{"id":7121,"date":"2022-12-02T14:05:28","date_gmt":"2022-12-02T13:05:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=7121"},"modified":"2022-12-02T14:26:38","modified_gmt":"2022-12-02T13:26:38","slug":"ausliebe-diakonie-zwischen-kirche-und-sozialstaat","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=7121","title":{"rendered":"# ausliebe \u2013 Diakonie zwischen Kirche und Sozialstaat"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Festrede zum Neujahrsempfang der Evangelischen Kirche in Essen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>1. Lichtinseln<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>(Kerze) <\/strong>Irgendwas hat sich ver\u00e4ndert am Abend in unseren St\u00e4dten. Manchmal brauche ich eine Weile, bis mir klar wird, woran das liegt: In den dunklen Schaufenstern, den schwarzen Schatten der Kirchen zeigt sich die Krise. Wir sparen Energie. Aber wieviel Licht ist n\u00f6tig? Damit \u00c4ltere sich in der D\u00e4mmerung auf die Stra\u00dfe trauen? Damit Frauen keine Angst haben, wenn sie sp\u00e4t noch allein unterwegs sind? Schon seit dem Sommer diskutieren wir \u00fcber die Weihnachtsbeleuchtung in den Stra\u00dfen. Es geht um Sch\u00f6nheit und Glitzer, aber auch um Sicherheit. Mehr noch: um Geborgenheit. F\u00fcr die allermeisten war unstrittig: Die Weihnachtsm\u00e4rkte sollten leuchten \u2013 Lichtinseln, Hoffnungszeichen in den dunklen St\u00e4dten. Und ich denke an die Menschen in Kiew, die gerade N\u00e4chte ganz ohne Wasser, Strom und W\u00e4rme verbringen, wenn es gut geht im Kerzenlicht. Ihre Widerstandskraft lebt von einer unersch\u00fctterlichen Hoffnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist kein Zufall, dass der erste Adventskranz in der Jugendhilfe erfunden wurde \u2013 im Rauhen Haus in Hamburg, einer Einrichtung f\u00fcr Kinder aus Armutsfamilien. Johann Hinrich Wichern, der Gr\u00fcnder des Rauhen Hauses, baute den ersten Adventskranz aus einem alten Wagenrad. Auf dem gro\u00dfen Rund stand f\u00fcr jeden Tag zwischen dem ersten Advent und dem Heiligen Abend eine Kerze \u2013 vier gro\u00dfe wei\u00dfe an den Sonntagen, an den Wochentagen kleinere rote. Damals, zu Beginn der industriellen Revolution, war Licht nicht st\u00e4ndig verf\u00fcgbar, vor allem im Winter war es sehr dunkel. In den Familien herrschte Armut, Schulbesuch war ein Privileg. Aber im Rauhen Haus begann jeder Tag mit einem eindr\u00fccklichen Ritual \u2013 ein neues Licht wurde angez\u00fcndet. Die Kinder versammelten sich um den Lichterkranz, ein Leuchten im Gesicht. Eine Lichtinsel an dunklen Morgenden, von Tag zu Tag heller, bis sich der Kreis an Weihnachten schloss.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>2. W\u00e4rmewinter<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<strong>(Scha<\/strong>l): In diesem Jahr haben sich evangelische Kirche und Diakonie in Deutschland ein neues Zeichen \u00fcberlegt. <a><\/a>Es geht um die Aktio<em>n #w\u00e4rmewinter <\/em>mit dem Schal als Symbol. Viele sorgen sich vor der K\u00e4lte \u2013 vor der f\u00fchlbaren K\u00e4lte in den eigenen vier W\u00e4nden und an den Arbeitspl\u00e4tzen. Vor der inneren K\u00e4lte, wenn die Sorgen wachsen, weil nicht nur Strom und Gas teurer werden, sondern auch Lebensmittel und Benzin. Und vor der sozialen K\u00e4lte, der Gleichg\u00fcltigkeit zwischen den Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit <em>\u201eW\u00e4rmewinter<\/em>\u201c <a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a>wollen Kirche und Diakonie Zeichen setzen f\u00fcr Mitmenschlichkeit und N\u00e4chstenliebe. Ihre R\u00e4ume \u00f6ffnen f\u00fcr alle, die Hilfe brauchen: gemeindliche oder diakonische W\u00e4rmestuben, Essenausgaben, Gespr\u00e4chs- und Beratungsangebote. Die Aktion will auch &nbsp;sichtbar machen, was ohnehin l\u00e4ngst geschieht: die Arbeit in Notschlafstellen und W\u00e4rmebussen f\u00fcr Obdachlose an Tafeln, in Schuldnerberatungsstellen und in Jugendclubs. Erg\u00e4nzend hat die Kreissynode hier in Essen beschlossen, die Kirchensteuermehreinnahmen aus der Energiepreispauschale f\u00fcr den Energiesparservice der Neuen Arbeit und f\u00fcr die Soziale Servicestelle zu nutzen<a href=\"#_ftn2\" id=\"_ftnref2\">[2]<\/a>. So kn\u00fcpfen sie weitere Knoten im Informations-, Beratungs- und Hilfsnetzwerk, das die Wohlfahrtsverb\u00e4nde gemeinsam mit der Stadt aufbauen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIn einer Krise diejenigen zu unterst\u00fctzen, die auf die Solidarit\u00e4t der St\u00e4rkeren angewiesen sind \u2013 das ist ein Kernversprechen des demokratischen Sozialstaats und eine Grundfeste einer solidarischen Gesellschaft. Und das werden wir gegen\u00fcber der Politik auch weiter einfordern\u201c, hei\u00dft es in dem \u201eW\u00e4rmewinter\u201c. \u2013 Brief von Annette Kurschus und Ulrich Lilie. \u201eGleichzeitig kommt uns als Kirche und Diakonie in diesem Winter eine besondere Aufgabe zu: Wir sind dazu gerufen, der K\u00e4lte mit Herzensw\u00e4rme zu begegnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die vielen Mittagstische, die in den letzten Jahren entstanden, sind W\u00e4rmeinseln gegen die Einsamkeit. Seit der Pandemie ist immerhin ein Tabu gefallen: Wir sprechen \u00fcber Einsamkeit. \u201eAn Einsamkeit stirbt man blo\u00df l\u00e4nger als an Corona\u201c, sagt die Berlinerin Elke Schilling, die mit 75 den Telefondienst \u201eSilbernetz\u201c<a href=\"#_ftn3\" id=\"_ftnref3\">[3]<\/a> gegr\u00fcndet hat, der sich bundesweit an \u00c4ltere richtet. Mehr als 46&nbsp;Prozent der Menschen \u00fcber 75 leben allein \u2013 und 20&nbsp;Prozent haben ihre Wohnung in der Woche vor der Befragung nicht verlassen. In Gro\u00dfbritannien haben Wissenschaftler*innen berechnet, dass 20&nbsp;Prozent Gesundheitskosten gespart w\u00fcrden, wenn man soziale Angebote auf Rezept verschreiben k\u00f6nnte: Wandergruppen, Gespr\u00e4chskreise, Chorgesang halten gesund. Menschen brauchen Austausch und Anregung, sie brauchen unkomplizierte Treffpunkte, verl\u00e4sslichen Nahverkehr, \u00f6ffentliche Toiletten, niedrigschwellige Zug\u00e4nge und B\u00e4nke an der Stra\u00dfe, damit sie Lust haben, nach drau\u00dfen zu gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass es hier in Essen in jedem Stadtbezirk ein Zentrum 60+ gibt \u2013 und ein internationales dazu \u2013, dazu hat die Diakonie mit ihrem Senioren- und Generationenreferat entscheidend beigetragen \u2013 in bew\u00e4hrter Zusammenarbeit mit den anderen Verb\u00e4nden der Freien Wohlfahrtspflege, mit AWO und Rotem Kreuz, mit Caritas und DPWV. \u201eZu unseren Zielen geh\u00f6rt es, Menschen f\u00fcr Ideen zu gewinnen, Begegnungen zu erm\u00f6glichen, Gestaltungsr\u00e4ume zu \u00f6ffnen. Die Zentren 60+ und die neue Offene Seniorenarbeit sind ein Beleg daf\u00fcr, wie lebendig dieser Leitgedanke ist und wie evangelische Kirche und ihre Diakonie sich erfolgreich einbringen\u201c, hat Superintendentin Marion Greve gesagt. Die Zahl der \u00c4lteren w\u00e4chst. Immer weniger von ihnen geh\u00f6ren einer Kirche an \u2013 aber die Gemeinden treten nicht den R\u00fcckzug an. Im Gegenteil: Sie \u00f6ffnen sich und f\u00fchlen sich verantwortlich f\u00fcr die Arbeit in den Quartieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Das haben in diesem Jahr auch die vielen Gefl\u00fcchteten aus der Ukraine erfahren. 70&nbsp;Prozent von ihnen wurden zun\u00e4chst privat untergebracht. Menschen haben spontan ihre T\u00fcren und ihre Herzen ge\u00f6ffnet \u2013 so begann der Prozess der Integration vom ersten Tag an. Die gute Vernetzung zwischen Kirche, Stadt und Zivilgesellschaft geh\u00f6rt zum Essener Erbe \u2013 es hat sich &nbsp;angesichts der Herausforderungen von Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg bew\u00e4hrt. \u201eWir haben den Auftrag, uns gerade der Elendsten, \u00c4rmsten und Verlorenen anzunehmen\u201c, schrieb damals Diakoniepfarrer Karl Schreiner, der nach \u201845 eng mit dem Regionalverband Ruhr zusammenarbeitete. F\u00fcr die Essener Nothilfe gewann er auch Freiwillige aus den Gemeinden \u2013nicht zuletzt aus den Frauenhilfen. \u201eEssen\u201c, lobte Karl Schreiner, \u201ewo Stadt und freie Wohlfahrtspflege zusammenarbeiten wie wohl kaum in einem anderen Ort\u201c. Aus Liebe zu Essen.<a href=\"#_ftn4\" id=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>3. #ausliebe<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>(Herz): # ausliebe hei\u00dft die Losung f\u00fcr Ihr Diakoniejahr \u2013 Sie verbinden sich damit mit der Diakonie Deutschland, die n\u00e4chstes Jahr ihr 175. Jubil\u00e4um feiert, in Erinnerung an Wicherns gro\u00dfe Rede zur Inneren Mission. Schaut man auf die Strukturen damals wie heute, dann zeigt sich: Es ist kompliziert. Das f\u00e4ngt mit den Namen an: Hier wurde 1922 der <em>Wohlfahrtsdienst<\/em> gegr\u00fcndet, der dann im Nationalsozialismus zum <em>Gemeindedienst<\/em> wurde und schlie\u00dflich zur <em>Diakonie<\/em>. Kompliziert ist aber auch die Vielfalt der Organisationsformen: Auf der einen Seite Besuchsdienste, Gespr\u00e4chsgruppen, Tischgemeinschaften in den Gemeinden, auf der anderen gro\u00dfe Unternehmen und Stiftungen wie die Kliniken Essen-Mitte, die Adolphi-Stiftung oder die Johanniter. Initiativen, Vereine, gGmbHs \u2013 und nicht selten wanderten Aufgaben von einer in die andere Organisation. Dazwischen das Diakoniepfarramt mit dem Diakonischen Werk \u2013 Andreas M\u00fcller ist Moderator und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung, Impulsgeber und Gegen\u00fcber zur Stadt \u2013, eingebunden in das Netzwerk der Freien Wohlfahrtspflege von der Caritas bis zur J\u00fcdischen Kultus-Gemeinde. Beeindruckt lese ich: &nbsp;Mehr als 80 Tr\u00e4ger mit rund 9.200 hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geh\u00f6ren heute zur Diakonie in Essen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur wenige haben den \u00dcberblick \u00fcber diese bunte Landschaft \u2013 und manchmal gibt es auch Reibung zwischen den unterschiedlichen Kulturen. Schon Ende der 1960er Jahre sprach man von Fremdheit zwischen den Gemeinden und der s\u00e4kularisierten Diakonie. Wo aber gemeinsame Herausforderungen bew\u00e4ltigt werden m\u00fcssen wie bei der Integration von Gefl\u00fcchteten, da findet man schnell eine gemeinsame Sprache. In solchen Momenten wird allen Beteiligten klar: Wichtiger als Strukturen sind doch die Menschen, die mit uns an einem Strang ziehen. Und das Netzwerk wird st\u00e4rker, je vielf\u00e4ltiger die Zusammenh\u00e4nge sind, in denen sie arbeiten. W\u00e4hrend ich mich f\u00fcr heute vorbereitet habe, fielen mir Namen ein: Sabine Wolf-Wennersheide und Claudia Hartmann, Karl-Horst Junge, Wolfgang Hirsch und seine Ehrenamtlichen, die Kaiserswerther Diakonissen aus Borbeck und auch Pr\u00e4lat Berghaus von der Caritas, der als Vorsitzender der LIGA NRW eine Instanz war. Allesamt Menschen, denen ich hier begegnet bin- und sicher waren es noch viele mehr. Aber mit diesen Namen wurde Essen f\u00fcr mich lebendig, Diakonie lebt von Beziehungen. Das gilt f\u00fcr das Netzwerk der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, es gilt aber vor allem f\u00fcr die Beziehungen zwischen Pflegebed\u00fcrftigen, ihren Angeh\u00f6rigen und den Pflegenden. Zwischen Kindern, Jugendlichen und ihren Erzieher*innen. Viel davon spielt sich hinter verschlossenen T\u00fcren ab: in Kliniken, Hospizen, Pflegeeinrichtungen und Wohngruppen. Und in den privaten Wohnungen, Tag f\u00fcr Tag, Jahr f\u00fcr Jahr. W\u00e4hrend wir sehen, was in den \u00f6ffentlichen Treffpunkten geschieht, bleibt diese Arbeit f\u00fcr Au\u00dfenstehende, f\u00fcr Politiker*innen,&nbsp; ja, f\u00fcr die meisten Menschen unsichtbar, wird&nbsp; viel zu wenig wahrgenommen und gesch\u00e4tzt. Es geschieht trotzdem, all die Angeh\u00f6rigen, die Mitarbeitenden und Freiwilligen an den vielen Orten tun sie trotzdem \u2013 aus Liebe. Das Herz, das ich mitgebracht habe, soll daran erinnern, wie viele sich bei ihrer Arbeit verausgaben, bis sie selbst nicht mehr k\u00f6nnen. Aber auch daran, dass wir etwas brauchen, was uns Kraft gibt, was uns inspiriert: Die magischen Begegnungen in der Pflege, die Freude an der Entwicklung anderer Menschen, aber auch Auszeiten und Bildungsangebote, Freundinnen und Freunde, die mittragen, Alltags- und Demenzbegleiter*innen. Kirchengemeinden und Diakonische Dienste k\u00f6nnen hier viel tun: \u00c4ngste nehmen, Ethikberatung anbieten, Letzte-Hilfe-Kurse geben, Altenzentren ins Quartier \u00f6ffnen, neue Partnerschaften mit Schulen organisieren. Diakonie erfahren hei\u00dft, sp\u00fcren, dass ich nicht allein bin.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>4. Die Krise als Chance&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>(Maske)Wie wenig selbstverst\u00e4ndlich ist von dem, was wir als Standards guter Pflege angenommen hatten, das haben wir in diesen Corona-Jahren deutlich gesp\u00fcrt. Mehr als 50&nbsp;Prozent der an Covid 19 Verstorbenen waren Heimbewohner*innen. Sie starben ohne Ber\u00fchrung, ohne eine Hand, die sie hielt. Wegen der strikten Quarant\u00e4neregeln sahen Angeh\u00f6rige ihre Sterbenden oft erst, wenn kein bewusster Kontakt mehr m\u00f6glich war. Und blieben oft &nbsp;mit Trauer und Schuldgef\u00fchlen allein. Und auch in den Pflegehaushalten hat die Pandemie die Situation noch einmal zugespitzt. Die zeitweilige Schlie\u00dfung von Tagespflegeinrichtungen, Einreisestopps f\u00fcr mittel- und osteurop\u00e4ische Pflegekr\u00e4fte und Engp\u00e4sse bei den ambulanten Diensten, aber auch fehlende Masken, Tests und Schutzkleidung bewirkten, dass die pflegenden Angeh\u00f6rigen noch mehr auf sich allein gestellt waren. Dabei nehmen sie in ihrem Alltag ohnehin eine drastische Einschr\u00e4nkung von sozialen Kontakten hin. \u201eDie Corona-Krise kann eine Chance sein, wenn die Gelegenheit genutzt wird, unsere Gesundheits-, Sozial- und Wohlfahrtssysteme und somit die Gesamtheit von Care-Arbeit gesellschaftlich solidarischer zu organisieren und zu finanzieren\u201c, schrieb Barbara Thiessen 2020.<a href=\"#_ftn5\" id=\"_ftnref5\">[5]<\/a> 25 Jahre nach Einf\u00fchrung der Pflegeversicherung hat die Krise allen strukturelle Einblicke erm\u00f6glicht \u2013 in den wachsenden Personal-Notstand ,die v\u00f6llig ungen\u00fcgende Finanzierung, das Armutsrisiko von pflegenden Angeh\u00f6rigen. \u201eSolange Pflege als nat\u00fcrlich in der Familie angesiedelte Aufgabe zumeist von Frauen verstanden wird, bleibt sie ein unentgeltlicher Liebesdienst\u201c, schreibt Bernhard Emunds<a href=\"#_ftn6\" id=\"_ftnref6\">[6]<\/a>. Das nimmt der Arbeit die Wertsch\u00e4tzung und der Liebe die Freiheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Diakonie Deutschland fordert nun einen Pflegegipfel. Und das ist richtig. Da k\u00f6nnten auch Lauterbachs Pl\u00e4ne zur Entlastung der Pflegenden in den Kliniken, zur \u00dcberwindung der Fallpauschalen diskutiert werden. Wir brauchen aber noch mehr, brauchen einen Bildungsgipfel \u2013 denken Sie nur an die absinkenden Leistungen der Sch\u00fcler*innen in der vierten Klasse oder an die 384.000 fehlenden KiTa-Pl\u00e4tze \u2013, einen Energie- und einen Verkehrsgipfel. Von der Pflege bis zu Bildung und Erziehung, von der Energiewende bis zur Verkehrswende legen die aktuellen Krisen jahrelang vernachl\u00e4ssigte Probleme schonungslos offen. Zugleich werden die Ressourcen knapp. Wie bedrohlich das ist, sehen wir daran, dass bei einigen das Vertrauen in die Demokratie schwindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Was wir in den gegenw\u00e4rtigen Transformationen erleben, lesen sie als Botschaft: \u201aWer nicht systemrelevant ist, wird ausgeschlossen.\u2018 Die Einsamkeit der Alten, die Verletzlichkeit von Menschen mit Behinderung, die \u00c4ngste der Sterbenden, die Suche der Jugendlichen nach Gemeinschaft \u2013 das alles blieb ausgeblendet. Genauso geht es den Armutsbetroffenen jetzt in der Energiekrise. 13,8 Millionen sind es. Unter dem Hashtag # <em>Ichbinarmutsbetroffen<\/em> melden sich jetzt einige zu Wort, ohne falsche Scham. Wir sehen Alleinerziehende und chronisch Kranke, \u00e4ltere Arbeitslose in Ma\u00dfnahmen vom Jobcenter, junge Leute ohne Schulabschluss und Ausbildung- und wir ahnen, wie wenig die \u00f6ffentliche Debatte um das B\u00fcrgergeld dieser Wirklichkeit gerecht wurde. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Diakonie ist Expertin f\u00fcr diese Fragen: mit dem Blick aufs gro\u00dfe Ganze in ihren \u00fcbergeordneten Strukturen, mit dem Blick auf die Situation der Einzelnen in der allt\u00e4glichen Arbeit in den vielen Bereichen von Gesundheits- und Sozialf\u00fcrsorge \u2013 Inklusionsexpertin. Und die Diakonie ist auch Expertin darin, Ehrenamtliche zu begeistern und einzubinden. Diese Expertise wird gebraucht, gerade jetzt.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><strong>Zeit des Umbruchs<\/strong><\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>(Notgeld): Auch 1922, als im Dezember der \u201eEvangelische Wohlfahrtsdienst f\u00fcr Stadt und Synode Essen\u201c gegr\u00fcndet wurde, war eine Zeit des Umbruchs. Zu der Gewalt auf den Stra\u00dfen, der wachsenden Inflation und Arbeitslosigkeit kamen vielf\u00e4ltige kirchliche Ver\u00e4nderungsprozesse nach dem Ende der Staatskirche. Und schon im Januar 1923 wurde das Ruhrgebiet durch franz\u00f6sische Truppen besetzt, die den Reparationsforderungen der Alliierten Nachdruck verleihen sollten. Die bittere Not der ersten Nachkriegsjahre wurde mit der Ruhrbesetzung noch einmal versch\u00e4rft. In dieser Situation hat die Essener Diakonie schon einmal bewiesen, was sie leisten kann, strukturell und f\u00fcr die einzelnen Menschen: Der neue Wohlfahrtsdienst b\u00fcndelte die evangelischen Wohlfahrtsaktivit\u00e4ten im Bereich der Essener Kreissynode und wurde Ansprechpartner f\u00fcr die Verteilung von Hilfen, die \u00fcber die Kommune an die Menschen gingen. Mit Vormundschaften und Pflegschaften war damals die Jugendhilfe besonders im Blick. Nach der Verabschiedung des Reichsgesetzes f\u00fcr die Jugendwohlfahrt wurden kurz darauf die vielen Initiativen an der Basis strukturell gest\u00e4rkt: Zwischen Kirche und Staat wurde Diakonie zur Impulsgeberin &nbsp;Vermittlerin, Gestalterin.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir in der aktuellen Zeitenwende die Zukunft unseres Sozialstaats, die Rollen von Kirche und Zivilgesellschaft diskutieren, kann es hilfreich sein, sich an diese Phasen zu erinnern: an den Aufbau der Freien Wohlfahrtspflege, die Bedeutung von Subsidiarit\u00e4t in der Weimarer Republik, aber auch an die Bedrohung w\u00e4hrend des NS, an den Druck, der kurz vor dem Krieg zur Schlie\u00dfung der Bahnhofsmission f\u00fchrte, den Neustart nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Geschichte der Diakonie zeigt die Gefahren von Exklusion, wachsender Spaltung, Nationalismus und Rassismus \u2013 lebendige Schrecken wie beim j\u00fcngsten Anschlag auf die Essener Synagoge.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>5. Ein Licht ins Fenster<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>(Adventshaus)<\/strong> Im Januar 21 startete Frank-Walter Steinmeier eine bundesweite Kerzenaktion: \u201eDeutschland stellt ein Licht ins Fenster\u201c, war das Motto, \u201eweil jedes \u201aLichtfenster\u2018 uns miteinander verbindet\u201c. Weil unsere Gesichter leuchten, wenn wir einander sehen. Die neue Jahreslosung erz\u00e4hlt von dieser Erfahrung: Du siehst mich! Jetzt z\u00fcnden wir wieder die Kerzen am Adventskranz an, \u00f6ffnen die T\u00fcrchen an Adventskalender und tr\u00e4umen von der Stadt mit den offenen Toren. Als Christinnen und Christen hoffen wir auf das \u201eneue Jerusalem\u201c, die Stadt Gottes. Und wir gehen die Schritte, die wir gehen k\u00f6nnen \u2013 aus Liebe. Noch aber leben wir in den Zerrei\u00dfproben zwischen Einsamkeit und Liebe. Zwischen Zerbrechlichkeit und heilenden Beziehungen. Zwischen Engagement und fehlender Finanzierung. Damit unser Engagement einen guten Rahmen findet und nachhaltig beitragen kann zu einer gerechteren Gesellschaft, m\u00fcssen wir den Sozialstaat krisenfest mache, den Rechtsstaat verteidigen, die Kommunen angemessen finanzieren und das gute Miteinander in Zivilgesellschaft und der freien Wohlfahrtspflege pflegen. Die Diakonie Essen hat dazu einiges beizutragen. Denn hier geh\u00f6rt das zur DNA. Und gewinnt Energie aus dem Evangelium.<\/p>\n\n\n\n<p>Cornelia Coenen-Marx, Essen, &nbsp;25.11.22. www. seele-und-sorge.de<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> https:\/\/www.diakonie.de\/waermewinter\/<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\" id=\"_ftn2\">[2]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.essen.de\/meldungen\/pressemeldung_1480063.de.html\">https:\/\/www.essen.de\/meldungen\/pressemeldung_1480063.de.html<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\" id=\"_ftn3\">[3]<\/a> https:\/\/www.silbernetz.org\/<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\" id=\"_ftn4\">[4]<\/a> Andreas M\u00fcller (Hg), Norbert Friedrich, Praktizierte N\u00e4chstenliebe, 100 Jahre Diakoniepfarramt und Wohlfahrtsverband der Diakonie in Essen, Essen 2022<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\" id=\"_ftn5\">[5]<\/a> Thiessen u.a.: www. care-macht-mehr.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\" id=\"_ftn6\">[6]<\/a> Bernhard Emunds , H\u00e4usliche Pflege gerecht organisieren, FFM 2021<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Festrede zum Neujahrsempfang der Evangelischen Kirche in Essen 1. 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