{"id":588,"date":"2015-02-20T17:10:13","date_gmt":"2015-02-20T17:10:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=588"},"modified":"2015-07-29T10:29:28","modified_gmt":"2015-07-29T10:29:28","slug":"spiritualitaet-in-der-unternehmensfuehrung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=588","title":{"rendered":"Spiritualit\u00e4t in der Unternehmensf\u00fchrung"},"content":{"rendered":"<p><strong>1. Dienet dem Herrn mit Freuden \u2013 Gef\u00fchl f\u00fcr strategische K\u00f6pfe<br \/>\n<\/strong>\u00dcber der Eingangspforte des Kaiserswerther Mutterhauses, in dem ich lange ein und ausging, steht: \u201eEr muss wachsen, ich aber muss abnehmen\u201c:Das war das Lieblingsbibelwort des Gr\u00fcnders Theodor Fliedner, der seine ganze Energie darein setzte, aus der kleinen Gr\u00fcndung ein weltweites Werk zu machen. Das Zitat wird Johannes dem T\u00e4ufer zugeschrieben, dessen ganzes Leben ein Fingerzeig auf Jesus sein sollte \u2013 Sie kennen sicher den \u00fcberdimensionalen Zeigefinger im Isenheimer Altar von Matthias Gr\u00fcnewald. Viele der alten Schwestern, die wesentlich zu Wachstum und Ausbreitung der Kaiserswerther Diakonie beigetragen haben, lasen das Wort nicht ohne Bitterkeit \u2013 zu viel Opfer, zu viel Verzicht. Die Hotelg\u00e4ste, die in dem umgebauten Haus buchten, verstanden l\u00e4ngt nicht mehr, was gemeint war mit Wachsen und Abnehmen, mit \u201eEr\u201c und \u201eIch\u201c.<\/p>\n<p>Fast jede Mutterhauspforte erz\u00e4hlt von Geschichte und Selbstverst\u00e4ndnis eines diakonischen Unternehmens. \u00dcber der Eingangspforte in Magdeburg, wo ich Mitglied des Kuratoriums bin, steht \u201eDienet dem Herrn mit Freuden\u201c. Das ist, wie ich finde, leichter zu verstehen, und es ist existentieller. Weil ich gute Erfahrungen damit gemacht habe, die Tradition zu befragen, habe ich mir k\u00fcrzlich erlaubt, einen Mitarbeiter aus dem Krankenhausmanagement zu fragen, ob er irgendeinem Bezug zu diesem Wort h\u00e4tte \u2013 oder zu der diakonischen Tradition, die darin sichtbar wird. So wie er mich anschaute, war ich nicht ganz sicher, ob ich einen Tabubruch begangen hatte oder ob hier einfach zwei Welten aufeinander prallten. Jedenfalls war die Frage eine Zumutung \u2013 zu existentiell vielleicht, zu religi\u00f6s, weit weg von seinem Alltag. Eine Antwort kam dann aber doch: Zuerst einmal m\u00fcsste die finanzielle Situation stabil sein, meinte er, dann k\u00f6nnten wir \u00fcber die diakonische Dimension sprechen.<\/p>\n<p>Angesichts der sozialwirtschaftlichen Gro\u00dfwetterlage ist Spiritualit\u00e4t in der Unternehmensf\u00fchrung f\u00fcr viele ein \u201eat on\u201c. Umstrukturierungen, \u00dcbernahmen und Fusionen pr\u00e4gen das Bild. Im Wettbewerb mit den gro\u00dfen Tankern empfinden sich kleinere Tr\u00e4ger unter Druck. Eigene Gesellschaften mit niedrigeren Tarifen wurden ausgegliedert. Die Zahl der Zeit- und Teilzeitkr\u00e4fte steigt. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erleben eine kaum noch f\u00fcr m\u00f6glich gehaltene Arbeitsverdichtung und ein bisher nicht gekanntes Ma\u00df an Ver\u00e4nderungsdruck. Und die Erwartungen an die F\u00fchrungskr\u00e4fte wachsen mit: Budgets einhalten, Ziele setzen, Ver\u00e4nderung gestalten- und nun auch noch diakonische Kultur oder gar Spiritualit\u00e4t leben?<\/p>\n<p>\u201eDienet dem Herrn mit Freuden\u201c? Ich war begeistert, in ihrer Evaluation zu sehen, dass 85 % der Auszubildenden in der Altenpflege den Beruf ergriffen haben, weil sie Freude am Umgang mit Menschen haben. Aber immerhin jede und jeder Zehnte hat schon in den ersten zwei bis drei Jahren Zweifel bekommen, ob das die richtige Berufswahl war. Der Wettbewerb um gute Qualit\u00e4t bei knappen Ressourcen ist mit Stress verbunden. Freude ist dann allenfalls die Freude am Erfolg. Zum. Wettbewerb geh\u00f6ren Leistung und Erfolgsorientierung; zur Freude \u00dcberraschung und Dankbarkeit, das Gef\u00fchl, beschenkt zu werden. Denken Sie an Ihr Kindergef\u00fchl zu Weihnachten: wenn das Warten ein Ende hat und alle Anspannung abf\u00e4llt. Matthias Claudius verdichtet das so; \u201e Ich bin vergn\u00fcgt und freue mich wie\u2019s Kind zur Weihnachtsgabe, dass ich bin \u2013 bin (!) \u2013\u00a0 und dass ich Dich sch\u00f6n menschlich Antlitz habe\u2026 Gott gebe mir nur jeden Tag so viel ich darf zum Leben; er gibt\u2019s dem Sperling auf dem Dach, wie sollt er\u2019s mir nicht geben?\u201c \u00a0Freude \u00f6ffnet alle Tore. Wer lachen kann, der \u00f6ffnet sich f\u00fcr die Welt, wer l\u00e4chelt, schenkt auch anderen Lebensmut.<\/p>\n<p>Ein solche positive, zugewandte Atmosph\u00e4re erhoffen sich viele, wenn sie in ein Haus kommen, das von der Diakonie gef\u00fchrt wird: Wer krank oder in einer Krise ist, wer einen Angeh\u00f6rigen in ein Heim bringt, w\u00fcnscht sich Menschen, die trotz allem Ja zum Leben sagen, die Krisen und Niederlagen nicht f\u00fcrchten, die auch in \u00c4ngsten zuversichtlich bleiben. Hier erhofft man sich Teams, die sensibel geblieben sind f\u00fcr das Leiden, und eine spirituelle Pr\u00e4senz, die das Leben in seinen Widerspr\u00fcchen aush\u00e4lt. Manche werden entt\u00e4uscht; wenn sie stattdessen erleben, was der Stern k\u00fcrzlich die \u201e Helferindustrie\u201c nannte: \u00a0Professionelle Teams, die auf wirtschaftlichen Erfolg ausgerichtet sind \u2013 in Diakonie und Caritas wie im Roten Kreuzes oder der AWO.<\/p>\n<p>Aber auch viele Mitarbeitende erwarten, dass die Leitungskr\u00e4fte neben all ihrer Professionalit\u00e4t noch eine etwas anderes verk\u00f6rpern \u2013eine Leidenschaft f\u00fcr die Menschen, eine Freude am Leben, die auch in Misserfolgen und Niederlagen nicht abtaucht. Sie suchen Menschen , die sich der Spannung zwischen Auftrag und Lebenswirklichkeit bewusst bleiben, ohne das eine zu verdr\u00e4ngen oder das andere zu verstecken. Menschen, die fr\u00f6hlich mit dem Unvollkommenen umgehen k\u00f6nnen. Das ist schwer. Und vielleicht doch nur mit einer gewissen Leichtigkeit zu leben. \u201e Dienet dem Herrn mit Freuden\u201c \u2013 ja, vielleicht nur so.<\/p>\n<p>Ich habe mir \u00fcberlegt, woran ich mich in meiner Kaiserswerther Zeit von Herzen gefreut habe \u2013 vielleicht tun Sie das f\u00fcr Ihren Alltag auch: Ich dachte an das Eichh\u00f6rnchen, das in der alten Libanonzeder vor meinem B\u00fcro lebte. An die Er\u00f6ffnung des Bistros im Alten Waschhaus, in dem geistig behinderte Mitarbeiter Suppe verkauften. Die Hebammen fielen mir ein, die mir zum Abschied ein \u201eMosesk\u00f6rbchen\u201c geschenkt haben \u2013 als Dank f\u00fcr den Palliative-Care- und Ethik-Prozess. Die Jugendmitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in ihrem Leitbildprozess pl\u00f6tzlich entdeckten, dass der Spa\u00df im Leitbild fehlte. Die Magnolienbl\u00fcte im Mai vor dem Mutterhaus Und die Schreiner, die die Lade mit Kerzen und Kreuz f\u00fcr die Hospizbegleitung hergestellt hatten. Die japanischen Sch\u00fclerinnen, die der Florence Nigthingale- B\u00fcste eine Blumenkette umh\u00e4ngten. Das Juchzen der schwermehrfachbehinderten Nachbarn auf der Vogelnestschaukel. Ein Adventsgottesdienst, bei dem die W\u00fcnsche und Tr\u00e4ume an Luftballons an die Kirchendecke schwebten.. Immer und immer wieder das Gef\u00fchl, nicht allein zu sein \u2013 sondern mitten im Stress mit anderen an einem Strang zu ziehen, in einer Kette zu stehen, Leben zu sp\u00fcren. Freude ist wie ein Trampolin, der uns wieder aufrichtet, wenn wir am Boden sind.<\/p>\n<p>Was\u00a0 uns \u00fcberw\u00e4ltigt und staunen l\u00e4sst, was uns anr\u00fchrt, weil es uns ganz nah zum Ursprung und Sinn unserer Arbeit f\u00fchrt &#8211; die Lebensfreude beim Anblick einer Geburt, die Transzendenzerfahrung an einem Sterbebett &#8211; das hat eine religi\u00f6se Dimension. Unsere Freude, aber auch unsere Klage sind in der Tiefe Gebet. Mancher kann sich nicht freuen- viele k\u00f6nnten schreien vor Wut \u00fcber Ungerechtigkeit und Unrecht. Eine Schwester in Hamburg sagte mir neulich, sie sp\u00fcre es an Ihrer Wut, wenn die diakonische Identit\u00e4t ber\u00fchrt sei. Und kann es kaum noch ertragen, wenn auch die Tr\u00e4ger in Diakonie und Caritas von menschlichen Lebensprozessen in wirtschaftlicher Sprache sprechen: wenn wir \u201ePatienten durchschleusen\u201c, \u201eMindestmengen leisten\u201c, \u201e100 Prozent Belegung in der Altenhilfe\u201c erreichen wollen, das Geborenwerden und Sterben konditionieren. Spiritualit\u00e4t hat es mit solchen existenziellen Gef\u00fchlen zu tun: mit Freude, mit Wut und mit Traurigkeit. Nichts ist schlimmer als Gleichg\u00fcltigkeit \u2013 das kalte Herz, wie die Bibel es nennt.<\/p>\n<p>Der Theologe Friedrich Schleiermacher fand im Glauben vor allem ein Gef\u00fchl: das Gef\u00fchl schlechthinniger Abh\u00e4ngigkeit. Eine Zumutung f\u00fcr einen modernen, autonomen Menschen \u2013 und erst recht f\u00fcr eine F\u00fchrungskraft. Wir lassen uns nicht gern von Gef\u00fchlen \u00fcberw\u00e4ltigen- das k\u00f6nnte unsere Strategie bedrohen, den k\u00fchlen Kopf vernebeln. Trotzdem wissen wir: zur F\u00fchrung geh\u00f6rt beides \u2013 Kopf und Herz. Strategie und Intuition. Planung und Gebet. Unsere Vorfahren haben diese Gef\u00fchlsebene in liturgische Formen gefasst \u2013 Freude und Klage in Kyrie und Gloria. Heute sind wir auf der Suche, wie es neu gelingt, diese Dimension in unseren Alltag zu integrieren. Das allererste aber ist, dass wir wahrnehmen, was unser Herz uns sagt.<\/p>\n<p><strong>2. \u201eIn Br\u00fcchen neues Leben \u2013 Neues leben\u201c<br \/>\n<\/strong>Nach sechs Jahren in einem diakonischen Unternehmen, habe ich in den letzten sieben Jahren wieder in der verfassten Kirche gearbeitet. Lange Zeit unterschied sie sich fundamental von der Diakonie, wenn es um Strategie und Steuerung ging. Aber diese Dichotomie beginnt sich aufzul\u00f6sen. Angesichts sinkender Kirchensteuereinnahmen setzt sich auch in der kirchlichen Finanzplanung eine neue Input- und Outputsteuerung, die Doppik, durch. Ziele werden beschreiben, Instrumente diskutiert, Kompetenzzentren gebildet. Die Umbruchprozesse, die damit verbunden sind, bergen \u00e4hnlich schwierige Herausforderungen wie die Umstrukturierungsprozesse in der Diakonie. An die Stelle einer Institutionen- und Verbandslogik mit unklaren Zuordnungen, vielf\u00e4ltig verschr\u00e4nkten Zust\u00e4ndigkeiten und vielfach vernetzten Gremien tritt eine Handlungslogik mit klar zugeschriebenen Teilkompetenzen und wechselseitigen internen Dienstleistungen. Die Hierarchien werden flacher, die Eigenverantwortung w\u00e4chst.<\/p>\n<p>Das bedeutet aber auch: Es gibt Gewinner und Verlierer im Wettbewerb um die knapper werdenden Finanzen, es gibt Erfolg und Versagen gegen\u00fcber Leistungszielen. Immer neue Projekte und Allianzen entstehen, immer neue Teams und Netzwerke, die sich jeweils neu um eine Aufgabe konzentrieren. Wir m\u00fcssen \u00fcber den eigenen Tellerrand hinausschauen, interdisziplin\u00e4r arbeiten, Prozesse vernetzt gestalten. Das ist anstrengend und verunsichert. \u201eWohin sollen wir qualifizieren\u201c, werde ich oft gefragt \u2013 \u201evielleicht zur Bew\u00e4ltigung von Unsicherheit?\u201c \u00a0Was sich n\u00e4mlich zwischen den Organisationen und in den Organisationen selbst zeigt, das gilt nat\u00fcrlich auch f\u00fcr jeden Einzelnen. Lebensl\u00e4ufe werden immer neu zusammen gesetzt, Biographien neu geschrieben. In den Umbr\u00fcchen entstehen auch Br\u00fcche. An den Schnittstellen ist Neuorientierung n\u00f6tig. Wo kann sichtbar werden , was war und was wird ? Wo k\u00f6nnen Widerspr\u00fcche, Klagen und Verzweiflung benannt werden? Wer nimmt die Schmerzen, wer nimmt Wut und Traurigkeit in Ver\u00e4nderungsprozessen ernst?<\/p>\n<p>Auf EKD \u2013 Ebene erleben wir zur Zeit die Zusammenf\u00fchrung von Diakonie, Brot f\u00fcr die Welt und Evangelischem Entwicklungsdienst zu einem neuen Spitzenverband mit mehr als 600 Mitarbeitenden in Berlin \u2013 ein Schritt, der so entscheidend ist wie die Zusammenf\u00fchrung von Innerer Mission und Hilfswerk nach dem Krieg. Als k\u00fcrzlich F\u00fchrungskr\u00e4fte aus beiden Bereichen diskutierten, welche theologischen Traditionen und Werte in diesem neuen Werk gelten sollen, da war zu sp\u00fcren: Die alten Gef\u00e4\u00dfe sind br\u00fcchig geworden. In diesem Augenblick, in dem die \u00e4u\u00dferen Strukturen und die inneren Abl\u00e4ufe sich unter dem finanziellen und gesellschaftlichen\u00a0 Druck \u00e4ndern, wird sichtbar: Auch die Inhalte sind fragw\u00fcrdig geworden. Die Traditionen von Entwicklungsdienst und Wohlfahrtsdiakonie, die Leitbilder, die uns lange selbstverst\u00e4ndlich waren, tragen nicht mehr. Nicht mehr gesch\u00fctzt durch die \u00fcberkommenen Strukturen, halten sie den neuen Fragen kaum stand. Manche empfinden das als bedrohlich, sie f\u00fchlen sich selbst in Frage gestellt \u2013 andere sehen die Chance, Tabus in Frage zu stellen und \u00a0neue Visionen zu entwickeln. Angst und Aufbruch, Verunsicherung und Lust am Neuen liegen nahe beieinander. In den Umbr\u00fcchen entsteht neues Leben. Der Geist Gottes \u201ewirke in den Fugen\u201c von Ver\u00e4nderungsprozessen, hat der Theologe Ernst Lange einmal geschrieben. Ich habe dabei das Bild des L\u00f6wenzahn vor Augen, der\u00a0 seinen Weg ins Licht sucht, wo der Beton in der Hitze aufbricht.<\/p>\n<p>Als F\u00fchrungskr\u00e4fte haben Sie die Aufgabe, in Umbr\u00fcchen von der Herausforderung zur Antwort zu f\u00fchren. Sie k\u00f6nnen ein Forum bieten, auf dem unterschiedliche Perspektiven zu Wort kommen, sie m\u00fcssen Spannungen benennen ,Informationen zur Verf\u00fcgung stellen und Raum geben, das Neue zu profilieren. Das gelingt nur, wenn Sie auch Widerst\u00e4nde und Widerspr\u00fcche wahrnehmen. Wenn Sie selbst den Mut machen, die Dinge offen anzusprechen. Das gelingt nicht ohne die verbindliche Klarheit und Wertsch\u00e4tzung, die auch in Ihrem F\u00fchrungskonzept benannt werden. Sie brauchen aber auch Weitblick, Vertrauen in den \u00a0Wandlungsprozess und die innere Zuversicht, dass sich in Umbr\u00fcchen das Ganze neu gestalten wird. Auch wenn sie von diesem Neuen nichts sehen und nichts f\u00fchlen. Auch wenn Gottes Geist nicht sp\u00fcrbar ist.<\/p>\n<p>Viel h\u00e4ngt davon ab, ob wir auch selbst bereit sind, uns zu ver\u00e4ndern. Ob wir bereit sind, ins Unbekannte zu gehen und \u00fcberraschende Wendungen als Chancen wahrzunehmen. Ob \u00a0wir im Laufe des Lebens frei werden von falscher Angst und Scham, von Sorge um das eigene Ansehen und den pers\u00f6nlichen Erfolg. Wer sehen will, wie das Neue entsteht, der muss zur\u00fcck treten, sich frei machen von eigenen Interessen und \u00c4ngsten, vom Klammern an alte Strukturen und vermeintliche Sicherheiten. In den Augenblicken, in denen Altes zu Ende geht, sehen wir sch\u00e4rfer. Auf das, was gegl\u00fcckt und was misslungen ist. Auf das, was an Neuem schon da ist &#8211; noch nicht geachtet vielleicht, noch nicht gesch\u00e4tzt. Ich liebe es, nach einigen Jahren noch einmal an einen alten Ort zu gehen, alte Kollegen zu treffen und vor allem: zu sehen, was inzwischen herangewachsen aus kleinen Anf\u00e4ngen herangewachsen ist. Und was verdorrte, obwohl es einmal gebl\u00fcht hat. Erst wenn wir von der Sorge um Verg\u00e4nglichkeit und von der Angst um unser Ego befreit sind, k\u00f6nnen wir erkennen, was aus der Geschichte in die Zukunft f\u00fchrt und was an Neuem heran w\u00e4chst.<\/p>\n<p>Organisationen und Funktionen bilden nur eine vorletzte Wirklichkeit. Ernst Lange, den ich eben zitiert habe, beschreibt das ganz radikal: \u201e( Auch) die Kirche ( wird vergehen) \u00a0mit ihren Organisationen, mit ihren Arbeits- und Lebensformen, mit ihrer Lehre und ihrem Dienst, mit ihrer Schwachheit und ihrer Kraft, und die Welt mit all ihrer Macht \u00fcber den Menschen und \u00fcber die Dinge, mit ihrer Wissenschaft und ihrer Gl\u00e4ubigkeit, mit ihrer Humanit\u00e4t und Unmenschlichkeit Die Liebe Christi ist das, was bleiben wird, wenn alles vergeht.\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Wer heute Coach in Ver\u00e4nderungsprozessen sein will, der sollte Mut haben, \u00fcber eigene Erfahrungen zu sprechen. Was hilft Ihnen, loszulassen ? Welche Erlebnisse haben Ihnen und anderen Br\u00fccken ins Morgen gebaut? Was hat Ihnen geholfen, in Umbr\u00fcchen Vertrauen ins Leben zu entwickeln? Ich selbst denke dabei noch einmal an den L\u00f6wenzahn, der zwischen den Fugen hervorschie\u00dft- wildes Leben unter dem Pflaster.\u201e Siehe, ich will ein Neues schaffen\u201c, hei\u00dft es in der Bibel \u201ejetzt w\u00e4chst es auf\u201c. Dieses Neue, der Blink, blitzt ohne unser Zutun auf. Wir k\u00f6nnen ihm nur Platz machen. Und Zeit geben. Wir m\u00fcssen das Alte loslassen. Und das Unvollendete segnen, damit es vor Gott ganz werden kann.<\/p>\n<p><strong>3. Kommunikation und Kommunion- Rituale stiften Gemeinschaft<br \/>\n<\/strong>Die Idee der Dienstgemeinschaft in diakonischen Unternehmen \u00a0ist mehr als ein Arbeitsrechtskonstrukt \u2013 und sie nicht nur durch Outsourcing und Leiharbeit bedroht. Flexibilisierung, Modularisierung, Budgetierung und Wettbewerb machen es schwer, Gemeinschaft \u00fcberhaupt noch zu leben und zu gestalten. Kaum einer bleibt noch 25, 30, 40 Jahre und bindet sich an eine Gemeinschaft. Eine Untersuchung in der Zeitschrift \u201ePsychologie heute\u201c hat k\u00fcrzlich gezeigt, in welchem Ma\u00dfe wir alle auf physische und r\u00e4umliche Gemeinschaft angewiesen sind. Die besten Ideen die Geistesblitze, das Neue entsteht, wenn wir zusammen sitzen. Kollegen, die T\u00fcr an T\u00fcr arbeiten, haben \u2013 auch wenn sie zu unterschiedlichen Abteilungen geh\u00f6ren &#8211; weit mehr Kontakt zueinander als die, die zu einer Abteilung geh\u00f6ren aber auf verschiedenen Fluren sitzen.Fusionsprozesse und Neuaufstellungen wirbeln ganze Teams durcheinander- immer neue Nachbarn, immer neue Kollegen. Was k\u00f6nnen wir tun, um unter diesen Rahmenbedingungen Gemeinschaft zu gestalten? Ich setze viel auf die Bedeutung von Ritualen. Sie n\u00e4hren und geben neue Energie, weil sie den Alltag unterbrechen. Sie k\u00f6nnen Abschiedsprozesse und \u00dcberg\u00e4nge gestalten helfen, Dankbarkeit zum Ausdruck bringen, Wachstum erm\u00f6glichen. Rituale geben der Gemeinschaft eine Form und unseren Gef\u00fchlen einen Rahmen. Mitten in den Br\u00fcchen k\u00f6nnen sie das Gemeinsame sichtbar machen, den Augenblick in einen neuen Rahmen stellen, die Einzelnen wieder an den Koordinaten ausrichten. Dorothea Echter nennt Rituale \u201eden Erfolgsfaktor Nummer Eins in Unternehmen, wie sie helfen, die Menschen, ganz neu und anders in den Mittelpunkt zu stellen.<a name=\"_ftnref2\"><\/a>\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Ich denke an die offene Einstiegsrunde oder das sogenannte \u201eBlitzlicht\u201c am Schluss. Ein Bibelwort wird geteilt, ein Bild steht in der Mitte, ein Teelicht wird angez\u00fcndet. Die Trauer \u00fcber einen Patienten wird in ein Stationsbuch.eingetragen. Eine Klangschale er\u00f6ffnet die Stille, in die hinein jeder sagen kann, was er auf dem Herzen hat. Alle drei Monate halten die Pflegekr\u00e4fte eine Abschiedsfeier f\u00fcr verstorbene Patienten. Lesen ihre Namen, z\u00fcnden Kerzen an, beten mit den Angeh\u00f6rigen. In unserer Kammer f\u00fcr Soziale Ordnung wird ganz traditionell Andacht gehalten. Das ist in der verfassten Kirche \u00fcblicher als in der Diakonie, manchmal aber g\u00e4nzlich ohne Spiritualit\u00e4t. Das entscheidende Kriterium ist f\u00fcr mich, ob Texte, Bilder und Ideen sp\u00e4ter in die politische Diskussion einflie\u00dfen. Ob das geistliche Geschehen dem Alltag eine andere Dimension er\u00f6ffnet. Die Bibel tut das \u2013 mit all ihren Texten \u00fcber Arbeit und Immobilien, \u00fcber Geld und Sch\u00e4tze, Essen und Trinken, Konkurrenz und Freundschaft.<\/p>\n<p>Leider gibt es viele Gruppen und Teams, in denen keiner sich traut, mehr \u00fcber sich selbst zu sagen oder zu zeigen, als die Arbeit erfordert. Wo keiner mehr investiert in Gemeinschaft. Das kann an Konkurrenzen in der Gruppe liegen, an der F\u00fclle von Themen und Herausforderungen, an Schwierigkeiten der F\u00fchrung, solche Prozesse zu moderieren. Es kann aber auch daran liegen, dass die Zusammensetzung einer Gruppe nicht mehr stimmt oder dass die entscheidenden Fragen l\u00e4ngst an anderer Stelle bearbeitet werden \u2013 auf einer anderen F\u00fchrungsebene, in einer anderen Abteilung, in einer Projektgruppe. Auch Teams erleben produktive und unproduktive Zeiten, sie werden neu gebildet, sie sterben. Einzelne steigen aus, andere kreisen um sich selbst oder f\u00fchlen sich \u201eabgeh\u00e4ngt\u201c. Die Identifikation mit dem Ganzen schwindet. Oft sind es dann die informellen oder auch die traditionellen Netzwerke, die \u201eden Laden zusammenhalten\u201c \u2013 alte Kollegen, Ausbildungsgruppen, die Br\u00fcder- und Schwesternschaft. Bei Geburtstagseinladungen, bei Jubil\u00e4en und Abschieden oder bei Weihnachtsfeiern kann man diese unsichtbaren Netze erkennen- alte Teams, Auszubildende und ihre Mentoren, Freundschaften, die im Lauf der Zeit gewachsen sind.<\/p>\n<p>Feste und Feiern sind deshalb \u00a0alles andere als Luxus- \u00a0auch sie haben eine religi\u00f6se Dimension. Beim gemeinsamen Essen und Trinken, bei Reden und Musik entsteht ein Resonanzraum, der \u00fcber den Augenblick hinausf\u00fchrt, gegenw\u00e4rtige Interessen \u00fcberschreitet, Gef\u00fchle einbezieht, der offen ist f\u00fcr Familienangeh\u00f6rige, Vorg\u00e4nger, Freunde. In dieser Hinsicht haben wir eine reiche Tradition: Festliturgien, die es erm\u00f6glichen, Gef\u00fchle zuzulassen und Geschichten zu erinnern. Jahresfeste f\u00fcr die ganze Community, Kirchenjahrsrituale, auf die alle sich freuen.. Diese Kultur muss heute weiter entwickelt werden \u2013 in Richtung auf eine interkulturelle Sensibilit\u00e4t, die auch die Traditionen anderer achtet. Dabei muss das orthodoxe Osterfest genauso wahrgenommen werden wir der Ramadan der t\u00fcrkischen Mitarbeitenden. Wir k\u00f6nnen auch neue Traditionen schaffen, vergessene und verdr\u00e4ngte Geschichten erinnern, neue Anf\u00e4nge setzen. Ich erinnere mich an die Umbenennung unserer Mutterhausstra\u00dfe in Geschwister-Aufricht-Stra\u00dfe- \u00a0nach den beiden deportierten j\u00fcdischen Diakonissen. Als der Rabbiner auf dem Mutterhausfriedhof sang, bildeten die Schwestern und Mitarbeiter einen Schutzkreis um den Gedenkstein. Ich denke auch an die Benennung der Wohngruppe f\u00fcr schwer mehrfach behinderte Menschen nach Erich Plauschinat, einem der ersten behinderten Mitarbeiter \u2013 diesmal nicht nach einem der gro\u00dfen, sondern nach einem der Kleinen.<\/p>\n<p>Spiritualit\u00e4t zeigt sich in Ritualen. Sie wird aber auch sp\u00fcrbar in der Gestalt der \u00a0Orte, in denen wir uns sammeln, deren Geschichte wir erinnern: Friedhof, Mutterhaus und Mutterhauskirche vor allem. Mitarbeiter reden gern von durchbeteten R\u00e4umen. Sie zeigt sich aber wesentlich in der gestalteten Gemeinschaft. Alle Untersuchungen zur gesundheitlichen\u00a0 Wirkung von Spiritualit\u00e4t machen deutlich: es geht um innere Widerstandskr\u00e4fte, um Vertrauen und das Gef\u00fchl, einen roten Faden im Leben zu haben, es geht aber auch um tragende und heilende Gemeinschaften. Biblisch betrachtet konstituiert sich Gemeinschaft um Gott, aber auch und gerade so um die Kleinsten und Schw\u00e4chsten. Das erlebe ich sogar auf facebook. Ich habe noch nie erlebt, dass jemand schreibt, er sei krank, ohne dass andere zur Stelle sind mit guten W\u00fcnschen und hilfreichen Gedanken. Und ich habe oft erlebt, wie Sterbende Menschen um sich sammeln, eine verschworene Gemeinschaft auf Zeit. Mir f\u00e4llt auch ein, wie \u00a0die Hebammen mir eines Tages das Foto eines sp\u00e4tabgetriebenen Kindes schickten. Dieses Kind sammelte den Widerstand, es wurde zum Beginn einer neuen Ethikbewegung. Die Kleinen, die gar nichts tun k\u00f6nnen, die Ohnm\u00e4chtigen und Sterbenden sind die Mitte der Gemeinschaft. Mit ihnen identifiziert sich der gekreuzigte Christus.<\/p>\n<p><strong>4. Werte und Tradition: \u00fcber die Bedeutung der inneren Achse<br \/>\n<\/strong>In unserer Arbeit sp\u00fcren wir den Druck von Beschleunigung, Rationalisierung und Globalisierung \u2013 und trotzdem m\u00f6chten wir uns in der Arbeit auch selbst verwirklichen. Das erfordert ein hohes Ma\u00df an Reflexion und Verantwortung, hat der Arbeitsmedizinier Hans-Peter Unger geschrieben. In all den Ver\u00e4nderungsprozessen m\u00fcssen wir auch unseren Referenzwert, die Orientierungskoordinaten f\u00fcr unser Leben st\u00e4ndig \u00fcberpr\u00fcfen \u2013 und zugleich m\u00fcssen wir Aufmerksamkeit f\u00fcr die Gefahr der Ersch\u00f6pfung entwickeln. Das gilt f\u00fcr F\u00fchrungskr\u00e4fte in besonderer Weise. In der so genannten Plagiatsaff\u00e4re der letzten Tage war zu sehen, was es bedeutet, dass Amt und Person in der Politik nicht zu trennen sind: Ehrlichkeit, Genauigkeit, Zuverl\u00e4ssigkeit m\u00fcssen gelebt und vorgelebt werden. F\u00fchrungskr\u00e4fte repr\u00e4sentieren eben auch die Normen der Institution. Seine Werte und Hierarchien, aber auch: die Geschichte und die Mythen, das Selbstverst\u00e4ndnis, die Gemeinschaft der Mitarbeitergenerationen und auch die Eigner. In der Diakonie repr\u00e4sentieren F\u00fchrungskr\u00e4fte deshalb auch die Kirche und ihre Ma\u00dfst\u00e4be. Und nat\u00fcrlich die gro\u00dfen Ideen der Gr\u00fcnder- von Fliedner, Wichern oder eben auch von L\u00f6he.<\/p>\n<p>Die Koordinaten, auf die Christen sich beziehen, die biblischen Texte, die diakonische Tradition, sind zugleich die Referenzwerte des Unternehmens, sein soziales und historisches Kapital. Das Problem dabei ist, dass biblische Texte und Traditionen durchaus in Spannung stehen k\u00f6nnen zu den aktuellen Interessen des Unternehmens. Ich denke an den Auszug der Arbeitssklaven aus \u00c4gypten und bleibe beunruhigt \u00fcber die wachsende Spaltung im Land, \u00fcber Armut und prek\u00e4re Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse. Ich denke an \u00a0die Tischgemeinschaften Jesu und leide darunter, dass wir zwar catern und andere bedienen, aber selten noch mit den uns anvertrauten Menschen am Tisch sitzen. Und das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter hat in meinem Leben furore gemacht, als ein Patient mich wutschnaubend zu Hause anrief, weil es in unserem Krankenhaus kein kostenloses Wasser mehr auf den Stationen gab. Diese biblischen Texte sind Kraftquelle meines Glaubens, sie sind Wurzelboden f\u00fcr die Diakonie \u2013 zugleich aber sind sie f\u00fcr andere Kriterium unserer Glaubw\u00fcrdigkeit. Und nicht immer bestehen wir die Probe. Manche haben schon erlebt, dass christliche Werte krank machen k\u00f6nnen, wenn wir sie als absolute Normen verstehen. In jedem Fall aber gilt: Was uns tr\u00f6stet, kann auch eine Zumutung sein. Die Barmer Theologische Erkl\u00e4rung spricht deshalb vom Zuspruch und Anspruch des Evangeliums.<\/p>\n<p>\u201eRede nicht von h\u00f6chsten Werten, wenn Du nicht danach handelst\u201c, hei\u00dft es in den 10 Geboten f\u00fcr Unternehmer des Bundes Katholischer Unternehmer. Das f\u00fchrt leider oft dazu, dass wir die Werte, die uns selbst herausfordern, lieber verschweigen, uns lieber anderswo verorten- Wir sind ja l\u00e4ngst nicht mehr der Samariter, sondern eher der Wirt, hei\u00dft es dann zum Beispiel. Ich verstehe das, denn die Selbst\u00fcberforderung kann erst recht zu Ersch\u00f6pfung und Entfremdung f\u00fchren kann.-Die professionelle Distanz von allzu hohen menschlichen Erwartungen kann aber auch in Zynismus und Gleichg\u00fcltigkeit f\u00fchren. Der Verlust an Glaubw\u00fcrdigkeit, der damit verbunden ist, schadet\u00a0 uns selbst wie dem Unternehmen.<\/p>\n<p>Die theologische Tradition kennt die Unterscheidung von Person und Werk. Unsere Werke bleiben unvollkommen und widerspr\u00fcchlich, Erfolg und Gelingen bleiben unverf\u00fcgbar. Auch wenn wir es noch so gut meinen , auch wenn wir ernsthaft Christ sein wollen., gilt: mit unseren Anstrengungen k\u00f6nnen wir unseren Zielsetzungen\u00a0 im Wege stehen, mit unserer Arbeit unsere \u00dcberzeugungen in Frage stellen, mit unserem Management verhindern, was geschehen kann, wenn wir loslassen.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Die Bereitschaft, sich selbst zu korrigieren, Vertrauen und Offenheit ohne Angst vor Verwundbarkeit sind m\u00f6glich, wenn ich wei\u00df, dass meine Leistung meinen Glauben nicht beweisen muss. Glaubw\u00fcrdigkeit lebt davon, dass wir gerade nicht vollkommen sein m\u00fcssen. Entscheidend ist, dass wir eine R\u00fcckbindung haben, einen roten Faden im Leben, eine erkennbare Orientierung. Nur wer sich immer wieder dar\u00fcber klar wird klar wird, was f\u00fcr ihn Erfolg ist, ist frei, die bestm\u00f6glichen Entscheidungen zu treffen und zu verantworten und hat Kraft, auch Verunsicherungen und Zerrei\u00dfproben auszuhalten.<\/p>\n<p>Der Theologe Dietrich Bonhoeffer, Leiter eines Ausbildungsseminars f\u00fcr Pfarrer in Finkenwalde und kurz vor Kriegsende 1945 als Widerst\u00e4ndler hingerichtet, hat in seiner Zelle ein Gedicht geschrieben, das die Frage dieses Referats vorzeichnet: \u201eWer bin ich?\u201c In diesem Gedicht beschreibt er die Spannung zwischen Innen und Au\u00dfen, zwischen Fremdwahrnehmung und Selbstwahrnehmung sehr plastisch: \u201e Sie sagen mir oft, ich tr\u00e4te aus meiner Zelle gelassen und heiter und fest wie ein Gutsherr aus seinem Schloss\u201c, so beginnt der Text. Um dann gleich zu fragen; \u201e Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir wei\u00df: unruhig, sehns\u00fcchtig und krank wie ein Vogel im K\u00e4fig?\u201c Wer bin ich- der oder jener oder beides zugleich?\u00a0 Nein, wir tun nicht immer , was wir sagen. Und wir sagen nicht immer, was wir glauben. \u00c4ngste und Zweifel, Hierarchien und Konfliktscheu- vieles verzerrt das Bild und macht es unscharf- auch wenn keiner von uns in einer lebensbedrohlichen Situation ist. Bonhoeffer verortet sich am Ende in einem Horizont, die seine Zelle springt und die Urteile anderer wie die eigenen Unsicherheiten relativiert, an einem Ort, der ihn frei macht. \u201e Wer ich auch bin, Du kennst mich, dein bin ich, o Gott\u201c. So kommt Bonhoeffer im Gebet sich selbst auf die Spur, um sich im gleichen Augenblick los zu lassen.<\/p>\n<p><strong>5. Menschen begleiten, coram homine- coram deo<br \/>\n<\/strong>F\u00fchrungskr\u00e4fte in der Diakonie sind nicht nur Strategen und Manager, sie sind auch entscheidende Vorbilder gelebten Glaubens in einer Zeit institutioneller Erosionen. Das muss sich in der Personalf\u00fchrung bew\u00e4hren. Gelingt es, Kritik und Beschwerden ernst zu nehmen? Haben wir ein offenes Ohr f\u00fcr die \u00c4ngste und Widerspr\u00fcche der Mitarbeitenden? Auch f\u00fcr die Krisen und Ver\u00e4nderungssituationen im pers\u00f6nlichen Leben der anderen? Haben Gef\u00fchle wie Angst, Wut und Entt\u00e4uschung Raum oder m\u00fcssen wir sie unterdr\u00fccken? \u00a0Der Leiter der Oberbergkliniken in Berlin, Prof. Mundle, der gerade ein Curriculum f\u00fcr integratlive Heilkunde entwickelt hat und ganz besonders auf die spirituelle Dimension schaut, hat in Studien gezeigt, dass es Ober\u00e4rzten in den kr\u00e4fteraubenden Diensten oft nicht viel besser geht als den Patienten in Stress- und Suchtkliniken. Mit dem einen Unterschied: sie sind aktiv, sie bleiben in der Arbeit. Aber genau dieses geringe Gef\u00e4lle erleben sie eben auch bedrohlich: sie vermeiden Gespr\u00e4che zu existentiellen und spirituellen Fragen.<\/p>\n<p>Es ist eine hohe Kunst, den Fragen und Gef\u00fchlen anderer standzuhalten und dabei aufmerksam und pr\u00e4sent zu bleiben. Schmerzhafte Entscheidungen im Angesicht einer Person und ihrer \u00c4ngste zu treffen. Auch wenn wir wissen, dass Aussitzen nicht nutzt. Wie gehst Du damit um, dass Du Menschen allein l\u00e4sst, nicht begleiten kannst, entt\u00e4uschen oder entlassen musst, dass Du anderen und oft auch Dir selbst nicht gerecht wirst? Wie gehst Du mit den inneren R\u00fcckfragen an Dich selber um? Die Bibel ist voller Gleichnisse und Bilder, die die Werte- und Glaubw\u00fcrdigkeitsfragen, \u00fcber die ich eben gesprochen habe, thematisieren: das Gleichnis vom Schalksknecht zum Beispiel oder das vom Splitter im Auge des Bruders und dem Balken im eigenen. Immer wieder geht es um die Br\u00fcderlichkeit, die Geschwisterlichkeit, die nicht vergisst, dass der andere vor Gott auf gleicher Augenh\u00f6he mit mir steht. Kritik \u00fcben kann ich, ich muss es im Interesse des Ganzen- aber Richter \u00fcber meinen Bruder, meine Schwester bin ich nicht. Die Bibel kennt die Unterscheidung, vor wem wir stehen: coram homine \u2013 vor dem Menschen, bin ich Vorgesetzte. Coram deo, vor Gott, stehe ich auf gleicher Augenh\u00f6he mit dem Bruder, mit der Schwester. \u201e Wisse, vor wem Du stehst\u201c; hei\u00dft es an der Eingangst\u00fcr einer Synagoge. Ich m\u00f6chte mich daran erinnern, dass ich mit dem, was ich vor dem Menschen tue, eben auch vor Gott stehe.<\/p>\n<p>In unserem Miteinander, wo zwei oder drei vor ihm versammelt sind, ist Gott pr\u00e4sent. Die Gemeinschaft ist weiser als meine eigene Klugheit und Strategie, und oft sind auch andere kl\u00fcger als ich \u2013\u00a0darauf habe ich gelernt, zu vertrauen Zuerst allerdings musste ich begreifen, dass andere Menschen andere Machtquellen haben als ich \u2013 auch wenn sie nicht in der F\u00fchrungsetage sitzen. Beziehungsmacht kann st\u00e4rker sein als Organisations- und Finanzmacht, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen mit sozialen Netzwerken k\u00f6nnen enorm viel bewegen, Creative, die ein Gesp\u00fcr f\u00fcr andere Ebenen haben, k\u00f6nnen anr\u00fchren. Kommunit\u00e4ten haben eine Deutungsmacht, die dem Management oft abgeht. Alle diese Gruppen k\u00f6nnen die Leitung kritisch anfragen, manchmal stellen sie sich auch in den Weg wie Bileams Esel in der Bibel \u2013 sie repr\u00e4sentieren andere Perspektiven, und sie werden gebraucht. Wir brauchen sie als Ausgleich und Korrektur, um uns von falschen Wegen abzubringen, wenn wir mit dem Kopf durch die Wand wollen.<\/p>\n<p>Personalf\u00fchrung in einem diakonischen Unternehmen kann nicht nur auf\u00a0 Funktionalit\u00e4t ausgerichtet sein. Wir haben es mit Menschen zu tun, die Orientierung suchen , die Gaben mitbringen und sich entfalten wollen, die sich \u00fcber ihre Kr\u00e4fte hinaus einsetzen, die Unterst\u00fctzung brauchen oder vielleicht gerade krank sind. Aber auch Pflegeaufgaben, die Krankheit eines Kindes, der Tod eines Familienangeh\u00f6rigen, Geburten und Zeiten der gro\u00dfen Liebe oder Umz\u00fcge haben Einfluss auf die Arbeit. Und manchmal ist das eine gro\u00dfe Hilfe. Ich zum Beispiel habe Altenhilfe erst wirklich verstanden, als meine Mutter demenzkrank wurde. Diese Zeit hat mich eben nicht nur pers\u00f6nlich, sondern auch beruflich ver\u00e4ndert. Es tut gut, dann Vorgesetzte zu haben, die zuh\u00f6ren, verstehen und dem Neuen Raum geben. Die Rollenwechsel wahrnehmen und die Kr\u00e4fte, die darin stecken, nutzen. Ein pers\u00f6nliche Karte, ein symbolisches Geschenk, die Rede bei einer kleinen Feier kann dann Vergewisserung geben und helfen, den Blick nach vorn zu richten. Ein kleiner Engel, ein bunter Stein f\u00fcr die Handtasche oder ein Kaffeebecher ist ein handgreiflicher Segen \u2013\u00a0auch ich halte mich an solchen Zeichen f\u00fcr eine Weile fest. Nat\u00fcrlich gibt es Situationen, die keine \u00d6ffentlichkeit vertragen. Vielleicht noch nicht einmal ein offenes Gespr\u00e4ch mit der F\u00fchrungskraft. Aber mit wem dann? Mit einem Mentor? Einem geistlichen Begleiter? Und wenn wir den anderen nicht mehr erreichen- wenn wir nicht reden k\u00f6nnen \u2013 k\u00f6nnen wir f\u00fcr die uns Anvertrauten beten? Theodor Fliedner besa\u00df eine F\u00fcrbittenrolle, die er mit auf Reisen nahm. Ich folge meiner Mutter; sie nutzte ihre Losung als Geburtstagsliste.<\/p>\n<p><strong>6. Der Kreuzweg : Zeit und Zeichen<br \/>\n<\/strong>\u201eObwohl zum Innehalten die Zeit nicht ist, wird einmal keine Zeit mehr sein, wenn man jetzt nicht inneh\u00e4lt. Lebst Du jetzt, wirklich ? In diesem Augenblick, ganz und gar? Wann, wenn nicht jetzt ?\u201c Dieser Impuls von Christa Wolf er\u00f6ffnet diesmal die Fastenbrosch\u00fcre von Andere Zeiten. Nach einer Forsa-Umfrage vom November 2009 braucht ein gutes Drittel aller Befragten seine ganze Energie, um w\u00e4hrend der Woche ihrer Arbeit gerecht zu werden und genauso viele sind rund um die Uhr f\u00fcr die Firma erreichbar. Dabei wissen wir: Eine Extrastunde Schlaf pro Nacht macht gl\u00fccklicher als 60.000 Euro Jahresgehalt.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Gerade in Anspannung und Unsicherheit kommt alles darauf an, sich Zeit zu nehmen, den eignen Rhythmus zu pflegen. Ich m\u00f6chte Sie gegen Ende meines Vortrags mitnehmen auf einen solchen Weg:<\/p>\n<p>Vor zwei Jahren habe ich mit meinem Mann eine Wanderung durch das Eisacktal in S\u00fcdtirol gemacht. Durch einen Torbogen am Ende der Einkaufsstra\u00dfe Klausen f\u00fchrt ein alter, steiniger Weg zum Kloster S\u00e4ben, das den Ort kr\u00f6nt. Die Stra\u00dfe ist zuerst noch angenehm flach, unter schattigen B\u00e4umen, dann geht es immer steiler nach oben. Schon bald, nach der n\u00e4chsten Kehre, sieht man hinunter \u00fcber die Weinberge ins weite Land. An dieser Stelle sp\u00fcrte ich zum ersten Mal meinen Atem- und genau in diesem Moment entdeckte ich die Station eines alten Kreuzwegs. Es war schon die dritte, die ersten beiden habe ich offenbar gar nicht wahrgenommen. Von da an gaben die Kreuzwegstationen den Rhythmus vor \u2013 von Laufen und Schauen, Schwitzen und zur Ruhe kommen, eine perfekte Kombination. Mitten in den Anstrengungen immer einmal halt machen und dar\u00fcber nachdenken, \u00a0wie mein Weg mit dem Jesu verbunden ist. Wer so geht, merkt: der steinige Weg ist gerade so steil, dass man miteinander reden kann.<\/p>\n<p>Wir waren schon ein St\u00fcck gegangen, als uns einer entgegen gerannt kam, der weder rechts noch links sah, sondern vermutlich ein Marathontraining absolvierte. Es gibt eine Geschwindigkeit, die ganz auf die eigenen Ziele ausgerichtet ist.da treibt der Wettbewerb voran und die Beziehung zu einem anderen hat kaum noch Platz. Genau das kenne ich aus meinem Alltag. Wenn ich deadlines hinterher, renne, kurzfristig noch neue Auftr\u00e4ge bekomme, und dann au\u00dfer Atem komme und schlie\u00dflich aus dem Tritt..Anrufe, Mails, Briefe, Meetings, \u2013 so sch\u00f6n es ist, gut vernetzt zu sein, so schmerzhaft, wenn die Zeit gar reicht nicht, um wirklich in Beziehung zu kommen. Mit Zeitmanagement und Kosten-Nutzen-Rechnungen versuchen wir, uns vor dem Ausbrennen zu bewahren. Mit Professionalit\u00e4t, Distanz zu schaffen zwischen unserer Arbeit und den ungeheuren Anspr\u00fcchen, den spannenden Herausforderungen, die uns auf diesen Berufsweg gebracht haben.\u00a0 Wenn aber: die Motivation erkaltet, w\u00e4chst der Stress. Management und Professionalit\u00e4t sch\u00fctzen nicht vor dem Ausbrennen. Ich glaube, es braucht einen anderen Weg, die innere Flamme zu sch\u00fctzen. Das \u00d6l zu bewahren.<\/p>\n<p>In dem katholischen Dorf meiner Kindheit gab es Kreuzwegprozessionen\u00a0 mit\u00a0 Ges\u00e4ngen und\u00a0 Gebeten und\u00a0 Andachten vor diesen Steinh\u00e4uschen \u2013 das blieb mir immer fremd. Steinmetzarbeiten. Keine lebendigen Bilder. Aber die Kreuzwegstationen in S\u00e4ben haben diese Bilder in mir evoziert. Das Schwei\u00dftuch der Veronika zum Beispiel\u2013 eine sch\u00f6ne , einfache Geste, die mich an die Hospizgruppen erinnert. Da steht eine Frau am Weg und reicht dem Todgeweihten ein Tuch, um Blut und Schwei\u00df abzuwischen Sie hat Mut, sich den eigenen Gef\u00fchlen zu stellen.Die Bilder, die auf dem Kreuzweg gezeigt werden, sind eben doch Spiegel unser eigenen Erfahrungen. Wer unter Belastungen zusammenbricht, braucht jemanden, der mit\u00a0 tr\u00e4gt. Wer Blut und Wasser schwitzt, braucht eine, die ihm den Schwei\u00df abwischt. Wer sich f\u00fcr andere einsetzt, st\u00f6rt manchmal den ganzen Betrieb, der gnadenlos weitergeht. Notfalls auch \u00fcber Leichen.<\/p>\n<p>Der Kreuzweg konfrontiert uns mit der Frage, wie wir unseren eigenen Weg gestalten. Die Situationen, in denen einer f\u00e4llt und Hilfe braucht, in denen der Tod alle Planungen durchbricht. Wie gehen Sie damit um, wenn einer Ihnen ganz pers\u00f6nlich die Schuld gibt f\u00fcr Unrecht und Kr\u00e4nkung, f\u00fcr Schicksal und Verzweiflung. K\u00f6nnen Sie Hilfe annehmen, wenn Sie selbst verzweifelt sind und fast zusammenbrechen? Was hilft ihnen, weiterzugehen, wenn der Weg aussichtslos scheint? Ich denke an die J\u00fcnger, die nach der gr\u00f6\u00dften Entt\u00e4uschung ihres Lebens \u00a0resigniert zur\u00fcck gingen in ihr Heimatdorf, weil sie das Gef\u00fchl hatten, alles sei umsonst gewesen. Bis ihnen einer begegnete, der deuten konnte, was geschehen war. Der sich Zeit f\u00fcr sie nahm und mit ihnen a\u00df. Bis bei dieser Begegnung das Feuer unter der Asche zu brennen begann. Weil sie begriffen, dass nichts umsonst gewesen war. Auch der Kreuzweg nicht. Ich glaube, dass diese Erfahrung die Freiheit gibt, von der ich gesprochen habe.<\/p>\n<p>Im Kloster S\u00e4ben steht am Ende des Kreuzwegs, oben auf dem Berg eine kleine Kapelle. Dort hat man einen unglaublich sch\u00f6nen Rundblick \u00fcber die Landschaft , der den steinigen Weg vergessen l\u00e4sst. Mittelpunkt der Kapelle ist ein steinernes Taufbecken aus dem 4. Jahrhundert, in das man hinabsteigen konnte. Wer diesen Weg als lohnend erlebt hat, der kann nach Krisen und Entt\u00e4uschungen die Sorge hinter sich lassen. Der hat einen weiten Blick und kann Ja sagen zu dem, was ist. Dag Hammarskj\u00f6ld hat das so ausgedr\u00fcckt: \u201e Sorge dich nicht, wohin der einzelne Schritt f\u00fchrt; nur, wer weit blickt, findet sich zurecht.\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p><strong>7. Innere F\u00fchrung<br \/>\n<\/strong>\u201eDienet dem Herrn mit Freuden\u201c\u00a0 Der Spruch \u00fcber der Mutterhauspforte bleibt f\u00fcr viele mit selbstloser N\u00e4chstenliebe in langen Arbeitsstunden verbunden. Aber diese Arbeitstage waren eben auch unterbrochen von gemeinsamen Mahlzeiten, Andachten und Einkehrtage. Danach sehnen sich viele. Orte der Inspiration, wie sie die alten Mutterh\u00e4user mit ihren Kapellen und Kirchen boten, haben gro\u00dfe Anziehungskraft. \u00a0Hierher sind die Schwestern nach Hause gekommen, gleich, wie nah oder weit weg ihr Arbeitsfeld war. Im Kommen und gehen waren sie gehalten wie an einem roten Faden, der Sinn gab. Hier trafen sie andere, mit denen sie sich austauschen, bei denen sie sich ausweinen und Rat finden konnten. Das half den eigenen Weg neu auszurichten. Es ist dieses Pendeln zwischen eigener Anstrengung und Reflexion, das auch den Kreuzweg ausmacht.<\/p>\n<p>Marjorie Thompson<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> schl\u00e4gt in ihrem Buch \u201eChristliche Spiritualit\u00e4t entdecken\u201c vor, daf\u00fcr einen eigenen Weg zu finden. Sich eine Zeit am Tag zu nehmen, in der ich einfach in der Stille sitze und die Stille auf mich wirken lasse. Mit Selbsterforschungsfragen zu arbeiten, einer Art regelm\u00e4\u00dfiger Beichte, die mir hilft, ehrlich mit mir selbst zu bleiben. \u201eAchte ich gerade genug auf mich selbst, auf meine Rhythmen und K\u00f6rpersignale? Wie verantwortlich und wertsch\u00e4tzend bin ich mir selbst und mir wichtigen anderen Menschen gegen\u00fcber? Und: Entspricht meine Arbeit noch meinen pers\u00f6nlichen Wertvorstellungen und Lebenszielen?\u201c<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> fragen auch Unger und Kleinschmidt in ihrem Buch \u00fcber gesundes Arbeiten. F\u00fcr mich selbst ist mein Tagebuch ein Weg, dem eigenen Leben ganz bewusst zuzuh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Mindestens einmal in der Woche nehme ich mir Zeit zum Schreiben, Nachdenken, Schreiben \u2013 bis ich in Freiheit auf das sehen kann, was war. Einmal in der Woche versuche ich auch, mit meiner Yogalehrerin zu arbeiten und auf meinen K\u00f6rper zu achten. Jedes Mal, wenn ich sie besuche, merke ich, dass sie weit mehr in den Rhythmen der Natur und der Jahreszeiten lebt als ich. Der kleine Buddha auf ihrer Fensterbank ist immer jahreszeitlich geschm\u00fcckt \u2013 mit einer Pflanze, einem Stein, einem St\u00fcck Holz. Zu Weihnachten mit einem Fichtenzweig, zu Ostern mit einem Ei. Mich erinnert das an die Chancen, die uns das Kirchenjahr zur Meditation gibt. Je pluralistischer unsere Gesellschaft wird, desto mehr sind wir gefragt, die Traditionen, die uns halten, selbst zu w\u00e4hlen und zu gestalten. Und die, die scheinbar selbstverst\u00e4ndlich und uns lieb sind, zu verteidigen. Dazu geh\u00f6rt auch und vor allem der Sonntag als eine bewusste Auszeit in der Woche.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen nicht alle Verpflichtungen einhalten, nicht stetig verf\u00fcgbar zu sein f\u00fcr die Anliegen anderer. Wir d\u00fcrfen uns unsere eigene Zeitautonomie zur\u00fcckerobern, die eigene Energie sch\u00fctzen, arbeitsfreie Zeiten einhalten. Wir sollten uns immer wieder klar machen und uns daran erinnern, was uns f\u00fcr die n\u00e4chste Zeit wirklich wichtig ist. Das Tagebuch kann dabei helfen, aber auch ein Coaching, eine Freundin, ein spiritueller Begleiter \u2013 eine Person, mit der wir offen \u00fcber die eigenen Schutz- und Abwehrmechanismen oder \u00fcber Stress und Ersch\u00f6pfung sprechen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Was hilft Ihnen, Ihren Weg und Ihre Entscheidungen zu reflektieren ? Sind es Bilder und Rituale aus der\u00a0 eigenen religi\u00f6sen Tradition \u2013 oder vielleicht gerade aus einer anderen wie bei mir der Kreuzweg? Nutzen Sie \u00e4u\u00dfere Zeichen und bestimmte Zeiten, um sich Ihres Glaubens zu erinnern, sich festzumachen ? Ich habe an meinem Schl\u00fcsselbund das Siegel von Johannes Calvin. Um ein brennendes Herz stehen die Worte: \u201eCor tibi offero, Domine, prompte et sincere\u201c, ich schenke dir mein Herz, Gott, ernsthaft und sofort. Um zu wissen, wann Gott ruft und was er von uns will, m\u00fcssen wir achtsam sein: Hinh\u00f6ren, hinsehen, beten, uns beraten. Ein Tag wie heute ist darum eine gro\u00dfe Chance, Spiritualit\u00e4t in der F\u00fchrung einzu\u00fcben.<\/p>\n<h5><\/h5>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Aus Ernst Langes \u00dcbertragung von 1. Kor 13 f\u00fcr \u201eDas Neue Testament f\u00fcr Menschen unserer Zeit\u201c, hg. von J\u00f6rg Zink, zitiert bei Simpfend\u00f6rfer, Werner: Ernst Lange. Versuch eines Portr\u00e4ts, Berlin, 2. durchges. Auflage 1997 S.68.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> orothee Echter, Rituale im Management, Strategisches Stimmungsmanagement f\u00fcr die Businuess Elite, M\u00fcnchen 2003<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Daran macht z.B. D\u00f6rte Gebhard ihre wesentliche Kritik an der \u00d6konomisierung fest, vgl. Gebhard, D\u00f6rte: Menschenfreundliche Diakonie. Exemplarische Auseinandersetzungen um ein theologisches Menschenverst\u00e4ndnis und um Leitbilder, Neukirchen-Vluyn 2000, bsd. S-272-277.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Forsa-Untersuchung November 2009 f\u00fcr \u201eBrigitte Balance\u201c<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Dag Hammarskj\u00f6ld, Zeichen am Weg.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Thompson, Marjorie: Christliche Spiritualit\u00e4t entdecken, Freiburg 2004.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Unger, Hans-Peter\/ Kleinschmidt, Carola: Bevor der Job krank macht, M\u00fcnchen 2006<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. 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