{"id":735,"date":"2015-03-19T14:16:54","date_gmt":"2015-03-19T14:16:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=735"},"modified":"2015-07-29T10:16:11","modified_gmt":"2015-07-29T10:16:11","slug":"einfuehrungsrede-salemsfriedhof","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=735","title":{"rendered":"Einf\u00fchrungsrede Salemsfriedhof"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/salem.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-736\" src=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/salem.jpg\" alt=\"salem\" width=\"580\" height=\"433\" srcset=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/salem.jpg 580w, https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/salem-300x224.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 580px) 100vw, 580px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Das erste Auto meiner Mutter hatte einen\u00a0 Namen. Es war ein kleiner, blauer K\u00e4fer und auf dem Nummerschild stand: D-AJ-53. Ich war 9 Jahre alt und werde nie vergessen, wie begeistert meine Mutter \u00fcber diese Buchstaben war: AJ, jauchzte sie, wie \u201eAnna Jakobi\u201c. Und Anna Jakobi war ihre Lieblingsdiakonisse, eine der Kaiserswerswerther Schwestern aus der Station in Rheydt- M\u00f6nchengladbach.\u00a0 In den 30er und 40er Jahren war meine Mutter noch ganz selbstverst\u00e4ndlich mit Diakonissen aufgewachsen- die\u00a0 Zwischenkriegs- und die Nachkriegszeit geh\u00f6rten zu den gro\u00dfen Eintrittszeiten. Das Mutterhaus versprach eine sinnvolle Aufgabe, eine Familie, f\u00fcr die, deren Familie zerbrochen war, ein St\u00fcck Sicherheit und St\u00e4rkung in der Gemeinschaft,\u00a0 und f\u00fcr manche auch einen Halt bei einer abweichenden politischen Haltung. Diakonissen waren meiner Mutter Pflegerin, Schwester oder auch Freundin \u2013 wie Anna Jakobi. Und noch f\u00fcr mich waren sie in den 50er Jahren Hebamme und Kinderg\u00e4rtnerin. Nur wenn Sie mich nach einem Namen fragen wollten, erinnere ich mich nicht. Viel eindr\u00fccklicher blieb mir, was alle trugen: das dunkelblaue Kleid mit den P\u00fcnktchen. Freundlichkeit,\u00a0 Durchl\u00e4ssigkeit, Einfachheit .<\/p>\n<p>Es ist wohl diese Mischung aus Gemeinschaftscharakter und Individualit\u00e4t, die uns an der Diakonissengeschichte so fasziniert: gerade auf dem Hintergrund der Gleichheit gewann das je Eigene Strahlkraft- und gerade wegen der faszinierenden Pers\u00f6nlichkeiten genoss die Gruppe Respekt. Das ist es nun ja auch, was auf dem Pfad der Erinnerung, den wir heute er\u00f6ffnen, zum Tragen kommen soll: W\u00e4hrend die Namen auf den Grabsteinen verwittern, werden einzelne Geschichten wieder lesbar. Und an der Geschichte der Berufsgruppe wie der Henriettenstiftung wird deutlich, wer Marie Klammroth oder Dorothee Kothe eigentlich waren. Damit wird eine Dimension erkennbar, die wir in unserer individualistischen und mobilen Gesellschaft leicht vernachl\u00e4ssigen: die Bedeutung von Zugeh\u00f6rigkeit, das Angewiesensein auf eine Gemeinschaft. In der Zeit, die diese Schwestern gepr\u00e4gt hat, unterschrieb man nicht einfach einen Arbeitsvertrag \u2013 schon gar keinen Zeitvertrag -, man trat ins Mutterhaus ein; so wie andere heirateten. Man wechselte aus der Herkunftsfamilie in die Diakonissengemeinschaft und verankerte sich hier f\u00fcr ein Leben- auch und gerade, weil es in diesem Leben oft vielf\u00e4ltige Stationen in Gemeinden, Heimen, Krankenh\u00e4usern, ja auch in Auslandsstationen gab. Wo immer aber diese Schwestern arbeiteten; es ging darum, Teil der Gemeinschaft zu sein- und Gemeinschaft zu bilden. Angesichts der Beschleunigung, die wir heute erleben, angesichts der Erfahrung, dass unser Leben beruflich wie privat in immer k\u00fcrzere Zeitabschnitte und Projekte zerf\u00e4llt, scheint diese Welt immer schneller zu verblassen \u2013 gerade so, wie wir es mit den Grabsteinen auf einem alten Friedhof erleben. Und in gewisser Weise ist es ja bald etwas Besonderes, solche alten Gr\u00e4ber zu sehen. Denn es braucht am Ende eine Familie oder eine Gemeinschaft, es braucht eine Erinnerungskultur, um sie zu pflegen.<\/p>\n<p>Eine Erinnerung und eine Hoffnung. Auch davon erz\u00e4hlt dieser Friedhof &#8211; wie alle unsere alten Friedh\u00f6fe. Wenn Menschen sich darauf verlassen k\u00f6nnen, dass ihre Namen im Himmel geschrieben sind, wie es Jesus seinen J\u00fcngern und J\u00fcngerinnen verspricht \u2013 dann ist es vielleicht nicht ganz so wichtig, wo man sich sonst noch einen Namen gemacht hat. Dann ist der Gedanke, einmal vergessen zu sein, nicht ganz so unertr\u00e4glich. Denn es sind und bleiben ja nur wenige, die wir nach zwei, drei Generationen noch aus den allgemeinen Geschichtspfaden herausheben k\u00f6nnen \u2013 wie ein sch\u00f6nes altes Gef\u00e4\u00df in einer arch\u00e4ologischen Grabung. Auch wir Individualisten werden eines Tages nur noch Teil eines gr\u00f6\u00dferen Ganzen sein. Zweierlei hilft gegen den Schmerz, der damit verbunden ist: zu wissen, dass wir in Gott nicht vergessen sein- und uns f\u00fcr dieses Ganze zu engagieren. Zu Lebzeiten, so wie es die Schwestern hier getan haben.<\/p>\n<p>Die alte Gestalt des Herrnhuter Friedhofs erinnert an beides: die Bedeutung des Namens und das Aufgehen im Engagement. Die Form des Gottesackers, der sich zuerst in Herrnhut bei Ludwig Graf von Zinzendorf fand \u2013 dem Erfinder der Losungen- und dann von Theodor Fliedner in Kaiserswerth \u00fcbernommen wurde, findet sich bis heute auf vielen Diakonissenfriedh\u00f6fen wie in den Herrnhuter Br\u00fcdergemeinden.\u00a0F\u00fcr mich zeigt sich hier eine Erinnerung an die Gemeinschaft der Getauften: denn in der Taufe sind wir gleich- daher haben wir unsere W\u00fcrde, darin finden wir Geschwisterlichkeit und\u00a0 Solidarit\u00e4t Wer sich aus dieser Haltung engagiert, muss vor Stress nicht ausbrennen. Und wer in diesem Trost stirbt, ist nicht verloren. Kontemplation und Engagement geh\u00f6rten und geh\u00f6ren in der Schwesterngemeinschaft zusammen &#8211; und vielleicht wird auch das sp\u00fcrbar an der Gestalt der Gr\u00e4ber: ein Ruhebett, eine aufrechte Tafel. Aktives Warten, bis bei Gott das Neue beginnt.<\/p>\n<p>Und ich denke daran, wie sehnlich viele dieser Schwestern erwartet worden sind, solange sie lebten. In Kinderzimmern und in Krankenzimmern, bei dem Armen und von den Verwundeten. Unendlich viele Menschen haben darauf gewartet, dass eine kam, die mitten in ihrem \u00fcbervollen Alltag Zeit hatte oder sich Zeit nahm, genau hinzusehen, wie es dem anderen erging, ganz gleich, unter welchen Umst\u00e4nden er lebte. Und was waren das f\u00fcr Situationen: Kriegsverletzungen, Infektionskrankheiten ohne Antibiotika, Kinder, die ihre Eltern verloren hatten \u2013 nein, die Welt war wahrhaftig nicht paradiesisch in diesen Zeiten. Aber ist sie das heute \u2013 in der Ukraine, in Syrien, in Nigeria \u2013 oder hier bei uns, wo viele Menschen das Gef\u00fchl haben, das Arbeit nicht mehr lohnt und ihre Kinder keine Zukunft haben?<\/p>\n<p>In unserer Tradition legen wir Friedh\u00f6fe wie Parks oder G\u00e4rten an- in Erinnerung an das Paradies, aus dem wir kommen, in das wir gehen. Im Wissen, dass Gott uns lebendig will. Eine Insel im Strom der Zeit, einen Ort, an dem wir innehalten k\u00f6nnen &#8211; herausgehoben in einem anderen Licht. Einen Ort, an dem wir uns mit der Welt vers\u00f6hnen, sie willkommen hei\u00dfen k\u00f6nnen, wie es die j\u00fcdische Dichterin Rose Ausl\u00e4nder in einem Gedicht sagt. Sie wurde 1901 geboren, als Marie Klammroth mit 21 ins Mutterhaus eintrat, und auch sie hat die Schrecken ihrer Zeit an K\u00f6rper und Seele erfahren. Das Gedicht aber, von dem ich spreche, strahlt Zuversicht aus, es hei\u00dft \u201e Wachsen d\u00fcrfen\u201c. Am Ende bittet die Dichterin darum, \u201e uns aufzunehmen in G\u00e4rten, wo wir wachsen d\u00fcrfen, br\u00fcderlich, Mensch an Mensch.\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Von dieser gro\u00dfen Hoffnung erz\u00e4hlt auch der Salems-Friedhof. F\u00fcr manchen ist es vielleicht eine Hoffnung wider alle Erfahrung. F\u00fcr andere mag sich gerade darin die Erfahrung spiegeln, die sie mit diesen Schwestern gemacht haben. Und schlie\u00dflich wird es diejenigen geben, die von beidem wenig wissen: wenn sie aber auf dem Pfad der Erinnerung entdecken, wie christlicher Glaube und Engagement zusammen geh\u00f6ren, dann leuchtet dieser Garten in Sch\u00f6nheit und Sinn: Dass wir wachsen d\u00fcrfen, geschwisterlich, Mensch an Mensch. Miteinander und vor Gott.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Rose Ausl\u00e4nder Blau\/ eine Fahne dem Wunder, Gedichte<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das erste Auto meiner Mutter hatte einen\u00a0 Namen. 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