{"id":7634,"date":"2024-05-15T10:12:46","date_gmt":"2024-05-15T08:12:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=7634"},"modified":"2024-05-15T10:13:42","modified_gmt":"2024-05-15T08:13:42","slug":"das-letzte-tabu-spiritualitaet-am-ende-des-lebens%ef%bf%bc","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=7634","title":{"rendered":"Das letzte Tabu \u2013 Spiritualit\u00e4t am Ende des Lebens\ufffc"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>1. Tod und Verletzlichkeit \u2013 Corona und das letzte Tabu<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eDer Tod hat keinen festen Ort und viele Gesichter. Wie ein Nomade zieht er durchs Land, kommt an jede T\u00fcr und macht, was er will.<\/strong> Das nat\u00fcrliche Ende des Lebens ist in jeder Hinsicht unberechenbar und unvorhersehbar. Er verlangt inmitten der jeweils besonderen Situation die Bereitschaft, sich dem Geschehen offen zu stellen. Nichts ist versprochen, aber vieles ist m\u00f6glich. So merkw\u00fcrdig es klingt: Kreativit\u00e4t ist gefragt. Tun, was m\u00f6glich ist und lassen, was nicht n\u00f6tig ist\u2026 <strong>Es geht darum, die gemeinsame Sorge jenseits der erfolgreichen Medizin, jenseits von Staat, Kirchen und Wohlfahrtsverb\u00e4nden, zu einem zivilgesellschaftlichen Leben aller Menschen zu machen\u201c<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Das schreiben Annelie Keil und Hennig Scherf in: \u201eDas letzte Tabu &#8211; \u00dcber das Sterben reden und den Abschied leben lernen.\u201c<a id=\"_ftnref1\" href=\"#_ftn1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> Als das Buch vor fast 20 Jahren erschien, habe ich gez\u00f6gert, es zu kaufen. <strong>Konnte man\u00a0 nach 40 Jahren Hospizbewegung noch immer von einem Tabu reden? Inzwischen habe ich einen anderen Blick. Denn w\u00e4hrend der Pandemie haben wir erlebt, was <\/strong><strong>die beiden schreiben: <\/strong>Der Tod macht tats\u00e4chlich, was er will \u2013 keine Planung, keine Professionalit\u00e4t, keine Quarant\u00e4ne kann ihn bremsen. Es war, <strong>als w\u00e4re das Tor zum Tigerk\u00e4fig ge\u00f6ffnet worden, w\u00e4hrend doch gleichzeitig alle Heimt\u00fcren schlossen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>M<\/strong><strong>ehr als 50 Prozent der Pflegebed\u00fcrftigen starben in Heimen. <\/strong><strong>Sie starben ohne die Begleitung, die wir doch eigentlich f\u00fcr guten Standard halten \u2013 ohne Ber\u00fchrung, ohne eine Hand, die sie hielt<\/strong>. W\u00e4hrend des Lockdowns schien das alles vergessen. Nicht nur in Schweden entschieden \u00c4rzte ohne R\u00fccksprache mit Angeh\u00f6rigen oder Betreuern von Langzeitpflegebed\u00fcrftigen, dass ein Krankenhausaufenthalt nicht mehr lohne und setzten stattdessen auf Palliativversorgung. Angeh\u00f6rige sahen die Sterbenden oft erst, wenn kein bewusster Kontakt mehr m\u00f6glich war und blieben mit Trauer und Schuldgef\u00fchlen allein. Manche fragten laut, warum keine Besuche mehr zugelassen wurden, wenn doch der Tod absehbar war. Und wieder andere beobachteten, dass in vielen Einrichtungen die Selbstbestimmung auf die Patientenverf\u00fcgung reduziert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Theologin Hildegund Keul hat sich auf dem Hintergrund von Corona mit Vulnerabilit\u00e4t und Vulneranz besch\u00e4ftigt<\/strong>. Was Vulnerabilit\u00e4t bedeutet, ist inzwischen fast allen klar \u2013 der Begriff wurde zum Schlagwort der Krise. Unter Vulneranz versteht Keul den Versuch, <strong>die eigene Verletzlichkeit abzuwehren und die der anderen nicht zu sehr an sich herankommen zu lassen<\/strong>. Am Beispiel von Corona macht sie deutlich, wie\u00a0 ein Regime errichtet wurde, das Sicherheit geben soll, letztlich aber die Verletzlichkeit aller Beteiligten offenlegt.\u00a0Wir kennen das aus dem Alltag von Medizin und Pflege. Wir kennen das moralische Dilemma, wenn es darum geht, den Tod auf Abstand zu halten\u00a0\u2013 und er dann erst recht seine grausame Maske zeigt. In einer Umfrage haben 92 Prozent der befragten \u00c4<strong>rztinnen, \u00c4rzte und Pflegende angegeben, dass sie den Eindruck hatten, Leid zu erzeugen, w\u00e4hrend sie Menschen helfen wollen. <\/strong>Noch kurz vor dem Ende gaben sie Sondennahrung, mobilisierten, beatmeten \u2013 immer mit dem Gef\u00fchl, gegen die Interessen der Patient*innen zu handeln. W<strong>\u00e4hrend des Lockdowns ging es oft nur noch um Palliativversorgung \u2013 aber auch da fehlte es an Selbstbestimmung.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dass w\u00e4hrend der Pandemie k\u00f6rperliche Ber\u00fchrung kaum m\u00f6glich war, hat auch psychische Erkrankungen anwachsen lassen. Aber selbst ohne Ber\u00fchrung <strong>passt sich die Herzfrequenz an, wenn wir einander wirklich in die Augen sehen- das Gesicht des anderen wahrnehmen.<\/strong> Siri Hustvedt, die sich intensiv mit der Bedeutung unseres K\u00f6rpers f\u00fcr Denken und Kommunikation besch\u00e4ftigt hat, berichtet von der Synchronisierung des Blicks, der Stimme, der Affekte und Gef\u00fchle zwischen Eltern und ihren \u00a0Babys. \u00c4hnliches kann aber auch Angeh\u00f6rigen, Freunden \u2013\u00a0sogar zwischen fremden Menschen \u2013 im Sterben geschehen. <strong>In Kontakt zu bleiben, einander in die Augen zu sehen und sich wirklich auf die andere Person einzulassen, das h\u00e4lt uns lebendig.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eDas Evangelium verlangt von uns, das Risiko der Begegnung mit dem Angesicht des anderen einzugehen, mit seiner physischen Gegenwart, die uns anfragt, mit seinem Schmerz und seinen Bitten und mit seiner ansteckenden Freude im unmittelbaren Kontakt<\/strong>\u201c schreibt Papst Franziskus. An dieser Stelle haben die Kirchen in Deutschland versagt. <strong>Die Religionsgemeinschaften haben den <strong>\u201e<\/strong>Abstand<\/strong>\u201c<strong> zur neuen Form der N\u00e4chstenliebe erkl\u00e4rt,<\/strong> schrieb Heribert Prantl w\u00e4hrend der Pandemie. Und Christine Lieberknecht :Die Kirche hat die allein gelassen, die es am meisten gebraucht h\u00e4tten: Pflegebed\u00fcrftige, Alte, Einsame, Sterbende.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Und auch das Versprechen der Hospizbewegung, wie es die Gr\u00fcnderin Cicely Sounders formuliert hat, konnte in der Pandemie oft nicht eingel\u00f6st werden. <\/strong>\u201eSie sind wichtig, weil Sie eben Sie sind. Sie sind bis zum letzten Augenblick Ihres Lebens wichtig, und wir werden alles tun, damit Sie nicht nur in Frieden sterben, sondern auch bis zuletzt leben k\u00f6nnen.\u201c: <strong>Ein Ja zu Selbstbestimmung und je eigener W\u00fcrde. Und ein Ja, zu Mitsorge und Solidarit\u00e4t.<\/strong>\u00a0 Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen: Es braucht gute Rahmenbedingungen, damit dieses doppelte Ja gelebt werden.<br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>2. Raus aus der Tabuzone \u2013 Selbstbestimmung im Dialog<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Noch kurz vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie entschied das Bundesverfassungsgericht,<strong> den assistierten Suizid mit R\u00fccksicht auf das Selbstbestimmungsrecht jedes einzelnen B\u00fcrgers, jeder B\u00fcrgerin frei zu geben und den bestehenden Paragraphen 217 zu kippen. Die Frage, wie eine neue Gesetzgebung darauf reagieren kann, geriet w\u00e4hrend der Pandemie zun\u00e4chst in den Hintergrun<\/strong>d. Bald jedoch stritten die Kirche \u00fcber Bedeutung und Grenzen der Selbstbestimmung \u2013 und \u00fcber die Frage, wie christliche Einrichtung mit einem solchen Patientenwunsch umgehen sollten.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Es sei unm\u00f6glich, das Thema abgel\u00f6st von den gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen zu bedenken, schrieben Andreas Heller und Reimer Gronemeyer. <strong>Die neoliberale Gesellschaft suggeriere eine Planbarkeit, die existenzielle Fragen wie Trost, Verzweiflung, Hoffnung ausklammere<\/strong> \u201eEs geh\u00f6rt zu den Eigenarten der Debatte, dass sie individualistisch orientiert ist, den gesellschaftlichen Raum also weitgehend ausblendet.\u201c <strong>Deshalb sei es n\u00f6tig, das Tabu zu brechen und &nbsp;\u00fcber die Bedingungen des Sterbens in unserer Zeit \u00f6ffentlich wie privat zu sprechen.<\/strong> Es sind nicht nur die Medikalisierung der Gesellschaft, nicht nur die \u00dcberforderung der Familien und die Institutionalisierung von Krankheit und Sterben, die den Tod aus unserer Nachbarschaft vertrieben haben<strong>. Es ist auch die Hilflosigkeit, dar\u00fcber zu rede<\/strong>n- <strong>\u00fcber unsere Beziehungen, unsere \u00c4ngste, unsere Hoffnungen zu reden. Und \u00fcber unseren Glauben.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eine der h\u00e4ufigsten Sorgen, die Patient*innen Pflegenden anvertrauen, ist anderen nur noch zur Last zu fallen. \u201eWenn ich nur noch Last bin, dann will ich lieber sterben.\u201c Elke B\u00fcdenbender bef\u00fcrchtet, dass mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts eine Kultur entstehen k\u00f6nnte, in der gesellschaftlicher Druck ausge\u00fcbt wird, \u201edie Bilanz in bestimmten Lebenssituationen fr\u00fcher zu ziehen, als man sie aufgrund eines nat\u00fcrlichen Sterbeprozesses ziehen m\u00fcsste\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Es&nbsp; w\u00e4re aber vollkommen falsch, Sterbende auf den erwartbaren Krankheitsprozess oder auf ihre Vergangenheit festzulegen. <strong>Weder das Bild, das wir von einem Menschen haben, noch das Bild, das wir von einer Erkrankung haben, trifft ja die ganze Wirklichkei<\/strong>t. Vielleicht wird f\u00fcr den Moment alles noch einmal anders. Vielleicht entwickelt jemand eine Z\u00e4rtlichkeit, die er fr\u00fcher immer gescheut hat. Vielleicht f\u00e4llt sie eine Entscheidung, mit der keiner gerechnet h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wir reden von Selbstbestimmung, aber wir sind es noch immer nicht gewohnt, sterbende Menschen als (Mit) Gestalterinnen<\/strong> <strong>ihres Lebens zu sehen. <\/strong><strong>\u201eSich der eigenen Lebenserfahrungen bewusst zu werden,<\/strong> sich im Sterben zusammen mit Menschen, die einem wichtig sind, dem Gelebten wie dem Ungelebten zuzuwenden, ist <strong>die palliative Selbstsorge, die wir brauchen, um in W\u00fcrde Abschied zu nehmen. Auch die palliative Fremdsorge und die professionelle Betreuung brauchen eine historische und biographische Bewusstheit.\u201c (Annelie Keil)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dazu geh\u00f6rt \u00a0auch die Verwirklichung der eigenen Werte, das Wahrnehmen spiritueller Bed\u00fcrfnisse. Das gilt f\u00fcr die Sterbenden wie f\u00fcr die, die sie begleiten.<\/strong> Um dar\u00fcber ins Gespr\u00e4ch zu kommen, braucht es Offenheit. Erst im offenen Gespr\u00e4ch kann uns bewusstwerden, dass die meisten verschiedene Rollen in sich tragen: Neben der fachliche Rolle die eigene Erfahrung als Tochter, Partner, Angeh\u00f6rige. Aber auch die mit eigenen schweren Krankheiten. Es geht dabei um <strong>unsere tiefsten \u00dcberzeugungen, \u00fcber die wir im Alltag \u00a0selten sprechen<\/strong>. Vielleicht aus Angst, vielleicht weil wir keine Worte daf\u00fcr finden- aus Unsicherheit zwischen den Kulturen oder angesichts von Erwartungen des Tr\u00e4gers, bei dem wir arbeiten oder uns engagieren. Aber erst im Reden und H\u00f6ren aufeinander entstehen im besten Fall tragf\u00e4hige Sorgenetze, in denen sich Sterbende geh\u00f6rt und gesehen wissen. <strong>Es ist deshalb besonders erschreckend, wenn Pflegende angeben, dass immer weniger Zeit f\u00fcr spirituell Care bleibt.<\/strong><br><br><strong>3. Einander begleiten \u2013 weil wir mit Grenzen leben<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Martin Luther hat von der doppelten Natur des Menschen gesprochen: Von unserer Freiheit, aber auch von unserer Angewiesenheit. Und auch Martin Buber <strong>rechnet damit, dass wir einander brauchen und f\u00fcr einander da sein m\u00fcssen, um ganz zu uns selbst zu komme<\/strong>n. Es geht darum, F\u00fcrsorge einerseits und Selbstbestimmung andererseits in eine gute Balance zu bringen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wolfgang Schmidtbauer hat es vor vielen Jahren eindr\u00fccklich beschrieben:<\/strong> Wer Kranke pflegt, wird schnell zum hilflosen Helfer, zur hilflosen Helferin. Wenn immer weniger zu tun bleibt, Probleme sich mit Medikamenten oder Operationen nicht mehr l\u00f6sen lassen, k\u00f6nnen Angst und\u00a0 Ohnmacht auch das Team lahmlegen. Dann <strong>besteht die Gefahr des inneren oder \u00e4u\u00dferen R\u00fcckzugs. Dann brauchen die Mitarbeitenden selbst Unterst\u00fctzung, um die eigene Handlungs- und Entscheidungsf\u00e4higkeit nicht zu verliere<\/strong>n \u2013 privat, aber auch in Seelsorge und Supervision. <strong>Es geht darum, die eigenen Grenzen genauso ernst zu nehmen wie die Selbstbestimmung der Sterbenden. <\/strong>Ihre Sorgen und \u00c4ngste, aber auch ihre eigenwilligen L\u00f6sungen, ihre inneren Bilder \u2013 das alles will respektiert sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es darum geht, was wirklich wichtig ist, wenn so vieles zerbricht und wegger\u00e4umt werden muss, dann brauchen wir Menschen, die unsere kulturellen Pr\u00e4gungen, religi\u00f6sen \u00dcberzeugungen, unsere einzigartige Geschichte respektieren. \u201e<strong>Es hat Konsequenzen, wenn wir uns nicht gegenseitig begleiten. Sowohl individuell als auch f\u00fcr die Gesellschaft wird der Tod damit immer belastender\u201c, <\/strong>sagt Eckhardt Nagel.Wir \u2013 als Einzelne und als Gesellschaft \u2013 m\u00fcssen st\u00e4rker akzeptieren, dass wir endlich sind.<strong> Wo dieses Tabu gebrochen ist, k\u00f6nnen wir wieder entdecken, wie fr\u00fchere Generationen damit umgegangen sind und was sie getragen hat. Bilder und Symbole, Musik und Gebete, Segensworte. <\/strong>Vor allem \u00a0Rituale sind eine gro\u00dfe Hilfe: sie k\u00f6nnen integrieren \u00fcber den Tod hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Sterbeverl\u00e4ufe werden <strong>als \u201egut\u201c erlebt, wenn sie als gemeinsames Erleben von professionellen Akteur*innen und Sterbenden gedeutet werden k\u00f6nnen, <\/strong>so die Studie \u201eSterben braucht Latenz\u201c. W\u00e4hrend die Patient*innen ihr Sterben als bedrohliche Diskontinuit\u00e4t erleben, erleben es die professionellen Akteure als kontinuierlichen erwartbaren Verlauf.<\/p>\n\n\n\n<p>So erz\u00e4hlt ein Hospizpfleger von einem schwierigen Fall: \u201eUnd da war\u2019s dann so, da war dann irgendwie das Nichtstun, also das Nichts machen in dem Moment war wahrscheinlich schon viel. Ja, also ich hab dann einfach \u2026 Ja, ich wusste auch gar nicht, also \u2026 <strong>ich habe dann das ausgehalten mit ihr zusammen\u201c. Sterben wird hier zum Erleben, ja \u2013 zum gemeinsamen Erleben. <\/strong>Und das erm\u00f6glicht einen neuen Blick auf dieses eigentlich ohnm\u00e4chtige und unkalkulierbare Geschehen: es gibt ein \u00a0gutes Sterben, ein seliges Ende. <strong>Aber die Hoffnung, getragen zu werden, die es erm\u00f6glicht, sich einzulassen, Zuversicht nicht allein zu sein, das Wissen, trotz Br\u00fcchen zu einem guten Abschluss kommen zu k\u00f6nnen, ist nicht selbstverst\u00e4ndlich. Sie lebt von Offenheit und \u00a0Vertrauen<\/strong>. Vom Gott- und Lebensvertrauen, aber auch vom Vertrauen zwischen den Personen rund um das Kranken- und Sterbebett.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Theologin und Therapeutin Monika Renz hat die Zeugnisse von Sterbenden aufgeschrieben, die sie selbst begleitet hat. Nach der Machtlosigkeit&nbsp; gefragt, sagt sie: \u201e<strong>Die wenigsten Menschen wissen, dass Ohnmacht nur so lange schlimm ist, bis ich loslassen und mich in gute H\u00e4nde geben kann<\/strong>. Es gibt eine innere Schwelle, danach ist es sch\u00f6n, ein Flie\u00dfen, ein Friede.\u201c Die erfahrene Sterbebegleiterin vergleicht Geburt und Todesn\u00e4he. Und sie sagt: \u201eIrgendwann muss man hindurch. Seelisch und k\u00f6rperlich. Das macht den Menschen in einer Weise gl\u00fccklich, die ich im Leben nicht kenne.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eSoziale Beziehungen k\u00f6nnen ein ziemliches Kuddelmuddel sein. Das zeigt der<\/strong> <strong>Film \u201eSterbe<\/strong>n\u201c (Glasner,\u00a0 Berlinale 2024), der von der Einsamkeit bis zur Pflegekrise gesellschaftliche Themen aufnimmt. Es geht um eine auseinanderdriftende Familie, die der herannahende Tod zusammenf\u00fchrt. Zentral ist dabei eigentlich nicht das Sterben, sondern <strong>die Frage, wie man richtig lebt. Und wovon wir wirklich \u00fcberzeugt sind.<\/strong><br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>4. Spiritualit\u00e4t \u2013 das letzte Tabu<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSpiritualit\u00e4t ist das innere Erf\u00fclltsein, aus dem heraus ein Mensch seinem Leben, bewusst oder unbewusst, Wert und Bedeutung gibt. Die\u00a0innere Einstellung, mit der ein Mensch auf die Widerfahrnisse des Lebens reagiert und auf sie zu antworten versucht, schreibt der katholische Theologe Erhart Weihe. <strong>Was passiert\u00a0 mit uns, wenn diese\u00a0 Widerstandskraft\u00a0 ausgeht und wir nur noch Leere sp\u00fcren?\u00a0Kann diese Leere uns auf den Weg einer neuen Gotteserfahrung f\u00fchren? Finden wir aus \u00a0dem inneren Sterben zu einem neuen Leben? <\/strong>Ich glaube, auch dabei sind wir auf andere angewiesen.<strong> Andere,\u00a0die unsere spirituellen Bed\u00fcrfnisse, aber auch unsere Verletzungen ernst nehmen und verstehen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Existenzielle Bed\u00fcrfnisse wie die Suche nach Sinn \u2013 und Identit\u00e4tserfahrungen, aber auch die Beziehung zu anderen Menschen gewinnen im Sterbeprozess noch einmal besondere Dynamik. <strong>Dabei geht es immer um grundlegende Beziehungen z.B. zur Natur, zu anderen Menschen, zur Heima<\/strong>t. Wenn am Lebensende eine oder viele dieser Dimensionen verletzt sind und der betroffene Mensch nach Heilung sucht, sp\u00fcren wir spirituelle Schmerzen.\u00a0Religi\u00f6se Bilder und Symbole k\u00f6nnen helfen, dar\u00fcber zu sprechen. Das Labyrinth, der Gekreuzigte, der Durchzug durch die W\u00fcste, die Himmelsleiter, ein Schmetterling, eine Kerze. <strong>Wo es k\u00f6rperlich l\u00e4ngst keine Heilung mehr gibt, kann der Glaube auf dieser Ebene heilen.\u00a0\u00a0<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>In der spirituellen Sterbebegleitung sind wir gewisserma\u00dfen \u201emit der W\u00fcnschelrute unterwegs\u201c<\/strong>, schreibt Eva-Maria Faber. Es geht darum, sich auf eine noch unbekannte Situation einzulassen, ohne dabei auf das ganze Spektrum medizinisch-technischer M\u00f6glichkeiten und Methoden zur\u00fcckgreifen zu k\u00f6nnen \u2013 <strong>mit nichts als Empathie, Beobachtung, Sprache und Kommunikation, vor allem aber mit der eigenen Person<\/strong>. Ob dabei ein Funke \u00fcberspringt, bleibt unverf\u00fcgbar. <strong>Sich bewusst mit der eigenen Pr\u00e4gung einzubringen, zugleich aber kr\u00e4nkungsfrei damit umgehen\u00a0zu k\u00f6nnen, wenn der andere nichts damit anfangen kann,<\/strong> geh\u00f6rt zu den pers\u00f6nlichen Herausforderungen f\u00fcr alle, die \u00fcber Religion und Spiritualit\u00e4t sprechen wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu ist es wichtig, dass wir uns klar machen, woher wir kommen und was uns pers\u00f6nlich tr\u00e4gt. <strong>Die Verortung in einem bestimmten religi\u00f6s-konfessionellen Kontext, der ja immer auch mit Zuschreibungen, mit Verunsicherungen und \u00c4ngsten verbunden ist<\/strong>, verweist einerseits auf unsere Kraftquellen und zeigt andererseits die Herausforderungen, denen das Gespr\u00e4ch \u00fcber Religion\u00a0im s\u00e4kularen Kontext begegnen. <strong>Es also darum, sich der eigenen Verwurzelung bewusst zu werden und gleichzeitig den Anschluss an andere Lebenswelten zu wahren<\/strong>. Und oft genug helfen die offenen Gespr\u00e4che mit anderen dabei, uns klar zu werden, was uns tr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu geh\u00f6rt aber auch, d<strong>ie religi\u00f6se Selbstbestimmung des Gegen\u00fcbers zu achten. <\/strong>Was wir in Begegnungen erleben, kann voller \u00dcberraschungen sein. Da ist der Weg, den der Seelsorger mit einem Demenzkranken geht \u2013 am Ende k\u00f6nnen die beiden zur\u00fcckgreifen auf das\u00a0Rosenkranzgebet. Oder der Atheist, der am Ende noch heiratet, den Segen Gottes sucht und\u00a0 sich mit seiner engen Glaubensgeschichte auss\u00f6hnt. <strong>\u00dcberraschende Wege \u2013 sie k\u00f6nnen auch unsere eigenen Pr\u00e4gungen ver\u00e4ndern, wenn wir nur daf\u00fcr offen sind. Und das kann Lust machen, \u00f6fter einmal das Tabu zu brechen und \u00fcber Spiritualit\u00e4t zu sprechen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Cornelia Coenen-Marx<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\"><\/a>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Tod und Verletzlichkeit \u2013 Corona und das letzte Tabu \u201eDer Tod hat keinen festen Ort und viele Gesichter. 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