{"id":658,"date":"2015-02-27T19:32:23","date_gmt":"2015-02-27T19:32:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=658"},"modified":"2016-02-04T20:04:50","modified_gmt":"2016-02-04T20:04:50","slug":"engagement-und-berufung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=658","title":{"rendered":"Engagement und Berufung:"},"content":{"rendered":"<h2><strong>Die Kirchen als profilierte B\u00fcndnispartner in der Zivilgesellschaft <\/strong><\/h2>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>1. Engagement und Berufung: Zur Wiederbelebung eines Motivs<\/strong><\/p>\n<p>\u201eWann haben Sie das letzte Mal dieses Funkeln in den Augen eines Kollegen gesehen? Wann haben Sie zuletzt aus tiefster \u00dcberzeugung heraus geliebt, was Sie tun? Kompromisslos, begeistert, enthusiastisch?\u201c Das fragen Anja F\u00f6rster und Peter Kreuz in ihrem Buch: \u201e H\u00f6rt auf zu arbeiten! (F\u00f6rster\/Kreuz 2013), eine Anstiftung zu tun, was wirklich z\u00e4hlt\u201c. Dabei geht es nicht um die vielbeschworene Work-Life-Balance, sondern um eine lohnende Aufgabe, die der eigenen Berufung entspricht: In einer Welt, in der sich Jobs und Wohnorte, Familien und Freundeskreise oft mehrfach im Leben ver\u00e4ndern, fragen sich viele, was der Sinn ihres Lebens ist und wof\u00fcr sie gebraucht werden. Das Thema \u201eBerufung\u201c ist wieder wichtig geworden.<\/p>\n<p>Das gilt f\u00fcr freiwillig Engagierte genauso wie f\u00fcr Professionelle in der sozialen Arbeit und f\u00fcr beruflich T\u00e4tige in den Kirchen. Hier klingt der religi\u00f6se Charakter des Begriffs vielleicht noch an. Viele haben in den letzten Jahrzehnten gelernt, ihr professionelles Handeln von ihrer spirituellen Erfahrung und den emotionalen Beziehungen abzuspalten. Wo in diakonischen und caritativen Unternehmen stets Zielerreichung und Abteilungsbudgets verglichen werden, z\u00e4hlt am Ende Konkurrenz mehr als Kooperation. Die Zeit f\u00fcr Zuwendung l\u00e4sst sich nicht unmittelbar abbuchen. \u201eProfessionalisierung hei\u00dft immer auch Vereisung\u201c, schreibt Andreas Heller (Gronemeyer\/Heller 2014: 52). Dabei helfe uns die Sorge f\u00fcreinander, reicher, lebendiger und sinnvoller zu leben. \u201eWir brauchen eine Kultur der Freundschaft. Freundschaft begr\u00fcndet sich in dem Wissen, dass wir wohl immer mehr empfangen, als wir zu geben in der Lage sind.\u201c<\/p>\n<p>Ehrenamtliche im sozialen Bereich leben h\u00e4ufig aus dieser Motivation. Und wenn die Spannung zwischen Haupt- und Ehrenamt in den Kirchen in den letzten Jahren zugenommen hat \u2013 damit umgehen zu lernen, geh\u00f6rt inzwischen zu den wichtigsten Fortbildungsw\u00fcnschen der Beteiligten \u2013, dann liegt das nicht nur an knapper werdenden Ressourcen, sondern auch an dieser Sehnsucht, gebraucht zu werden und etwas weiter geben zu k\u00f6nnen, die beide \u2013 Haupt- und Ehrenamtliche \u2013 verbindet. Bei schrumpfenden Stellenpl\u00e4nen in Gemeinden und Verb\u00e4nden m\u00f6chten die einen nicht nur managen, die anderen nicht nur umsetzen und ausf\u00fchren. Die einen wollen sich nicht auf ihre Professionalit\u00e4t reduzieren lassen, die anderen f\u00fchlen sich untersch\u00e4tzt, wenn man ihnen ihre Kompetenzen abspricht. Nach Jahren organisationeller Debatten, die viele resigniert zur\u00fcck gelassen haben, ist Spiritualit\u00e4t in den anstehenden Ver\u00e4nderungsprozessen neu gefragt (epd 2015).<\/p>\n<p>\u201eDie Grundfrage an unsere evangelische Kirche lautet: Wird sich bei hauptamtlich Mitarbeitenden und ehrenamtlich Engagierten ein Paradigmen- und Mentalit\u00e4tswechsel vollziehen, der die evangelische Kirche auf die neue Situation ausrichtet und ihre Chancen zu ergreifen sucht? fragt das EKD- Impulspapier \u201eKirche der Freiheit\u201c (EKD 2006).Das wird bedeuten, in den laufenden Reformprozessen darauf zu achten, dass die zuk\u00fcnftige Gestalt der Kirche nicht nur von einer schrumpfenden, zumeist steuerfinanzierten hauptamtlichen Organisation her gedacht und weiter entwickelt wird, sondern dass innovative Ideen und Netzwerke aus den Gemeinden in die Zukunftsstrategien eingehen. Deren Gaben und Erfahrungen m\u00fcssen in den Entscheidungsgremien so viel Gewicht haben wie das Bem\u00fchen um Sparma\u00dfnahmen und Fusionen. Das ist auch eine der wichtigsten Forderungen der Engagierten; die sich in den letzten Jahren drei Mal zu einem \u00f6kumenischen Ehrenamtskongress versammelt haben.<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a> So hei\u00dft es in den K\u00f6lner Thesen zum ehrenamtlichen Engagement in Kirche und Gesellschaft von 2008: \u201eKirche lebt von der Vielfalt der Charismen aller Christinnen und Christen. Deshalb m\u00fcssen ihre F\u00e4higkeiten und Gaben gr\u00f6\u00dferes Gewicht haben als die Bedarfe der Institution. Leitgedanke muss sein: Inhalte vor Strukturen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. In der Transformation: Zum Beitrag des christlichen Ehrenamts f\u00fcr die Sozialkultur<\/strong><\/p>\n<p>Die Sozialstaatsentwicklung in Deutschland wurde von Diakonie und Caritas entscheidend vorangetrieben \u2013 mit Initiativen und Vereinen, die sich aus der Kirche heraus, aber auch neben der Staatskirche entwickelten (Bauernk\u00e4mper\/ Nautz 2009). Damals konnte Johann Hinrich Wichern, der Gr\u00fcnder der Inneren Mission, noch vom allgemeinen Diakonat aller B\u00fcrger sprechen: Christlicher Glaube sollte sich im sozialen Engagement zeigen. Seitdem hat sich das Verh\u00e4ltnis von Kirche und Gesellschaft, aber auch von Ehrenamt und Hauptamt, Bewegung und Organisation erheblich ver\u00e4ndert. Nach den Aufbr\u00fcchen Mitte des 19. Jahrhunderts, die in hohem Ma\u00dfe durch Ehrenamtliche gepr\u00e4gt waren, nahm um die Jahrhundertwende der Sozialstaat mit seinen bezahlten F\u00fcrsorgeleistungen Gestalt an. Seit der weitgehenden Trennung von Kirche und Staat war er weltanschaulich offen, aber \u2013 mit Ausnahme des Dritten Reiches und der DDR \u2013 immer noch und gerade deshalb subsidi\u00e4r gepr\u00e4gt. So konnten sich die Kirchen im westdeutschen Wohlfahrtsstaat der 1960er und 1970er Jahren nicht zuletzt dank \u00f6ffentlicher Mittel zu differenzierten hauptamtlichen Organisationen entwickeln \u2013 ehemals ehrenamtliche Aufgaben wurden professionalisiert, Jugendarbeit und Schulen, Bildung und soziale Arbeit zu gro\u00dfen Teilen aus Steuern und Sozialversicherungsbeitr\u00e4gen refinanziert.<\/p>\n<p>Angesichts schrumpfender \u00f6ffentlicher wie kirchlicher Etats gewinnt b\u00fcrgerschaftliches Engagement nun wieder an Bedeutung. Das gilt auch f\u00fcr die Kirchen. Auch wenn Mitgliederzahlen und Steuermittel zur\u00fcckgehen: Die Zahl der Ehrenamtlichen ist zwischen 1999 und 2009 sogar gestiegen (BMFSFJ 2010). Weitgehend unabh\u00e4ngig von religi\u00f6sen Bindungen gibt es inzwischen eine neue Bewegung weg von der Geselligkeitsorientierung hin zu Gemeinwohlorientierung, wie Erhebungen zum vierten Freiwilligensurvey zeigen. Neben den traditionellen Vereinen und Verb\u00e4nden entwickeln sich auch in den Kirchen Initiativen in Quartiersarbeit, Tafelarbeit und Nachbarschaftszentren. Manche f\u00fcrchten allerdings, dass Ehrenamtliche nun zum billigen Jakob des ausblutenden Sozialstaats, aber auch einer schrumpfenden Kirche werden k\u00f6nnten. Auch in den Kirchen gibt es l\u00e4ngst eine Grauzone zwischen dem klassischen Ehrenamt und prek\u00e4ren Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen: Mit \u00dcbungsleiterpauschale, B\u00fcrgerarbeit und Minijobs. Rentnerinnen mit kleinen Renten werden Alltagsbegleiterinnen in der Altenpflege oder engagieren sich als Kirchenf\u00fchrerinnen und verstehen ihre Aufgabe als Beruf. Und auch ehrenamtliche K\u00fcster und Sekret\u00e4rinnen sind l\u00e4ngst keine Seltenheit mehr.<\/p>\n<p>Dass Menschen solche Chancen ergreifen, ist allerdings nicht selbstverst\u00e4ndlich. Wer Kompetenz und Erfahrung hat, kann sich einbringen und gewinnt Freunde, Netzwerke, neue Ankn\u00fcpfungspunkte. Wer aber wenige Ressourcen hat, findet auch in den Kirchen oft keinen Zugang zum Ehrenamt. Was k\u00f6nnen Kirchengemeinden tun, um auch diejenigen zum Engagement einzuladen, die sich bisher als Hilfeempf\u00e4nger verstehen? \u201eJeder Mensch verf\u00fcgt \u00fcber Talente, die er einbringen kann\u201c, hei\u00dft es in den \u201eK\u00f6lner Thesen\u201c von 2013. \u201eDerzeit sind von Armut Betroffene, Menschen mit Behinderung oder Migrantinnen und Migranten h\u00e4ufig Empf\u00e4ngerinnen und Empf\u00e4nger ehrenamtlichen Engagements. Zuk\u00fcnftig gilt es, Rahmenbedingungen und F\u00f6rderm\u00f6glichkeiten anzubieten, damit sich auch sozial benachteiligte Menschen st\u00e4rker engagieren und beteiligen k\u00f6nnen. Dann profitieren auch sie von der St\u00e4rkung sozialer Netze, die durch ehrenamtliches Engagement entsteht.\u201c Damit das gelingt, gilt es ernst zu machen mit der \u201eGemeinde von (Schwestern und) Br\u00fcdern\u201c aus allen gesellschaftlichen Gruppen. Diese Zielbestimmung der Theologischen Erkl\u00e4rung von Barmen aus dem Jahr 1934<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[2]<\/a> ist inzwischen in den Ehrenamtsgesetzen<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[3]<\/a> verschiedener Landeskirchen verankert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Kirchliches Engagement im gesellschaftlichen Wandel: Verl\u00e4ssliche S\u00e4ulen unter Druck <\/strong><\/p>\n<p>Eine Untersuchung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD aus dem Jahr 2012 zeigt: Die meisten kirchlich Engagierten geben die Kirchengemeinde als Ort bzw. Rahmen ihrer T\u00e4tigkeit an (Horstmann 2012). Dabei haben sie oft mehrere Ehren\u00e4mter; es scheint in diesem Kontext besonders schwer, sich abzugrenzen. Und es sind diese Hochengagierten, die Gemeinden oder Einrichtungen dann auch im Leitungsamt tragen. Hier k\u00f6nnte einer der Gr\u00fcnde daf\u00fcr liegen, dass es in vielen Landeskirchen schwieriger geworden ist, Menschen f\u00fcr Leitungsaufgaben zu gewinnen. Leitungsgremien, die deswegen resignieren, vergessen, dass viele Christinnen und Christen ihre b\u00fcrgerschaftliche Verantwortung an anderer Stelle im Gemeinwesen wahrnehmen: in Schulen und Sportvereinen zum Beispiel. Sie zu w\u00fcrdigen, ja, sie als Br\u00fcckenbauer und Impulsgeber zu nutzen, wenn es darum geht, die Gestalt der Kirche den neuen Herausforderungen einer pluralen Zivilgesellschaft anzupassen, ist die aktuelle Herausforderung.<\/p>\n<p>Denn nat\u00fcrlich zeichnen sich gesellschaftliche Ver\u00e4nderungsprozesse auch in Kirchen und Verb\u00e4nden ab. Das zeigt sich heute besonders deutlich in der Jugend- wie in der Frauen- und Seniorenarbeit. Ein gro\u00dfer Teil derer, die sich als Erwachsene engagieren, haben erste Engagement-Erfahrungen in der verbandlichen Jugendarbeit gemacht. Angesichts der Ver\u00e4nderungsprozesse in Schulen und Universit\u00e4ten mit verk\u00fcrzten Gymnasialzeiten, Bologna und der Entwicklung hin zu Ganztagsschulen ist die au\u00dferschulische Jugendarbeit unter Druck geraten. Die Zeit f\u00fcr das Engagement in der Freizeit wird knapper, die Frage nach dem biografischen Nutzen wichtiger. Dabei werden die Freiwilligendienste h\u00e4ufig als Chance begriffen, die Schwelle zwischen schulischer und universit\u00e4rer oder beruflicher Ausbildung als Zeit der Reflexion und Sinnsuche zu nutzen.<\/p>\n<p>Noch sind Gemeinde und Diakonie wesentlich gepr\u00e4gt von den ehrenamtlichen Familienfrauen. Neben den Frauen in der Familienphase, die sich vor allem in Tageseinrichtungen und Schulen engagieren, sind es Frauen \u00fcber 50, gut gebildet und sozial abgesichert, die Gruppen und Initiativen tragen. 28 Prozent der Frauen, aber nur 22 Prozent der M\u00e4nner geben an, sich au\u00dferhalb des Gottesdienstes am kirchlichen Leben der Gemeinden zu beteiligen (EKD 2014). Rechnet man Diakonie und Caritas als Engagement-Orte mit, dann sind zwei Drittel der ehrenamtlich Engagierten Frauen. M\u00e4nner dominieren \u2013 nicht nur in der Kirche \u2013 h\u00e4ufiger in Leitungsfunktionen und \u00f6ffentlichen \u00c4mtern, Frauen pr\u00e4gen das soziale Ehrenamt. Angesichts der wachsenden Erwartungen an die Erwerbst\u00e4tigkeit von Frauen bei immer noch mangelnder Vereinbarkeit von Erwerbst\u00e4gigkeit, Erziehung und Pflege ist es deshalb dringend n\u00f6tig, \u00fcber neue Zug\u00e4nge zum Ehrenamt und eine gerechtere Rollenteilung der Geschlechter nachzudenken.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt in den Jugend- und Frauenverb\u00e4nden sind darum schon vor einigen Jahren neue Fortbildungskonzepte und \u201eWiedereinstiegsprogramme\u201c entwickelt worden; insgesamt w\u00e4chst die Achtsamkeit f\u00fcr Lebens\u00fcberg\u00e4nge, bei denen ehrenamtliches Engagement Br\u00fccken bauen kann: zwischen Schule und Beruf, in der Elternzeit oder auch beim Wiedereinstieg, in Pflegezeiten und zu Beginn des Ruhestands. Aber auch die Verkn\u00fcpfung von Ehrenamt mit Erwerbsarbeit stellt eine Herausforderung f\u00fcr die Kirchen dar. Viele gro\u00dfe Firmen, von Henkel und Ford bis zur Deutschen Bank, erm\u00f6glichen inzwischen \u201eSeitenwechsel\u201c und f\u00f6rdern das ehrenamtliche Engagement ihrer Mitarbeitenden. Kirche und Verb\u00e4nde haben sie noch zu selten als Partner entdeckt; viele \u201efremdeln\u201c noch mit der wachsende Bedeutung der Wirtschaft f\u00fcr die Zivilgesellschaft und der neuen Rolle der Kommunen als Plattformen f\u00fcr freiwilliges Engagement.<\/p>\n<p>Dabei wird die Sorge-Arbeit in den Nachbarschaften und Wohnquartieren f\u00fcr alle zur gro\u00dfen Herausforderungen. Hier spielen die so genannten \u201ejungen Alten\u201c eine wichtige Rolle. Sie sind h\u00e4ufig sozial und oft auch politisch engagiert, bringen breite Lebenserfahrungen, soziale Netze und berufliche Kompetenzen mit und sind damit Teil der neuen, generationen\u00fcbergreifenden und gemeinwohlorientierten Bewegung. Engagierte zwischen 60 und 69 bilden die zweitgr\u00f6\u00dfte Ehrenamtsgruppe in der evangelischen Kirche; sie tragen neue Projekte vom Mentoring \u00fcber Leihoma-Dienste bis zur Mehrgenerationenh\u00e4usern. Aber auch im Blick auf diese Zielgruppe haben die Kirchen keine \u201esichere Bank\u201c mehr. Viele entdecken die stille Reserve der \u201ejungen Alten\u201c im demographischen Wandel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Ein profilierter Partner in gesellschaftlichen B\u00fcndnissen: \u2013 Reformanst\u00f6\u00dfe<\/strong><\/p>\n<p>Die Daten des letzten Freiwilligensurveys zeigen: Die Zahl derer, die sich neben ihrem kirchlichen Engagement auch in anderen Organisationen, in Schulen oder Vereinen, am Arbeitsplatz oder in der Politik engagieren, w\u00e4chst (BMFSFJ 2010). Angesichts der wachsenden S\u00e4kularisierung wird es darauf ankommen, auch solche Menschen zu gewinnen, die nicht schon kirchlich sozialisiert sind. Sie sind am besten \u00fcber die Arbeitsfelder anzusprechen, die ihnen am Herzen liegen: von der Hospizarbeit bis zur Begleitung von Fl\u00fcchtlingen oder dem Welcome-Projekt f\u00fcr junge Familien, von der Gospelbewegung bis zu den Kirchenkuratoren. Nicht alle, die sich in diesen Arbeitsfeldern engagieren, tun das als engagierte Christen oder Mitglieder der Kirche, aber sie zeigen sich offen f\u00fcr kirchliche Angebote.<\/p>\n<p>Dass das Engagement im kirchlichen Kontext eine Chance bietet, auch \u00fcber Glaubensfragen ins Gespr\u00e4ch zu kommen, zeigt die j\u00fcngste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD (EKD 2014). So geben 10 Prozent der ehrenamtlich Engagierten an, dass sie sich mit anderen h\u00e4ufig \u00fcber den Sinn des Lebens austauschen und 22 Prozent, dass sie mit anderen \u00fcber religi\u00f6se Fragen sprechen. Bei den Nichtengagierten liegen die Prozentzahlen unter 10 Prozent. Ehrenamt bietet die Chance, Gemeinschaft zu erfahren. Und auch wenn das Engagement in der Kirche nicht unbedingt Ausdruck des Glaubens ist, schlie\u00dft das die Suche nach religi\u00f6ser Verankerung nicht aus. Es geht also heute viel mehr darum, Engagierten Heimat in der Kirche zu geben, als darum, sich aus einem Heimatgef\u00fchl heraus zu engagier<em>e<\/em>n.<\/p>\n<p>Der historische R\u00fcckblick macht deutlich: Alle kirchlichen Aufbr\u00fcche, die durch Laienbewegungen gepr\u00e4gt waren, haben besondere Akzente in geistlichem Leben und beim sozialem Engagement gesetzt. In Diakonievereinen und Sonntagsschulen ging es im 19 Jahrhundert um lebendigen Glauben und gelebte N\u00e4chstenliebe. Engagierte in Jugendarbeit und Erwachsenenbildung hatten im letzten Jahrhundert den Anspruch, sich selbstbewusst und m\u00fcndig in einer komplexen Welt zu orientieren und den eigenen Glauben verantwortlich zu leben. Aber auch in die Friedens- und \u00d6kologiebewegung haben sich Christinnen und Christen mit ihrem Engagement eingebracht. Der konziliare Prozess f\u00fcr Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Sch\u00f6pfung hat nicht unwesentlich zu Demokratisierungsprozessen in der fr\u00fcheren DDR beigetragen. Diese immer neuen Bewegungen lassen darauf hoffen, dass verantwortlich gelebter Glaube sich weiterhin \u201eseine\u201c Engagementfelder sucht, und dass Menschen, die der Kirche in solchen Aufgaben begegnen, dort auch den Glauben neu entdecken. Denn auch wenn Geld und Macht der Kirche wie die Mitgliederzahlen schwinden: Die Suche nach Spiritualit\u00e4t und nach Gemeinschaft ist gewachsen. Angesichts der W\u00fcsten einer \u00f6konomisierten Gesellschaft, angesichts der schmerzhaften Spaltungen sehnen sich die Menschen nach einem neuen \u201eWir\u201c und einem roten Faden in ihrem Leben.<\/p>\n<p>Die \u201eDiakoniedenkschrift\u201c der EKD, die zum 150-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um der Inneren Mission ver\u00f6ffentlicht wurde (EKD 1998), benennt die Herausforderungen, vor denen das Engagement der evangelischen Kirche steht: Es geht darum, die Distanz zwischen Kirchengemeinden und diakonischen Diensten \u00fcberbr\u00fccken, die Kontakte zu Betroffenen und zivilgesellschaftlichen Initiativen zu verbessern und ihre Bed\u00fcrfnisse besser wahrzunehmen und schlie\u00dflich die Vernetzung mit au\u00dferkirchlichen Initiativen im Gemeinwesen zu suchen. Gemeinden bringen ein hohes Sozialkapital mit: an Kontakten, Netzwerken und Beziehungen, an symbolischen Orten der Stadtgeschichte. Wie diakonische Unternehmen und kirchliche Verb\u00e4nde brauchen sie aber neue Strategien und Strukturen f\u00fcr ihre Arbeit, wenn es darum geht, sich heute wieder im Quartier zu verankern und B\u00fcndnispartner zu finden. Ehrenamtskoordination sollte eine Funktion der Gemeindeleitung werden. Beruflich T\u00e4tige m\u00fcssen ihre T\u00e4tigkeit darauf ausrichten, Freiwillige in ihrer Arbeit zu st\u00e4rken.<\/p>\n<p>Das Verh\u00e4ltnis der \u00c4mter und Dienste in der Kirche zum Priestertum aller Getauften sowie das Verh\u00e4ltnis der Berufe zum Ehrenamt ist dabei eine zentrale Zukunftsfrage. Es gilt zu bedenken, dass Theologie und Organisationsentwicklung unterschiedliche Begrifflichkeiten nutzen. Es gibt ehrenamtlich wie hauptamtlich ausge\u00fcbte kirchliche \u00c4mter, in die Diakone in der katholischen Kirche und Pfarrer in der evangelischen Kirche berufen werden. Dagegen hat die Mehrzahl der beruflich T\u00e4tigen in Jugendarbeit, Erwachsenenbildung oder kirchlichen Verwaltungen in diesem Sinne kein kirchliches Amt. Und \u2013 auch wenn beides gern in eins gesetzt wird \u2013 ehrenamtliches Ehrenamt ist nicht die einzige Form, in der Gemeindeglieder das allgemeine Priestertum leben. Dazu geh\u00f6ren zum Beispiel auch ihr eigener Beruf oder ihre Elternschaft. Viel wird davon abh\u00e4ngen, ob es gelingt, im Gespr\u00e4ch zwischen Theologie, Soziologie und Organisationsentwicklung ein differenziertes Bild der unterschiedlichen Rollen und ein neues Miteinander zu entwickeln (EPD 2013).<\/p>\n<p>Als eine der wenigen Organisationen haben die Kirchen die Chance, Engagement und Beruflichkeit, Gemeinwesen, Quartier und soziale Unternehmen, Basisarbeit und politische Reflexion zu verkn\u00fcpfen. Eine der wichtigsten Zukunftsfragen ist, wie sich freiwilliges Engagement und Subsidiarit\u00e4t zwischen Staat, Markt und Zivilgesellschaft entwickeln und welche Aufgabe die Kirchen dabei als Impulsgeber \u00fcbernehmen k\u00f6nnen. Wie kann es gelingen, die trisektorale Verankerung in Anstaltsseelsorge, Religionsunterricht und Sitzen in kommunalen Aussch\u00fcssen, in der Tr\u00e4gerschaft gemeinwohlorientierter Unternehmen und in ehrenamtlichen Verb\u00e4nden und Initiativen zu nutzen? Angesichts des Schrumpfens der Kirche als Organisation und ihrer abnehmenden Bedeutung in der \u00d6ffentlichkeit geht es dabei erneut um das Verh\u00e4ltnis von Kirche und Zivilgesellschaft. Angesichts des Ausblutens von Kommunen und des Verlustes an Gemeing\u00fctern ist zudem die Frage von wachsender Bedeutung, wie die Kirchen mit ihren Immobilien, ihren politischen Zug\u00e4ngen und letztlich mit ihrem \u00f6ffentlichen Auftrag umgehen.<\/p>\n<p>Dabei kommt es nicht darauf an, dass der Anteil von Aktivit\u00e4ten in kirchlicher Tr\u00e4gerschaft gleich bleibt. Entscheidend ist, dass die Kirchen ihre Rolle als Kooperationspartner profiliert wahrnehmen und dass sie Engagierte in unterschiedlichen Feldern spirituell begleiten, theologisch bilden, fachlich beraten und ihnen Raum geben, die eigenen Kompetenzen, Erfahrungen und Fragen ins Gemeinwesen einzubringen und so im Engagement den roten Faden im eigenen Leben zu entdecken, die eigene Berufung zu leben.<\/p>\n<p><em>Cornelia Coenen-Marx<\/em> ist Theologin; sie war bis M\u00e4rz 2015 Referatsleiterin f\u00fcr Sozial-und Gesellschaftspolitik im Kirchenamt der EKD und engagiert sich heute mit Impulsen und Workshops f\u00fcr ein profiliertes, diakonisches Engagement. Mehr dazu auf www.seele-und-sorge.de( Coenen-Marx@t-online.de )<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Anmerkungen<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a> Bei den drei Kongressen in K\u00f6ln 2009, Erfurt 2011 und K\u00f6ln 2013 wurden jeweils 10 Abschlussthesen erarbeitet, die unter <a href=\"http:\/\/www.wir-engagieren-uns.org\" target=\"_blank\">www.wir-engagieren-uns.org<\/a> zu finden sind.<\/p>\n<div class=\"block id54780344A6C943B6AB0E04F6FA635D19\">\n<div class=\"self text textnormal\">\n<p><strong><span class=\"textheading2\">Hier finden Sie n\u00fctzliche Downloads rund um die Tagung<\/span><\/strong><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"block\">\n<div class=\"self container\">\n<div class=\"block idBD23981E541F420FBABF12A163AA4E47\">\n<div class=\"self text textnormal\">\n<p><a href=\"http:\/\/wir-engagieren-uns.org\/download.html\" target=\"_blank\"><strong><span class=\"textheading3\">Download Tagungsthesen (PDF)<\/span><\/strong><\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[2]<\/a> Vgl. Evangelisches Gesangbuch, Bekenntnisse und Lehrzeugnisse der Kirche, Nr. 810, Die Theologische Erkl\u00e4rung der Bekenntnissynode von Barmen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[3]<\/a> Ehrenamtsgesetze gibt es nicht in allen Landeskirchen. Auch strukturell gehen die Landeskirchen unterschiedlich mit diesem Feld um: in einigen Kirchen gibt es Beir\u00e4te, in einigen Akademien, fast immer entsprechende Fortbildungen, h\u00e4ufig Newsletter. Gemeinsame Zielbestimmungen und Zukunftsherausforderungen sind in folgender Kundgebung zu finden: <em>EKD-Synode<\/em> 2009: Ehrenamt. Evangelisch. Engagiert, <a href=\"http:\/\/www.ekd.de\/synode2014\/index.php\" target=\"_blank\">www.ekd.de\/synode2014<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/wir-engagieren-uns.org\/download.html\" target=\"_blank\"><strong><span class=\"textheading3\">Download Synode Beschl\u00fcsse (PDF)<\/span><\/strong><\/a><a href=\"http:\/\/www.ekd.de\/synode\"><br \/>\n<\/a><a href=\"http:\/\/www.ekd.de\/synode2009_ulm\/beschluesse\/beschluss_kundgebung.html\" target=\"_blank\">\/www.ekd.de\/synode2009_ulm\/beschluesse\/beschluss_kundgebung.html<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p><em>Bauernk\u00e4mper, Arnd\/ Nautz, J\u00fcrgen<\/em> 2009: Zwischen F\u00fcrsorge und Seelsorge, Christliche Kirchen in den europ\u00e4ischen Zivilgesellschaften seit dem 18. Jahrhundert, Frankfurt\/M, Campus<\/p>\n<p>Bundesministeriums f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) 2010: Hauptbericht des Freiwilligensurveys 2009. Ergebnisse der repr\u00e4sentativen Trenderhebung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und B\u00fcrgerschaftlichem Engagement. Vorgelegt von TNS Infratest Sozialforschung, M\u00fcnchen<\/p>\n<p>EKD 1998: Herz und Mund und Tat und Leben. Eine Denkschrift des Rates der EKD zur Diakonie, Hannover.<\/p>\n<p><em>EKD: Evangelische Kirche in Deutschland<\/em> 2006: Kirche der Freiheit- Perspektiven f\u00fcr die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert\u201c. Ein Impulspapier des Rates der EKD. Hannover<\/p>\n<p><em>EKD: Evangelische Kirche in Deutschland<\/em> 2014: Engagement und Indifferenz. Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis. V. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der Evangelischen Kirche in Deutschland, Hannover, verf\u00fcgbar unter <a href=\"http:\/\/www.ekd.de\/EKD-Texte\/kmu5.html\" target=\"_blank\">www.ekd.de\/EKD-Texte<\/a> [29.01.2015].<\/p>\n<p>EPD 2013: Dokumentation Nr. 44 Konsultationstag zur <em>Theologie des Ehrenamts<\/em>, Kassel, 7.3.2013, Frankfurt am Main<\/p>\n<p>EPD 2015: Dokumentation Nr. 5: Ersch\u00f6pfte Kirche. Geistliche Dimensionen in Ver\u00e4nderungsprozessen, Fankfurt am Main<\/p>\n<p><em>F\u00f6rster, Anja\/ Kreuz, Peter<\/em> 2013: H\u00f6rt auf zu arbeiten, Hamburg: Pantheon<\/p>\n<p><em>Gronemeyer, Reimer\/ Heller, Andreas<\/em> 2014: In Ruhe sterben. Was wir uns w\u00fcnschen und was die moderne Medizin nicht leisten kann, M\u00fcnchen: Pattloch<\/p>\n<p><em>Horstmann, Martin<\/em> 2012: Studie zu ehrenamtlichen T\u00e4tigkeiten. Befragung von Ehrenamtlichen in evangelischen Kirchengemeinden, Ver\u00f6ffentlichung des Sozialwissenschaftlichen Instituts, Hannover<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kirchen als profilierte B\u00fcndnispartner in der Zivilgesellschaft \u00a0 1. 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