{"id":5943,"date":"2021-03-30T12:03:41","date_gmt":"2021-03-30T10:03:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=5943"},"modified":"2022-04-05T11:37:48","modified_gmt":"2022-04-05T09:37:48","slug":"sorgen-teilen-gemeinschaft-pflegen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=5943","title":{"rendered":"Sorgen teilen \u2013 Gemeinschaft pflegen"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201eNun versuche ich schon fast zwei Jahre, mit dem Alleinsein zu leben, jetzt in der Corona-Zeit empfinde ich es als besondere Last, viel niederdr\u00fcckender als vorher, und h\u00e4tte mich \u00fcber Interesse aus der Gemeinde gefreut\u201c, schrieb eine \u00e4ltere Freundin, deren \u201aKinderfamilien\u2018 verstreut in Deutschland leben. \u201eMit \u201aFacetime\u2018 halten die Kinder und ich den sicht- und h\u00f6rbaren Kontakt, aber es bleibt Ersatz. Um Gemeinschaft zu erfahren, muss ich selbst aktiv sein: Einladen auf eine Tasse Kaffee auf dem Balkon. Telefonieren, mailen, Nachbarschaft pflegen.\u201c Seit sie Witwe ist, ist sie aktiv bei \u201eOmas gegen rechts\u201c, schickt regelm\u00e4\u00dfig Mails, nimmt an Webkonferenzen teil. Das hilft gegen Einsamkeit, aber es kann anstrengend sein, immer selbst die F\u00e4den zu spinnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gesellschaftliche Entwicklungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das geht nicht nur \u00c4lteren so; auch Menschen, die h\u00e4ufig umziehen oder pendeln, kennen das Gef\u00fchl, pl\u00f6tzlich abgeh\u00e4ngt zu sein. So wie Stephanie Quitterer, die sich in ihrer Elternzeit \u201eauf Eis gesetzt\u201c f\u00fchlte und dann mit sich selbst eine Wette einging: \u201e200 Hausbesuche mit 200 selbstgebackenen Kuchen in 200 Tagen\u201c. Sie gewann die Wette und fand neue Freunde. Ihr Buch \u201eHausbesuche\u201c erz\u00e4hlt von ihren Besuchen in der Nachbarschaft und davon, wie Vertrauen w\u00e4chst, wenn man hinter die Fassaden blicken darf.<\/p>\n\n\n\n<p>In Deutschland leben 38 % der 70- bis 85-J\u00e4hrigen allein. Nur noch ein Viertel lebt mit den eigenen Kindern am gleichen Ort. Nach einer Sinus-Studie geh\u00f6rten 2002 schon 24 % der 50- bis 59-J\u00e4hrigen zu den Zur\u00fcckgezogenen und 20 % der befragten 70- bis 89-J\u00e4hrigen gaben an, in der Woche zuvor ihre Wohnung kaum verlassen zu haben. Aber auch 16,8 Millionen B\u00fcrger*innen zwischen 18 und 65 Jahren waren 2018 Singles \u2013 30 % der Frauen und M\u00e4nner im mittleren Alter.<\/p>\n\n\n\n<p>In der \u201eGesellschaft der Singularit\u00e4ten\u201c (Andreas Reckwitz) fragen sich viele, f\u00fcr wen ihr Leben eigentlich wichtig ist und wer sie braucht. Immer mehr B\u00fcrger*innen f\u00fcrchten, dass keiner f\u00fcr sie sorgt, wenn sie selbst nicht f\u00fcr sich sorgen k\u00f6nnen. Familien mit kleinen Kindern, alte oder kranke Menschen \u2013 deren Anteil an der Gesamtbev\u00f6lkerung mit dem demographischen Wandel w\u00e4chst \u2013 geraten bei der Bew\u00e4ltigung des Alltags oft unter Druck, wenn sie nicht auf die selbstverst\u00e4ndliche Hilfe von Angeh\u00f6rigen zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen. Und das Gef\u00fchl, abgeh\u00e4ngt zu sein, hat sich w\u00e4hrend der Corona-Krise versch\u00e4rft. Wie sehr sich Familien und Nachbarschaften wandeln, wie der demographische Wandel unsere Gesellschaft und die Digitalisierung den Alltag ver\u00e4ndern, wird vielen erst jetzt deutlich. Das ist der Hintergrund, vor dem die \u201eSorgenden Gemeinschaften\u201c Konjunktur haben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sorgende Gemeinschaften fr\u00fcher und heute<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die gesellschaftliche Umwandlung, die wir erleben, gleicht der des 19. Jahrhunderts, als angesichts von Industrialisierung und Migration Familien \u00fcberlastet waren und Bindungen zerrissen. Damals, im Jahr 1840, gr\u00fcndeten Hannoversche B\u00fcrgerinnen den \u201eFrauenverein f\u00fcr Armen- und Krankenpflege\u201c. Inspiriert von Amalie Sieveking in Hamburg, wollten sie der wachsenden Verelendung breiter Bev\u00f6lkerungsschichten begegnen. Die Frauen machten Besuche, k\u00fcmmerten sich um Lebensmittel und Brennmaterial, achteten auf den Schulbesuch der Kinder und sorgten daf\u00fcr, dass die M\u00fctter Besch\u00e4ftigung fanden \u2013 in N\u00e4hstuben, W\u00e4schereien, als Dienstboten. \u201eHilfe zur Selbsthilfe\u201c war das tragende Prinzip.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute kehren die Modelle in vielf\u00e4ltiger Form zur\u00fcck \u2013 von den Tafeln bis zu den N\u00e4hstuben, den Werkst\u00e4tten und Tauschb\u00f6rsen. Welcome-Gruppen, Hospizvereine und Mehrgenerationenh\u00e4user sind entstanden. \u201eCaring Communities\u201c sind zum internationalen Leitbegriff geworden, wenn es darum geht, Verantwortungsstrukturen vor Ort neu zu beleben. F\u00fcr Menschen mit Behinderung, Kinder aus Armutsfamilien und demenzkranke \u00c4ltere, f\u00fcr Sterbende und Gefl\u00fcchtete. Es geht um wechselseitige Unterst\u00fctzung und die Bereitschaft, Verantwortung zu \u00fcbernehmen \u2013 f\u00fcr sich selbst, f\u00fcr andere und f\u00fcr die gesellschaftliche Entwicklung.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Politik und Sozialwissenschaften nehmen den Sozialraum in den Fokus: Alternsgerechte St\u00e4dte, Inklusionsquartiere oder das Programm \u201eSoziale Stadt\u201c \u2013 sie alle \u201eleben von einem Ineinandergreifen unterschiedlicher Hilfen\u201c (7. Altenbericht). Neben den professionellen Dienstleistern werden B\u00fcrger*innen gebraucht, die informelle Hilfenetze kn\u00fcpfen. Und tats\u00e4chlich engagierten sich laut Bundesfreiwilligensurvey immerhin 25 Prozent in der Nachbarschaft bei Eink\u00e4ufen, Handwerksdiensten oder Kinderbetreuung. Die wechselseitige Unterst\u00fctzung verbessert die Lebensqualit\u00e4t aller Beteiligten. Auch wer sich engagiert, gewinnt: neue Beziehungen, Lebensvertiefung und soziale Kompetenzen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mitverantwortung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hannah Arendts Begriff der \u201eMitverantwortung\u201c in ihrem Buch \u201eVita activa oder Vom t\u00e4tigen Leben\u201c stellt den Zusammenhang zwischen Selbstsorge und F\u00fcrsorge her, aus dem die Sorgenden Gemeinschaften leben. Unsere eigene Lebensgestaltung ist eingebettet in Sorge-Beziehungen \u2013 das beginnt in den Familien und wird in Alter und Pflegebed\u00fcrftigkeit noch einmal deutlich erkennbar. Mitverantwortlichkeit nimmt die Angewiesenheit des Menschen ernst und sucht das Gl\u00fcck des Lebens nicht nur in sich selbst \u2013 sie bleibt auf andere und den \u00f6ffentlichen Raum ausgerichtet und ist insofern immer auch politisch. Denn am Ende l\u00e4uft alles auf die Frage hinaus, ob wir Orte schaffen k\u00f6nnen, an denen Menschen f\u00fcreinander da sind, Zeit f\u00fcreinander haben, f\u00fcreinander sorgen. So wie fr\u00fcher die Gemeindeschwestern, die Seelsorgerinnen, Pflegende und Quartiersmanagerinnen waren \u2013 oft in einer Person. Aber immer im Verbund mit Ehrenamtlichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Apostelgeschichte erz\u00e4hlt, dass schon die ersten christlichen Gemeinden \u201aCaring communities\u2018 waren. G\u00fcter wurden geteilt, Kranke besucht, f\u00fcr alle gemeinsam wurde der Tisch gedeckt. Die christliche Gemeinde begann mit Wahlfamilien. Die Christ*innen, die sich mit ihrer Taufe aus den Herkunftsfamilien gel\u00f6st hatten, kamen aus ganz unterschiedlichen Kulturen und Milieus. F\u00fcreinander wurden sie zu Br\u00fcdern und Schwestern \u2013 so wie bis heute Menschen Wahlfamilien bilden in Wohngemeinschaften, Mehrgenerationenh\u00e4usern oder auch an Mittagstischen. Wo sich heute Sozialstationen mit Alltags- und Demenzhelfern verkn\u00fcpfen, wo Diakonie Quartiersb\u00fcros er\u00f6ffnet, wo in Gemeinden Nachbarschaftsnetze entstehen, lebt diese Tradition auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer einsam und hilfebed\u00fcrftig ist, kann vielerlei Unterst\u00fctzung bekommen: von Dienstleister*innen wie Post, Pflege, Physiotherapie, von \u00c4rzt*innen und Einkaufsdiensten. Am liebsten sind uns die Besuche, die uns nicht kontrollieren, sondern stark machen und herauslocken. Ganz praktisch wie bei \u201eTavolata\u201c in der Schweiz, wo kleine Gruppen sich wechselseitig zum Dinner besuchen. Mit inneren Bildern wie bei \u201eReisen aus dem Koffer\u201c. Oder elektronisch wie bei der Internetplattform \u201eNebenan.de\u201c, die w\u00e4hrend der Corona-Krise auf 1,4 Millionen Nutzer wuchs. \u201eEiner trage des anderen Last\u201c war das Motto \u201ameiner\u2018 Frauenhilfe in den 1980-er Jahren. F\u00fcr mich h\u00f6rte sich das schwer an und ernst. Die \u201aFrauenhilfsschwestern\u2018 aber sahen das Sorgenetz: Wenn es schellte, und eine andere zu Besuch kam, kam eine, die das Leben leichter machte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eNun versuche ich schon fast zwei Jahre, mit dem Alleinsein zu leben, jetzt in der Corona-Zeit empfinde ich es als&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=5943\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":542,"menu_order":87,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-5943","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/5943"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5943"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/5943\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5944,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/5943\/revisions\/5944"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/542"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5943"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}