{"id":591,"date":"2015-02-20T17:12:09","date_gmt":"2015-02-20T17:12:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=591"},"modified":"2015-07-29T10:28:44","modified_gmt":"2015-07-29T10:28:44","slug":"von-wegen-begeistert","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=591","title":{"rendered":"Von Wegen begeistert!"},"content":{"rendered":"<p><strong>1. Auf dem Kreuzweg nach S\u00e4ben<br \/>\n<\/strong>Lassen Sie sich heute morgen einen kleinen Moment aus dieser Messehalle entf\u00fchren in das Kloster S\u00e4ben in S\u00fcdtirol, wo mein Nachdenken \u00fcber unser Thema Gestalt gewann. Schon von weitem sieht man die Silvouette des Klosters wie eine funkelnde Krone hoch \u00fcber der kleinen Stadt Klausen im Eisacktal. Komm, lass uns da mal rauf gehen, sage ich zu meinem Mann. Das sind ja sicher nur 10 Minuten. Bald schon entdecken wir den Zugang zum Burgberg am Ende der Einkaufsstra\u00dfe : es geht durch einen Torbogen mit einem Kruzifix einen alten, steinigen Weg hinauf. Zun\u00e4chst noch angenehm flach, unter schattigen B\u00e4umen, dann immer steiler den Berg hinauf. Schon bald, nach der n\u00e4chsten Kehre, sieht man hinunter \u00fcber die Weinberge ins weite Land und entdeckt: mit 10 Minuten ist es nicht getan. Da habe ich Lust stehen zu bleiben und einmal durchzuatmen, denn der Weg scheint doch viel weiter, als ich dachte. Und mein Puls ist vermutlich auch schon an der Grenze, die meine Pulsuhr normalerweise f\u00fcr gesund h\u00e4lt.. Genau in diesem Moment sehe ich rechts an der Seite die Station eines alten Kreuzwegs. Es ist schon die dritte, die ersten beiden habe ich offenbar gar nicht wahrgenommen. Von jetzt an geben also die Kreuzwegstationen den Rhythmus vor \u2013 von Laufen und Schauen, Schwitzen und zur Ruhe kommen, eine perfekte Kombination. Mitten in den Anstrengungen immer mal halt machen und sie relativieren k\u00f6nnen .. Wie die Kreuzwege unseren Weg mit dem Jesu verbinden \u2013 was f\u00fcr eine gro\u00dfe Tradition! Laufend merke ich: der steinige Weg ist gerade so steil, dass wir beide noch reden und einen Rucksack tragen k\u00f6nnen. Singen w\u00fcrde mir schon schwerer fallen. Jetzt allerdings kommt uns einer entgegen gerannt, der weder rechts noch links sieht, sondern vermutlich ein Marathontraining absolviert \u2013 es gibt eine Geschwindigkeit, die ganz auf die eigenen Ziele ausgerichtet ist, da treibt der Wettbewerb voran und die Beziehung zu einem anderen hat da kaum noch Platz.<\/p>\n<p>In meinem Alltag kenne ich das leider sehr gut . Und ich kann mir vorstellen, dass es vielen hier genauso geht. Einerseits f\u00fchle ich mich manchmal von Kommunikation \u00fcberschwemmt. Ich sp\u00fcre den Druck, meine Ziele zu erreichen, renne deadlines hinterher, bekomme kurzfristig neue Auftr\u00e4ge ,komme au\u00dfer Atem und schlie\u00dflich aus dem Tritt. Anrufe, Mails, Briefe, Meetings zerren von allen Seiten \u2013 so sch\u00f6n es ist, gut vernetzt zu sein, so schmerzhaft, wenn die Zeit gar reicht nicht, um wirklich in Beziehung zu kommen. Da wechseln dann Phasen, in denen zuviel auf einmal an Begegnungen auf dich einstr\u00f6mt mit solchen des R\u00fcckzugs auf dich selbst. Soziologen wie Sennet haben deutlich gemacht, dass das der Preis ist f\u00fcr die modernen Erwartungen an flexible, schnelle, mobile und selbst\u00e4ndige Mitarbeitende. Arbeitsmediziner betonen, wie schwer es ist, in den aktuellen Ver\u00e4nderungsprozessen mit immer neuen Kollegen und Vorgesetzten stabile und kooperative Beziehungen zu entwickeln. Und Magazine von \u201e Stern\u201c bis \u201e Psychologie heute\u201c besch\u00e4ftigen sich ernsthaft mit der Tatsache, dass der Burnout l\u00e4ngst nicht mehr nur ein Thema in sozialen Unternehmen ist.<\/p>\n<p>Aber da eben auch. Vor einigen Jahren habe ich eine spannende Untersuchung der Dortmunder Gerontologin&#8230; \u00fcber den Schritt in der Altenpflege geh\u00f6rt. Sie macht deutlich, dass alle Mitarbeitenden aufgrund der Zeitvorgaben gezwungen sind, weit schneller \u00fcber die Stationen zu gehen als die alten Menschen, f\u00fcr die sie arbeiten. Sie m\u00fcssen an ihnen vorbei laufen, ohne wirklich Kontakt aufnehmen zu k\u00f6nnen. Und auch, wenn sie ein Zimmer betreten und wieder verlassen, ist es schwer, in kurzer Zeit auf Augenh\u00f6he, auf H\u00f6rweite zu kommen und dem langsameren Rhythmus, der Unbeweglichkeit Rechnung zu tragen. Entschleunigung w\u00e4re n\u00f6tig, um wirklich in die Welt des anderen einzutreten. Beschleunigung und Arbeitsverdichtung aber pr\u00e4gen den Alltag. Ich muss hier nicht erinnern an die Einf\u00fchrung der Module in der ambulanten Pflege, an den Druck der DRGs und die Verk\u00fcrzung der Liegezeiten im Krankenhaus \u2013 in allen Diensten haben Pflegende den Eindruck, ihrem Beruf nicht mehr wirklich gerecht werden zu k\u00f6nnen, sich kaum noch einlassen zu k\u00f6nnen auf die Menschen, f\u00fcr die sie da sein wollen. Vielleicht geht es vielen von Ihnen auch so.<\/p>\n<p>Von wegen begeistert! Ich erinnere mich an einen Leitbildworkshop in der Kaiserswerther Diakonie, wo ich 6 Jahre lang Vorsteherin war. In Arbeitsgruppen ging es darum, den Bildern und Mythen auf die Spur zu kommen, die das Werk gepr\u00e4gt haben und daf\u00fcr ein Thema zu finden. Kaiserswerth ist eine alte, die erste Diakonissenanstalt und bis heute gepr\u00e4gt von den Gr\u00fcnderfiguren Theodor und Friederike Fliedner und vielen alt gewordenen Schwestern, deren Lebens- und Glaubenserfahrung leuchtet und Vertrauen erweckt. Viele Kaiserswerther sind stolz darauf, bei den Schwestern im Krankenhaus geboren zu sein und viele erwarten noch heute eine besonders menschliche und liebevolle Behandlung, wenn sie in dieses Krankenhaus kommen. Kein Wunder: bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts gab es Diakonissen, die auf der Station \u00fcbernachteten, damit sie Sterbenden beistehen konnten. Und auch Florence Nightingale, nach der das neu gebaute Haus in den 70ern genannt wurde, um das Selbstbewusstsein der Pflege zum Ausdruck zu bringen \u2013 Florence Nightingale blieb die Lady mit der Lampe, die unter Aufbietung aller Kr\u00e4fte in den Lazaretten am Kaukasus schuftete und am Ende selbst im Krankenbett landete. Wie arbeitet man heute als Pflegekraft, wenn man an solchen Vorbildern gemessen wird? Wenn man zu Hause ein Kind zu versorgen hat, in Teilzeit Schichtdienst f\u00e4hrt und mal gerade so \u00fcber die Runden kommt? In dem Leitbildworkshop in Kaiserswerth kam eine Arbeitsgruppe mit einem Titel zur\u00fcck, der das Problem traf und mich zutiefst erschreckte: \u201e Zwischen Verhei\u00dfung und Verheizung\u201c. Ich hatte das Gef\u00fchl, ein Misstrauen zu h\u00f6ren, dass die Leitbildarbeit letztlich nur dazu diente, noch mehr Leistung aus den Mitarbeitenden herauszupressen. Noch mehr Engagement und \u00dcberstunden. Vielleicht war es aber auch einfach die Angst, dass die Verhei\u00dfung, von der da die Rede war, dieses Aufleuchten eines tiefen Sinns in Deiner Arbeit, Dich wegtragen k\u00f6nnte. Die Angst, sich selbst nicht sch\u00fctzen zu k\u00f6nnen, sich \u00fcber das Ma\u00df zu verausgaben.<\/p>\n<p>Diese Angst ist berechtigt. Und vielleicht versuchen wir ja, uns durch Zeitmanagement und Kosten-Nutzen-Rechnungen vor Verheizung sch\u00fctzen k\u00f6nnten. Ganz sicher versuchen wir in allen sozialen Berufen durch wachsende Professionalisierung Distanz zu schaffen zwischen unserer Arbeit und dem ungeheuren Anspruch des Du, zwischen unserem Alltag und den ungeheuren Herausforderungen, die uns auf diesen Berufsweg gebracht haben. Pflege oder Sozialarbeit professionell zu betreiben, das hei\u00dft eben zu unterscheiden zwischen dem, was Fachkr\u00e4fte tun m\u00fcssen und was delegiert werden kann. Mit der teuren Zeit der Fachkr\u00e4fte hauszuhalten, Grenzen zu setzen und auch darauf zu achten, dass die Selbstpflege nicht zu kurz kommt. Aber gelegentlich passiert es dann eben, dass unter dem coolen Wirtschaftsethos der Frust w\u00e4chst. Dass der R\u00fccken schmerzt, weil man sich vorkommt wie am Fliessband oder in der Autowerkstatt. Und pl\u00f6tzlich merkt man : die Motivation ist erkaltet. Wo einmal ein Feuer brannte, ist nur noch Asche. Management und Professionalit\u00e4t sch\u00fctzen nicht vor dieser Gefahr. Es braucht einen anderen Weg mit unserer inneren Flamme umzugehen als die blo\u00dfe Beschreibung von Standards und clinical pathways.<\/p>\n<p>Der L\u00e4ufer, der mir vorhin auf dem Kreuzweg entgegenkam, ist l\u00e4ngst \u00fcber alle Berge. Ich wache aus meinen Erinnerungen auf und schaue auf die Kreuzwegstation. Das Schwei\u00dftuch der Veronika \u2013 keine biblische Geschichte. Aber eine sch\u00f6ne, einfache Geste. Da steht eine Frau am Weg und reicht Todgeweihten ein Tuch, um Blut und Schwei\u00df abzuwischen. Bis heute, sagt man, soll sich auf diesem Tuch das Gesicht Christi zeigen. Erfahrungen \u00fcberlagern sich in meiner Erinnerung; da sind die Kreuzwegprozessionen in dem katholischen Dorf meiner Kindheit. Die Ges\u00e4nge, Gebete, Andachten vor diesen Steinh\u00e4uschen \u2013 das blieb mir fremd, weil ich eben nicht mehr sah als diese Steinmetzarbeiten. Keine lebendigen Bilder. Heute allerdings erinnere ich mich an dieser Stelle an die ersten Schritte einer Krankenhaushospizgruppe. Die erste Runde in der Gruppe zu Palliativversorgung und Sterbebegleitung. Eine Schwester weint, weil sie es nicht mehr ertragen konnte, dass die Toten m\u00f6glichst abends und mit einem Bettuch bedeckt aus den Zimmern gefahren wurden, damit sie niemand sieht. Damit die anderen nicht mit dem Tod konfrontiert werden. Ich kann meine Traurigkeit nicht mehr herunterschlucken, sagt die Schwester. Ich h\u00e4tte doch gern wenigstens eine Rose auf dieses Tuch gelegt. Nach diesen Tr\u00e4nen begann etwas Neues: eine Hospizgruppe von Schwestern im Ruhestand, die sich endlich Zeit nehmen konnten, am Bett zu sitzen und ganz da zu sein. Ich habe die Schwierigkeiten, diese ehrenamtliche Gruppe zu implantieren nicht vergessen &#8211; soviel Zuwendung schien den Betrieb zu st\u00f6ren.. Und schlie\u00dflich kam der Aufbruch. Aus der kleinen Gruppe wurde eine Bewegung, die mehr als 200 Leute in Krankenhaus und Altenhilfe erfasste. Sogar die Schreiner und die Paramentik machten mit: Das Symbol daf\u00fcr: die Lade, eine kleine Schub-Lade mit Kerze, Spruchkarte, Kreuz und einem wei\u00dfen Deckchen f\u00fcr den Nachtisch \u2013 f\u00fcr jede Station, f\u00fcr jede Pflegekraft, die den Abschied gestalten will. In dem wei\u00dfen Tuch ist der Schmetterling eingestickt, ein altes Auferstehungszeichen. Es hat mich unglaublich begeistert, zu sehen, wie die Palliative-Care und Ethikarbeit in Kaiserswerth wuchs und immer neue Fr\u00fcchte trug: vom Mosesk\u00f6rbchen in der Geburtsstation bis zur Ethikberatung in der Altenhilfe \u2013 das sch\u00f6nste daran war, dass Mitarbeitende sich befl\u00fcgelt f\u00fchlten, weil sie endlich wieder die eigene Berufung sp\u00fcrten. Wer in diesem Sinne bei sich selbst ist, kann auch bei anderen bleiben. Auch an den schwierigen Stationen.<\/p>\n<p>Wir sind ja noch auf dem Kreuzweg. Das klingt ziemlich katholisch, ich wei\u00df. Und trotzdem; die Erfahrungen, die gezeigt werden, sind eben doch Spiegel unser eigenen Erfahrungen. Wer unter Belastungen zusammenbricht, braucht jemanden, der mit tr\u00e4gt. Wer Blut und Wasser schwitzt, braucht eine, die ihm den Schwei\u00df abwischt. Wer sich f\u00fcr andere einsetzt, st\u00f6rt manchmal den ganzen Betrieb, der gnadenlos weitergeht. Notfalls auch \u00fcber Leichen. Es ist zum Aussteigen und Weglaufen \u2013 aber auch das geh\u00f6rt dazu. Viele der J\u00fcnger Jesu sind vorsichtshalber abgetaucht, weil sie sich selbst sch\u00fctzen wollten. Wie wir aus der Bibel wissen, haben sie das sp\u00e4ter bereut. Es war Verrat an ihren eigenen Tr\u00e4umen, an ihrer Berufung. Das l\u00e4sst einen leer zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Sagen konnten sie das aber auch erst, als sie wussten, dass der Weg Jesu Sinn hatte. Nach Ostern, als sie seine Energie wieder sp\u00fcrten, seine Kraft und N\u00e4he. Wie viel Stationen hat so ein Kreuzweg \u00fcberhaupt, habe ich meinen Mann gefragt, der sich mit dem Katholizismus besser auskennt als ich. Vierzehn \u2013 und die letzte ist die Grablegung. Ich denke: am Ende st\u00fcnde die herrliche Kapelle da oben, der Raum auf dem Berg, den wir noch lange nicht erreicht haben. Es kommt, glaube ich, doch viel darauf an, was wir am Ende erwarten. In Kloster S\u00e4ben war es ein unglaublich sch\u00f6ner Rundblick \u00fcber die ganze Landschaft, der den steinigen Weg vergessen lie\u00df. Und eine mittelalterliche Kapelle, die um ein Taufbecken aus dem 4. Jahrhundert herumgebaut ist. Ein gro\u00dfes, steinernes Becken im Boden, in das man hinabsteigen und eintauchen konnte. Da stand man am Ende ganz an den Urspr\u00fcngen des Christentums. Wo alles begann.<\/p>\n<p><strong>2. Die Bewegung des Mitleidens \u2013 ein kleines Kapitel Theologie<br \/>\n<\/strong>Ich will sie jetzt nicht l\u00e4nger mitnehmen von Station zu Station dieses Kreuzwegs. Ich m\u00f6chte uns aber bewusst machen, dass die Bewegung der Diakonie ganz \u00e4hnlich ist. Man muss nicht an Elisabeth von Th\u00fcringen erinnern, um sich klar zu machen, dass der Ursprung von Hospit\u00e4lern, Obdachlosenheimen, Armenf\u00fcrsorge, politischer Lobbyarbeit genau in dieser Nachfolgebewegung liegt. Immer hat es angefangen mit Menschen, die \u00fcberzeugt waren, dass sie in den Heruntergekommenen, Verzweifelten, Sterbenden Jesus begegnen. Dass das Schwei\u00dftuch, dass sie reichen, am Ende allemal das Gesicht Jesu zeigt. Dass in dem Bett, das sie dem Kranken bereiten, der Gekreuzigte liegt. Dass Gott selbst am Wegrand unter die R\u00e4uber gefallen ist- wie in der Geschichte vom Barmherzigen Samariter. Dass Gott leidet, wo ein Mensch leidet und an den Rand gedr\u00e4ngt wird, wo Menschen niedergemacht werden. Dass unsere Fr\u00f6mmigkeit auf dem Spiel steht, wo die Menschlichkeit auf dem Spiel steht.<\/p>\n<p>Die Schweizer Pflegewissenschaftlerin Elisabeth K\u00e4ppeli hat gezeigt, dass dieses Motiv des mit leidenden Gottes die wichtigste religi\u00f6se Wurzel der sozialen Arbeit im Christentum und auch im Judentum ist. Gottes Mitleiden, seine Liebe und Gerechtigkeit st\u00e4rken Israel den R\u00fccken, aus der Sklaverei aufzubrechen. Und seine Sympathie gewinnt dann in Jesus ein Gesicht, sodass es in der Bibel hei\u00dfen kann: Wir haben einen Hohenpriester, der mit unseren Schw\u00e4chen mitf\u00fchlt und mitleidet \u2013 unser Gott schwebt nicht \u00fcber den Dingen. Das griechische Wort Sympathie ist das gleiche wie das englische compassion, einer der zentralen Begriffe der Pflegewissenschaft heute, die manche auch als die Kunst der mitleidenden Aufmerksamkeit bezeichnen. Das ist es, was uns an Elisabeth von Th\u00fcringen oder Florence Nightingale bewegt \u2013 die radikale Bereitschaft, in den Schuhen des anderen zu gehen, in Ber\u00fchrung mit Kranken und Leidenden zu kommen. Und es ging weiter mit Menschen wie Eva Thiele-Winkler ,oder. Jean \u2013 Vanier, dem Gr\u00fcnder der \u201e Arche-Gemeinschaften\u201c, der Lebensgemeinschaften von Behinderten und Nicht-Behinderten, von denen ich nachher noch erz\u00e4hlen will.<\/p>\n<p>Hinter dieser Bewegung des Mitgehens, der Liebe und der Solidarit\u00e4t steht die biblische \u00dcberzeugung, dass jeder Mensch Ebenbild Gottes ist, auch wenn er uns noch so erb\u00e4rmlich oder unmenschlich erscheint. Kein Untermensch, kein Unber\u00fchrbarer, kein Objekt, kein B\u00fcrger zweiter Klasse und auch mehr als ein Klient oder Kunde. Wer Hilfe braucht ist mit der gleichen W\u00fcrde ausgestattet wie der, der Helfen kann. Diese biblische Rede von der Ebenbildlichkeit, die schon in der Sch\u00f6pfungsgeschichte vorkommt, hat \u00fcbrigens einen atemberaubenden Hintergrund: Das Wort z\u00e4l\u00e4m, also Ebenbild, das da im hebr\u00e4ischen Wortlaut steht, wurde damals f\u00fcr die G\u00f6tterbilder und G\u00f6tterstatuen gebraucht, in denen der Gott oder die G\u00f6ttin auf der Erde anwesend war. Stellen Sie sich so eine vergoldete griechische oder \u00e4gyptische Statue vor, die man kaum zu ber\u00fchren wagte \u2013 und denken Sie: \u201eSo ist der Mensch, jeder Mensch, nicht nur der, den Du liebst: : heilig, unverletzbar, sch\u00f6n, zum Niederknien.\u201c Wer so denken und handeln kann, wer das mit seiner diakonischen Arbeit vermittelt, kann unglaubliche Kr\u00e4fte freisetzen. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Kollegin in der Behindertenhilfe, die eine neue Wohnanlage mit aufgebaut hat. Die Einrichtung war so sch\u00f6n, dass man gern selbst eingezogen w\u00e4re, und die Atmosph\u00e4re voller W\u00e4rme. Ich kenne kaum jemanden, der so viele Spenden gesammelt hat wie sie \u2013 einfach weil es zu Herzen geht, wenn Menschen mit ihren Schw\u00e4chen angenommen werden und sich entwickeln k\u00f6nnen. Inzwischen haben die Kollegen dort \u00fcbrigens einen Partnerschaftsservice aufgebaut \u2013 die Schatzkiste. Es war wunderbar, zu erleben, wie sich das erste Paar gefunden hat.<\/p>\n<p>Die lebendige Atmosph\u00e4re in dieser Wohnanlage, hilft auch dem Mitarbeiterteam, Zeiten von Stress und Krankheiten zu ertragen und immer neue Energie und Phantasie einzusetzen, wenn es darum geht, einen Werkstattplatz oder eine Reittherapie zu finden oder auch den Dienst so zu gestalten, dass die Extras unterkommen- trotz Schichtdienst und immer knapperen Budgets. Die sagenumwobenen langen Arbeitsstunden im Diakonissen-Mutterhaus sind ja Gott sei Dank Geschichte. Aber sie waren eben auch unterbrochen von gemeinsamen Mahlzeiten, Andachten und Einkehrtagen, die genauso wichtig genommen wurden wie der Dienst. Dieser Rhythmus, das Pendeln zwischen Zuwendung und Nachdenken, zwischen Arbeit und Meditation erscheint heute wie der Zauber einer versunkenen Welt. Es sind diese regelm\u00e4\u00dfigen Zeiten des R\u00fcckzugs und der Reflexion, es ist diese Ganzheitlichkeit, nach der sich viele sehnen. Manche vermissen auch solche Orte der Inspiration, wie die alten Mutterh\u00e4user mit ihren Kapellen und Kirchen sie boten. Es war auch ein Geschenk, dass die Schwestern hierher nach Hause kommen konnten, egal, ob sie gerade in der Nachbarschaft oder im Ausland arbeiteten. Da konnte man sich erholen, traf Menschen, mit denen man austauschen, bei denen man sich ausweinen und Rat finden konnte. Das half den eigenen Weg mit der Bibel zu reflektieren und neu auszurichten.<\/p>\n<p>Es ist dieses Pendeln zwischen eigener Anstrengung und Reflexion, das auch den Kreuzweg ausmacht. F\u00fcr die Diakonie ist es bedrohlich, wenn dieser Zusammenhang verloren geht. Manchmal habe ich das Gef\u00fchl, das sei schon l\u00e4ngst geschehen. Nicht nur, weil kaum noch jemand etwas mit den Spr\u00fcchen anfangen kann, die auf den sch\u00f6nen alten H\u00e4usern stehen \u2013 zum Beispiel das Jesuswort \u201e Wer ein Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf\u201c, sondern auch, weil gelegentlich vor lauter Budgets, DRGs und Modulen, vor lauter Standards und Zahlen die Lebendigkeit aus dem Blick ger\u00e4t. Ich erinnere mich an die Wut der Patienten und Mitarbeiter, als zeitweilig in unserem Krankenhaus das kostenlose Wasser abgeschafft wurde, das auf den Nachtischen stand. Weil das Herbeischaffen und Wegr\u00e4umen der Flaschen zu viele Personalkosten band, wurde der Service outgesourct . Man musste das Wasser also kaufen.. \u201eUnd das in einer Kirche, die vom barmherzigen Samariter redet\u201c, sagte ein w\u00fctender Mann. \u201eNicht mal Wasser haben Sie f\u00fcr den, der im Dreck liegt.\u201c<\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte viele solcher Geschichten erz\u00e4hlen. Wichtig daran ist f\u00fcr mich: oft sind es die anderen, die Kunden, die Ehrenamtlichen, die uns daran erinnern, dass unsere Quellen versiegt sind. Dass unsere innere Flamme erloschen ist. Dass wir unsere Arbeit mechanisch tun, ohne noch zu wissen warum. Mit ungeheurem Tempo und viel Effektivit\u00e4t vielleicht \u2013 aber am Menschen vorbei, und darum letztlich nicht zielorientiert. Ein gutes Management und wirtschaftliche Arbeit sind wichtig \u2013 Dienste und Arbeitspl\u00e4tze h\u00e4ngen davon ab. Aber wenn wir anfangen, alles im Leben zu planen und zu normieren von der Geburt bis zum Tod, wenn wir alles in Zeit und Geld berechnen, dann b\u00fc\u00dfen wir unsere Lebendigkeit ein und springen dem Tod auf die Schippe. Es ist nicht leicht zu ertragen, wenn einen jemand damit konfrontiert, aber es tut letztlich gut . Es macht uns n\u00e4mlich bewusst, dass wir entscheiden m\u00fcssen, was wir mit unserem Leben, mit unserer Arbeit, in unserer Kirche leben, erleben und erreichen wollen \u2013 f\u00fcr was wir leben wollen. Ohne innere und \u00e4u\u00dfere K\u00e4mpfe geht das wahrscheinlich nicht ab, aber Humanisierung ist eben in diesem Sinne auch ein Kampf.<\/p>\n<p>So betrachtet, hat das er alte Kreuzweg auch eine therapeutische Funktion. Er konfrontiert mit Leiden und Tod und mit der Frage nach unserem Selbstverst\u00e4ndnis, nach unserem Ziel. Mag sein, dass das der Grund ist, warum die Jakobswege und Elisabethwege so boomen in Europa ! Im Alltag allerdings gilt es aber, ganz neue Wege zu entdecken. Wege ohne Gel\u00e4nder sozusagen. Wege, auf denen uns niemand sagt, in welchen Stellen wir Gott begegnen k\u00f6nnen, was uns ersch\u00fcttern wird, wo unsere Menschlichkeit gefragt ist, was heilig ist. Eigentlich muss es ja auch so sein . H\u00e4tten die Menschen damals in Jerusalem das Gef\u00fchl gehabt, dass dieser Kreuzweg alles in sich birgt, sie h\u00e4tten sich anders verhalten. Es n\u00fctzt also nichts, wenn wir ihn einfach nachstellen \u2013 es liegt alles daran, dass wir mitten in unserem Alltag die Augen offen halten.<\/p>\n<p>3. Wegstationen \u2013 wo heute Gottes N\u00e4he sp\u00fcrbar wird<br \/>\nDeswegen will ich jetzt von Orten erz\u00e4hlen, an denen f\u00fcr mich Licht auf den Weg f\u00e4ll, wo Gottes N\u00e4he sp\u00fcrbar wird. Ich will aber auch dar\u00fcber sprechen, was uns selbst helfen kann, in unwegsamen Gel\u00e4nde Orientierung zu finden.<\/p>\n<p>Weil ich davon ausgehe, dass unser Leben ein Weg ist und dass wir in diesem Sinne alle Pilger sind, leuchtet mir der Gedanke ein, dass Kirchen, Gemeinden und diakonische Einrichtungen vor allem anderen Herberger sein sollen. Orte der Gastfreundschaft, an denen man sich fallen lassen und zu sich kommen kann, wo man auftanken kann und ein Pflaster f\u00fcr die Wunden bekommt, wo du deine schmutzige W\u00e4sche waschen kannst und eine Wanderkarte findest, um nicht vom Weg abzukommen. Wer genau hinschaut, wird entdecken, wie viele sich auch heute wieder an dieser Stelle engagieren. Sie fangen mit denen an, die am wenigsten Chancen auf dem Markt haben: mit den Ausgegrenzten und Mittellosen. Denken Sie nur an die Tafelbewegung, die angesichts der Armut in unserem Land immer noch weiter w\u00e4chst, und l\u00e4ngst besonders darauf achtet, dass Kinder wieder eine warme Mahlzeit am Tag bekommen. Oder an die Obdachloseneinrichtungen, die neben dem Tisch auch eine Dusche und eine Waschmaschine, einen Internet- und einen Postanschluss zur Verf\u00fcgung stellen. Besonders begeistert bin ich von dem Projekt \u201eReichtum 2\u201c in Berlin. Das \u201eSch\u00f6nste Sozialhotel f\u00fcr Wohnungslose\u201c \u2013 das erste steht in Moskau &#8211; wurde von der K\u00fcnstlerin Miria Kilali mitgestaltet.. Farben, Fotos, Bilder in Goldrahmen \u2013 ein wohltuend sch\u00f6ner Ort ist da entstanden, ein Ort, der Energie spendet und Menschen die Beklemmung der Armut nimmt. Und das nicht, weil die Kunden so zahlungskr\u00e4ftig sind \u2013 sondern einfach als Hommage an die Menschen, die seit langem nirgendwo mehr zu Hause waren. Friedrich von Bodelschwingh, der Gr\u00fcnder von Bethel der damals mit \u00e4hnlichen Initiativen begann, hat das so zusammengefasst, dass das Ziel gleich mit im Blick war: \u201e Das ist aller Gastfreundschaft tiefster Sinn, dass wir einander Heimat geben auf dem Weg nach dem ewigen Zuhause.\u201c<\/p>\n<p>Genauso bewundernswert finde ich die Arbeit der \u00c4rztin Adelheid Franz,, die seit Jahren in der Malteser Migrantenmedizin arbeitet und Menschen ohne Aufenthaltsstatus hilft. Sie hat ein dichtes Netzwerk aufgebaut \u2013 vom Entbindungsplatz bis zum Krankenhaus, von der Kinderkleiderkammer bis zur Fl\u00fcchtlingsberatung \u2013 von ehrenamtlichen \u00c4rzten, Juristen, Sozialarbeitern bis zu Freiwilligendiensten, um Untergetauchten, Illegalen und Fl\u00fcchtlingen zu helfen. Fast 10.000 schwer kranke Menschen wurden dort in den letzten 6 Jahren behandelt. Alle davon fanden Zuflucht in Angst und Verfolgung, ohne ihre Identit\u00e4t aufdecken zu m\u00fcssen. Einfach, weil sie Menschen in Not waren.<\/p>\n<p>Wer solche Projekte kennt, kann sich das Klagelied \u00fcber die \u00f6konomisierte Diakonie eigentlich schenken. Es ist wirklich gro\u00dfartig, was gerade Ehrenamtsinitiativen in unserem Land bewegen- wie viel Zeit und Phantasie dahinter steckt. Das geht von dem diakonischen Altenbesuchsdienst \u201e Urlaub aus dem Koffer\u201c \u00fcber die Freiwilligen, die am Servicetelefon der Diakoniestation Tag und Nacht am Telefon zu erreichen, bis hin zu den Gr\u00fcnderinnen und Gr\u00fcndern von Kinderhospizen und all den Initiativen, die kleine Dienste in der Nachbarschaft organisieren. Ich mag schon die phantasievollen Namen wie<br \/>\n\u201e L\u00f6wenherz\u201c oder \u201eHeute ein Engel\u201c. Da steckt das ganze Wissen drin, dass wir einander Engel werden k\u00f6nnen, wenn wir uns anr\u00fchren lassen von der Not des anderen. Jemand hat neulich gesagt: Wir sind nicht automatisch N\u00e4chste, wir werden einander immer neu zu N\u00e4chsten durch konkrete, aktuelle Herausforderungen.<\/p>\n<p>Genau das hat die Geschichte vom Barmherzigen Samariter festgehalten. Da hei\u00dft es n\u00e4mlich: Wer ist denn nun dem, der unter die R\u00e4uber gefallen ist, zum N\u00e4chsten geworden? Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Der ihn aufhob, auf sein Reittier setzte, an einen sicheren Ort transportierte, Geld gab f\u00fcr seine Versorgung und Heilung &#8230;Alles Werke der Barmherzigkeit, wie unsere Tradition sagt. Orte, an denen wir Gott begegnen k\u00f6nnen. Tafeln und Kleiderkammern, Hilfe f\u00fcr Fremde und Verfolgte, Medizin und Besuchsdienste \u2013 offenbar m\u00fcssen sie selbst im Sozialstaat immer neu erfunden werden. Keine Institution kann uns die Achtsamkeit f\u00fcr unsere Mitmenschen abnehmen, im Gegenteil: wir sind es selbst, die mit all unserer Phantasie wahrnehmen m\u00fcssen, was geschieht, damit wir die Dienste neu gestalten.. Henri Nouwen, der Gr\u00fcnder einer Gemeinschaft von Behinderten und Nichtbehinderten in der Arche meint: \u201e Es sind die Armen, die Kleinen, die von der Gesellschaft an den Rand Gedr\u00e4ngten, die uns den Weg der Liebe lehren.\u201c Der Aufbruch in der Diakonie kommt nicht von oben, sondern von unten.<\/p>\n<p><strong>4. Mut zum Aufbruch \u2013 und was dabei hilft<br \/>\n<\/strong>F\u00fcr alle, die Leitungsverantwortung haben und daf\u00fcr einstehen m\u00fcssen, dass Arbeitspl\u00e4tze erhalten bleiben und Institutionen \u00fcberleben, ist das allerdings nicht ohne. Es bedeutet n\u00e4mlich, sich der Kritik von Mitarbeitenden, Patienten, Bewohnern, mit allem Ernst zu stellen \u2013 auch wenn die Erwartungen \u00f6konomisch betrachtet \u00fcberh\u00f6ht scheinen. Es bedeutet, Freir\u00e4ume zu geben f\u00fcr neue Wege und gemeinsam nach Modellen zu suchen. Und oft auch, Geld zu investieren. Der Arbeitsbereich, in dem ich das selbst am st\u00e4rksten erlebt habe, war die Palliativcare-Arbeit und die dazugeh\u00f6rende Ethikberatung. Ich habe am Anfang kurz davon erz\u00e4hlt. Dass es in diesem Rahmen gelungen ist, \u00fcber Jahre eine Ethikberatung aufzubauen, in der \u00c4rzte, Pflegende, Theologen und Juristen, aber auch Hauswirtschafterinnen und Ehrenamtliche kritische Fragen aus Krankenhaus und Altenhilfe diskutierten, das war ein gro\u00dfes Geschenk. Voller Spannungen, aber auch voll kleiner Erfolge, in denen ein wirkliche Teams rund um die Patientinnen und Patienten entstanden. In denen Menschen lernten, ihre eigenen Werte zum Ausdruck zu bringen und dazu zu stehen. Die Ethikberatung findet ja wirklich an Wegkreuzungen statt, da, wo Entscheidungen n\u00f6tig sind und die Achtsamkeit besonders hoch sein muss. Wo sie gelingt, k\u00f6nnen auch Abschiedsprozesse gl\u00fccken, kommen Eltern mit ihren schweren Schwangerschaftskonflikten zurecht, bleiben Pflegende nicht unbegleitet, wenn sie keine PED \u2013Sonde legen. Da entsteht so etwas wie ein inneres Einverst\u00e4ndnis, Trost, der f\u00fcr die n\u00e4chste Wegstrecke reicht, und ein St\u00fcck Weggemeinschaft. Das lohnt die Investition.<\/p>\n<p>Denn diese Augenblicke intensiv gelebter Gemeinschaft treten heute an die Stelle der alten, fest gef\u00fcgten diakonischen Gemeinschaften. Da sind die F\u00fchrungskr\u00e4fte, die sich regelm\u00e4\u00dfig zur Fortbildung und auch zum Stammtisch treffen. Da ist eine Mitarbeitergruppe, die an einem Basiskurs zur diakonischen Bildung teilnimmt und bei den Einf\u00fchrungstagen f\u00fcr neue mitmacht. Da ist die Theatergruppe in Bethel, die mit Behinderten und Nichtbehinderten wunderbar kreative St\u00fccke auff\u00fchrt. Da ist ein Team in der Altenhilfe, das sich einmal im Monat Zeit nimmt, um gemeinsam mit den alten Menschen zu essen \u2013 statt nur das vorbereitete Tablettessen aufzutragen. Da sind die Kollegen aus der Palliativarbeit, die viertelj\u00e4hrlich Gottesdienste f\u00fcr die trauernden Angeh\u00f6rigen anbieten. All das braucht Zeit, manchmal auch Geld \u2013 aber es hat soviel Attraktivit\u00e4t, dass viele Menschen sich daf\u00fcr einsetzen. Oft weit \u00fcber die Arbeitszeit hinaus. In solchen Projekten ist n\u00e4mlich sp\u00fcrbar, wie viel Energie uns gute Arbeit geben kann. Wenn wir uns neuen Herausforderungen stellen, statt die Augen zu verschlie\u00dfen, wenn wir unserem Weg und unseren Zielen treu bleiben, auch durch Schmerzen und Entt\u00e4uschungen hindurch, wenn wir bereit sind, uns selbst ver\u00e4ndern zu lassen, dann geschieht etwas an uns: wir werden offener, vielleicht auch verletzlicher, vor allem aber dem\u00fctiger . Wir werden geerdet und nehmen vielleicht den Himmel besser wahr.<\/p>\n<p>Das ist die Eigenart des spirituellen Lebens, es ver\u00e4ndert und verwandelt uns, es sch\u00e4rft unsere Einf\u00fchlungsf\u00e4higkeit und unsere Phantasie, es l\u00e4sst uns hineinwachsen in eine neue Zuversicht, Dankbarkeit und Fr\u00f6hlichkeit. Es ist dynamisch, weil Gott dynamisch ist und uns herausfordert. Durch die Menschen und Situationen, die uns begegnen. Durch Lebensgeschichten, die uns ber\u00fchren. Durch Gedanken und Bilder, die unseren Erfahrungen einen neuen Rahmen geben. Wer sich danach sehnt, einen solchen Weg zu gehen, tut gut daran, von den neuen Jakobspilgern zu lernen. Man muss das Ziel klar vor Augen haben, regelm\u00e4\u00dfig Rast machen und vielleicht auch einen Begleiter zu suchen. Das kann ein Mensch sein, ein Freund oder ein Fremder, ein spiritueller Begleiter. Das kann aber auch ein imagin\u00e4rer Begleiter sein, ein spirituelles Tagebuch. Ich finde aber die wieder entdeckte Tradition der spirituellen Begleitung besonders wichtig und ich werbe daf\u00fcr, dass Kirche und Diakonie Menschen dazu fortbilden und solche Netzwerke begleiten.<\/p>\n<p>Es gibt ja doch Augenblicke auf dem Weg, an denen man allein nicht mehr weiter wei\u00df und am liebsten abbrechen m\u00f6chte. Weil man ausgepowert oder entt\u00e4uscht ist, weil man Schmerzen hat. Mir ging es so, als ich mir in S\u00e4ben kurz vor dem Ziel mal wieder den Fu\u00df verstauchte \u2013 dazu habe ich leider Talent. Gott sei Dank war ich in diesem Augenblick nicht allein und konnte mich auf meinen Mann st\u00fctzen. Immerhin waren wir ganz dicht an der Kapelle auf dem Berg mit dem wunderbaren Ausblick, von dem ich am Anfang erz\u00e4hlt habe. Es sind ja oft die letzten Meter, auf denen es kritisch wird \u2013 und es w\u00e4re schade, wenn wir kurz vor dem Durchbruch aufgeben. Mir ging es im Fr\u00fchjahr so in Jerusalem. Ich war mit dem Rat der EKD dorthin gereist, um einen Vertrag zwischen der pal\u00e4stinensischen Partnerkirche und der EKD zu besiegeln, an dem wir drei Jahre lang gearbeitet hatten. Dieser gemeinsame Konsultationsprozess hatte Augenblicke gr\u00f6\u00dfter Spannung, aber auch Momente der N\u00e4he und des Verstehens. Jetzt aber, in den Tagen vor der gro\u00dfen Feier, kamen die Spannungen noch einmal zutage. Ich selbst war ersch\u00f6pft, und ich erinnere mich, dass ich in der Nacht vor dem Gottesdienst lange geweint hatte. Dann aber, im Gottesdienst, beim Abendmahl, fiel das alles wie ein Nebelschleier ab \u2013 und pl\u00f6tzlich sah ich die Menschen, die sich da versammelt hatten, mit anderen Augen. Die unterschiedlichen Wege, die sie gekommen waren, die gro\u00dfe Vielfalt, die Vers\u00f6hnung der Gegens\u00e4tze \u2013 ein kleines St\u00fcck Himmel. Daf\u00fcr, dachte ich, hat sich alles gelohnt. Weil ich \u00fcberzeugt bin, dass so eine Erfahrung am Ziel unseres Weges stehen wird, wei\u00df ich, es lohnt sich, immer wieder aufzubrechen. Auch heute.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. 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