{"id":764,"date":"2015-04-01T16:39:49","date_gmt":"2015-04-01T16:39:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=764"},"modified":"2016-02-04T20:06:27","modified_gmt":"2016-02-04T20:06:27","slug":"zwischen-autonomie-und-angewiesenheit","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=764","title":{"rendered":"Zwischen Autonomie und Angewiesenheit"},"content":{"rendered":"<h3>Zur Kontroverse um die Orientierungshilfe der EKD<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>1. Was f\u00fcr eine Debatte: heftig, fokussiert und nachhaltig<\/strong><\/p>\n<p>Anders als die misslungene Familienschrift seien die Thesen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zur Bedeutung der Reformation angemessen: gr\u00fcndlich und bei der eigenen Sache. So konnte man es dieser Tage in einem Kommentar von Reinhard Bingener in der FAZ lesen. Der Vergleich hat mich nachhaltig irritiert, weil es in meiner Perspektive um einen grundlegend anderen Texttypus ging. Gleichwohl spiegelt dies die Nachhaltigkeit und Heftigkeit der Debatte um die Orientierungshilfe<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> wider, bei der die FAZ eine entscheidende Rolle gespielt hat.<\/p>\n<p>\u201eSind Sie nicht \u00fcberrascht \u00fcber die Diskussion?\u201c wurde ich immer wieder gefragt. Doch, zun\u00e4chst einmal war ich \u00fcberrascht. Nicht nur \u00fcber Ausma\u00df und Heftigkeit der Debatte, sondern auch und vor allem \u00fcber ihren Fokus. Denn der Rat der EKD hatte im Jahr 2008 eine Ad-hoc-Kommission berufen, um kirchlichen Handlungsempfehlungen f\u00fcr die aktuellen familienpolitischen Herausforderungen zu formulieren. Die Kommission unter Leitung der ehemaligen Familienministerin Dr. Christine Bergmann sollte sich mit der Spannung zwischen dem offensichtlichen Wunsch nach stabilen Ehen und Familien einerseits und der gesellschaftlichen Wirklichkeit mit einer hohen Scheidungsrate und einer gro\u00dfen Zahl Alleinlebender und Alleinerziehender andererseits auseinandersetzen.<\/p>\n<p>Die Zusammensetzung der Kommission \u2013 insgesamt 14 Mitglieder:\u00a0Soziologinnen und Soziologen, Theologinnen und ein Theologe, Juristinnen \u2013\u00a0Menschen aus Politik und Kirche, Wissenschaft, Diakonie und Verb\u00e4nden \u2013\u00a0entsprach der anderer sozialpolitischer Ad-hoc-Kommissionen und Kammern\u00a0der EKD. Dass unter den 14 Personen in diesem Fall nur drei M\u00e4nner waren, gab im Nachhinein Anlass zu Fragen. Tats\u00e4chlich spiegelt sich aber in der einzigartigen Dominanz von Frauen die Realit\u00e4t in diesem Arbeitsfeld.<\/p>\n<p>Auf dem Hintergrund ihres Auftrags hat sich die Ad-hoc-Kommission mit der\u00a0soziologischen Wirklichkeit, den familienpolitischen Paradigmen, der Geschichte und Rechtslage besch\u00e4ftigt, hat Herausforderungen und Brennpunkte der Familienpolitik benannt und schlie\u00dflich politische wie auch praktisch-theologische Empfehlungen gegeben. Dabei ist die Orientierungshilfe\u201c in die Reihe der gesellschaftspolitischen Schriften der EKD einzuordnen \u2013 wie \u201eGerechte Teilhabe\u201c, die \u201eUnternehmerdenkschrift\u201c oder die Orientierungshilfen zum demographischen Wandel oder zur Gesundheitspolitik. Jeder dieser Texte hat auch ein theologisches Kapitel, das eine spezifische, kirchlich-theologische Perspektive in die Fachdebatte einbringt \u2013 und jeder hat auch ein Schlusskapitel, das die Empfehlungen auf die konkrete kirchlich-diakonische Arbeit bezieht.<\/p>\n<p>Gleichwohl sind die Begrifflichkeiten von den Fachwissenschaften gepr\u00e4gt \u2013\u00a0in diesem Fall also: Autonomie und Angewiesenheit, nicht Freiheit und Bindung. Es geht nicht um differenzierte innertheologische Auseinandersetzung mit Schrift und Tradition, auch wenn auf beides Bezug genommen wird. Die Texte sind auch nicht als Grundsatz- oder Katechismustexte\u201c oder als Seelsorge f\u00fcr die Gemeinde zu lesen, sondern sie sind das Ergebnis einer interprofessionellen Debatte von Christinnen und Christen mit ganz verschiedenen Funktionen in Kirche und \u00d6ffentlichkeit und richten sich an die Verantwortlichen in einem bestimmten Arbeitsfeld von der Politik bis zur Ebene vor Ort. Nun ist es nicht das erste Mal, dass die Debatte um eine EKD-Schrift so heftig gef\u00fchrt wird. Auch in der Auseinandersetzung mit der \u201eUnternehmerdenkschrift\u201c von 2008 gab es \u00e4hnlich grunds\u00e4tzliche Kritik, wenn auch aus einem anderen politischen \u201eLager\u201c \u2013 die Schrift galt als neoliberal. Auch damals wurde beklagt, dass der theologische Teil zu \u201ed\u00fcnn\u201c sei. Es gab Unterschriftenaktionen und Erkl\u00e4rungen mit dem Ziel der R\u00fccknahme des Textes. Wenige Monate sp\u00e4ter erschien eine Gegenschrift und bei der anschlie\u00dfenden EKD-Synode wurde demonstriert. Interessanterweise ist diese Diskussion aber weder in den Medien noch in der Kirchenkonferenz wirklich wahrgenommen worden; und ich habe mich lange gefragt, warum das beim Thema Familie anders ist.<\/p>\n<p>Zwei Antworten darauf habe ich gefunden: Zum einen r\u00fchrt das Thema \u201eUnternehmen und Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft\u201c anders als das Thema \u201eFamilie\u201c nicht ans Selbstverst\u00e4ndnis kirchlichen Handelns. Hier zeigt sich noch immer eine deutliche Spaltung zwischen der Welt von Wirtschaft und Arbeit mit ihrer \u00f6konomisch-politischen Ausrichtung auf der einen Seite und der Welt von Kirche und Familie mit ihrer Orientierung an N\u00e4chstenliebe auf der anderen.<\/p>\n<p>Geld oder Liebe \u2013 Politik oder Religion \u2013 Au\u00dfen und Innen \u2013 M\u00e4nner- und\u00a0Frauenwelt: Dass diese Dichotomie noch immer nicht \u00fcberwunden ist, h\u00e4tte ich mir zu Beginn meiner Berufst\u00e4tigkeit nicht vorstellen k\u00f6nnen. Und es ist auch deshalb problematisch, weil die sogenannten \u201eweichen Werte\u201c, die F\u00fcrsorge-Werte, in Politik und Management den \u201eharten\u201c \u00f6konomischen Fakten immer noch nachgeordnet werden. Wer in den letzten Wochen <em>Spiegel<\/em>, <em>Stern <\/em>oder <em>Brigitte <\/em>gelesen, wer Talkshows zum Thema \u201eRente\u201c gesehen hat, der hat wahrgenommen, dass viele Frauen zwischen 40 und 50 sich als betrogene Generation verstehen: Weder die unentgeltliche Erziehungs- und Pflegearbeit in der Familie noch die professionelle Infrastruktur sind so ausgestattet, dass sie mit dem Anspruch an die Erwerbsarbeit beider Geschlechter vereinbar w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Zugleich allerdings, und das ist meine zweite Antwort, erf\u00e4hrt \u201eFamilie\u201c als\u00a0Lebensgemeinschaft im Wertesystem der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger gerade eine enorme Aufwertung. Gerade weil die Erwerbswelt inzwischen fu\u0308r Frauen wie M\u00e4nner zentral ist und gerade weil sie in einem starken Wandel begriffen ist und enorme Herausforderungen birgt, wird Familie zu einer Art Gegenwelt, auf die sehr viele Menschen gro\u00dfe Erwartungen richten. Und dabei erhofft man sich die Unterst\u00fctzung auch der Kirchen. Ganz im Gegensatz zu der Sehnsucht nach Familie und Gemeinschaft geh\u00f6rt aber die \u201eVersingelung\u201c der westlichen Gesellschaften zu den Megatrends, die laut <em>Time-Magazin <\/em>unser Leben ver\u00e4ndern. Der Soziologieprofessor Eric Klinenberg kommt zu dem Ergebnis, dass Alleinleben der beste Weg ist, die modernen Werte einer individualistischen Gesellschaft zu leben: Freiheit, Selbstverwirklichung und Selbstkontrolle \u2013 eben Autonomie. Auch viele Paare kennen im \u00dcbrigen Lebensphasen, in denen sie aus beruflichen Gr\u00fcnden \u00fcber lange Zeit getrennt leben und die eigenen Spielr\u00e4ume neu ausloten. Immerhin jedes dritte Paar in den ersten Berufsjahren ist betroffen \u2013 und f\u00fcr viele ist das der selbstverst\u00e4ndliche Preis f\u00fcr berufliche Mobilit\u00e4t und Karriere. Die jungen Frauen, die in Deutschland oder Polen mit der Arbeit von Ost nach West gezogen sind, die Familienv\u00e4ter, die montags bis freitags unterwegs sind, sie gehen den M\u00e4rkten nach. Zur\u00fcck bleiben die Alten und oft genug die Kinder.<\/p>\n<p>Genau wie Unternehmen in schwankenden M\u00e4rkten m\u00fcssen Menschen ihre\u00a0Finanz- und Lebensplanung anpassen, wenn sie nicht mehr mit einer festen\u00a0Arbeitsstelle oder einem festen Einkommen rechnen k\u00f6nnen \u2013 so beschreibt\u00a0Markus V\u00e4th<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> die Zukunft von Arbeit und Gesellschaft. Ob es um Familienplanung, Haus, Karriere oder Wohnort geht: In Zukunft werden wir sehr bewusst \u00fcber die Bestandteile unseres Lebens entscheiden m\u00fcssen. Die Frage ist, so V\u00e4th, wo wir als Gesellschaft die Grenze zwischen Flexibilit\u00e4t und Selbstaufgabe ziehen. Wof\u00fcr \u00fcbernimmt der Einzelne die Verantwortung, wof\u00fcr der Staat und was ist die Herausforderung f\u00fcr die Wirtschaft? Im Hamsterrad des Wettbewerbs, in dem viele sich verschlei\u00dfen und ausbrennen, zerf\u00e4llt der Lebenslauf in Projekte. Angesichts der Mobilit\u00e4t schwindet die M\u00f6glichkeit, an einem Ort wirklich Wurzeln zu schlagen. Erfahrung wird durch Innovation entwertet, und die schiere Zahl der Lebens- und Arbeitsbeziehungen bedroht die Dauer der Bindungen.<\/p>\n<p>Der Philosoph Hartmut Rosa beschreibt diese Prozesse als strukturelle Entfremdung und zeigt zugleich, wie sehr wir eben auf Erfahrungen und Beziehungen, auf Verortung angewiesen sind, um Resonanz zu erfahren.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Das kann aber nur gelingen, wenn Politik und Wirtschaft Rahmenbedingungen schaffen, die diese Lebensform unterst\u00fctzen. Insofern ist die Frage nach der Lebensform auch in einem freiheitlichen Staat eben nicht nur eine private Frage. Und die Frage, was wir meinen, wenn wir von Familie sprechen, ist eben gesellschaftspolitisch\u00a0hoch relevant.<\/p>\n<p><strong>2. Zwischen Empirie, Entwicklungspfaden und Leitbildern \u2013\u00a0zur Arbeit der Kommission<\/strong><\/p>\n<p>Vielleicht geh\u00f6rt es zu den im Nachhinein nicht unproblematischen Rahmenbedingungen, dass diese politische wie die historische Rahmung famili\u00e4rer Lebensformen f\u00fcr die Kommission ganz selbstverst\u00e4ndlich war. In den ersten Sitzungen, in denen es darum ging, sich \u00fcber den eigenen Auftrag zu verst\u00e4ndigen, bestand schon bald \u00dcbereinstimmung, dass wir zun\u00e4chst eine empirische Bestandsaufnahme brauchten, dass sodann klar werden und auch beschrieben werden sollte, welche Entwicklungspfade die Familienpolitik in Deutschland genommen hatte, welche Trends erkennbar sind und wo auf diesem Hintergrund heute die Brennpunkte liegen. Dabei wurde deutlich: Die Ver\u00e4nderungsprozesse und Herausforderungen, die Familien heute kennzeichnen, haben allesamt mit Modernisierungsprozessen zu tun \u2013 mit der \u00fcberragenden Bedeutung von Bildung und Erwerbsarbeit in der Arbeitsgesellschaft, mit der Entwicklung von Autonomie, Individualit\u00e4t und Vielfalt und schlie\u00dflich mit der wachsenden Ungleichheit und der Untersch\u00e4tzung von Sorgearbeit. Vier will ich kurz herausgreifen:<\/p>\n<ul>\n<li><em>Die Zeit fu\u0308r Familiengru\u0308ndung ist knapp geworden. <\/em>Lange Ausbildungszeiten und schwierige Berufseinstiege haben zur Folge, dass die Geburt von Kindern im Lebenslauf immer weiter hinausgeschoben wird. Und \u2013 auch daran sei hier erinnert \u2013 ein nicht kleiner Teil der betroffenen Frauen leidet darunter, dass ihr Kinderwunsch sich nicht, wie geplant, erf\u00fcllt, weil die Zeit knapp geworden ist, weil sie den richtigen Partner nicht gefunden haben. Reproduktionsmedizin spielt bei der Familienplanung eine immer gr\u00f6\u00dfere Rolle. 100.000 Samenspenderkinder leben inzwischen in Deutschland.<\/li>\n<li><em>Die Vielfalt des Familienlebens nimmt zu. <\/em>Ein Drittel aller Kinder werden\u00a0nichtehelich geboren. Das sind doppelt so viele wie noch vor zwanzig Jahren.\u00a0Die Ehe ist nicht mehr Voraussetzung, sondern Folge gemeinsamer Kinder.\u00a0Dabei ist der Anteil alleinerziehender Familien deutlich angestiegen. In Ostdeutschland\u00a0machen verheiratete Familien nur noch knapp die H\u00e4lfte aus, w\u00e4hrend jede vierte Familie eine Ein-Eltern-Familie ist. Familien auf Ehebasis sind zunehmend Patchwork-Konstellationen. Das alles bedeutet: Familie ist\u00a0nicht mehr die vielbeschworene \u201eGemeinschaft des Blutes\u201c, sie ist nicht einfach Schicksalsgemeinschaft, sondern mehr und mehr auf Entscheidungen\u00a0f\u00fcreinander gegr\u00fcndet. Die Soziologie spricht von Familie als Herstellungsgemeinschaft\u201c. Das bedeutet: Familie zu leben braucht bewusste Arbeit an einer gemeinsamen Identit\u00e4t und Kultur und Zeit f\u00fcr vielf\u00e4ltige Kontakte \u2013 und eine gute finanzielle Basis.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>\u00a0<em>Die gesellschaftliche und \u00f6konomische Spreizung w\u00e4chst. <\/em>Auff\u00e4llig ist die\u00a0Polarisierung sozialer Lebenslagen zwischen Ein- und Zwei-Verdiener Haushalten \u2013 vor allem aber zwischen denen, die f\u00fcr Kinder sorgen, und denen, die keine Kinder zu versorgen haben. Familienarbeit wird finanziell nur honoriert, wenn sie auf Ehe- oder Lebenspartnerschaft basiert. Auch deshalb sind Alleinerziehende, die kaum in Vollzeit arbeiten k\u00f6nnen, \u00fcberdurchschnittlich h\u00e4ufig von Einkommensarmut betroffen.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li><em>Die Zuordnung von Familienerziehung und \u00f6ffentlicher Erziehung hat sich in Gesamtdeutschland ver\u00e4ndert. <\/em>Der Streit um Betreuungsgeld und Krippenpl\u00e4tze dreht sich nicht zuletzt um die Frage, was n\u00f6tig ist, um die Chancen dieser Kinder zu verbessern. Aus der Geschichte der DDR bringt Deutschland nicht nur die selbstverst\u00e4ndliche Erfahrung von Krippenerziehung und Ganztagsschulen mit, sondern dazu geh\u00f6rt auch ein anderes Miteinander von Schule und Elternhaus und nat\u00fcrlich die Sorge vor staatlichen Eingriffen und Ideologisierung im Dienst von Staat und Wirtschaft.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>3. Zur Rolle der Kirche im politischen Wertesystem<\/strong><\/p>\n<p>Die wechselseitige Einflussnahme von Politik, gesellschaftlichen Entwicklungen und Kirche als Institution ist gerade auf dem Feld von Ehe und Familie in Deutschland besonders gro\u00df. Mit ihren biblisch begr\u00fcndeten Leitbildern haben die Kirchen immer Einfluss genommen auf die Entwicklung von Eherecht und Familienleben. \u201eKinder, K\u00fcche, Kirche\u201c waren nie unpolitisch \u2013 im Gegenteil: in diesem Feld hat sich die Kirche deutlich positioniert \u2013 ob es um Elternrechte und Kindererziehung ging oder auch um die Verhinderung der Erwerbst\u00e4tigkeit von Frauen. Das familienpolitische Modell in Deutschland ist im Miteinander der beiden gro\u00dfen Kirchen ganz wesentlich von der christlichen Soziallehre gepr\u00e4gt. Und dieses Leitbild wirkt bis heute nach \u2013 von den Sozialsystemen bis zur Halbtagsschule.\u00a0Die Mitglieder der Kommission waren sich schnell dar\u00fcber einig, dass die\u00a0Kirche, die bis heute f\u00fcr die Entwicklung und Gestaltung von Erziehung und\u00a0Pflege in Deutschland wesentlich Verantwortung tr\u00e4gt, nicht nur das Recht,\u00a0sondern auch die Pflicht hat, sich auch politisch \u00fcber die Zukunft von Familien\u00a0zu \u00e4u\u00dfern. Dabei ist es unverzichtbar, den Blick \u00fcber Deutschland hinaus auf\u00a0Europa hin zu weiten. Denn es ist letztlich die europ\u00e4ische Rechtsprechung,\u00a0die das Verh\u00e4ltnis von individueller Gleichstellung \u2013 zum Beispiel ehelicher und nichtehelicher Kinder oder homo- und heterosexueller Menschen \u2013 und dem Schutz der famili\u00e4ren Gemeinschaft auch in Deutschland ver\u00e4ndert hat.\u00a0In der Debatte um unseren Text sp\u00fcre ich eine gro\u00dfe Skepsis gegen\u00fcber\u00a0familienpolitischen Leitbildern, die ganz sicher damit zusammenh\u00e4ngt, dass wir in Deutschland schlechte Erfahrungen mit den Eingriffen totalit\u00e4rer Systeme ins Private gemacht haben. Und die Vielfalt heutigen Familienlebens ist ja auch ein starkes Argument f\u00fcr die ganz pers\u00f6nliche Gestaltungsfreiheit dieses Lebensraums. Aber auch Wahlfreiheit braucht eine politische Rahmensetzung und Infrastruktur, die sie erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>\u201eFamilie als verl\u00e4ssliche Gemeinschaft st\u00e4rken\u201c \u2013 der Titel der EKD-Schrift\u00a0ist also Programm. Es geht darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, die es\u00a0Menschen erm\u00f6glichen, die Gemeinschaft zu leben, die sie leben wollen. Denn wir haben es l\u00e4ngst mit neuen Leitbildern bei alten familienpolitischen Realit\u00e4ten zu tun. Dann brauchen Familien aber auch endlich Unterst\u00fctzung bei Erziehung und Bildung, bei der Pflege und in Krisensituationen.<\/p>\n<p><strong>4. Zur Bedeutung von Angewiesenheit und Sorgearbeit \u2013\u00a0die \u00fcbersehene Botschaft der Orientierungshilfe<\/strong><\/p>\n<p>Sorgearbeit ist Arbeit, die schon immer im Schatten stand, und zunehmend\u00a0abgewertet wurde. Zun\u00e4chst auf dem Hintergrund einer traditionellen Familienverfassung mit geschlechtshierarchischer Arbeitsteilung, dann durch die Dynamik einer berufsorientierten Emanzipationsbewegung, die die traditionelle Geschlechterhierarchie thematisierte und aufl\u00f6ste. Am Ende dieser Entwicklung steht eine \u00f6konomisierte Erwerbs- und Konsumgesellschaft, in der nichts gilt, was nichts kostet. Haus- und Familienarbeit, Erziehung und Pflege brauchen deshalb eine neue gesellschaftliche Wertsch\u00e4tzung \u2013 und zwar jenseits der\u00a0geschlechterspezifischen Arbeits- und Rollenteilung.\u00a0Die Orientierungshilfe deutet die Situation von Familien auf dem Hintergrund\u00a0moderner Vorstellungen von Autonomie, Gleichheit und Gerechtigkeit. Individualit\u00e4t und Vielfalt moderner Gesellschaften werden deshalb akzeptiert und nicht verworfen. Das ist aber nur die eine Seite des Spannungsfeldes, sozusagen der erste Teil, der f\u00fcr die Mitglieder der Kommission selbstverst\u00e4ndlich war \u2013 in der Tat, vielleicht auch deshalb, weil die Frauen in der Mehrheit waren.<\/p>\n<p>Dabei wird \u00fcbersehen, dass die Orientierungshilfe sich in ihrem zweiten Teil\u00a0durchaus kritisch zu den Schattenseiten der Moderne positioniert. Sie macht\u00a0n\u00e4mlich zugleich deutlich, dass die wechselseitige Angewiesenheit aller in den\u00a0Modernisierungsprozessen untersch\u00e4tzt wurde.<\/p>\n<p>Und hier kamen durchaus auch biblische \u00dcberlegungen mit ins Spiel: Dass\u00a0Angewiesenheit f\u00fcr unser Menschsein konstitutiv ist, versucht das theologische Kapitel am Beispiel der Sch\u00f6pfungserz\u00e4hlung wie des Segenshandelns Gottes in den Mittelpunkt zu r\u00fccken.\u00a0Leitlinie einer evangelisch ausgerichteten F\u00f6rderung von Familien, Ehen\u00a0und Lebenspartnerschaften muss die konsequente St\u00e4rkung aller f\u00fcrsorglichen Beziehungen sein, hei\u00dft es am Ende konsequent im Text. Wo Menschen auf Dauer und im Zusammenhang der Generationen Verantwortung f\u00fcreinander \u00fcbernehmen, sollten sie Unterst\u00fctzung in Kirchengemeinden und diakonischen Einrichtungen finden \u2013 mit praktischen Hilfen, mit gottesdienstlichen, p\u00e4dagogischen und diakonischen Angeboten. Die Form, in der Familie und Partnerschaft gelebt werden, darf dabei nicht entscheidend sein. Die Mitglieder der Kommission waren und sind \u00fcberzeugt, dass beides zusammengeh\u00f6rt: der Respekt vor der Freiheit wie die St\u00e4rkung f\u00fcrsorglicher und gerechter Beziehungen.\u00a0Der Rat der EKD hat die Gedanken zu F\u00fcrsorge und Angewiesenheit, die der\u00a0Text sehr starkmacht, immer begr\u00fcsst und hervorgehoben. Genauso unstrittig\u00a0war, dass die Kriterien, die eine gelungene Ehe ausmachen, auch auf andere\u00a0Lebensformen Anwendung finden sollten. Strittig scheint mir bis heute, wie wichtig dabei die Vorstellung eines Leitbildes der Ehe als des traditionellen Modells f\u00fcr uns als Kirche ist.\u00a0F\u00fcr die Ad-hoc-Kommission war dabei die Akzeptanz unterschiedlicher\u00a0Formen bei gleichen Kriterien und die Freiheit des Menschen, die Gestaltung\u00a0seines Lebens zu w\u00e4hlen, unverzichtbarer Bestandteil der Arbeit. Sie hat deshalb im Sommer 2011 dem Rat vorgeschlagen, dem Text die \u00dcberschrift \u201eEhe, Familien und Lebenspartnerschaften st\u00e4rken\u201c zu geben. An dieser Stelle ist der Rat nicht mitgegangen und hat sich auf dem Hintergrund des familienpolitischen Auftrags entschieden, nur den Begriff Familie zu nutzen.<\/p>\n<p><strong>5. Und die Theologie?<\/strong><\/p>\n<p>Was ist Familie? \u00dcber Jahrhunderte zuerst eine Hausgemeinschaft, f\u00fcr die\u00a0nicht einmal der Begriff \u201eFamilie\u201c eine Rolle gespielt hat. Und was ist Ehe?\u00a0\u00dcber lange Zeit eine Rechtsbeziehung, zu der auch mehr als eine Frau geh\u00f6ren\u00a0konnte. Die Zeit, in der Familien Eigentumsverh\u00e4ltnisse waren, ist noch\u00a0nicht lange vorbei \u2013 und auch die Zeit der Geschlechterhierarchie nicht. Bis zu\u00a0Beginn der 1970er Jahre entschieden M\u00e4nner als Haushaltsvorstand \u00fcber die Erwerbst\u00e4tigkeit ihrer Frauen. Erst in dieser Zeit gewannen Pastorinnen in der evangelischen Kirche die gleichen Rechte wie ihre Kollegen. Auch ich bin deshalb \u00fcberzeugt, dass die unterschiedlichen Familienformen von heute \u2013 die\u00a0sogenannte klassische Familie, Patchworkfamilien, Alleinerziehende, Regenbogenfamilien \u2013 weit mehr gemeinsam haben als die traditionelle Familie mit den unterschiedlichen Formen in biblischen Zeiten, ja noch der Reformationsund Neuzeit. Was wir unter Familie verstehen, ist in einem dauernden Wandel begriffen \u2013 und der Kommission lag viel daran, deutlich zu machen, dass es viel zu kurz gegriffen w\u00e4re, diesen Wandel als Verfallsgeschichte zu verstehen.<\/p>\n<p>Angesichts der Vielfalt biblischer Bilder und der historischen Bedingtheit des\u00a0famili\u00e4ren Zusammenlebens entspr\u00e4chen ein normatives Verst\u00e4ndnis der Ehe\u00a0als \u201eG\u00f6ttliche Stiftung\u201c und eine Herleitung der traditionellen Geschlechterrollen aus einer vermeintlichen \u201eSch\u00f6pfungsordnung\u201c weder der Breite des biblischen Zeugnisses noch unserer Theologie, hat der Ratsvorsitzende deshalb bei der Pressekonferenz zur Orientierungshilfe formuliert. Die Schrift setze vielmehr das geschichtliche Gewordensein und den Wandel famili\u00e4rer Leitbilder voraus.<\/p>\n<p>Dabei k\u00f6nne sie sich auch auf Martin Luther beziehen, der bei aller Hochsch\u00e4tzung als \u201eg\u00f6ttlich Werk und Gebot\u201c die Ehe zum \u201eweltlich Ding\u201c erkl\u00e4rt, das von den Partnern gestaltbar ist und gestaltet werden m\u00fcsse \u2013 als generationen\u00fcbergreifender Lebensraum mit Verl\u00e4sslichkeit in Vielfalt, Verbindlichkeit in Verantwortung, Vertrauen und Vergebungsbereitschaft, F\u00fcrsorge und Beziehungsgerechtigkeit.<\/p>\n<p>Aus einem evangelischen Eheverst\u00e4ndnis kann also deshalb eine neue Freiheit auch im Umgang mit gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen erwachsen \u2013 gleichwohl empfiehlt der Text einen verbindlichen institutionellen\u00a0Rechtsrahmen, an dem zum Beispiel auch finanzielle Entlastungen\u00a0andocken k\u00f6nnen, und nimmt dabei ausdr\u00fccklich auf die Ehe Bezug.\u00a0Dennoch blieben die theologischen \u00dcberlegungen des Ratsvorsitzenden von\u00a0Anfang an nicht ohne Widerspruch: \u201eSch\u00f6pfungsordnung\u201c, \u201eScheidungsverbot\u201c\u00a0und Ablehnung von \u201eHomosexualit\u00e4t\u201c in der Bibel bilden die \u201eEcksteine\u201c f\u00fcr die\u00a0biblisch-theologische Kritik. In all diesen F\u00e4llen enth\u00e4lt die Orientierungshilfe\u00a0implizit oder explizit eine andere \u201eEinordnung\u201c. Polarit\u00e4t wird eben nicht nur als\u00a0Geschlechterpolarit\u00e4t verstanden, das Scheidungsverbot wird vor allem als\u00a0Schutz der Schw\u00e4cheren interpretiert, die biblische Ablehnung der Homosexualit\u00e4t wird darin begr\u00fcndet, dass ein unserem heutigen Verst\u00e4ndnis vergleichbares Konzept homosexueller Liebe auf Augenh\u00f6he nicht existierte. Gleichwohl wird nicht erst heute das eigene, zeitbedingte Selbstverst\u00e4ndnis in diese Texte \u201ehineingelesen\u201c, w\u00e4hrend irritierende Wahrnehmungen in biblischen Texten (gesegnete Vielehen, Rechtlosigkeit von Frauen und Kindern etc.) ausgeblendet werden. Der Versuch, die biblischen Texte einer solchen \u00dcberformung oder zeitlosen Abstraktion zu entkleiden, um ihre befreiende Kraft wahrzunehmen, wird offenbar von vielen als \u201edesorientierend\u201c erlebt.\u00a0Wer aber die Kirche vor allem als Normen- und Werteagentur versteht,\u00a0nimmt die Breite gemeindlichen und diakonischen Handelns sowie die vielf\u00e4ltige Praxis in sozialen Projekten und Einrichtungen nicht wirklich zur Kenntnis.<\/p>\n<p>Kirche lebt vom Miteinander in den Familien \u2013 gerade die j\u00fcngste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung hat gezeigt, wie wichtig Familie als religi\u00f6se Sozialisationsagentur, als Keimzelle gesellschaftlichen und nachbarschaftlichen Zusammenhalts, als Ort ethischen Lernens ist. Oft genug bilden Familien die Mitte und das R\u00fcckgrat der Gemeinden. Aber mehr als die Kirche Familien braucht, brauchen Familien die Kirche. Acht Aspekte will ich daf\u00fcr benennen:<\/p>\n<p>Familien brauchen:<\/p>\n<ol>\n<li><span style=\"text-decoration: underline;\"><em>Eine Kirche, die offen ist fu\u0308r Rollenver\u00e4nderungen \u2013 zwischen den Geschlechtern wie bei den Altersbildern. <\/em><\/span>Und dabei geht es ans Eingemachte.\u00a0Ehrenamt, F\u00fcrsorge und religi\u00f6se Sozialisation \u2013 das alles ist tangiert von den\u00a0neuen Rollenbildern: Frauen- und M\u00e4nnergruppen, Ehrenamt und Altenarbeit\u00a0in der Kirche m\u00fcssen sich so \u00e4ndern, dass die Kompetenzen und Lebensschwerpunkte von Menschen, aber auch ihre Sehnsucht nach Gemeinschaft und Zuwendung und ihr Einsatz f\u00fcrs Gemeinwesen ernst genommen werden.<\/li>\n<li><span style=\"text-decoration: underline;\"><em>Eine Kirche, die Hochzeiten feiert und Krisen ernst nimmt: <\/em><\/span>Kirche ist nach \u00a0wie vor der Ort, wo Taufen und Konfirmationen, wo Weihnachten gefeiert wird,\u00a0wo Beerdigungen begangen werden. Mit solchen Festzeiten verkn\u00fcpfen sich\u00a0heute ganz neue Herausforderungen, Br\u00fcche ernst zu nehmen und Zusammenhalt zu gestalten. Kirche als Gemeinde kann diesen Herausforderungen nur gerecht werden, wenn sie mit Kirche als Diakonie zusammenarbeitet, Beratung ernst nimmt und Angebote an den Knoten- und Krisenpunkten des Lebens verkn\u00fcpft.<\/li>\n<li><span style=\"text-decoration: underline;\"><em>Gemeinden, die mit der Tr\u00e4gerschaft von Tageseinrichtungen und Familienzentren punkten: <\/em><\/span>Dabei geht es nicht nur um den quantitativen, sondern auch um den qualitativen Ausbau der Tageseinrichtungen f\u00fcr Kinder. Denn angesichts der Schwierigkeiten der in vielen F\u00e4llen finanzschwachen Kommunen, allein das quantitative Ausbauziel zu erreichen, droht die Verbesserung der Qualit\u00e4t der angebotenen Bildungs- und Betreuungspl\u00e4tze zu kurz zu kommen. Nicht zuletzt geht es darum, in Familienbildungsst\u00e4tten und Familienzentren die Elternarbeit zu st\u00e4rken und auch auf religi\u00f6se Bildung und Wertekompetenz zu achten.<\/li>\n<li><span style=\"text-decoration: underline;\"><em>Eine Kirche, die bewusst Zeitpolitik betreibt: <\/em><\/span>Dabei geht es einerseits um die Tr\u00e4gerschaft von Einrichtungen und deren Vereinbarkeit mit der Erwerbswelt \u2013 nicht nur im Blick auf Produktion und Dienstleistung, sondern auch im Blick auf die eigene diakonische Arbeit. Die Kirche muss hier wie bei der Gestaltung von Festen Akzente setzen, die auf die geringe Zeit von Familien R\u00fccksicht nehmen, und sie gestalten.<\/li>\n<li><span style=\"text-decoration: underline;\"><em>Eine \u201efamiliaritas\u201c aller Generationen: <\/em><\/span>Wenn es um die Weitergabe von\u00a0Glauben und Werten, Traditionen und Erfahrungen geht, brauchen Familie und Gesellschaft alle Generationen. Ohne die private Solidarit\u00e4t der \u00e4lteren Generation geriete die j\u00fcngere in Schwierigkeiten \u2013 und der private \u201eAustausch\u201c von Leistungen entspricht dem sozialstaatlichen in den Sicherungssystemen durchaus.\u00a0Die multilokale Mehrgenerationenfamilie funktioniert, aber sie st\u00f6\u00dft in einer\u00a0mobilen Welt an Grenzen in Zeit und Raum. Hier kann Gemeinde mit dem\u00a0Aufbau von Netzwerken viel zur Entlastung beitragen.<\/li>\n<li><span style=\"text-decoration: underline;\"><em>Eine gemeinwesenorientierte Kirche: <\/em><\/span>Pflege und auch die Hilfe bei famili\u00e4ren Krisen und Problemen wird der Diakonie zugeordnet \u2013 das gilt f\u00fcr soziale und \u00f6konomische Notlagen genauso wie fu\u0308r die Arbeit mit Alleinerziehenden oder Adoptivfamilien. Jede Familie ist anders. Es geht darum, rund um Hochzeiten und Trennungen, Taufen und Konfirmationen, Umz\u00fcge, Krankheitserfahrungen oder diakonische Krisenintervention genau und sensibel hinzusehen und Familien mit den passenden Angeboten anzusprechen. Das kann nur gelingen, wenn Kirchengemeinden und diakonische Einrichtungen sich noch st\u00e4rker miteinander und mit der Zivilgesellschaft vernetzen.<\/li>\n<li><span style=\"text-decoration: underline;\"><em>Eine moderne Arbeitgeberin: <\/em><\/span>Auch als Arbeitgeberin ist Kirche gefragt,\u00a0wenn es darum geht, Familie zu unterst\u00fctzen: Das betrifft die Tarifgestaltung in den Erziehungs- und Pflegeberufen genauso wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, es betrifft aber auch die Erwartung an Pfarrerinnen und Pfarrer. Pfarrh\u00e4user bilden den Wandel ab. Die wachsende Vielfalt von Familienformen hat in den letzten Jahrzehnten immer wieder zu Konflikten gef\u00fchrt \u2013 von der Berufst\u00e4tigkeit der Pfarrfrauen bis zum Zusammenleben gleichgeschlechtlicher Partner und der bireligi\u00f6sen Ehe einer Vikarin. Teilzeitbesch\u00e4ftigungen und Pendelbeziehungen gibt es inzwischen auch im Pfarrhaus, auch hier wird um eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie gerungen, genauso wie um einen angemessenen Umgang mit Scheidungen und die Frage, wie Familie als Wahlverwandtschaft gelebt werden kann. Diese Erfahrung kann auch ein Schatz sein, den die Kirche in die Gesellschaft einzubringen hat.<\/li>\n<li><em><span style=\"text-decoration: underline;\">Familienkompetente und politisch wache Gemeinden:<\/span> <\/em>Aus all dem resultieren neue Anforderungen f\u00fcr alle, die Verantwortung in der Gemeinde \u00fcbernehmen, die planen und gestalten. Sie sollten die Gegebenheiten und Ver\u00e4nderungen nicht nur sensibel wahrnehmen, sondern sie bei der Entwicklung von Angeboten gezielt ber\u00fccksichtigen. Sie brauchen ein Bewusstsein f\u00fcr die engen Zeitspielr\u00e4ume von Familien, wenn es um Gottesdienstzeiten oder um \u00d6ffnungszeiten von Einrichtungen geht. Sie sollten sich einbringen in kommunale Netzwerke und Prozesse und mit anderen Tr\u00e4gern und Initiativen in der Zivilgesellschaft zusammenarbeiten. Sie sollten sich politisch einmischen, wenn es um Quartiersentwicklung und Verkehrssysteme, um Schwimmb\u00e4der und die Qualit\u00e4t von Einrichtungen geht. Kirchen haben die M\u00f6glichkeit der Mitarbeit vom Jugendhilfeausschuss bis zum Sozialausschuss, von der Stadtplanung bis zu den neuen Netzwerken der B\u00fcrgerbeteiligung. Sie m\u00fcssen sie nutzen.<\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>6. Es gibt noch viel zu denken und zu tun \u2013\u00a0zu den Konsequenzen<\/strong><\/p>\n<p>Ich erlebe, dass in der Debatte Themen aufbrechen, die f\u00fcr die Kommission\u00a0selbst keine Rolle gespielt haben oder nicht zum Auftrag geh\u00f6rten: Dass nicht\u00a0nur die pastoralpsychologische, sondern auch die medizinische Seite im Text\u00a0unterbelichtet ist \u2013 eben die Fragen von Sexualit\u00e4t, Generativit\u00e4t und Reproduktionsmedizin, h\u00e4ngt ebenfalls mit Auftrag und Zusammensetzung zusammen, bleibt aber ein Defizit.\u00a0Dass die Frage der Institution in einer Zeit zunehmender Individualisierung\u00a0und Vertraglichkeit theologisch noch einmal reflektiert werden muss, war w\u00e4hrend der Debatten in der Kommission schon sp\u00fcrbar.\u00a0Und dass schlie\u00dflich die hermeneutischen Fragen und die Auseinandersetzungen mit den entscheidenden Texten von der Genesis bis zum Scheidungsverbot noch einmal auf die Tagesordnung kommen m\u00fcssen, ist gut und richtig.\u00a0Die familienpolitischen oder auch die kirchlich-diakonischen Handlungsfelder\u00a0im Text werden so gut wie nicht diskutiert. Deshalb bleibt es so wichtig, dar\u00fcber nachzudenken, wie Kirche f\u00fcr gelingendes Familienleben eintreten kann \u2013 in der Verbindung von Gemeinde und Diakonie, in nachbarschaftlichen Netzwerken, aber auch als Arbeitgeberin.<\/p>\n<p>Weitere Informationen finden Sie unter: <a href=\"http:\/\/www.uni-muenster.de\/Ejournals\/index.php\/pthi\/\" target=\"_blank\">\u00a0www.pthi.de<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Beim folgenden Beitrag handelt es sich um die f\u00fcr die Ver\u00f6ffentlichung \u00fcberarbeitete und\u00a0gek\u00fcrzte Version eines Referates, das die Autorin auf der Fachtagung des Amtes f\u00fcr Gemeindedienst in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern \u201eFamilien als verl\u00e4ssliche\u00a0Gemeinschaft st\u00e4rken \u2013 Herausforderungen f\u00fcr Kirche und Diakonie\u201c am 19. Mai 2014 in\u00a0N\u00fcrnberg gehalten hat. Die Autorin, ihrerseits Oberkirchenr\u00e4tin in der EKD, war Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin der im Text angesprochenen Ad-hoc-Kommission.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Kirchenamt der EKD (Hg.), Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verl\u00e4ssliche Gemeinschaft st\u00e4rken. Eine Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, G\u00fctersloh 2013.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Markus V\u00e4th, Cooldown. Die Zukunft der Arbeit und wie wir sie meistern, Offenbach 2013.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Hartmut Rosa, Beschleunigung und Entfremdung. Entwurf einer kritischen Theorie sp\u00e4tmoderner Zeitlichkeit. Aus dem Englischen von Robin Celikates, Berlin 2013.<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Kontroverse um die Orientierungshilfe der EKD[1] &nbsp; 1. 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