{"id":582,"date":"2015-02-20T16:38:34","date_gmt":"2015-02-20T16:38:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=582"},"modified":"2015-07-29T10:27:38","modified_gmt":"2015-07-29T10:27:38","slug":"dienen-und-verdienen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=582","title":{"rendered":"Dienen und Verdienen"},"content":{"rendered":"<h3><a href=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Arbeitsgruppenergebnis-Kirche-und-Wirtschaft.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-690 size-medium\" src=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Arbeitsgruppenergebnis-Kirche-und-Wirtschaft-300x225.jpg\" alt=\"Arbeitsgruppenergebnis Kirche und Wirtschaft\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Arbeitsgruppenergebnis-Kirche-und-Wirtschaft-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Arbeitsgruppenergebnis-Kirche-und-Wirtschaft-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/h3>\n<h3><strong>Diakonie im Spannungsfeld von theologischem Auftrag und \u00f6konomischer Rentabilit\u00e4t<\/strong><\/h3>\n<p><strong>(Vortrag beim Fakult\u00e4tstag der Ev. Theol. Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Basel am 08.Mai 2003)<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>1. Markenzeichen Diakonie \u2013 Kennzeichen der Kirche?<br \/>\n<\/strong>\u201eDiakonie\u201c jetzt gesch\u00fctztes Markenzeichen\u201c. Fast ein wenig versteckt, jedenfalls unter \u201eferner liefen\u201c fand ich folgende Meldung im Informationsdienst der Diakonischen Konferenz: R\u00fcckwirkend vom 6.September 1999 an sei der Name Diakonie ein gesch\u00fctztes Markenzeichen. Die Eintragung im Patentregister erfolgte am 8.M\u00e4rz 2002. Vor ein paar Tagen schlie\u00dflich auch die Eintragung der Wort- Bild- Marke mit Schriftzug Diakonie und Kronenkreuz als gesch\u00fctztes Markenzeichen. Damit also ist die Diakonie in Deutschland fit f\u00fcr den Wettbewerb \u2013 zumindest, was den Patentschutz angeht. Da\u00df diese Marke allerdings Erfolg hat, da\u00df sie sich durchsetzt und ihr Profil beh\u00e4lt, das entscheidet sich in den Herausforderungen des Alltags.<\/p>\n<p>Die EKD- Mitgliederuntersuchung Fremde Heimat Kirche aus dem Jahr 1997 hat gezeigt, da\u00df das Profil der Kirche insgesamt unscharf und widerspr\u00fcchlich ist \u2013 kein Wunder bei einer offenen Kirche in einer un\u00fcbersichtlichen, differenzierten Gesellschaft. Profil gewinnt die Kirche \u2013 nach Meinung der Studien- und Planungsgruppe \u2013 wenn sie deutlich macht, worin ihre Kompetenz liegt, n\u00e4mlich durch ihre Verk\u00fcndigung, ihre Diakonie und ihre Gemeinschaftsangebote lebensdienlichen religi\u00f6sen R\u00fcckhalt zu geben. Die Befragten erinnerten sich \u00fcbrigens besonders h\u00e4ufig an die Krankenhausseelsorge und an die h\u00e4usliche Krankenpflege &#8211; mehr als 70% haben damit positive Erfahrungen gemacht. Eine ganzheitliche und zugewandte Pflege geh\u00f6rt nach wie vor zum Profil von Kirche und Diakonie. Um das zu wissen, mu\u00df man nicht &#8211; wie ich &#8211; aus Kaiserswerth kommen, wo Theodor Fliedner 1836 das erste Diakonissen-Mutterhaus gr\u00fcndete und damit dem Diakonischen Amt der Kirche eine entscheidende Pr\u00e4gung gab. Als Florence Nightingale vor mehr als 150 Jahren dorthin kam, um ihre Schwesternausbildung zu absolvieren, schrieb sie in ihrem Bericht: \u201eMan sagt, so eint\u00f6nige Verrichtungen wie das K\u00e4mmen schmutziger K\u00f6pfe und das Verbinden absto\u00dfender Wunden k\u00f6nnten nur die \u00fcbernehmen, die darauf angewiesen sind, Geld zu verdienen. Die so denken, sollten einmal die Atmosph\u00e4re erleben, die ein Krankenhaus beseelt, das man als Schule Gottes ansehen darf, in der Patientinnen wie Pflegerinnen Gewinn davon tragen.\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Geld und Gewinn \u2013 f\u00fcr Nightingale wie f\u00fcr Fliedner sind beide Begriffe nicht identisch. \u201eJetzt wei\u00df ich, was es hei\u00dft, zu leben und das Leben zu lieben\u201c, schreibt Nightingale am Ende ihres Kaiserswerth- Aufenthalts und in der alten Hausordnung der Diakonissenanstalt findet sich der Satz, die Pflege der Sterbende bringe auch die Schwestern dem Himmel n\u00e4her. Wenn Gewinn heute einseitig \u00f6konomisch definiert wird, wenn wesentlich \u00fcber Geld gesteuert wird, dann zeigt sich an den niedrigen Stundens\u00e4tzen eben auch ein begrenzter Stellenwert. Bei der damit verbundenen Rationalisierung nimmt nicht nur die Berufsmotivation der Pflegenden Schaden, sondern auch die W\u00fcrde der Kranken und nicht zuletzt die Marke Diakonie.<\/p>\n<p>Auf diesem Hintergrund mu\u00df es nicht wundern, wenn der Begriff Wirtschaftlichkeit in der Kirche einen negativen Klang hat. Bei einer Ausstellung auf dem Frankfurter Kirchentag konnten an unserem Stand fast 1000 Besucher entscheiden, was unsere Kultur des Helfens heute vor allem braucht: dabei stimmten 27% f\u00fcr Eigeninitiative, 25% f\u00fcr Solidarit\u00e4t und 21% f\u00fcr freiwillige, aber nur je 7% f\u00fcr mehr Wirtschaftlichkeit.<br \/>\n<strong>2. Non- Profit \u2013 Unternehmen zwischen Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. <\/strong><br \/>\nIm Jahr 2001 erreichte die Sozialleistungsquote in der Bundesrepublik Deutschland, also das Verh\u00e4ltnis von Sozialbudget zum Bruttoinlandsprodukt, eine Gr\u00f6\u00dfenordnung von 32, 1%. Das ist eine der h\u00f6chsten ermittelten Quoten in der Geschichte der Bundesrepublik. Es ist weitgehend Konsens, da\u00df der f\u00fcrsorgliche Wohlfahrtsstaat an seine \u00f6konomischen Grenzen gekommen ist. Ausgangspunkt ist die Krise der Erwerbsgesellschaft und die damit verbundene fiskalische Krise der sozialen Sicherungssysteme. Der Nachfrage nach sozialen Dienstleistungen ist zwar ungebrochen, ja sie differenziert sich sogar aus. \u201eAber die Leistungen sind gro\u00dfz\u00fcgiger, als die Kunden zu zahlen bereit sind.\u201c schrieb Peer Ederer vor 3 Jahren der sogenannten Deutschland \u2013 AG ins Stammbuch. Und er fuhr fort: \u201eUrsachen f\u00fcr die Fehlentwicklung sind das Ausma\u00df der Angebote, der abzusehende Bev\u00f6lkerungsr\u00fcckgang und die mangelnde Anpassung an den sozialen Wandel. Satt einer fortgesetzten Verlustfinanzierung ist eine Optimierung der Preis- Leistungsstrukturen zu empfehlen\u201c.<\/p>\n<p>Diese Analyse macht deutlich, da\u00df es bei dem anstehenden Paradigmenwechsel eben nicht nur um \u00f6konomische Grenzen geht, sondern auch um Fragen des politischen Konzepts. Es wird bezweifelt, da\u00df eine staatlich gesteuerte Wohlfahrtspflege auf die Dauer flexibel genug ist, Angebot und Nachfrage auf dem Gesundheits- und Sozialmarkt aus zu tarieren. Nicht F\u00fcrsorge und festgelegte Bedarfe, sondern individuelle Leistungen f\u00fcr unterschiedliche Lebenssituationen sind gefragt \u2013 flexible Systeme also, die dem schnellen gesellschaftlichen Wandel Rechnung tragen. In einer Situation, in der die Generationenvertr\u00e4ge zerbrechen, weil die Zahl der \u00e4lteren und chronisch Kranken zunimmt und die Zahl der Kinder in den Familien sinkt, schwindet auch das Vertrauen in kollektive Sicherungssysteme. Auch die zunehmende Individualisierung ist also ein wichtiger Faktor f\u00fcr das Entstehen eines Sozialmarkts, auf dem die Kunden die Dienstleistungen mit steuern. Und die Nachfrage steigt \u2013 nicht nur in der Altenhilfe und der Kinderbetreuung. Mehr Eigenleistung, mehr private Finanzierung, mehr Wettbewerb hei\u00dft darum die Strategie, um Innovation zu erm\u00f6glichen und neue M\u00e4rkte zu erschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Auch das Zusammenwachsen der Staaten in Europa mit ihren unterschiedlichen Steuer- und Sozialsystemen, Staats \u2013 und Kirchenverst\u00e4ndnissen und Kulturen f\u00fchrt unweigerlich dazu, da\u00df die Standards der sozialen Versorgung und die Prinzipien ihrer Finanzierung auf den Pr\u00fcfstand geraten. Frankreich zum Beispiel mit seiner economie sociale kennt den bedingten Vorrang freier Anbieter der Wohlfahrtspflege nicht.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> B\u00fcrgerschaftliches Engagement und Sozialmarkt werden deutlich unterschieden, soziale Aufgaben staatlich zugewiesen. Der zunehmende Wettbewerb mit privaten Tr\u00e4gern, die Aufgabe des Kostendeckungsprinzips und eine ver\u00e4nderte staatliche Zuwendungspraxis, die auf Ausschreibungen basiert, weisen auch in Deutschland in diese Richtung. Erh\u00f6hte Qualit\u00e4tsanforderungen bei sinkenden Entgelten haben das Stichwort Wirtschaftlichkeit zu einem Negativbegriff gemacht. Inzwischen stellt die europ\u00e4ische Einigung die Sonderstellung der freigemeinn\u00fctzigen Tr\u00e4ger in Deutschland in Frage. Die Tendenz ist klar: gleiche Marktchancen f\u00fcr alle Wettbewerber. Wo sich Einrichtungen der freien Wohlfahrtspflege nicht nur als Mitbewerber, sondern auch als \u201eGemeinwohlagentur\u201c versteht, m\u00fcssen sie nachweisbar wertgebunden und uneigenn\u00fctzig arbeiten und soziales Lernen wie Freiwillige Dienste f\u00f6rdern. Die Frage, welche Leistungen der Daseinsvorsorge dienen und eines besonderen staatlichen Schutzes bed\u00fcrfen, ist noch offen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrenddessen setzen wir uns als Tr\u00e4ger mit Wettbewerbern aus anderen Wirtschaftsbereichen auseinander: Seniorenresidenzen wie Behindertenheime werden von Caterer und Hotelketten betreiben. Immobilienfirmen denken \u00fcber die Schnittstelle zwischen Facility-Managament und Pflege nach. Im privaten Sektor vollzieht sich ein Trend zu qualitativ hochwertigen Angeboten, w\u00e4hrend gleichzeitig der Kostendruck der Kassen zu Billigangeboten \u2013 vor allem in den ambulanten Diensten \u2013 f\u00fchrt. Jenseits aller politischen Diskussionen ist den Handelnden klar: Die Zukunft der Diakonie entscheidet sich auf dem Markt. Die Rolle des Staates bei der Gestaltung und Finanzierung sozialer Dienste wird abnehmen. L\u00e4ngst schon versuchen die Tr\u00e4ger ihre Position am Sozialmarkt zu st\u00e4rken, in dem sie Teilbereiche in GmbHs ausgr\u00fcnden oder mit anderen koopierieren und fusionieren. Dabei liegt eine besondere Herausforderung darin, das Profil diakonischer Arbeit zu sch\u00e4rfen und eine Unternehmenskultur zu entwickeln, die Kunden wie Mitarbeitende binden kann. Bei knappen Kassen und zunehmender Deckelung f\u00fchrt n\u00e4mlich die Verkn\u00fcpfung finanzieller F\u00f6rderung mit inhaltlichen Zielvorgaben dazu, da\u00df die Spielr\u00e4ume f\u00fcr ein eigenes Profil geringer werden \u2013 eine Tendenz, die eigentlich dem Marktgedanken widerspricht. Das derzeitige Problem vieler Diskussionen \u00fcber den Sozialmarkt liegt in seiner extremen Reglementierung. Wo Politik die wesentlichen Rahmenbedingungen und drosselt, ohne umzusteuern, ist strategische Planung schwer m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Angesichts der unternehmerischen Herausforderungen f\u00fcr die Zukunft diakonischer Arbeit lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit :Die Vereins- und Anstaltsdiakonie des 19.Jahrhunderts ist gepr\u00e4gt von Gr\u00fcnderpers\u00f6nlichkeiten, die mit Mut und Visionen unternehmerische Risiken eingingen .Als Theodor Flieder 1822 als Gemeindepfarrer nach Kaiserswerth kam, gab es weder Kirchensteuern noch Sozialversicherungen. Wohl aber gro\u00dfe Arbeitslosigkeit und Armut, ein Gesundheitssystem, das seinen Namen nicht verdiente, soziale Verwahrlosung, schlechte Bildungschancen und eine hohe Kriminalit\u00e4tsrate. Um seine Familie und die Gemeinde \u00fcber Wasser zu halten, ging der junge Pfarrer auf Kollektenreise ins europ\u00e4ische Ausland \u2013 und brachte neben den 21.000 Talern, die er eingeworben hatte, vor allem neue Ideen mit. So entstanden Anfang der 3O-er Jahre die Rheinisch-Westf\u00e4lische Gef\u00e4ngnisgesellschaft und ein Asyl f\u00fcr strafentlassene Frauen. Und schlie\u00dflich im Jahr 1836 die Diakonissenanstalt \u2013 eine Antwort auf zwei dr\u00e4ngende Fragen seiner Zeit gefunden. Das Mutterhaus gab unverheirateten T\u00f6chtern eine gute Ausbildung und eine sinnvolle Aufgabe: sie wurden Schwestern. Und die Schwestern gaben Kranken und Sterbenden, aber auch \u00fcberforderten Familien professionelle Hilfe \u2013 Hilfe zur Selbsthilfe. Quer durch Deutschland und bis in den Nahen Osten reichte diese Kette der Hilfe. Und dabei ging es um mehr als eine Organisationsstruktur. Denn Fliedner sah in der sozialen Not seiner Zeit, nicht nur eine gesellschaftliche Herausforderung, sondern auch eine religi\u00f6se. Menschen waren n\u00f6tig, denen das Leid der Arbeitslosen, das Elend der Kinder aus verarmten Familien, die Not der Kranken so zu Herzen ging, als w\u00e4ren es ihre Schwestern und Br\u00fcder. Die Initiativen der Gr\u00fcnder zielten auf Gemeinschaft, um Verlassene zu integrieren. Und sie setzten auf Bildung, um die Tiefendimension der sozialen Frage bewu\u00dft zu machen und Verantwortung zu erm\u00f6glichen. Diese Trias von Bildung, Gemeinschaft und Dienst ist nach wie vor aktuell.<br \/>\nDie damaligen Herausforderungen brachten Vision\u00e4re auf den Planen. Um aber Visionen in Strategien und schlie\u00dflich in kleine M\u00fcnze umzusetzen, mu\u00df man \u00dcberzeugungsarbeit leisten, B\u00fcndnisse schlie\u00dfen und Sponsoren gewinnen. Darin waren die Gr\u00fcnder vorbildlich. Aus sieben verschiedenen Quellen sch\u00f6pfte Fliedner damals seinen Finanzierungsmix: von Privatspenden \u00fcber Zuwendungen des K\u00f6nigs bis zu Vereinsmitteln, vom Kostgeld der Patienten \u00fcber eine umfangreiche Verlags- und Marketint\u00e4tigkeit bis zu den eigenen Landwirtschaftsbetrieben, der \u00d6konomie, wie es damals hie\u00df. Und seine Rechnung ging auf, die Idee boomte. Als er 1836 fast 2000 Taler von der Freundin seiner Frau lieh, um das Kaiserswerther Stammhaus zu kaufen, hatte er zwei Schwestern. Als er 1864 starb, gab es 336 Kaiserswerther Schwestern in Mutterhaus, Krankenhaus und ambulanter Pflege, im Lehrerinnenseminar, Kindergarten und Waisenhaus, in Psychiatrie und F\u00fcrsorgeeinrichtungen. Beim hundertj\u00e4hrigen Jubil\u00e4um 1936 arbeiteten fast 2000 Diakonissen allein in Kaiserswerth \u2013 in unterschiedlichen Berufen aber im gleichen Dienst- und Treueverh\u00e4ltnis zum Mutterhaus. Grundloyal, flexibel und gut ausgebildet. Aus der Bewegung war eine Institution geworden \u2013 mit internationalen Tochtergr\u00fcndungen, einem durchdachtem Management und einer weitsichtigen Personalplanung. Der Mut von damals kann heute noch tragen \u2013 genauso wie die Trias Bildung, Dienst und Gemeinsinn. Die Managementmethoden allerdings passen nicht mehr. Individualisierung, S\u00e4kularisierung und nicht zuletzt gewandelte Geschlechterrollen brauchen Ber\u00fccksichtigung.<br \/>\n<strong>3. Nicht nur f\u00fcr Gotteslohn- zur Entwicklung sozialer Dienstleistungen<br \/>\n<\/strong>Eine wichtige Voraussetzungen der Mutterhausorganisation war \u00fcberholt, als die Einrichtungen noch Zustrom hatten: die Arbeit auf Taschengeldbasis, die lebenslange Versorgung und Verf\u00fcgbarkeit der Schwestern verlor mit der wachsenden Gleichberechtigung von Frauen an Attraktivit\u00e4t. Als Kaiserswerth 1971 entschied, Diakonissen fortan nach Tarif zu zahlen, war dieser Schritt \u00fcberf\u00e4llig, Er fiel einer Zeit des Wachstums, als die Freie Wohlfahrtspflege alle anderen Wirtschaftszweige bei der Schaffung neuer Arbeitspl\u00e4tze \u00fcberholte, nicht zuletzt, weil Frauen hier Arbeit suchten und Unterst\u00fctzung nachfragten.<\/p>\n<p>Noch immer sind fast 70% der Mitarbeitenden im Non- Profit \u2013 Sektor Frauen \u2013 gegen\u00fcber 41% in der Gesamtwirtschaft. Frauen stellen 95% der Mitarbeiterschaft in Tageseinrichtungen und 78% in Krankenh\u00e4usern. Viele davon sind teilzeitbesch\u00e4ftigt. Die sogenannte \u00d6konomisierung des Sozialen f\u00fchrt bei gedeckelten Budgets zu einer Rationalisierung von Aufgaben in Pflege, Erziehung und Medizin \u2013 Teilzeitarbeitspl\u00e4tze sind dabei von Vorteil. So zeigt sich z.B. Krankenh\u00e4usern, da\u00df die vermuteten Rationalisierungspotentiale insbesondere durch Einsparungen in der Pflege realisiert werden. Dabei m\u00fc\u00dfte die stetige Verk\u00fcrzung der Liegedauer eigentlich zu einem Mehraufwand f\u00fcr die Pflege f\u00fchren, weil z.B. die Zahl der Frischoperierten prozentual steigt. Die Situation ist deswegen so problematisch, weil Pflege wie Erziehung und Beratung eigentlich ein Kommunikationsgeschehen ist, Wahrnehmung, Kontakt und Beziehungsarbeit spielt hier eine ebenso gro\u00dfe Rolle wie die Professionalit\u00e4t der Handgriffe, die am Ende abrechenbar sind. Gerade da, wo Erfolge sich nur einstellen k\u00f6nnen, wenn die \u201eKunden\u201c das \u201eProdukt\u201c mit gestalten, k\u00f6nnen Funktionalisierung und h\u00e4ufiger Wechsel der Dienstleistenden zu einem Verlust an Qualit\u00e4t f\u00fchren. Keiner sp\u00fcrt das besser als die Pflegenden selbst \u2013 die bei zunehmender Arbeitsverdichtung den Verlust ihrer Motivation erleben und oft schon nach kurzer Zeit in andere Arbeitsfelder abwandern.<\/p>\n<p>\u201eGegen\u00fcber den heute einseitigen Vorstellungen von Leistung und Wachstum, von Macht und Gewinn, von Produktion und Dienstleistungen werfen wir unseren Sinn f\u00fcr Freundschaft und Geborgenheit in die Waagschale, unser Gesp\u00fcr f\u00fcr Mitleiden und Trauer, f\u00fcr Begegnung und Verstehen\u201c, hei\u00dft es im Leitbild der Luzerner Spitalschwestern. Hier kommt sehr klar die Tiefendimenion des diakonischen Dienstes zum Ausdruck, die wir bei Fliedner und Nightingale fanden. Das Gef\u00fchl andere unterst\u00fctzen zu k\u00f6nnen und sich auch selbst weiterzuentwickeln, der Aufbau von Beziehungsnetzen geh\u00f6rt zu den wichtigsten Motiven diakonischer Arbeit. Der Gewinn dieser Arbeit liegt in der Erfahrung, da\u00df das Leben intensiver wird, farbiger und tiefer, wenn man es teilt, da\u00df wir unseren Horizont erweitern, wenn wir am Leben anderer teilnehmen. Das Gl\u00fcck der Kranken, oder wenn Sie wollen der Kunden, bringt die eigentliche Wertsch\u00e4tzung. Es geht um life- support, wie Birger Priddat k\u00fcrzlich gesagt hat \u2013 eben nicht um einen milit\u00e4rischen Dienst und auch nicht um eine Sachleistung. Es geht darum, anderen Gutes zu tun, ihnen Entlastung und Assistenz zu geben \u2013 etwas sehr Pers\u00f6nliches also. Arbeitsabl\u00e4ufe wie in der Produktion und eine rein \u00f6konomische Steuerung werden als Problem empfunden, weil dabei die emotionale Investition unterschlagen wird, der emotionale Gewinn zu kurz kommt.<\/p>\n<p>Einkommen und Aufstiegsm\u00f6glichkeiten k\u00f6nnen dieses Defizit nicht kompensieren, solange Pflege- und Erziehungsarbeit nicht den gleichen Stellenwert hat wie andere komplexe Dienstleistungen. Jeder Versuch, ausgebildete Familienpflegerinnen oder Hauswirtschaftskr\u00e4fte auf dem Markt zu plazieren, macht deutlich: aus der privaten Kasse ist kaum jemand bereit, einen angemessenen Preis zu zahlen, wenn die Krankenkasse diese Leistung nicht \u00fcbernimmt. Hier konkurriert die Arbeit der Profis mit Schwarzmarktangeboten von Nachbarinnen, Migrantinnen und anderen. Kein Wunder, da\u00df bei uns gelegentlich jemand scherzt, man m\u00fcsse die Diakonisse neu erfinden \u2013 wer arbeitet heute noch bei guter Ausbildung f\u00fcr ein Taschengeld? Ich f\u00fcrchte, der R\u00fcckgang staatlicher Finanzierung bringt an den Tag, da\u00df der gesellschaftliche Stellenwert sozialer Dienstleistungen unklar ist. Es k\u00f6nnte den Pfarrern eines Tages genauso gehen.<\/p>\n<p>Wer heute ein diakonisches Unternehmen leitet, wird den besonderen Charakter dieser Dienstleistungen wahrnehmen. Es geht um Beziehungsdienstleistung, die nur gelingt, wenn alle Beteiligten ihr Teil dazu beitragen. Die Schwester mu\u00df, wie Florence Nightingale schreibt, das Herz der Kranken gewinnen. Dazu braucht man neben der fachlichen Bildung Herzensbildung, man braucht Mut und nicht nur die Bereitschaft, sich an Standards zu halten, dazu H\u00f6flichkeit und Respekt, Selbstachtung und Menschenliebe. Wer Dienst mit Untert\u00e4nigkeit verwechselt und deswegen Minderwertigkeitsangst hat, wird unter gebuttert werden und seine Aufgabe nicht erf\u00fcllen \u2013 ebenso wenig wie der, der Dienst als Herrschaft mi\u00dfbraucht und deswegen Anweisungen gibt, statt zuzuh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Das hat Konsequenzen f\u00fcr die Personalentwicklung und die Mitarbeiterf\u00fchrung. Wie kann es gelingen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter so zu st\u00e4rken, da\u00df sie sich ihre Motivation erhalten und Eigenverantwortung \u00fcbernehmen? Standards und Qualit\u00e4tsmanagement d\u00fcrfen nicht zur entm\u00fcndigenden Kontrolle geraten, sie m\u00fcssen dem Wissensaustausch und der gemeinsamen Organisationsentwicklung dienen. Zielvereinbarungen d\u00fcrfen nicht zu Zielanweisungen werden \u2013 sie sollen helfen, Gaben zu entdecken und Vorschl\u00e4ge einzubringen. Dabei mu\u00df neben der Wirtschaftlichkeit die Qualit\u00e4t der Arbeit ihren Stellenwert behalten; nur so kann es n\u00e4mlich gelingen, da\u00df Leistungsziele die Freude am Gelingen f\u00f6rdern und nicht nur \u00f6konomischen Druck bedeuten.. Dazu brauchen auch die Vorgesetzten Respekt und Menschenliebe, Offenheit und einen Sinn f\u00fcr ehrliche Vereinbarungen.<\/p>\n<p>Ziele und Projekte, Vertr\u00e4ge, Vereinbarungen und Kontrakte: diese Begriffe erinnern noch einmal an den grundlegenden Wandel sozialer Arbeit. Nicht nur der f\u00fcrsorgliche Wohlfahrtsstaat ist am Ende, sondern auch die F\u00fcrsorgeinstitutionen, die mit gegebenen Mitteln nach allgemeinen Normen eine anerkannte Aufgabe erf\u00fcllen. Lebenskonzepte, \u00dcberzeugungen und Ziele sind in einer pluralistischen Gesellschaft so vielf\u00e4ltig wie die Lebensl\u00e4ufe. Darum mu\u00df mit Jugendlichen das Entwicklungsziel gekl\u00e4rt, mit Mitarbeitenden eine Zielvereinbarung getroffen werden, und darum m\u00fcssen auch diakonische Unternehmen ihre Leitbilder ihre strategischen Ziele und Unternehmenskonzepte ausdr\u00fccklich beschreiben, damit Kunden wie Mitarbeiter wissen, worauf sie sich einlassen. Fliedner und seine Nachfolger konnten davon ausgehen, da\u00df die eingesegneten Diakonissen aus der gemeinsamen Glaubens\u00fcberzeugung heraus ihren Dienst taten &#8211; als Richtschnur gen\u00fcgte die Hausordnung. Inzwischen hat sich die Leitungsaufgabe gr\u00fcndlich ver\u00e4ndert: die Kirche als Institution hat normierende Kraft und gesellschaftlichen Einflu\u00df verloren. In der gemeinsamen Arbeit m\u00fcssen unterschiedliche \u00dcberzeugungen Raum haben. Die Hierarchien sind flach geworden \u2013 auch in den Unternehmen. Dialog statt Anweisung, Beteiligung statt Instruktion: Die Aufgabe des Managements ist es, einen profilierten Rahmen zu setzen, der die Hilfebeziehung sch\u00fctzt, die fachliche und pers\u00f6nliche Entwicklung der Mitarbeitenden f\u00f6rdert und neue Arbeitsfelder erschlie\u00dft.<br \/>\n<strong>4. Im Dienst ereignet sich Kirche: Spiritualit\u00e4t in der Diakonie<br \/>\n<\/strong>Als Teil der Sozialwirtschaft orientiert sich Diakonie an Bilanzen und Budgets, Kosten und Leistungen, Zielen und Erfolgen gepr\u00e4gt. Der ehemalige Direktor der v.Bodelschwinghschen Anstalten, Johannes Busch, hat einmal gesagt, die Gestalt und die Rahmenbedingungen der unternehmerischen Diakonie tr\u00fcgen keine spezifisch diakonischen Kennzeichen, sie seien s\u00e4kularer Natur. Das stimmt \u2013 gilt aber entsprechend f\u00fcr die beh\u00f6rdlich verfasste Kirche. Auch Steuern und Stellenpl\u00e4ne, Stellenschl\u00fcssel und Umlagen, Beamtenstatus und Territorialprinzip sind ja nicht per se geistlicher Natur. Die Kl\u00e4rung des Konfessionsstatus durch Ordnungen und Zugeh\u00f6rigkeit zu Institutionen ist die Form publizierten \u00dcberzeugungen, die wir kennen. Wer allerdings wie ich in der Diakonie mit Mitarbeiterinnen und Patienten ganz unterschiedlicher Herkunft zu tun hat, der sp\u00fcrt, wie br\u00fcchig das alles geworden ist. Da gibt es alles: Migranten, die ihre Konfession kaum nach unseren Kriterien beschreiben k\u00f6nnen, Kirchenmitglieder, die inzwischen Buddhisten sind, Mulime, die sich ganz protestantisch auf ihr Gewissen berufen, katholische Chef\u00e4rte, die f\u00fcr die Teilnahme ihrer Mannschaft am Gottesdienst eintreten und viele andere, die keinen Zusammenhang mehr sehen zwischen Kirchensteuer und Diakonie, zwischen Mitgliedschaft und diakonischer Arbeit. Wie kann dieser Zusammenhang deutlich werden?<\/p>\n<p>Zum Beispiel in Palliativversorgung und Sterbebegleitung: Viele Krankenh\u00e4user, Altenheime und Pflegedienste haben Impulse aus der Hospizbewegung aufgenommen oder arbeiten mit ehrenamtlichen Hospizdiensten zusammen. Abschiedsrituale geh\u00f6ren inzwischen zum Qualit\u00e4tsstandard, Abschiedsr\u00e4ume sind liebevoll ausgestaltet, die Angeh\u00f6rigen werden auf vielf\u00e4ltige Weise einbezogen. Trotz aller Rationalisierung investieren Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen alle Zeit, die ihnen zur Verf\u00fcgung steht, um Patienten und Bewohnern ein menschenw\u00fcrdiges Ende zu erm\u00f6glichen. Dabei werden sie unweigerlich mit religi\u00f6sen Fragestellungen konfrontiert, sie begegnen anderen Religionen und deren Riten und m\u00fcssen lernen, ihre eigene Position zu beziehen. Nicht nur f\u00fcr die Sterbenden und ihre Angeh\u00f6rigen, auch f\u00fcr die Mitarbeitenden in einem diakonischen Unternehmen ist eine verl\u00e4\u00dfliche seelsorgerliche Begleitung unverzichtbar. Auch gottesdienstliches Angebot f\u00fcr Trauernde &#8211; In unserem Krankenhaus nehmen mehr als 70% daran teil \u2013 Sterbeseminare und interreligi\u00f6se Angebote geh\u00f6ren in diesen Kontext. Entscheidend ist, da\u00df die exklusiven Merkmale der Diakonie wie Gottesdienst und Seelsorge mit den inklusiven wie ganzheitlicher Pflege und Medizin verkn\u00fcpft werden. Schwieriger als in station\u00e4ren Einrichtungen scheint das in der ambulanten Pflege zu sein, wo viel von der Zusammenarbeit mit Gemeindepfarrerinnen und Gemeindepfarrern abh\u00e4ngt. Ich erinnere mich an so manche Debatte um Zust\u00e4ndigkeit und wechselseitige Erreichbarkeit, in der die oben angesprochenen Fremdheiten gepflegt wurden. Nicht nur Bestattungsunternehmen und Trauerh\u00e4user, auch so manche Pflegestation hat daraus den Schlu\u00df gezogen, eigene Beratungs- und Seminarangebote zu machen. Auf diesem Markt ist der Kirche l\u00e4ngst Konkurrenz erwachsen.<\/p>\n<p>Die Bev\u00f6lkerung allerdings mi\u00dft die Glaubw\u00fcrdigkeit kirchlicher Erkl\u00e4rungen an unserem praktischen Handeln in der Diakonie \u2013 zum Beispiel beim Thema Sterbehilfe. Wo die F\u00fcrsorglichkeit in der Pflege auf dem Spiel steht, klagen Menschen ihre Freiheit und Selbstbestimmung ein. Gesetze verhindern das nicht. Auch hier z\u00e4hlt nur eine partnerschafliche Begleitung, ein B\u00fcndnis f\u00fcr das Leben. Und das ist unserem Glauben angemessen. Denn wir vertrauen doch dem Gott, der unser Leiden geteilt hat und unseren Tod gestorben ist. dem mitleidenden Gott, der den Weg zum Leben \u00f6ffnet &#8211; nicht dem unber\u00fchrten Herrscher \u00fcber Tod und Leben. Nicht richtende Distanz, sondern menschliche N\u00e4he, nicht Norm, sondern Freiheit, nicht Moral, sondern der Dienst der Liebe ist also gefragt in unserem Handeln. Und Diakonie tut gut daran, deutlich zu machen, da\u00df das nicht nur unserem Menschenbild, sondern auch unserem Gottesbild entspricht.<\/p>\n<p>Zum Beispiel beim Thema Ethikberatung: Mit der Spannung zwischen dem, was potentiell m\u00f6glich ist und den tats\u00e4chlcihen Rssourcen wachsen die Konflikten in den diakonischen Einrichtungen. Hinzu kommt, da\u00df sich hier eben Menschen aus unterschiedlichen Berufs- und Lebenswelten, Kulturen und Religionen begegnen. Damit w\u00e4chst der Bedarf an Orientierung und Kl\u00e4rung der eigenen Werthaltung. Gerade in der Diakonie m\u00fcssen daf\u00fcr Angebote zur Verf\u00fcgung gestellt werden. Das bedeutet den Einsatz von Theologinnen und Theologen, die auf dem Hintergrund ihres eigenen Glaubens bereit und in der Lage sind, einen respektvollen Dialog zu f\u00fchren \u2013 interreligi\u00f6s, interprofessionell, zwischen Vertretern verschiedener Organisationen und Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven und Interessen. Mit klarem Kopf und Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen. Das bedarf der Ein\u00fcbung in Studium und Ausbildung. Seelsorgerliche Erfahrung ist daf\u00fcr ebenso n\u00f6tig wie Zeit, Raum, pers\u00f6nliche Autorit\u00e4t und die Bereitschaft, sich zur Verf\u00fcgung zu stellen. Sich anfunken zu lassen und in der Krise ansprechbar zu sein \u2013 zum Dienst bereit wie \u00c4rzte und Pflegende. Nach meiner Erfahrung ist es auch in der Diakonie noch nicht selbstverst\u00e4ndlich, da\u00df wir Ethikberatung wie auch Seelsorge als Teil unserer Qualit\u00e4t und als Dienstleistungsangebot betrachten. Dazu geh\u00f6rt Transparenz \u2013 auch im Blick auf die Kosten -, die Kl\u00e4rung der Schnittstellen und die Offenheit, sich zu positionieren.<\/p>\n<p>Wo das gelingt, entsteht ein Klima, in dem die Suche nach religi\u00f6ser Orientierung und pers\u00f6nlicher Spiritualit\u00e4t kein Tabu bleiben mu\u00df. Ein diakonisches Unternehmen in einer s\u00e4kularen Gesellschaft ist darauf angewiesen, da\u00df Mitarbeitende ihr Menschenbild und ihr Gottesbild reflektieren und dar\u00fcber ins Gespr\u00e4ch kommen \u2013 wie \u00fcber andere Leitgedanken und Haltungen. Die Erfahrungsvielfalt, die dabei zum Ausdruck kommen kann, kann produktiv werden \u2013 auch und gerade, was den Dialog mit Hilfesuchenden angeht. Der Institution ist darauf nicht angelegt: die konfessionelle Pr\u00e4gung wie das kirchliche Arbeitsrecht sind auf Zugeh\u00f6rigkeit ausgerichtet \u2013 daran \u00e4ndern vorl\u00e4ufig auch Leitbilder und Zielvereinbarungen nichts. Ausgeschlossen ist es allerdings nicht, da\u00df unter den Bedingungen eines neuen Wettbewerbs- und Arbeitsrechts auf dem europ\u00e4ischen Sozialmarkt eines Tages nur noch die Unterschrift unter das Leitbild Verbindlichkeit schafft. Dann w\u00e4re das Mission-Statement der Diakonie tats\u00e4chlich auf dem Markt und unsere \u00dcberzeugungen w\u00fcrden am Einsatz gemessen.<\/p>\n<p>Man mu\u00df nicht in andere L\u00e4nder gehen, um zu wissen, da\u00df darin auch eine Gefahr steckt: Dienst als Heiligung, Andachten als Fr\u00f6mmigkeits\u00fcbung, Seelsorge als Gewissenserforschung diese Tradition wirft ihre Schatten auf unsere Einrichtungen .Kein Wunder, da\u00df S\u00e4kularierung auch als Freiheit erlebt wurde. Und dennoch pr\u00e4gen Tagzeitenandachten, Feste und vielf\u00e4ltige pers\u00f6nliche Rituale bis heute unsere Zusammenarbeit. In der Gestaltung der R\u00e4ume oder beim gemeinsamen Feiern zeigt sich diakonische Kultur \u2013 leiblich und sinnlich wahrnehmbar. Wo Mitarbeiter und Klienten, Kollegen und Familien an einem Tisch sitzen, da wird Dienstgemeinschaft erlebbar, da kommen die verborgenen und oft genug mit F\u00fc\u00dfen getretenen Motive der Arbeit ans Licht: in einer Rede, in einem Geschenk, in einem Gleichnis. Diese Alltagsunterbrechungen empfinden gerade Mitarbeiter aus anderen Arbeitszusammenh\u00e4ngen als besonders kostbar: Hier wird Sinn und Wertsch\u00e4tzung deutlich \u2013 ein gemeinsamer Lebens- und Wertzusammenhang quer \u00fcber alle Ebenen. Ein Bezugspunkt, der Energie gibt und Korrektur erm\u00f6glicht. Einf\u00fchrungen und Abschiede, Jahresfeste und Weihnachtsfeiern, F\u00fcrbitt- und Klagegottesdienste m\u00fcssen als Teil der zur Unternehmenskultur von Theologen verantwortet und gesch\u00fctzt werden. Gegen die Rund- um \u2013 die Uhr-Gesellschaft in diakonischen Unternehmen, gegen die Zergliederung und Segmentierung aller Abl\u00e4ufe bis hin zur Tischgemeinschaft, gegen Kalk\u00fcl und Rationalisierung.<\/p>\n<p>Gerade weil die Kirchenbindung der diakonischen Mitarbeiter abnimmt, mu\u00df der Resonanzboden des Dienstes erlebbar bleiben. Im Gebet, im gemeinsamen Essen, in Seelsorge und Liturgie. Die Trennung der Subsysteme von Kirche und Diakonie nach dem jeweiligen Kerngesch\u00e4ft ist dabei kontraproduktiv \u2013 ebenso wie ein institutionelles Denken, das nicht mit Erfahrung und Entwicklung, mit Ver\u00e4nderung und \u00dcberraschung rechnet. Wo Kranke gepflegt werden, wo Hungrige gespeist oder Kinder aufgenommen werden, wo Fl\u00fcchtlinge ein Zuhause finden, da ist \u2013 oft unerkannt \u2013 Christus pr\u00e4sent, da ereignet sich Kirche. In den Werken der Barmherzigkeit wird der Geist Gottes leiblich erfahrbar, das Wort wird Fleisch. Menschen sp\u00fcren das, wo sie sich auf scheinbar ausweglose Situationen einlassen, Zeit und Ressourcen miteinander teilen und auf diese Weise selbst Gemeinschaft und St\u00e4rkung erfahren. In diesem Sinne hat die Vollversammlung in Vancouver festgestellt \u00a8\u201c Diakonie als teilendes, heilendes und vers\u00f6hnendes Amt der Kirche geh\u00f6rt unabdingbar zum Wesen der Kirche. Sie fordert von dem Einzelnen und von der Kirche, da\u00df sie nicht von dem geben, was sie haben, sondern aus dem, was sie sind. Diakonie kann nicht auf den institutionellen Rahmen der Kirche beschr\u00e4nkt werden. Sie mu\u00df die bestehenden Strukturen und Grenzen&#8230; durchbrechen und durch die Gemeinschaft des Volkes Gottes zum teilenden und heilenden Wirken des Geistes in der Welt werden\u201c.<\/p>\n<p><strong>5. F\u00fcr eine neue Kultur der Mitmenschlichkeit \u2013 zum Diakonat aller<br \/>\n<\/strong>Dabei geht es um mehr als um eine Dienstleistung. Es geht um eine Bewegung, die alle Beteiligten und schlie\u00dflich auch das Umfeld ver\u00e4ndert: Familie und Nachbarschaft, Menschenbild und Gottesbild. Wo Diakonie gelingt, da zieht sie Kreise, regt zum Lernen an, ver\u00e4ndert Beziehungen. Deswegen tr\u00e4ume ich davon, da\u00df Kirche und Diakonie gemeinsam ein Curriculum f\u00fcr diakonisches Lernen auflegen: von den Praktika im Konfirmandenunterricht \u00fcber das freiwillige soziale Jahr bis zum Ethikunterricht in den Schulen und Ausbildungsst\u00e4tten der Diakonie. Von Einf\u00fchrungstagen und Kursen f\u00fcr Mitarbeitende bis zu Retraiten nach f\u00fcnf oder zehn Jahren. Von den bestehenden Curricula f\u00fcr freiwillige Hospizhelfer, Beraterinnen und andere Ehrenamtliche bis zu Angeboten f\u00fcr Mitarbeiterkinder.<\/p>\n<p>In all dem geht es um die Entwicklung einer diakonischen Haltung, einer neue Kultur der Mitmenschlichkeit. Horst Eberhard Richter nennt diese Bewegung \u201eDas Ende der Egomanie\u201c.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Dazu geh\u00f6rt die Akzeptanz der eigenen Gesch\u00f6pflichkeit, das Wissen um die eigenen Grenzen, die uns auf andere bezogen und angewiesen sein l\u00e4\u00dft. Es geht um die Unterscheidung von Mensch und Ware, von Liebe und Gesch\u00e4ft und um ein f\u00fcrsorglichen Umgang mit dem Leben. Es geht darum, fremdes Leid wahrzunehmen und zur Sprache zu bringen und neue Formen sozialer Solidarit\u00e4t zu entwickeln. Ohne diese Kraft zum pers\u00f6nlichen Einsatz, zu Solidarit\u00e4t und F\u00fcrsorglichkeit wird die notwendige Ver\u00e4nderung nicht gelingen. Die biblische Tradition, aus der wir sch\u00f6pfen, kann in diesem Prozess eine gro\u00dfe Hilfe sein. Sie lehrt uns, zu begreifen und damit einverstanden zu sein, da\u00df wir nicht Herren unsere Lebens sind und da\u00df wir unser Leben verantworten m\u00fcssen. Die Texte, die davon sprechen, haben sich tief eingegraben in unsere soziale Kultur \u2013 vom barmherzigen Samariter bis zum Gleichnis vom Weltgericht, von der Fu\u00dfwaschung \u00fcber die Speisungsgeschichten bis zum 23.Psalm. Generationen haben daran gelernt, in den Geringsten Gottes Ebenbild zu entdecken, auf den Ruf Gottes zu achten und auf Gottes f\u00fcrsorgliche Liebe zu vertrauen, wenn sie mit anderen teilen. Heute m\u00fcssen diese Geschichten hinter unserer Geschichte neu erz\u00e4hlt werden \u2013 als Kommentar zu den Erfahrungen diakonischer Arbeit \u2013 sicher auch als kritischer Kommentar.<\/p>\n<p>Ohne den Zusammenhang von Diakonie und Bildungsarbeit ,den die Gr\u00fcnderv\u00e4ter der Inneren Mission auf dem Hintergrund der Erweckungsbewegung sahen, wird es nicht gelingen, das Profil diakonischer Arbeit wirksam zu sch\u00e4rfen. Ohne eine erneute Bildungsinitiative werden wir auf Dauer keine Menschen f\u00fcr diese Arbeit gewinnen. Diakonie braucht eine f\u00fcrsorgliche Gesellschaft. Insofern leben die professionellen Mitarbeiter in der Diakonie vom Diakonat aller. In den letzten Jahren waren es vor allem die Freiwilligeninitiativen, die gesellschaftliche Notlagen aktiv aufgegriffen haben. Von der Hospizbewegung bis zu den inzwischen 250 Tafeln, von den Fl\u00fcchtlingsgruppen bis zu Arbeitsloseninitiativen. Das Selbstbewu\u00dftsein und die Unabh\u00e4ngigkeit dieser Bewegungen macht Kooperationen mit diakonischen Tr\u00e4gern schwer \u2013 es sei denn, auch die Einrichtungen sind bereit, sich zu ver\u00e4ndern. In der Zusammenarbeit zwischen freiwilligen und hauptberuflichen Mitarbeitern geht es nicht nur um Unterst\u00fctzung und Rechte. Hier werden auch die Grenzen professioneller Arbeit buchstabiert :die Grenzen der Fachlichkeit wie die der Verf\u00fcgbarkeit. Zugleich wird der unbezahlbare Kern aller diakonischer Arbeit deutlich: die Bereitschaft, sich anderen Menschen zuzuwenden \u2013 aus Freude am Menschen oder einfach aus der inneren \u00dcberzeugung, da\u00df jedes Leben Sinn hat. \u201eGib niemals den Glauben auf, da\u00df Gott ein gro\u00dfes Werk an dir vorhat\u201c, hat Luther gesagt. Den Resignierten und M\u00fcden, den Kranken und Arbeitslosen diese Perspektive zu er\u00f6ffnen, das ist Auftrag der Diakonie.<\/p>\n<p>Nicht nur die gedeckelten Budgets begrenzen unsere M\u00f6glichkeiten. Auch unsere Zeit und Einsatzbereitschaft, vor allem aber unser Liebesf\u00e4higkeit ist begrenzt. Verzicht und Opfer \u00e4ndern das ebensowenig wie Protest und Aufbegehren. Die letzte Not und Bed\u00fcrftigkeit des Menschen \u00fcberwinden wir nicht durch Gesetzlichkeit. Hier kommt es darauf an, da\u00df wir die eigenen Grenzen annehmen und auf die Hilfe anderer vertrauen k\u00f6nnen. Auf die Zusammenarbeit mit Kollegen, das Netzwerk von Profis und Freiwilligen, das B\u00fcndnis von Hilfebed\u00fcrftigen und Helfern, und auch auf Gottes Werk an uns. Da\u00df nicht alles an unserer Leistung liegt, ist in der Rechtfertigungslehre als wesentliches Kriterium unseres Glaubens beschrieben.In der Dienstleistungsgesellschaft von heute wird klar: Auch die Dienstleister sind auf Dienstleistung angewiesen, sie sind Teil einer gr\u00f6\u00dferen Wertsch\u00f6pftungskette. In diesem Sinne versteht sich Diakonie als eine Kette der Barmherzigkeit. Die Kette bricht, wo Mitarbeitende selbst keine Barmherzigkeit erfahren, wo Konflikte nicht bearbeitet werden, wo die Unterscheidung zwischen Person und Werk nicht gelebt wird. Darum ist gerade Diakonie auf theologische Kritik, auf freie seelsorgerliche Angebote und auf eine wertorientierte F\u00fchrung angewiesen.<\/p>\n<h5><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Carl Vossen, \u201eFlorence Nightingale, Geliebtes Kaiserswerth\u201c, D\u00fcsseldorf 1986<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> g. Ralf Hoburg, Protestantismus und Europa, Berlin 1999<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> U.Schwarzer, Sozialwirtschaft in Europa, in: Strohm, Diakonie in Europa, Heidelberg 1997<br \/>\nK\u00f6ln 2002<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diakonie im Spannungsfeld von theologischem Auftrag und \u00f6konomischer Rentabilit\u00e4t (Vortrag beim Fakult\u00e4tstag der Ev. Theol. 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