{"id":776,"date":"2015-05-12T19:29:02","date_gmt":"2015-05-12T19:29:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=776"},"modified":"2016-02-04T19:59:14","modified_gmt":"2016-02-04T19:59:14","slug":"gerechtes-erbteil-das-erbe-gerecht-teilen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=776","title":{"rendered":"Gerechtes Erbteil? Das Erbe gerecht teilen!"},"content":{"rendered":"<p><strong>1.\u00a0Vom Erbhof zum Kapitalverm\u00f6gen: Interessenskonflikte und Normen der Gerechtigkeit<\/strong><\/p>\n<p>Die unterschiedlichen Formen der Erbteilung in Deutschland haben Biographien und Landschaften gestaltet, sie haben individuelle Schicksale genauso bestimmt wie soziale Strukturen. Wo &#8211; wie in Niedersachsen &#8211; gro\u00dfe H\u00f6fe als Erbh\u00f6fe an die \u00e4ltesten S\u00f6hne weiter gegeben wurden, w\u00e4hrend die j\u00fcngeren in der Regel gezwungen waren, einen anderen Beruf zu ergreifen &#8211; also Priester zu werden oder Lehrer oder auch auszuwandern, da blieben Wirtschaftsstrukturen erhalten. Wo dagegen Realteilung die Regel war und das Lebensalter der Kinder keine Rolle spielte, konnte es durchaus dazu kommen, dass zwar der Gleichheit Gen\u00fcge getan wurde, die H\u00f6fe aber so klein wurden, dass sie nicht mehr hinreichend Ertr\u00e4ge brachten, um ihre Besitzer zu ern\u00e4hren und die Landschaft zersiedelt wurde. Die Frage nach der besseren Gerechtigkeit steht damit von Anfang an in einem Spannungsfeld zwischen dem Anspruch der Einzelnen auf gleichen Anteilen auf der einen und dem Interesse aller am Erhalt einer ertragreichen Wirtschaft auf der anderen Seite.<\/p>\n<p>Historisch wie kulturell ist das Erbrecht eng mit der Weitergabe und dem Erhalt von Grund und Boden verbunden. Ein Hof kann die Familie als Ertragsgemeinschaft zusammenschwei\u00dfen, sie aber auch in bitteren Spannungen und Erbstreitigkeiten trennen. Solche Erfahrungen sind in Bibel und Kirchengeschichte eingeschrieben. Schon die V\u00e4ter- Geschichte von Jakob und Esau erz\u00e4hlt, wie der j\u00fcngere (Zwillings)sohn versucht, seinen kaum \u00e4lteren Bruder um das Erbe zu betr\u00fcgen, das mit dem v\u00e4terlichen Segen \u00fcbertragen wird &#8211; und, als der Schwindel auffliegt, in die Fremde auswandern muss. Pfarrer und Pfarrerinnen auf dem Lande k\u00f6nnen wie Landberatungstelefone ein Lied von Erbstreitigkeiten singen &#8211; und wissen auch, wie traditionell konfessionsgebundene Pachtverh\u00e4ltnisse beim Kirchenland bis heute zu Interessenskonflikten in Familien f\u00fchren k\u00f6nnen. Ich erinnere mich gut an eine Landwirtsfamilie auf einem evangelischen Dorf, in der die katholische Mutter unter erheblichem Druck stand, ihr Kind evangelisch taufen zu lassen, um das Pachtverh\u00e4ltnis bei der evangelischen Kirche zu sichern.<\/p>\n<p>Ganz \u00e4hnliche Interessenskonflikte wie in landwirtschaftlichen Betrieben finden sich, wenn es um die Weitergabe von Familienunternehmen an die n\u00e4chste Generation geht. Wie schwierig es ist, das Unternehmen gesund und zukunftsorientiert an die eigenen Erben zu \u00fcbergeben &#8211; und zwar m\u00f6glichst nicht erst im Erbfall \u2013\u00a0damit besch\u00e4ftigen sich nicht nur Berater und Juristen, sondern durchaus in einigen prominenten F\u00e4llen, wie denen der Unternehmerfamilien Otto oder Oetker, auch die Medien. Wer die Statistik der hundert reichsten Familien in Deutschland liest<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>, bekommt eine lebendige Anschauung von Erbteilungen, Ausgliederungen und Stiftungsgr\u00fcndungen und ihren Folgen. Kein Wunder, dass die Generationenfolge in Unternehmen wie die Entwicklung der Erbschaftssteuer wirtschaftspolitische brisante Themen sind, mit denen sich gerade im mittelstandsorientierten Deutschland Wirtschafts- und Arbeitgeberverb\u00e4nde intensiv besch\u00e4ftigen. Dabei geht es vor allem darum, die Erbschaftssteuer so niedrig zu halten, dass die Wirtschaftlichkeit der Unternehmen keinen Schaden nimmt. Dass dabei andererseits dem Missbrauch, privates Verm\u00f6gen im Unternehmen zu \u201everstecken\u201c, nicht T\u00fcr und Tor ge\u00f6ffnet wird und wie Gerechtigkeit zwischen Unternehmenseignern und anderen verm\u00f6genden Familien gewahrt werden kann, das hat im Dezember 2014 erneut das Bundesverfassungsgericht besch\u00e4ftigt.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Dabei wurde die Steuerbefreiung beim Erben von Betrieben in Teilen als verfassungswidrig gekippt. Die Bundesregierung ist deshalb zur Zeit in der Pflicht, die bisherige Regelung der Erbschaftssteuer erneut zu \u00fcberpr\u00fcfen und bis zum 30. Juni 2016 eine Neuregelung zu treffen.<\/p>\n<p>Mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 31. Januar 2007 wurde bereits eine fr\u00fchere Fassung des Gesetzes als nicht verfassungskonform beurteilt und vom Gesetzgeber verlangt, f\u00fcr alle verschenkten oder ererbten Gegenst\u00e4nde gleicherma\u00dfen realit\u00e4tsnahe Bewertungen zugrunde zu legen und innerhalb von zwei Jahren eine verfassungskonforme Neuregelung vorzulegen. Dabei war die Erbschaftssteuerreform von Anfang an Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen &#8211; insbesondere um die Frage einer m\u00f6glicherweise existenzbedrohenden Wirkung f\u00fcr kleine und mittelst\u00e4ndische Betriebe. Deshalb sieht die derzeitig noch bestehende Regelung gerade f\u00fcr vererbte Betriebe erhebliche Freibetr\u00e4ge und eine gestreckte Erbschaftssteuerbefreiung vor, wenn die Unternehmen sieben oder zehn Jahre unter Beibehaltung eines wesentlichen Teils der Besch\u00e4ftigung (gemessen an der Lohnsumme) weitergef\u00fchrt werden. Dabei zeigt sich wiederum ein Interessenkonflikt &#8211; n\u00e4mlich der zwischen der Erhaltung von Arbeitspl\u00e4tzen und volkswirtschaftlicher Leistungsf\u00e4higkeit auf der einen Seite und der Erhaltung von betriebswirtschaftlichen Entscheidungs- und Handlungsspielr\u00e4ume auf der anderen &#8211; wobei sieben oder sogar zehn Jahre unter Strategie- und Managementaspekten eine schwer zu kalkulierende Zeit darstellen k\u00f6nnen. Der Verm\u00f6genszuwachs auf Grund einer Erbschaft steigert aber zugleich die finanzielle Leistungs- und Handlungsf\u00e4higkeit erheblich und soll deshalb nach allgemeiner Auffassung durchaus steuerpflichtig werden, weil er den Erben ohne eigene Leistung zuf\u00e4llt.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich zu den traditionellen Fragen der Erbteilung in einer landwirtschaftlich gepr\u00e4gten Gesellschaft zeigt sich hier eine weitere Gerechtigkeitsfrage. Es besteht nicht mehr nur das Spannungsfeld zwischen Gleichheit und Gerechtigkeit der Erbteilung und dem Erhalt der Produktivit\u00e4t und Gemeinwohlorientierung der Verm\u00f6gen, sondern auch das zwischen selbst erarbeitetem und ererbtem, also ohne eigene Leistung erworbenen Verm\u00f6gens. Angesichts der globalisierten Finanzm\u00e4rkte wird dieses ererbte Kapital n\u00e4mlich h\u00e4ufig nicht mehr in ein Unternehmen und dessen Zukunft investiert, sondern ohne Nutzen f\u00fcr Quartier, Region oder den Staat in Form von Finanzkapital volatil auf internationalen M\u00e4rkten angelegt. Wo das Geld auf diese Weise f\u00fcr seine Besitzer \u201earbeitet\u201c, wo es eben nicht mehr um den Erhalt von G\u00fctern oder Arbeitspl\u00e4tzen geht, wird es noch einmal dringlicher, \u00fcber neue Normen im Umgang mit dem Erbe nachzudenken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Zur Bedeutung kultureller Normen und sozialpolitischer Gesellschaftsentw\u00fcrfe<\/strong><\/p>\n<p>Aber nicht nur unterschiedliche Gerechtigkeitsdimensionen, sondern auch unterschiedliche kulturelle Normen werden hinter den zum Teil hitzigen Debatten erkennbar. In einer eher liberal gepr\u00e4gten, auf individueller Leistung und Verantwortung aufbauenden Gesellschaft wie der US-amerikanischen, war und ist der Gedanke, dass jede Generation neu anfangen muss, sehr viel selbstverst\u00e4ndlicher als hierzulande: Ererbtes Verm\u00f6gen soll &#8211; und sei es in Form von Stiftungen &#8211; dem Gemeinwohl zur Verf\u00fcgung stehen und gilt kulturell eben nicht als selbstverst\u00e4ndlicher Anspruch einer Familie, wie es im durch Adel, G\u00fcter und Kirchen gepr\u00e4gten \u201ealten Europa\u201c durchaus noch immer der Fall sein kann. Neben diesem Spannungsfeld zwischen Leistungs- und Generationengerechtigkeit wird der zum Teil heftig gef\u00fchrte politische und verfassungsrechtliche Streit um die Erbschaftssteuer, aber auch durch die Angst der Mittelschicht, befeuert, die Regelungen k\u00f6nnten kleine Erbschaften innerhalb der Familie betreffen. Um eine breitere Akzeptanz f\u00fcr die Besteuerung von so genanntem \u201eleistungslosen\u201c Einkommen zu erreichen, muss deshalb deutlich vermittelt werden, wer von der anstehenden Reform tats\u00e4chlich betroffen ist und was sie insbesondere f\u00fcr den Mittelstand bedeutet.<\/p>\n<p>Wie die Erbschaftssteuer war \u00fcbrigens auch die Verm\u00f6genssteuer Gegenstand eines Urteils des Bundesverfassungsgerichts; sie wurde 1997 ausgesetzt. Das Gericht hatte festgestellt, dass sie aufgrund der unterschiedlichen steuerlichen Behandlung von Geldverm\u00f6gen einerseits und Immobilienverm\u00f6gen andererseits grundgesetzwidrig sei. Da allerdings die Verteilung der Verm\u00f6gen noch ungleicher ist als die der Einkommen, wird die Wiedereinf\u00fchrung einer verfassungsgem\u00e4\u00dfen Verm\u00f6gensteuer auch unter verteilungspolitischen Gesichtspunkten immer wieder gefordert. Eine gemeinsame Bundesratsinitiative von Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen von Ende November 2002 ging von einem erwarteten bundesweiten Einnahmevolumen von 8 Milliarden Euro aus. Nach den Vorstellungen der beiden Bundesl\u00e4nder sollten alle nat\u00fcrlichen Personen und K\u00f6rperschaften einer Besteuerung in H\u00f6he von 1% unterworfen werden, wobei erhebliche Freibetr\u00e4ge vorgesehen waren: 300.000 Euro f\u00fcr Alleinstehende, 300.000 Euro zus\u00e4tzlich f\u00fcr den Ehepartner und f\u00fcr jedes Kind nochmals 200.000 Euro. Steuerpflichtigen \u00fcber 60 Jahren und Schwerbehinderten sollte zus\u00e4tzlich ein Freibetrag in H\u00f6he von 100.000 Euro zugestanden werden, und f\u00fcr Betriebsverm\u00f6gen war ein sachlicher Freibetrag von 2,5 Millionen Euro geplant.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Das Projekt scheiterte auch daran, dass die Erhebung der Bemessungsgrundlage als zu aufw\u00e4ndig betrachtet wurde. Allerdings belegen aktuelle Studien<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>, dass sich die Ungleichheit der Verm\u00f6gensverteilung in den letzten Jahren in Deutschland noch einmal erheblich versch\u00e4rft hat, auch wenn die Einkommensverteilung inzwischen weniger auseinanderklafft als vor einigen Jahren.<\/p>\n<p>Eben dabei spielt aber das ererbte Verm\u00f6gen eine zentrale Rolle. Im Hintergrund stehen nicht nur die Ver\u00e4nderungen, die mit den globalisierten Finanzm\u00e4rkten einhergehen, sondern auch der demographische Wandel, der unsere Gesellschaft zum ersten Mal im Nachkriegsdeutschland nun wieder zu einer \u201eErbengesellschaft\u201c werden l\u00e4sst. Daf\u00fcr gibt es zwei Gr\u00fcnde: zum einen wachsen die Volkswirtschaften im Westen kaum noch und auch der \u201eFamilienzuwachs\u201c hat erheblich abgenommen, zum anderen fallen heute bereits 70 Prozent der Nachl\u00e4sse auf einen oder h\u00f6chsten zwei Beg\u00fcnstigte. Das eingangs erw\u00e4hnte Problem, das Gut zwischen vielen Erben teilen zu m\u00fcssen, besteht also gar nicht mehr. In der Konsequenz kann die Erbsumme h\u00e4ufig weit den Ertrag \u00fcbersteigen, den jemand mit eigener Leistung erarbeiten kann. Das gilt vor allem f\u00fcr die Generation, die zwischen 1970 und 1980 geboren wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Die Zukunft der Erbengesellschaft<\/strong><\/p>\n<p>Julia Friedrichs k\u00fcrzlich erschienenes Buch \u201eWir Erben &#8211; Was Geld mit Menschen macht\u201c<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> setzt sich mit den Konsequenzen dieses Kulturwandels auseinander. \u201eFeudalismus. Dynastisches Denken. Erbhofprinzip\u2026 Das alles scheint en vogue wie lange nicht mehr\u201c schreibt sie in ihrem Resumee. Dabei bezieht sie sich nicht zuletzt auf Thomas Pikettys Arbeit \u00fcber \u201eDas Kapital im 21. Jahrhundert\u201c<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a>. Basierend auf einer F\u00fclle von Datens\u00e4tzen \u00fcber die Entwicklung der Erbschaften in Frankreich zwischen 1820 und (prognostiziert) 2050 stellt Piketty dar, dass der j\u00e4hrliche Erbschaftsstrom im Jahr 2050 den gleichen Anteil am Volkseinkommen erreichen k\u00f6nnte wie in der vormodernen \u201eRentiergesellschaft\u201c des Jahres 1820 &#8211; n\u00e4mlich zwischen 20 und 25 Prozent. Im Jahr 1950 lag diese Summe in Frankreich bei weniger als 5 Prozent, 2010 bereits wieder bei 15 Prozent. Von diesem Ver\u00e4nderungsprozess hin zur \u201eErbengesellschaft\u201c sind nach Sch\u00e4tzungen nicht nur die obersten 10 Prozent der Bev\u00f6lkerung, sondern zwischen einem F\u00fcnftel und einem Viertel betroffen.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n<p>Die Vergangenheit fr\u00e4sse die Gegenwart in der Erbengesellschaft, meint Julia Friedrichs. Es ver\u00e4ndert die Haltung, wenn der Ertrag der eigenen Leistung hinter dem zur\u00fcckbleibt, was man von anderen empf\u00e4ngt. Der Umgang damit kann allerdings sehr unterschiedlich sein. Er reicht von mangelnder Wertsch\u00e4tzung und Verantwortung, von neuem Luxus und Gier, bis hin zu der Frage, wie es gelingen kann, mit dem ererbten Verm\u00f6gen Bleibendes zu hinterlassen. Kein Wunder, dass die Zahl der Stiftungen in Deutschland rasant angestiegen ist. Sie hat sich seit 2001 verdoppelt und zwar auf mehr als 20.150 im Jahr 2013. Hier zeigt sich ein vielf\u00e4ltiges B\u00fcrgerengagement von kulturellen bis zu sozialen Initiativen; daneben stehen aber auch gro\u00dfe Unternehmensstiftungen, in denen noch vor dem Erbfall Familienverm\u00f6gen gesichert und durchaus gemeinwohlorientiert weiter gegeben wird. Anglo-amerikanische und englische Traditionen im Umgang mit Finanzkapital spielen inzwischen auch hierzulande eine gro\u00dfe Rolle.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Auf diese Weise lassen sich nicht zuletzt Steuern vermeiden oder einsparen; es ist deutlich, dass dieser Ver\u00e4nderungsprozess nicht nur auf eine engagierte Zivilgesellschaft, sondern auch auf ein gewisses Misstrauen gegen die Steuerungsfunktion des Staates hinweist, die im Sozialbereich wie in der Kultur immer auch mit Umverteilung verbunden ist.<\/p>\n<p>Dabei \u201esteuert\u201c der Staat mit seinen Einnahmen eben auch den Erhalt der Rahmenbedingungen, auf denen die Anstrengungen und Risiken der Einzelnen aufsetzen k\u00f6nnen: Bildung, Gesundheitsversorgung und soziale Sicherung auch im Alter, Infrastruktur genauso wie die Landesverteidigung. Und es ist deutlich, dass eben nicht alle zentralen und zum Teil durchaus kostenintensiven Aufgaben des Staates in gleichem Ma\u00dfe von Stiftungen wahrgenommen werden. Wie wird die Erbengesellschaft zum Beispiel in Zukunft mit denjenigen alten Menschen umgehen, die nach einer prek\u00e4ren Erwerbsbiographie kaum eine existenzsichernde Rente erreichen? Wie mit Migranten und Fl\u00fcchtlingen im eigenen Land, die &#8211; wie in den letzten Jahrhunderten viele Deutsche &#8211; aus ihrer Heimat geflohen sind, weil die eigene Wirtschaft sie nicht mehr ern\u00e4hren konnte? Damit ist noch einmal die Frage der Gerechtigkeit angesprochen &#8211; jetzt unter dem Gesichtspunkt der Verteilungsgerechtigkeit. Eigentum verpflichtet, hei\u00dft es im Grundgesetz &#8211; und damit ist nicht nur eine moralische Verpflichtung im Blick auf das Gemeinwohl gemeint, sondern durchaus auch die Frage der Verteilung von Verm\u00f6gen und Erbe angesprochen.<\/p>\n<p>In ihrem Buch \u00fcber die Erbengesellschaft nimmt Julia Friedrichs Erfahrungen aus einem Interview mit G\u00f6tz Werner auf, der sich auch f\u00fcr das Konzept eines bedingungslosen Grundeinkommens f\u00fcr alle B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger einsetzt. Er ist der \u00dcberzeugung, dass er seinen Kindern am besten dient, wenn er sie von ihrem Erbe befreit und ihnen, ganz wie im oben zitierten amerikanischen Mythos, einen Neuanfang erm\u00f6glicht. Ein Leben, das eigene Spuren zieht und nicht von der Vergangenheit aufgesogen wird. Ich denke, diese durchaus provokative und auch produktive Idee wird in ihrer Radikalit\u00e4t eine Utopie bleiben. Aber die Frage, wie eine Erbengesellschaft die Freude an Neuanf\u00e4ngen und eigener Leistung organisiert, bleibt genauso virulent wie die Frage nach einem gerechten Umgang mit dem ererbten Verm\u00f6gen.<\/p>\n<p>\u201eWas Du ererbst von Deinen V\u00e4tern hast, erwirb es, um es zu besitzen\u201c, hei\u00dft es in Goethes Faust. Und weiter: \u201eWas man nicht n\u00fctzt, ist eine schwere Last\u201c. Und Thomas Mann hat in seinem Roman \u201eDie Buddenbrooks\u201c anschaulich geschildert, welchen Niedergang es auch f\u00fcr ein Unternehmen bedeuten kann, wenn die Erben eben nicht in der Lage sind, sich das Erbe innerlich anzueignen und unter den aktuellen Rahmenbedingungen weiter zu entwickeln. Damit wird aber auch deutlich: wenn wir vom Erbe sprechen, geht es im Kern um mehr als um Immobilien, Unternehmen und Finanzverm\u00f6gen. Wir haben auch Humanverm\u00f6gen weiter zu geben: Sozialkapital, historische Erfahrung, Lebenswissen &#8211; und m\u00fcssen zugleich darauf setzen, dass die n\u00e4chsten Generationen das Ererbte nicht nur bewahren, sondern kreativ ver\u00e4ndern. F\u00fcr das immaterielle Erbe allerdings gilt in weit h\u00f6herem Ma\u00dfe als f\u00fcr das materielle: es kommt darauf an, dass wir es mit \u201ewarmer Hand\u201c weitergeben, wie meine Gro\u00dfmutter noch sagte. N\u00e4mlich so, dass die Erinnerungen, die sich in die Dinge eingeschrieben haben, lebendig bleiben und dass auch Traditionen ver\u00e4ndert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das biblische Israel, eine Gesellschaft die auf der Erfahrung von Auswanderern, Fl\u00fcchtlingen und Vertriebenen wurzelt, hat die eigenen Traditionen, Feste, Rituale und Kultgegenst\u00e4nde als konstitutiv erlebt und sich zugleich in hohem Ma\u00dfe den Armen und Verfolgten, den Fremden im eigenen Land, verpflichtet gef\u00fchlt. Wo Stifterinnen und Stifter eine solche Intention mit ihrem Erbe verbinden, kann ich gut nachvollziehen, wie unsere Gesellschaft sich ver\u00e4ndert. Wo es aber nur darum geht, das scheinbar Eigene zu sichern, ohne die fehlenden eigenen Anteile zu sehen, tut es Not, daran zu erinnern, dass Eigentum auch und gerade in einem sozialen Rechtsstaat verpflichtet. Schlie\u00dflich ist auch zu bedenken, dass es ein Erbe gibt, das weit gr\u00f6\u00dfer ist, als es einzelne Personen oder Generationen sich je mit ihrer eigenen Leistung aneignen k\u00f6nnen: das Erbe der Menschheit. Was das wirklich bedeutet und wie gef\u00e4hrdet es ist, ahnen wir, wenn die Welterbest\u00e4tten im Nahen Osten um einer islamistischen Ideologie willen von einem Tag auf den anderen zerst\u00f6rt werden oder wenn das historische Saatgut einer Kultur und die \u00f6kologische Vielfalt aufgrund von Naturkatastrophen, Kriegen oder \u00f6konomischen Interessen vernichtet wird. Gut, dass es am Nordkap eine Schatzkammer im Permafrost gibt, in der dieses Erbe der Menschheit gesammelt wird, um das \u00dcberleben der n\u00e4chsten Generationen zu sichern.<\/p>\n<p>Wer in der Bibel bewusst nach Texten zum Thema Erben sucht, wird \u00fcbrigens neben den ganz materiellen Fragen um Land und G\u00fcter, Erbteilung und Erbstreitigkeiten, auch einen Segens- und Verhei\u00dfungsaspekt des Erbes finden, der uns bis heute helfen kann, den Blick in die Zukunft zu richten. Das Neue Testament sieht uns Christinnen und Christen als \u201eErben des ewigen Lebens\u201c<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a>, also als diejenigen, die von der Hingabe und dem Gottvertrauen, von Tod und Auferweckung Jesu leben, die wir ohne eigene Leistung erworben haben. Und auch hier geht es vor allem darum, dieses Erbe zu gestalten und mit dem eigenen Leben zu f\u00fcllen. Das allerdings hat Konsequenzen auch f\u00fcr die politische und soziale Dimension unseres Alltags.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx, OKR a.D.<\/p>\n<h4><\/h4>\n<h4><\/h4>\n<h4><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> z.B. im Managermagazin Februar 2015<\/h4>\n<h4><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> BVG-Urteil vom 17.12.2014<\/h4>\n<h4><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Vgl. die Aussagen zur Erbschafts- und Verm\u00f6genssteuer in \u201eTransparenz und Gerechtigkeit, Aufgaben und Grenzen des Staates bei der Besteuerung\u201c, EKD-Texte 106, Hannover 2009 (Text der Kammer f\u00fcr Soziale Ordnung)<\/h4>\n<h4><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> A.a.O., EKD-Text 106, Parr. 62<\/h4>\n<h4><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> z.B. Thomas Piketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert, engl. Erstausgabe Cambridge 2014<\/h4>\n<h4><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Berlin, 2. Auflage 2015<\/h4>\n<h4><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> s.o. 1. Auflage Cambridge 2014<\/h4>\n<h4><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Thomas Piketty, \u201cOn the long-run evolution of inheritance\u201c, France 1820 &#8211; 2050, The Quarterly Journal of Economics, 2011<\/h4>\n<h4><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> So w\u00e4chst z. B. der Einfluss von Unternehmensstiftungen wie Bertelsmann oder Generali auf die Bildungs- und Wohlfahrtspolitik &#8211; nicht nur, wenn es um Untersuchungen, sondern auch, wo es um die F\u00f6rderung neuer Modelle geht<\/h4>\n<h4><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> z.B. Titus 3,7<\/h4>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1.\u00a0Vom Erbhof zum Kapitalverm\u00f6gen: Interessenskonflikte und Normen der Gerechtigkeit Die unterschiedlichen Formen der Erbteilung in Deutschland haben Biographien und Landschaften&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=776\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":486,"menu_order":98,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-776","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/776"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=776"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/776\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":777,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/776\/revisions\/777"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/486"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=776"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}