{"id":7102,"date":"2022-11-15T15:27:32","date_gmt":"2022-11-15T14:27:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=7102"},"modified":"2022-11-15T15:27:33","modified_gmt":"2022-11-15T14:27:33","slug":"schluessel-ohne-schloss-heimatlosigkeit-in-flucht-und-vertreibung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=7102","title":{"rendered":"Schl\u00fcssel ohne Schloss. Heimatlosigkeit in Flucht und Vertreibung"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>1. Vaters Aktentasche<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Neuerdings kann man im Netz einen Notfallrucksack kaufen. Mit Platz f\u00fcr die wichtigsten Dokumente,<\/strong> f\u00fcr Pass, Bildungsabschl\u00fcsse, Versicherungspolicen, f\u00fcr Fotos, Schmuck und die liebsten Erinnerungsst\u00fccke. Oft ist eben am Ende nicht genug Zeit, das alles zusammenzusuchen, wenn man fliehen muss. <strong>Als Kind wusste ich genau, was unbedingt mitmusste \u2013 ich hatte es mir immer wieder \u00fcberlegt. Das lag wahrscheinlich an Vaters Aktentasche<\/strong>. Wohin wir auch fuhren \u2013 \u00fcbers Wochenende oder in Urlaub \u2013 die Aktentasche mit den wichtigsten Unterlagen war dabei. Und ich wusste, was es f\u00fcr ihn bedeutet hatte, das Zuhause kriegsbedingt zu verlassen und dann bei der R\u00fcckkehr nichts mehr vorzufinden. Das Haus dem Erdboden gleich gemacht, die Familie bis auf eine Schwester tot. <strong>Sich erinnern, sich ausweisen k\u00f6nnen, wissen, wer man ist \u2013 das Fundament unserer Identit\u00e4t ist in Kriegszeiten fragil.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gertrud Wissmann hat 1945 ihre Mutter und die Geschwister verloren- bei der \u00fcberst\u00fcrzten Flucht aus Ostpreu\u00dfen. Sie war eines der so genannten Wolfskinder, eine von 5000<\/strong>, die sich allein nach Osten durchschlugen, auf Bauernh\u00f6fen arbeiteten, vom Betteln \u00fcberlebten. <strong>Sie war 10 Jahre, als sie bei einer Familie in Litauen unterkam.<\/strong> Das einzige Foto, das sie hat, zeigt ein kleines M\u00e4dchen mit dicken blonden Z\u00f6pfen. <strong>Als sie nach Jahren nach Westdeutschland kam, konnte ihr kein Suchdienst mehr helfen, die Eltern zu finden. Ich lernte Gertrud in den 60er Jahren kennen &nbsp;Inzwischen hatte sie selbst zwei kleine S\u00f6hne<\/strong>. Im Gespr\u00e4ch mit ihr bekam ich eine Ahnung davon, wie schwer es ist, Kindern Zukunft zu erschlie\u00dfen, wenn die eigene Vergangenheit im Dunklen liegt. <strong>Gertrud fiel mir ein, als ich jetzt von den vielen ukrainischen Kindern h\u00f6rte, die vom Urlaub auf der Krim nicht mehr nach Hause zur\u00fcckkehrten<\/strong>. Und an die tausenden Kinder, die der Kreml nach Russland verschleppt hat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Dinge, die die Fl\u00fcchtenden mitnehmen, sind ein Faustpfand, eine Vergewisserung des eigenen Lebens. In der \u201eBrigitte\u201c erschien im April eine Fotoserie<\/strong> mit Frauen, die zeigten und erz\u00e4hlten, was sie mitgenommen hatten: den Pass, unverzichtbare Medizin, das Stofftier des kleinen Jungen, den Yorkshireterrier \u2013 und ein Messer zur eigenen Verteidigung. \u201e <strong>Die Situation in der Stadt war komplett instabil, sagt die 35-j\u00e4hrige Anna<\/strong>. Sie ist mit ihrem Sohn Mikita und ihrer Tante Ludmilla geflohen. <strong>Das Kostbarste, was sie bei sich hat, ist ein Familienfoto, auf dem auch ihre verstorbene Mutter zu sehen ist. Masha ist 16, sie ist mit ihrer Mutter aus Kiew geflohen.<\/strong> Und sie will Illustratorin werden, sie hat eine Kunstschule besucht, aber ihre Bilder und Zeichenutensilien konnte sie nicht mitnehmen. <strong>Ihr Portfolio hat sie auf dem Handy gespeichert. Viktoria ist in h\u00f6chster Not aus ihrem Haus gerannt mit den Kindern- durch den Bombenhagel. Nur ein Messer hat sie mitgenommen, um sich und die Kinder zu verteidi<\/strong>gen.\u201c Ich habe noch keine Idee, wo ich hinwill, sagt Marina \u2013 ich will nur einen sicheren Ort, wo ich wieder anfangen kann, zu leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit dem Angriff auf die Ukraine erlebt Europa die massivste Fluchtbewegung seit dem Zweiten Weltkrieg- <strong>12,5 Millionen Fl\u00fcchtlinge und Vertriebene kamen zwischen 1945 und 49 nach Deutschland. In den Nachbarl\u00e4ndern der Ukraine sind zurzeit etwa 4,6 Millionen registriert \u2013 knapp eine Million davon in Deutschland<\/strong>. Einige St\u00e4dte sind wie 2015 \u00a0an die Grenzen ihrer Aufnahmem\u00f6glichkeiten gesto\u00dfen \u2013 zugleich aber profitieren wir von dem, was wir in dieser Zeit gelernt haben.<strong> Auch Garbsen wird im n\u00e4chsten halben Jahr rund 540 Gefl\u00fcchtete aufnehmen m\u00fcssen. Bisher waren wir erfolgreich<\/strong>: die Kinder haben einen Platz in Schule oder KiTa gefunden. Blau-gelbe Treffpunkte sind entstanden, in denen wir einander begegnen k\u00f6nnen. Diese riesige Welle der Solidarit\u00e4t ist auch ein Friedensdienst. Dazu haben nicht zuletzt die vielen Ukrainerinnen und Ukrainer beigetragen, die vorher schon hier lebten \u2013 oft als Pflegende in Krankenh\u00e4usern und Langzeitpflegeeinrichtungen. <strong>Viele Familien haben inzwischen eine eigene Bleibe, aber jetzt wird der Wohnraum knapp. Wie gehen wir mit den \u00c4ngsten und Konflikten um, die die Integration begleiten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>2. Grenzen sind Sortiermaschinen ( Atlas)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Auch dass hier und da andere Gefl\u00fcchtete aus Gemeinschaftsunterk\u00fcnften ausziehen mussten, damit Ukrainer*innen einziehen, hat heftige Debatten ausgel\u00f6st<\/strong>. Es ist bis heute kaum m\u00f6glich, den Betroffenen aus Syrien oder Afghanistan zu erkl\u00e4ren, warum es bei ihnen so lange gedauert hat, bis sie eine Arbeit aufnehmen konnten- w\u00e4hrend Ukrainerinnen sofort eine Chance bekamen. <strong>Grenzen sind Sortiermaschinen, meint der Philosoph Steffen Mau.<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\"><strong>[1]<\/strong><\/a><\/strong><strong> An einer Grenze entscheidet sich, wie wertvoll Dein Pass ist, wie privilegiert Deine Staatsb\u00fcrgerschaft.<\/strong> Hier werden Gefl\u00fcchtete zur <strong>Verhandlungsmasse \u2013 und manchmal zur politischen Waffe. Wie bei Aljaksandr Lukaschenka.<\/strong> Der hatte Menschen aus fast allen L\u00e4ndern des Nahen Ostens nach Belarus kommen lassen, um sie an die polnische Grenze zu schicken. <strong>Polen baut inzwischen eine Mauer, wo der Grenzraum steht. Bei uns wurde diskutiert, ob die Unterst\u00fctzung f\u00fcr Gefl\u00fcchtete einen Pullfaktor darstellt <\/strong>oder gar zum Sozialtourismus einl\u00e4dt. Ich kann mir vorstellen, dass viele Fl\u00fcchtlinge aus anderen Regionen auch gern noch einmal kurz zur\u00fcck gingen, um die kranken Eltern zu sehen. Es ist kein einfacher Schritt, die Heimat hinter sich zu lassen, f\u00fcr immer.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was es bedeutet, nie mehr zur\u00fcckkehren zu k\u00f6nnen, das lassen uns in diesen Tagen die Mitb\u00fcrger und Mitb\u00fcrgerinnen ahnen, die vor Jahren, vor Jahrzehnten aus dem Iran geflohen sind<\/strong>. Nie mehr nach Hause kommen- nicht einmal, wenn die eigenen Eltern sterben. <strong>Wer vor 1989 aus der ehemaligen DDR geflohen ist, wer dort im Gef\u00e4ngnis sa\u00df und abgeschoben wurde, hat die gleiche Erfahrung gemacht<\/strong>. Und viele, die aus Breslau oder Oppeln vertrieben wurden, kennen noch das wunderbare Gef\u00fchl, als die Grenze sich \u00f6ffnete, als der eiserne Vorhang sich hob. <strong>Auf den Familienreisen fanden viele die vertraute Landschaft wieder, die bekannten Orte. Vertraut, und doch pl\u00f6tzlich fremd. Denn die Zeit steht nicht still- m\u00f6gen unsere Erinnerungen auch eingefroren sein, festgesetzt wie die Fliege im Bernstein<\/strong>. Wer in den 80-er Jahren &nbsp;mit den Eltern oder Gro\u00dfeltern nach Masuren oder ins Riesengebirge reiste, begriff sehr schnell: Sie waren zu Besuch in Polen, hier lebten Polen \u2013 oft selbst nach 45 aus ihrer Heimat in der Sowjetunion vertrieben. Die Landkarten, die noch andere Grenzen markierten, mit anderen L\u00e4ndernahmen, verschwanden. <strong>Mein alter Atlas erinnert mich daran, wie lange es gedauert hat, bis die innere und die \u00e4u\u00dfere Wirklichkeit wieder \u00fcbereinstimmten. Und das hat immer auch mit uns zu tun, mit den B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger<\/strong>n. Zur Geschichte meiner Generation geh\u00f6ren noch die Lehrer, die den Verlust betrauerten. Und die Vers\u00f6hnungsschriften der Kirchen, die die neue Ostpolitik vorbereiten. <strong>Wie viele Grenzen wurden von den M\u00e4chtigen mit Gewalt gezogen, wie oft hat man versucht, ein ganzes Volk mit Gewalt zum Schweigen zu bringen. Wir dachten, mit der Nachkriegsordnung w\u00e4re der Alptraum vorbei.<\/strong> Jetzt aber erleben wir das Trauma erneut. Die B\u00fcrger und B\u00fcrgerinnen in der Ukraine aber lassen sich nicht zum Schweigen bringen. Sie treten f\u00fcr Selbstbestimmung ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter den Bildern vom Bombenhagel <strong>werden in diesen Tagen Erinnerungen wach.&nbsp; Zerborstene Fenster, Ausgangssperre am Abend, Lernen im Bunker \u2013 die Kinder und Jugendlichen, die hierzulande so aufgewachsen sind, sie leben noch<\/strong>. Die regelm\u00e4\u00dfigen Kriegsberichte erinnern sie an die Wochenschau. W\u00f6rter, die fast vergessen waren, kehren zur\u00fcck: ausgebombt, vermisst, verschleppt. S\u00f6hne, T\u00f6chter, Pflegekr\u00e4fte erleben, <strong>wie \u00c4ltere in Panik geraten, schwer atmen, retraumatisiert werden.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Und auch Menschen, die aus dem ehemaligen Jugoslawien geflohen sind, die in den 1990er Jahren aus Serbien, Kroatien, dem Kosovo hierherkamen, zucken zusammen<\/strong>, wenn sie eine Sirene h\u00f6ren. <strong>Und ertragen es kaum, die Bilder vom Massaker in\u00a0 Butscha\u00a0 zu sehen. Bilder wie aus Srebrenica, Tote mit Folterspuren, vergewaltigte Frauen wie viele sie 1945 entlang der Fluchtrouten gesehen haben.<\/strong> Aber anders als nach dem Zweiten Weltkrieg <strong>sind Traumata endlich kein Tabu mehr. Kriegsverbrechen werden gr\u00fcndlich dokumentiert und in der Beratung entwickeln sich neue Kompetenzen.<\/strong> Zun\u00e4chst noch hinter verschlossenen T\u00fcren und unzureichend ausgestattet, wurden die psychosozialen Beratungsstellen f\u00fcr Asylbewerber und Gefl\u00fcchtete zu Hilfeorten. <strong>Bei der psychologischen Arbeit mit Jesiden, bei der Begleitung von Veteranen der Bundeswehr, in der Arbeit mit Folteropfern aus dem Irak. <\/strong>Traumaberatung ist bitter n\u00f6tig \u2013 \u201edenn <strong>wir alle tragen kollektive Traumata in uns\u201c, schreibt Isaak Kraus- Er ist Pastor der Mennonitengemeinde in Frankfurt und erinnert an das Trauma des Zuschauens in Srebrenica<\/strong> das vor allem die Blauhelmsoldaten seelisch schwer verletzte. Aber auch an die Traumata der Kriegskinder und -enkel, die gerade jetzt wieder qu\u00e4lend aufbrechen. \u00a0<strong>All das spielt eine Rolle, wenn wir \u00fcber Waffenlieferungen sprechen, aber auch wenn wir mit Energiemangel und Inflation umgehen m\u00fcssen. Auch die Angst vor Hunger und K\u00e4lte hat ja eine emotionale Vorgeschichte<\/strong>. Und die russische Propaganda sch\u00fcrt die Angst ganz gezielt. Das macht die einen ohnm\u00e4chtig, andere kampfbereit \u2013 und manche einfach hilflos .<strong>Fight, freeze or fly nennt Isaak-Kraus die Traumareaktionen. Fl\u00fcchten, k\u00e4mpfen oder erstarren<\/strong>. Nichts mehr f\u00fchlen \u2013 das w\u00e4re das Schlimmste. <strong>Deshalb braucht es Tage wie diese. Wir m\u00fcssen uns erinnern, m\u00fcssen trauern, damit wir lebendig bleiben und frei.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>3. Schl\u00fcsselbrett, Kaftan und Nussknacker<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als ich vor einigen <strong>Jahren im schlesischen Museum in G\u00f6rlitz war, habe ich dort ein gro\u00dfes Brett gesehen \u2013 mit Haust\u00fcrschl\u00fcsseln, die Menschen auf der Flucht mitgenommen hatten<\/strong>. Als Erinnerung, aber auch um ihr Eigentum nachweisen zu k\u00f6nnen. <strong>So wie den Schl\u00fcssel, den die Kollegin hier &nbsp;von ihrem Vater geerbt hat. Es sind Schl\u00fcssel ohne Schloss. Wo die H\u00e4user noch stehen, leben dort l\u00e4ngst andere<\/strong>. Ich habe solche Haust\u00fcrschl\u00fcssel <strong>auch in Pal\u00e4stina gesehen- Schl\u00fcssel zu H\u00e4usern in Jerusalem, in denen seit dem 6-Tage-Krieg Israelis lebten<\/strong>. Hier in Deutschland haben manche 1989 erlebt, wie ihr Eigentum restituiert wurde \u2013<strong>andere mussten sich mit dem Verlust abfinden. Dann war es gut, andere Schl\u00fcssel zu haben- Schl\u00fcssel zur Erinnerung, zum Herze<\/strong>n. Wie der Geschmack von Mohnplie, den es immer Weihnachten gab- <strong>oder der Nussknacker aus dem Erzgebirge, den Frau H\u00e4usler mitgebracht hat<\/strong>. <strong>Ein bestimmter Geschmack, ein Geruch, das Knacken der Waln\u00fcsse \u2013 und das Verlorene ist wieder da. In all dem ist Heimat- unersetzlich, unbezahlbar.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was das bedeutet, erz\u00e4hlt der amerikanische Autor Phillip Ross in einer kleinen Geschichte. <\/strong><strong>Sie spielt zur Zeit des Nationalsozialismus in einer nordamerikanischen Kleinstadt<\/strong>. Dorthin hatte es siebzehn j\u00fcdische Waisenkinder verschlagen, die vor dem Holocaust gerettet worden waren. Siebzehn Kinder und einen Lehrer. Sie hatten ein Haus am Stadtrand bezogen und lebten dort abgeschlossen f\u00fcr sich. <strong>Die Leute sahen nur einen Gehilfen, der die Eink\u00e4ufe t\u00e4tigte \u2013 ein Mann im langen Kaftan, mit schwarzem Hut und Schl\u00e4fenlocken. Fremd, st\u00f6rend, irgendwie unheimlich.<\/strong> <strong>Die Kinder hatten Angst vor ihm<\/strong>. So schickten sie einen angesehenen Rechtsanwalt dorthin, er sollte mit den Fl\u00fcchtlingen reden. Schule konnten sie ja privat halten, <strong>aber dieser schwarze Mann sollte so nicht mehr auftreten. \u201eAber das ist alles, was er hat\u201c, sagte der j\u00fcdische Lehrer.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der amerikanische Rechtsanwalt war ein anst\u00e4ndiger Mann, er stand f\u00fcr das ein, was er sagte. Er ging nach Hause, packte zwei Anz\u00fcge ein und brachte sie dorthin<\/strong>. Aber die Dankbarkeit, die er erwartet hatte, blieb aus. \u201e<strong>Sie haben mich nicht verstanden\u201c, sagte der Lehrer. \u201eEr hat sonst nichts. Gar nichts. Er hat keinen Vater und keine Mutter \u2013 die haben sie get\u00f6te<\/strong>t. Er hat kein Kind \u2013 das haben sie ihm genommen. Er hat keine Freunde \u2013 die haben sie vertrieben. Er hat nicht einmal eine Thorarolle, die haben sie verbrannt. <strong>Nichts ist mehr \u00fcbrig als dieser Kaftan. Das ist alles, was er hat. Das ist sein Leben.\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Tats\u00e4chlich erz\u00e4hlte dieser Kaftan eine ganze Geschichte \u2013 von der viele gar nichts wussten. Was wissen wir schon \u00fcber die Geschichten der Menschen, die hier unter uns leben?<\/strong> Was wissen wir von den neuen Nachbarn, die uns fremd sind, die eine andere Sprache sprechen, anders leben? Mit den Frauen und Kindern aus der Ukraine scheint das nicht so schwer zu sein \u2013 mit jungen M\u00e4nnern aus dem Nahen Osten ist es oft anders. <strong>Aber Fremdsein ist eben relativ. Frau F., die 1945 mit ihrer Mutter und 8 Geschwistern aus Schlesien floh und hier bei einer F\u00f6rsterfamilie unterkam, erz\u00e4hlt<\/strong>: Die F\u00f6rsterfamilie hatte eine kleine, h\u00fcbsche, sauber angezogene Tochter \u2013 und da stand dann pl\u00f6tzlich eine Mutter mit 9 Kindern. Man kann sich vorstellen, was die f\u00fcr einen Schreck gekriegt haben. <strong>Die haben gedacht, da kommen irgendwelche Wilden an, Polacken oder Russen oder sonst was<\/strong>. Also ich hatte das Gef\u00fchl- ich war da 14 Jahre- dass die dachten, wir w\u00e4ren Ausl\u00e4nder. Meine kleine Schwester, die hielt meine Mutter an der Hand, und das Erste, was sie <strong>sagte, war: Mama, Hunger. Da sagte Frau T.: Ach, Deutsch sprechen k\u00f6nnt Ihr auch. Das habe ich nie vergessen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Als ich vor einigen Jahren l\u00e4nger im Krankenhaus lag, hatte ich Gelegenheit, \u00f6fter mit der Frau zu reden, die mein Zimmer putze. Sie war mit ihrer Tochter vor Jahren aus Bosnien geflohen und hat mir erz\u00e4hlt, wie wichtig es dem M\u00e4dchen war, <\/strong>ihr Kinderzimmer und auch den Kindergeburtstag so zu gestalten, wie es die anderen in ihrer Klasse tun. <strong>Kinder wollen sich schnell integrieren, sie wollen dazugeh\u00f6ren. Zugleich aber war ihre Tochter gl\u00fccklich, wenn sich andere f\u00fcr sie interessierten, f\u00fcr ihre Sprache, ihre Bilder, die &nbsp;B\u00fccher und Spiele- wenn sie in ihrem Anderssein respektiert wurde<\/strong>. Wie wenig selbstverst\u00e4ndlich das ist, sehen wir an den Jugendlichen aus den mehrheitlich muslimischen Quartieren in Frankreich, in Berlin oder im Ruhrgebiet. <strong>Wer den Eindruck hat, nicht wirklich dazuzugeh\u00f6ren, sucht seine Identit\u00e4t in der Abgrenzung.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;F\u00fcr unser Land im demografischen Wandel mit dem Fachkr\u00e4ftemangel ist <strong>Zuwanderung unbestritten eine gro\u00dfe Chance<\/strong>. Damit daraus konkrete Wirklichkeit wird, <strong>m\u00fcssen wir investieren: in Kitas und Schulen, den Erhalt der Sprach-Kitas, in Wohnungen und in gute Berufsausbildungsprogramme. Die Schl\u00fcssel zur neuen Heimat \u2013 wir haben sie in der Hand<\/strong>. In diesen Tagen habe ich noch einmal alte Quellen gelesen \u2013 <strong>ich wollte wissen, wie es gelungen ist, 12 Millionen Menschen zu integrieren- viele davon gerade in Niedersachen. Manche haben sp\u00e4ter von Eingliederungswunder gesprochen<\/strong>. Tats\u00e4chlich mussten Probleme bew\u00e4ltigt werden, wie wir sie auch heute kennen: Es ging um Arbeit um fehlende Wohnungen, um Gemeinschaftsunterk\u00fcnfte. Aber auch um neue Freundschaften und schlie\u00dflich Ehen. <strong>\u00dcber die Jahre verschwand die Fremdheit, entstand ein neues Miteinander.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vor kurzem sah ich bei Sandra Maischberger<\/strong> ein Gespr\u00e4ch mit Omid Nouripour und der Frankfurter B\u00fcrgermeisterin Nargess Eskandari-Gr\u00fcnberg Beide sind als Teenager aus dem Iran hierhergekommen, sind nach wie vor mit den Befreiungsbewegungen in dem Land verbunden und schauen mit Dankbarkeit auf die hiesige Verfassung, unseren Rechtsstaat. Genauso wie die 800000 Exil-Iraner, die k\u00fcrzlich in Berlin demonstriert haben. <strong>Mir ist wieder einmal bewusst geworden, wie wichtig solche Erfahrungen f\u00fcr die freiheitliche Entwicklung auch unseres Landes sind. Wir profitieren von denen, die in zwei L\u00e4ndern Heimat haben und deshalb Br\u00fccken bauen k\u00f6nnen. <\/strong>So wie Navid Kermani und genauso f\u00fcr Marina Weisband oder Igor Lewitsch. <strong>Meist nehmen wir ihre Fluchtgeschichten nicht mehr wahr, sie sind angekommen. Sie geh\u00f6ren dazu. Und das w\u00fcnsche ich denen, die immer noch keinen sicheren Ort gefunden haben, wo sie neu anfangen k\u00f6nnen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Cornelia Coenen-Marx, Garbsen, Volkstrauertag 2022<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> Steffen Mau, Sortiermaschinen. Die Neuerfindung der Grenze im 21. Jahrhundert. Ch. Beck 2021.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Vaters Aktentasche Neuerdings kann man im Netz einen Notfallrucksack kaufen. 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