{"id":6417,"date":"2021-12-20T17:30:53","date_gmt":"2021-12-20T16:30:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=6417"},"modified":"2023-08-25T15:31:58","modified_gmt":"2023-08-25T13:31:58","slug":"aufbrueche-in-umbruechen-adventsrede-zur-eroeffnung-des-jahres-des-glaubens","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=6417","title":{"rendered":"Aufbr\u00fcche in Umbr\u00fcchen \u2013 Adventsrede zur Er\u00f6ffnung des Jahres des Glaubens"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>&nbsp;St. Nikolaus K\u00f6ln, Cornelia Coenen-Marx <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">1. <strong>Macht hoch die T\u00fcr!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zu den Erinnerungen an meine Kindheit geh\u00f6rt das kleine Adventsh\u00e4uschen<\/strong>. Ich mochte es sehr- es glich dem Fachwerkhaus, in dem wir damals wohnten. Hinter den Fenstern mit den gr\u00fcnen Schlagl\u00e4den standen auf rotem Transparentpapier Bibelspr\u00fcche und Adventsverse. Am 1. Advent: \u201eMacht hoch die T\u00fcr\u201c. Zu Weihnachten konnte man endlich die gro\u00dfe Haust\u00fcr \u00f6ffnen, hinter der die Krippe erschien.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die T\u00fcren \u00f6ffnen \u2013 endlich wieder teilnehmen am Leben da drau\u00dfen<\/strong>, wie oft haben wir uns das gew\u00fcnscht in den letzten zwei Jahren. \u201eIch habe vermisst, dass jemand mich umarmt oder die Hand gibt. Die \u201aKinderfamilien\u2018 leben verstreut in Z\u00fcrich, Berlin, Recklinghausen. Mit neuen Formen wie \u201aFacetime\u2018 halten wir sicht- und h\u00f6rbaren Kontakt, aber es bleibt Ersatz. Um Gemeinschaft zu erfahren, muss ich selbst aktiv sein und bleiben: Einladen auf eine Tasse Kaffee auf dem Balkon. Telefonieren, mailen, Briefe schreiben, Nachbarschaft pflegen. Aber manchmal bin ich einfach nur m\u00fcde und ersch\u00f6pft. Es m\u00fcsste ein Gemeinschaftshaus geben, wo man einfach hingeht und jemanden trifft\u201c, schrieb eine \u00e4ltere Freundin im Lockdown. Und jetzt soll das alles wieder von neuem beginnen? Kontaktbeschr\u00e4nkungen auch zu Weihnachten?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wieviel Einsamkeit es in unserer Gesellschaft gibt, das ist uns w\u00e4hrend der Pandemie bewusst geworden. <\/strong>Nach einer Studie aus dem Jahr 2018 leben es in Deutschland 16,8 Millionen Singles zwischen 18 und 65 Jahren \u2013 das sind immerhin 30 Prozent der Frauen und M\u00e4nner im mittleren Alter. Bei den \u00dcber-70-j\u00e4hirgen leben sogar mehr als 40 Prozent allein <strong>Dis-embedding ist eine Schl\u00fcsselkategorie der Moderne<\/strong>. Die allermeisten Menschen wohnen nicht mehr an dem Platz, an dem sie arbeiten, ja- sie wechseln Wohnort und Arbeitsplatz und auch Familienkonstellation und Lebensform oft mehrfach im Leben. Immer neue Beziehungen, wenig dauerhafte Bindungen. Unsere Arbeitswelt belohnt das Alleinleben. Die Wirtschaft braucht dauernde Verf\u00fcgbarkeit und Bereitschaft zur Ver\u00e4nderung- und die Digitalisierung unterst\u00fctzt uns dabei.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig <strong>sehnen sich die meisten nach stabilen Beziehungen, nach Freundschaft, Anerkennung und wechselseitiger F\u00fcrsorge<\/strong>. Das gilt gerade auch f\u00fcr die jungen Leute, wie die Shell-Jugendstudie von 2019 zeigt:&nbsp; Gute Freunde, die einen anerkennen (97 Prozent), ein*e Partner*in, dem*der man vertrauen kann (94 Prozent) und ein gutes Familienleben (90 Prozent) stehen bei den 12\u201325-J\u00e4hrigen ganz oben auf der Werteskala. <a href=\"#_ftn1\"><sup>[1]<\/sup><\/a>&nbsp; <strong>Wie wesentlich das Miteinander ist, das konnte man w\u00e4hrend der Krise in vielen Gespr\u00e4chen und Talkshows h\u00f6ren. Immer wieder war von \u201e den wichtigsten Menschen in meinem Leben\u201c die Rede<\/strong>. Aber pl\u00f6tzlich fehlten die Gro\u00dfeltern, die sonst einspringen, wenn das labile Gleichgewicht des Alltags aus dem Tritt ger\u00e4t. Oder die pflege- und hilfebed\u00fcrftigen Eltern waren zu weit weg, um unter Corona-Bedingungen kurz nach ihnen zu schauen.<\/p>\n\n\n\n<p>D<strong>ass Familien \u00fcber mehrere Generationen an einem Ort wohnen, ist l\u00e4ngst keine<\/strong> <strong>Selbstverst\u00e4ndlichkeit mehr<\/strong>. <strong>Junge Leute ziehen in die prosperierenden Regionen; zur\u00fcck bleiben die \u00c4lteren, weniger mobilen<\/strong>. Nur noch ein Viertel von ihnen lebt mit den erwachsenen Kindern an einem Ort. Pflegebed\u00fcrftige Menschen, aber auch Alleinerziehende mit kleinen Kindern geraten bei der Bew\u00e4ltigung des Alltags enorm unter Druck, wenn sie nicht auf die Hilfe von Angeh\u00f6rigen z\u00e4hlen k\u00f6nnen.&nbsp;<strong>Wie gut, wenn dann die Nachbarschaft funktioniert<\/strong>. Wenn einer nach dem anderen schaut, wie bei den Telefonketten und Einkaufshilfen, die in der Pandemiezeit entstanden sind. \u201e<strong>Dich schickt der Himmel<\/strong>, hie\u00df eine dieser Aktionen in Hessen \u2013 verantwortet von evangelischer Gemeinde, katholischen Pfadfindern und der Stadt. <strong>Mir ist aufgefallen, wie viele Nachbarschaftsaktionen an Engel erinnern. \u201eHeute ein Engel\u201c hei\u00dft eine digitale Aktion. Und im Norden ist man auf der Suche nach Quartiersengeln. Immer geht es um Begegnung \u2013 um die kleinen T\u00fcr\u00f6ffner, die aus der Einsamkeit heraushelfen. Ein Anruf, ein Mitbringsel, ein Brief.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aber die Nachbarschaften ver\u00e4ndern sich auch, weil Menschen von anderswoher zuziehen \u2013 als Arbeitssuchende, Migranten oder Gefl\u00fcchtete<\/strong>. Manche, wie die Einwanderer der 1960er Jahre aus S\u00fcdeuropa oder aus der T\u00fcrkei, geh\u00f6ren mit ihren Familien seit Generationen dazu; und dennoch hat sich noch nicht \u00fcberall ein echtes Miteinander entwickelt. <strong>Wo viele leben, die von Transfereinkommen abh\u00e4ngen, w\u00e4chst die Angst vor dem Verlust des \u201eEigenen\u201c \u2013 des eigenen Arbeitsplatzes, der gewohnten Nachbarschaft, der eigenen Kultur. Zugleich wird sp\u00fcrbar, was Heimat eigentlich bedeutet: sich auskennen, gebraucht werden, dazugeh\u00f6ren<\/strong>. Im Duisburger Norden, in Chorweiler oder H\u00f6henberg-Vingst leben Menschen zusammen, die sich alle auf ihre Weise ausgeschlossen f\u00fchlen \u2013 als Hartz-IV-Empf\u00e4nger, Pflegebed\u00fcrftige, Alleinerziehende, Migrantinnen, kinderreiche Familien. Viele sind \u00fcberzeugt, auf sie k\u00e4me es nicht mehr an. <strong>Und die meisten Kinder haben nie etwas anderes kennengelernt als Armut und Chancenlosigkeit<\/strong>. F\u00fcr viele ist schon eine Woche Urlaub im Jahr totaler Luxus. In ihrem Buch \u201eDrei Kameradinnen\u201c hat Shida Bazyars gezeigt, was es hei\u00dft, aufgrund der eigenen Herkunft immer und \u00fcberall infrage gestellt zu werden. Sie erz\u00e4hlt von Hass, Hetze und Gewalt \u2013&nbsp;aber auch von ganz unerwarteter Solidarit\u00e4t. Und die kann auch eine Kirchengemeinde zeigen, wenn sie den Advent auf die Stra\u00dfe bringt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erfahrungen von Entwurzelung und Identit\u00e4tsverlust geh\u00f6rten schon im 19. Jahrhundert zu den Schattenseiten der gro\u00dfen Transformation. <\/strong>So &nbsp;bezeichnete der \u00f6sterreich-ungarische Wirtschaftssoziologe <strong>Karl Polanyi 1944<\/strong> den&nbsp; Wandel der westlichen Gesellschaftsordnung in der Zeit der Industrialisierung. Damals kam es zu tiefgreifenden sozialen und wirtschaftlichen Ver\u00e4nderungen \u2013&nbsp; Marktwirtschaften und Nationalstaaten<strong> bildeten sich heraus. Zugleich aber zerbrachen f\u00fcr viele Menschen die sozialen Zusammenh\u00e4nge, die sie getragen hatten. <\/strong>Die Schattenseite der neuen Produktivit\u00e4t waren Arbeitslosigkeit, Armut und Wohnungsnot, allein gelassene und verwahrloste Kinder und Kranke. Christinnen und Christen wie <strong>Theodor und Friederike Fliedner in Kaiserswerth oder &nbsp;Adolph Kolping hier in K\u00f6ln<\/strong> suchten Antworten auf die neuen Herausforderungen. Sie <strong>reisten durch Europa, um die Auswirkungen der Krise zu studieren<\/strong>. Denn die damalige Transformation war \u00fcberall zu beobachten. <strong>Zu den Hauptproblemen geh\u00f6rten die \u00dcberforderung der Familien, Nachbarschaften und Kommunen \u2013 die Institutionen, die Halt gaben, trugen nicht mehr, weil die Welt durchgesch\u00fcttelt wurde. Auch die Kirche war an den Rand geraten.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Es hat lange gedauert, bis am Ende des Jahrhunderts nationale Sicherungssysteme entstanden, die unseren Sozialstaat heute noch konturieren<\/strong>. Vom Vorm\u00e4rz bis zu Bismarck gab es heftige gesellschaftliche und politische Auseinandersetzungen. Aber Gott sei Dank gab es <strong>diese B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger, die aus ihrem Glauben heraus neue Initiativen entwickelten<\/strong>. Sie gr\u00fcndeten christliche <strong>Vereine neben den Kirchen, schufen Genossenschaften und caritative Gemeinschaften, gr\u00fcndeten Kinderg\u00e4rten und Pflegeeinrichtungen, Gesellenheime und Bahnhofsmissionen, konzipierten neue Ausbildungen in Erziehung, Pflege, Sozialer Arbeit und entwickelten Quartierskonzepte f\u00fcr die St\u00e4dte<\/strong>. Ihre Offenheit f\u00fcr neue Ideen, ihre \u00dcberzeugung, von Gott gebraucht zu werden, ihre Bereitschaft, breite B\u00fcndnisse zu schlie\u00dfen, haben mich immer begeistert. In<strong> Innerer Mission und Caritas entstanden neue Netzwerke, auf denen auch die Politik weiter aufbauen konnte. Wenn ich auf die Herausforderungen schaue, die wir gerade erleben- von der akuten Pflegekrise bis zu den Migrationsprobleme in Belarus und Polen \u2013 dann macht diese Geschichte mir Mut.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Resonanzen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gott erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht \/ \u00fcber alle, die ihn f\u00fcrchten. 52&nbsp;er st\u00fcrzt die M\u00e4chtigen vom Thron \/ und erh\u00f6ht die Niedrigen. 53&nbsp;<strong>Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben \/ und l\u00e4sst die Reichen leer ausgehen\u201c, so betet Maria, die junge Frau aus einfachen Verh\u00e4ltnissen. Auch sie braucht eine Menge Mut. <\/strong>&nbsp;Und auch sie hat eine Engelbegegnung in diesen Tagen:&nbsp; <strong>Ihr wird eine Zukunft er\u00f6ffnet, die sie vollkommen \u00fcberrumpelt. Ihr wird etwas zugemutet- aber eben auch zugetraut. Den lebendigen Gott in die Welt tragen. <\/strong>Die Adventsgeschichte erz\u00e4hlt, <strong>wie sie ihr Haus verl\u00e4sst- aufgew\u00fchlt, verunsichert, gl\u00fccklich, \u00e4ngstlich zugleich. Sie macht sich auf den Weg zu Elisabeth, der \u00e4lteren Freundin- von ihr erhofft sie sich Klarheit. <\/strong>Dabei ist die selbst schwanger und wohl auch zutiefst irritiert &nbsp;\u2013 niemand konnte damit rechnen, dass sie in ihrem Alter noch ein Kind bekommt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Bibel voll von solchen Geschichten \u2013in denen das Unm\u00f6gliche m\u00f6glich wird<\/strong>. Wo Menschen der Boden unter den F\u00fc\u00dfen entzogen wird, die alten Gewissheiten schwinden. <strong>Wo sie Grenzen \u00fcberschreiten, &nbsp;ja- sich selbst \u00fcberschreiten und ein neues Leben anfangen<\/strong>\u2013 auch im Alter. Wie Abraham und Sara, auch sie Kinderlos, denen nachts unter dem&nbsp; Sternenhimmel eine reiche Nachkommenschaft verhei\u00dfen wird \u2013 wenn sie aufbrechen in das Land, das Gott ihnen verhei\u00dft. <strong>Aufbr\u00fcche, mit denen keiner mehr gerechnet h\u00e4tte.<\/strong> <strong>Leichte Wege sind es nicht.<\/strong> Abraham und Sara m\u00fcssen durch die W\u00fcste \u2013 \u00e4u\u00dferlich und auch innerlich: Es gibt Missverst\u00e4ndnisse, Verrat und Traurigkeiten. Maria geht \u00fcber das Gebirge- &nbsp;Adventslieder erz\u00e4hlen von den Dornen, die Rosen tragen. <strong>Aber als Maria und Elisabeth einander begegneten, h\u00fcpft das Kind in Elisabeths Leib, hei\u00dft es im Evangelium.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Philosoph Hartmut Rosa spricht in diesem Zusammenhang von Resonanzerfahrungen: Das Universum ist nicht leer und stumm, sagt er, es klingt, es ruft mich, es antwortet mir. <\/strong>Ich f\u00fchle mich angerufen, gemeint, angesprochen. <strong>Und zugleich kenne ich diese Lebensphasen, in der ich keinen Boden mehr unter den F\u00fc\u00dfen hatte \u2013 Momente tiefer Irritation und Entfremdung<\/strong>. Ohne Entfremdungserfahrungen entwickelt man keine individuellen Resonanzachsen: Was spricht eigentlich zu mir? Auf welcher Frequenz bin ich empf\u00e4nglich? <strong>Um etwas zu empfangen, m\u00fcssen Sie eine Phase haben, in der die Welt still wird. In der sie nicht mehr mit ihr zurechtkommen<\/strong>, sagt Rosa in einem Interview<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Manche haben den Lockdown so erlebt, erleben die Pandemie noch immer so. Gewohnte Routinen fielen aus.&nbsp; Auch die kirchlichen<\/strong>. \u201eWeihnachten auf dem Kirchplatz \u2013 das war ja noch sch\u00f6n\u201c, sagte mir jemand. Aber Ostern? Ostern ohne Gottesdienst? Das war eigentlich unvorstellbar. Papst Franziskus im Regen auf dem leeren Petersplatz \u2013 war das vielleicht nur ein Vorzeichen? Wird der Tag kommen, an dem unsere Kirchen f\u00fcr immer leer bleiben?&nbsp; Die Klage \u00fcber das Schweigen der Kirche und die Frage nach ihrer Systemrelevanz sind ja verr\u00e4terisch.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Es hat Menschen gegeben, f\u00fcr die der erste Lockdown wie eine Offenbarung war.<\/strong> Im M\u00e4rz war der Himmel blau- ohne einzigen Kondensstreifen. Wir haben uns eine App gekauft, mit der man die V\u00f6gel bestimmen konnte. Die Natur nahm sich den Raum und manche begannen, davon zu tr\u00e4umen, wie es w\u00e4re, wenn wir wirklich weniger Auto f\u00fchren und weniger fl\u00f6gen\u2026 Sollte es nicht m\u00f6glich sein, die Wunden zu heilen, die wir der Sch\u00f6pfung geschlagen haben?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eIst uns jetzt wirklich gewahr, dass wir nicht mehr auf Zeit spielen k\u00f6nnen und dass jeder von uns geh\u00f6rige Ver\u00e4nderungen und ein fundamentales Umdenken in Kauf nehmen muss<\/strong>, wenn wir in der Klimaver\u00e4nderung auf den allerletzten Metern noch einen Richtungswechsel vollziehen wollen?\u201c, fragte Herbert Gr\u00f6nemeyer dieses Jahr in einem Podcast zur Bundestagswahl. \u201e<strong>Und haben wir den Mut einer frischen, j\u00fcngeren Generation zuzuh\u00f6ren, Verantwortung zu \u00fcbertragen, sie zu st\u00e4rken und zu unterst\u00fctzen, Neues zu wagen, uns wieder zum Mitmachen zu motivieren, zu \u00fcberzeugen und gemeinsam mit ihnen zu lernen?\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke an Maria und Elisabeth, wie die \u00c4ltere sich \u00fcber die J\u00fcngere freut. An Hartmut Rosas Worte \u00fcber die Resonanz. Und an Franz Kafkas Parabel vom \u201eAufbruch\u201c: <strong>Ich befahl mein Pferd aus dem Stall zu holen. Der Diener verstand mich nicht. Ich ging selbst in den Stall, sattelte mein Pferd und bestieg es. In der Ferne h\u00f6rte ich eine Trompete blasen, ich fragte ihn, was das bedeute. Er wusste nichts und hatte nichts geh\u00f6rt<\/strong>.\u201c So beginnt die kleine Geschichte. <strong>Nicht jeder empf\u00e4ngt die Resonanzen. Und auch der Erz\u00e4hler wei\u00df noch nicht, wohin er reiten wird. Er wei\u00df nur, dass er aufbrechen muss<\/strong>. Und dass die Welt nicht bleiben kann, wie sie ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie wird die Welt aussehen, wenn die Pandemie unter Kontrolle ist? Manche hoffen auf mehr Solidarit\u00e4t und Gemeinschaft, auf einen einfacheren Lebensstil, auf den 1,5 Grad-Pfad. Andere&nbsp; wollen so schnell wie m\u00f6glich zur\u00fcck auf den Wachstumspfad. Denn eins ist klar<\/strong>: der Weg in eine neue Gesellschaft, hin zu einem klimaneutralen Lebensstil wird nicht einfach. Das wusste auch Franz Kafka: <strong>Es ist eine wahrhaft ungeheure Reise, hei\u00dft es in dem Text. Es ist ein Weg \u00fcbers Gebirge.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie wird die Kirche aussehen nach der Pandemie? Es ist jetzt fast 30 Jahre her, da stand ich im Osten Londons, in einem herunter gekommenen Hafenviertel, vor einer verrammelten Kirche. <\/strong>Eine Gruppe rheinischer Theologinnen und Theologen auf der Suche nach Impulsen f\u00fcr die Kirche der Zukunft \u2013 auf Erkundungsreise, wie vor uns schon Fliedner und andere. <strong>Was damals in der Church of England geschah, ist inzwischen Alltag auch hier: Kirchen werden geschlossen, aufgegeben und verkauft. Und manche werden umgewidmet \u2013 sie werden zu Synagogen, zu Moscheen oder zu Gemeinschaftsh\u00e4usern. <\/strong>Unsere Gruppe traf sich mit einer B\u00fcrgerinitiative, die um den Erhalt der verschlossenen Kirche k\u00e4mpfte. <strong>Mitten in einem globalisierten Viertel mit Menschen aller Hautfarben und Religionen, in dem die Armut offensichtlich gro\u00df war. Es war verst\u00e4ndlich, dass der Bischof von London zur \u00dcberzeugung gekommen war, diese Kirche werde nicht mehr gebraucht<\/strong> und sei auch nicht mehr zu finanzieren. Aber die Menschen, die wir trafen, waren ganz anderer Auffassung. D<strong>iese Kirche war der Ort, wo sie getauft und getraut worden waren, wo sie auch ihre Kinder hatten taufen lassen. Hier waren sie gesegnet worden, hatten dazu geh\u00f6rt. Hier war ihre Heimat. So etwas gibt man nicht einfach auf.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aber mit der zunehmenden Individualisierung, der Ver\u00e4nderung von Familien, der wachsenden Mobilit\u00e4t erodieren auch die alten Rituale wie Trauung, Taufe und Beerdigung oder sie wandeln sich \u2013<\/strong> denken wir nur an die Trauung gleichgeschlechtlicher Paare, die wachsende Zahl der Ein\u00e4scherungen, der anonymen Bestattungen. <strong>Dabei ver\u00e4ndert der soziale Wandel nicht nur die Rituale; umgekehrt schw\u00e4chen fehlende Rituale den sozialen Zusammenhalt<\/strong>. <strong>In der erzwungenen Isolation der Corona-Zeit haben viele gesp\u00fcrt, was das bedeutet: <\/strong>Taufen, Trauungen und sogar Beerdigungen mussten verschoben werden. Abschlussfeiern an den Schulen fielen genauso aus wie die Begr\u00fc\u00dfung neuer Mitarbeiter oder die Feiern zum Einzug. Das sind die Augenblicke, wo Menschen Segen und Gemeinschaft erfahren, wo wir festen Boden unter den F\u00fc\u00dfen sp\u00fcren. Es ist schwer, in eine offene Zukunft zu gehen, wenn all das wegf\u00e4llt.<\/p>\n\n\n\n<p>Was gibt Halt in einer Welt voller Zerrei\u00dfproben? <strong>Jetzt im Advent schauen viele gern zur\u00fcck in die Kindheit \u2013 auf die Kirche ihrer Kindheit, volle Gottesdienste,&nbsp;Kinder an der Krippe \u2013 das Adventsh\u00e4uschen, das bald von innen leuchten wird. Was gibt uns Heimat im Wandel?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ich glaube, wir brauchen eine Kultur der Freundschaft<\/strong>. <strong>Wo der Kontakt zu Angeh\u00f6rigen sich lockert, nehmen Freundeskreise an Bedeutung zu. F\u00fcr viele Singles sind sie l\u00e4ngst zur Wahlfamilie<\/strong> geworden.<strong> Die ersten Christen, die oft ihre Familien um des Glaubens willen verlassen hatten, bildeten Wahlfamilien. Sie wurden den neu hinzukommenden Paten und geistliche V\u00e4ter und M\u00fctter, sie nannten sich Br\u00fcder und Schwestern-<\/strong> und zwar quer \u00fcber die unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten, ja \u00fcber Geschlechterschranken hinweg.&nbsp; <strong>Sie lebten wie wir in einer multireligi\u00f6sen und pluralistischen Weltgesellschaft, sie trafen sich in Wohnzimmern wie im Tempel<\/strong>. Was f\u00fcr eine Tradition- und was f\u00fcr eine <strong>Vision, wenn es darum geht, Br\u00fccken zu bauen zwischen den Parallelgesellschaften und die Blasen platzen zu lassen, in denen wir uns bewegen<\/strong>! Leider sind aber auch Gemeinden &nbsp;oft eher geschlossene Gesellschaften. Man kennt sich, kommt aus \u00e4hnlichen Milieus, f\u00fchlt sich wohl im Miteinander, als sei die Kirche ein Verein oder ein Club. <strong>Das WIR der Freundschaft ist gr\u00f6\u00dfer und bunter, es lebt von der Verschiedenheit und l\u00e4sst den anderen anders sein \u2013 da wird niemand vereinnahmt, da muss sich niemand anpassen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Jahrhundertelang wuchs man hierzulande hinein in eine kirchliche Tradition, wurde getauft, konfirmiert, gefirmt, ging einen <\/strong>vorgepr\u00e4gten<strong> Weg im Schatten des Doms. Heute arbeiten <\/strong>in &nbsp;Pflegeeinrichtungen wie der Kaiserswerther Diakonie Menschen aus mehr als 60 verschiedenen Herkunftsl\u00e4ndern \u2013 jeder und jede auf einem eigenen Weg mit dem Leid der Pflegebed\u00fcrftigen, ihren Familien, der christlichen Einrichtung. Und fast alle auf der Suche nach Heimat, Gemeinschaft und&nbsp;Sinn. <strong>In einer Welt, in der das Unterwegssein f\u00fcr viele zur Selbstverst\u00e4ndlichkeit geworden ist, brauchen wir Herbergen am Weg. Noch immer laden die gro\u00dfen Kathedralen zum Innehalten ein.&nbsp; Aber wir brauchen auch die kleinen Gasth\u00e4user, wo Menschen einander begegnen, ihre Geschichten teilen,<\/strong> sich f\u00fcreinander einsetzen und einander auf diese Weise ein St\u00fcck Heimat geben. F\u00fcr die, die von nah und fern zuziehen. <strong>Und auch f\u00fcr alle, die bisher nicht viel mit der Kirche anfangen konnten. F\u00fcr alle, die schon lange schon auf der Suche sind \u2013 auf Weltreisen und Pilgerwege<\/strong>n. \u201eWe serve the local community\u201c steht an den Kirchen in Wales. Kirche ist da nicht der Verein, der sich um die eigene Zukunft sorgt; sie ist Instrument f\u00fcr die Gemeinschaft vor Ort.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch unsere Gesellschaft braucht <strong>Begegnungsorte. Am besten solche, in denen sich die Verschiedenen ohne Hierarchien begegnen <\/strong>und ihre Anliegen aushandeln k\u00f6nnen. <strong>Offen, niedrigschwellig, f\u00fcr jeden zug\u00e4nglich \u2013 wo sich niemand wie ein Fremder f\u00fchlen muss. <\/strong>Dorfl\u00e4den, Stadtteilb\u00fcchereien, Quartierscaf\u00e9s k\u00f6nnen diese Funktion erf\u00fcllen. Und manchmal auch Kirchen und Gemeindeh\u00e4user. Ich denke <strong>an die vielen R\u00e4ume, wo in den letzten Jahren Mittagstische entstanden sind, damit niemand mehr f\u00fcr sich allein kochen muss. <\/strong>Einer davon steht in meiner Nachbarschaft in den interkulturellen G\u00e4rten \u2013 dort wird einmal in der Woche nach ganz unterschiedlichen Rezepten gekocht:<strong> t\u00fcrkisch, hessisch, syrisch, alemannisch und nat\u00fcrlich auch \u201eHimmel und \u00c4rd\u201c.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Mazzen und Lebkuchen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Apropos Essen. Jetzt beginnt die Zeit der Weihnachtspl\u00e4tzchen und der Oblaten. Manchmal nehme ich eine solche Dose mit, wenn ich unterwegs bin \u2013 das st\u00e4rkt.<\/strong> Auch der Diener in der Geschichte sagt besorgt: Du hast ja gar keinen Proviant mit. Ich brauche keinen Proviant, ist die Antwort \u2013 es ist ja eine wahrhaft ungeheure Reise. Mich erinnert das an den ganz gro\u00dfen Aufbruch, von dem die Bibel erz\u00e4hlt \u2013 dem Auszug des Volkes Israel aus \u00c4gypten. <strong>Als sie aufbrachen, &nbsp;nahmen sie Mazzen mit \u2013 unges\u00e4uerte Brote. Aber das half nicht weit. Bald schon waren sie angewiesen auf das, was Himmel und Erde ihnen schenkten. Manna. Wachteln und Beeren, Wasser, das aus dem Felsen sprang.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aber trotz aller Wunder: so eine W\u00fcstenwanderung ist kein Vergn\u00fcgen. <\/strong>Und es hat nicht lange gedauert, bis sich die meisten fragten, warum sie \u00fcberhaupt aufgebrochen waren. So schlecht war es ja nun auch wieder nicht in \u00c4gypten. Sie hatten Arbeit, sie hatten Essen, sie hatten ihre Routinen. Ja, sie waren nur&nbsp; Arbeitssklaven, aber sie kannten sich aus. <strong>Vergessen waren die Dem\u00fctigungen, die Schl\u00e4ge, die Klagen. Vergessen der Durchzug durchs rote Meer \u2013 die Erfahrung gesch\u00fctzt zu sein auch gegen die Angst.<\/strong>&nbsp; \u201eWer das vergisst, was gut war, wird b\u00f6se \u2013 wer das vergisst, was schlecht war, wird dumm\u201c, sagt Erich K\u00e4stner.<\/p>\n\n\n\n<p>In seinem Buch \u201eDas Flo\u00df der Medusa\u201c zeigt Wolfgang Schmidtbauer, wie gef\u00e4hrlich es sein kann, <strong>wenn wir in einer Situation notwendiger Ver\u00e4nderungsprozesse sprichw\u00f6rtlich den Kopf in den Sand stecken.&nbsp;Die gegenw\u00e4rtige H\u00e4ufung von Krisen \u2013 Klima, Energie, Geldwirtschaft, Terror und Fl\u00fcchtlingselend- sei ohne Vorbild in der Geschichte, schreibt Schmidtbauer<\/strong>, und er ist sich sicher, die Menschen m<strong>\u00fcssten Gruppen bilden, gemeinsam lernen, das Gemeinwesen neu organisieren und versch\u00fcttete Begabungen freilegen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch dreht sich um eine Schiffskatastrophe \u2013 um <strong>den Untergang der franz\u00f6sischen Fregatte \u201eMedusa\u201c,&nbsp; 100 Jahre vor der Titanic. Die Berichte der wenigen \u00dcberlebenden zeigen:&nbsp; Grund f\u00fcr die Katastrophe war eine F\u00fchrung, die Angst hatte vor dem Verlust der Schiffsladung, und ein unsachgem\u00e4\u00dfes Festhalten an Status und Macht<\/strong>. Wer sich angesichts kommender Herausforderungen in Machtk\u00e4mpfe verstrickt, auf Positionen beharrt, um seinen Besitz f\u00fcrchtet, kann die Zukunft nicht gewinnen. \u201e Es gelang der F\u00fchrung nicht, die Menschen an Bord dabei zu unterst\u00fctzen, ihre F\u00e4higkeiten f\u00fcr eine Rettungsaktion zu koordinieren und Fl\u00f6sse zu bauen.\u201c, schreibt Schmidtbauer.<strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wo es darum geht, Menschen zu retten, f\u00fchlen sich viele Menschen ganz unmittelbar angesprochen. Wir haben das gerade bei der Flutkatastrophe an der Ahr erlebt. <\/strong>Menschen kamen spontan, um zu helfen und blieben oft Wochen. Lie\u00dfen den Alltag hinter sich und machten ganz neue Erfahrungen von Gemeinschaft.<strong> Ganz \u00e4hnlich war und ist es in der Fl\u00fcchtlingsarbeit. <\/strong>Laut einer Allensbach \u2013 Untersuchung vom April 2017 arbeiteten <strong>40 Prozent der Engagierten in Gruppen, die sich ausschlie\u00dflich zu diesem Zweck gegr\u00fcndet haben \u2013 ohne Rechtsform, mit flachen Hierarchien und einem hohen Ma\u00df an Beteiligungsm\u00f6glichkeiten, 23 Prozent haben sich auf eigene Faust und au\u00dferhalb aller Institutionen engagiert. Meist <\/strong>&nbsp;junge Leute zwischen 20 und 30 \u2013 und sie organisierten sich nicht zuletzt \u00fcber die neuen Medien. <strong>Wie zuvor schon Hospiz- und Tafelbewegung stellten sie die traditionellen Wohlfahrtsstrukturen in Frage. Auf die Kirchen ist ehrenamtliches Engagement schon lange nicht mehr angewiesen. Und auch der Begriff Ehrenamt steht l\u00e4ngst in Frage. Er bezieht sich ja immer auf eine Institution oder Organisation.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>In der Zivilgesellschaft von heute gehen Initiativen von Einzelnen und Gruppen aus. Kirchlich gesagt: das Volk Gottes ist das Subjekt. <\/strong>Ehe noch Programme und Strukturen entwickelt werden, ehe Hauptamtliche eingestellt werden, engagieren sich Menschen in ihrer Freizeit, wo es brennt. <strong>Kirchen k\u00f6nnen dabei Erprobungsr\u00e4ume sein. Fl\u00f6\u00dfe, auf denen Menschen f\u00fcr eine Weile ein neues Leben erproben,<\/strong> mit einem neuen Lebensstil experimentieren \u2013 in einem Freiwilligen Sozialen Jahr,&nbsp;bei einer W\u00fcstenwanderung im Urlaub, im ehrenamtlichen Engagement f\u00fcr ein Hospiz. Die zunehmende Erwerbst\u00e4tigkeit von Frauen und die Zerrei\u00dfproben zwischen Berufst\u00e4tigkeit, Ehrenamt, Erziehung und Pflege werden es n\u00f6tig machen,<strong> \u00fcber eine andere Verankerung des Engagements in den Umbr\u00fcchen unseres Lebens nachzudenken<\/strong>. Zwischen Schule und Beruf, w\u00e4hrend der Elternzeit, beim \u00dcbergang in die dritte Lebensphase oder eben in einer Notlage, in einem Umbruch, der uns alle betrifft. Und welche Angebote, welche Anerkennungs- und Finanzierungsformen k\u00f6nnen die Schwelle senken, damit auch Hartz-IV-Empf\u00e4nger oder Gefl\u00fcchtete. An der Ahr waren einige ganz selbstverst\u00e4ndlich mit ihren Initiativen dabei.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Weg aus der Einsamkeit, sagt Noreena Hertz, f\u00fchrt \u00fcber wechselseitige Unterst\u00fctzung. Ma\u00dfgeblich ist, dass Menschen sich nicht nur umsorgt f\u00fchlen und umsorgt sind, sondern dass sie auch Gelegenheit haben, f\u00fcr andere zu sorgen.<\/strong> In Quartiersprojekten und Familienzentren, in Seniorenwohngemeinschaften, Mehrgenerationenh\u00e4usern und Stadtteilzentren entwickelt sich zurzeit <strong>eine neue Gestalt des Sozialen: die Sorgenden Gemeinschaften. <\/strong>Angeh\u00f6rige, Nachbarn, Freunde stehen auch in schwierigen Zeiten f\u00fcreinander ein und <strong>entdecken ihre Sorgekr\u00e4fte wieder<\/strong>, machen vertiefte Erfahrung von Begleitung und N\u00e4he \u2013 auch von Gottes N\u00e4he. Die Organisationen bieten dann den Rahmen f\u00fcr das, was Betroffene und Engagierte ins Leben rufen. So k\u00f6nnen Gemeinschaftsr\u00e4ume, ja auch Glaubensr\u00e4ume entstehen \u2013 mitten im Alltag. Lernr\u00e4ume, damit es nicht zu einem Schiffsungl\u00fcck f\u00fchrt wie damals bei der Medusa.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Was uns ein-leuchtet: Gro\u00dfe Weihnachtskugel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Auf in die neue Freiheit, hei\u00dft das k\u00fcrzlich erschienen Buch von Christian Henneke aus Hildesheim. Er meint, wir m\u00fcssten die kleinen Aufbr\u00fcche, die wir \u00fcberall erleben, in einem neuen Licht sehen<\/strong>: Die Wohnzimmergottesdienste und die Pilgerwege in der Stadt, die Gottesdienste in der Eckkneipe und die Projektch\u00f6re vor Weihnachten seien <strong>mehr als kleine, neue Sch\u00f6sslinge in einem abgestorbenen Forst \u2013 sie seien der wachsende, neue Wald, den wir sch\u00fctzen m\u00fcssten.<\/strong> Ich erinnere mich an einen Konzertabend in der Kaiserswerther Diakonie \u2013 ein Gospelchorsang und die alte Mutterhauskirche war voll. Das war die Kirche, in der ich immer wieder predigte \u2013 und doch kannte ich kaum jemanden. Aber sie sangen mit gro\u00dfer Begeisterung \u201eThis little light of mine\u201c. Das hat mich wachger\u00fcttelt. <strong>Wo Menschen ganz nat\u00fcrlich vom Evangelium ergriffen werden, w\u00e4chst etwas Neues, entstehen auch neue Strukturen. <\/strong>Wir seien nicht bei<strong> einem Update, auch nicht bei einem Upgrate, sagt Hennike, sondern bei einem Wechsel des Betriebssystems. Und tats\u00e4chlich haben das viele von uns w\u00e4hrend des Lockdowns erlebt: <\/strong>Online-Meditationen und Ostern\u00e4chte \u00fcber Zoom. Und Minutenandachten auf Whats-App. Von Jugendlichen, Frauen, \u201eLaien\u201c \u2013 Zeugnis des Volkes Gottes. Konfirmationen im Garten, Taufen am Fluss.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>F\u00fcr die Kirchen, deren Agenda lange darin bestand, Ordnungen zu begr\u00fcnden und aufrecht zu erhalten, ist die \u00d6ffnung ins Ungewisse eine gro\u00dfe Herausforderung.<\/strong> <strong>Schon bei der Auszugsgeschichte Israels zeigt sich: die Hoffnung auf eine neue Welt, tr\u00e4gt immer nur streckenweise durch die W\u00fcstenerfahrungen. <\/strong>Darum wurde das goldene Kalb gegossen, darum wurde das Auto zum Wohlstands- und Mobilit\u00e4tssymbol in Deutschland. Wenn wir nicht am Materiellen kleben bleiben, sondern Wege und Orte neu gestalten wollen, dann m\u00fcssen wir darauf setzen, dass Zeichen Wege weisen, dass das Wort tr\u00e4gt. Es geht darum, wiederzuentdecken, wie sich das Heilige und Heilende in den Zerrei\u00dfproben zeigt. Wir sind auf dem&nbsp;Weg durch die W\u00fcste, aber hier und da ahnen wir schon die Zedern des Libanon und die Wasser des Jordans. Die Bibel erz\u00e4hlt, dass das Volk Israel Kundschafter ins gelobte Land schickten \u2013 sie sollten etwas mitbringen von dort, ein &nbsp;Zeichen des gelobten Landes \u2013 wie <strong>diese Kugel, die vom Weihnachtsparadies erz\u00e4hlt, von der neuen Welt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie finden wir wirklich Zukunft und Gl\u00fcck? Und wie gehen wir um mit den Gl\u00fccksversprechen der Warenwelt, die gerade jetzt \u00fcberall leuchten? <\/strong>Wer durch das weihnachtliche K\u00f6ln geht, vorbei am Weihnachtsmarkt und den erleuchteten Gesch\u00e4ften, begegnet unendlich vielen Gl\u00fccksversprechen. Aber<strong> \u201eCoping, Doping, Buying, Shopping\u201c, wie Wolfgang Streeck<a href=\"#_ftn3\"><strong>[3]<\/strong><\/a> unseren westlichen Lebensstil nennt, k\u00f6nnen nur wenigen Erl\u00f6sung bieten.<\/strong> \u201eIn der noch andauernden Pandemie wird einmal mehr deutlich, <strong>dass zum Menschsein nicht nur der Wunsch nach Unabh\u00e4ngigkeit und Eigenst\u00e4ndigkeit geh\u00f6rt, sondern auch Verletzlichkeit und Angewiesenheit\u201c, schreibt <\/strong>Barbara Thiessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Verhei\u00dfungen des Evangeliums sehen auch diese Seite des Menschen. Unsere Verletzlichkeit, die Traurigkeiten, die Einsamkeiten. Trost wird versprochen f\u00fcr die die trauern und Gerechtigkeit f\u00fcr die Armen. Ansehen f\u00fcr uns alle: So wie wir sind, sind wir Gottes Kinder. <strong>Es geht darum, diese Zusage zu h\u00f6ren, es geht um die Erfahrung von Gemeinschaft angesichts unserer Verletzlichkeit und um den Mut, das Vergangene hinter uns zu lassen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Albert, Mathias\/Hurrelmann, Klaus\/Quenzel, Gudrun\/Kantar (2019): Jugend 2019 \u2013 18. Shell Jugendstudie. Eine Generation meldet sich zu Wort. S. 4. https:\/\/www.shell.de\/ueber-uns\/shell-jugendstudie\/_jcr_content\/par\/toptasks.stream\/1570810209742\/9ff5b72cc4a915b9a6e7a7a7b6fdc653cebd4576\/shell-youth-study-2019-flyer-de.pdf (Zugriff am 05.01.2021).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Philosophie Magazin, 11\/2021<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Wolfgang Streeck, \u201eGekaufte Zeit, die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus\u201c, Frankfurt 2013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp;St. Nikolaus K\u00f6ln, Cornelia Coenen-Marx 1. Macht hoch die T\u00fcr! 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