{"id":7338,"date":"2023-08-28T19:13:31","date_gmt":"2023-08-28T17:13:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=7338"},"modified":"2023-08-28T19:13:32","modified_gmt":"2023-08-28T17:13:32","slug":"mir-kann-niemand-mehr-helfen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=7338","title":{"rendered":"\u201eMir kann niemand mehr helfen\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\">Sterbew\u00fcnsche zwischen Selbstbestimmung, Einsamkeit und Sorgenetzen<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Einsamkeit und Angewiesenheit: Erfahrungen aus der Pandemie<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNoch hallen die Heilsbotschaften im Raum: Du hast es in der Hand, Du bist Deines Gl\u00fcckes Schmied, Du kannst mit Deinem Willen die Wirklichkeit kreieren \u2026 Die Wahrheit, die Corona lehrt, macht ein f\u00fcr alle Mal deutlich: Niemand ist der Herr und Meister seines eigenen Lebens. Alle sind unaufl\u00f6slich eingebunden in ein umfassendes Netz des nat\u00fcrlichen und des sozialen Lebens, das wir weder mit unserem Narzissmus ignorieren noch mit unserem Egoismus dominieren k\u00f6nnen.\u201c, schrieb Christoph Quarch in einem seiner ersten Corona-Rundbriefe. \u201eDas Gebot der Stunde lautet: Interaktion, Solidarit\u00e4t, Miteinander.\u201c <a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>In diesen ersten Wochen und Monaten der Pandemie, als die Quarant\u00e4ne-Regeln unseren Alltag bestimmten, weil es weder Tests noch Impfungen gab, haben die allermeisten gesp\u00fcrt, wie sehr wir eingebunden sind in dieses Lebensnetz \u2013 sei es mit unserer Verwundbarkeit gegen\u00fcber Viren, sei es mit unserer Angewiesenheit auf Nachbar*innen, Kolleg*innen, Dienste und Dienstleistungen vom Supermarkt \u00fcber die Tageseinrichtung bis zur Pflege. Wie sehr wir angewiesen sind auf Solidarit\u00e4t, auf das Miteinander und auf Ber\u00fchrung.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Pressefoto des Jahres 2021 illustrierte dieses Gef\u00fchl: Es zeigt eine \u00e4ltere Frau, die von einer jungen umarmt wird \u2013 ihrer Tochter vielleicht, vielleicht auch ihrer Pflegerin. Beide tragen durchsichtige Plastikregenm\u00e4ntel als Schutz gegen das Virus \u2013 und die \u00c4rmel der j\u00fcngeren sehen aus, als seien es Engelsfl\u00fcgel.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Corona-Krise kann eine Chance sein, wenn die Gelegenheit genutzt wird, unsere Gesundheits-, Sozial- und Wohlfahrtssysteme und somit die Gesamtheit von Care-Arbeit gesellschaftlich solidarischer zu organisieren und zu finanzieren\u201c, schrieben Barbara Thiessen und andere 2020<a href=\"#_ftn2\" id=\"_ftnref2\">[2]<\/a>. Tats\u00e4chlich wurde in dieser Zeit Einsamkeit zu einem gro\u00dfen Thema. Das galt auch f\u00fcr die Einrichtungen der Langzeitpflege, wo Pflegebed\u00fcrftige keinen Besuch mehr von Angeh\u00f6rigen und Ehrenamtlichen bekommen durften. Pflegekr\u00e4fte versuchten, die fehlende Zuwendung zu kompensieren und bildeten eine Notgemeinschaft untereinander wie mit den Bewohner*innen \u2013 oft auf Kosten der eigenen Familie.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehr als 50 Prozent der an Covid-19-Verstorbenen waren Heimbewohner. Sie starben ohne die Begleitung, die wir doch eigentlich f\u00fcr guten Standard halten \u2013 ohne Ber\u00fchrung, ohne eine Hand, die sie hielt. W\u00e4hrend des Lockdowns schien das alles zweitrangig. Die Debatte drehte sich um das nackte, physische \u00dcberleben, um Intensivbetten und Beatmungssysteme; einmal mehr wurde das Sterben professionalisiert, institutionalisiert und medikalisiert. Nicht nur in Schweden entschieden \u00c4rzte ohne R\u00fccksprache mit Angeh\u00f6rigen oder Betreuern von Langzeitpflegebed\u00fcrftigen, ob ein Krankenhausaufenthalt mit Intensivbetreuung noch \u201elohnte\u201c und viele setzten stattdessen auf Palliativversorgung. Angeh\u00f6rige sahen die Sterbenden oft erst, wenn kein bewusster Kontakt mehr m\u00f6glich war und blieben mit Trauer und Schuldgef\u00fchlen allein. \u201eViel zu viele mussten um Angeh\u00f6rige trauern. Viel zu viele k\u00e4mpften auf den Intensivstationen und in den Pflegeheimen um ihr \u00dcberleben. Viel zu viele mussten um geliebte Menschen bangen\u201c, sagte Bundespr\u00e4sident Steinmeier bei der Gedenkveranstaltung am 18. April 2021. Und schon im Januar startete er eine bundesweite Kerzenaktion: \u201eDeutschland stellt ein Licht ins Fenster, weil jedes &#8218;Lichtfenster&#8216; uns miteinander verbindet\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Was lernen wir aus den Erfahrungen der Pandemie? Warum sind &nbsp;die Erfahrungen aus der Hospizbewegung so schnell in Vergessenheit geraten? Was haben wir \u00fcber die Situation in Einrichtungen der Alten- und Behindertenhilfe gelernt, in denen sehr viele Vulnerable zusammenleben? Was \u00fcber die Rollen von Angeh\u00f6rigen, Freunden, Ehrenamtlichen? Wird es nachhaltige Ver\u00e4nderungen in der Pflege geben? Welchen Wohnformen, welchen Dienstleistungen geh\u00f6rt die Zukunft? Und wie sieht es nach 40 Jahren Hospizbewegung mit der Tabuisierung des Todes aus? Es ist erst wenige Jahre her, dass Annelie Keil und Hennig Scherf ihr Buch \u201eDas letzte Tabu\u201c herausgaben. Darin hei\u00dft es: \u201eDer Tod ist in jeder Hinsicht unberechenbar und unvorhersehbar. Er verlangt inmitten der jeweils besonderen Situation die Bereitschaft, sich dem Geschehen offen zu stellen.\u201c<a href=\"#_ftn3\" id=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Was das bedeutet, haben wir gerade erlebt. Hat die Corona-Krise mit den t\u00e4glichen Todeszahlen unseren Blick f\u00fcr das Sterben ge\u00f6ffnet? Ist uns klar geworden, wie entscheidend es ist, Isolation und Einsamkeit zu vermeiden, Angeh\u00f6rigen die \u00c4ngste zu nehmen, Pflegende zu unterst\u00fctzen? Denken wir noch einmal neu nach \u00fcber das Sterben in Krankenh\u00e4usern und Einrichtungen? Wenn sich wirklich etwas \u00e4ndert, dann aus der Erfahrung, wie sehr wir aufeinander angewiesen waren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie sind wichtig, weil Sie eben Sie sind. Sie sind bis zum letzten Augenblick Ihres Lebens wichtig, und wir werden alles tun, damit Sie nicht nur in Frieden sterben, sondern auch bis zuletzt leben k\u00f6nnen.\u201c Dieses Versprechen der Hospizbewegung, wie es die Gr\u00fcnderin Cicely Sounders formuliert hat, konnte in der Pandemie oft nicht eingel\u00f6st werden. Tats\u00e4chlich ist hier ein doppeltes Versprechen formuliert: Ein Ja zu Selbstbestimmung und je eigener W\u00fcrde. Und ein Ja zum unbedingten Wert des Lebens, zu Mitsorge und Solidarit\u00e4t. Die Erfahrungen der Pandemie zeigen: Es braucht gute Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen, damit beides gelebt werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der assistierte Suizid &#8211; Freiheit braucht einen Rahmen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Noch vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie in Deutschland entschied das Bundesverfassungsgericht am 26.2.2020, den assistierten Suizid mit R\u00fccksicht auf das Selbstbestimmungsrecht jedes einzelnen B\u00fcrgers, jeder B\u00fcrgerin frei zu geben und den bestehenden Paragraphen 217 zu kippen. Die Frage, was das bedeutet und wie eine neue Gesetzgebung auf dieser Basis aussehen w\u00fcrde, geriet w\u00e4hrend der Pandemie zun\u00e4chst in den Hintergrund. Erst in diesem Fr\u00fchjahr wurde die Debatte im Bundestag wieder aufgenommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unmittelbar nach Ver\u00f6ffentlichung des Urteils haben sich der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland in einer gemeinsamen Stellungnahme dazu ge\u00e4u\u00dfert. Nachdem sie die grundlegende Freiheit zur Selbstbestimmung auch aus christlicher Sicht prinzipiell best\u00e4tigen, hei\u00dft es weiter: \u201eDen deutschen Bisch\u00f6fen ist bewusst, dass es Situationen im Leben geben kann, in denen Menschen Suizidw\u00fcnsche entwickeln oder sich gar zu suizidalen Handlungen gedr\u00e4ngt f\u00fchlen. Solche Situationen entziehen sich einer abschlie\u00dfenden moralischen Beurteilung von au\u00dfen. Der Blick auf die aktuelle Suizidforschung zeigt jedoch, dass ein Suizidwunsch in den meisten F\u00e4llen die Folge von \u00c4ngsten, Verzweiflung und Aussichtlosigkeit in Extremsituationen ist und deshalb gerade nicht als Ausdruck der Selbstbestimmung verstanden werden kann. Respekt vor der Selbstbestimmung bedeutet in diesen Situationen nicht, den Wunsch oder die Entscheidung zum Suizid unhinterfragt hinzunehmen oder den Suizid als normale Form des Sterbens zu betrachten. F\u00fcr Christen ist das Leben ein Geschenk, das ihnen von Gott anvertraut wird. Es entzieht sich unserer Verf\u00fcgbarkeit und will deshalb bis zum Ende bewahrt sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende ihrer Stellungnahme unterstreichen die beiden Kirchen einmal mehr die Notwendigkeit, Palliativversorgung und Hospizarbeit weiter zu f\u00f6rdern und auszubauen und lehnen den assistierten Suizid in den Einrichtungen von Diakonie und Caritas ab: &#8222;Das Erm\u00f6glichen von Angeboten des assistierten Suizids in diesen Einrichtungen w\u00e4re mit dem Wesenskern unseres Einsatzes f\u00fcr das Leben nicht vereinbar.\u201c<a href=\"#_ftn4\" id=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Schon kurz darauf schlugen die Theolog*innen Reiner Anselm, Isolde Karle und Ulrich Lilie in einem Artikel am 11.1.2021 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vor, einen assistierten professionellen Suizid &nbsp;auch in kirchlichen Einrichtungen zu erm\u00f6glichen. Die Kirchen sollten \u00fcberlegen, &#8222;wie sie den vom Bundesverfassungsgericht gegebenen Spielraum nutzen wollen, um Suizide m\u00f6glichst zu verhindern und gleichzeitig eine Suizidhilfe in gut begr\u00fcndeten Einzelf\u00e4llen zu erm\u00f6glichen&#8220;. Entscheidend ist aus ihrer Sicht, &#8222;dass wir respektieren und akzeptieren k\u00f6nnen, dass auch unter guten palliativen Bedingungen Menschen in eine Lage kommen k\u00f6nnen, in der sie sagen: &#8218;Es ist genug&#8216; &#8222;. In solchen Situationen k\u00f6nne es &#8222;ein Akt christlicher N\u00e4chstenliebe sein, den Sterbewunsch anzuerkennen \u2013 und zwar auch dann, wenn man die Situation anders einsch\u00e4tzt&#8220;. Zugleich m\u00fcsse der assistierte Suizid die Ausnahme bleiben. &#8222;Den Autor*innen ging es um individuelle Grenzsituationen, nicht um ein &#8218;Regelangebot&#8216; f\u00fcr alle, die des Lebens m\u00fcde sind.&#8220;&nbsp; Die Kirchen d\u00fcrften aber sich diesen &#8222;komplexen und schwierigen Fragen nicht vorschnell durch moralische Prinzipientreue oder unter Verweis auf der Fortschritt der palliativen Medizin und Pflege entziehen&#8220;, schrieben sie. <a href=\"#_ftn5\" id=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie k\u00f6nnte ein assistierter Suizid im kirchlichen Kontext \u00fcberhaupt aussehen?\u201c, wurde Isolde Karle am 1.2.2021 in einem Spiegel-Interview gefragt. M\u00fcsste es eine verpflichtende Beratung geben wie etwa bei Abtreibungen? &#8222;Ja&#8220;, meint Karle, &#8222;es k\u00f6nnte eine seelsorgliche Begleitung geben. Mindestens zwei \u00c4rzte oder \u00c4rztinnen sollten das Begehren pr\u00fcfen, um Fremdbestimmung oder mangelnde Urteilsf\u00e4higkeit bei psychischen Erkrankungen und Demenz auszuschlie\u00dfen. Ein assistierter Suizid ist in der Praxis ein absoluter Grenz- und Ausnahmefall\u2026 Aber f\u00fcr den Ausnahmefall muss es klare Regeln geben. Davon w\u00fcrde auch das Arzt-Patienten-Verh\u00e4ltnis profitieren. Dann k\u00f6nnten beide offen und vertrauensvoll \u00fcber Sorgen, \u00c4ngste und Sterbew\u00fcnsche reden und diese \u00fcberwinden. Bislang haben \u00c4rztinnen und \u00c4rzte oft Angst davor, weil keine Rechtssicherheit gegeben ist.&#8220;<a href=\"#_ftn6\" id=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Jeder wei\u00df, dass eine hospizliche Betreuung noch l\u00e4ngst nicht in allen Einrichtungen der Langzeitpflege selbstverst\u00e4ndlich ist. Und niemand bestreitet, dass es Ausnahmef\u00e4lle gibt, in denen die palliative Versorgung nicht leistet, was wir uns von ihr versprechen. Lange Zeit drehte sich die Debatte um die Frage, ob diese F\u00e4lle gesetzlich geregelt werden sollten oder ob es besser w\u00e4re, sie in der Grauzone der pers\u00f6nlichen Verbundenheit von Arzt und Patient zu belassen. In jedem Fall, das wurde dabei deutlich, geht es darum, die gewachsenen Beziehungen der Sterbenden zu sch\u00fctzen \u2013 Beziehungen zu \u00c4rztinnen und \u00c4rzten, zu Pflegenden und Seelsorgepersonen und zu Angeh\u00f6rigen. Die Kirchen in der Schweiz, die schon lange mit den dortigen Sterbehilfeorganisationen leben, ermutigen ihre Seelsorgerinnen und Seelsorger, Suizidwillige solidarisch zu begleiten. Sie versuchen, Suizidwillige aus der Isolation zu holen und das Gespr\u00e4ch mit den Angeh\u00f6rigen, das oft kompliziert geworden ist, wieder in Gang zu bringen. Denn f\u00fcr Familie und Freunde ist es oft schwer, mit einem Suizidwunsch klarzukommen. Manche haben Schuldgef\u00fchle, sind verletzt oder zornig. Gespr\u00e4chsangebote k\u00f6nnen helfen \u2013 und f\u00fchren manchmal sogar zu einer Revision des Suizidwunsches. Niemanden allein lassen \u2013 darum geht es. Deshalb, meinen Anselm, Karle und Lilie, sollten Einrichtungen auch denen verbunden bleiben, die trotz intensiver, zugewandter Seelsorge und hospizlicher Begleitung einen dauernden Sterbewunsch haben und am Ende den assistierten Suizid w\u00fcnschen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Raus aus der Tabuzone<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs ist unm\u00f6glich, das Thema assistierter Suizid abgel\u00f6st von den gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen zu bedenken. Die neoliberale Gesellschaft suggeriert eine Planbarkeit, die existenzielle Fragen wie Trost, Verzweiflung, Hoffnung ausklammert\u201c, schreiben Andreas Heller und Reimer Gronemeyer in ihrem Buch \u201eSuizidassistenz ?\u201c. \u201eEs geh\u00f6rt zu den Eigenarten der Debatte, dass sie individualistisch orientiert ist, den gesellschaftlichen Raum also weitgehend ausblendet\u201c<a href=\"#_ftn7\" id=\"_ftnref7\">[7]<\/a>, schreiben die Autoren weiter. Deshalb ist es n\u00f6tig, die Debatte um diese Fragen auf eine breite Grundlage zu stellen, das Thema aus der Tabuzone herauszuholen und \u00fcber die Bedingungen des Sterbens in unserer Zeit \u00f6ffentlich wie privat zu sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tod ist der Enteignung durch Expert*innen auch deshalb zum Opfer gefallen, weil wir froh sind, die Dilemmata an Expert*innen abgeben zu k\u00f6nnen. Es sind nicht nur die Medikalisierung der Gesellschaft, nicht nur die \u00dcberforderung der Familien und die Institutionalisierung von Krankheit und Sterben, die den Tod aus unseren H\u00e4usern und aus unserer Nachbarschaft vertrieben haben \u2013 in Pflegeeinrichtungen, Krankenh\u00e4user und Hospize. Es ist auch unsere eigene Angst vor dem Ende und die Hilflosigkeit, dar\u00fcber zu reden \u2013 \u00fcber ein Geschehen, das die meisten zum ersten Mal erleben, wenn nahe Angeh\u00f6rige betroffen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie lernen wir wieder mit dem Tod umzugehen? Wie f\u00fchlt sich das Sterben an und was passiert danach? In j\u00fcngster Zeit sind viele B\u00fccher und Filme dazu erschienen. Aber noch immer w\u00fcrden wir diese Themen kaum bei einem gemeinsamen Abend mit Freunden besprechen. Dabei geht es nicht nur um die Dinge, die wir nicht m\u00f6chten, die unterlassen werden sollen, Dinge, die wir in der Patientenverf\u00fcgung regeln k\u00f6nnen. Es geht vor allem darum, was wir uns f\u00fcr unsere letzten Wochen, Tage und Stunden w\u00fcnschen. Deshalb finde ich es \u00fcbrigens gro\u00dfartig, dass inzwischen in den Toiletten der Autobahnrastst\u00e4tten eine Werbung f\u00fcr den W\u00fcnschewagen (ein Krankentransportwagen zur Erf\u00fcllung letzter, meist langgehegter W\u00fcnsche von Sterbenskranken) erscheint \u2013 gerade lang genug, um beim H\u00e4ndewaschen auf dem Weg in den Urlaub dar\u00fcber nachzudenken, was mein letzter Wunsch w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Diese Wochen waren die intensivsten in unserem gemeinsamen Leben \u2013 es war eine gute und wertvolle Zeit\u201c, sagen manche, wenn die erste Trauer bew\u00e4ltigt ist. Beim offenen Umgang mit unseren \u00c4ngsten, mit fachkundiger Symptomkontrolle, mit Zuwendung, Sicherheit und respektvoller Pflege k\u00f6nnen wir erleben, dass Angst, Schrecken und ja, auch der Wunsch nach Sterbehilfe oder Suizid in den Hintergrund treten. Damit das gelingen kann, brauchen Angeh\u00f6rige professionelle Unterst\u00fctzung und sie brauchen Zeit. Zeit zur Begleitung, Zeit zum Trauern, die ihnen Arbeitgeber, Freunde, Nachbarn schenken m\u00fcssen. Denn Sterbe- und Trauerbegleitung verlangt in unserer zunehmend fragmentierten Gesellschaft ein hohes Ma\u00df an Kommunikation und Absprachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen bieten diakonische Unternehmen, Hospizvereine und auch Kirchengemeinden \u201eLetzte-Hilfe-Kurse\u201c an, wo man an einem Samstag lernen kann, was wir \u00fcber das Sterben und die kleinen Hilfema\u00dfnahmen wissen sollten. Und Langzeitpflegeeinrichtungen arbeiten an einer palliativen Kultur, mit Mitarbeitenden aus allen Berufsgruppen, mit Ehrenamtlichen und Angeh\u00f6rigen. Eine Untersuchung zeigt: Wo pflegende Angeh\u00f6rige sich w\u00e4hrend der Pflege in Gespr\u00e4chsgruppen und Seelsorgeangeboten getragen wussten, fanden sie sp\u00e4ter oft den Weg in ein eigenes Engagement im Hospiz oder der Krankenseelsorge.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Charon heute \u2013 zur Rolle der professionellen Begleitung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der antike Mythos erz\u00e4hlt von Charon, der die Toten im Boot \u00fcber den Styx brachte \u2013 den Fluss, der das Reich der Lebenden vom Totenreich, dem Hades trennte. Die \u00dcberfahrt musste mit einer M\u00fcnze, dem Obolus, bezahlt werden, der den Toten unter die Zunge gelegt wurde. \u201eF\u00e4hrleute\u201c, die sich auskennen mit dem Tod und den Weg hin\u00fcber weisen k\u00f6nnen: Das sind in der Gegenwart die unterschiedlichen professionellen Helfer*innen. Wie sieht es heute aus mit den Kosten f\u00fcr die \u00dcberfahrt?<\/p>\n\n\n\n<p>Das vom Verfassungsgericht ausgesetzte Gesetz zu \u00a7 217 hatte die gesch\u00e4ftlichen Sterbehilfeorganisationen verboten. In welchem Ma\u00dfe sind nun die \u00c4rzte von der Erwartung betroffen, professionelle Sterbehilfe zu geben? Von den \u00c4rzt*innen war ja schon die Rede \u2013 n\u00e4mlich von ihrem Verlangen nach Rechtssicherheit. Dazu geh\u00f6rt aber umgekehrt auch, dass es keinerlei Verpflichtung gibt, dem Wunsch eines Patienten nach Sterbehilfe nachzukommen. Trotzdem besteht die Gefahr, dass in einer dienstleistungsorientierten Gesellschaft auch Sterben und Tod zur Dienstleistung wird \u2013 nach Qualit\u00e4tsstandards normiert und entsprechend abrechenbar.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Klinik oder einer Einrichtung der Langzeitpflege, wo verschiedene Berufsgruppen zusammenarbeiten, sind dann Pflegende vom Wandel des \u00c4rztebildes \u201emitbetroffen\u201c. Dabei geh\u00f6rt es ja zur Pflege, sich auf den einzelnen Menschen in seiner Angewiesenheit einzulassen und ihm seine ihm eigene W\u00fcrde widerzuspiegeln. \u201ePflegende versuchen bis zur Grenze der Selbstausbeutung diesen Kern ihrer Profession zu bewahren \u2013 unweigerlich zerrieben von der moralischen Dissonanz, die ihnen das Gesundheitssystem auferlegt\u201c, hat Giovanni Maio geschrieben<a href=\"#_ftn8\" id=\"_ftnref8\">[8]<\/a>. Und spiegelbildlich empfinden sich Pflegebed\u00fcrftige nur noch als Aufwand \u2013 als Pflegefall, der Zeit und Geld kostet. In einer Umfrage haben 92 Prozent der befragten \u00c4rzt*innen und Pflegenden angegeben, dass sie den Eindruck hatten, Leid zu erzeugen, w\u00e4hrend sie Menschen helfen wollten. Sie gaben Sondennahrung, mobilisierten, beatmeten \u2013 immer mit dem Gef\u00fchl, gegen die Interessen der Patient*innen zu handeln. Und eine der h\u00e4ufigsten Sorgen, die Patienten ihnen anvertrauen, ist, anderen nur noch zur Last zu fallen. &#8222;Wenn mir niemand mehr helfen kann, wenn ich nur noch Last bin,&#8220; sagen sie, &#8222;dann will ich lieber sterben.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Letztlich l\u00e4uft alles auf die Frage hinaus, ob wir Orte schaffen k\u00f6nnen, in denen man neu auf die Bed\u00fcrfnisse der Patient*innen als Bed\u00fcrfnisse ganzer Menschen h\u00f6rt. Orte, wo Menschen Respekt und W\u00fcrde erfahren. F\u00fcr mich ist das eine der wichtigsten Lehren aus der Corona-Pandemie. Dazu geh\u00f6ren enge pers\u00f6nliche Kontakte zu Familien, Freunden und Pflegepersonen, die Verwirklichung \u00e4sthetischer, kultureller und spiritueller Bed\u00fcrfnisse, die Verwirklichung der eigenen ethischen Anspr\u00fcche und Werte und die F\u00f6rderung der Selbstverantwortung. Annelie Keil spricht in diesem Zusammenhang von palliativer Selbstsorge: \u201eSich der eigenen Lebenserfahrungen bewusst zu werden, sich im Sterben zusammen mit Menschen, die einem wichtig sind, dem Gelebten wie dem Ungelebten zuzuwenden, das ist die palliative Selbstsorge, die wir brauchen, um in W\u00fcrde Abschied zu nehmen.\u201c<a href=\"#_ftn9\" id=\"_ftnref9\">[9]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Um Orte zu schaffen, an denen Menschen respektiert werden \u2013 auch mit ihren Sterbew\u00fcnschen \u2013 braucht es Offenheit und Verbundenheit auch im Gespr\u00e4ch der Professionen untereinander. Denn wenn sich die Rolle der \u00c4rzte ver\u00e4ndert, trifft das auch die Pflegenden. Wenn eine neue Form der Beratung hinzukommt, ver\u00e4ndert sich auch die Rolle der Seelsorge. Erst im offenen Gespr\u00e4ch miteinander kann uns bewusst werden, dass die meisten von uns verschiedene Rollen in sich tragen: neben die fachliche Rolle schiebt sich die eigene Erfahrung als Tochter, Sohn, Angeh\u00f6rige. Oder auch die Erfahrung mit eigenen schweren Krankheiten. Im offenen Gespr\u00e4ch, am besten im supervidierten Gespr\u00e4ch miteinander, k\u00f6nnen solche Fragen bearbeitet werden und unterschiedliche ethische Standpunkte zur Sprache kommen und ausgehalten werden. Tats\u00e4chlich ist ja die pers\u00f6nliche Haltung zu diesen grundlegenden Fragen oft ebenso durch existentielle Erfahrungen wie durch Prinzipien gepr\u00e4gt. Wer Erfahrungen mit ethischer Beratung hat, w\u00fcnscht sich deutlich mehr Angebote von Tr\u00e4gern und Verb\u00e4nden. So \u2013 im H\u00f6ren aufeinander \u2013 entstehen im besten Fall tragf\u00e4hige Sorgenetze von Angeh\u00f6rigen, Freunden, Pflegenden und \u00c4rzten rund um die Sterbenden, in denen sich Sterbende geh\u00f6rt und gesehen wissen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Den Blick weiten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Von den Kirchen w\u00fcnsche ich mir, dass sie im Gespr\u00e4ch mit diesen Erfahrungen bleiben, die N\u00f6te der einzelnen sehen und zugleich einen Blick f\u00fcr das gesamte System behalten. Denn angesichts dessen, was wir in der Corona-Krise erlebt haben, sehe auch ich die Gefahr, dass die M\u00f6glichkeit der Suizidassistenz als Aufforderung begriffen wird, anderen nicht zur Last zu fallen \u2013 oder als Erlaubnis, sich von den \u201eLasten\u201c einer alternden Gesellschaft zu befreien. Schon in der Pandemie ging es ja immer h\u00e4ufiger darum, die Vulnerablen zu sch\u00fctzen, ohne aber das Leben der fitten Mehrheit zu beeintr\u00e4chtigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und trotzdem habe ich noch immer die Hoffnung, dass Corona uns, wie Christoph Quarch geschrieben hat, Solidarit\u00e4t und Verbundenheit gelehrt hat. Dass Menschen sich auf den Weg machen und anderen zeigen, dass Leben sich trotz allem lohnt. So wie die Gruppen, die in der Pandemie Musik vor den Pflegeheimen machten oder die Konfirmanden, die Ostergr\u00fc\u00dfe schrieben. Ich habe die Hoffnung, dass das Leben gr\u00f6\u00dfer ist als meine Verzagtheit und Verzweiflung.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn in den religi\u00f6sen Traditionen ist Verbundenheit nie nur horizontal, sondern immer auch vertikal gedacht, in der Verbundenheit mit \u201eunseren Toten\u201c, f\u00fcr die wir ein Leben bei Gott erhoffen. Friedh\u00f6fe, Gedenk- und Erinnerungsorte erz\u00e4hlen davon. Gemeinden sind Erz\u00e4hlgemeinschaften \u00fcber die Generationen. Auch Pflegeeinrichtungen, Krankenhauskapellen und Hospize k\u00f6nnen daf\u00fcr viel mehr Raum geben. In Gedenkgottesdiensten zeigt sich: Sie sind auch Ort f\u00fcr die F\u00fcrbitte. F\u00fcr die Sterbenden, die Trauernden und auch alle, die mit ihren Sterbew\u00fcnschen nicht zurechtkommen. Und f\u00fcr die Pflegenden, \u00c4rzt*innen und Seelsorgepersonen, die ihr Bestes geben, um die Hoffnung zu wahren. Wenn uns niemand mehr helfen kann, wenn selbst Gott verborgen ist, tut es gut, miteinander und f\u00fcreinander zu beten, im Vertrauen auf das Geheimnis des Lebens, das wir im Sterben Jesu entdecken k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Cornelia Coenen-Marx<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> Christoph Quarch (2020): Neustart. F\u00fcnfzehn Lehren aus der Corona-Krise. Legenda.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ftnref2\" id=\"_ftn2\">[2]<\/a> Thiessen, Barbara u.a.: Gro\u00dfputz! Das Gesundheitswesen nach Corona neue gestalten. Auf Care-macht-mehr.com&nbsp; 2020.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ftnref3\" id=\"_ftn3\">[3]<\/a> Keil, Annelie, Scherf, Henning, Das letzte Tabu: \u00dcber das Sterben reden und den Abschied leben lernen, Freiburg 2016<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a id=\"_ftn4\" href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Gemeinsame Erkl\u00e4rung der Vorsitzenden des Rates der EKD und der Deutschen Bischofskonfe- renz zum Verbot der gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfigen F\u00f6rderung der Selbstt\u00f6tung (26. 2.2020)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"https:\/\/www.ekd.de\/gemeinsame-erklaerung-dbk-und-ekd-zum-urteil-selbsttotung-53539.htm\">https:\/\/www.ekd.de\/gemeinsame-erklaerung-<\/a> <a href=\"https:\/\/www.ekd.de\/gemeinsame-erklaerung-dbk-und-ekd-zum-urteil-selbsttotung-53539.htm\">dbk-und-ekd-zum-urteil-selbsttotung-53539.htm<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a id=\"_ftn5\" href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a>  www.ev.rub.de\/aktuelles\/pt-karle\/2021\/news00346.html.de<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ftnref6\" id=\"_ftn6\">[6]<\/a> https:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/gesellschaft\/sterbehilfe-debatte-in-der-evangelischen-kirche-auch-im-willentlichen-sterben-kommt-das-leben-vor<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ftnref7\" id=\"_ftn7\">[7]<\/a> Gronemeyer, Reimer, Heller, Andreas, Suizidassistenz? Warum wir eine solidarische Gesellschaft<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">brauchen!. Hospizverlag, 2021<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ftnref8\" id=\"_ftn8\">[8]<\/a> Maio, Giovanni, Werte f\u00fcr die Medizin, M\u00fcnchen 2015<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ftnref9\" id=\"_ftn9\">[9]<\/a> Keil, Scherf, a.a.O.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sterbew\u00fcnsche zwischen Selbstbestimmung, Einsamkeit und Sorgenetzen Einsamkeit und Angewiesenheit: Erfahrungen aus der Pandemie \u201eNoch hallen die Heilsbotschaften im Raum: Du&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=7338\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":502,"menu_order":85,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-7338","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/7338"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7338"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/7338\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7341,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/7338\/revisions\/7341"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/502"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7338"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}