{"id":778,"date":"2015-05-12T19:39:40","date_gmt":"2015-05-12T19:39:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=778"},"modified":"2016-02-04T19:41:02","modified_gmt":"2016-02-04T19:41:02","slug":"kiez-quartier-und-viertel-gemeinwesendiakonie-als-chance-und-herausforderung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=778","title":{"rendered":"Kiez, Quartier und Viertel- Gemeinwesendiakonie als Chance und Herausforderung"},"content":{"rendered":"<p><strong>1. Das Beispiel Roseto<\/strong><\/p>\n<p>Roseto in Pensylvania wurde in den 60er Jahren ber\u00fchmt. Das kleine Dorf, das von italienischen Auswanderer gegr\u00fcndet wurde, hatte eine besonders niedrige Sterberate bei den unter 65-j\u00e4hrigen &#8211; \u00a030 &#8211; 35 Prozent unter dem Durchschnitt. John Bruhn, Mitglied in einem Forscherteam, berichtete, man habe dort keine Selbstmorde gefunden, keinen Alkoholismus, keine Magengeschw\u00fcre; die meisten Leute seien einfach an Altersschw\u00e4che gestorben. In den n\u00e4chsten Jahren ging man verschiedenen Hypothesen nach: war es ein besonderes Oliven\u00f6l, das so gesund erhielt oder insgesamt eine ges\u00fcndere Kost? Tats\u00e4chlich aber nahmen die Leute dort 41 Prozent Fett zu sich. Lag es an den Genen? Am Trinkwasser, der medizinischen Behandlung in der dortigen Klinik? Keine Hypothese hielt der Forschung stand. Erst in den 70er Jahren kam das Forscherteam zu einem ganz anderen, \u00fcberraschenden Ergebnis. Damals, als in Rosetto der erste junge Mann am Herzinfarkt starb, hatte das Dorf seinen urspr\u00fcnglichen, italienischen Charakter schon verloren; die jungen Leute zogen zur Arbeit raus, man ging nicht mehr regelm\u00e4\u00dfig zur Kirche oder in den Club, a\u00df abends nicht zusammen auf der Piazza. Im R\u00fcckblick\u00a0 zeigte sich: wer in eine solidarische Gemeinschaft eingebunden ist, lebt entspannt und vertrauensvoll. Und das lindert Stress.<\/p>\n<p>Wir leben in einer individualistischen Gesellschaft. Zu den Trends die laut Time-Magazin unser Leben ver\u00e4ndern geh\u00f6rt die \u201eVersingelung\u201c der westlichen Gesellschaften: 28% aller US-Haushalte sind heute Single-Haushalte, verglichen mit 9% in den 50er Jahren &#8211; ein enormer Anstieg. In Schweden sind es \u00fcbrigens 47 Prozent, in Gro\u00dfbritannien 34, in Japan 31 Prozent \u2013 aber in Kenia nach wie vor nur 15, in Indien sogar nur 3 Prozent. Der Soziologieprofessor Eric Klinenberg, kommt zu dem Ergebnis, dass Alleinleben der beste Weg ist, die modernen Werte einer individualistischen Gesellschaft zu leben: Freiheit, Selbstverwirklichung und Selbstkontrolle. Single zu sein, ist eine Lebensform. Von vielen frei gew\u00e4hlt oder in \u00dcbergangsphasen bewusst gestaltet. Auch viele Paare kennen Lebensphasen, in denen sie aus beruflichen Gr\u00fcnden \u00fcber lange Zeit getrennt leben. Immerhin jedes dritte Paar in den ersten Berufsjahren ist betroffen- und f\u00fcr viele ist das der selbstverst\u00e4ndliche Preis f\u00fcr berufliche Mobilit\u00e4t und Karriere. Die Eigenst\u00e4ndigkeit, die wir uns erk\u00e4mpft haben, geht eben auch mit Einsamkeit einher, darum w\u00fcnschen wir uns zugleich, in einer verl\u00e4sslichen Gemeinschaft zu leben- in Familien, Betrieben, Vereinen und Quartieren.<\/p>\n<p>Gesunde Beziehungen sind der Schl\u00fcssel f\u00fcr ein gutes Leben und Sterben. In der Zivilgesellschaftsbewegung ist\u00a0 zurzeit von Caring- Communities die Rede, von sorgenden Gemeinschaften. Die Alterskommission wie die Ehrenamtskommission der Bundesregierung befassen sich damit. Es geht um die Entwicklung von lebendigen und starken Nachbarschaften, um Budgets f\u00fcr Quartierspflege und B\u00fcndnisse f\u00fcr Familien. Denn die traditionellen Netze in Familien und Nachbarschaften scheinen zu rei\u00dfen. Der j\u00fcngste Freiwilligensurvey der Bundesregierung zeigt: Waren es vor 10 Jahren noch 74 Prozent der Bev\u00f6lkerung, die sagten, sie k\u00f6nnten sich in Notlagen auf Familie und Freunde verlassen, so sind es heute nur noch 64 Prozent .Die \u201e Moral\u00f6konomie verliert an Strahlkraft\u201c sagt der Vorsitzende der Alterskommission, Thomas Klie. Denn wer sich um andere k\u00fcmmert, und das waren traditionell die Frauen, der hat weniger Zeit f\u00fcr Erwerbsarbeit, weniger Geld f\u00fcr Konsum- und wahrscheinlich auch weniger Geld in der Rente. Kein Wunder, dass viele \u00c4ltere Angst haben, ihren Kindern zur Last zu fallen, deren Leben zu st\u00f6ren. Derweil w\u00e4chst die Spaltung zwischen denen, die sich in der Rushhour des Lebens vor lauter Selbstsorge \u00fcberfordert f\u00fchlen und denen, die auf die Mitsorge anderer angewiesen sind.<\/p>\n<p>Gott sei Dank gibt es auch Gegenbeispiele: ich denke an den wachsenden Einsatz Ehrenamtlicher f\u00fcr Tafeln oder neue Wohngemeinschaften f\u00fcr Demenzkranke. In M\u00f6ssingen zum Beispiel hat eine Gruppe von Angeh\u00f6rigen eine Wohngemeinschaft f\u00fcr Wachkomapatienten gegr\u00fcndet &#8211; und Menschen, die eigentlich schon aufgegeben waren, fanden nach Jahren zu neuem Leben. Ihre W\u00fcrde wird ernst genommen, Respekt auch vor der Schw\u00e4che sp\u00fcrbar. \u201eDie Sorge f\u00fcr die Schwachen sch\u00fctzt die Starken selbst\u201c, schreibt Romano Guardini. \u201eDer Mensch, der es ablehnt, dem sinkenden Leben gut zu sein, vers\u00e4umt eine wichtige Chance, zu verstehen, was Leben \u00fcberhaupt ist\u201c und wie sehr wir Menschen miteinander solidarisch sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Kirche findet Stadt<\/strong><\/p>\n<p>\u201e Kirche findet Stadt\u201c \u2013\u00a0so hei\u00dft ein \u00d6kumenisches Projekt, das in den Jahren 2011 und 2012 vom Bundesministerium f\u00fcr Stadtentwicklung, Bauen und Verkehr und unter dem Titel \u201e Soziale Stadt\u201c gef\u00f6rdert wurde. Kirche findet Stadt, im Dorf, im Quartier, im Viertel. Kirche bleibt nicht im Verborgenen, sie ist kein Museum- sie l\u00e4sst sich ein auf die Herausforderungen ihrer Nachbarn. Bundesweit aufgestellt, hat das Projekt \u201e Kirche findet Stadt\u201c M\u00f6glichkeiten der Zusammenarbeit ausgelotet. Es ging um die Kooperation von Kirchen und ihren Wohlfahrtsverb\u00e4nden mit anderen Partnern im Stadtteil: mit Schulen und Wirtschaft, mit Sportverb\u00e4nden und Initiativen des b\u00fcrgerschaftlichen Engagements. Ziel war, die Kirche als zivilgesellschaftlichen Akteur in den Netzwerken der Stadtentwicklung zu verankern. Insgesamt 120 Projekte aus ganz Deutschland haben sich als Referenzstandorte gemeldet; 36 davon wurden ausgew\u00e4hlt. Leuchtt\u00fcrme einer Bewegung, die weit \u00fcber dieses \u00f6kumenische Projekt hinausgeht. In der Evangelischen Kirche sprechen wir in diesem Zusammenhang von Gemeinwesendiakonie. Es geht darum, die Kirche wieder neu im Stadtteilbewusstsein zu verankern \u2013 die T\u00fcren zu \u00f6ffnen und R\u00e4ume anzubieten, Milieugrenzen zu \u00fcberbr\u00fccken und Andockpunkte zu bieten f\u00fcr Hilfe und f\u00fcr Engagement.<\/p>\n<p>So wie in Offenbach. In der Diakoniekirche werden kirchliche und diakonische Handlungsfelder neu aufeinander bezogen: das Familienzentrum, basierend auf der Tageseinrichtung, ist der Knotenpunkt im Netzwerk familienbezogener Dienste, das Beratungszentrum unterst\u00fctzt die Einzelnen in ihren individuellen Notlagen und der diakonische Gemeindeaufbau zielt ganz auf Community Organising und interkulturelle Projekte. Denn die Diakoniekirche liegt im Mathildenviertel, wo Menschen aus 50 verschiedenen Nationen zu Hause sind. Eine wesentliche Aufgabe ist darum, Barrieren in Sprache und Kultur abzubauen und deutlich zu machen, in welcher Weise das Miteinander der Religionen Vertrauen schafft. Hier machen viele mit: AWO und Caritas, Schulen und interkultureller Arbeitskreis. Oder wie in Berlin Heilig-Kreuz: da ist die Kirche Diakoniezentrum geworden \u2013 mit einem geistlichen Raum in der Mitte, mit Cafes und Beratungsstellen und einem wunderbaren Kirchengarten. Ein Zentrum f\u00fcr Wohnungslose, f\u00fcr Engagierte in der\u00a0 Migrationsarbeit, f\u00fcr Eltern im Stadtteil.<\/p>\n<p>\u201eGemeinwesendiakonie\u201c \u00a0steht f\u00fcr die Bewegung \u201evom Fall zum Feld\u201c, wie Wolfgang Hinte das nennt: F\u00fcr eine st\u00e4rkere Orientierung diakonischer Angebote an sozialr\u00e4umlichen Gegebenheiten, aber auch f\u00fcr eine vertiefte Zusammenarbeit von diakonischen Einrichtungen und Kirchengemeinden und schlie\u00dflich f\u00fcr eine \u00d6ffnung kirchengemeindlicher und diakonischer R\u00e4ume f\u00fcr andere zivilgesellschaftlich relevante Gruppen. Sie kn\u00fcpft dabei an an Erfahrungen der Gemeinwesenarbeit, wie Kirche und Diakonie sie seit den 70er Jahren vor allem zusammen mit Wohnungsbaugesellschaften umgesetzt haben und heute noch umsetzen- in Bonn- Tannenbusch zum Beispiel oder auch in Kassel.. Gemeinwesendiakonie will \u00a0Nachbarschaften st\u00e4rken und tr\u00e4gt damit zur Erneuerung der Subsidiar\u00e4t bei. Wenn es gut geht, dann ist \u201eKirche mittendrin\u201c in Kiez, Quartier und Viertel und \u00fcbernimmt Mitverantwortung f\u00fcr dessen Entwicklung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Alles auf Anfang<\/strong><\/p>\n<p>Die soziale Struktur unserer Gesellschaft ist im Umbruch- viele sp\u00fcren das, auch wenn sie es nicht wahrhaben wollen. Dabei geht es um mehr als um die fiskalische Krise der sozialen Sicherungssysteme angesichts einer globalisierten Wirtschaft. Die alte Rollenaufteilung, nach der die erwerbst\u00e4tigen M\u00e4nner das Geld f\u00fcr diesen Sozialstaat erarbeiten, w\u00e4hrend Frauen sich in Familie, Nachbarschaft und Gemeinde unentgeltlich f\u00fcrs Soziale engagieren, tr\u00e4gt nicht mehr. Und die traditionelle Ordnung des Sozialstaats in Deutschland, nach der vor allem die Verb\u00e4nden und Einrichtungen der Freien Wohlfahrtspflege, kostendeckend finanziert, daf\u00fcr zust\u00e4ndig waren, soziales Handeln professionell zu gestalten, ist auch l\u00e4ngst Geschichte. Und auch das alte Rezept, durch mehr Wirtschaftswachstum zu mehr Verteilung zu kommen, greift kaum noch- auch wenn wir im Blick auf die Arbeitslosigkeit und die Lage der jungen Generation im S\u00fcden gerade einen neuen europ\u00e4ischen Sozial- und Wachstumspakt geschlossen haben. Es steht zu bef\u00fcrchten, dass die Staatsschuldenkrise in vielen L\u00e4ndern Europas die schleichende Sozialstaatskrise versch\u00e4rfen wird. Und auch hierzulande, im wohl stabilsten Land Europas, gelingt es kaum, die dr\u00e4ngendsten Fragen anzufassen, vor denen wir stehen: die Zukunft der Pflege, eine gerechte Entlohnung der Care-Berufe wie der Sorgeleistungen in Familien, eine Mindestsicherung im Alter, die ihren Namen verdient, Tageseinrichtungen und Ganztagsschulen mit durchg\u00e4ngiger p\u00e4dagogischer Qualit\u00e4t und eine Reform der Kommunalfinanzen, die den wachsenden Aufgaben gerecht wird.<\/p>\n<p>Von einem neuen Gesellschaftsvertrag ist in diesem Zusammenhang oft die Rede. Vor lauter Individualisierung und Spezialisierung, vor lauter Effizienzdenken und Effizienzsteigerung habe man den roten Faden verloren, sowohl individuell als gesellschaftlich, sagt Stefan Gr\u00fcnewald vom Institut Rheingold. Es fehle die Resonanz, die erst Sinn gebe, das gemeinsame Projekt, das Zukunft erschlie\u00dfe, Bindungskr\u00e4fte gingen verloren-\u00a0 und das wirke be\u00e4ngstigend. Was ist zu tun, wenn dieser Befund stimmt und was k\u00f6nnen wir als Kirche und Diakonie dazu beitragen? Ich denke, wir k\u00f6nnen aus unserer Geschichte lernen.<\/p>\n<p>In der Mitte des 19. Jahrhunderts suchte die Gr\u00fcndergeneration der neuzeitlichen Diakonie nach Antworten auf die Herausforderungen der ersten Globalisierungswelle: das wachsende Proletariat der Industriearbeiter in den St\u00e4dten, Armut, prek\u00e4re Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse und bildungsferne Familien waren auch damals ein gro\u00dfes Problem. Dazu kamen \u00fcberforderte Familien und die Vernachl\u00e4ssigung von Kindern und Pflegebed\u00fcrftigen. Wichern und die Fliedners, Amalie Sieveking und Bodelschwingh, Kolping reisten in andere L\u00e4nder, um die Zusammenh\u00e4nge zu verstehen und neue Initiativen zu entdecken \u2013 denn f\u00fcr sie stand au\u00dfer Zweifel, dass das Elend, das sie sahen, eine Anfrage an ihr Christsein war.\u00a0 Ja, dass Gott selbst ihnen in den Kindern, den Kranken und Gefangenen begegnete, so wie es im Gleichnis vom gro\u00dfen Weltgericht erz\u00e4hlt wird. So entstanden die Hospitalkirchen wie in Kaiserswerth, neue Wohnquartiere und Ausbildungsst\u00e4tten wie in Hamburg-St. Georg, Kleinkinderschulen wie in D\u00fcsseldorf, Gefangenenf\u00fcrsorgevereine wie in Berlin.<\/p>\n<p>In Hamburg setzte sich Johann Hinrich Wichern f\u00fcr junge Leute aus Armutsfamilien ein, vermittelte Bildungschancen, gr\u00fcndete Sonntagsschulen, entwickelte eine Internatsausbildung f\u00fcr Handwerkgesellen und schuf eine Diakonenausbildung, damit die jungen M\u00e4nner mit solchen Erfahrungen anderen zur Seite stehen konnten. Es ging um die Erfahrung, gebraucht zu werden, einen Platz in der Gesellschaft zu haben. Eine Erfahrung, nach der sich heute wieder viele Menschen sehnen- Berufstr\u00e4ger wie Hartz-IV-Empf\u00e4nger, Fr\u00fchrentner wie\u00a0 Jugendliche ohne Schulabschluss und die vielen, die nicht mehr mithalten k\u00f6nnen in der beschleunigten Arbeitswelt &#8211; die M\u00fctter kleiner Kinder, Menschen mit Behinderung und psychisch Kranke. All die Abgeh\u00e4ngten, die das Gef\u00fchl haben, auf sie k\u00e4me es nicht mehr an.\u00a0 Die modernen Arbeitssklaven, von der Globalisierung \u00fcber die Kontinente gekarrt. Ja, tats\u00e4chlich gleichen die Herausforderungen der weltweiten Globalisierung denen des 19. Jahrhunderts und manche Probleme, die wir l\u00e4ngst \u00fcberwunden glaubten, kehren in neuem Gewand zur\u00fcck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Das offene Fenster<\/strong><\/p>\n<p>Was ist das Geheimnis der Stadtteill\u00e4den und Diakoniecafes, der Treffpunkte im Quartier? Als eine, die vor 30 Jahren so einen Gemeindeladen gegr\u00fcndet hat, w\u00fcrde ich es heute so zusammen fassen: In diesem Cafe kamen Probleme zur Sprache, die die Gemeinde lange nicht wahrgenommen hatte: Arbeitslose kamen und erz\u00e4hlten von ihrer aussichtslosen Situation \u2013 und manche engagierten sich sp\u00e4ter im Ladenteam. \u00dcberforderte und verzweifelte pflegende Angeh\u00f6rige trafen sich in einer Gruppe. Als zur Er\u00f6ffnung dieses Stadtteiltreffpunkts einluden, stand auf der Einladung eine kleine Geschichte mit dem Titel: \u201e Ich traf nur Martin\u201c. F\u00fcr Etablierte mit einem gro\u00dfen pers\u00f6nlichen Netz das Selbstverst\u00e4ndlichste der Welt &#8211; aber f\u00fcr Abgeh\u00e4ngte eine T\u00fcr, die sich \u00f6ffnet. Ein Fenster in eine andere Welt. Du setzt dich an einen Cafetisch und vielleicht setzt sich jemand zu Dir. Eine Ehrenamtliche- sie h\u00f6rt Dir zu. Und im Gespr\u00e4ch merkt Ihr: Du bist nicht allein mit Deiner Geschichte, Deiner Frage, Deinem Problem. Es geht anderen auch so. Vielleicht entsteht sp\u00e4ter eine Gruppe, eine Aktion.\u00a0 Und in diesem Prozess des Zuh\u00f6rens, Aussprechens und Gestaltens leuchten hinter den Einzelschicksalen gesellschaftliche Strukturen und Entwicklungen auf, entstehen Initiativen im Quartier.<\/p>\n<p>Die 30 Jahre, in denen der Gemeindeladen besteht, spiegeln gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen wie in einem Brennglas: da waren zun\u00e4chst die Angebote f\u00fcr Arbeitslose, f\u00fcr pflegende Angeh\u00f6rige, die Gespr\u00e4chskreise f\u00fcr Christen und Muslime zum wechselseitigen Verst\u00e4ndnis der Religionen. Da waren die Mutterkind-Kurse, weil es noch keine Krippenpl\u00e4tze gab, und die Mittagsangebote f\u00fcr Schulkinder, weil eine Ganztagsschule fehlte. Heute spielt die Entwicklung einer altersgerechten Stadt eine gro\u00dfe Rolle \u2013 in einem neuen Netzwerk mit Stadt und Wohlfahrtsverb\u00e4nden wird gerade ein Stadtplan f\u00fcr \u00c4ltere erarbeitet.<\/p>\n<p>Denn der demographische Wandel und die zunehmende Berufst\u00e4tigkeit von Frauen zwingen dazu, neue Modelle wohnortnaher, integrierter Versorgung. Wir brauchen eine alten- und behindertengerechte Wohninfrastruktur, die auch f\u00fcr Familien hilfreich sein wird, und gute haushaltsnahen Dienstleistungen und Pflegedienste in den Quartieren. Denn die Zahl der Zahl der Hochaltrigen wie der pflegebed\u00fcrftigen Menschen in Deutschland wird weiter wachsen.- wir rechnen mit knapp 3 Millionen Leistungsempf\u00e4ngern in der Pflegeversicherung bis 2040. \u00a0Zwar\u00a0 werden die meisten Pflegebed\u00fcrftigen noch immer in ihren Familien gepflegt. Aber mehr als 40 % der 70 bis 85 Jahre alten Menschen in Einpersonenhaushalten. Und sie werden auf neue Kooperationen zwischen Pflegefachkr\u00e4ften, Angeh\u00f6rigen und Freiwilligen angewiesen sein. <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Die Entwicklung familien- und alternsgerechter Quartiere ist eine gro\u00dfe Herausforderung f\u00fcr die Kommunen. Und das bei einer wachsenden Zahl von B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger, die von Transfereinkommen abh\u00e4ngig sind- weil die Pflegeversicherung nicht reicht, um den Heimaufenthalt zu zahlen oder weil das Arbeitseinkommen nicht reicht, um die Familie zu ern\u00e4hren. Die wachsenden sozialen Unterschiede \u00a0zwischen Erwerbst\u00e4tigen und Hilfebeziehern, zwischen Bildungsgewinner und Bildungsverlier und die Parallelgesellschaften zwischen unterschiedlichen ethnischen Gruppen, zwischen Migranten und Autochthonen sind inzwischen f\u00fcr jeden und jede erkennbar. L\u00e4ngst k\u00f6nnen wir auf Karten verfolgen, wie die soziale Segmentierung sich ausweitet. Und dabei bestimmen Schichtzugeh\u00f6rigkeit und Herkommen, ja- oft die Adresse- \u00a0den Bildungserfolg, die gesundheitliche Versorgung, den gesellschaftlichen Aufstieg, Gesundheit und Lebensdauer.<\/p>\n<p>Wie Menschen aus Armut, Benachteiligung und Isolation herausfinden, ist deshalb eine der Schl\u00fcsselfragen f\u00fcr die Zukunft der Gesellschaft. Einer der entscheidenden Schl\u00fcssel sind die Quartiere. Schon Wichern hatte die Vision eines Stadtteils mit Schule und Krankenhaus, mit Bildungsangeboten und Treffpunkten. Und \u00fcber lange Jahre haben wir versucht, mit Stadtentwicklung und \u00f6ffentlich gef\u00f6rdertem Wohnungsbau f\u00fcr gemischte Quartiere zu sorgen. Heute geht es darum, dass Menschen nicht aus wirtschaftlichen Gr\u00fcnden aus ihren Wohnungen vertrieben werden, dass Mietpreise nicht unendlich wachsen, dass die Infrastruktur mit \u00c4rzten und Einkaufszentren erhalten bleibt und dass die Stadtentwicklung mit Jugendhilfeplanung und Pflegeplanung sinnvoll abgestimmt wird.<\/p>\n<p>Aber nicht nur Kommunen, Bildungseinrichtungen und Zivilgesellschaft sind gefragt, sondern auch Kirche und Diakonie. Christen und Kirchen w\u00e4ren besonders stark darin, kleine Netze im Stadtteil zu kn\u00fcpfen, Heimat zu schaffen\u00a0 und Benachteiligte einzubinden, konnte man vor einiger Zeit im britischen \u201eGuardian\u201c lesen. Der Redakteur \u00a0hatte das Sozialkapital, das die Kirchen f\u00fcr die Gesellschaft bereitstellen, sogar umgerechnet in Pfund. Und er kam zu dem Schluss, dass diese Leistung in Deutschland anerkannt w\u00fcrde \u2013 mit der Kirchensteuer n\u00e4mlich. Ob wir uns als Kirchen und Gemeinden dar\u00fcber bewusst sind, dass die Kirchensteuer auch dazu dient \u2013 Netze im Stadtteil zu kn\u00fcpfen und Menschen Heimat zu bieten?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. F\u00e4higkeiten st\u00e4rken, Teilhabe erm\u00f6glichen<\/strong><\/p>\n<p>Die Philosophin Martha Nussbaum hat grunds\u00e4tzlich dar\u00fcber nachgedacht, was es bedeutet, Teilhabe zu erm\u00f6glichen. In ihrem Konzept der Gerechtigkeit r\u00fcckt die F\u00e4higkeiten jedes einzelnen in den Mittelpunkt. <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Unser Selbstbewusstsein und unsere W\u00fcrde verbinden sich mit der Erfahrung, etwas beitragen zu k\u00f6nnen. F\u00fcr Martha Nussbaum geh\u00f6rt dazu die F\u00e4higkeit, das eigene Denken, eine eigene Lebensperspektive zu entwickeln. Alle Menschen brauchen Angebote zur Bildung und Ausbildung, um sie zu entwickeln. Genauso ist die F\u00e4higkeit, sich selbst zu versorgen, auf die eigene Gesundheit zu achten, f\u00fcr die eigene Wohnung zu sorgen. Es geh\u00f6rt zum Menschsein, Bindungen aufzubauen, zu Menschen und zu Dingen- zu lieben, zu trauern, Dankbarkeit und Zorn zu empfinden.\u00a0 Auch das Gef\u00fchl der Zugeh\u00f6rigkeit zu einer sozialen Gruppe geh\u00f6rt zum Menschsein.- genauso wie die Bereitschaft, sich politisch einzubringen. Das alles brauchen wir, um Selbstachtung zu empfinden.<\/p>\n<p>Die Idee der Inklusion, die von Martha Nussbaum mit entwickelt wurde, gilt inzwischen als internationale Leitidee in der Sozial- und Gesellschaftstheorie<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> und wird als die soziale Frage der Gegenwart betrachtet<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>. Dabei geht es nicht nur um einen individuellen Rechtsanspruch auf gesellschaftliche Teilhabe und aktive Mitgestaltung, es geht vielmehr um die Verpflichtung von Staaten und Kommunen, aber auch von Kirche und Diakonie, angemessene Vorkehrungen zu treffen, damit Menschen ihre Rechte auch wahrnehmen k\u00f6nnen. Wir sind herausgefordert, unsere Unterst\u00fctzungsleistungen so zu erbringen, dass ein Leben in der Mitte der Gesellschaft m\u00f6glich ist. Das kann nur gelingen, wenn die Leistungen personenbezogen und lebensweltlich ausgerichtet sind. Es geht darum, das Einsortieren von Menschen in \u201eSchubladen\u201c und Gruppen zu beenden, das auch unsere Hilfesysteme kennzeichnet- mit unterschiedlichen Refinanzierungen und Strukturen je nachdem, ob einer behindert oder pflegebed\u00fcrftig, alt oder krank ist.<\/p>\n<p>Kein Mensch soll aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Diese Vision hat in den letzten Jahrzehnten viele B\u00fcrger und B\u00fcrgerinnen angetrieben: von der Psychiatrieenquete bis zur Ambulantisierung der Behindertenhilfe, von Cecily Sounders bis zu Klaus D\u00f6rner. Ihre Tr\u00e4ume richteten sich zumeist auf das Zusammenleben im Quartier. Wer pflegebed\u00fcrftig ist oder mit Behinderungen leben muss, wer unheilbar krank und sterbend ist, soll deswegen nicht ausgeschlossen sein. Keiner soll umziehen m\u00fcssen oder im Heim untergebracht werden, nur weil er sich selbst nicht mehr versorgen kann; keiner soll isoliert sein, wenn er stirbt. Die Umsetzung dieses Traums in eine menschenrechtliche Norm, die UN-Behindertenrechtskonvention, zwingt uns jetzt dazu, ganz konkret dar\u00fcber nachzudenken, wie unsere allt\u00e4glichen Lebensorte gestaltet sein m\u00fcssen, damit das gelingt. Wie Wohnquartiere und Arbeitswelt, soziale Dienste und deren Finanzierung sich \u00e4ndern m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Die neuen sozialen Bewegungen sind Detektoren f\u00fcr neue sozialen Notlagen und Um-Br\u00fcche. \u00c4ltere Menschen nutzen die zugewonnen Jahre ihre Kompetenzen einzubringen, Angeh\u00f6rige Engagieren sich, in Stadtteilen entstehen Netzwerke, die um den Erhalt einer Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke k\u00e4mpfen wie neulich in Saarbr\u00fccken. B\u00fcrger, die lange marginalisiert waren werden zu Gestaltern des eigenen Lebens. \u00dcberall schlie\u00dfen sich Engagierte quer zu den alten, konfessionell oder weltanschaulich gepr\u00e4gten Verb\u00e4ndestrukturen zusammen. Der 3. Freiwilligensurvey der Bundesregierung, zeigt ganz deutlich: Es gibt einen\u00a0 Wertewandel in der Gesellschaft-\u00a0 weg von der Geselligkeitsorientierung hin zu Gemeinwohlorientierung.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a06.\u00a0Glaube to go und Weggemeinschaft<\/strong><\/p>\n<p>Das j\u00fcngste Heft der Zeitschrift Stadtteilentwicklung tr\u00e4gt den Titel \u201eGlauben\u201c. Eine Fotoserie in diesem Heft zeigt Autobahnkirchen. Glaube to go, wie die Verfasser sagen. Ohne Gemeinde, ohne Netzwerke. Was muss geschehen, um Menschen im Getriebe der Stadt wieder Heimat und Ankn\u00fcpfungspunkte zu geben? Glaube to stay so zu sagen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00a07. Engagement sch\u00e4tzen und unterst\u00fctzen<\/strong><\/p>\n<p>Die Kirchen bieten in Gemeinden, Werken und Verb\u00e4nden verl\u00e4ssliche und vielf\u00e4ltige Strukturen f\u00fcr freiwilliges Engagement. Thomas Rauschenbach sch\u00e4tzt, dass etwa jeder zweite Ehrenamtliche sich im Raum der Kirchen engagiert. In den Gemeinden, in Diakonie und Caritas, in der kirchlichen Jugend- oder Frauenarbeit, in Eine \u2013Welt-Gruppen und Ch\u00f6ren. Bemerkenswert ist, dass auch 20% der Engagierten, die sich anderswo einsetzen, eine starke und immerhin 31% eine gute Kirchenbindung haben.<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[i]<\/a> Engagement, Zeit- und Geldspenden sind Ausdruck gelebten Christsein. Die Zahl der Engagierten in den Kirchen nimmt nicht ab; aber die Zahl der Menschen, die sich auch anderswo engagieren, nimmt zu. Es wird deshalb Zeit, das Verh\u00e4ltnis von Kirche und Zivilgesellschaft neu zu beschreiben und mit Wertsch\u00e4tzung auf die Ehrenamtlichen schauen, die sich auf dem Hintergrund ihres Glaubens in anderen Zusammenh\u00e4ngen organisieren. Die Elternvertreter in Kinderg\u00e4rten und Schulen, die \u00dcbungsleiterinnen im Sportverein, die Engagierten bei der Freiwilligen Feuerwehr, die Christen im Stadtrat. Sie sind Br\u00fcckenbauer in die Gesellschaft. Und auch auf die zu schauen, die aus allen Haupt- und Ehrenamtlichen Netzen heraus fallen. Denn es gilt noch immer das Matth\u00e4us-Prinzip: Wer hat, dem wird gegeben. Wer soziale Netze hat und gut gesettelt ist, dem f\u00e4llt es auch leicht einen Ankn\u00fcpfungspunkt f\u00fcr sein Engagement zu finden und damit wieder neue Menschen kennen zu lernen. Wer aber einsam ist, der findet oft weder Zugang zu einem Job noch\u00a0 zum Ehrenamt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>8. Gemeinde als Agentur f\u00fcr Gemeinschaft<\/strong><\/p>\n<p>Eine konkrete Utopie f\u00fcr das 21. Jahrhundert nennt Jan Hendricks sein Buch \u201e Gemeinde als Herberge\u201c: Er sieht Wesen und Auftrag der Gemeinde in einer dreifachen Begegnung: mit Gott, miteinander und mit der Gesellschaft. Kirche hat Begegnungsr\u00e4ume fast in jedem Wohnquartier \u2013oft sind es die letzten \u00f6ffentlichen Orte. Sie zu \u00f6ffnen, damit viele sich einbringen k\u00f6nnen, ist ein wesentlicher Schritt. Wo wir sie nicht mehr brauchen und nicht mehr tragen k\u00f6nnen, kann es richtig sein, einen Verein mit anderen zu gr\u00fcnden, wie es bei Kirche findet Stadt in Gelsenkirchen geschehen ist. Wir m\u00fcssen nicht mehr immer Gastgeber sein- wir k\u00f6nnen, um im Bild zu bleiben, auch als Servicekr\u00e4fte mithelfen, damit das Leben gelingt.\u201c Gemeinden sind Agenturen f\u00fcr Gemeinschaft, schreibt Rosemarie Henel, die als AWO-Mitarbeiterin mit einer Kirchengemeinde zusammenarbeitet, sie seien ein \u201eCircle of support\u201c.<\/p>\n<p>Mit ihrer parochialen Struktur sind Kirchengemeinden eben\u00a0 immer schon auf das Gemeinwesen bezogen. Pfarrerinnen und Pfarrer, Kirchenvorst\u00e4nde und Ehrenamtliche leben\u00a0 im Stadtteil, sie kennen Schulen, Sportvereine, Arztpraxen, den Einzelhandel aus eigenem Erleben und k\u00f6nnen schnell und informell Ankn\u00fcpfungspunkte finden. Manchmal m\u00fcssen wir uns selbst in Erinnerung rufen, welches Sozialkapital Gemeinden mitbringen &#8211; an Kontakten, Netzwerken und Beziehungen. Gewiss-, die konfessionelle Identit\u00e4t grenzt auch ab und ab. Angesichts des Verlusts an Mitgliedern und Finanzen igeln sich manche Gemeinde ein- sie verlieren ihre offene Ausstrahlung, b\u00fc\u00dfen Professionalit\u00e4t ein, lassen Au\u00dfenstehende und Interessierte nicht mehr an Entscheidungen partizipieren. Aber daf\u00fcr gibt es ja Gott sei Dank die Diakonie. Und wo aber Kirche und Diakonie zusammenarbeiten, kann Diakonie das wunderbar kompensieren: sie hat gr\u00f6\u00dfere Freiheitsspielr\u00e4ume, professionelle Dienstleistungen, oft mehr Unternehmensgeist. Sie ist allerdings auf dem Hintergrund der Vers\u00e4ulung unseres Sozialversicherungssystems auch in hohem Ma\u00dfe Zielgruppen- und manchmal auch Defizitorientiert. Gemeinwesendiakonie bedeutet also f\u00fcr Kirchengemeinden; die Parochie als Sozialraum neu zu entdecken- und f\u00fcr die Diakonie, quartiersbezogen zu arbeiten. Das Gelingen der Projekte h\u00e4ngt davon ab, dass wir beides zusammen bringen &#8211; Lebensweltorientierung und Professionalit\u00e4t, Sozialraum und Dienstleistung, aber auch: Orientierung an denen, die in die Gemeinde kommen und denen, die das besondere Engagement der Kirche brauchen. Familienzentren und Mehrgenerationenh\u00e4usern leben von einem neuen Mix aus Professionellen und Freiwilligen. So entstehen\u00a0 neue Netze, die Familien und Dienste verbinden und Generationen \u00fcberschreiten und dar\u00fcber hinaus Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr freiwilliges Engagement bieten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>9. Wirtschaft und Kommune<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Stadtteilprojekte leben heute aber auch vom Sponsoring aus der Wirtschaft. Manche Firmen stellen aber auch Freiwillige zur Verf\u00fcgung \u2013 zum Beispiel f\u00fcr ein Freizeitprojekt in der Jugend- oder Altenhilfe oder beim Bau eines Spielplatzes. Sie sponsern Mittagstische oder Hausaufgabenhilfen oder organisieren Mentorenprojekte f\u00fcr junge Auszubildende. Es gab \u00fcber viele Jahre eine Distanz zwischen Kirche und Wirtschaft, und auch der traditionell gute Kontakt zu den Vereinen ist verblasst. Der selbstverst\u00e4ndliche Platz bei Firmenweihnachtsfeiern und Meisterlossprechungen ging verloren und damit auch die Vernetzung zu vielen Berufsgruppen, Selbst\u00e4ndigen und Unternehmen im Stadtteil.<\/p>\n<p>Wie beteiligen sich Gemeinde an Stadtplanungsprozessen oder an Initiativen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf, bei altersgerechten St\u00e4dten oder\u00a0 B\u00fcrgerkommunen? Es f\u00e4llt auf, dass auch das Verh\u00e4ltnis zur Kommune lange nicht bearbeitet wurde- die Kooperation mit Kommunalpolitik, Sozial- und Jugendhilfeaussch\u00fcssen ist oft an andere Ebenen oder die Wohlfahrtspflege delegiert. Angesichts des Ausblutens von Kommunen und des Verlustes an Gemeing\u00fctern ist Kirche aber besonders gefragt. Dabei geht es\u00a0 darum,\u00a0 \u00f6ffentliche Pl\u00e4tze zu erhalten, an denen junge Leute sich treffen k\u00f6nnen. Es geht\u00a0 darum, die Infrastruktur ganz bewusst aus der Perspektive der Betroffenen anzuschauen und neue Stadtlandschaften zu gestalten. In den altengerechten Kommunen zum Beispiel schlie\u00dfen sich \u00c4rzte und Pflegedienste, Altenzentren und Sportvereine, Bildungseinrichtungen und Tanzschulen zusammen- und nicht immer sind die Kirchengemeinden beteiligt. Wenn wir wollen, dass die Kirche im Dorf bleibt, m\u00fcssen wir neu entdecken, was wir zu geben haben:\u00a0 Orte der Stille,\u00a0 Orte der Erinnerung und der Begegnung, Ch\u00f6re und Musikgruppen, Gemeindeb\u00fcchereien und Treffpunkte, f\u00fcr die man keinen Eintritt zahlt und viele Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr freiwilliges Engagement.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>10. Kirchliche und andere Orte <\/strong><\/p>\n<p>Kirchengemeinden k\u00f6nnen wieder zu Caring Communities werden. Dazu muss die Kirche sich neu entdecken: als Plattform f\u00fcr Teilhabeprozesse, als Lebens-mittelpunkt, als Erm\u00f6glicherin. als Herberge auf dem Weg und als Weggemeinschaft mit denen, die unterwegs sind. Gemeinde- und Diakoniel\u00e4den, Gemeindeh\u00e4user, die zu Stadtteilzentren werden machen das sichtbar. Community Organising zeigt, wie es geht: Zuh\u00f6ren und Raum f\u00fcr Selbstorganisation geben \u2013\u00a0tats\u00e4chlichen und ideellen Raum- Ehrenamtliche f\u00f6rdern, Projekte professionell unterst\u00fctzen und auch Mittel zur Verf\u00fcgung stellen. Denn eines der gr\u00f6\u00dften Probleme der Quartiersbewegung ist, dass sie aus Projektmitteln finanziert ist, die h\u00e4ufig nur sehr begrenzte Zeit flie\u00dfen.<\/p>\n<p>Dazu muss nicht nur einladen, sondern auch dahin\u00a0 gehen, wo die Menschen auch sonst sind. In die Kneipen und\u00a0 Einkaufszentren, in Sporthallen \u00a0oder ins Altenzentrum, Konfirmandenarbeit in der Schule, Arbeitsgruppen im Rathaus, Elternabende beim Griechen&#8230; Manche Gemeinde hat sich mit diesem Wandern durch die s\u00e4kularen Orte den Stadtteil neu erschlossen. Dabei werden vielleicht auch die Pl\u00e4tze neu sprechen, in die die Geschichte einer Gemeinde eingeschrieben ist: der Platz, wo die alte Synagoge stand, das Haus, wo die j\u00fcdische Familie wohnte, die stillgelegte Fabrik, die Friedenseiche mit dem Gedenkstein, die Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke, die die Stadtteile verbindet und nun abgerissen werden soll. In Saarbr\u00fccken sammelte sich um eine solche Br\u00fccke und die Initiative zu ihrem Erhalt ein neues Nachbarschaftsprojekt. Wo Kirche in solchen Initiativen beteiligt ist, wo sie Mitverantwortung f\u00fcr den Ort \u00fcbernimmt, da ist sie als Wegbegleiterin gefragt.<\/p>\n<p>In unserer mobilen Gesellschaft werden die Institutionen br\u00fcchig und die Sehnsucht nach Heimat w\u00e4chst. In dieser Situation geht es darum, den Alltag im Stadtteil zu teilen, gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen, Br\u00fccken zu bauen. Weggef\u00e4hrte zu sein. In den 12 Kriterien zur Gemeinwesendiakonie hei\u00dft es: \u201eJe nach Situation, nach Ressourcen und Begabungen, nach Kr\u00e4ften und gesellschaftlichen M\u00f6glichkeiten k\u00f6nnen Kirche und Diakonie verschiedene Rollen einnehmen. Um es mit dem Bild einer Filmproduktion zu sagen: Sie k\u00f6nnen Produzent, Regisseur, Haupt- oder Nebendarsteller, manchmal vielleicht auch nur Komparse sein. Wichtig ist, dass sie in ihrer Motivation und ihrem Profil erkennbar bleiben\u201c Was das angeht, k\u00f6nnen wir vielleicht von den Gemeinden im Osten Deutschlands lernen. Kirchbauvereine zum Beispiel werden dort auch von denen getragen, die nicht Mitglieder sind \u2013 einfach weil sie wollen, dass die Kirche im Dorf bleibt. Denn auch, wenn Geld und Macht der Kirche schwinden: die Suche nach Spiritualit\u00e4t und nach Gemeinschaft hat nicht aufgeh\u00f6rt. Ja, es geht darum, dass die Kirche im Dorf bleibt-\u00a0 und dass wir bei den Menschen bleiben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx, 18.3.15 Neum\u00fcnster<\/p>\n<h5><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Beispiele daf\u00fcr hat das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD i2007 n der Dokumentation des Projekts \u201e Das Ethos f\u00fcrsorglicher Pflege\u201c dargestellt<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Martha C. Nussbaum: \u201e Die Grenzen der Gerechtigkeit,<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Stichweh 2005, 179: \u201eeine Leitunterscheidung der Gesellschaftstheorie\u201c;\u00a0 Mayrhofer 2009, 84 spricht in Bezugnahme auf Luhmann von der \u201eFunktion eines Supercodes des Gesellschaftsystems\u201c und Luhmann von einer \u201ePrim\u00e4rdifferenzierung der\u00a0 Gesellschaft\u201c (ebd. zitiert). Antonis 2008 spricht von \u201eMetacode\u201c und Luhmann 1997, 632 von Meta-Differenz.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> So Kronauer 2010b, 24 in seinem Beitrag: \u201eInklusion \u2013 Exklusion: Eine historische und begriffliche Ann\u00e4herung an die soziale Frage der Gegenwart\u201c. Bude 2008, 65 spricht davon, dass das Paradigma der Ausbeutung durch das der Ausgrenzung ersetzt wurde.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\"><\/a><\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Das Beispiel Roseto Roseto in Pensylvania wurde in den 60er Jahren ber\u00fchmt. 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