{"id":6885,"date":"2022-06-21T18:34:38","date_gmt":"2022-06-21T16:34:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=6885"},"modified":"2023-08-25T14:33:13","modified_gmt":"2023-08-25T12:33:13","slug":"predigt-zu-roemer-8-26-31-osterwald-29-5-22","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=6885","title":{"rendered":"Predigt zu R\u00f6mer 8, 26- 31, Osterwald 29.5.22"},"content":{"rendered":"\n<p>Es ist gar nicht so einfach mit dem Beten. Davon war in den Geschichten die Rede, die in meiner Familie \u00fcber meine Gro\u00dfmutter erz\u00e4hlt wurden. Sie war Pfarrfrau und hatte eine gro\u00dfe Familie \u2013 eigene Kinder, aber auch Geschwister mit Kindern \u2013 da gab es immer viele zu bedenken. Und es gab auch viel zu tun in dem gro\u00dfen Haushalt. Wenn sie abends ersch\u00f6pft in die Federn fiel, war sie manchmal schon zu m\u00fcde f\u00fcr ihr Abendgebet- das eigentlich ganz fest zu ihren Ritualen geh\u00f6rte. \u201e Lieber Gott\u201c, sagte sie dann, \u201e es bleibt alles beim Alten\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Beten ist nicht wie Hausaufgaben machen. Es kommt nicht darauf an, dass wir dem lieben Gott unsere F\u00fcrbitten m\u00f6glichst vollst\u00e4ndig aufz\u00e4hlen- die guten W\u00fcnsche f\u00fcr jedes Kind, f\u00fcr alle Verwandten und Freunde, f\u00fcr den Frieden in der Welt. Gott wei\u00df, was wir beten wollen und manchmal gen\u00fcgt es eben auch zu sagen: \u201e Lieber Gott, es bleibt alles beim Alten\u201c. Das meint Paulus, wenn er sagt: \u201e Der Geist vertritt uns..\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Beten ist allerdings auch kein Ersatz f\u00fcr Handeln. Gott will nicht alles f\u00fcr uns erledigen \u2013 wir sollen unsere Aufgaben sehr wohl wahrnehmen. Davon erz\u00e4hlte eine andere Geschichte aus meiner Familie \u2013 die ber\u00fchmte Geschichte vom brennenden&nbsp; Weihnachtsbaum. Im Pfarrhaus meiner Gro\u00dfeltern gab echten Kerzen. Daneben lag ein Pusterohr, das man ausziehen und lang machen konnte \u2013 damit konnte man die Kerzen bis ganz in die Spitze ausblasen. Wir Kinder liebten das. Und trotzdem brannte einmal der Weihnachtsbaum \u2013 irgendjemand hatte nicht rechtzeitig gesehen, dass die Flammen \u00fcbersprangen. Und meine Gro\u00dfmutter stand davor und schrie: \u201e Hilf, Herr Jesus\u201c, w\u00e4hrend das Feuer sich ausbreitete. Gerade noch rechtzeitig riss der Gro\u00dfvater das Fenster auf- griff nach dem Baum und warf ihn in den Vorgarten. \u201eNein, nicht hilf Herr Jesus\u201c, sagte er \u2013 das m\u00fcssen wir schon selbst machen.<\/p>\n\n\n\n<p>So ist das mit dem Beten: Gott wei\u00df, was wir n\u00f6tig haben \u2013 aber er nimmt uns die Arbeit nicht ab. Wir sind keine hilflosen Gesch\u00f6pfe \u2013 und auch keine Kinder, die vor ihm bestehen m\u00fcssen. Nein, beim Beten geht es um etwas anderes: Es geht darum, dass wir uns immer mehr verankern in unserer Gottesbeziehung, dass wir immer besser verstehen, worum es wirklich geht im Leben. Wozu wir berufen sind und was unsere Aufgabe ist. Es geht darum, dass wir Gott vertrauen. Und das Gebet kann uns dabei helfen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr meine Gro\u00dfmutter Hermine war das ganz sicher nicht leicht. Seit dem 24. Februar, als Russland die Ukraine \u00fcberfallen hat, muss ich \u00f6fter an sie denken.&nbsp; Hermann, ihr \u00e4ltester Sohn, war knapp 18, als er Soldat wurde \u2013 er ist wahrscheinlich in der Ukraine gefallen. Sein Grab wurde bis heute nicht gefunden ; aber einer seiner Kameraden brachte ihr die Konfirmationsbibel zur\u00fcck, in der vorne sein Konfirmationsspruch stand. \u201eHabe ich dir nicht gesagt, wenn Du glaubst, wirst Du Gottes Herrlichkeit sehen?\u201c Sie wusste nicht, was er zuletzt gesehen hatte, wusste nicht, was mit ihm geschehen war \u2013 und sie brachte es bis zu ihrem Tod nicht fertig, ihn f\u00fcr tot erkl\u00e4ren zu lassen. Und Hermann war nicht er erste Sohn, den sie verloren hatte. Wenige Jahre vorher mussten sie Wilhelm begraben, der an Keuchhusten gestorben war. DA war er noch keine acht. An dem Foto von dem blonden, lockigen Jungen hing das gelbe Myrtenkr\u00e4nzchen, das meine Gro\u00dfmutter geflochten hatte. Ein Bild voller Leben \u2013 auch daran musste ich diese Tage wieder denken, als eine Freundin aus Facebook Kinderfotos aus der Ukraine postete. Die lachenden Bilder ermordeter Kinder.<\/p>\n\n\n\n<p>Worum kann man beten in diesen Zeiten? Was kann die Angeh\u00f6rigen tr\u00f6sten? Und was muss man tun, was wird jetzt gebraucht? Beim Katholikentag in Stuttgart wurde eine Frau mit ihrem Enkel interviewt. Er spielte mit einem Hund und dabei konnte er f\u00fcr einen Augenblick vergessen, dass er beide Eltern verloren hatte. Jetzt hatte die Gro\u00dfmutter ihn nach Stuttgart geholt \u2013 in Sicherheit. IN der Art, wie sie ihn an der Hand hielt, war diese Sicherheit zu sp\u00fcren. Ein Rest Vertrauen in das Leben- trotz allem. Du bist nicht ganz allein in der Welt \u2013 hier ist eine, die dich versteht. Ich glaube, dieses Vertrauen ist die Kraft, mit der der Heilige Geist unserer Schwachheit aufhilft, wie Paulus sagt. Dass wir uns nicht fallen lassen in Resignation und Verzweiflung.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Ecke im Flur des gro\u00dfelterlichen Pfarrhauses stand ein Kinderstuhl aus Korb. Mit einer Lehne aus dunklem Holz. Das war mein Lieblingsplatz \u2013 ich f\u00fchlte mich herrlich geborgen dort. Wahrscheinlich war der Stuhl schon \u00fcber die Generationen vererbt worden und auch meine Mutter und ihre Br\u00fcder hatten darin gesessen. &nbsp;\u00dcber dem kleinen Stuhl hing an der Wand eine Holztafel, in die ein Bibelspruch gebrannt war. Das war nicht die einzige im Haus. Oben im Flur stand auf einer gro\u00dfen Tafel: Die rechte Hand des H\u00f6chsten kann alles \u00e4ndern. Ich fand das erschreckend- es erinnert mich an die Schicksalsschl\u00e4ge. Aber hier stand etwas Tr\u00f6stliches: \u201e R\u00f6mer 8, 28: Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.\u201c&nbsp; Was f\u00fcr ein Bekenntnis. Aufgeschrieben von Menschen, die schwere Dinge erfahren hatten. Wenn das wahr ist, habe ich damals schon gedacht, dann wird mein Leben am Ende Sinn haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Und ich denke das immer noch. Der Spruch erinnert so einen anderen, der seit vielen Jahren zu unserem Alltag geh\u00f6rt: \u201eAlles wird gut\u201c. Aber er hat zugleich etwas Widerst\u00e4ndiges, etwas Ehrliches. DA ist keine Naivit\u00e4t, keine Oberfl\u00e4chlichkeit \u2013 nichts ist selbstverst\u00e4ndlich. Was hei\u00dft das eigentlich: \u201e Denen, die Gott lieben\u201c? Die, die auf Gott setzen und sich auf ihn verlassen. Die glauben und auf Gott hoffen, die setzen darauf, dass alles gut wird. Was ist das eigentlich f\u00fcr eine Hoffnung? Die Publizistin Carolin Emcke hat vor Jahren von den Gefahren einer falschen Hoffnung gesprochen. Dazu hat sie die Geschichte von der B\u00fcchse der Pandora erz\u00e4hlt: Darin hatten die G\u00f6tter alles eingeschlossen, was Unheil bringt. Krieg und Gewalt, Krankheit und Ungerechtigkeit. Und ganz unten in der B\u00fcchse unter all dem war auch die Hoffnung . Pandora \u00fcberreichte diese B\u00fcchse an Prometheus, der den G\u00f6ttern das Feuer geraubt hatte \u2013 ein bitterb\u00f6ses Geschenk. Denn als Prometheus die B\u00fcchse \u00f6ffnete, entwichen alle diese Dinge \u2013 nur die Hoffnung blieb ganz unten in dieser B\u00fcchse. Wie kann man auf den Gedanken kommen, dass die Hoffnung etwas Schlechtes ist? Carolin Emcke erinnert daran, wie gern wir uns von einer falschen Hoffnung betr\u00fcgen und in die Irre f\u00fchren lassen. Es wird schon alles nicht so schlimm kommen, denken wir dann. Wir sind doch noch einmal davongekommen. Wir sehen lieber nicht genau hin und machen weiter wie bisher. Aber die Hoffnung, von der die Bibel spricht,&nbsp; klammert das Unheil nicht aus. Sie sieht genau hin. Das ist die Hoffnung, mit der sich Jesus auf den Vater verl\u00e4sst \u2013 noch als er gefoltert wird, noch am Kreuz. Das ist die Hoffnung angesichts der ganzen Wirklichkeit. Hoffnung mit offenen Augen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind in Gott geborgen. Darauf hat auch meine Gro\u00dfmutter gehofft \u2013 mitten in ihren \u00c4ngsten und Traurigkeiten. Sie hat sich darauf verlassen, dass sie alles vor Gott zur Sprache bringen kann- &nbsp;auch ihre Verzweiflung. Und dass sie auch schweigen darf , wenn sie nicht wei\u00df, was sie beten soll. Denn Gottes Geist wei\u00df,&nbsp; was wir brauchen. Wir k\u00f6nnen ihm vertrauen\u2013wie der Junge in Stuttgart an der Hand seiner Gro\u00dfmutter.<\/p>\n\n\n\n<p>Amen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist gar nicht so einfach mit dem Beten. 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