{"id":5947,"date":"2021-03-31T13:16:05","date_gmt":"2021-03-31T11:16:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=5947"},"modified":"2022-04-05T11:34:33","modified_gmt":"2022-04-05T09:34:33","slug":"trost-zwischen-corona-und-kreuz","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=5947","title":{"rendered":"Trost \u2013 zwischen Corona und Kreuz"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Karfreitag, den 02.04.2021<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mein Buch der Stunde kommt von Thea Dorn. \u201eTrost\u201c hei\u00dft es &#8211; ein Buch f\u00fcr alle Untr\u00f6stlichen. Ein Corona-Buch. Es erz\u00e4hlt die Geschichte von Johanna und ihrer Mutter, die nach einer Italienreise einsam im Krankenhaus stirbt. Johanna verzweifelt, sie w\u00fctet und schreibt an ihren alten Philosophielehrer: \u201eDer Tod ist ein Inbegriff von roher, absoluter Macht\u201c. Dass sie sich nicht verabschieden konnte, nicht noch einmal mit der Mutter sprechen, das war f\u00fcr Johanna eine unertr\u00e4gliche Ungerechtigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele haben das so empfunden in diesem Corona-Jahr. 75.000 Menschen sind gestorben &#8211; die allermeisten im Krankenhaus, oft auf der Intensivstation, oder im Pflegeheim. Angeh\u00f6rige f\u00fchlten sich \u201eausgesperrt\u201c. \u201eDer Tod ist ein Inbegriff von roher, absoluter Macht\u201c. T\u00e4glich sehen wir Sterberaten, debattieren Schutzma\u00dfnahmen f\u00fcr die \u201eVulnerablen\u201c, schauen hinter Klinikt\u00fcren und sehen Bilder von Intensivbetten, Beatmungsger\u00e4ten und \u00fcberm\u00fcdeten Pflegeteams hinter Schutzmasken. Wo finden wir da Trost?<\/p>\n\n\n\n<p>In diesen Wochen habe ich die Passionsgeschichte mit anderen Augen gelesen. Auch das Kreuz zeigt ja diese rohe Macht des Todes. Nur dass der Tod Jesu nicht hinter verschlossenen T\u00fcren stattfindet, sondern \u00f6ffentlich, auf Golgatha. Mit Schmerzen, Schreien und Tr\u00e4nen. Die Kruzifixe, die in unseren Kirchen davon erz\u00e4hlen, finden manche deshalb unertr\u00e4glich. Wie soll man einem Kind beibringen, dass Gott einen Menschen so sterben l\u00e4sst? Ja, wie? Die Frage ist berechtigt- und gerade deshalb bin ich froh dar\u00fcber, dass diese Geschichte unter uns erinnert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn gerade jetzt, wo viele Menschen durch die Pandemie traumatisiert sind, wird klar: Jesu Tod hat mit unserem Sterben zu tun. Es war ein politischer Tod, gewiss \u2013 ein Foltertod, angeordnet durch die r\u00f6mische Besatzungsmacht. Aber die Corona-Krise zeigt, dass der Tod auch heute eine politische Seite hat. Es ist eben nicht nur Schicksal, wann und wie jemand stirbt- es hat auch mit den Entscheidungen der M\u00e4chtigen, mit der Verteilung von Ressourcen, ja- damit zu tun, wo auf der Welt und in welchen Verh\u00e4ltnissen jemand lebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch Jesaja, aus dem eine der traditionellen Lesungen zum Karfreitag stammt, erz\u00e4hlt von dem so genannten \u201eGottesknecht\u201c, dem \u201eSchmerzensmann\u201c, von einem Menschen, der eben nicht auf der Sonnenseite des Lebens steht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>\u201eEr hatte keine sch\u00f6ne und edle Gestalt, sodass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm.<br>Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verh\u00fcllt, war er verachtet; wir sch\u00e4tzten ihn nicht.<br>Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen.\u201c<\/em><\/strong><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir werden aufgefordert, einmal genau hinzuschauen, wo wir sonst die Augen lieber verschlie\u00dfen \u2013 weil es nicht sch\u00f6n ist, was wir dort zu sehen bekommen. Auf der Intensivstation, wo jemand seit Wochen beatmet wird \u2013 f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen f\u00fchlt es sich an wie Folter. Bei dem&nbsp; jungen Sportler mit Long-Covid, der schon nach wenigen Laufschritten aus der Puste kommt und nicht wei\u00df, wie es weitergeht mit seinem Zukunftshoffnungen. Oder bei den Fl\u00fcchtlingen im Kurdengebiet, die kaum wissen, wie sie sich vor Corona sch\u00fctzen sollen. Verachtet und von den Menschen gemieden, sind sie&nbsp; die Schw\u00e4chsten im System, die letzten in der Kette, die aushalten m\u00fcssen, was andere gern wegschieben: Die Alten, Verletzlichen, die Fl\u00fcchtlinge und die Menschen in Notunterk\u00fcnften, alle in prek\u00e4rer Arbeit, die Jungen, die pl\u00f6tzlich getroffen sind: Sie tragen die Krankheit, die uns alle treffen kann. Unsere Krankheit, unsere Schmerzen. Da sollten wir hinsehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die kirchliche Tradition hat das Prophetenwort auf Jesus&nbsp; gedeutet: Der Schmerzensmann am Kreuz, tr\u00e4gt das Leiden, das wir nicht sehen wollen. An ihm wird sichtbar, dass wir mitschuldig sind: &nbsp;<strong><em>\u201eDenn wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging f\u00fcr sich seinen Weg. Weil er sein Leben dem Tod preisgab und sich unter die Abtr\u00fcnnigen rechnen lie\u00df, hob er die S\u00fcnden der Vielen auf und trat f\u00fcr die Abtr\u00fcnnigen ein.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Da ist noch etwas am Tod Jesu, das mir wichtig ist- und das mich tr\u00f6stet. Ich glaube, dass Jesus diesen Weg freiwillig gegangen ist \u2013 eben weil er die Verachteten und Vergessenen liebte und weil er sich mit ihnen identifizierte. Oder besser: mit uns, die wir uns alle verlaufen in unseren \u00c4ngsten. Ich lese ja, wie er bis zuletzt mit seinen Freundinnen und Freunden zusammen blieb \u2013 mit ihnen a\u00df und trank und betete und am Ende auch denen vergab, die ihn verrieten. So gro\u00df war seine Liebe- gr\u00f6\u00dfer als unsere Gleichg\u00fcltigkeit, gr\u00f6\u00dfer als der Tod.<\/p>\n\n\n\n<p>Von ihm k\u00f6nnen wir lernen, &nbsp;ehrlicher und mutiger &nbsp;mit dem Tod umzugehen. Mit dem Sterben und der Trauer anderer in Corona-Zeiten und auch mit unserem eigenen Sterben. Mit den politischen Entscheidungen, die den Rahmen bestimmen in dieser Pandemie. Es w\u00e4re wichtig, dass wir uns f\u00fcr eine bessere und besser bezahlte Pflege einsetzen, damit Menschen auch k\u00f6rperlich getr\u00f6stet sterben k\u00f6nnen. Denn \u201cmit fachkundiger Symptomkontrolle, mit Zuwendung, Sicherheit und respektvoller Pflege erleben wir, dass Angst, Schrecken und der Wunsch nach Sterbehilfe kein Thema mehr sind!\u201c, sagte mir k\u00fcrzlich Anke Reichwald, die Leiterin des Diakovere Palliativteams. Und sie erz\u00e4hlte, dass Sterbende und ihre Angeh\u00f6rigen das oft so formulieren \u201eDiese Wochen waren die intensivsten in unserem gemeinsamen Leben \u2013 es war eine gute und wertvolle Zeit\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Im letzten Jahr gab es manche, die eine Corona-Kosten-Rechnung aufmachten; sie meinten, wer hochaltrig sei und sowieso bald sterben m\u00fcsste, f\u00fcr den m\u00fcsse man am Ende nicht mehr viel einsetzen. Was f\u00fcr eine Dummheit und Unkenntnis, wenn man wei\u00df, dass genau diese letzten Wochen unser Leben noch einmal in einem ganz neuen Licht erscheinen lassen k\u00f6nnen. So war es auch bei Jesu Tod. Seine Liebe, seine Solidarit\u00e4t mit den Verachteten und seine Hoffnung auf Gottes Kraft erkennen wir am Kreuz wie in einem Brennglas. &nbsp;Darum sind die Passionsgeschichten der Kern der Evangelien. Was wir da lesen k\u00f6nnen, das tr\u00f6stet im Leben und im Sterben: Denn durch seine Wunden sind wir geheilt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Der Prophetentext, aus dem ich Verse zitiere, steht in Jesaja. 52,13 \u2013 53.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mehr zum Thema \u201eSterben in Corona-Zeiten\u201c &nbsp;in meiner DLF-Sendung vom 21.3.: Dlf Audiothek | Am Sonntagmorgen | Am Sonntagmorgen &#8211; Sterben in der Nachbarschaft. Noch immer ein Tabu? <a href=\"https:\/\/srv.deutschlandradio.de\/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm:audio_id=911686\">https:\/\/srv.deutschlandradio.de\/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm:audio_id=911686<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karfreitag, den 02.04.2021 Mein Buch der Stunde kommt von Thea Dorn. \u201eTrost\u201c hei\u00dft es &#8211; ein Buch f\u00fcr alle Untr\u00f6stlichen&#8230;. <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=5947\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":3502,"menu_order":9,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-5947","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/5947"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5947"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/5947\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6713,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/5947\/revisions\/6713"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3502"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5947"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}