{"id":5637,"date":"2020-12-14T11:37:09","date_gmt":"2020-12-14T10:37:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=5637"},"modified":"2022-04-05T11:51:20","modified_gmt":"2022-04-05T09:51:20","slug":"miteinander-diakonie","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=5637","title":{"rendered":"Miteinander Diakonie"},"content":{"rendered":"\n<ol class=\"wp-block-list\"><li><strong>Profil und Pluralit\u00e4t: Eine Ver\u00e4nderungsgeschichte<\/strong><\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Vor 30 Jahren, als ich im Diakonischen Werkes im Rheinland arbeitete, gab es noch griechische Sozialarbeiter, die bei der evangelischen Diakonie besch\u00e4ftigt waren \u2013 so wie spanische und italienische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei der Caritas und t\u00fcrkische bei der AWO. Die Dienste der Migrantinnen und Migranten wurden den jeweiligen Konfessionen der Tr\u00e4ger zugeordnet, weil eben die subsidi\u00e4r organisierte Wohlfahrtspflege konfessionell und weltanschaulich organisiert war \u2013 und zum Teil noch ist. Es gab und gibt evangelische und katholische, j\u00fcdische, sozialdemokratische und humanistische Verb\u00e4nde. Allerdings erodiert die R\u00fcckbindung von Diakonie, AWO und anderen an ihre verschiedenen zivilgesellschaftlichen Kontexte in dem Ma\u00dfe, in dem die Gesellschaft sich pluralisiert und die Wettbewerbsorientierung der Unternehmen zunimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Entwicklung f\u00fchrte in Westdeutschland schon in den 1970er Jahren zur immer st\u00e4rkeren Angleichung von Tr\u00e4gerprofilen. Mit dem Ausbau des Wohlfahrtsstaats waren die sozialen Rechtsanspr\u00fcche der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger wichtiger geworden als ihre gesellschaftlichen und religi\u00f6sen Bindungen, und unter der \u00c4gide des Kostendeckungsprinzips waren Professionalit\u00e4t und Effizienz entscheidender als Milieubestimmtheit. Soziale Dienste werden seitdem vor allem an der standardisierten Qualit\u00e4t der Dienstleistung gemessen und verglichen. Damit einher ging eine Pluralisierung der Mitarbeiterschaften: Sp\u00e4testens seit Ende der 80er Jahre konnten auch diakonische Unternehmen nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich auf kirchliche Milieus zur\u00fcckgreifen, wenn es um Mitarbeitergewinnung geht. Um die Jahrtausendwende habe ich dann in der Leitung eines diakonischen Unternehmens die bunte Vielfalt erlebt: christliche Migrant*innen, die ihre Konfession kaum nach unseren Kriterien beschreiben k\u00f6nnen, Kirchenmitglieder, die in Praxis und \u00dcberzeugung Buddhisten sind, Konfessionslose, die engagiert am Leitbild mitarbeiten, Muslim*innen, die sich ganz protestantisch auf ihr Gewissen berufen, und katholische Chef\u00e4rzt*innen, die f\u00fcr die Teilnahme ihres Teams am Gottesdienst eintreten, w\u00e4hrend die evangelischen vorrechnen, wie viel kostbare Arbeitszeit dadurch verlorengeht. Und viele andere, die keinen Zusammenhang mehr sehen zwischen Kirchenmitgliedschaft und diakonischer Arbeit. Christliche Traditionsbest\u00e4nde k\u00f6nnen nicht mehr als selbstverst\u00e4ndlich vorausgesetzt werden und kirchliche Stellungnahmen werden nicht als bindend f\u00fcr die Mitarbeiterschaft erlebt. Kein Wunder, angesichts der Tatsache, dass oft nur noch eine Minderheit der Mitarbeitenden Mitglied einer Kirche ist. Die Vielfalt der Mitarbeiterschaft hat in den letzten Jahren weiter zugenommen \u2013 nicht nur, weil unsere Gesellschaft sich pluralisiert und der Einfluss der Kirchen abnimmt, sondern auch, weil es angesichts des demographischen Wandels kaum andere M\u00f6glichkeiten gibt, als Menschen aus anderen kulturellen und religi\u00f6sen Kontexten f\u00fcr Gesundheits- und Sozialdienste hierzulande anzuwerben. Und das betrifft schon lange nicht mehr nur Hauswirtschafts- und Pflegedienste, sondern auch \u00c4rztinnen und \u00c4rzte, Erzieherinnen und Erzieher.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem wachsenden Wettbewerb auf dem Sozialmarkt, der sich bis in die Entgelte hinein auswirkt, ist aber auch auf Seiten der Tr\u00e4ger eine neue Pluralit\u00e4t entstanden. Im Westen schien es lange, als spielten die&nbsp; unterschiedlichen Traditionen keine wesentliche Rolle; schlie\u00dflich k\u00f6nne man nicht \u201eevangelisch operieren\u201c. Professionelle Standards, gleiche Ausbildungsvoraussetzungen, \u00f6ffentlich-rechtliche Tarife lie\u00dfen die Frage, bei welchem Tr\u00e4ger man arbeitete, zur\u00fccktreten hinter dem Wunsch nach professioneller Zusammenarbeit und Vernetzung. Das hat sich in jeder Hinsicht ver\u00e4ndert. Angesichts des wachsenden Wettbewerbs fragen Tr\u00e4ger wie Mitarbeitende nach dem besonderen Profil der Diakonie &#8211; eine Frage, der man sich im Osten schon deswegen nicht entziehen konnte und wollte, weil kirchlichen Tr\u00e4gern gar nicht alle Arbeitsfelder offenstanden und kirchliche Standards wie z.B. Bildungsangebote f\u00fcr Menschen mit schweren Behinderungen nicht \u00fcberall umgesetzt wurden. Zugleich aber steht das kirchliche Arbeitsrecht schon deswegen auf dem Pr\u00fcfstand, weil in Ost wie West die Zahl der kirchlich gebundenen Mitarbeiter*innen weiter abnimmt. Die neue Profilsuche von Diakonie und Caritas auf dem Sozialmarkt kann also durchaus in Spannung geraten zur&nbsp; Pluralisierung der Mitarbeiterschaft. Dennoch bietet die&nbsp; Wahrnehmung von kultureller und religi\u00f6ser Vielfalt in Gesellschaft und Unternehmen eine gro\u00dfe Chance gerade f\u00fcr die kirchlichen Tr\u00e4ger: Die kulturelle Einbettung der sozialen Dienste und die religi\u00f6se Dimension ethischer Konflikte werden neu wahrgenommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu dieser Entwicklung geh\u00f6rt auch, dass Seelsorgerinnen und Seelsorger in Kran-kenh\u00e4usern und Pflegediensten die unterschiedliche religi\u00f6se Bindung der Patienten und ihrer Angeh\u00f6rigen wieder mehr in den Mittelpunkt r\u00fccken \u2013 nach langen Jahren eines eher psychologisch orientierten Seelsorgeverst\u00e4ndnisses. Manuale werden heraus-gegeben, hilfreiche Praxisanleitungen f\u00fcr Mitarbeitende in Pflege und Medizin, in denen die Fastenbr\u00e4uche und Sterberituale anderer Religionen erkl\u00e4rt werden, die Adressen von Rabbinern und Imamen zu finden sind. Vielfalt wird wahrgenommen, die Anpassung&nbsp; \u201eanderer\u201c an die noch immer christlich grundierte Gesellschaft nicht mehr einfach vorausgesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Um die Haltung von Mitarbeitenden in dieser Situation besser wahrzunehmen, hat das Institut f\u00fcr Diakoniemanagement der kirchlichen Hochschule Wuppertal-Bethel 2018 eine Untersuchung zu den &gt;&gt;Merkmalen diakonischer Unternehmenskultur in einer pluralen Gesellschaft&lt;&lt; durchgef\u00fchrt.<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> Sie zeigt eine hohe Wertsch\u00e4tzung religi\u00f6ser Artefakte bei muslimischen Mitarbeiter*innen. Sie partizipieren an Tischgebeten oder Aussegnung, wenn das zu ihrem Arbeitsbereich geh\u00f6rt, auch wenn sie sich&nbsp; von Gottesdiensten eher fern halten. Selten allerdings wird ihnen bisher Raum f\u00fcr die Praxis der eigenen muslimischen Religiosit\u00e4t geboten. Mitarbeitende ohne Kirchenbindung nehmen diakonische Spiritualit\u00e4t als wichtig f\u00fcr die Einrichtung und die Bewohner*innen wahr, entwickeln aber nur selten einen pers\u00f6nlichen Bezug dazu. Wichtig ist ihnen, dass kein Zwang zur \u00dcbernahme von Haltungen oder Ritualen durch die Tr\u00e4ger ausge\u00fcbt wird. Gerade f\u00fcr nicht kirchlich gebundene Mitarbeitende ist die spirituelle Kultur dann fragw\u00fcrdig, wenn sie sie als aufgesetzt, unplausibel oder unverst\u00e4ndlich oder als nicht sinnvoll in Abl\u00e4ufe integriert erleben.<\/p>\n\n\n\n<p>&gt;&gt;Diakoniker sind Praktiker \u2013 \u00fcber die eigene christliche Haltung laufend zu reden, ist ihnen eher peinlich. Wir m\u00f6chten unsre Arbeit fachlich guttun und uns dazu mit Themen auseinandersetzen \u2013 und das tun wir als Christen. Nur Kirchens reden laufend dar\u00fcber.&lt;&lt; Viele Kolleg*innen erleben ihren Glauben als Privatsache und trennen stark zwischen Glauben und professioneller Arbeit. &gt;&gt;Die Anforderungen, die im s\u00e4kularen Arbeiten an uns gestellt werden, sind hoch. Glaube und Spiritualit\u00e4t f\u00e4llt da leicht hinten runter oder wird als zus\u00e4tzliche Anforderung erlebt.&lt;&lt; &gt;&gt;Was mag also Diakoniker inter-essieren? Glauben als Burn out Prophylaxe. Glauben als Lebensmotivation. Widerstand gegen die Lebensausbeutung der Diakonie.&lt;&lt; Das sind drei Antworten aus einer privat initiierten Umfrage eines theologischen Vorstands in W\u00fcrttemberg aus dem Jahr 2012<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a>. Mitarbeitende der Diakonie haben ein Bed\u00fcrfnis nach pers\u00f6nlicher Spiritualit\u00e4t &#8211; aber nicht unbedingt nach beruflicher Spiritualit\u00e4t, h\u00e4lt er fest. Auch Klostertage und Seel-sorgeauszeiten sind nachgefragt \u2013 eine Mischung aus Wellness, biblischen Impulsen und Zeit zur pers\u00f6nlichen Stille. Aber weil sie wissen, dass sie in einem Tendenzbetrieb arbeiten, bleiben sie kritisch gegen\u00fcber allem \u201eDu sollst\u201c und \u201eDu musst\u201c:&nbsp; Der Arbeit-geber bleibt Br\u00f6tchengeber, er ist nicht Sinnstifter.<\/p>\n\n\n\n<p>Zugleich wird Spiritualit\u00e4t als gesundheitliche Ressource f\u00fcr die Mitarbeitenden entdeckt. In einer Untersuchung des Sozialwissenschaftlichen Instituts von 2011 zu der Frage nach inneren Kraftquellen in der Pflege wurde deutlich: Spiritualit\u00e4t hilft Pflegepersonen, leich-ter mit kritischen Situationen wie Leiden und Sterben der Patienten umzugehen. Die Interviewten sprechen davon, dass sie sich getragen und gesch\u00e4tzt f\u00fchlen und Kraft bekommen, durchzuhalten, auch wo Erfolg nicht zu sehen ist. Dabei verstehen die Befragten unter religi\u00f6sen Kraftquellen auch Gespr\u00e4che mit Kolleg*innen, Natur-spazierg\u00e4nge, Meditation. <a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a>Auch eine \u00e4ltere Untersuchung der Fachhochschule der Diakonie in Bethel sah in der Spiritualit\u00e4t eine wichtige Ressource in der Gratifika-tionskrise, die viele Mitarbeitende aufgrund des wachsenden Zeit- und Kostendrucks erleben.<a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>2. &nbsp;Diakonie &nbsp;im Religionswandel : Eine Bildungs- und&nbsp; F\u00fchrungsaufgabe<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sechs &nbsp;Jahre &nbsp;meines &nbsp;Berufslebens &nbsp;habe &nbsp;ich &nbsp;in &nbsp;der &nbsp;Kaiserswerther &nbsp;Diakonie verbracht. Die Feierabendschwestern konnten noch sehr lebendig vom gro\u00dfen und kleinen Kursus erz\u00e4hlen, und in meinem B\u00fccherregal stehen noch immer ein altes Diakonissengesangbuch und -Lesebuch neben der Schwesternordnung. Schulen, Hochschule und andere Bildungsst\u00e4tten pr\u00e4gen das Unternehmen bis heute. Allerdings geh\u00f6ren diese Einrichtungen l\u00e4ngst nicht mehr in den Kontext der Schwesternschaft und sind offen f\u00fcr Lernende und Mitarbeitende aller Herkunft. Das &nbsp;Diakonissenbuch des Kaiserswerther Verbandes <a href=\"#_ftn5\">[5]<\/a> stellte &nbsp;Diakonie als eine biblisch begr\u00fcndete, ethisch getragene Haltung evangelischen Christseins im Alltag dar. Es finden sich Gebete f\u00fcr Sterbebett und Nachtwache, aber &gt;&gt;wie wir die Krankenpflege betreiben, daran wird unser Christenstand offenbar. Was macht es doch f\u00fcr einen Unterschied aus, ob jemand im Kranken einen \u201eFall\u201c sieht oder von \u201eKrankenmaterial\u201c redet, oder ob er im Kranken einen Stellvertreter Christi sieht&gt;&gt;, liest man unter Hinweis auf Matth 25<a href=\"#_ftn6\">[6]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht deshalb sind es vor allem die Lebensbilder, die Gesichter der Frauen, die die ehemalige Besitzerin, fasziniert &nbsp;haben. &nbsp;Das Buch ist zur H\u00e4lfte durchgebl\u00e4ttert, da f\u00e4llt mir das Lesezeichen aus rosa Seide in der Hand, das dort in der Mitte des Buches eine besonders wichtige Seite markiert. &gt;&gt;Auf Adlers Fl\u00fcgeln getragen&lt;&lt; steht darauf vielleicht ein Lebensmotto, ganz sicher ein Halt in schwierigen Zeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>&gt;&gt;Herr, gib&nbsp;mir Liebe. Wer einen Funken deiner Liebe hat, hat alles&lt;&lt;, ist an dieser Stelle rot unterstrichen. Ein Satz von Friederike Fliedner gleich unter ihrem Bild in Diakonissentracht. Solche S\u00e4tze, farbig markiert, sind es, die offenbar spirituell getragen haben, w\u00e4hrend das bibelkundliche und geschichtliche Wissen im Buch eher ungenutzt erscheint. Spirituelle Bildung in der Diakonie &#8211; das war Lernen am Vorbild und in der Gemeinschaft &#8211; mit den Mentorinnen, die die Tradition weitergaben. In den H\u00e4usern, auf denen die Bibelspr\u00fcche aus dem Diakonissenbuch zu lesen waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts von Individualisierungs- und Differenzierungsprozessen, angesichts der Subjektivierung der Religion mit ihrer Abh\u00e4ngigkeit vom Lebenslauf steht religi\u00f6se Bildung heute im Spannungsfeld zwischen Identit\u00e4t und Relevanz, das macht die Orientierungshilfe &nbsp;des &nbsp;Rates &nbsp;der &nbsp;EKD &nbsp;vom &nbsp;November &nbsp;2010<a href=\"#_ftn7\">[7]<\/a>deutlich, die eine wesentliche Herausforderung im Religionswandel sieht. Die Pluralisierung gesellschaftlicher und religi\u00f6ser Str\u00f6mungen macht die Suche nach Identit\u00e4t und Profil in Kirche und Diakonie wichtiger \u2013 aber die Frage, wie diese Profilierung im Dialog zwischen den Einzelnen und dem Unternehmen gelingen kann, ist damit keineswegs beantwortet. Denn von au\u00dfen festgelegte Bildungsg\u00e4nge und Standards k\u00f6nnen gerade in den Fel-<\/p>\n\n\n\n<p>dern, die mit Religion zu tun haben, als fremd und kalt erfahren werden. Zwar kann Spiritualit\u00e4t f\u00fcr &nbsp;die Berufstr\u00e4ger in Pflege und sozialer Arbeit zu einem Halt und Movens werden \u2013 zugleich aber lassen sich die unterschiedlich gelebten Formen spiritueller Erfahrung nur schwer in Organisationsstrukturen einbringen. Zum einen, weil Mitarbeitende die organisationelle Verwertung ihrer religi\u00f6sen Erfahrung im Sinne eines diakonischen Mehrwerts f\u00fcrchten. Zum anderen aber, weil offene und gelingende Beteiligungsprozesse der Mitarbeiterschaft sofort die religi\u00f6sen und kulturelle Vielfalt deutlich machen, die heute auch diakonische Unternehmen pr\u00e4gen und die Gestalt des diakonischen Profils herausfordern.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch birgt dieser Umbruch, der oft als Traditionsverlust bezeichnet wird, enorme Chancen. Das Kaiserswerther Oral-History-Projekt, das unter der Leitung von Ute &nbsp;Gause &nbsp;im &nbsp;Jahr &nbsp;2001 &nbsp;begann, &nbsp;zeigt &nbsp;in &nbsp;den &nbsp;pers\u00f6nlichen &nbsp;Biographie-Erz\u00e4hlungen&nbsp; eine&nbsp; &nbsp;starke&nbsp; &nbsp;Orientierung&nbsp; &nbsp;an&nbsp; &nbsp;\u201emusterg\u00fcltigen\u201c&nbsp; &nbsp;Lebensl\u00e4ufen&nbsp; &nbsp;und stilisierten Rollen. Pers\u00f6nliches wie Liebesgeschichten oder Sinnkrisen bleiben tabu, so wie &nbsp;auch die Schwestern meist namenlos bleiben wollten. Die religi\u00f6se Deutung des eigenen Lebens entspricht der, die ihren Niederschlag im Diakonissenbuch fand \u2013 eine eigene, individuelle, Deutung kommt darin so gut wie nicht zum Ausdruck. <a href=\"#_ftn8\">[8]<\/a> Genau darin aber liegt die Aufgabe: Gesicht zeigen, die eigene Tradition, die Fragen und Zweifel, die eigenen Gef\u00fchle in Worte kleiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Christoph M\u00fcller hat in einem Artikel \u00fcber \u201eLaientheologie\u201c gezeigt, wie Theologie angewiesen bleibt auf die Einsichten derjenigen Menschen, die als Christ*innen aus ihrer Glaubens- und Welterfahrung sch\u00f6pfen, ohne akademisch Theologie studiert zu haben: Durch die Wahrnehmung von Ambivalenzen wie Unabh\u00e4ngigkeit und Abh\u00e4ngigkeit, Trauer und Hoffnung, Wissen und Nichtwissen werden eingespielte (auch christliche) Weltbilder, (schein-)eindeutige \u00dcberzeugungen, Machtverh\u00e4ltnisse und Beziehungsmuster in Frage gestellt. Das kann tief verunsichern. Ambivalenzen werden deshalb oft ignoriert, verdeckt oder abgewertet \u2013 wie es eben in musterg\u00fcltigen Lebensl\u00e4ufen geschieht. M\u00fcller betont, dass der offene Umgang mit Ambivalenzen lebensf\u00f6rdernde Suchbewegungen in Gang setzt. Dabei, so schreibt er, spiele die Atmosph\u00e4re, der Zusammenhang von Denken und F\u00fchlen eine wesentliche Rolle. In den Fachtheologien sei die Einsicht noch sehr am Rande, dass es ein Denken ohne Gef\u00fchl gibt, &gt;&gt;\u2026kein Erkennen ohne Gef\u00fchl, keine Handlung ohne Gef\u00fchl, keine Wahrnehmung ohne Gef\u00fchl\u201c. (Agnes Heller). <a href=\"#_ftn9\">[9]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Zusammenhang wird f\u00fcr mich in ethischen Fallbesprechungen besonders deutlich. Hier \u2013 wie in den Ethikberatungskursen f\u00fcr Mitarbeitende in Krankenhaus und Langzeitpflege, aber auch in den Einrichtungen und Diensten f\u00fcr Menschen mit Behinderung, konnten alle Beteiligten zu Wort kommen &#8211; und damit auch zu ihrer eigenen Positionierung im Konfliktfall finden: muslimische Pflegende genauso wie katholische Chef\u00e4rzt*innen und Angeh\u00f6rige ohne Konfession. Gerade im Konfliktfall, der unsere tiefsten \u00dcberzeugungen und Traditionen herausfordert, werden wir uns oft erst \u00fcber Gef\u00fchle unserer Haltung bewusst. Dass dies ohne Machtgestus und ohne einfache Anpassung an Tr\u00e4gernormen Raum haben darf, muss einge\u00fcbt werden und w\u00e4re sicher zur Zeit der Diakonissengemeinschaft nicht m\u00f6glich gewesen, wie die Zwangssterilisierungen und Patientendeportationen zeigen, die Schwestern und Br\u00fcder im Gehorsam gegen\u00fcber Pfarrern und \u00c4rzten durchf\u00fchrten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>3. Team und Netzwerk \u2013 Werte gemeinsam entwickeln<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die aktuellen Anforderungen an soziale Dienstleistungen erfordern eine kommunikativen Arbeitsmoral, die Bereitschaft zur Kooperation, eine Verantwortungs- und Entscheidungswilligkeit, die Offenheit f\u00fcr neue Problemkonstellationen sowie die Bereitschaft, kreative L\u00f6sungen zu erarbeiten\u201c. hei\u00dft es in der EKD-Denkschrift&nbsp; \u201eSoli-darit\u00e4t und Selbstbestimmung in der Arbeitswelt\u201c.<a href=\"#_ftn10\">[10]<\/a> &gt;&gt;Das gilt auch f\u00fcr den wachsenden Bereich der personennahen Dienstleistungen, speziell bei den Erziehungs- und Pfleget\u00e4tigkeiten, wo ein hohes Ma\u00df an Empathie unabdingbare Voraussetzung des&nbsp; Berufsethos ist. Diese T\u00e4tigkeiten sind f\u00fcr die betreffenden Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer identit\u00e4tsstiftend, denn sie haben die M\u00f6glichkeit, ja sogar die Pflicht, ihre eigene Pers\u00f6nlichkeit in die Erwerbsarbeit einzubringen.&lt;&lt;<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u201eeigene Spiritualit\u00e4t\u201c offen einzubringen, war in den traditionellen diakonischen Gemeinschaften kaum m\u00f6glich. Das erw\u00e4hnte Oral-history-Projekt zeigte: In den stark hierarchisch gef\u00fchrten H\u00e4usern waren ein bestimmter Fr\u00f6mmigkeitstypus mit den traditionellen Ritualen und bekannten Geschichten und Bildern selbstverst\u00e4ndlicher Teil der Organisationskultur. Eine pers\u00f6nliche Spiritualit\u00e4t h\u00e4tten die alten Diakonissen nicht beschreiben k\u00f6nnen &#8211; jedenfalls nicht im Zusammenhang mit ihrem Dienst. In unserer individualistischen&nbsp; pluralen Gesellschaft ist das anders. Auch diakonische Unternehmen sind bunt und vielf\u00e4ltig &#8211; bis hin zur Patchworkspiritualit\u00e4t der einzelnen Mitarbeitenden. Ziel der neuen Netzwerkkultur ist ein Miteinander, in dem verschiedene Erfahrungen und Perspektiven zur Sprache kommen k\u00f6nnen &#8211; rund um das ganzheitliche Wohl der Patientinnen und Bewohner. Gemeinschaft entsteht in diesem Austausch, sie&nbsp; ist eine Dimension der gemeinsamen Arbeit, keine Funktion einer hierarchischen Organisation. Genauso wie Rituale sich jeweils neu der Situation anpassen, sich von den Erfahrungen der Beteiligten Impulse geben lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>&gt;&gt;Bei der gemeinsamen Arbeit stehen wir in einer Art \u201et\u00e4tigem Gespr\u00e4ch\u201c miteinander &#8211; und durch dieses Gespr\u00e4ch kann die Arbeit unser Leben zu einem in sich schl\u00fcssigen Ganzen machen&lt;&lt;, sagt der Philosoph und Politikwissenschaftler Matthew Crawford<a href=\"#_ftn11\">[11]<\/a>. Er war mit den widerspr\u00fcchlichen Anforderungen in dem Thinktank, in dem er arbeitete, nicht mehr zurechtgekommen, hatte gek\u00fcndigt und stattdessen eine Motorradwerkstatt er\u00f6ffnet. Auch aus seiner Sicht ist es entscheidend, dass Arbeit alle Beteiligten in einer Wertegemeinschaft verankert. Was ich tue, sagt er, ist Teil eines umfassenden Bedeutungskreises \u2013 es dient einer Aktivit\u00e4t, die wir als Teil des guten Lebens betrach-ten. Dieses Bewusstsein, das gar nicht ausgesprochen werden muss, konstituiert die Gemeinschaft, in der wir arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist \u201eDienstgemeinschaft\u201c ganz am Sinn des gemeinsamen Tuns und dessen Werteger\u00fcst ausgerichtet. So wie es Teams in der Hospizarbeit erleben, wenn ihre gemeinsame Arbeit ganz auf das Wohl des Sterbenden hin orchestriert ist \u2013 jenseits von Hierarchien, Abteilungen, Kirchenzugeh\u00f6rigkeit, Beruflichkeit oder&nbsp; Ehrenamt. Auch und gerade Menschen in sozialen, pflegerischen, medizinischen Berufen, die von ihrer inneren Motivation getragen sind, fragen in den aktuellen Umbr\u00fcchen nach tragf\u00e4higen Beziehungen und ethischer Orientierung. Patienten, Bewohnerinnen, Mitarbeitende und Tr\u00e4ger mit ihren unterschiedlichen kulturellen und religi\u00f6sen Pr\u00e4gungen sehen sich neu herausgefordert, sich offen mit den Unternehmenswerten auseinanderzusetzen und so immer neu ein gemeinsames Fundament f\u00fcr die Zusammenarbeit zu schaffen. Die Untersuchung des IDM Bethel zeigt<a href=\"#_ftn12\">[12]<\/a>, dass auch nichtkirchliche und muslimische Mitarbeitende bereit sich, sich mit der diakonischen Pr\u00e4gung eines Unternehmens auseinanderzusetzen, wenn Bewohnerinnen und Patienten das erwarten und glaub-w\u00fcrdige F\u00fchrungskr\u00e4fte und Ankerpersonen in der Mitarbeiterschaft davon \u00fcberzeugt sind. In einigen diakonischen Unternehmen ist deshalb nicht mehr die formale Kirchen-zugeh\u00f6rigkeit der Bezugspunkt, sondern die Loyalit\u00e4t zu den Unternehmenszielen.<\/p>\n\n\n\n<p>&gt;&gt;F\u00fcr mich geht es vor allem darum, Diakonie glaubw\u00fcrdig zu gestalten, nicht nur nach au\u00dfen, sondern auch nach innen&lt;&lt;, sagt auch Veronika Drews -Galle. &gt;&gt;Viel zu oft habe ich diakonische Unternehmen und Einrichtungen erlebt, die Menschen alle Kraft rauben, anstatt Kraftorte f\u00fcr sie zu sein. Ich habe Mitarbeitende ausbrennen sehen in dem Wunsch, all das zu leisten, was die Strukturen im Hintergrund nicht hergaben oder was die jeweilige F\u00fchrung nicht als Markenversprechen einzul\u00f6sen bereit war.&lt;&lt;<a href=\"#_ftn13\">[13]<\/a> Tats\u00e4chlich haben F\u00fchrungskr\u00e4fte eine Schl\u00fcsselfunktion als Vorbild f\u00fcr die Mitarbeitenden im Umgang mit den als \u201ediakonisch\u201c qualifizierten Merkmalen der Unternehmenskultur. Im ehemaligen Diakonissenmutterhauses Gallneukirchen wird eine neue Form des \u201esorgen-den Unternehmens\u201c entwickelt &#8211; mit Respekt vor religi\u00f6ser Vielfalt und den ganzheitlichen Interessen der Mitarbeitenden und Klienten. Rainer Wettreck, der theologische Vorstand, ist nach vielen Jahren in der Leitung zu dem Schluss gekommen, Mitarbeitende und Klient*innen erwarteten heute eine inspirierende pers\u00f6nliche Schnittmenge zwischen ihren eigenen \u00dcberzeugungen und der Sinnerfahrung im Unternehmen. W\u00e4hrend die Branche von zunehmender Funktionalisierung und Verdichtung gepr\u00e4gt sei, erhofften sie sich von der Diakonie eine glaubw\u00fcrdige Erneuerung ihre \u201eSorge-Alltags\u201c, pers\u00f6nliche und gemeinschaftliche Aufbr\u00fcche zu einer \u201eneuen Lebendigkeit\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Emanuel Jungclaussen geht es um das &gt;&gt;Erwachen zum eigentlichen Selbst&lt;&lt;; dazu braucht es spirituelle Achtsamkeit und um soziale Wahrnehmung. \u201eSammlung\u201c, schreibt er, &gt;&gt;ist nicht nur der Gegensatz zur Zerstreuung, sie ist die Antithese zu allem Aufgeben an der Peripherie und zum Sich-Gehen-Lassen. Sammlung ist das Einheitlich-Werden der ganzen Person, das Erwachen zum eigentlichen Selbst. Nur der Gesammelte ist wirklich wach. Nur der Wache lebt wirklich.&lt;&lt;<a href=\"#_ftn14\">[14]<\/a> In der Umbruchzeit von 1967, als kaum noch junge Frauen Diakonissen werden wollten, schrieb Charlotte Renner, die Kaiserswerther Oberin, der Kern diakonische sei diese \u201eungeteilte Aufmerk-samkeit\u201c \u2013 in \u201eGebetsstille und Meditation\u201c- aber auch im Alltag der Arbeit. Anders als ihre Vorg\u00e4ngerinnen band sie so pers\u00f6nlich und ganz eigenst\u00e4ndig Spiritualit\u00e4t und soziale Praxis zusammen &#8211; in einer Tiefe, die sich auch denen erschloss, die keine christliche Vorpr\u00e4gung mehr mitbrachten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zentrale Erwartung von Mitarbeitenden, so die IDM-Untersuchung, besteht darin,&nbsp; gesehen zu werden. Das zeigt sich in der Pr\u00e4senz der Leitung, in pers\u00f6nlicher Wahr-nehmung, Wertsch\u00e4tzung und R\u00fcckmeldung. Aber nat\u00fcrlich wird F\u00fchrung auch \u00fcber wirtschaftliche Vorgaben, Qualit\u00e4tsstandards und Fortbildungsangebote wahrgenom-men. F\u00fcr die St\u00e4rkung diakonischer Identit\u00e4t braucht es eine klare Haltung im Blick auf die Erwartungen des Unternehmens an Mitarbeitende und eine entsprechende Kom-munikation, z.B. im Einstellungsgespr\u00e4ch. Eine der gro\u00dfen Herausforderungen ist dabei die offene Kommunikation mit Mitarbeitenden aus anderen religi\u00f6sen und kulturellen Zusammenh\u00e4ngen \u2013 auch, was Fortbildungsangebote angeht. Wenn es gelingt, gemein-same Werte zu formulieren, erschlie\u00dfen wir uns Zukunft. Das zeigen die Leitbild- und Qualit\u00e4tsprozesse in Unternehmen, die Ethikkonsultationen in Verb\u00e4nden: Wer eine gemeinsame Basis findet, der kann unterschiedliche Milieus, Herkunft und Kulturen \u00fcberbr\u00fccken. In einer Fortbildung zu Thema Diakonisches Profil waren die Teil-nehmenden gebeten worden, ein Symbolfoto zu schicken. Jemand schickte ein K\u00fcchen-tischbild &#8211; als Erinnerung an die Teamsitzungen, die ihm so viel bedeuteten. Weil es da nicht nur um das Abhaken von Listen und Terminen ging und nicht nur um Aufgaben und Kontrolle, sondern immer auch um einzelne Erfahrungen, um Gef\u00fchle und Inspiration. Sinn entsteht in Begegnungen und in Auseinandersetzungsprozessen mit anderen Menschen, mit deren Traditionen und Erfahrungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei spielen auch heute Vorbilder eine gro\u00dfe Rolle: Menschen deren Glaubw\u00fcrdigkeit uns \u00fcberzeugt. Diakonische Unternehmenskultur in ihrer spirituellen Dimension braucht \u201eAnkerpersonen\u201c. Menschen, die Gesicht zeigen, die die spirituelle Dimension im Umgang mit Grenzen (Sterbebegleitung), in der Alltagsritualisierung (Tischgebete, Sonntagskultur) und in der Wahrnehmung von Menschen und ihren Problemen (Fallbesprechungen) einbringen und Ideen entwickeln, die dann von anderen Mitarbei-tenden aufgenommen und mitgetragen werden<strong>. <\/strong>Mitglieder diakonischer Gemeinschaf-ten, die solche Ankermenschen sein k\u00f6nnen, k\u00e4mpfen heute oft mit dem Gef\u00fchl der \u00dcberforderung in einer Alibi-Position. Wo es keine diakonischen Gemeinschaften (mehr) gibt, werden inzwischen gute Erfahrungen mit Modellen spiritueller Begleitung gemacht, die neben Diakon*innen und Gemeindep\u00e4dagog*innen auch Mitarbeitende ganz anderer Berufsgruppen einbezieht und beauftragt. Entsprechende Fortbildungskonzepte werden entwickelt. Wie kann es gelingen, Menschen anderen Glaubens in den Dialog einzubeziehen? Welche Rolle werden sie in Zukunft spielen?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Theologe Ernst Lange war der Auffassung, wer ein Leitungsamt inne habe, m\u00fcsse daf\u00fcr sorgen, dass in Konflikten auch die Stimme der Minderheiten zu Wort komme \u2013 denn der Geist Gottes &gt;&gt;wirke in den Fugen&lt;&lt; von Ver\u00e4nderungsprozessen und Umbr\u00fcchen. Nur wer als F\u00fchrungskraft Widerspr\u00fcche wahrnimmt und den Beteiligten Foren bietet, sie auch \u00f6ffentlich zu thematisieren, so Ernst Lange, bew\u00e4hrt sich als Repr\u00e4sentant oder Repr\u00e4sentantin der Gesamtorganisation<a href=\"#_ftn15\">[15]<\/a>. Nur, wo die unterschiedlichen religi\u00f6sen Erfahrungen und ethische \u00dcberzeugungen zur Sprache kommen k\u00f6nnen, kann sich ein Klima entwickeln, in dem die Suche nach theologischer Orientierung und pers\u00f6nlicher Spiritualit\u00e4t kein Tabu bleiben muss. Ein diakonisches Unternehmen in einer s\u00e4kularen Gesellschaft ist darauf angewiesen, dass Mitarbeitende ihr Menschenbild und ihr Gottesbild reflektieren und dar\u00fcber ins Gespr\u00e4ch kommen, um die Unternehmensleitbilder und -ziele, aber auch ihre eigene Professionalit\u00e4t auf diesem Hintergrund immer neu auszuleuchten. Erfahrungsvielfalt kann dabei produktiv werden \u2013 auch und gerade, was den Dialog mit den unterschiedlichen Kulturen der Hilfesuchenden angeht. Offenheit kann auch Mitarbeitenden, denen Religion bisher wenig bedeutete, T\u00fcren zu Kirche und Glauben \u00f6ffnen, wenn denn der Glaube im Arbeitsalltag konkret und gelebt wird. Kirchenmitgliedschaft als Teilhabe an einer Glaubens- oder Solidargemeinschaft ist f\u00fcr Mitarbeitende nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich. Sie wird nicht als notwendig f\u00fcr die Gestaltung vorhandener religi\u00f6ser Bed\u00fcrfnisse beurteilt. &gt;&gt;Entscheidend ist auf Station&lt;&lt;, sagte mir einmal eine Pflegekraft im Bewerbungsgespr\u00e4ch.<\/p>\n\n\n\n<p>4. <strong>Offenheit und Rituale: Behaving \u2013 Belonging- Believing<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>&gt;&gt;Wenn man die Einsicht ernst nimmt, dass Glaube immer nur prozessual geschieht und dass Areligiosit\u00e4t auch unter Kirchenmitgliedern vorhanden ist, dann wird es absurd, ausschlie\u00dflich bin\u00e4r zwischen Mitgliedschaft und Nichtmitgliedschaft zu unter-scheiden\u2026&lt;&lt;, sagt Hans-Martin Barth.<a href=\"#_ftn16\">[16]<\/a> Diakonische Erfahrungen bieten eine gro\u00dfe Chance, auch \u00fcber Glaubensfragen ins Gespr\u00e4ch zu kommen; das zeigt die j\u00fcngste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung. Immerhin zweiundzwanzig Prozent der ehrenamt-lich Engagierten geben da an, dass sie mit anderen \u00fcber religi\u00f6se Fragen sprechen. Bei den Nichtengagierten sind es weniger als 10 Prozent. Wesentlich ist, dass diese Gespr\u00e4-che unmittelbar bei den Erfahrungen ansetzen \u2013 und nicht bei den Begriffen. Religi\u00f6se Sozialisation, auch das zeigt KMU V, die 5. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD, geschieht nicht \u00f6ffentlich und institutionell, sondern pers\u00f6nlich und in kleinen Netzen.<a href=\"#_ftn17\">[17]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Solche Erfahrungen machen eine tiefe und krisenfeste Zusammenarbeit \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich. In der sozialen Arbeit erleben Menschen Ohnmacht und Angewiesenheit, Wandlung und Ver\u00e4nderung, Staunen und Begeisterung. Wir entdecken die eigene Berufung, erm\u00e4chtigen uns gegenseitig, erleben die Tragkraft einer Gemeinschaft. Spiritualit\u00e4t als \u201eGotteskommunikation\u201c ist unmittelbar verbunden mit diesen grundlegenden Lebenserfahrungen, mit der Kommunikation zwischen den handelnden Personen wie mit der Selbstwahrnehmung an wichtigen Stationen unserer Biografie.&nbsp; &gt;&gt;Ich glaube, dass die personale und die Pers\u00f6nlichkeitsebene eine Vorbedingung ist. Wenn keine pers\u00f6nlichen Anliegen im Wege stehen, dann entsteht eine M\u00f6glichkeit gemeinsamen Handelns. Wenn wir einmal zusammen \u00fcber einen gewissen Punkt hin\u00fcbergekommen sind, dann entsteht eine gemeinsame Zuh\u00f6rf\u00e4higkeit, die einen zum Teil eines gr\u00f6\u00dferen Ganzen werden l\u00e4sst, die einen bescheiden macht.&lt;&lt;<a href=\"#_ftn18\">[18]<\/a>, schreibt C. Otto Scharmer.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht l\u00e4sst sich dabei von der Hospizbewegung lernen. Hier setzen sich Engagierte mit ihrem pers\u00f6nlichen Lebensweg, der Bedeutung von Tod und Leben, mit ihren Kraftquellen auseinander &#8211; in Kirche und Diakonie, aber auch interreligi\u00f6s. Diese spirituelle Unterst\u00fctzung und Bewusstwerden geh\u00f6rt zu den Anziehungsmerkmalen der Bewegung in einem Bereich &#8211; der Sterbe- und Trauerbegleitung -, in dem Kirche bis in die 50-er Jahre fast ein \u201eMonopol\u201c hatte. Anders als in der Tradition werden nun aber die handelnden Personen ermutigt, eigene Antworten zu finden. \u00dcbungen, Rituale und Symbole spielen dabei eine wesentliche Rolle: Nachdenken \u00fcber die eigene Todesanzeige\/ das Lebensmotto; Vers\u00f6hnungsbriefe, die Aussegnung mit Zugeh\u00f6rigen. Dazu gibt es inzwischen auch einen \u201eLetzte-Hilfe- Koffer\u201c mit Kerze, Segensworten, Duft\u00f6l, Aus der Bewegung sind neue Trauerrituale im Hospiz, Krankenhaus oder Pflegeheim gewachsen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in Bahnhofsmissionen, Vesperkirchen, in Kleiderkammern und an Tafeln kann das Zuwendungshandeln selbst zu einem Ritual mit einer religi\u00f6sen Tiefendimension werden: Jemandem Raum in einer Kirche geben; ihm ein Butterbrot streichen; ihm helfen, sich sch\u00f6n zu kleiden. Wo die \u201eWerke der Barmherzigkeit\u201c ge\u00fcbt werden, geht um eine Gottesbegegnung. Was ist zu tun, damit die Handelnden sich dieser Tiefendimension bewusst sind? Vesperkirchenteams treffen sich vorab \u2013 nicht nur, um zu organisieren, sondern um sich innerlich vorzubereiten. Bei einem Augenblick der Stille in der Sakristei oder einem gemeinsamen Taiz\u00e9-Lied wird das alte Ora et Labora wieder ins Leben gerufen. Neulich h\u00f6rte ich von einem Team in einer Pflegeeinrichtung, das sich nach dem Tod eines Bewohners und noch vor der Aussegnung vor der T\u00fcr trifft, um gemeinsam zu danken f\u00fcr diese intensive Zeit. Auch in der Arbeit der Bahnhofsmissionen\/Obdachlosenhilfe geht es neben allen Fragen der Gerechtigkeit darum, Menschen mit anderen, mit Gott und sich selbst zu vers\u00f6hnen. Auch dabei spielt auch der Umgang mit Verstorbenen eine entscheidende Rolle: Erinnerungsst\u00e4tten, Fotos und Gr\u00e4ber f\u00fcr Menschen, die keine Angeh\u00f6rigen und keinen Wohnsitz mehr hatten, werden zu einem tiefgreifenden Symbol, das alle ber\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder spielen Rituale eine besondere Rolle. Sie sind verdichtete Zeit, gesammelte Beziehung, aufmerksames Hinsehen. Sie k\u00f6nnen Komplexit\u00e4t reduzieren,&nbsp; Abschiedsprozesse&nbsp; und&nbsp; \u00dcberg\u00e4nge&nbsp; gestalten,&nbsp; Dankbarkeit&nbsp; zum Ausdruck bringen, Wachstum erm\u00f6glichen. Sie k\u00f6nnen mitten in Br\u00fcchen das Gemeinsame sichtbar machen, die Situation in einen neuen Rahmen stellen und&nbsp; sie &nbsp;geben neue Energie, wo sie kurze Unterbrechungen erm\u00f6glichen und die Menschen mit ihren Gef\u00fchlen in den Mittelpunkt stellen. Gerade im interreligi\u00f6sen Kontext k\u00f6nnen sie gemeinsame Erfahrungen auf neue Weise rahmen &#8211; man denke nur an die unterschiedlichen und doch \u00e4hnlichen Gesten von Juden, Christen, Muslimen im Umgang mit Sterben und Trauer in unseren Krankenh\u00e4usern. Von den \u201eanderen\u201c lernen, hei\u00dft hier, die eigenen Traditionen mit neuen Augen sehen und neu gestalten.<\/p>\n\n\n\n<p>In der nachchristlichen Gesellschaft f\u00fchrt die Richtung nicht mehr vom \u201e Believing\u201c zum \u201eBelonging\u201c, vom Glauben zur Gemeinschaft, sondern umgekehrt: vom \u201eBehaving\u201c zum \u201eBelonging\u201c zum Believing\u201c, sind Reformer*innen wie Grace Davis in der anglikanischen Kirche \u00fcberzeugt.<a href=\"#_ftn19\">[19]<\/a> Anders als im 19. Jahrhundert sind es bei den meisten nicht mehr die biblischen Texte, die die Wirklichkeit entschl\u00fcsseln \u2013 es ist, als schreie die Wirklichkeit selbst nach Deutung, als b\u00f6ten Worte, Gesten, Symbole Halt.&nbsp; Wir erleben gemeinsam Rituale, gestalten neue Projekte und erleben dadurch Zugeh\u00f6rigkeit und Gemeinschaft. Deshalb brauchen diakonische Tr\u00e4ger Bildungsangebote, R\u00e4ume f\u00fcr Begegnungen und Gemeinschaftserfahrungen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Cornelia Coenen-Marx<\/strong><br><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Beate Hofmann( Hg) mit Carolin Brune und Tim Hagemann: Merkmale diakonischer Unternehmenskultur in einer pluralen Gesellschaft, Stuttgart 2020<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Vorgetragen in der Steuerungsgruppe zum christlichen Gesundheitskongress 2011<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Heike Lubatsch, F\u00fchrung macht den Unterschied, Arbeitsbedingungen diakonischer Pflege im Krankenhaus, M\u00fcnster 2012<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Hagemann, T.&nbsp; Das Verh\u00e4ltnis von Spiritualit\u00e4t, Arbeit und Gesundheit in diakonischen Einrichtungen. In: J. Stockmeier, A. Giebel H. Lubatsch (Hrsg.). Geistesgegenw\u00e4rtig pflegen. Band I., Berlin 2012<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> Diakononissenbuch, Verband Kaiserswerther Diakonissenmutterh\u00e4user, Kaiserswerth 1935<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a> A.a.O. S. 35<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref7\">[7]<\/a> Kirche und Bildung \u2013 Herausforderungen, Grunds\u00e4tze und Perspektiven evangelischer Bildungsverantwortung und kirchlichen Bildungshandeln, Eine Orientierungshilfe des Rates der EKD, G\u00fctersloh 2010<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref8\">[8]<\/a> Gause, Ute, u. Lissner, Cordula ( Hg): Kosmos Diakonissenmutterhaus. Geschichte und Ged\u00e4chtnis einer protestantischen Frauengemeinschaft, Leipzig 2005<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref9\">[9]<\/a> Christoph M\u00fcller Laiinnen und Laien Empirische Religionsforschung als Beitrag zur Wahrnehmung religi\u00f6ser Kompetenz in: Birgit Weyel, Wilhelm&nbsp; Gr\u00e4b, Hans-G\u00fcnther Heimbrock (Hg)&nbsp; Praktische Theologie und Religionsforschung, Leipzig 2013<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref10\">[10]<\/a> Evangelische Kirche in Deutschland, \u201eSolidarit\u00e4t und Selbstbestimmung im Wandel der Arbeitswelt\u201c, G\u00fctersloh 2015<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref11\">[11]<\/a> Matthew Crawford, <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Case-Working-Your-Hands-Office\/dp\/0141047291\/ref=sr_1_5?dchild=1&amp;hvadid=80745416954723&amp;hvbmt=be&amp;hvdev=c&amp;hvqmt=e&amp;keywords=matthew+b+crawford&amp;qid=1606580007&amp;sr=8-5&amp;tag=hyddemsn-21\">The Case for Working with Your Hands: Or Why Office Work is Bad for Us and Fixing Things Feels Good<\/a>, New York 2010<a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Case-Working-Your-Hands-Office\/dp\/0141047291\/ref=sr_1_5?dchild=1&amp;hvadid=80745416954723&amp;hvbmt=be&amp;hvdev=c&amp;hvqmt=e&amp;keywords=matthew+b+crawford&amp;qid=1606580007&amp;sr=8-5&amp;tag=hyddemsn-21\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref12\">[12]<\/a> Beate Hofmann ( Hg) a.a.O.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref13\">[13]<\/a> Interview auf Seele-und-Sorge.de<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref14\">[14]<\/a> Emmanuel Jungclaussen, Unterweisung im Herzensgebet 2008<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref15\">[15]<\/a> Ernst Lange, Eingabe an einen westdeutschen Kirchenf\u00fchrer, zitiert nach: Wissenschaft und Praxis in Kirche und Gesellschaft, 63. Jahrgang, 1974, S. 351.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref16\">[16]<\/a> Hans <a href=\"https:\/\/www.randomhouse.de\/Autor\/Hans-Martin-Barth\/p531.rhd\">Martin Barth<\/a>, Konfessionslos gl\u00fccklich , Auf dem Weg zu einem religionstranszendenten Christsein, G\u00fctersloh 2013<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong><a href=\"#_ftnref17\">[17]<\/a><\/strong><\/em> Bedford-Strohm, Heinrich, Volker Jung (Hg.) Vernetzte Vielfalt. Kirche angesichts von Individualisierung und S\u00e4kularisierung, G\u00fctersloh, 2015<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref18\">[18]<\/a> C.O.Scharmer, Theorie U, Von der Zukunft her f\u00fchren, Presencing als soziale Technik, Stuttgart 2020<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref19\">[19]<\/a> vgl. Arizone State University, Believing, Bonding, Behaving, and Belonging: The Cognitive, Emotional, Moral, and Social Dimensions of Religiousness across Cultures<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Profil und Pluralit\u00e4t: Eine Ver\u00e4nderungsgeschichte Vor 30 Jahren, als ich im Diakonischen Werkes im Rheinland arbeitete, gab es noch griechische&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=5637\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":567,"menu_order":95,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-5637","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/5637"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5637"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/5637\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6718,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/5637\/revisions\/6718"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/567"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5637"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}