{"id":595,"date":"2015-02-20T17:19:21","date_gmt":"2015-02-20T17:19:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=595"},"modified":"2016-02-04T19:21:16","modified_gmt":"2016-02-04T19:21:16","slug":"haltetaue-der-sehnsucht","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=595","title":{"rendered":"Haltetaue der Sehnsucht"},"content":{"rendered":"<p><strong>Referat von OKR\u2019in Cornelia Coenen-Marx, EKD<\/strong><\/p>\n<p><strong>Anlass: Begegnungstagung \u201eGeistliche Gemeinschaften\u201c<\/strong><br \/>\n<strong> \u201eWirf dein Seil hin\u00fcber &#8211; Haltetaue der Sehnsucht\u201c<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Berlin-Zehlendorf, 19.-21. November 2010<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>1. Sehnsucht nach Gemeinschaft<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt eine Frage, die ich in meiner Zeit als Kaiserswerther Vorsteherin so oft geh\u00f6rt habe wie keine andere. Die Frage hei\u00dft: \u201eWie viele Diakonissen haben Sie denn noch?\u201c Wenn Besucherinnen und Besucher das Mutterhaus besichtigten, fragten sie regelm\u00e4\u00dfig, und immer war die Freude gro\u00df, wenn denn noch einmal eine Schwester in Tracht und Haube zu sehen war. Fast jeder konnte von der Gemeindeschwester erz\u00e4hlen, die den Kindergarten geleitet und die Oma gepflegt hatte, viele von einer Tante, die Diakonisse gewesen war. Die Melancholie, die in diesen Fragen steckte, konnte ich gut verstehen \u2013 auch ich kenne den dunkelblauen Stoff mit den hellblauen P\u00fcnktchen seit fr\u00fchester Kindheit. Und trotzdem fand ich die nicht enden wollende Trauer \u00fcber das allm\u00e4hliche Sterben der alten Gemeinschaft m\u00fchsam. \u201eWie viele Schwestern haben Sie denn noch?\u201c Die Sentimentalit\u00e4t in dieser Frage macht es schwierig, loszulassen und Neues zu gestalten. tats\u00e4chlich: wann immer wir eingeladen haben in den Berufst\u00e4tigenkonvent, war die \u00d6ffentlichkeit vor allem entt\u00e4uscht, dass nichts mehr so schien, wie es war. Erwartungen von au\u00dfen k\u00f6nnen auch unsere eigene Entwicklung einengen. Eine realistische Wahrnehmung ist die notwendige Voraussetzung f\u00fcr einen neuen Anfang \u2013 und vielleicht hat es einen tiefen Sinn, dass wir heute am Ende des Kirchenjahrs hier zusammen sind \u2013 in einer Zeit des Abschiednehmens voller Hoffnung auf einen neuen Anfang.<\/p>\n<p>Ich habe manchmal an die alte W\u00fcstenv\u00e4tergeschichte gedacht, in der ein Pilger an einer Baustelle vorbeikommt. Es scheint eine Abtei zu sein, an der gearbeitet wird. Der Pilger spricht einen Mann an, der davor sitzt und die Arbeit beaufsichtigt \u2013 es scheint ein M\u00f6nch zu sein. Und es stellt sich heraus: das ist sogar der Abt: \u201eOh, es tut so gut, zu sehen, dass an einem Kloster gebaut wird\u201c, sagt der Pilger. \u201eNein\u201c; sagt der Abt, \u201ewir rei\u00dfen es ab\u201c. \u201eSie rei\u00dfen es selber ab? Warum denn?\u201c \u201eDamit wir wieder im Morgengrauen den Sonnenaufgang sehen k\u00f6nnen\u201c; sagt der Abt.<\/p>\n<p>Ja, es kann passieren, dass wir vor lauter Traditionsgeb\u00e4uden vergessen, worum es eigentlich geht und was Kern unseres Auftrags ist. In Kaiserswerth jedenfalls hatte ich oft das Gef\u00fchl, dass die Traurigkeit sich zu sehr an den alten Formen festmachte und die Asche konservierte, statt nach dem Feuer unter der Glut zu fragen. Interessanterweise waren es aber nicht nur die meist \u00e4lteren Patienten, Angeh\u00f6rige und Mutterhausbesucher, die fragten. Auch bei den Einf\u00fchrungsseminaren f\u00fcr neue Mitarbeitende faszinierte nichts so sehr wie die Berichte der alten Diakonissen \u00fcber ihren Alltag in der Gemeinschaft. Dabei kam es eigentlich nicht darauf an, ob die Schwester, die da erz\u00e4hlte, Tracht und Haube trug. Ihre Erfahrungen waren gefragt \u2013 Erfahrungen aus einer anderen Welt. Da geh\u00f6rten der gemeinsame Mittagstisch und die Tagzeitengebete noch selbstverst\u00e4ndlich zum Arbeitsalltag. Da blieb Zeit, an einem Sterbebett zu sitzen \u2013 wenn es sein musste, bis in die Nacht. Da geh\u00f6rten die K\u00fcchenschwestern genauso zur Gemeinschaft wie die Stationsleitungen und kein Tarif spaltete die Kerntruppe vom outgesourcten Rest. Schwestern erz\u00e4hlten von ihren Berufskarrieren mit immer neuen Stationen und immer neuen Lernerfahrungen, von Auslandsaufenthalten in Brasilien, Rom, Jerusalem &#8211; von Karrieren, die heute in verantwortliche Leitungspositionen f\u00fchren konnten und einen morgen wieder auf die Schulbank brachten, down to earth. Beim Erz\u00e4hlen leuchteten die Augen der Zuh\u00f6rerinnen.<\/p>\n<p>Und das, obwohl jeder wusste, dass dieses Leben seinen Preis hatte: Diese Sterbebegleitung war nur m\u00f6glich, weil Schwestern so mit ihren Stationen verbunden waren, dass sie dort lebten und oft genug auch \u00fcbernachteten. Der gemeinsame Mittagstisch war nur m\u00f6glich, weil das Mutterhaus seine T\u00f6chter versorgte &#8211; und weil jede von ihnen auf eine eigene Familie verzichtete. Die Gleichstellung aller Dienste war nur m\u00f6glich, weil alle auf Einkommen verzichteten. Ins Ausland, wo manche auflebten, wurde man geschickt \u2013 oft genug, ohne die Sprache vorher zu lernen. Entschiedenheit, Courage, Verzicht und Konzentration waren der Schl\u00fcssel f\u00fcr dieses Leben; das wussten die jungen Mitarbeiterinnen, die so begeistert zuh\u00f6rten. Aber das \u00e4nderte nichts an der Faszination.<\/p>\n<p>Es ist wohl eine verlockende Vorstellung, sich einordnen zu k\u00f6nnen in ein gr\u00f6\u00dferes Ganzes, und den komplexen, funktionalisierten Alltag mit all seinen Konflikten hinter sich zu lassen. Die Schmerzen der Autonomie, des dauernden Zwangs zu entscheiden, sich selbst immer neu zu erfinden und immer wieder unterschiedlichste Rollen zu vereinbaren &#8211; einfach hinter sich zu lassen. Ich wei\u00df aber auch: Menschen sehnen sich danach, ihre Berufung zu kennen, zu tun, was ihnen entspricht und der Stimme ihres Herzens zu folgen. Menschen m\u00f6chten einen unverwechselbaren Beitrag leisten. George Bernhard Shaw &#8211; eher ein Skeptiker als ein \u00fcberzeugter Christ &#8211; hat das einmal in S\u00e4tze gekleidet, die erschreckend steil und unmodern sind, aber diese Sehnsucht wohl treffen. \u201eDies ist die wahre Freude im Leben \u2013 gebraucht zu werden f\u00fcr einen Zweck, den man selbst als einen m\u00e4chtigen erkennt, vollst\u00e4ndig aufgebraucht zu sein, bevor man auf den M\u00fcllhaufen geworfen wird. Eine Naturkraft zu sein, statt ein kleiner, fiebernder, egoistischer Klumpen der Wehleidigkeit und des Jammers, der sich beschwert, das die Welt sich nicht aufopfern will, ihn gl\u00fccklich zu machen.\u201c Gebraucht werden und die eigene Berufung erkennen, Teil eines Ganzen sein und Zugeh\u00f6rigkeit sp\u00fcren \u2013 das ist gerade in unserer individualisierten Moderne gefragt.<\/p>\n<p>Als ich als Vorsteherin in Kaiserswerth anfing, waren gerade zwei neue, junge Schwestern eingef\u00fchrt worden. Eine von den beiden wollte sich noch einmal ganz hineingeben in diese Tradition des Dienstes, der Hingabe und Selbstvergessenheit \u2013 sie trug im ersten Jahr nach der Einsegnung Tracht und Haube als sichtbares Zeichen der Sehnsucht nach einem anderen Leben. \u201eIch werfe meine Sehnsucht zu Dir r\u00fcber \u2013 wie ein Tau von einem Schiff an Land\u201c, hei\u00dft es in einem Lied. \u201eVielleicht ist einer da und holt mich r\u00fcber, vielleicht, vielleicht, vielleicht nimmt einer meine Hand.\u201c<\/p>\n<p>Gemeinschaften sind Haltetaue der Sehnsucht, sie symbolisieren einen Geist, der den Egoismus unserer Gegenwart \u00fcberschreitet. Vor allem das Werden und Wachsen neuer Gemeinschaften symbolisiert \u201edas Ende der Egomanie\u201c; wie es Horst-Eberhard Richter schon vor Jahren in einem Buch \u00fcber die Krise des westlichen Bewusstseins nannte. Gemeinschaften sind Hoffnungsanker gegen den Schmerz der Einsamkeit. Aber dieser Schmerz, das werden wir gleich sehen, lebt nat\u00fcrlich auch in der Gemeinschaft. Und die jungen Novizinnen wurden, wie es wohl \u00fcberall geschieht, sehr schnell zu Hoffnungstr\u00e4gerinnen einer alternden Gemeinschaft- eine Rolle, der wohl kaum jemand auf Dauer gewachsen ist. Keine von beiden geh\u00f6rt mehr dazu.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Wir k\u00f6nnen unserer Zeit nicht entfliehen<\/strong><\/p>\n<p>\u201eWas in zwei Koffer passt\u201c hei\u00dft das Buch von Veronika Peters \u00fcber ihre Klosterjahre als Benediktinerin. Sie erz\u00e4hlt darin von der Faszination des alternativen Lebens, den R\u00fcckzugsm\u00f6glichkeiten in einem Kloster, der Suche nach dem Grund des Daseins, nach einem Leben, das gr\u00f6\u00dfer ist als unser eigenes. Sie erz\u00e4hlt aber auch davon, dass sie nach einem Theologiestudium von der Mutter Oberin zur Leiterin einer Buchhandlung ernannt wird und wie sie dort, mitten im Kloster, einen ganz normalen Arbeitsalltag erlebt. Hierarchie und Auftr\u00e4ge, Wettbewerb und Management, Planungen und Ergebnisse &#8211; so hatte sie sich das nicht vorgestellt. Die Klosterfrau wird zur Chefeink\u00e4uferin, Computerfachfrau, Dekorateurin, Verk\u00e4uferin, schlie\u00dflich auch zur Organisatorin von gut besuchten Lesungen &#8211; und hat pl\u00f6tzlich einen Fulltime-Job mit respektabler Erfolgsquote. Nur hat dieses Alltagsleben nichts mehr mit dem zu tun, was sie im Kloster gesucht hatte. Sie leistet einen Beitrag zur finanziellen Sicherung der Gemeinschaft \u2013 aber sie sp\u00fcrt nichts von dem spirituellen Feuer, das die Gemeinschaft w\u00e4rmt. Oder, so \u00fcberlegt sie, fehlt es ihr an Gemeinschaftsf\u00e4higkeit? Veronika erlebt die Einbindung in ein festes, manchmal enges, manchmal wunderbares Gef\u00fcge, aus dem sich zu l\u00f6sen es einen guten Grund braucht. Aber manchmal, so schreibt sie, \u201elegt sich die Bindung an diesen Ort wie eine Schlinge um meinen Hals.\u201c<\/p>\n<p>Die Suche nach Zugeh\u00f6rigkeit und Bindung, nach R\u00fcckbindung &#8211; denn nichts anderes bedeutet ja \u201eReligion\u201c &#8211; zeigt ihre Kehrseite: eingebunden sein, an einen Ort gebunden sein, keine gro\u00dfen Spr\u00fcnge machen k\u00f6nnen. In einer Zeit, in der die meisten Menschen sich aus \u00fcberkommenen Bindungen l\u00f6sen, trifft das zwar unsere Sehnsucht &#8211; ist aber auch eine gro\u00dfe Herausforderung.<\/p>\n<p>Das Buch erz\u00e4hlt, wie Veronika allm\u00e4hlich zu einer erfolgreichen Gesch\u00e4ftsfrau wird und, fast ohne es zu merken, in immer st\u00e4rkere Distanz zum Kloster ger\u00e4t. Der Spagat zwischen Gesch\u00e4ft und Gemeinschaft wird zur Zerrei\u00dfprobe, immer weniger nimmt sie am Klosterleben teil. Aus der \u00e4u\u00dferen Distanz wird eine innere. So verliebt sie sich, ohne es selbst zun\u00e4chst zu merken, in einen Kunden ihrer Buchhandlung, mit dem sie zun\u00e4chst nur B\u00fccher, Texte, Gedichte teilt. Und packt dann kurz entschlossen, in einer pl\u00f6tzlich sehr klaren Entscheidung, was in zwei Koffer passt \u2013 und verl\u00e4sst das Kloster.<\/p>\n<p>\u201eIch habe diesen Ort geliebt\u201c; schreibt sie am Schluss ihres Buches. \u201eEr war etwas Besonderes, auch wenn er nicht gehalten hat, was ich mir von ihm versprach. Eine abgeschlossene, kleine Welt, die ihren eigenen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten folgte. Der Garten, die Psalmenges\u00e4nge, die Frauen, auf deren Freundschaft ich immer stolz sein werde. Raphaelas M\u00fctterlichkeit, Luises Weisheit, Marias Freundlichkeit, Pias borstige Treue, Hedwigs warmer Gesang, Margaritas trockener Humor, Simones klarer Verstand &#8211; die Liste k\u00f6nnte noch l\u00e4nger sein. Jeder einzelnen verdanke ich viel. Es war eine wichtige Zeit, trotz &#8211; oder gerade wegen &#8211; all der inneren K\u00e4mpfe und Widerst\u00e4nde.\u201c<\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte hier meine eigene Liste imponierender Frauen anh\u00e4ngen, denn ich habe beim Lesen dieses Buches vieles und viele wieder erkannt. Vor allem aber habe ich bestimmte Muster wieder erkannt:<\/p>\n<ul>\n<li>Da ist ein Ort voller Geschichte und Sch\u00f6nheit, ein Kloster, ein Mutterhaus, ein Pilgerort, der eine besondere Faszination ausstrahlt. Ein \u201edurchbeteter Ort\u201c, sei unsere Mutterhauskirche, sagten Mitarbeiter gern. Und sie h\u00e4tten sie gern weiter ausgeschm\u00fcckt und auch f\u00fcr andere ge\u00f6ffnet: mit Ikonen und Weihwasserbecken, mit Gebetsb\u00e4nkchen und Teppichen. Zu diesem Ort geh\u00f6ren der Park und der Friedhof, aber auch die Ursprungsgeschichte, die Legenden der Gr\u00fcnder, die alten Bilder. Heimat und Geborgenheit finden wir an Pl\u00e4tzen, die \u00fcber sich selbst hinausweisen und Wurzeln haben in einer anderen Zeit.<\/li>\n<li>Da sind die Rituale, die Liturgien und Ges\u00e4nge, die Tagzeitengebeten, zu denen die Gemeinschaft aus der Zerstreuung des Tages zusammen kommt \u2013 die Glocken, die zu allen Gebetszeiten zu h\u00f6ren sind und wie ein Weckruf \u00fcber dem Gel\u00e4nde nachklingen: Angebote zur Sammlung, zur Konzentration und Stille. \u201eSammlung\u201c, schreibt Emanuel Jungclaussen, \u201eist nicht nur der Gegensatz zur Zerstreuung, sie ist die Antithese zu allem Aufgeben an der Peripherie und zum Sich-Gehen-Lassen. Sammlung ist das Einheitlich-Werden der ganzen Person, das Erwachen zum eigentlichen Selbst, der Durchbruch in die Tiefe. Nur der Gesammelte ist wirklich wach. Nur der Wache lebt wirklich\u201c.<\/li>\n<li>Und schlie\u00dflich die Menschen, mit denen man sich intensiv auseinandersetzt und die einem allm\u00e4hlich zur Familie werden \u2013 die in unseren Gesichtern lesen k\u00f6nnten und uns verbunden bleiben. Dass das bruchst\u00fcckhaft erkannte Du tiefer menschlicher Beziehungen eines Tages einm\u00fcndet in das gro\u00dfe Du der Ewigkeit, dass wir hinter all dem Fragmentarischen, manchmal Schmerzhaften und jedenfalls Fehlerhaften menschlicher Gemeinschaft die Gemeinschaft der Heiligen erkennen und auch f\u00fcr Augenblicke erfahren; das w\u00fcnschen wir uns alle. Und es kann geschehen: in der pl\u00f6tzlichen \u00dcbereinkunft nach langer Suche, im gemeinsamen Gesang der verschiedenen Stimmen, in der Stille des Gebets, in einer gemeinsamen Aufgabe.<\/li>\n<li>Aber auch etwas anderes habe ich wieder erkannt: den Alltag der Gemeinschaft. Den Berufsalltag, die Auseinandersetzungen innerhalb der Hierarchie, die schmerzhaften Konkurrenzk\u00e4mpfe zwischen den Schwestern, die Zerrei\u00dfproben zwischen Gesch\u00e4ft und Kontemplation. Zumindest f\u00fcr die Schwesternschaften in den gro\u00dfen diakonischen Unternehmen sind diese Zerrei\u00dfproben zum Alltag geworden.<\/li>\n<li>Die Vorstellung, dass berufst\u00e4tige Schwestern am Morgen- und Abendgebet teilnehmen k\u00f6nnten, wurde schon lange aufgegeben &#8211; zumeist liegen die Gebetszeiten so, dass sie mit den Schichten nicht vereinbar sind. Kontemplation f\u00fcr Mitarbeitende \u2013 das ist Privatsache geworden, Freizeit also &#8211; f\u00fcr die meisten ist es nicht mehr attraktiv, sie im beruflichen Kontext zu verbringen. Zu sehr reiben sich die Logik der Dienstleistung, die sich um Gewinn und Nutzen dreht, mit der der Gemeinschaft, die auf Gabenaustausch basiert. Die Logik der Unternehmen, in denen Management, Strategie und Planung z\u00e4hlen und die Uhr diktiert, mit denen des Dienstes, der auf Personalit\u00e4t und Beziehungsgestaltung basiert. Es kann nicht verwundern, dass viele Mitarbeitende es als Widerspruch erleben, wenn diakonische Unternehmen spirituelle Angebote machen. Und manches Finanzamt \u00fcbrigens sieht darin einen geldwerten Vorteil.<\/li>\n<li>Wo nicht Sinn gesucht wird, sondern der Nutzen regiert, wo alles in Dienstleistungen beschrieben werden kann, wird dann auch die Frage laut, was die spirituellen Angebote, was die Gemeinschaften dem Unternehmen bringen. Die Funktionalisierung der Moderne macht auch vor dem inneren Kern nicht halt. Und das bedeutet: sie ber\u00fchrt auch die Personen, die einander in der Gemeinschaft begegnen &#8211; mit ihren unterschiedlichen Berufsbiographien, den verschiedenen Kompetenzen und Hierarchiestufen. Drau\u00dfen halten l\u00e4sst sich nicht. Die Frage ist, ob die Kr\u00e4fte reichen, die Perspektive zu weiten und den Alltag neu zu gestalten. Diejenigen, die wieder gegangen sind, hatten das Gef\u00fchl, sie w\u00e4ren an diesem Projekt gescheitert.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Auch Veronika Peters setzt sich mit diesen Fragen auseinander: \u201eIm Buddhismus ist es durchaus \u00fcblich, sich f\u00fcr eine Zeit in ein Kloster zu begeben, zu lernen, was man lernen zu m\u00fcssen glaubt, einen Monat, ein Jahr, zehn Jahre, um dann in eine neue Lebensphase zu treten\u201c; schreibt sie zum Schluss. \u201eDie Nonnen werden das wahrscheinlich nicht so sehen. Ich habe mit ihnen gelebt, gebetet, gearbeitet, das war meistens sch\u00f6n und manchmal gut, aber es musste nicht f\u00fcr die Ewigkeit sein\u2026 Gescheitert \u2013 nein, weitergegangen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Vom Wunsch nach Achtsamkeit in br\u00fcchigen Ordnungen<\/strong><\/p>\n<p>Andreas Feldtkeller, praktischer Theologe und ehemaliger Vikar im Libanon, hat ein inspirierendes Buch mit dem Titel \u201eWarum denn Religion?\u201c geschrieben. Darin zeigt er an vielen Beispielen, Texten und Geschichten aus den Weltreligionen, dass Religion nicht nur eine Frage von Bewusstsein und Spiritualit\u00e4t, von Ethik und Sinngebung ist: Sie hat es immer mit Leiblichkeit, Gemeinschaft und Eingebunden-Sein in das Ganze zu tun. Also: mit Herzschlag und Atem, mit Essen und Trinken, mit Pilgern und Bewegtwerden, mit Sexualit\u00e4t und Geschlechterrollen, mit Generationenbeziehungen und Bildung, mit F\u00fcrsorge und Pflege, mit Beheimatung an bestimmten Orten und mit den Rhythmen des Jahres und des Lebens. Mit Ordnungen also, die wir dem Ganzen geben. In unserer modernen, mobilen, s\u00e4kularen westlichen Welt, meint er, seien diese Ordnungen verloren gegangen, sie seien vernachl\u00e4ssigt und missachtet worden. Heute k\u00e4men auf dem Umweg \u00fcber andere Religionen wieder zu uns zur\u00fcck. Mit Atem- und Achtsamkeits\u00fcbungen, mit Fastenzeiten und Pilgerwegen, mit der Hospizbewegung, mit einer Aktion wie dem \u201eAnderen Advent\u201c, im Kampf um den arbeitsfreien Sonntag, in den Kl\u00f6stern auf Zeit und in der Suche nach Gemeinschaft.<\/p>\n<p>Aber die Selbstverst\u00e4ndlichkeit, mit der sich fr\u00fchere Generationen in ihrer religi\u00f6sen Tradition bergen konnten, ist verloren. Der Zweiklang von Aktion und Kontemplation, von Gottes- und Weltbezug, der das Leben der diakonischen Gemeinschaften bestimmt hatte, ist zerbrochen. Die Bibelworte \u00fcber den Eingangst\u00fcren der Mutter- und Bruderh\u00e4user und die alten Liturgien werden nicht mehr verstanden, die Tischgemeinschaften wichen den Buffets der Caterer, zu denen jeder kommt, wann er Zeit hat, die gemeinsame Tagesstruktur ist zerbrochen, seit Arbeit und Leben auseinander gefallen sind. Die Sehnsucht nach Religion ist ungestillt, aber die Institutionen, in denen Arbeit und Leben, Glaube und Handeln verbunden waren, haben ihren Charakter vollkommen ver\u00e4ndert. Das Auseinanderfallen der Gesellschaft in unabh\u00e4ngige Teilsysteme, das Niklas Luhmann so trefflich beschrieben hat, hat vor der Diakonie nat\u00fcrlich nicht haltgemacht: Die Einheit von Glaubens- Lebens- und Dienstgemeinschaft ist weitgehend aufgel\u00f6st &#8211; genauso wie die Identit\u00e4t von Institution und Person im diakonischen Amt und die von Arbeit und Leben bei jedem einzelnen Mitarbeiter.<\/p>\n<p>Die neue Suche nach Ganzheitlichkeit wird an pers\u00f6nlichen Erfahrungen festgemacht. Viele m\u00f6chten ihren Glauben \u201eerden\u201c, durch Handauflegen, Salbung, Ber\u00fchrung. Das Hier und Jetzt des eigenen K\u00f6rpers bietet den Rahmen f\u00fcr intensive und unmittelbare Wahrnehmung. Rituale gewinnen neue Bedeutung &#8211; als gestalteter Ausdruck von Gef\u00fchlen, von \u00dcberg\u00e4ngen in Zeit und Raum. Die Gemeinschaften, in denen Leiblichkeit und Emotion nur eine sehr vermittelte Rolle spielte, werden auch durch diese Ver\u00e4nderungen herausgefordert. Charlotte Renner, die Kaiserswerther Oberin der sechziger Jahre, hat diese Ver\u00e4nderungen schon 1967 thematisiert. Sie schrieb: der Kern der Gemeinschaft sei \u201eungeteilte Aufmerksamkeit\u201c \u2013 in \u201eGebetsstille und Meditation\u201c &#8211; aber auch in der Wahrnehmung des Dienstes. Zeiten des R\u00fcckzugs seien dringend n\u00f6tig, damit der Blick sich kl\u00e4rt und die Perspektive sich \u00f6ffnet f\u00fcr die Transzendenz hinter der sichtbaren Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Die \u00f6stliche religi\u00f6se Tradition spricht in diesem Zusammenhang von \u201eeinf\u00fchlsamer Pr\u00e4senz\u201c: Dazu geh\u00f6ren, wie der Psychologe David Richo schreibt, f\u00fcnf Qualit\u00e4ten: Aufmerksamkeit, Annahme, Wertsch\u00e4tzung, Zuneigung und Zulassen. Diese Qualit\u00e4ten sind notwendig, um andere zu unterst\u00fctzen und mit zu f\u00fchlen, sie sind aber eben so n\u00f6tig, um mit den eigenen Schw\u00e4chen und Fehlern angemessen umzugehen.<\/p>\n<p>Darum geht es auch Veronika Peters: Sie f\u00fchlt sich nicht verstanden, wenn die Oberin im Namen der Gemeinschaftsnorm ihre Gef\u00fchle verletzt und im Namen des gr\u00f6\u00dferen Ganzen \u00fcber Widerspr\u00fcche hinweggeht. Es ist n\u00e4mlich nicht die Suche nach der Wahrheit im Sinne einer Norm, die sie ins Kloster gebracht hat \u2013 es ist die Suche nach dem lebendigen Gott, und die Hoffnung, dass die Gemeinschaft daf\u00fcr einen Rahmen bereit halten k\u00f6nnte. Als eine Schwester die unzufriedene Veronika in der Buchhandlung besucht, versucht sie sie dazu zu bewegen, diese Arbeit einfach anzunehmen. Keine Arbeit k\u00f6nne einen Menschen aus der Gemeinschaft heraus treiben, sagt sie, wenn das Fundament stimme. Das Dasein als Ordensfrau sei eine Frage der inneren Haltung. \u201eUnd das ber\u00fchmte Beispiel vom Meister kommt mir in den Sinn, der inmitten einer stark befahrenen Kreuzung unersch\u00fctterlich meditiert\u201c, schreibt Veronika. \u201eEs gibt sie, die in die Tiefe dringen, wie auch immer die \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde beschaffen sind. Bei mir hat es bislang nur f\u00fcr ein Kratzen an der Oberfl\u00e4che gereicht, allenfalls die Freilegung der oberen Schicht\u201c.<\/p>\n<p>\u201eWenn Gott es ist, der meine Sehnsucht annimmt und mich l\u00e4sst \u2013 wenn Gott es ist, dann h\u00e4lt er mich mit meiner Sehnsucht fest.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Freiheit und Verbundenheit: Spannungsfelder der Gemeinschaft<\/strong><\/p>\n<p>Fragen wir noch einmal nach dem Rahmen, in dem unsere Gemeinschaften leben und lebten. Eine Neuformulierung des Diakonissenspruches von Hermann L\u00f6he, der auch im Kaiserswerther Mutterhaus einst auf jedem Nachttisch stand (\u201eMein Lohn ist, dass ich darf\u201c) w\u00fcrde \u201eheutzutage eher von der Freiheit reden m\u00fcssen, zu der uns Christus befreit hat\u201c, schrieb der Kasseler Vorsteher Friedrich Thiele 1963. Die Schwestern m\u00fcssten in viel betonterer und andersartiger Weise selbst Subjekt ihres Lebens \u2026werden&#8230;\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. Damals belastete die Anpassung der meisten diakonischen Einrichtungen an die Gesundheits- und Rassepolitik des Dritten Reiches die Gewissen vieler Schwestern noch immer schwer. Sie haben sich lebenslang erinnert an die Sterilisationen unter Anleitung der \u00c4rzte und die Entlassung psychisch Kranker mit Billigung der Vorsteher, an die Transporte Behinderter nach Hadamar \u2013 das waren Erfahrungen, die die Integrit\u00e4t der Einrichtungen und die Autorit\u00e4t der Vorgesetzten kontaminierten. Mitglieder f\u00fchlten sich gezwungen, gegen das eigene Gewissen zu handeln \u2013 im Gehorsam gegen Vorgesetzte, die sich nicht scheuten, noch die Theologie f\u00fcr wirtschaftliche und politische Zwecke zu missbrauchen. Freiheit ist eine Grundvoraussetzung f\u00fcr eine evangelische Gemeinschaft. Haben wir das m\u00f6glicherweise eine Zeitlang vergessen, weil die Dienstgemeinschaft eben auch den Einrichtungen und Unternehmen diente? Wo Gemeinschaft funktionalisiert wird, ist sie gef\u00e4hrdet.<\/p>\n<p>Heute ist Freiheit eine selbstverst\u00e4ndliche Grundlage gemeinschaftlichen Lebens. \u00dcber das, was die Gemeinschaft betrifft, entscheiden die gew\u00e4hlten R\u00e4te, Vorsteherinnen und Bruder\u00e4lteste agieren eher als deren Vorsitzende. Die Zeit, in der sie zugleich Dienstvorgesetzte waren, ist ohnehin fast \u00fcberall vorbei. Gegen seinen oder ihren Willen wird niemand mehr in einen Einsatz gestellt. Und \u00fcber die Frage, wo jemand wohnt, entscheiden nur noch im Feierabend andere \u2013 mit all den schmerzhaften Abh\u00e4ngigkeiten, die dazu geh\u00f6ren \u2013 Abh\u00e4ngigkeiten von einem Unternehmen, das l\u00e4ngst anderen Gesetzen folgt als denen der Genossenschaften.<\/p>\n<p>Dies ist vielleicht der Augenblick, in dem ich noch einmal deutlich machen muss, dass es gerade in den diakonischen Gemeinschaften vielf\u00e4ltige \u00dcberschneidungen zwischen Gemeinschaft, Amt und Beruf gegeben hat. Das ist kein Wunder, wenn man sich klar macht, wie eng Beruf und Berufung in unserer Tradition zusammen geh\u00f6ren. Und es ist mehr als nachvollziehbar, dass gerade die diakonischen Gemeinschaften von Anfang an darum k\u00e4mpften, dem diakonischen Amt als \u00e4u\u00dfere Best\u00e4tigung der Berufung durch die Kirche zu st\u00e4rken. Diakonische Gemeinschaften sind damit Gemeinschaften in bestimmten Berufs- und Handlungsfeldern, die den Charakter der Berufung zu diesem Dienst wach halten wollten \u2013 das gilt vor allem f\u00fcr die Pflege, die dabei im Spannungsfeld zwischen Person, Funktionalisierung und Dienstleistung beinahe aufgesogen wurde.<\/p>\n<p>Nach ihrem eigenen Selbstverst\u00e4ndnis sind diakonische Gemeinschaften also Konvente von Amtstr\u00e4gern im Diakonat der Kirche \u2013 das gilt vor allem f\u00fcr die Diakoninnen- und Diakonengemeinschaften. Kein Wunder, dass das EKU-Diakonengesetz f\u00fcr die Einsegnung keine Verpflichtung zur Mitgliedschaft in der Gemeinschaft vorsah &#8211; und sich jedenfalls darin nicht vom Pfarrdienstrecht unterschied. F\u00fcr die Berufsaus\u00fcbung ist Gemeinschaft nicht n\u00f6tig. N\u00f6tig ist sie f\u00fcr diejenigen, die sich w\u00fcnschen, ihre Berufung, vielleicht auch die in einem bestimmten Arbeitsfeld, mit anderen zu teilen und gemeinsam das Feuer zu pflegen, das sie in diesen Dienst gebracht hat. Das aber gelingt nur in Freiheit und jenseits der beruflichen Hierarchien und der Regeln einer Organisation mit ihrer Machtaus\u00fcbung und ihren Sanktionen, die in fr\u00fcherer Zeit bis in die Lebensformen hineinreichten \u2013 von der Verlobung der Diakoninnen und Diakone bis hin zur Trennung von Schwestern, die als Freundinnen zusammen lebten.<\/p>\n<p>Heute werden in vielen Gemeinschaften unterschiedliche Lebensformen akzeptiert. So hei\u00dft es in der Kaiserswerther Schwesternordnung von 2001: \u201eOb Frauen verheiratet oder nicht verheiratet sind, ob sie mit Kindern oder kinderlos leben, ob sie voll- oder teilzeitbesch\u00e4ftigt oder ohne Erwerbsarbeit sind &#8211; wir akzeptieren, dass sich Frauen je nach Lebenssituation unterschiedlich stark an die Gemeinschaft binden k\u00f6nnen und m\u00f6chten. Wir achten untereinander Verletzlichkeit und Grenzen, Tr\u00e4ume, Hoffnungen und unterschiedliche Fr\u00f6mmigkeitsstile\u201c. Wer diese Vielfalt zul\u00e4sst, wird sich allerdings fragen lassen m\u00fcssen, wie er mit Konflikten umgeht \u2013 oder ob solche Toleranz nicht leicht umschl\u00e4gt in Gleichg\u00fcltigkeit. Nach meiner Erfahrung werden \u201ahei\u00dfe Themen\u2018 wie der Umgang mit Geld oder Sexualit\u00e4t nicht immer offen diskutiert. Eine falsch verstandene Freiheit aber kann die Gemeinschaft auseinander treiben.<\/p>\n<p>\u201eEin Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan\u201c, hei\u00dft es bei Luther. Und er f\u00e4hrt fort: \u201eEin Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.\u201c Autonomie und Gewissensfreiheit einerseits und die Sehnsucht nach Einheit, die Gestaltung von Gemeinschaft andererseits stehen in Spannung zueinander. Diese Spannung l\u00e4sst sich nur l\u00f6sen durch Achtsamkeit und Respekt f\u00fcr die eigenen Werte wie f\u00fcr die der anderen \u2013 also durch vertrauensvolle Offenheit und ehrlichen Austausch. Das geordnete Gespr\u00e4ch \u00fcber Konfliktthemen geh\u00f6rt dazu. Es braucht klare Strukturen und Verabredungen, \u00fcberschaubare Gruppen und auch die pers\u00f6nliche Ebene von seelsorglicher und geistlicher Begleitung oder auch Supervision, damit das m\u00f6glich ist. Damit ist die Frage der Kommunikation in Gemeinschaften angesprochen, \u00fcber die sich, glaube ich, ein eigenes Referat halten lie\u00dfe: Hier w\u00e4re zu sprechen \u00fcber den Umgang mit \u201eFamiliengeheimnisse\u201c in Gemeinschaften, \u00fcber ihre Tendenz, sich nach au\u00dfen abzuschlie\u00dfen und damit auch die Schattenseiten zu verbergen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend meiner Zugeh\u00f6rigkeit zur Kaiserswerther Schwesternschaft sind mir diese Fragen sehr bewusst geworden. Ich habe in meinem damaligen Tagebuch nachgeschlagen und noch einmal gelesen, was mir damals im Spannungsfeld von Freiheit und Bezogenheit wesentlich schien:<\/p>\n<ol>\n<li>Ich m\u00f6chte jedem und jeder Mut machen, sich der eigenen Freiheit zu stellen &#8211; ihrer Sch\u00f6nheit und auch ihrem Schrecken. Dazu geh\u00f6rt die Notwendigkeit, \u00fcber das eigene Leben zu entscheiden: \u00fcber Bindungen, Berufswege und Lebensmittelpunkte. Keine Gemeinschaft darf auf Dauer dazu dienen, vor der Freiheit zu fliehen \u2013 in ein Nest kindlicher Geborgenheit. Ich erinnere an das alte kl\u00f6sterliche Bild vom Adlerjungen, der fliegen lernen muss. Es geh\u00f6rt konstitutiv zur Freiheit, dass wir den eigenen Weg finden, aber auch umkehren und Entscheidungen revidieren k\u00f6nnen.<\/li>\n<li>Ich m\u00f6chte jedem und jeder Mut machen, seine Gaben wahrzunehmen und weiter zu entwickeln und seiner eigenen Berufung nachzugehen. Aber auch: seine Schw\u00e4chen und Grenzen anzunehmen. Die eigenen Gaben sind notwendig, um zum Aufbau des Ganzen beizutragen. Die Gemeinschaft lebt von den St\u00e4rken jedes Einzelnen &#8211; aber sie lebt auch mit unseren Schw\u00e4chen. \u201eEs wird darum gut sein, wenn jeder einzelne einen Auftrag f\u00fcr die Gemeinschaft erh\u00e4lt, damit er in Stunden des Zweifels wei\u00df, dass er gebraucht wird\u201c; schreibt Dietrich Bonhoeffer in seinem Buch \u201eGemeinsames Leben\u201c. \u201eJede christliche Gemeinschaft muss wissen, dass nicht nur die Schwachen die Starken brauchen, sondern dass auch die Starken nicht ohne die Schwachen sein k\u00f6nnen. Die Ausschaltung der Schwachen ist der Tod der Gemeinschaft.\u201c<\/li>\n<li>Ich m\u00f6chte jedem und jeder Mut machen, sich der eigenen Sehnsucht nach Verbundenheit und der Freude an der Verantwortung zu stellen \u201eJeder Mensch d\u00fcrstet nach innerer Verbundenheit\u201c; schreibt Jean Vanier in seinem Buch \u201eIn Gemeinschaft leben\u201c \u2013 \u201eaber innere Verbundenheit hat auch ihre Erfordernisse: Man muss aus seiner Nu\u00dfschale heraus wollen, man muss verwundbar werden, um lieben und andere verstehen zu k\u00f6nnen, um jeden als einzigartig zu lieben.\u201c Genau dort aber, wo wir einander verletzen, beginnt auch die Angst vor der Gemeinschaft. In der Spannung zwischen Freiheit und Verbundenheit kommt es darauf an, im Gespr\u00e4ch zu bleiben. Es gilt, die Reaktionen anderer ernst zu nehmen, ohne uns ihnen zu unterwerfen. Kritik, Schweigen, Unterst\u00fctzung, auch Streit sind verschiedene Weisen der Begleitung auf dem Weg. Ohne Geduld und Vergebung kann keine Gemeinschaft bestehen.<\/li>\n<li>Ich m\u00f6chte jedem und jeder Mut machen, Normen zu hinterfragen. Was gut ist und was schlecht, was St\u00e4rke und was Schw\u00e4che, ist dabei manchmal nicht so klar, wie es scheint. Verzicht kann St\u00e4rke sein oder Schw\u00e4che, Schweigen Klugheit oder Feigheit. Normen, die gestern Stabilit\u00e4t gaben, k\u00f6nnen \u00fcberholt sein. Gerade Gemeinschaften sind darauf angewiesen, dass Einzelne sich herauswagen, das scheinbar selbstverst\u00e4ndliche in Frage stellen und den Mut haben, wahrhaftig zu sein. Das ist konstitutiv f\u00fcr eine evangelische Gemeinschaft. Gottes Geist ist kein Geist der Gesetzlichkeit, sondern der Freiheit. So verwandelt er auch Gemeinschaften in eine neue Zukunft.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Es gibt viele \u00c4hnlichkeiten zwischen Gemeinschaften und Familien. \u201eUm dem Ruf in eine Gemeinschaft zu folgen, muss ich mich entscheiden\u201c; schreibt Vanier. \u201eEinige fliehen davor, weil sie Angst haben, durch die Einwurzelung in eine bestimmte Erde ihre Bewegungsfreiheit zu verlieren\u2026 Sicher, wenn man eine Frau heiratet, verzichtet man auf tausend andere! Unsere pers\u00f6nliche Freiheit wird eingeengt. Aber die Freiheit w\u00e4chst nicht in einem luftleeren Raum. Sie w\u00e4chst auf einem bestimmten Boden mit bestimmten Menschen. Innerlich wachsen werden wir nur, wenn wir uns anderen gegen\u00fcber engagieren\u201c: Hingabe und Selbstwerdung, Loslassen und Gewinnen sind verschr\u00e4nkt \u2013 Familienbeziehungen sind der Rahmen, in dem die meisten Menschen erfahren, wie beides zusammen geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Aber auch Familien ringen heute mit der Spannung zwischen Autonomie und Bezogenheit, mit der Suche nach gemeinsamen Werten, Ritualen, einer gemeinsamen Kultur angesichts der unterschiedlichen Biographien und Herkunftskulturen. Manche reden in diesem Zusammenhang von der \u201eHerstellungsleistung\u201c, andere vom Aushandlungsalltag von Familien. Die Sehnsucht vieler Menschen nach Familie, nach Heimat und festen Beziehungen scheint jedenfalls weit gr\u00f6\u00dfer zu sein, als die Kraft, die im Alltag n\u00f6tig ist, sie zu halten und zu gestalten<em>.<\/em> In einer Kommission zum Thema \u201eEhe und Familie st\u00e4rken\u201c denken wir zur Zeit in der EKD dar\u00fcber nach, was n\u00f6tig ist, um angesichts wachsender Herausforderungen und Anforderungen an Familien den Zusammenhalt zu st\u00e4rken. Wie kann es gelingen zwischen dem Ideal der romantischen Liebe und der \u00dcberforderung des Familienalltags ein Leben zu gestalten, in dem das Miteinander wachsen kann? Und wie gehen wir dabei mit Scheitern und Neuanf\u00e4ngen um? Mit Verbindlichkeit, Verl\u00e4sslichkeit und Verantwortlichkeit formuliert das neue EKD-Pfarrdienstrecht die entscheidenden Werte in dem Abschnitt, den man fr\u00fcher \u201eLebensordnung\u201c nannte.<\/p>\n<p>Dass Gemeinschaften wie Familien vor den gleichen Herausforderungen stehen, ist mehr als eine zuf\u00e4llige Parallele. Die diakonischen Gemeinschaften des 19. Jahrhunderts entstanden ja in einer Zeit, in der die Herausforderungen f\u00fcr Familien wuchsen, und sie wurden ganz bewusst in Familien\u00e4hnlichen Strukturen aufgebaut. Wenn Beck-Gernsheim heute in einem neuen Buch die Frage stellen: \u201eWas kommt nach der Familie\u201c k\u00f6nnten wir uns also unmittelbar anschlie\u00dfen. Welche Gemeinschaften werden zuk\u00fcnftig die Diakonie der Kirche tragen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. Freundschaft als Kern der Gemeinschaft in Kirche und Diakonie<\/strong><\/p>\n<p>Freundschaft ist der Begriff, der mir dabei am ehesten in den Blick kommt. Freundschaften gewinnen an Bedeutung in unserer Gesellschaft. Angesichts wechselnder Jobs und auseinander brechender Ehen ist kaum noch jemand bereit, um eines Partners willen seine Freunde aufzugeben. Unter Freunden gibt es keine \u00dcber- und Unterordnung, ein hierarchisches Gef\u00e4lle, der Nutzeneffekt tritt zur\u00fcck zugunsten eines Gebens und Nehmens. Freunde stehen zueinander im Auf und Ab, sie entlasten einander, wo m\u00f6glich, und muten einander, wo m\u00f6glich, die Wahrheit zu.<\/p>\n<p>\u201eIhr seid Freunde\u201c; sagt der Johanneische Jesus ein ums andere Mal zu seinen J\u00fcngern. Und \u201eGemeinschaft der Freunde\u201c, nennt sich die Friedenskirche der Qu\u00e4ker, in der die Gemeinschaft des Sitzens in der Stille und das diakonische Handeln eine besondere Rolle spielt. Heute habe ich den Eindruck, dass die \u00fcberschaubare Gemeinschaft wieder entdeckt wird \u2013 nicht so sehr in der Diakonie, wohl aber in der Kirche, in den Innenstadtkirchen, den alten Abteien und Kl\u00f6stern. Ich denke an die Heiligkreuz-Kirche in Kreuzberg mit seinem umfriedeten Garten, der Spirale im Zentrum und dem Konventsraum mit dem runden Tisch unter Dach, die Br\u00fccke in Hamburg, das Segenskloster hier in Berlin: Allesamt Orte der Erneuerung. Ich denke aber auch an die Arche-Gruppen, in denen behinderte und nicht behinderte Menschen zusammen leben. An Motoki, das Gemeindewohnzimmer einer jungen Gemeinde in K\u00f6ln. Pl\u00e4tze der Sammlung in der Zerstreuung. Schutzr\u00e4ume in den W\u00fcsten der St\u00e4dte. Orte der Kl\u00e4rung. Das ist die Rolle, die Gemeinschaften schon immer gehabt haben &#8211; wenn Menschen in der Gesamtkirche nicht fanden, was sie suchten. Ich denke auch an die Bekennenden Gemeinden in der Zeit des 3. Reiches, die in der Barmer Theologischen Erkl\u00e4rung dann ganz bewusst von der \u201eGemeinde von Br\u00fcdern\u201c sprachen. (F\u00fcr mich als Rheinl\u00e4nderin oft besonders merkw\u00fcrdig, weil dieses Bruder mit dem Nachnamen einherging, auch die sp\u00e4tere Inclusion der Schwestern mit dem Nachnamen einherging, w\u00e4hrend die Schwestern und Br\u00fcder in der Diakonie immer solche mit Vornamen blieben.)<\/p>\n<p>Auch Diakonie ist, vielleicht mehr noch als Kirche, im Kern Gemeinschaft &#8211; die Gemeinschaft, in der der verletzte Mensch, der sterbende, der kranke oder behinderte Mensch die gleiche W\u00fcrde hat wie der gesunde. Die Gemeinschaft auf Zeit, die sich um den Sterbenden herum orchestriert, die Gruppe, die jungen Eltern bei der Geburt ihrer Zwillinge zu Seite steht, der Verein von Eltern behinderter Kinder, die zusammen einen Reiterhof gr\u00fcnden \u2013 das ist die Tragkraft der Diakonie. Genauso wie das Mehrgenerationenhaus und die Wohngemeinschaft von jungen Leuten. Diese Art von Gemeinschaften sind lebendiger denn je, sie entstehen an allen Orten, vielleicht weil wir sp\u00fcren, das Professionalisierung und Funktionalisierung nicht gen\u00fcgen \u2013 das Herz der Diakonie schl\u00e4gt in der Gemeinschaft. Allerdings entstehen diese Dienstgruppen, in deren Mittelpunkt die Hilfebed\u00fcrftigen stehen, gelegentlich jenseits der unternehmerischen Diakonie, die sich nach Angeboten und Strategien sortiert. Sie leben von Freiwilligkeit, sie bleiben spontan und frei, sie haben einen anderen Umgang mit Zeit und Gef\u00fchlen. Die Seele des Sozialen schl\u00e4gt in Gemeinschaften \u2013 daran hat sich nicht ge\u00e4ndert, auch wenn die Formen sich wandeln. Wer aber \u00fcber die Erneuerung der Gemeinschaft nachdenkt, kommt an diesen Gruppen nicht vorbei.<\/p>\n<p>Und er kommt nicht daran vorbei, dar\u00fcber nachzudenken, was Kindern und Jugendlichen heute hilft, Gemeinschaftsf\u00e4higkeit zu entwickeln. Da nutzt es vielleicht, dar\u00fcber nachzudenken, was Ihnen selbst einmal geholfen hat? Eine Familie mit mehreren Generationen und vielen Geschwistern vielleicht? Ein Internat oder eine Ferienfreizeit? Die Schulklasse, die \u00fcber lange Jahre zusammen blieb? Vieles hat sich ver\u00e4ndert \u2013 die Gruppen, die Strukturen und Werte. Und wenn man an die Schattenseiten der Heim- und Internatserziehung denkt, die auch wir als Kirche mit verantworten, ist das nicht nur negativ.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00a06. <\/strong><strong>Ankn\u00fcpfungspunkte gelebter Gemeinschaft <\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Da sind zun\u00e4chst die H\u00e4user und Orte: Die alten Mutter- und Bruderh\u00e4user, die Generationen als ihre Heimat empfinden, evozieren fast unmittelbar eine Gemeinschaftsgeschichte, in der auch die noch Zugeh\u00f6rigkeit erleben, die dort einfach nur ausgebildet wurden oder einen Freiwilligendienst gemacht haben. Die Kl\u00f6ster und alten Abteien auf dem Land wie in den St\u00e4dten laden als Orte der Sammlung auch in kleine Gemeinschaften ein. Manche dieser H\u00e4user sind nur noch Museen, andere aber sind alte und neue Leuchtt\u00fcrme des Gemeinschaftslebens \u2013 und wir m\u00fcssen uns ihrer Bedeutung neu bewusst werden.<\/li>\n<li>Traditionell gibt es einen engen Zusammenhang zwischen Gemeinschaftsh\u00e4usern und Bildungsorten \u2013 das geht vom Rauhen Haus bis hin zum fr\u00fcheren Burkhardthaus mit seinem lockeren Netzwerk. Bildung stand und steht zum Teil noch vor der endg\u00fcltigen Aufnahme in eine Gemeinschaft; sie diente dazu, mit dem Deutungshorizont vertraut zu machen, gab theologische und ethische Orientierung, war wesentlich Pers\u00f6nlichkeitsbildung im Sinne der sozialen und ethischen Kompetenzen. Bildung erm\u00f6glicht Selbstbehauptung auch gegen\u00fcber unmenschlichen Strukturen. Ganz im Sinne dessen, was Nelson Mandela schreibt: \u201eWenn Du dich klein machst, dient das der Welt nicht. Es hat nichts mit Erleuchtung zu tun, wenn Du schrumpfst, damit andere sich nicht verunsichert f\u00fchlen\u201c: Im Gegenteil: es geht darum, Licht der Welt und Salz der Erde zu sein.<\/li>\n<li>Gesellschaftliche Herausforderungen sind wichtige Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr Netzwerke und Dienstgruppen &#8211; aber nur dann, wenn jemandem ein Schicksal zu Herzen geht, wie das in der Hospiz- und Tafelbewegung geschah. Oder in den Gemeinschaften, die mit behinderten Menschen zusammen leben, in den Welcome-Gruppen der Sorge um Schwangere. Solchen Gruppen fehlt oft ein Ort der Sammlung, manche schaffen auch Neue: in einem Familienbildungszentrum, in einem Trauercafe, in einer Vesperkirche.<\/li>\n<li>Die Haltetaue, die Menschen auch \u00fcber gro\u00dfe Entfernungen bei der Gemeinschaft halten k\u00f6nnen, sind lange erprobt: gemeinsame Gebetszeiten, Bibelworte und Liturgien, gemeinsame Zeichen, die den einzelnen erinnern \u2013 ein Ring, eine Brosche, ein Armband &#8211; gemeinsame Texte, Briefe und Mails, gemeinsame Projekte und Aufgaben.<\/li>\n<li>Neue Communities entstehen auch in den sozialen Netzwerke, die virtuelle M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Gemeinschaften bieten. Warum nicht jeden Mittag ein Mittagsgebet in die eigene Facebook-Gruppe schicken? Warum nicht geschlossene Chatr\u00e4ume nutzen, um Probleme der Gemeinschaft zu besprechen? Das Netz erm\u00f6glicht ein erstaunliches Ma\u00df an Offenheit und spontaner Unterst\u00fctzung f\u00fcreinander. Ohne die Enge des Dorfes, eher in der Weite des Hausflures, in den verschiedene Wohnungen m\u00fcnden.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Alles, was Gemeinschaft zusammenh\u00e4lt und Gemeinschaft herausfordert, l\u00e4sst uns am Ende fragen, was Gemeinschaft ausmacht. Worum geht es? Was ist die Mitte der Gemeinschaft? Ein Ziel, eine Aufgabe? Die Anbetung, die Stille? Manchmal das eine und dann wieder das andere? Gemeinschaften wandeln sich \u2013 und in der Mitte unserer Gemeinschaften steht der, der sie wandelt und fordert, der sie tr\u00e4gt und ihr schon immer voraus ist \u2013 Jesus Christus selbst. Wo diese Mitte leer ist, wo wir nicht mit ihm unterwegs sind, nutzen auch all unsere Haltetaue nichts. \u201eWo ich bin, da soll mein Diener auch sein\u201c, steht in der Eingangst\u00fcr des Kaiserswerther Mutterhauses \u2013 da, wo der Weg hinein lockt, f\u00fchrt er auch wieder heraus zu neuen Ufern.<\/p>\n<p>Idealen Gemeinschaften gibt es nicht. Oder gab es sie einmal, die Gemeinschaften, die sich um einen spirituellen Ort konzentrieren und zugleich Bildungstr\u00e4ger waren, die bundesweite und \u00f6kumenische Netze kn\u00fcpften und dabei Spontanit\u00e4t und Wandlungsf\u00e4higkeit zeigten, die Projekte trugen, ohne sich funktionalisieren zu lassen und die Zugeh\u00f6rigkeit anboten, ohne zu vereinnahmen. Wenn es diese umfassenden Gemeinschaften gab, dann hatten sie auch eine gef\u00e4hrliche, eine totalit\u00e4re Seite. Und aus diesem Grund kann ich jedenfalls gut damit leben, dass all unsere Gemeinschaften Fragmente sind. \u2013 Das bewahrt vor falscher Totalit\u00e4t und Enge. Aber gerade darum ist Vernetzung so entscheidend. Gemeinsame Bildungsangebote, zentrale Leuchtt\u00fcrme, \u00f6kumenische Netze zum Austausch, Gemeinschaftsprojekte, die von vielen getragen werden \u2013 ich k\u00f6nnte mir so manches vorstellen. So manches Nebeneinander verliert heute an Plausibilit\u00e4t f\u00fcr Au\u00dfenstehende. Voraussetzung f\u00fcr Ver\u00e4nderung ist, dass es gelingt, die Binnenschau aufzugeben und sich \u2013 auch mit den eigenen Traurigkeiten \u2013 f\u00fcr andere zu \u00f6ffnen. Manche Klostermauer abzurei\u00dfen, weil es Wichtigeres gibt. Kurz: die Klage in Kreativit\u00e4t zu verwandeln. Wo Traditionen erodieren und Normen sich an der Wirklichkeit reiben, da sp\u00fcren wir das \u2013 in Resignation, in Wut, in Sehnsucht. Wir sp\u00fcren, wenn das Feuer unter der Asche vergl\u00fcht, und wir merken, wenn unsere Berufung erstickt. Viele bleiben dann einfach weg, sie schweigen oder kommen nicht mehr. Aber diese Gef\u00fchle sind gute Wegweiser zur Neugestaltung. Es gilt sie ernst zu nehmen und in die Hand zu nehmen und nicht nur die Sehnsucht, sondern auch die Angst hin\u00fcber zu werfen- wie ein Tau von einem Schiff an Land. \u201eWenn Gott es ist, der meine \u00c4ngste auff\u00e4ngt und mich l\u00e4sst, wenn Gott es ist \u2013 dann h\u00e4lt er uns bei unsern \u00c4ngsten fest.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Friedrich Thiele, Diakonissenh\u00e4user im Umbruch der Zeit, 1963<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Referat von OKR\u2019in Cornelia Coenen-Marx, EKD Anlass: Begegnungstagung \u201eGeistliche Gemeinschaften\u201c \u201eWirf dein Seil hin\u00fcber &#8211; Haltetaue der Sehnsucht\u201c Berlin-Zehlendorf, 19.-21&#8230;. <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=595\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":570,"menu_order":100,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-595","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/595"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=595"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/595\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":596,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/595\/revisions\/596"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/570"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=595"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}