{"id":597,"date":"2015-02-20T17:31:58","date_gmt":"2015-02-20T17:31:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=597"},"modified":"2015-02-20T17:32:12","modified_gmt":"2015-02-20T17:32:12","slug":"diakoninnen-und-diakone-in-der-kirche-der-zukunft","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=597","title":{"rendered":"Diakoninnen und Diakone in der Kirche der Zukunft"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Engagement und Spiritualit\u00e4t<\/strong><\/h3>\n<p><strong><em>\u201eDer Geist Gottes wirkt in den Fugen\u201c, hat Ernst Lange gesagt, und ich sehe vor mir die Stelle, an der der Asphalt aufbricht und ein L\u00f6wenzahn ans Licht kommt\u2026 <\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><strong> 1. Ein Fenster zur Welt<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u201eGehen Sie an einem festen Tag, zu einer festen Uhrzeit in ein Cafe und lesen dort ein Buch oder eine Zeitung<\/strong>. Wiederholen Sie dies jede Woche oder \u00f6fter, aber immer zu selben Zeit am selben Ort, schaffen Sie sich Ihr Ritual. Sie werden feststellen, dass sich etwas ver\u00e4ndert. Das Wahrnehmen unserer Umgebung ist von ihrer Ver\u00e4nderung abh\u00e4ngig. Wenn wir also zur selben Zeit am selben Ort sind, entsteht ein anderer Blick auf uns selbst, das Umfeld, die eigene Bedeutung und die Mitmenschen und die Stadt, in der man lebt\u201c. Diese Idee ist eine von vielen aus dem wunderbaren B\u00e4ndchen \u201eVon wegen nix zu machen\u201c von Franz Meurer, J\u00fcrgen Becker und Martin Stankowski. Franz Meurers Stadtteilarbeit in K\u00f6ln H\u00f6henberg-Vingst, geh\u00f6rt f\u00fcr mich zu den vorbildlichen und nachhaltigen Formen kirchlicher Gemeinwesenarbeit. Die Idee, sich regelm\u00e4\u00dfig in ein Cafe zu setzen, bis es zur Stammkneipe wird, und so die Wirklichkeit mit neuen Augen zu sehen, habe ich, ohne Franz Meurer zu kennen, vor inzwischen 25 Jahren im Wickrather Gemeindeladen umgesetzt. Wir hatten damals in der Tradition von Ernst Lange ein Ladenprojekt in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone gegr\u00fcndet \u2013 einen offenen Diakonieladen mit Cafe und Kleiderkammer, mit B\u00fcchereiarbeit und Sozialberatung, mit Bildungsangeboten und Mutter-Kind-Gruppen. Professionell geleitet von einer Sozialp\u00e4dagogin, begleitet von mehr als 25 freiwillig Engagierten. Der Laden, der gerade sein 25.j\u00e4hriges Jubil\u00e4um gefeiert hat, war f\u00fcr mich ein Schl\u00fcssel f\u00fcr die Zusammenarbeit von Kirche und Diakonie und die Chancen freiwilligen Engagement.<\/p>\n<p>Als ich damals jeden Mittwoch Nachmittag an einem der kleinen Kaffeehaustische im Gemeindeladen sa\u00df und Gespr\u00e4che f\u00fchrte, begegneten mir \u00a0N\u00f6te in meiner eigenen Stadt, die ich vorher gar nicht wahrgenommen hatte: Arbeitslose kamen und erz\u00e4hlten von ihrer aussichtslosen Situation \u2013 und manche engagierten sich sp\u00e4ter im Ladenteam und fanden dort eine neue Aufgabe. \u00dcberforderte und verzweifelte pflegende Angeh\u00f6rige trafen sich in einer Gruppe. Alleinstehende Frauen erz\u00e4hlten von der Not, einen Freundeskreis zu finden. Und w\u00e4hrend ich dort mit Ihnen sprach, w\u00e4hrend wir im Team \u00fcberlegten, welche Chancen wir hatten, leuchteten hinter so vielen Einzelschicksalen pl\u00f6tzlich gesellschaftliche Strukturen auf. Strukturen, die zumeist in Zahlen, Daten und Fakten dargestellt werden. Und das will ich nun auch tun.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>2. In Zerrei\u00dfproben \u2013 Kirche und Diakonie in den aktuellen Umbruchprozessen<\/strong><\/p>\n<p>Die soziale und die demographische Struktur unserer Gesellschaft sind im Umbruch. Die Ver\u00e4nderung von Familien und Geschlechterrollen, vor allem aber der demographische Wandel unsere Gesellschaft grundlegend ver\u00e4ndern. Nicht zuletzt deshalb, weil sie mit einem erheblichen Schrumpfen der Bev\u00f6lkerung einhergeht. Ohne Zuwanderung w\u00fcrde die Bev\u00f6lkerungszahl Deutschlands bis 2050 auf 50,7 Millionen zur\u00fcckgehen.<\/p>\n<ul>\n<li>1998 war jeder zweite Einwohner \u00e4lter als 38. Dieses so genannte Medianalter nimmt bis 2050 auf Werte zwischen 45 (Fertilit\u00e4tsrate 2,1) und 53 Jahren (Fertilit\u00e4tsrate 1,4) zu. Das hat zwei Gr\u00fcnde.<\/li>\n<li>Der medizinische Fortschritt schenkt uns allen ein l\u00e4ngeres, ges\u00fcnderes Leben\u00a0 \u2013 im Schnitt zehn gesunde Jahre mehr.\u00a0 In der Folge nimmt die Zahl der Hochbetagten (\u00fcber 80-j\u00e4hrigen) exponentiell zu. Waren es 1998 noch 3,0 Millionen \u2013 so werden es 2050\u00a0 mindestens zehn Millionen sein.<\/li>\n<li>Zugleich aber nimmt der Anteil der unter 20-j\u00e4hrigen ab. Er betrug 1998 noch 21,6% und sinkt bis 2050 auf Werte zwischen 15. und 18 Prozent. Grund daf\u00fcr ist die niedrige Geburtenrate, die in Deutschland bei 1,4 Kindern pro Frau liegt \u2013 einem der niedrigsten Werte im OECD \u2013Vergleich. Manche sprechen in diesem Zusammenhang von einer Bev\u00f6lkerungsimplosion, andere von einer Reproduktionskrise.<\/li>\n<\/ul>\n<p>In einer wohlhabenden\u00a0 Gesellschaft bedeutet verantwortete Elternschaft, in Bildung und Erziehung der Kinder viel zu investieren- an Geld, an Zeit, an Zuwendung. Die so genannten Opportunit\u00e4tskosten der Elternschaft steigen. Dabei sind die Frauen in einer Schl\u00fcsselposition. Unser Sozialmodell hat \u00fcber lange Zeit davon gelebt, dass Frauen auf berufliche Entfaltung verzichteten, und einen gro\u00dfen Teil der Sorgeaufgaben unentgeltlich \u00fcbernahmen. Heute wollen und m\u00fcssen M\u00fctter wie V\u00e4ter erwerbst\u00e4tig sein. Wenn die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht gegeben ist, wird h\u00e4ufig auf ein zweites Kind verzichtet,\u00a0 Wenn es m\u00f6glich sein soll, dass beide Eltern oder eben auch Alleinerziehende arbeiten- und angesichts des Schwindens der Erwerbsbev\u00f6lkerung wird das auch sozial erw\u00fcnscht sein, dann brauchen wir eine andere Infrastruktur in Bildung und Erziehung. Kirchengemeinden haben dabei eine wesentliche Rolle. Mit ihren Tageseinrichtungen und Familienzentren, mit Beratungseinrichtungen und Bildungsst\u00e4tten k\u00f6nnen sie Impulsgeber werden f\u00fcr eine neue, familienfreundliche Infrastruktur.<\/p>\n<p>\u00c4hnliches gilt f\u00fcr die Pflege. Die Zahl der pflegebed\u00fcrftigen Menschen in Deutschland wird mit der Zahl der Hochaltrigen weiter wachsen. Man kann davon ausgehen, dass die Zahl der Leistungsempf\u00e4nger in der Sozialen Pflegeversicherung zwischen 2000 und 2040 mindestens von 1,8 Mio. auf knapp 3 Mio steigt\u00a0 um 61. %. steigt. Meinhard Miegel hat vor einigen Jahren vorgerechnet, dass sich der Anteil der Menschen, die in Gesundheits- und Pflegeberufen arbeiten, in den kommenden drei\u00dfig Jahren verdoppeln m\u00fcsste. Das wird\u00a0 durch einheimische Kr\u00e4fte allein nicht zu gew\u00e4hrleisten sein. Aber nicht nur die quantitativen Anforderungen wachsen, auch die Beziehungsbed\u00fcrftigkeit alter Menschen w\u00e4chst. Schon heute leben mehr als 40 % der 70 bis 85 Jahre alten Menschen in Einpersonenhaushalten.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Das selbstverst\u00e4ndliche T\u00f6chter-Schwiegert\u00f6chter-Pflegepotential schwindet. Trotzdem kann das Pflegesetting der Zukunft kann aber nicht nur professionell und institutionell gedacht werden &#8211; aus finanziellen Gr\u00fcnden nicht, aber auch nicht wegen des anstehenden Fachkr\u00e4ftemangels. Wir brauchen neue Modelle wohnortnaher, integrierter Versorgung pflegebed\u00fcrftiger Menschen, eine neue Kooperation zwischen Pflegefachkr\u00e4ften, Angeh\u00f6rigen und Freiwilligen<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>, eine alten- und behindertengerechte Wohninfrastruktur und gute haushaltsnahen Dienstleistungen..\u00a0 Und die zeitweilige\u00a0 Freistellung erwerbst\u00e4tiger M\u00e4nner und Frauen f\u00fcr Pflegeaufgaben in der Familie.<\/p>\n<p>Der Wandel der Alternsgruppen und Lebensformen geht mit einer zunehmenden Spreizung der Einkommen einher, mit einer sozialen Spaltung zwischen Erwerbst\u00e4tigen und Hilfebeziehern, der Trennung in Bildungsgewinner und Bildungsverlierer, den Parallelgesellschaften von, Migranten und Autochthone. W\u00e4hrend die Anforderungen an Mobilit\u00e4t wachsen, nimmt zugleich die Bedeutung der Herkunft zu. Schichtzugeh\u00f6rigkeit und ethnisches Herkommen bestimmen in Deutschland den Bildungserfolg, die gesundheitliche Versorgung, den gesellschaftlichen Aufstieg, Gesundheit und Lebensdauer. 10 Jahre Lebenszeit trennen einen gut situierten Mittelschichtb\u00fcrger im Schnitt von einem anderen aus prek\u00e4ren Lebensverh\u00e4ltnissen. W\u00e4hrend die geographische Mobilit\u00e4t zugenommen hat, hat die soziale abgenommen. L\u00e4ngst k\u00f6nnen wir auf Karten verfolgen, wie die soziale Segmentierung sich ausweitet. Und was in den St\u00e4dten selbst geschieht, hat ein bundesweites Pendant. Aufbl\u00fchende St\u00e4dte und Stadtteile \u2013 Leuchtt\u00fcrme des Urbanen- stehen neben verw\u00fcsteten Stadtlandschaften, in denen der \u00f6ffentliche Raum verwahrlost und die \u00f6ffentlichen Aufgaben drastisch reduziert werden m\u00fcssen. Theater und Schwimmhallen geschlossen, Brunnen abgedreht<\/p>\n<p><strong>Haben wir schon begriffen, was es bedeutet<\/strong>, dass ein Drittel der Gemeindeglieder \u00fcber 60 Jahre alt sind, dass mehr und mehr Frauen erwerbst\u00e4tig sind, dass Erziehung und Engagement in Zukunft st\u00e4rker in Ganztagseinrichtungen und Schulen stattfindet? Haben wir begriffen, dass Kirche eine der wenigen Generationen\u00fcbergreifenden Organisationen ist, die Dienstleistungen anbieten, \u00d6ffentlichen Raum zur\u00a0Verf\u00fcgung stellen und Engagement binden kann? Die Gewichte zwischen Jugendarbeit und Arbeit mit \u00c4lteren, zwischen Formalisiertem und informellem Lernen werden sich deutlich verschieben!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. <\/strong><strong>Zug\u00e4nge er\u00f6ffnen, Teilhabe erm\u00f6glichen<\/strong><\/p>\n<p>Das Schwinden der Erwerbsbev\u00f6lkerung und die Notwendigkeit, Frauen als Fachkr\u00e4fte voll in den Arbeitsmarkt einzubeziehen, werden den Ausbau professioneller Care-Angebote in Erziehung, Bildung, Pflege, Betreuung unverzichtbar machen. Das bringt die Kommunen an den Rand ihrer Spielr\u00e4ume. Zugleich w\u00e4chst der Finanzbedarf f\u00fcr Transfereinkommensbezieher in Hilfe zur Pflege, Sozialhilfe und Mindestrente.<\/p>\n<p>Dieser Situation begegnen die St\u00e4dte mit einem forcierten Wettbewerb und Privatisierung in Bereichen, die bis vor 20 Jahren noch \u00f6ffentlich finanziert wurden: Infrastruktur, Verkehrssystem, Energie- und Wasserwirtschaft, Abfallbeseitigung und nun auch Gesundheits- und Sozialwirtschaft. M\u00f6glich wurde das durch die \u00d6ffnung der Freien Wohlfahrtspflege f\u00fcr private Tr\u00e4ger und den Wegfall des Kostendeckungsprinzips Mitte der 90er Jahre. So kommt es auf dem neuen Sozialmarkt zu regionalen Budgets, Wohlfahrtsverbands\u00fcbergreifenden Konsortien und zu Partnerschaften mit Kommunen und Privaten. Die Schattenseite dieser Privatisierung ist eine weitere gravierende Ver\u00e4nderung: der Zugang \u00f6ffentlichen Raum schwindet, die Dienste ver\u00e4ndern sich zu Dienstleistungen.<\/p>\n<p>Aber dieser Trend zur Professionalisierung hat personelle wie finanzielle Grenzen. Schon heute erleben wir einen Fachkr\u00e4ftemangel in Erziehung und Pflege, aber auch eine wachsende Zahl von Haushaltshilfen aus Osteuropa in Familien, die professionelle Pflege nicht bezahlen k\u00f6nnen. Und einem wachsenden Angebot differenzierter Dienstleistungen stehen abnehmende \u201e Kassenleistungen\u201c gegen\u00fcber. Auch in der Medizin entwickelt sich eine Zwei-Klassengesellschaft. Die Rede von Eigenverantwortung und Autonomie der Hilfesuchenden steht in Spannung zu der Tatsache, dass viele Menschen mit diesem Anspruch \u00fcberfordert sind. Damit ger\u00e4t auch \u00a0die Unternehmensentwicklung in der Diakonie mehr und mehr in Spannung zu ihrer anwaltschaftlichen Tradition.<\/p>\n<p>Solidarit\u00e4t, Anwaltschaft und Leidenschaft aber sind nicht verschwunden- sie kehren wieder in den neuen sozialen Bewegungen in \u2013 und au\u00dferhalb der Kirche: in Tafelbewegung wie in der Hospizbewegung, bei den Angeh\u00f6rigen von Demenzerkrankten wie bei dem Bem\u00fchen um die Inklusion behinderter Menschen. Dabei spielen Ehrenamtliche, Angeh\u00f6rige und Selbsthilfegruppen eine entscheidende Rolle. Sie sind die Detektoren f\u00fcr neue sozialen Notlagen und Um-Br\u00fcche. Engagierte schlie\u00dfen quer zu den alten, konfessionell oder weltanschaulich gepr\u00e4gten Verb\u00e4ndestrukturen zusammen. Zum Teil von Sponsoren aus der Wirtschaft unterst\u00fctzt, wie bei der Tafelbewegung, geben sie auch Kirche und freie Wohlfahrtspflege neue Anst\u00f6\u00dfe. Aus Hilfeempf\u00e4ngern werden Gestalter des eigenen Lebens. Die Zukunft geh\u00f6rt deshalb einem neuen Mix aus Professionalit\u00e4t und b\u00fcrgerschaftlichem Engagement, aus bezahlbaren Leistungen und sozialem Einsatz \u2013 im Sinne der aktiven B\u00fcrgergesellschaft. L\u00e4ngst sind .neue Modelle von Social Entrepreneurship am Markt. \u00a0Gr\u00fcnderpers\u00f6nlichkeiten gelingt es, mit Spenden, Sponsoring und einem hohen Ma\u00df an Freiwilligkeit Innovationen entstehen zu lassen, die bis in die Wirtschaft hinein Ausstrahlung haben- ich denke zum Beispiel an die Dorfladenbewegung.<\/p>\n<p>Viele dieser Projekte verankern sich wie der Wickrather Gemeindeladen im Quartier, wo Menschen ihre Kinder erziehen, ihre Eltern und Freunde pflegen, Initiativen entwickeln und f\u00fcreinander einstehen. Quartiersarbeit spielt eine Rolle in der Altenhilfe , wo neue Modelle von Quartierspflege und integrativer Versorgung erprobt werden Sie spielt eine Rolle in der Familienzentren, in denen Erziehung, Bildung und Beratung zu neuen Angeboten geb\u00fcndelt werden , und auch in der\u00a0 Armutsbek\u00e4mpfung im Projekt \u201esoziale Stadt\u201c. In all diesen Feldern sind Kirche und Diakonie gefragt &#8211; mit ihren Tageseinrichtungen und Pflegediensten, mit Mehrgenerationenh\u00e4usern, aber auch mit der \u00d6ffnung von Kirchen und Gemeindeh\u00e4usern zum Wohnumfeld. .<\/p>\n<p><strong>Die Diakoniedenkschrift \u00a0der EKD von 1998 zum 150. Jubil\u00e4um der Inneren Mission hat dazu drei wesentliche Perspektiven entwickelt<\/strong>: Es geht darum, die Distanz zwischen Kirchengemeinden und Diakonischen Diensten zu \u00fcberbr\u00fccken, die Kontakte zu zivilgesellschaftlichen Initiativen und au\u00dferkirchlichen Tr\u00e4gern zu verbessern und die Bed\u00fcrfnisse wie die Kompetenzen von Betroffenen besser wahrzunehmen. Damit beschreibt die Denkschrift eine neue Definition von Subsidiarit\u00e4t im Sinne von \u201e Wichern III\u201c und leitet das Umdenken ein, das dringend gebraucht wird. Es geht um<\/p>\n<ul>\n<li>die \u00dcberwindung der Zielgruppenorientierung und Vers\u00e4ulung, die vor allem in der Diakonie auch durch die Form der Refinanzierung festgelegt ist,<\/li>\n<li>eine Sensibilit\u00e4t f\u00fcr die bestehenden Aktivit\u00e4ten anderer Tr\u00e4ger, ihre St\u00e4rken, gemeinsame Schnittstellen<\/li>\n<li>und eine Haltung, die generalistisch, offen und lernbereit ist und sich des eigenen Profils bewusst ist.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Inklusion als Herausforderungen f\u00fcr die Gemeinde<\/strong><\/p>\n<p>Wohin die Kirche unterwegs ist, wie die Kirche von morgen aussieht, das h\u00e4ngt mit den beschriebenen gesellschaftlichen Trends zusammen- es ist aber entscheidend abh\u00e4ngig von unserem Kirchenbild. Wir streiten vermutlich weniger um die Analyse als um unsere Visionen \u2013 um Leuchtfeuer und Kompetenzzentren, um den Gemeinwesen- und Gesellschaftsbezug der Kirche. Aus meiner Sicht liegt unsere besondere Chance in der \u00dcberwindung der 175 Jahre alten Spaltung von Kirche und Diakonie. \u201e Angesichts der N\u00f6te der Welt selbst zufrieden zu sein\u201c, hei\u00dft es in einer Erkl\u00e4rung der \u00d6kumenischen Versammlung von Uppsala 1968, das w\u00fcrde bedeuten, \u201e sich der H\u00e4resie schuldig zu machen\u201c.<\/p>\n<p>Die wachsende Zahl von Gemeinwesendiakonieprojekten in der EKD zeigt, wie attraktiv es ist, wenn Kirche und Diakonie sich neu vernetzen \u2013 f\u00fcr Familien, \u00e4ltere Menschen, f\u00fcr Menschen mit Behinderung wie f\u00fcr sozial und \u00f6konomisch Benachteiligte. Dabei hat die verfasste Kirche einen entscheidenden Vorteil\u00a0 sie ist in der oft geschm\u00e4hten Parochie auf den \u00f6ffentlichen Raum und das Gemeinwesen bezogen.. Gemeinden bringen ein hohes Sozialkapital mit \u2013 an Kontakten, Netzwerken und Beziehungen. Fast an jedem Ort verf\u00fcgen sie \u00fcber Kirchen und Gemeindeh\u00e4user mit gro\u00dfen M\u00f6glichkeiten- auch f\u00fcr Vermietung und Kooperation mit Partnern im Gemeinwesen. Gemeinden geh\u00f6ren zu den wenigen Organisationen, die\u00a0 damit \u00f6ffentliche Orte zur Verf\u00fcgung stellen k\u00f6nnen \u2013 offener noch als Schulen, intergenerationell, ohne Konsumerwartungen Kirchen bilden\u00a0 symbolische Orte in der Stadt, sie haben die gemeinsame Geschichte mit gepr\u00e4gt oder sie haben Anteil daran. Und sie haben in der Regel einen gro\u00dfen Vertrauensvorschuss.<\/p>\n<p>Von diesen Lebensr\u00e4umen hat sich Diakonie weitgehend entkoppelt \u2013 zun\u00e4chst die Professionalisierung, zuletzt die Vermarktlichung der letzten Jahrzehnte haben entscheidend dazu beigetragen. Daf\u00fcr bringt sie gr\u00f6\u00dfere Freiheitsspielr\u00e4ume, professionelle Dienstleistungen und oft mehr Unternehmensgeist ins Spiel \u2013 und manchmal eben auch die heilsame Distanz der n\u00e4chsten Ebene und einen klaren Bezug zu sozialen und politischen Entwicklungen. \u00a0Wenn es gelingt, beides zusammen zu bringen \u2013 Lebensweltorientierung und Professionalit\u00e4t, Dienstleistung und Sozialraum,\u00a0 Orientierung an denen, die in die Gemeinde kommen und denen, die in der Stadt auf das besondere Engagement der Kirche warten, kann Neues entstehen.<\/p>\n<p>Die Steuerungsebene, um Gemeinde und Diakonie neu zu vernetzen, ist allerdings meist nicht die Gemeinde, sondern die mittlere Ebene \u2013 die Ebene der kreiskirchlichen oder st\u00e4dtischen Diakonischen Werke und der Fachbereiche diakonischer Unternehmen. Dort braucht es strategische Planung, um Beratungsstellen, Tageseinrichtungen, Familienbildungsst\u00e4tten zu Familienzentren zu verschr\u00e4nken, oder ambulante Pflegedienste, Besuchsdienste, Arztpraxen zu Gesundheitsnetzen oder auch mit den Wohngruppen behinderter Menschen in der Gemeinde an einer inklusiven Gemeinde zu arbeiten. Zu dieser neuen Vernetzung geh\u00f6rt auch die Frage, wie Gemeinden mit Altenzentren und Krankenh\u00e4usern zusammen arbeiten k\u00f6nnen und wie Diakonie dem Freiwilligen Engagement in Einrichtungen und Diensten neuen Raum geben kann. \u00a0Freiwillige k\u00f6nnen die Br\u00fccke schlagen zwischen Professionalit\u00e4t und Lebenswelt.<\/p>\n<p><strong>Meine These: Eine diakonische Kirche verwirklicht sich als offene Gemeinschaft<\/strong>, die \u00fcber die Grenzen von Geschlechtern und Altersgruppen, von Herkunft und Milieus hinaus geht und gerade auch die Leidenden und Benachteiligen einschlie\u00dft. Denn jeder und jede hat das Recht auf Zugang zum Glauben, das Recht auf Gewissens- und Meinungsfreiheit, das Recht auf Integrit\u00e4t der Person, das Recht auf Gleichheit und Teilhabe. Inklusion, die zur Zeit in der Gesellschaft debattiert wird, kann sich auf die Kindersegnung und die Heilungen Jesu berufen, auf die Jerusalemer Urgemeinde und die grundlegenden S\u00e4tze des Paulus im Galaterbrief. Wenn jetzt der Aufruf zur Inklusion von au\u00dfen kommt, dann haben wir einen Weckruf verschlafen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. Engagement und Spiritualit\u00e4t \u2013 \u00fcber die innere Achse der Arbeit<\/strong><\/p>\n<p>Dis-embedding ist eine Schl\u00fcsselkategorie der Moderne. Der klar und verl\u00e4sslich gezeichnete Rahmen, in dem Menschen \u00fcber Jahrhunderte gelebt haben, hat sich aufgel\u00f6st \u2013 das gilt f\u00fcr Geschlechterrollen wie f\u00fcr Familienbilder, f\u00fcr Biographien wie f\u00fcr Berufswege. Und es gilt auch f\u00fcr die Beschreibung gesellschaftlicher Funktion; Aus der Wohlfahrtspflege ist die Sozialbranche geworden \u2013 zugleich entdecken sich behinderte und pflegebed\u00fcrftige Menschen neu als B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger. Wir stecken mitten drin in Ver\u00e4nderungsprozessen.<\/p>\n<p>Wir haben neue Freiheiten gewonnen und neue Unsicherheiten dagegen eingetauscht. Wir haben Autonomie gewonnen und vergessen manchmal, wie sehr wir angewiesen sind. Wir leben in einer Dienstleistungs- und Konsumgesellschaft und m\u00fcssen neu lernen, dass Gesundheit, Bildung, Ver\u00e4nderungsprozesse nicht konsumierbar sind, sondern unsere eigene Gestaltung brauchen- mit Engagement und Spiritualit\u00e4t.<\/p>\n<p>Auch darum \u2013 und nicht nur aus Kostengr\u00fcnden- hat b\u00fcrgerschaftliches Engagement Konjunktur. Es geht darum, die eigene Umwelt zu gestalten, am eigenen Platz Probleme anzugehen, f\u00fcr Gerechtigkeit einzutreten und sich damit selbst neu zu verankern. Die F\u00f6rderung des sozialen Engagements und die St\u00e4rkung sozialer Bildungsprozesse standen deshalb an der Wiege der neuzeitlichen Diakonie. Diakonie ist eine Bildungsbewegung, in der sich Engagement und Spiritualit\u00e4t so verkn\u00fcpfen, dass auch die Kirche sich weiter entwickelt und ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Wenn es um die \u00dcberwindung einer falschen Trennung von Kirche und Diakonie geht, gehe ich deshalb gern an die Anf\u00e4nge der neuzeitlichen Diakonie zur\u00fcck und frage nach den damaligen Weichenstellungen wie nach den Gr\u00fcnden f\u00fcr das Scheitern mancher Bewegung. <strong>\u00a0<\/strong>Im R\u00fcckblick auf die Gr\u00fcnderjahre, die ebenfalls in eine gesellschaftliche Umbruchphase fielen, die zur Kirchenreform f\u00fchrte, l\u00e4sst sich\u00a0 formulieren, was den Kern der Arbeit im Diakonat ausmacht. Dazu geh\u00f6ren:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>der Respekt vor dem Einzelnen<\/strong> und seiner voraussetzungslosen W\u00fcrde, die Wertsch\u00e4tzung unwiederbringlichen Individualit\u00e4t, die Neugier auf die Gaben und Kompetenzen, die jeder einzubringen hat- das Zutrauen, das jeder und jede gebraucht wird und keiner marginalisisert werden darf.<\/li>\n<li><strong>eine Lebenswelt- und Angeh\u00f6rigenorientierung<\/strong>, bei der das Angewiesensein des Einzelnen auf andere genauso ernst genommen wird wie seine Freiheit und Autonomie<\/li>\n<li><strong>ein klarer Blick f\u00fcr gesellschaftliche Rahmenbedingungen und ethische Herausforderungen<\/strong> und die Bereitschaft, sich f\u00fcr gerechte Teilhabe und den Schutz des Lebens \u00a0einzusetzen<\/li>\n<li>die Wertsch\u00e4tzung und Entwicklung von Gemeinschaft als <strong>Gastfreundschaft,\u00a0 \u201eWeggemeinschaft\u201c oder auch als Dienstgemeinschaf<\/strong>t im Raum der Kirche,<\/li>\n<li><strong>ein bewusster Umgang mit Zeit und Raum,\u00a0 \u2013 und den religi\u00f6sen Traditionen<\/strong>, die darin verwurzelt sind:\u00a0 Kirchenjahreszeiten und Schwellenzeiten im Leben des Einzelnen, Mahlzeiten und Feste,\u00a0 Gastfreundlichkeit, Geburt und Taufe, Tod und Segnung,\u00a0 Lebensbr\u00fcche und Neuanf\u00e4nge.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Spiritualit\u00e4t ist eine entscheidende Dimension diakonischer Arbeit, die in der Gestaltung von Ritualen, Festen und Feiern, in Seelsorge und Sterbebegleitung erfahrbar wird. Dass diese Neuentdeckung inzwischen weit \u00fcber den Raum der Kirche hinaus reicht, ja, dass Spiritualit\u00e4t als eine wesentliche Dimension der Palliativpflege auch von den Kassen festgeschrieben wurde, setzt kirchliche Einrichtungen einem ungewohnten Konkurrenzdruck aus: der eigene Mehrwert, das unverwechselbare Profil muss neu beschrieben, in vielen F\u00e4llen auch neu entwickelt werden.\u00a0 Dabei wird Spiritualit\u00e4t auch gesundheitliche Ressource f\u00fcr die Mitarbeitenden entdeckt. Eine Untersuchung der Fachhochschule der Diakonie in Bethel , die derzeit zu diesem Thema stattfindet,<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> zeigt, dass Spiritualit\u00e4t eine wichtige Ressource in der Gratifikationskrise ist, die viele Mitarbeitende aufgrund des wachsenden Zeit- und Kostendrucks erleben \u2013 das aber\u00a0 die entscheidende Kraftquelle der diakonischen Gemeinschaft , der Zusammenhalt im Team, durch Ver\u00e4nderungsdruck und Umstrukturierungen bedroht ist. Der Schl\u00fcssel zur Ver\u00e4nderung ist auch hier die Frage nach Beteiligung. Gelingende Beteiligungsprozesse allerdings zeigen die religi\u00f6se und kulturelle Vielfalt, die heute auch diakonische Unternehmen pr\u00e4gen. Dieser Umbruch, von vielen als Traditionsverlust beschrieben, ist auch eine Chance zur Erneuerung.<\/p>\n<p>Christoph M\u00fcller hat vor kurzem in einem Artikel \u00fcber \u201e Laientheologie\u201c\u00a0 deutlich gemacht, dass Theologie sich dadurch erneuert, dass sie eben nicht nur Theologentheologie ist. Sie bleibt angewiesen auf die Einsichten derjenigen Menschen, die als Christen aus ihrer Glaubens- und Welterfahrung sch\u00f6pfen. Er schreibt: durch die Wahrnehmung von Ambivalenzen wie. Unabh\u00e4ngigkeit und Abh\u00e4ngigkeit, Trauer und Hoffnung, Wissen und Nicht-wissen werden eingespielte (auch christliche) Weltbilder, (schein-)eindeutige \u00dcberzeugungen, Machtverh\u00e4ltnisse und Beziehungsmuster in Frage gestellt. Das kann tief verunsichern. Ambivalenzen werden deshalb oft ignoriert, verdeckt oder abgewertet\u201c. Dabei kann der offene Umgang mit Ambivalenzen lebensf\u00f6rdernde Suchbewegungen in Gang setzen. Dazu braucht es allerdings eine Atmosph\u00e4re, in der Denken und F\u00fchlen Platz haben.<\/p>\n<p><strong>Meine These<\/strong>: <strong>Zur Erneuerung diakonischer Professionalit\u00e4t kommt es darauf an<\/strong>, Fachwissen mit theologischer Reflexionsf\u00e4higkeit, Handeln mit Spiritualit\u00e4t, den Blick auf gesellschaftliche Umbr\u00fcche mit kirchlicher Planung zu verkn\u00fcpfen. Hier sind Diakoninnen und Diakone als Dolmetscher dringend gefragt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>6. Diakonische Professionalit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Die Frage nach Identit\u00e4t und Relevanz der Kirche entscheidet sich zum einen an ihrer Auftragsgewissheit und ihrer religi\u00f6sen Sprach- und Reflexionsf\u00e4higkeit, zum anderen aber an der Differenziertheit, mit der sie gesellschaftliche Ver\u00e4nderungsprozesse wahrnimmt und angemessene \u00a0Antworten entwickelt . Ohne sozialwissenschaftliche und religionsp\u00e4dagogische, ohne pflegerische und theologische Professionalit\u00e4t lassen sich keine Antworten auf den demographischen Wandel, die wachsende soziale und kulturelle Pluralit\u00e4t, Migration oder Religionswandel und andere Transformationsprozesse zu finden. Es muss deshalb reflektiert werden, was geschieht, wenn die anstehenden Ver\u00e4nderungs- und Einsparprozesse wesentlich auf Kosten der Stellen hauptberuflicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gehen<\/p>\n<p>Es sind aber nicht nur Stellenk\u00fcrzungen und Stellenstreichungen, die die Berufsgruppen der Hauptamtlichen in den Kirchen schw\u00e4chen; es ist auch die Un\u00fcberschaubarkeit von Berufsprofilen und Ausbildungsg\u00e4ngen sowie kirchlichen Anerkennungsverfahren und Anstellungsgesetzen. Nach der Studienreform von Bologna ist das Ma\u00df an Vielfalt und der Mangel an Transparenz und Durchl\u00e4ssigkeit der Berufswege in Diakonie, Gemeindep\u00e4dagogik und Pflege noch gestiegen. Dabei fehlt die vertikale wie die horizontale Durchl\u00e4ssigkeit;\u00a0 innerhalb der Berufsgruppen, wie z.B. in der P\u00e4dagogik bei der Entwicklung der Qualifikation von Erzieherinnen, Sozialp\u00e4dagogen und Diplomp\u00e4dagogen in aufeinander aufbauenden Stufen von der Ausbildung bis zum Studienabschluss, aber auch zwischen den Berufsgruppen, wenn man etwa auf das Verh\u00e4ltnis von Grundqualifikationen und Spezialisierung schaut. So reagieren bereits einige Kirchen auf die Entwicklung von Tageseinrichtungen f\u00fcr Kinder zu Familienzentren, indem sie ehemalige Jugendmitarbeiter und Jugendmitarbeiterinnen f\u00fcr die Arbeit mit Familien weiterqualifizieren. \u00c4hnlich wie in die Pflegeausbildung, k\u00f6nnte auch im Bereich P\u00e4dagogik einer gemeinsamen (sozial)p\u00e4dagogischen Grundqualifikation mit unterschiedlichen Aufbaustudieng\u00e4ngen f\u00fcr die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, Familien oder \u00c4lteren die Zukunft geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Angesichts der starken gesellschaftlichen wie kirchlichen Ver\u00e4nderungsdynamik, aber auch auf dem Hintergrund der Umbr\u00fcche in der Bildungslandschaft entstehen derzeit zudem neue Hochschulen und neue Studieng\u00e4nge &#8211; insbesondere in der Kombination von Human- Sozial- und Wirtschaftswissenschaften wie auch in besonderen Handlungsfeldern wie Quartiersarbeit und Gemeinwesendiakonie. Zugleich allerdings ist zu erkennen, dass trotz aller Unterschiede in den verschiedenen Handlungsfeldern \u00e4hnliche Kompetenzen erforderlich sind: Projekt- und Qualit\u00e4tsmanagement, strategisches Denken und wirtschaftliche\u00a0 Methoden, aber auch die Zusammenarbeit mit Angeh\u00f6rigen oder Freiwilligen und grundlegende Beratungskompetenzen sind in allen Ausbildungsg\u00e4ngen und Arbeitsfelder gefragt. Auf diesem Hintergrund hat die Evangelische Kirche in Deutschland eine ad-hoc-Kommission zu Berufsprofilen und Abschlusszertifikaten in Diakonie und Gemeindep\u00e4dagogik einberufen, um \u00fcber die notwendige Qualifizierung von Mitarbeitern im Raum der Kirche wie \u00fcber die kirchliche Anerkennung von Kompetenzen und Abschl\u00fcssen zu beraten. Die Aufgabe ist \u00fcberf\u00e4llig, aber die \u00a0Modularisierung von Ausbildungs- und Studieng\u00e4ngen zwingt nun endg\u00fcltig dazu; das bunte Feld kirchlicher Abschl\u00fcsse und Anerkennungen neu zu systematisieren und dabei vor allem die Kompetenzen in den Blick zu nehmen, die am Ende ben\u00f6tigt werden. Dar\u00fcber sind am Ende Verst\u00e4ndigungsprozesse auf Leitungsebene n\u00f6tig.<\/p>\n<p>Die Kommission, die nach einem Hearing in Kassel im M\u00e4rz 2010 gebildet wurde, geht davon aus, dass wir es im Feld gemeindep\u00e4dagogischer und diakonischer Dienste mit drei vertikalen Berufsbildern in P\u00e4dagogik, Pflege und Heil- oder Sozialp\u00e4dagogik zu tun haben, f\u00fcr die wiederum auf mindestens drei Levels ausgebildet wird \u2013 von der Helfer, \u00fcber die Fachoberschulausbildung bis zum Hochschulabschluss. Die beschriebenen professionellen Kompetenzen k\u00f6nnen in lebensweltlich- informellen Kontexten genauso gefragt sein wie in Einrichtungen. und Institutionen: P\u00e4dagogik in Gemeinde und Schule, Pflege ambulant wie station\u00e4r usw.<\/p>\n<p><strong>Im Blick auf den beruflichen Diakonat in der Kirche ist entscheidend wichtig, dass er eine Art dritte Dimension \u00fcber die drei Felder und alle Ausbildungslevels legt..<\/strong> Hier geht es dann nicht nur um Fachlichkeit, sondern um die Dimensionen von ethischer Urteilsbildung, theologischer Begr\u00fcndung, um \u00a0die Entwicklung und Vertiefung von Spiritualit\u00e4t \u00a0und das Verst\u00e4ndnis von Kirche und diakonischem Dienst,\u2013 kurz, um die Entwicklung der Kompetenzen, die notwendig sind, um das spezifische Profil diakonischer Dienste zu erhalten und weiter zu entwickeln und zugleich die gesellschaftliche Wirkkraft der Kirche zu st\u00e4rken. Im Kasseler Hearing wurde herausgearbeitet, dass die Systematik des Deutschen Qualifikationsrahmens als ein Ausgangspunkt f\u00fcr die Weiterarbeit hilfreich erscheint, dass dabei aber auch die Dimensionen von Haltung, Einstellung und Motivation werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>7. Relevanz und Identit\u00e4t kirchlicher Arbeit<\/strong><\/p>\n<p>Im Jahr 1987 erschien im Handbuch der Praktischen Theologie ein Artikel \u00fcber die Katecheten- und Gemeindep\u00e4dagogen-Ausbildung in der damaligen DDR.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Der Autor, Hans-Udo Vogler, stellt seine \u00dcberlegungen in den gesamtkirchlichen Kontext einer schrumpfenden Kirche in einem s\u00e4kularisierten gesellschaftlichen System. Die Frage nach Relevanz und Identit\u00e4t der Kirche, besonders bei jungen Menschen, m\u00fcsse immer neu praktisch und damit gesellschaftspolitisch durchgestanden werden, so der Autor. Gerade f\u00fcr die \u201ekatechetischen Mitarbeiter\u201c stelle sich die derzeitige Situation durchaus herausfordernd dar, ihr Selbstverst\u00e4ndnis sei angefragt. \u201eDa er im Gegensatz zum Pfarrer Angestellter auf Gemeinde- bzw. Kirchenkreisebene ist, die Geldnot der Kirche aber gerade hier immer wieder am ehesten zu Stellenstreichungen f\u00fchrt, wird seine soziale Stellung \u2013 im Vergleich zum gleichen Einsatz beim Pfarrer \u2013 als zu unterschiedlich, ungerecht und ungesichert empfunden.\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> In Aufnahme und Abwandlung der bestehenden Berufszweige hat Vogeler damals eine umfassende Neuordnung vorgeschlagen. F\u00fcr die Zukunft des Kirchenbundes war an \u201evier Grundtypen kirchlicher Mitarbeiter\u201c gedacht: \u201eGemeindetheologen, Gemeindep\u00e4dagogen, Gemeindef\u00fcrsorger und Gemeindemusiker\u201c.<\/p>\n<p>Alle vier Grundtypen sollten sowohl eine pastorale Grundfunktion als auch eine Spezialfunktion vor Ort und in der Region wahrnehmen. So sollte sich in den Regionen ein Netz von Bezugspunkten kirchlich Mitarbeitender mit unterschiedlichen Professionen entwickeln, die die Kirche in der Diasporasituation als Ansprechpartner repr\u00e4sentieren, Ehrenamtliche unterst\u00fctzen und dar\u00fcber hinaus auf ihrem je eigenen Fachgebiet zu Bildung, Diakonie und Kirchenmusik beitragen. \u201eF\u00fcr die Ausbildung bedeutet dies, dass der neue Mitarbeiter in den vier Richtungen neben seiner Spezialausbildung eine pastorale Grundausbildung ben\u00f6tigt. Er muss zur Kommunikations-, H\u00f6r-, Gespr\u00e4chs- und Kooperationsf\u00e4higkeit ausgebildet werden.\u201c<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Auch hier also sind die Fragen der Haltung angesprochen.<\/p>\n<p>\u00c4hnliche Modelle wurden in den Gliedkirchen der EKD in der Bundesrepublik unter dem Stichwort \u201eGeteiltes Amt\u201c ebenfalls diskutiert wurden, sie haben sich \u00fcber einzelne Experimente hinaus nicht durchsetzen k\u00f6nnen und nach der friedlichen Revolution weiter an Boden verloren. 25 Jahre sp\u00e4ter stehen im Mittelpunkt der Reformdiskussionen \u00dcberlegungen zum Pfarramt der Zukunft, wie zur wachsenden Bedeutung ehrenamtlicher Mitarbeit.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Nach wie vor ist die Situation anderer, hauptamtlicher Berufsgruppen in der Kirche im Vergleich zum Pfarramt ungesichert. In einer noch immer oder wieder schrumpfenden Kirche wird das umso mehr schmerzhaft sp\u00fcrbar, als sich der beamten\u00e4hnliche Status der Pfarrerschaft nach der Wende auch in den \u00f6stlichen Gliedkirchen durchgesetzt hat. Diese Ausgangslage erschwert die M\u00f6glichkeit, eine produktive, interprofessionelle Zusammenarbeit und das daf\u00fcr notwendige Vertrauen aufzubauen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend allerdings die Zahl der Mitarbeiterstellen in der verfassten Kirche sinkt,<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> steigt sie in der, zumeist unternehmerischen, Diakonie. Sozialp\u00e4dagogen und Sozialarbeiter, Erzieherinnen und Erzieher, Diakoninnen und Diakone finden in der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe der diakonischen Einrichtungen und Dienste nach wie vor attraktive Stellen. Hier k\u00f6nnen sie einbringen, was zunehmend gefragt ist: sie st\u00e4rken die innere Achse der Diakonie, f\u00f6rdern die Unternehmenskultur, arbeiten als Seelsorgerinnen und Seelsorger, entwickeln das Freiwilligenmanagement und schlagen Br\u00fccken zwischen Kirche und Diakonie. DAs Aufrechterhalten einer beruflichen Qualifikation, die Mitarbeitenden auf beiden M\u00e4rkten und Arbeitsfeldern Chancen er\u00f6ffnet, ist deshalb ein Zukunftsthema f\u00fcr die kirchlich-diakonischen Ausbildungsst\u00e4tten und f\u00fcr die Gremien, die \u00fcber Anstellungskriterien entscheiden. Deshalb ist eine Doppelqualifikation, die neben der fachlichen die theologisch-kirchliche Perspektive st\u00e4rkt, auch in diakonischen Arbeitsfeldern w\u00fcnschenswert.<\/p>\n<p><strong>Denn wer Br\u00fccken bauen will, muss sich auf beiden Seiten, in beiden Welten auskennen<\/strong>. Im Blick auf die Kirchengemeinde hei\u00dft das, gesellschaftliche Prozesse so wahrzunehmen, dass die Anschlussf\u00e4higkeit der Gemeinde an den sozialen Wandel erhalten bleibt, zugleich aber, die eigenen Quellen und den biblischen Auftrag so zu verstehen, dass deren aktuelle Relevanz f\u00fcr das gesellschaftliche Handeln deutlich wird \u2013 im Blick auf die Diakonie, ihr kirchliches Profil zu f\u00f6rdern, zugleich aber die Triebkr\u00e4fte gesellschaftlicher und diakonischer Ver\u00e4nderungsprozesse deuten zu k\u00f6nnen. Da die Anstellungsvoraussetzungen in den Landeskirchen sehr unterschiedlich sind, m\u00fcssen die Kompetenzen, die zu einer doppelten Qualifizierung geh\u00f6ren, deshalb durch modulare Angebote der Fort- und Weiterbildung vermittelt werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong> Sehen \u2013 urteilen \u2013 handeln ( Zusammenfassung )<\/strong><\/p>\n<p><strong> 1. Was es tats\u00e4chlich bedeutet<\/strong>, dass ein Drittel der Gemeindeglieder \u00fcber 60 Jahre alt sind, dass mehr und mehr Frauen erwerbst\u00e4tig sind, dass Erziehung und Engagement in Zukunft st\u00e4rker in Ganztagseinrichtungen und Schulen stattfindet, haben wir noch kaum begriffen. Ebenso wenig nehmen wir unser gro\u00dfes Asset wahr: dass Kirche eine der wenigen Generationen\u00fcbergreifenden Organisationen ist, die Dienstleistungen anbieten, \u00f6ffentlichen Raum zur\u00a0 Verf\u00fcgung stellen und Engagement binden kann.<\/p>\n<p><strong> 2. Die Diakoniedenkschrift von 1998 zeigt drei Perspektiven auf:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Zielgruppenorientierung und Vers\u00e4ulung \u00fcberwinden,<\/li>\n<li>die Aktivit\u00e4ten anderer Tr\u00e4ger und ihre St\u00e4rken w\u00fcrdigen,<\/li>\n<li>offen und lernbereit und dabei des eigenen Profils bewusst sein und damit Teilhabe und Kooperation erm\u00f6glichen.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>3. Eine diakonische Kirche verwirklicht sich als offene Gemeinschaft<\/strong>. Jeder und jede hat das Recht auf Zugang zum Glauben, das Recht auf Gewissens- und Meinungsfreiheit, das Recht auf Integrit\u00e4t der Person, das Recht auf Gleichheit und Teilhabe. Wenn jetzt der Aufruf zur Inklusion von au\u00dfen kommt, dann haben wir einen inneren Weckruf verschlafen.<\/p>\n<p><strong> 4. Diakonie ist eine Bildungsbewegung, in der sich Engagement und Spiritualit\u00e4t so verkn\u00fcpfen, dass auch die Kirche sich weiter entwickelt und ver\u00e4ndert.<\/strong> Diakonische Professionalit\u00e4t verbindet Fachwissen mit theologischer Reflexionsf\u00e4higkeit, Handeln mit Spiritualit\u00e4t, den Blick auf gesellschaftliche Umbr\u00fcche mit kirchlicher Planung.<\/p>\n<p><strong> 5. Die Kompetenzen von Diakoninnen und Diakonen zielen darauf, das spezifische Profil diakonischer Dienste zu erhalten und weiter zu entwickeln und zugleich die gesellschaftliche Wirkkraft der Kirche zu st\u00e4rken. <\/strong>Diese Kompetenzen m\u00fcssen f\u00fcr die Aus-, Fort- und Weiterbildung beschrieben und auch in den Eingruppierungen wert gesch\u00e4tzt werden.<\/p>\n<p><strong>6. Diakoninnen und Diakone sind<\/strong> <strong>Dolmetscher zwischen Kirche und Diakonie<\/strong>. Sie brauchen deshalb <strong>Qualifikationen und Rahmenbedingungen, die ihnen Mobilit\u00e4t und Wechsel erm\u00f6glichen<\/strong>, sowie Berufswege, die offen sind f\u00fcr die notwendigen Weiterentwicklungen im gesellschaftlichen Wandel. Landeskirchliche Festlegungen in die eine oder andere Richtung, Sackgassen, die Mobilit\u00e4t einschr\u00e4nken und Anstellungsverh\u00e4ltnisse, die zu Verunsicherung und Dequalifizierung f\u00fchren, m\u00fcssen \u00fcberwunden werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Zahlen aus: Thomas von Winter: Demographischer Wandel und Pflegebed\u00fcrftigkeit, in Thomas Klie u.a.: Entwicklungslinien im Gesundheits- und Pflegewesen,\u00a0Frankfurt am Main, 2003<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Beispiele daf\u00fcr hat das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD i2007 n der Dokumentation des Projekts \u201e Das Ethos f\u00fcrsorglicher Pflege\u201c dargestellt<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Prof. Dr. Tim Hage nah, Lehrstuhl f\u00fcr Arbeits-, Organisations- und Gesundheitspsychologie an der Fachhochschule der Diakonie<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Peter C. Bloth, Karl-Fritz Daiber u.a. ( Hrgb):Handbuch der Praktischen Theologie, Bd 4, Praxisfeld Gesellschaft und \u00d6ffentlichkeit, S. 274<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> .a.O. S. 275<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> A.a.O. S.278<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Darin unterscheidet sich das\u00a0 EKD-Reformpapier \u201eKirche der Freiheit\u201c von 2006 nicht von kritischen Reaktionen darauf wie der von Isolde Karle, Kirche im Reformstress, G\u00fctersloh 2010<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Es liegt wohl auch an der Situation der Anstellungsverh\u00e4ltnisse, dass eine genaue Zahl der beruflich Mitarbeitenden jenseits des Pfarramts in der EKD nicht vorliegt. Die aej geht derzeit von ca 5000 Mitarbeitenden in der Jugendarbeit aus.<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Engagement und Spiritualit\u00e4t \u201eDer Geist Gottes wirkt in den Fugen\u201c, hat Ernst Lange gesagt, und ich sehe vor mir die&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=597\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":570,"menu_order":1001,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-597","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/597"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=597"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/597\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":599,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/597\/revisions\/599"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/570"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=597"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}