier viel Unterst\u00fctzung fand, gen\u00fcgte am Ende nicht \u2013 das war meist Beifall \u201evon au\u00dfen\u201c. Dass es in diesem Rahmen gelang, neue Formen der Leitung wie das interdisziplin\u00e4re Team oder de n Beirat zu etablieren, dass hier ein neue Verst\u00e4ndnis von Ehrenamt gelebt werden konnte, gen\u00fcgte nicht \u2013 es stellte etablierte Strukturen und Kulturen in Frage.<\/p>\n\n\n\n<p>Traditionen, Bauten, Strukturen haben\u00a0starke Bindungskraft\u00a0 und grundlegende Ver\u00e4nderungsprozesse, neue Wege m\u00fcssen auf diesem Hintergrund gekl\u00e4rt werden. Wo das \u00a0nicht geschieht, besteht die Gefahr, dass hochengagierte Akteure sich am Aufbau neuer Arbeitsfelder, bei der Entwicklung \u00a0eines neuen Selbstverst\u00e4ndnisses verschlei\u00dfen, zumal\u00a0die Rollen der Quartiersentwickler in Tarifen und Strukturen nicht verankert sind. Etwas neues zu beginnen, kann begeistern \u2013 und eben auch ersch\u00f6pfen. Auch darauf hat Leitung zu achten. Der Gemeindeladen hatte das Gl\u00fcck, \u00fcber mehr als 30 Jahre die gleiche hauptamtliche Leitungskraft zu haben \u2013 das gab lange Zeit Stabilit\u00e4t und Vertrauen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2.2. N<em>eue Rollen, Akteure und Initiativen<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Heute liegt eine Chance in den neuen Rollen von Diakoninnen und Diakonen im Sozialraum ,,von Gemeindep\u00e4dagoginnen und Sozialarbeitern in den Regionen und Nachbarschaftsr\u00e4umen. Sie bringen den Blick f\u00fcr Kontexte und Strukturen genauso mit wie den auf Zielgruppen, die bisher oft \u00a0wenig Raum in der Gemeinde haben: Alleinerziehende Familien, Engagierte 55 plus, Menschen mit Behinderung, Migrantinnen und Migranten. Je nach Schwerpunkt der Arbeit k\u00f6nnen dann ganz unterschiedliche Konzepte entstehen, verschiedene \u00a0R\u00e4ume genutzt werden. So kann aus der Tageseinrichtung f\u00fcr Kinder ein Familienzentrum werden oder das Terassencafe bei in der Altenstiftung kann zum Treffpunkt f\u00fcr Generationen genutzt werden. Entscheidend ist, dass bei der Implementierung\u00a0 neuer Konzepte \u00a0im Quartier die Zusammenarbeit mit anderen Tr\u00e4gern gesucht wird. Gibt es R\u00e4ume, die gemeinsam genutzt werden k\u00f6nnten oder Projekte, die sich \u00fcberschneiden?<\/p>\n\n\n\n<p>Als die beiden gro\u00dfen Kirchen im Zusammenhang mit \u201eKirche bricht auf\u201c<a href=\"#_ftn4\" id=\"_ftnref4\">[4]<\/a> unterschiedliche Akteure und Tr\u00e4ger aus den Landeskirchen und Di\u00f6zesen zu Quartierstagungen einluden, zeigte die Karte \u00a0ganz deutlich, in wie vielen Kontexten und mit wie unterschiedlichen Akteuren die Kirche Quartiersentwicklung ansto\u00dfen kann. Dabei sind die Themen und Probleme in Th\u00fcringen oder in der Ruhrregion nat\u00fcrlich anders als die in W\u00fcrttemberg. Was wo dran ist, muss vor Ort entschieden werden \u2013 und dabei kommt Kirche und Diakonie eine wichtige Aufgabe zu: Sie k\u00f6nnen einladen zu offenen Foren mit Mitgliedern, Engagierten, Interessierten, um gemeinsam Schwerpunkte zu setzen und Ideen auszutauschen. Dazu sollten auch andere Wohlfahrtsverb\u00e4nde, Experten und Initiativen vor Ort eingeladen und geh\u00f6rt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die katholische Gemeinde. Maria- Lourdes in Z\u00fcrich-Seebach<a href=\"#_ftn5\" id=\"_ftnref5\">[5]<\/a> hat ein solches\u00a0Zukunftsforum veranstaltet. Die engagierten Einzelpersonen und Teams aus der Kirche hatten andere Gruppen und Initiativen zu einem kreativen Tag mit gemeinsamem Mittagessen eingeladen. Nach einem Impuls und der Vorstellung der Initiativen wurde in Gruppen gearbeitet. Es war dann \u00a0eine Karte vom Quartier, auf der zu entdecken war, wo es welche Angebote gab und wo fast alles fehlte. Das war der Bereich jenseits der Bahn, wo die Zugezogenen wohnten. Was m\u00f6glich war, um Br\u00fccken zu bauen und neue Treffpunkte zu schaffen \u2013 das besch\u00e4ftigte die Gruppe dann bis zum Abend. Und die Ideen sprudelten. Dabei wurde allen Beteiligten klar: eine gute Sozialraumanalyse ist Grundlage einer erfolgreichen Arbeit. Es w\u00fcrde lohnen, dazu noch mehr Besucher, Mitb\u00fcrgerinnen und Experten zu befragen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>3. Nachbarschaftsr\u00e4ume, Sorgenetze und andere Modelle der Quartiersentwicklung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>3.1. Kirche findet Stadt \u2013 in der Vielfalt der Namen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal zeigt es sich schon im Namen. F\u00fcr die Quartiersbewegung in Kirche und Diakonie hat es \u00fcber die letzten 25 Jahre verschiedene Namen gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Jahren 2011 und 2012 f\u00f6rderte das Bundeministerium f\u00fcr Stadtentwicklung, Bauen und Verkehr aus den Mitteln des F\u00f6rdertitels \u201eSoziale Stadt\u201c das \u00f6kumenische Projekt \u201eKirche findet Stadt\u201c, das entscheidend von Diakonie und Caritas entwickelt worden war und immer noch Anst\u00f6\u00dfe gibt. Bis 2027 schlossen sich Bundesl\u00e4nder der F\u00f6rderung an. Es ging dabei um die Kooperation von Kirchen und ihren Wohlfahrtsverb\u00e4nden mit anderen Partnern im Stadtteil: mit Schulen und Wirtschaft, mit Sportverb\u00e4nden und Initiativen des b\u00fcrgerschaftlichen Engagements. Ziel war, die Kirche als zivilgesellschaftlichen Akteur in den Netzwerken der Stadtentwicklung zu verankern. In der Evangelischen Kirche sprechen wir in diesem Zusammenhang von Gemeinwesendiakonie<a href=\"#_ftn6\" id=\"_ftnref6\">[6]<\/a>. Der Begriff steht f\u00fcr die Bewegung \u201evom Fall zum Feld\u201c, wie Wolfgang Hinte 1999 schrieb: F\u00fcr eine st\u00e4rkere Orientierung diakonischer Angebote an sozialr\u00e4umlichen Gegebenheiten, aber auch f\u00fcr eine bewusste Wahrnehmung der parochialen Verantwortung in der Kirche und f\u00fcr eine vertiefte Zusammenarbeit von diakonischen Einrichtungen und Kirchengemeinden und schlie\u00dflich f\u00fcr eine \u00d6ffnung kirchengemeindlicher und diakonischer R\u00e4ume f\u00fcr andere zivilgesellschaftlich relevante Gruppen. Gemeinwesendiakonie begreift die Kirchen auch selbst \u00a0als zivilgesellschaftliche und sozialpolitische Akteure, die zusammen mit Wirtschaft, Kommunen und Zivilgesellschaft Mitverantwortung f\u00fcr die Entwicklung des Gemeinwesens \u00fcbernehmen \u2013 und so eine neue Subsidiarit\u00e4t gestalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Projekte wie \u201eKirche findet Stadt\u201c gaben neuen Schwung in Quartiersentwicklung und Gemeinwesendiakonie. Das Problem: unter den verschiedenen Begriffen sammelten sich verschiedene Tr\u00e4ger und Aktivisten mit je unterschiedlichen Zielen. Immer noch gibt es diejenigen, die Quartiersarbeit eher als eine Aufgabe der Kirchengemeinde im Sinne ihrer Sendung verstehen. Daneben \u00a0stehen diejenigen, die Kirche als einen von vielen Akteuren \u00a0im Quartier verstehen. Dabei spielt auch eine Rolle, wie stark die Kirche noch am jeweiligen Ort verankert ist. Entscheidend f\u00fcr das Miteinander ist, ob auch Nicht-Mitglieder als gleichberechtigte Partner im Quartier wahrgenommen werden. \u00a0Ich denke dabei an eine\u00a0 Kirchengemeinde in St. Louis, USA die ich vor vielen Jahren besuchen durfte. Damals war fast die gesamte Gemeinde aus der zunehmend verarmenden Innenstadt auf die H\u00f6hen am Stadtrand gezogen. Dort hatten sie ein neues Gemeindehaus gebaut, wollten die alte Kirche aber nicht dem Verfall \u00fcberlassen. In der Innenstadt, in der Gemeindekirche, entstand\u00a0 ein Sozialzentrum mit Angeboten f\u00fcr alle, die jetzt die neue Nachbarschaft bildeten \u2013 vom Mittagstisch bis zu Sportkursen. F\u00fcr die Gemeinde war klar: dieses \u00a0Quartier blieb in ihrer Verantwortung !<\/p>\n\n\n\n<p>\u00a0<strong>3.2. Von der Parochie zur diakonischen Nachbarschaft<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Verantwortung f\u00fcr das Quartier vom Kindergarten bis zum Friedhof geh\u00f6rte von Anfang an zum Auftrag der Gemeinde-Parochie \u2013 nicht erst seit der Quartiersbewegung.\u00a0Das zeigte sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts in der Sozial- und Bildungsarbeit eines Johann Hinrich Wichern oder in der Gemeindearbeit der Diakonissen und Gemeindeschwestern aus Theodor Fliedners Kaiserswerth und vielen anderen Mutterh\u00e4usern.\u00a0Als in den 1970er und 80er Jahren Sozialstationen entstanden, die dieArbeit der Diakonissen mehr und mehr \u00fcbernahmen, war zu kl\u00e4ren, welche Zust\u00e4ndigkeit die Kirchengemeinden weiterhin f\u00fcr die Pflegebed\u00fcrftigen und Pflegenden haben sollten &#8211; in einer pluralen Nachbarschaft,in der die unterschiedlichen Dienstleister im Wettbewerb stehen und wo die Diakoniestationen l\u00e4ngst nicht mehr nur Gemeindemitglieder versorgen. Jetzt wurde sichtbar: Was vor 60 Jahren noch eine Diakonisse \u00fcbernahm, braucht heute ein multiprofessionelles Team \u2013 von der\u00a0Pflegekraft \u00fcber die soziale Arbeit bis zur Beratung, Eine Gemeinde, die weiterhin Verantwortung f\u00fcr ihr Quartier \u00fcbernehmen will, braucht also interdisziplin\u00e4re Zusammenarbeit und dar\u00fcber hinaus einen Runden Tisch von Akteuren\u00a0 und vielf\u00e4ltige Kontakte in Quartier. Auch in der Pflege selbst ist deutlich: Quartierspflege braucht \u00a0die Zusammenarbeit mit Stadtplanung, Wohnungsbau, Altenwohnungen, Besuchsdiensten, sozialer Arbeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es darum geht, Verantwortungsnetze auf regionaler und lokaler Ebene neu zu beleben, sind \u201eCaring Communities\u201c zum internationalen Leitbegriff geworden. Dabei meint Care mehr als Versorgung oder Behandlung; Care meint eine umfassende Sorge, das Leben und die Lebenszusammenh\u00e4nge in vulnerablen Situationen aufrechtzuerhalten. Caring Communities und \u00a0Sorgenetze\u00a0sind eine neue Form von \u00a0Nachbarschaftsarbeit. Das Pflegeprojet im Laden war ein kleiner Vorschein. \u00a0Solche neuen Gemeinschaften wachsen an vielen Orten, vielleicht weil viele sp\u00fcren, dass Professionalisierung und \u00d6konomisierung allein\u00a0 nicht gen\u00fcgen. \u201eDer Weg aus der Einsamkeit f\u00fchrt \u00fcber wechselseitige Unterst\u00fctzung. Ma\u00dfgeblich ist, dass Menschen sich nicht nur umsorgt f\u00fchlen und umsorgt sind, sondern dass sie auch Gelegenheit haben, f\u00fcr andere zu sorgen\u201c, schreibt Noreena Hertz ( Hertz 2022) Sorgende Gemeinschaften sind eng mit der Quartiersentwicklung verkn\u00fcpft \u2013 allerdings liegt hier der Schwerpunkt auf den Beziehungsnetzen der Personen. \u00dcber kurz oder lang geh\u00f6rt dazu aber auch ein Runder Tisch der Beteiligten Organisationen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was k\u00f6nnen Kirchen heute dazu beitragen, Orte zu schaffen, an denen Menschen f\u00fcr andere da sind, Zeit miteinander verbringen und f\u00fcreinander sorgen? Mich hat ein Modellprojekt der Schleswig-Hosteinischen Landesregierung<a href=\"#_ftn7\" id=\"_ftnref7\">[7]<\/a> \u00fcberzeugt: Da, wo es keine Gesch\u00e4fte mehr gibt und keine Gastst\u00e4tten, auf dem Land, wo die Einsamkeit besonders gro\u00df ist, da bezuschusst sie neue Zentren: mit einem kleinen, vielleicht genossenschaftlichen Laden, einem Dienstleister (z.B. einer Arztpraxis) und einem Kiosk oder Caf\u00e9: die MarktTreffs. Lebensmittel, Dienstleistung, Gemeinschaft \u2013 das ist es, was wir am meisten brauchen. Genau darum geht es auch bei Gemeinwesen Projekten, das war das Rezept des Ladens. Die sich daf\u00fcr engagieren wollen, geh\u00f6ren oft \u00a0nicht oder nicht mehr zur Kirche. Gemeinden brauchen deshalb eine gute Vernetzung mit Kommunen, Wohlfahrtsverb\u00e4nden, Nachbarschaftsinitiativen \u2013 am Runden Tisch und auch im virtuellen Raum. \u201eChristen, die nur unter sich leben, haben keine Ahnung, wie das Christentum auf Menschen wirkt, die nicht glauben; das l\u00e4sst sie einander fremd werden. [\u2026] Deshalb scheint es vor allem notwendig zu sein, die Christen \u2013 oder zumindest einen Teil davon \u2013 dahin zu bringen, dass sie geschwisterlich mit den Nichtchristen leben\u201c, meint Madeleine Delbr\u00eal.(Schleinzer 2022)\u00a040 Jahre nach der Gr\u00fcndung des Ladens ist das wohl die entscheidende Herausforderung f\u00fcr Kirchengemeinden: sich aufzumachen und sich auf ein neues Miteinander mit Engagierten und Suchenden im Quartier einzulassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Cornelia Coenen-Marx<strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> Als Gemeindepfarrerin geh\u00f6rte ich selbst zum Gr\u00fcndungsteam des Gemeindeladens, habe die Gemeinde aber nach f\u00fcnf Jahren verlassen. In den folgenden Jahren habe ich den Laden von Ferne begleitet- durch Kontakte im Ort, Teilnahme an Jubil\u00e4en und Kontakte zur langj\u00e4hrigen Leiterin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ftnref2\" id=\"_ftn2\">[2]<\/a> \u201eLebenswerte Geschichten\u201c. Vom Beziehungswohlstand im Wohnquartier, 2021<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ftnref3\" id=\"_ftn3\">[3]<\/a>&nbsp;&nbsp; Witten , Diakonie Wuppertal-Wichlinghausen ( KiWi)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ftnref4\" id=\"_ftn4\">[4]<\/a> www. kirche-findet-stadt.de<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ftnref5\" id=\"_ftn5\">[5]<\/a> www.kirche-geht.ch<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ftnref6\" id=\"_ftn6\"><\/a>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ftnref7\" id=\"_ftn7\">[7]<\/a> Schleswig-Holstein: www. MarktTrerff-sh.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geschwisterlich miteinander leben \u2013 Kirchen im Quartier 1. Der Gemeindeladen. 1.1. 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