{"id":557,"date":"2015-02-20T16:07:01","date_gmt":"2015-02-20T16:07:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=557"},"modified":"2015-07-29T10:24:27","modified_gmt":"2015-07-29T10:24:27","slug":"gesellschaft-im-uebergang","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=557","title":{"rendered":"Gesellschaft im \u00dcbergang:"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Diakonische Energie zur Erneuerung unserer Sozialkultur<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>1. Welt im Wandel<\/strong><\/p>\n<p>\u201eWelt im Wandel \u2013 Gesellschaftsvertrag f\u00fcr eine Gro\u00dfe Transformation\u201c hei\u00dft das Gutachten des<strong>\u201a <\/strong>Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung zum Thema Globale Umweltver\u00e4nderungen\u2018 (WBGU) von 2011. Es hat eine neue Leitbegrifflichkeit gepr\u00e4gt: die <em>Gro\u00dfe<\/em> <em>Transformation<\/em> zu einer stark nachhaltigen Gesellschaft. \u201eDie Transformation zur Klimavertr\u00e4glichkeit ist moralisch ebenso geboten wie die Abschaffung der Sklaverei und die \u00c4chtung der Kinderarbeit\u201c, hei\u00dft es in dem Text. Es geht um einen neuen Gesellschaftsvertrag, um einen \u201enachhaltigen Ordnungsrahmens, der daf\u00fcr sorgt, dass Wohlstand, Demokratie und Sicherheit mit Blick auf die nat\u00fcrlichen Grenzen des Erdsystems gestaltet werden.\u201c Wohlfahrt und Lebensqualit\u00e4t werden wir nur erhalten k\u00f6nnen, wenn wir eine neue Kultur der Achtsamkeit (aus \u00f6kologischer Verantwortung) mit einer Kultur der Teilhabe (als demokratische Verantwortung) sowie mit einer Kultur der Verpflichtung gegen\u00fcber zuk\u00fcnftigen Generationen (Zukunftsverantwortung) kombinieren.<\/p>\n<p>In welcher Gesellschaft wollen wir leben, fragt Aktion Mensch. Und viele geben ihre Antwort: in Mehrgenerationenh\u00e4usern und Behindertenhotels, in Arche-Gemeinschaften, Eine-Welt-Leben und Fahrradwerkst\u00e4tten, in Hospiz- und Quartiersarbeit. Andere aber vertrauen den gro\u00dfen Gesellschaftsentw\u00fcrfen nicht mehr. Gerade jetzt in den Krisenjahren geht es ihnen nur noch um eins: zu halten, was sie haben. Nicht abzusteigen. Nicht zu den Verlieren zu geh\u00f6ren. Stabilit\u00e4t und Sicherheit scheinen wichtiger geworden als neue Perspektiven f\u00fcr eine bedrohte Welt. Manche sprechen schon vom neuen Biedermeier, in dem nur noch das kleine Gl\u00fcck z\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Vor lauter Individualisierung und \u00d6konomisierung, vor lauter Effizienzdenken und Effizienzsteigerung habe man den roten Faden verloren, sowohl individuell als gesellschaftlich, sagt Stefan Gr\u00fcnewald vom Institut Rheingold. Bindungskr\u00e4fte gingen verloren, es fehle die Resonanz, die erst Sinn gebe &#8211; der Zusammenklang der vielen in einem gemeinsamen Projekt &#8211; und das wirke be\u00e4ngstigend. Die Menschen blickten in ein schwarzes Loch und fragten sich, was als n\u00e4chstes kommen werde. Es herrsche der Wunsch nach Beistand, nicht die Suche nach neuen Wegen. Nils Minkmar von der FAZ, der \u00fcber Peer Steinbr\u00fccks Wahlkampf geschrieben hat, hatte ihn f\u00fcr dieses Buch gefragt, warum es so schwer ist, warum Politik so verzagt ist. Und dabei wird deutlich: in den W\u00fcsten einer \u00f6konomisierten Gesellschaft, angesichts der schmerzhaften Spaltungen in unserem Land, fehlt die Orientierung. Der Zusammenhalt ist bedroht.<\/p>\n<p>Keine Frage: die soziale Struktur unserer Gesellschaft ist im Umbruch. Dabei geht es um mehr als um die fiskalische Krise der sozialen Sicherungssysteme angesichts einer globalisierten Wirtschaft. Zwar wirken sich prek\u00e4re Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse, unterbrochene Erwerbsbiografien und Teilzeitbesch\u00e4ftigungen auf die Stabilit\u00e4t der Sozialsysteme aus \u2013 aber der demographische Wandel und die Ver\u00e4nderung von Familien und Geschlechterrollen reichen tiefer: sie ver\u00e4ndern das Design unseres Zusammenlebens grundlegend. Die alte Rollenaufteilung, nach der die erwerbst\u00e4tigen M\u00e4nner das Geld f\u00fcr diesen Sozialstaat erarbeiten, w\u00e4hrend ihre Frauen sich in Familie, Nachbarschaft und Gemeinde unentgeltlich f\u00fcrs Soziale engagieren, tr\u00e4gt nicht mehr. Und die traditionelle Ordnung des Sozialstaats in Deutschland, nach der vor allem die Verb\u00e4nden und Einrichtungen der Freien Wohlfahrtspflege, ausk\u00f6mmlich finanziert, daf\u00fcr zust\u00e4ndig waren, soziales Handeln professionell zu gestalten, ist auch l\u00e4ngst Geschichte.<\/p>\n<p>Junge Frauen haben genauso wie ihre Partner den Anspruch, eine eigene Karriere zu machen, junge M\u00e4nner wollen Zeit f\u00fcr ihre Familie haben. Wo die Vereinbarkeit nicht gegeben ist, werden weniger Kinder geboren, w\u00e4hrend uns zugleich l\u00e4nger leben und ges\u00fcnder alt werden. Angesichts des demographischen Wandels w\u00e4chst der Bedarf an sozialen, p\u00e4dagogischen, gesundheitlichen Dienstleistungen- von den Krippenpl\u00e4tzen bis zur Pflege, von den Ganztagsschulen bis zu den Hauswirtschaftsdiensten. Zugleich aber sto\u00dfen Professionalisierung und \u00d6konomisierung personell wie finanziell an ihre Grenzen. Die ehemaligen Frauenberufe in Erziehung und Pflege sind so schlecht bezahlt, dass der Fachkr\u00e4ftemangel l\u00e4ngst sp\u00fcrbar ist. Und auch wenn der neu entstandene Sozial- und Gesundheitsmarkt die Chance bietet, den zahlungskr\u00e4ftigen Kunden passgenaue Angebote zu machen: diejenigen, die in prek\u00e4ren Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen sind, an der Armutsgrenze leben oder denen es einfach an Bildung und Netzwerken fehlt, fallen zunehmend durch die Netze. Und das gilt eben auch f\u00fcr diejenigen, die in Teilzeit in Hauswirtschafts- und Pflegeberufen arbeiten.<\/p>\n<p>\u201eWir reden von Millionen von Ausgeschlossenen, die einen Keil durch unsere Gesellschaft treiben<strong>\u201c, <\/strong>schreibt Heinz Bude. \u201eKinder, die in Verh\u00e4ltnissen aufwachsen, wo es f\u00fcr keinen Zoobesuch, Musikunterricht oder f\u00fcr Fu\u00dfballschuhe reicht, junge Leute, die sich mit Gelegenheitsjobs zufrieden geben m\u00fcssen, M\u00e4nner und Frauen, die freigesetzt worden sind, Minijobber und Hartz-IV-Empf\u00e4nger, denen es kaum zum Leben reicht. Gemeinsam ist ihnen, dass sie die \u00dcberzeugung gewonnen haben, dass es auf sie nicht mehr ankommt.\u201c<\/p>\n<p>Und wir wissen: hinter den wachsenden Ungleichheiten zwischen Arm und Reich, die nicht nur in unserem Land zu beobachten sind, stehen Umbruchprozesse, von denen auch wir nur die gro\u00dfen Linien sehen: die Ver\u00e4nderungen auf den globalen Finanzm\u00e4rkten wie auf den Arbeitsm\u00e4rkten, die mit dem Wettbewerb um m\u00f6glichst niedrige Produkt- und Arbeitskosten einhergehen und vor allem die ortsgebundenen Arbeitspl\u00e4tze und die Dienstleistungen unter Druck setzen. Die Staatsschuldenkrise in vielen L\u00e4ndern Europas wird die schleichende Sozialstaatskrise versch\u00e4rfen und es schwer machen, wenigstens die dr\u00e4ngendsten Fragen zu l\u00f6sen, vor denen wir stehen: Mindestlohn und Mindestsicherung im Alter, Familienzentren, Ganztagsschulen und die Zukunft der Pflege. Die alten Rezepte, durch mehr Wirtschaftswachstum zu mehr Verteilung zu kommen, greifen kaum noch- auch wenn wir gerade einen neuen europ\u00e4ischen Wachstumspakt schlie\u00dfen im Blick auf die Arbeitslosigkeit und die Lage der jungen Generation im S\u00fcden. Nein, die eben erw\u00e4hnte WBGU-Kommission hat Recht und wir wissen es: Wir stehen auf der Schwelle zu einem grundlegenden Paradigmenwechsel der Wohlfahrtsgesellschaft in Richtung auf einen neuen Begriff von Generationengerechtigkeit, Beteiligungsgerechtigkeit und Nachhaltigkeit.<\/p>\n<p>Denn die \u00f6kologische Krise, die sich in einem sich beschleunigenden Klimawandel und in wachsenden Konflikten um Rohstoffe zuspitzt, und die Ern\u00e4hrungskrise, die durch die weltweite Spekulation mit Land und Nahrung noch verst\u00e4rkt wird, bedrohen unsere Lebensgrundlagen. Zur Zeit aber verschieben wir solche grundlegenden Fragen in die Zukunft und sourcen die Probleme aus &#8211; wer will schon wissen, dass der Smog der chinesischen Kohlekraftwerke unseren billigen Produkten dient, wer will dar\u00fcber nachdenken, dass die niedrigen Arbeitsstandards in Indien mit unserem Konsumverhalten zu tun oder dass die Frauen aus Rum\u00e4nien, die unsere Alten pflegen, ihre eigenen Kinder und Eltern zu Hause allein lassen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. F\u00e4higkeiten st\u00e4rken, Teilhabe erm\u00f6glichen<\/strong><\/p>\n<p>Vor nunmehr 16 Jahren erschien das \u00f6kumenische \u201e Wirtschafts- und Sozialwort\u201c der Kirchen. Darin hei\u00dft es: \u201eIn der vorrangigen Option f\u00fcr die Armen als Leitmotiv gesellschaftlichen Handelns konkretisiert sich die Einheit von Gottes- und N\u00e4chstenliebe. In der Perspektive einer christlichen Ethik muss darum alles Handeln und Entscheiden in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft an der Frage gemessen werden, inwiefern es die Armen betrifft, ihnen nutzt und sie zum eigenverantwortlichen Handeln bef\u00e4higt. Dabei zielt die biblische Option f\u00fcr die Armen darauf, Ausgrenzungen zu \u00fcberwinden und alle am gesellschaftlichen Prozess zu beteiligten. (.) Sie verpflichtet die Wohlhabenden zum Teilen und zu wirkungsvollen Allianzen der Solidarit\u00e4t\u201c. Im kommenden Januar sollen diese Gedanken mit einer \u00f6kumenischen Sozialinitiative wieder aufgenommen und weitergef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p>Mit der Denkschrift \u201e Gerechte Teilhabe \u2013 Bef\u00e4higung zu Eigenverantwortung und Solidarit\u00e4t\u201c von 2006 hat die EKD ihr Gerechtigkeitsverst\u00e4ndnis auf der Basis der Beteiligungsgerechtigkeit entfaltet. Beteiligungsgerechtigkeit bezieht aufeinander, was h\u00e4ufig gegeneinander ausgespielt wird\u2013 n\u00e4mlich Verteilungsgerechtigkeit, hier mit dem Stichwort \u201eSolidarit\u00e4t\u201c beschrieben, und Bef\u00e4higungsgerechtigkeit. die die Eigenverantwortung st\u00e4rken will. Teilhabegerechtigkeit zielt auf eine m\u00f6glichst umfassende Inklusion aller Mitglieder der Gesellschaft und die Er\u00f6ffnung von Zug\u00e4ngen zu Bildung, Gesundheit, Arbeitsmarkt.<\/p>\n<p>Denn unser Selbstbewusstsein verbindet sich mit der Erfahrung, an gemeinschaftlichen Prozessen teilhaben zu k\u00f6nnen, etwas beitragen zu k\u00f6nnen zum Ganzen. Die Philosophin Martha Nussbaum r\u00fcckt deshalb ihrem Konzept der Gerechtigkeit die F\u00e4higkeiten jedes einzelnen in den Mittelpunkt. Dazu geh\u00f6rt die F\u00e4higkeit, das eigene Denken, eine eigene Lebensperspektive zu entwickeln. Deshalb brauchen alle Menschen Angebote zur Bildung und Ausbildung. Genauso wichtig ist die F\u00e4higkeit, sich selbst zu versorgen, auf die eigene Gesundheit zu achten, f\u00fcr die eigene Wohnung zu sorgen- auf der Stra\u00dfe, in einem Heim ist das schwer. Es geh\u00f6rt zum Menschsein, Bindungen aufzubauen, zu Menschen und zu Dingen- zu lieben, zu trauern, Dankbarkeit und Zorn zu empfinden, sich zugeh\u00f6rig zu f\u00fchlen. Das alles brauchen wir, um Selbstachtung zu empfinden. Die UN-Konvention f\u00fcr die Rechte von Menschen mit Behinderung folgt diesem Paradigma &#8211; und seit sie auch in der Deutschland ratifiziert ist, geht es unter dem Thema Inklusion darum, diesem Denken Raum zu verschaffen- in Bildungseinrichtungen wie im Quartier.<\/p>\n<p>Hilfesysteme m\u00fcssen die F\u00e4higkeiten unterst\u00fctzen, die jeder einzelne mitbringt. Sie d\u00fcrfen sie nicht schw\u00e4chen. Sie d\u00fcrfen nicht entm\u00fcndigen. Von diesem Impuls lebte Ende der 60-er Jahre die Aufl\u00f6sung der gro\u00dfen Heime der Jugendhilfe zu kleinen Familiengruppen, das trieb die Gemeindepsychiatriebewegung in den 70ern und die Hospizbewegung in den 80ern voran, und es f\u00fchrt seit 10 Jahren zur Ambulantisierung der Behindertenhilfe und zur Quartiersarbeit in der Altenhilfe. Gleich, ob es um behinderte Menschen oder um Sterbende geht: immer geht es darum, die Selbstbestimmung zu st\u00e4rken. Es geht darum, Menschen aus den Einrichtungen zur\u00fcck zu holen in die Stadtteile und Gemeinden. Dahin, wo sie sich unter allen Generationen bewegen k\u00f6nnen. Empowerment statt Entm\u00fcndigung. Inklusion statt Exklusion. Quartiersarbeit statt Sondereinrichtungen. .Normalisierung also \u2013 mit dem Anspruch an die, die sich f\u00fcr normal halten, auch ihre eigene Angewiesenheit und die eigenen Grenzen wahrzunehmen. \u201eZusammenarbeit von Behinderten und Behindernden\u201c, schrieb gestern jemand auf Facebook als ich postete, dass die Zahl der Schwerbehinderten ohne Arbeitsplatz um 20 Prozent gestiegen ist.<\/p>\n<p>Im gesellschaftlichen Ringen um Inklusion zeigt sich der Wunsch nach einer neuen Partnerschaft, einer Gemeinschaft auf Augenh\u00f6he, nach einer Gerechtigkeit, die keinen ausgrenzt. Und es scheint, als sei dieses Miteinander in unserem Land bedroht. Man sp\u00fcrt es, wenn jetzt wieder von Wohltaten die Rede ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Partnerschaft statt Wohltaten<\/strong><\/p>\n<p>Die verschiedenen Teile unseres Sozialgesetzbuch haben alle gesellschaftlichen Gruppen im Blick, die tendenziell hilfebed\u00fcrftig sind: Kranke und Pflegebed\u00fcrftige, Menschen mit Behinderung, Obdachlose und auch Kinder und Jugendliche. Kaum ein \u201eDefizit\u201c, auf das im Laufe der sozialpolitischen Entwicklung nicht das Augenmerk fiel: Rechtsanspr\u00fcche wurden formuliert, Hilfesysteme geschaffen, Ausbildungen und Fortbildungen entwickelt. Immer weiter differenzierten sich die Anspr\u00fcche aus; immer neue Sozialgesetze wurden verabschiedet. Neben der Krankenpflege entstand in den 60-er Jahren die Altenpflege, neben Hospizen in den letzten Jahrzehnten Palliativstationen und Palliativpflegeeinrichtungen. Dieses hoch professionalisierte Sozialsystem hat wie die soziale Marktwirtschaft und das Miteinander von Arbeitgebern und Gewerkschaften zur Stabilit\u00e4t unseres Landes beigetragen. Im Sozialstaat bundesrepublikanischer Pr\u00e4gung hat jeder, der hilfebed\u00fcrftig ist, einen Rechtsanspruch auf Hilfe. Aber auch, wer einen Rechtsanspruch wahrnimmt, bleibt \u201eHilfeempf\u00e4nger\u201c. Daran \u00e4ndert die Tatsache nichts, dass inzwischen von \u201eKunden\u201c sozialer Dienste gesprochen wird. Da das Geld n\u00e4mlich in der Regel von den Sozialversicherungen kommt, richtet sich das Augenmerk der Leistungserbringer nicht selten zun\u00e4chst auf deren Anspr\u00fcche und die gesetzten Standards. Und keine Frage: f\u00fcr die Sozialversicherungen ist die Leistungskraft der Versicherten genauso zentral oder zentraler als die Bed\u00fcrftigkeit der Leistungsempf\u00e4nger.<\/p>\n<p>So geht mit unserem gut entwickelten Hilfesystem zugleich eine gesellschaftliche Spaltung einher: es ist die Spaltung zwischen Steuerzahlern und Versicherten auf der einen, Transfer- und Leistungsempf\u00e4ngern auf der anderen. Auf der einen Seite die erwerbst\u00e4tige Bev\u00f6lkerung, die f\u00fcr das Bruttoinlandsprodukt, f\u00fcr Steuern und die Stabilit\u00e4t der sozialen Sicherungssysteme sorgt und ein Interesse an niedrigen Beitr\u00e4gen haben, auf der anderen Seite diejenigen, die den Sozialetat beanspruchen, weil sie auf Unterst\u00fctzung der Gemeinschaft angewiesen sind. Auf der einen Seite die, die das Geld erwirtschaften, auf der anderen die, die es ausgeben. Es ist die traditionelle Rollenteilung, die wir aus den Familien kennen. Auf der einen Seite die erwerbst\u00e4tigen M\u00e4nner, auf der anderen die Frauen, die unentgeltlich f\u00fcr das soziale Miteinander sorgten, Kinder erzogen und Kranke pflegten. Und die Hierarchie zwischen beiden war klar. Denn es waren auch damals Wirtschaft und Politik, die den Wandel voran trieben.<\/p>\n<p>Mit der ersten Phase der Industrialisierung entstanden die Organisationen von Diakonie und Caritas, die schlie\u00dflich den Kern unserer Wohlfahrtspflege und unseres Sozialstaats bildeten. Schon damals zerbrechen Familien unter den neuen Erwartungen der Arbeitswelt und der wachsenden Armut, schon damals w\u00e4chst die Perspektivlosigkeit mit dem Mangel an Bildung. Und die Suche nach Gemeinschaft w\u00e4chst. So entstehen die Br\u00fcder- und Schwesternschaften als Bildungsorte und Wahlfamilien- und sie sind in der Lage, anderen T\u00fcren zu \u00f6ffnen, ihnen Mut zum Leben zu machen. Mit neuen Berufen in Erziehung und Pflege in der weiblichen Diakonie, mit Ausbildungen im Handwerk, in Armen- und Gef\u00e4ngnisf\u00fcrsorge, in Bildungsarbeit und Kirche. Die Mutter- und Bruderh\u00e4user, die Rettungsh\u00e4user und Vereine der Inneren Mission mit ihren starken ehrenamtlichen Vorst\u00e4nden und ihren Br\u00fccken in Politik und Wirtschaft bildeten bald schon eine Blaupause f\u00fcr viele andere Wohlfahrtstr\u00e4ger &#8211; von der AWO bis noch zum DPWV. Eine Erfolgsgeschichte, die noch bis in die 80er Jahre honoriert und durch das Selbstkostendeckungsprinzip und \u00f6ffentliche Tarife ausk\u00f6mmlich finanziert wurde.<\/p>\n<p>Freilich \u2013 eine Erfolgsgeschichte mit Schattenseiten. Dazu geh\u00f6rt eben auch die Geschlechterhierarchie, die Diakonie und Caritas bis heute pr\u00e4gt und dazu gef\u00fchrt hat, dass Pflege und Erziehung weit unter Wert bezahlt werden. Dazu geh\u00f6rt die zunehmende Abh\u00e4ngigkeit von \u00f6ffentlichen Mitteln und Zielvorgaben, die das eigene Profil oft vergessen lie\u00df. Und dazu geh\u00f6rt vor allem die Spaltung von Kirche und Diakonie, von Gemeindegliedern und Hilfebed\u00fcrftigen, die der Spaltung von Steuerzahlern und Transferempf\u00e4ngern entspricht.<\/p>\n<p>Das hat sich auch nicht ver\u00e4ndert, seit der Sozialmarkt die traditionellen Mechanismen des Sozialstaats abgel\u00f6st und die alten Erstattungs- und Abstimmungsmuster der Freien Wohlfahrtspflege aufgebrochen hat. Jetzt z\u00e4hlt der Wettbewerb; die Institutionenorientierung ist der Nutzerorientierung gewichen, Dienstleistungen werden wie Produkte angeboten, verglichen und verkauft. Und Nutzer, Kassen und Kommunen arbeiten mit dem g\u00fcnstigsten, kompetentesten und effektivsten Anbieter im jeweiligen Sektor zusammen. War es Schritt nach vorn, Menschen mit Behinderungen , Pflege- oder Eingliederungsanspr\u00fcchen als Vertragspartner zu verstehen, die gegebenenfalls mit eigenem Budget und mit Beratungsleistungen selbst in der Lage sind, sich die notwendigen Module f\u00fcr Wohnen und Arbeit, f\u00fcr Freizeit und Pflege zusammen zu stellen?<\/p>\n<p>Ja und Nein. Ja, weil wenigstens dem Anspruch nach das Gef\u00e4lle zwischen Helfer und Hilfebed\u00fcrftigen aufgehoben ist. Weil damit der Sozialpaternalismus, der auch die Diakonie gepr\u00e4gt hat, an sein Ende gekommen ist &#8211; jene F\u00fcrsorge, die immer schon wei\u00df, was der Hilfebed\u00fcrftige braucht. Nein, weil damit Individualismus und Wettbewerb in einen Lebensbereich eingedrungen sind, der von anderen Paradigmen gepr\u00e4gt war &#8211; von Zuwendung, Gemeinschaft und Engagement. Weil mit der \u00d6konomisierung nun auch Effektivit\u00e4t und Effizienz, und das hei\u00dft ein neues Verst\u00e4ndnis von Zeit und Erfolg in die Sozialbranche eingezogen sind.Die zunehmende Spaltung der Mitarbeiterschaften und hochqualifizierte und prek\u00e4r Besch\u00e4ftigte und die Spaltung der Hilfeempf\u00e4nge in solche, in die der investive Sozialstaat investiert und solche, f\u00fcr die es nicht mehr lohnt, sind die logische Konsequenz dieser Situation.<\/p>\n<p>Die Fragen, vor denen wir stehen, gehen also aufs Ganze: Wie kann es gelingen, die Freiheit und W\u00fcrde der Einzelnen zu st\u00e4rken, ohne die Lebenszusammenh\u00e4nge weiter zu zerst\u00f6ren, von denen wir alle abh\u00e4ngen? Wie kann es gelingen, Verschiedenheit zu akzeptieren, ohne dass am Ende nur Gleichg\u00fcltigkeit w\u00e4chst? Wie integrieren wir Menschen mit Behinderungen, Kinder und Jugendliche oder pflegebed\u00fcrftige \u00c4ltere in eine Gesellschaft, in der die Erwerbst\u00e4tigen bis an die Grenze ihrer Kr\u00e4fte belastet sind und flexibel sein m\u00fcssen?<\/p>\n<p>Wir werden neue Arrangements zwischen Familien, Tageseinrichtungen, Schulen und Pflegediensten. Wir werden Erwerbsarbeit und Sorgearbeit auch zwischen den Geschlechtern gerechter verteilen m\u00fcssen. Wenn das nicht gelingt, droht das Care-Defizit, von dem der Siebte Familienbericht der Bundesregierung bereits spricht. Aber ohne Ver\u00e4nderungen in den Stadtteilen, ohne ein neues Selbstverst\u00e4ndnis von Nachbarschaften und Vereinen, von Schulen, Kirchengemeinden, ohne das Engagement der Zivilgesellschaft wird der notwendige Wandel zu einer inklusiven Gesellschaft nicht m\u00f6glich sein. Inzwischen aber haben Kritiker Eindruck, dass der Prozess der Inklusion angesichts der Vers\u00e4ulung des Sozialversicherungssystems und leerer kommunaler Kassen eher ein Sparprozess auf Kosten der Zivilgesellschaft ist &#8211; und letztlich auch auf Kosten der Versorgungsqualit\u00e4t. Es wird also Zeit, dass wir soziale Gerechtigkeit neu definieren \u2013 mit dem Ziel der gerechten Teilhabe auch f\u00fcr Kinder, Menschen mit Behinderung oder f\u00fcr \u00e4ltere Pflegebed\u00fcrftige.<\/p>\n<p>Zu lange waren sie Objekte unserer F\u00fcrsorge \u2013 selbst in der Diakonie. Jetzt gilt es, einander endlich als Schwestern und Br\u00fcder, als Glieder am Leib Christi neu zu entdecken. Ganz in diesem Sinne sah Wichern in der Diakonie das Netzwerk der br\u00fcderlichen Liebe, Fliedner sprach vom dreifachen Dienst- f\u00fcr den N\u00e4chsten, f\u00fcr Gott und f\u00fcreinander- geschwisterlich nicht nur in der Gemeinschaft, sondern auch den Notleidenden gegen\u00fcber, in denen uns Christus begegnen will. Wenn es darum geht, Diakonie als Kristallisationspunkt f\u00fcr die Erneuerung unserer Sozialkultur wieder zu entdecken, dann l\u00e4sst sich ankn\u00fcpfen an diese Gr\u00fcnderpers\u00f6nlichkeiten, an die Bewegungen des 19. Jahrhunderts, die M\u00e4nner und Frauen, die aus ihrer Glaubens\u00fcberzeugung Vereine gr\u00fcndeten, mit Wirtschaft und Politik kooperierten, Sponsoren fanden, neue Berufsbilder entwickelten und schlie\u00dflich auch die Kirche ver\u00e4nderten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. Mit den scharfen Augen des Glaubens, mit den rettenden Armen der Liebe<\/strong><\/p>\n<p>Gro\u00dfe Herausforderungen und auch Krisen haben lebensver\u00e4ndernde Kraft. Sie k\u00f6nnen ein Ansto\u00df sein, alte Pfade zu verlassen \u201eWenn das Selbst aus dem Bild der Welt verschwindet, wird die Welt pl\u00f6tzlich sehr m\u00e4chtig, sehr wunderbar. Es ist ein Augen \u00f6ffnendes Erlebnis: O Gott, schau Dir diese Welt an\u201c; sagt Keith Campbell. Er ist Sozialpsychologe an der Universit\u00e4t von Georgia und er hat sich mit dem Ph\u00e4nomen des \u201e Ich &#8211; Schocks\u201c besch\u00e4ftigt, mit tiefgreifenden Ersch\u00fctterungen, die unser Lebensgef\u00fchl ver\u00e4ndern k\u00f6nnen. Es geht um jene Augenblicke, in denen der Schutzfilter, der uns normalerweise von der Wirklichkeit trennt, weggerissen wird. Eine schwere Krankheit, eine berufliche Katastrophe, ein Todesfall in der Familie &#8211; und wir reagieren zun\u00e4chst wie bet\u00e4ubt. Unser Kopf ist leer und das Vertraute erscheint pl\u00f6tzlich fremd. Illusionen platzen , wenn wir sp\u00fcren, dass wir nicht so sicher und nicht so unverwundbar sind, dass die Welt nicht so stabil ist, wie wir glaubten. Und pl\u00f6tzlich nehmen wir unsere Umgebung ganz anders wahr: brutaler, direkter, bunter. Campbell vergleicht diese Situation mit einem Meditationszustand, einem spirituellen Erweckungserlebnis. Es ist, als \u00f6ffne sich ein anderer Horizont- wir h\u00f6ren auf, uns um uns selbst zu drehen, lassen uns ein, lassen uns vielleicht auch verst\u00f6ren.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. Was im Pers\u00f6nlichen gilt, das gilt auch f\u00fcr das Politische: denken Sie nur an den Fall der Mauer- als pl\u00f6tzlich ein neues Bild Deutschlands und Mitteleuropas am Horizont erschien. Unfassbar gro\u00dfe Aufgaben, unglaubliche Chance. Oder an die Finanzmarktkrise von 2007 und 2008, als die Risse in der Mauer unserer alten Ordnung sichtbar wurden und alle nach einer neuen Sozialkultur, nach neuen Regulierungen fragten. Was haben wir daraus gemacht?<\/p>\n<p>Und was machen wir aus der Umbruchsituation, der Transformation des Sozialen, vor der wir heute stehen? \u201eMan muss die Wirklichkeit mit den scharfen Augen des Glaubens sehen, um sie mit den rettenden Armen der Liebe gestalten zu k\u00f6nnen\u201c, hat Wichern gesagt. Die Zeit der letzten gro\u00dfen Transformation in der ersten Industrialisierungsphase war eben auch die Zeit der Erweckungsbewegung. Das \u00f6ffnete die Augen f\u00fcr den leidenden wie f\u00fcr den auferstandenen Herrn- und machte Mut, hinaus zu gehen, auf ihn zuzugehen und die eigenen Interessen hinten anzustellen. \u201eVor Gleichg\u00fcltigkeit gegen dein Wort und Kreuz, vor aller Selbstgef\u00e4lligkeit, vor unn\u00f6tiger beh\u00fct\u2018 uns, lieber Herr und Gott\u201c, hei\u00dft es in der alten Betstunde der Kaiserswerther Schwestern. Es geht darum, sich zu \u00f6ffnen f\u00fcr das was Menschen brauchen, wonach sie sich sehnen: Orientierung und Zusammenhalt, Spiritualit\u00e4t und Begleitung, Zug\u00e4nge zu Lebensbereichen, die ihnen bisher verschlossen waren, Selbstachtung und W\u00fcrde.<\/p>\n<p>Im Licht des christlichen Glaubens ist der Mensch als Gottes Ebenbild geschaffen und mit unver\u00e4u\u00dferlicher W\u00fcrde ausgezeichnet. Das gilt f\u00fcr diejenigen, die die Welt aktiv durch ihre Arbeit gestalten k\u00f6nnen, wie f\u00fcr diejenigen, die auf Hilfe und Zuwendung anderer besonders angewiesen sind. In Kern ihres Menschseins, ihrer W\u00fcrde als Person, unterscheidet sie nichts; als Christinnen und Christen sind sie Schwestern und Br\u00fcder, Mitglied einer Gemeinschaft. Dabei kommt es nicht auf Geschlecht oder Rasse, Herkunft, Besitz oder Status an\u2014was z\u00e4hlt ist allein \u201eder Glaube, der in der Liebe t\u00e4tig ist\u201c.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Diese Vision findet anschauliche Tiefe in den Evangelien, in denen sich die neue Wirklichkeit Gottes gegenw\u00e4rtig zeigt. Nicht immer ist ihr die Kirche gefolgt; es hat lange gedauert und viele K\u00e4mpfe erfordert, Rassismus und Sexismus zu \u00fcberwinden \u2013 und fordert sie noch.<\/p>\n<p>Paulus r\u00fcckt in Galater 3, 28 die Einheit der Gemeinde trotz bestehender Differenzen in den Mittelpunkt. Das kann im Blick auf das soziale Miteinander in der Kirche nicht ohne Folgen bleiben. Diese Gemeinschaft geht der kirchlichen Organisation mit ihren Programmen und Bekenntnissen voraus wird zugleich in seiner kritischen Differenz zum Ma\u00dfstab ihrer Ordnung. Es ist eine auch f\u00fcr das Neue Testament selbst schmerzliche, aber immer wieder beschriebene Wirklichkeit, dass die Gottesherrschaft Christi sich in seiner Gemeinde noch nicht durchgesetzt ist. Die Aufhebung des Gegensatzes zwischen Herrschenden und Beherrschten in der Kirche \u2013 1934 in der Theologischen Erkl\u00e4rung von Barmen mit dem Begriff der \u201eGemeinde von Br\u00fcdern\u201c als Ziel festgehalten \u2013 l\u00e4sst sich deshalb nur als Prozess beschreiben. Dieser Prozess zielt auf Befreiung, auf den Augenblick, in dem das Organisationsgef\u00e4lle wenigstens auf Zeit aufgehoben ist. Dazu braucht es eine Haltung des Dienens, die Augenh\u00f6he mit den Hilfebed\u00fcrftigen sucht, und eine \u201eherrschaftsfreie Kommunikation\u201c, <a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> die auf Autonomie und Freiheit zielt.<\/p>\n<p>Helmut Gollwitzer sah die Zukunft der Kirche in einer Personengemeinschaft auf lokaler und regionaler Ebene \u2013 wir w\u00fcrden heute vielleicht sagen, in lokalen Netzwerken mit einem neuen Lebensstil \u201egegen den Widerstand der alten Welt und ihrer Todesverh\u00e4ltnisse\u201c. \u201eDie Horizontale\u201c, also das Miteinander, so Gollwitzer, \u201eist das Kriterium f\u00fcr die Echtheit des Lebens in der Vertikalen\u201c, des christlichen Glaubens. Die Kirche, so Gollwitzer, sei nicht dazu da, die eigene Gemeinschaft zu pflegen oder ein unverbindliches Christentum als Gesellschaftsreligion zu st\u00fctzen. \u201eAngesichts der N\u00f6te der Welt selbst zufrieden zu sein\u201c, so die Erkl\u00e4rung der \u00d6kumenischen Versammlung von Uppsala aus der gleichen Zeit (1968), das w\u00fcrde bedeuten, \u201esich der H\u00e4resie schuldig zu machen\u201c. Der Zeugnisauftrag der Kirche zielt vielmehr darauf, die Koinonia, die Gemeinschaft der geschwisterlichen Gemeinde, so zu verwirklichen, dass der christliche Glaube auch f\u00fcr Suchende und Zweifler und f\u00fcr Menschen ganz unterschiedlichen Herkommens attraktiv wird: f\u00fcr Arme wie Wohlhabende, f\u00fcr die verschiedenen Generationen, f\u00fcr Familien und Alleinstehende. Dabei ist die Richtung klar: von der Herrschaft zum Dienst, von oben nach unten, von der einsamen Spitze zur Anerkennung der Vielfalt, von der Verschlossenheit zur Teilhabe. Kirche l\u00e4sst sich nicht f\u00fcr andere attraktiv machen, sondern nur mit anderen gemeinsam leben und gestalten. Deshalb geht es auch in der Kirche zuerst und vor allem um Grundrechte. Wolfgang Huber hat einmal folgende Rechte aufgez\u00e4hlt: Das Recht auf Zugang zum Glauben, das Recht auf Gewissens- und Meinungsfreiheit, das Recht auf Integrit\u00e4t der Person, das Recht auf Gleichheit und das auf Teilhabe an kirchlichen Entscheidungen. Die \u201eGemeinde von Schwestern und Br\u00fcdern\u201c ist eine offene Gemeinschaft, die gerade auch die einschlie\u00dft, in denen die Gemeinde Christus als dem Bruder begegnen kann: die Leidenden und Benachteiligten.<\/p>\n<p>\u201eEs gab keine Armen in der Gemeinde, denn wer immer ein Grundst\u00fcck oder Haus besa\u00df, verkaufte es, brachte den Erl\u00f6s f\u00fcr sein Gut und legte ihn den Aposteln zu F\u00fc\u00dfen, die davon jedem gaben, was er eben brauchte\u201c, hei\u00dft es im 4. Kapitel der Apostelgeschichte, die uns ein attraktives Bild der jungen, wachsenden Christengemeinde in Jerusalem vor Augen stellt. Dieses genossenschaftliche Ideal war es, das auch in den Bruder- und Schwesternschaften weiterlebte \u2013 und Basis-Gemeinschaften wie die Arche-Gemeinschaften oder \u201e Brot und Rosen\u201c bis heute davon gepr\u00e4gt. Hier leben behinderte und nichtbehinderte Menschen, Einheimische und Fl\u00fcchtlinge in kleinen Familiengruppen zusammen. Und jeder tr\u00e4gt zum Lebensunterhalt bei, was er kann \u2013 die einen mit Erwerbst\u00e4tigkeit, andere mit Hausarbeit, alle mit dem Dasein f\u00fcr andere.<\/p>\n<p>\u201eDas Reich Gottes\u201c, hei\u00dft es einmal bei Johann Hinrich Wichern, \u201eist die von Gottes Liebe und Leben durchdrungene Sch\u00f6pfung\u201c. Sie betrifft das \u201eganze pers\u00f6nliche und gemeinsame, das private und \u00f6ffentliche Leben der Menschheit in Staat und Kirche\u201c.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Daran mit zu arbeiten, dass Gottes Liebe in dieser Weise wirksam wird, ist Aufgabe von Kirche und Diakonie. Es geht darum, \u00fcber den kirchlichen Binnenraum hinaus an den sozialen Aufgaben der Gegenwart mitzuarbeiten. Die Reich-Gottes-Gleichnisse der Evangelien, aus denen die Diakoniker des 19. Jahrhunderts ihre Zukunftsvisionen und Handlungsimpulse sch\u00f6pften, enthalten neben ihrer Verhei\u00dfungsseite immer auch prophetische Kritik. Das gemeinsame Wort von 1997 nimmt diese Tradition auf, wenn es an die \u201ebiblische Option f\u00fcr die Armen\u201c erinnert: \u201eSie lenkt den Blick auf die Empfindungen der Menschen, auf Kr\u00e4nkungen und Dem\u00fctigungen von Benachteiligten, auf das Unzumutbare, das Menschenunw\u00fcrdige, auf strukturelle Ungerechtigkeit. Wenn die Christen das biblische Zeugnis mit den aktuellen Herausforderungen zusammen lesen, gewinnen sie nicht nur ethische Orientierungen f\u00fcr das eigene Handeln; es ergeben sich auch ethische Einsichten, die sich auf den institutionellen Rahmen der Gesellschaft beziehen. Gerechtigkeit wird dabei zum Schl\u00fcsselbegriff, der alles umschlie\u00dft, was eine heile Existenz ausmacht\u201c (S. 45).<\/p>\n<p>Eines der Modellprojekte von \u201eKirche findet Stadt\u201c liegt in Gelsenkirchen. Dort konnte die Gefahr, dass der Kirchenkreis ein Gemeindehaus in einem benachteiligten Stadtteil aufgibt, durch die beherzte unternehmerische Initiative der Gemeinde abgewendet werden. Gelsenkirchen geh\u00f6rt \u2013 Schalke zum Trotz \u2013 zu den hochverschuldeten St\u00e4dten des Ruhrgebiets. Die Kommune leidet unter der Abwanderung der aktiven Generation; zur\u00fcck bleiben \u00c4ltere und Hartz-4-Empf\u00e4nger und viele B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger mit Migrationshintergrund. Die Armut ist gro\u00df \u2013 und auch die Zahl der Kirchensteuerzahler schrumpft. So entschloss sich der Pfarrer mit einigen Engagierten in der Gemeinde, das Gemeindehaus zu einem Stadtteilzentrum umzubauen. Mit Mittagstisch f\u00fcr die Kinder, mit Pflegeberatung und Treffpunkt f\u00fcr die \u00c4lteren \u2013 ein Knotenpunkt im Quartier, wo Hilfe andocken kann. Das alles w\u00e4re nicht m\u00f6glich gewesen ohne die Umwandlung in einen Verein, der viele prominente Mitglieder anzog und reichlich Spenden sammelt \u2013 dazu Sponsorengelder von BP-Deutschland. Die Gemeinde ist nun also Mieter dieses Stadtteilvereins \u2013 und ihr diakonischer Dienst pr\u00e4gt das Profil. Ob die Spaltung zwischen \u201eMittelschichtkirche\u201c und \u201ediakonischen Hilfeempf\u00e4ngern\u201c \u00fcberwunden werden kann, ob es gelingt, Freiwillige und Spender zu gewinnen und Br\u00fccken zu schlagen zwischen diakonischen Unternehmen und Kirchengemeinden, das zeigt sich im Quartier.<\/p>\n<p>Mit solchen Modellen nimmt die Gemeindediakonie Impulse der Inneren Mission wieder auf. Zugleich allerdings sind aus den diakonischen Einrichtungen der \u201eAnstaltsdiakonie\u201c gro\u00dfe Unternehmen und Konzerne geworden \u2013 mit spezialisierten Dienstleistungen f\u00fcr Pflege und Psychiatrie, f\u00fcr Familien oder Wohnungslose. Mit ihren betreuten Wohngruppen und ambulanten Diensten, ihren Unterst\u00fctzungssystemen, Beratungs- und Bildungsangeboten arbeiten sie nun mitten in den Wohnquartieren. Was k\u00f6nnen sie beitragen zur Entwicklung der Gemeinwesendiakonie in den Stadtteilen? Wird es gelingen, mit den ambulanten Dienstleistungen auch eine diakonische Kultur in die Wohnquartiere zu bringen oder sie wieder zu beleben? Wie vertragen sich Wettbewerb und Druck auf die Budgets mit der Sorge um das Ganze.<\/p>\n<p>Die Wachstumsfixierung unserer Gesellschaft f\u00fchre dazu, dass wir auch da, wo es um das Wohl des Menschen und den Erhalt der nat\u00fcrlichen Ressourcen geht, vor allem Ums\u00e4tze und Gewinne im Blick h\u00e4tten, schreibt Gerhard Scherhorn.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Er spricht von einem Wirtschaftswachstum ohne R\u00fccksicht auf Kollateralsch\u00e4den; denn die Zerst\u00f6rung der Gemeing\u00fcter<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> und \u00f6ffentlichen G\u00fcter habe bedrohlich zugenommen. In den alten Mutterh\u00e4usern l\u00e4sst sich besichtigen, was das bedeutet: wo nur noch einzelne Dienstleistungen und Produkte refinanziert werden, lassen sich die hohen Flure und denkmalgesch\u00fctzten Geb\u00e4ude kaum noch erhalten; da braucht es Spender und Sponsoren, um die Parks und Brunnen zu pflegen. Der Wert einer heilsamen Umgebung droht dabei genauso in Vergessenheit zu geraten wie die Bedeutung eines stabilen Teams oder die eines guten, frisch gekochten Essens. All das geh\u00f6rte einmal zur genossenschaftlichen Kultur der Diakonie. Es ist die lebendige Gemeinschaft, die geistliche Orientierung gibt. Deshalb geh\u00f6ren Mission und soziales Engagement, Kirche und Diakonie zusammen. Wo Diakonie an Profis delegiert und immer weiter vermarktlicht wird, wo die Kirche sich aus der Gesellschaft zur\u00fcckzieht und ihre Sprache vielen fremd wird, sind Au\u00dfenstehende irritiert: sie erwarten geistliche St\u00e4rkung auch und gerade da, wo sie sich sozial engagieren oder eben Patienten und Nutzer diakonischer Dienste sind.<\/p>\n<p>Diakonie kann entscheidend beitragen zur Erneuerung unserer Sozialkultur. Dazu w\u00fcnsche ich mir in den Umbr\u00fcchen unserer Gesellschaft eine \u00e4hnliche Energie wie in den Ver\u00e4nderungsprozessen des 19. Jahrhunderts, ja, wir brauchen eine neue Erweckung: Wachheit und Offenheit, Respekt vor den Einzelnen, Gemeinschaftliche Kr\u00e4fte f\u00fcr den Zusammenhalt, das politische Eintreten f\u00fcr die W\u00fcrde der Schw\u00e4chsten, spirituelle Achtsamkeit, theologische Reflexionskraft und Sprachf\u00e4higkeit sind dazu n\u00f6tig. Deshalb brauchen wir eine neue diakonische Bildungsinitiative. Die Sch\u00e4tze, die unsere Sozialkultur gepr\u00e4gt haben, die biblischen Geschichten und Bilder m\u00fcssen erinnert und erkl\u00e4rt werden, damit sie nicht verloren gehen. Von den Tageseinrichtungen f\u00fcr Kinder bis zur Konfirmandenarbeit, vom Religionsunterricht \u00fcber das freiwillige soziale Jahr und die Angebote f\u00fcr ehrenamtlich Engagierte bis zu den Schulen und Hochschulen haben Kirche und Diakonie enorme Chancen, dazu beizutragen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich entstehen ja derzeit \u00fcberall neue evangelische Schulen, Hochschulen und Studieng\u00e4nge \u2013das gilt auch f\u00fcr die sozialen und diakonischen Handlungsfelder. Als Florence Nightingale 1851 ihre Krankenpflegeausbildung in Kaiserswerth machte, hat sie beklagt, dass der Unterricht zu gro\u00dfen Teilen aus biblischer Bildung und zu wenig aus Pflegemethodik bestand \u2013 heute haben wir das umgekehrte Problem. Bei allen Unterschiede in den verschiedenen Handlungsfeldern werden bestimmt Module \u00fcberall angeboten: Projekt- und Qualit\u00e4tsmanagement, strategisches Denken und wirtschaftliche Methoden, aber auch die Zusammenarbeit mit Angeh\u00f6rigen oder Freiwilligen- lauter wichtige Kompetenzen. Aber der Zusammenhang von Fachlichkeit und Spiritualit\u00e4t ist nur noch f\u00fcr diejenigen erkennbar, die als Diakonin oder Diakon eine Doppelqualifikation anstreben oder bei einer Hochschulausbildung die entsprechenden Zusatzmodule w\u00e4hlen. Um die spezifisch diakonische Arbeit in P\u00e4dagogik, Pflege und Heil- oder Sozialp\u00e4dagogik zu gestalten \u2013 von der Helferausbildung \u00fcber die Fachoberschulausbildung bis zum Hochschulabschluss \u2013 fehlen noch immer konsequent aufeinander aufbauende spezifisch diakonisches Angebote und Zertifikate. Es ist gut, dass nun endlich eine EKD-Kommission daran arbeitet. Denn der Diakonat in der Kirche beschreibt eine dritte Dimension in allen Arbeitsfeldern und Ausbildungslevels. Dabei geht es um ethische Urteilsbildung und theologische Begr\u00fcndung, um die Entwicklung und Vertiefung von Spiritualit\u00e4t und um das Verst\u00e4ndnis von Kirche und diakonischem Dienst. <a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p>Diakonie ist die Seele des Sozialen, eine f\u00fcrsorgliche Haltung, die mit Werten wie Barmherzigkeit und N\u00e4chstenliebe unsere Sozialkultur pr\u00e4gt \u2013 weit \u00fcber den Raum der Kirche hinaus. Aus diesen Wurzeln leben Pflege und Sozialarbeit auch da, wo sie sich nicht auf biblische Texte berufen. Gerade deshalb muss es aber auch Einzelne und Gruppen geben, die sich ihre diakonische Berufung in besonderer Weise bewusst sind und ihren Dienst als einen Dienst der Kirche verstehen. Denn bei Pflegenden, Erziehern, Diakoninnen und Diakonen geh\u00f6ren Beruf und Berufung, Engagement, Profession und Spiritualit\u00e4t in besonderer Weise zusammen. Zwischen dem Auftrag ihrer Kirche, den Herausforderungen ihres Arbeitsfeldes, den Anforderungen ihres Berufsprofils fragen sie immer neu nach ihrem unverwechselbaren Beitrag. Das ist und bleibt ein lebenslanger, ein spannender und manchmal sehr anstrengender Weg, dem Sie sich immer neu stellen.<\/p>\n<p>Denn die diakonischen Gemeinschaften sind von zentraler Bedeutung, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf diesem Weg zu begleiten und ihre Berufung zu st\u00e4rken. Das gilt erst recht, wenn manche den Eindruck haben, dass die Kirche sich ihrer geistlichen Verantwortung f\u00fcr dieses Arbeitsfeld kaum noch bewusst ist. Dabei erlebe ich gerade in den \u00f6stlichen Bundesl\u00e4ndern Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Diakonie, die es als Freiheit erleben, nach Jahren der Marginalisierung von Kirche und Diakonie in der DDR nun endlich ihr christliches Profil \u201eauf den Markt tragen\u201c und f\u00fcr ihre \u00dcberzeugung werben zu k\u00f6nnen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>6. Fangen wir noch einmal an<\/strong><\/p>\n<p>In meinen letzten Monaten als Kaiserswerther Vorsteherin habe ich gelegentlich von einer Klosterruine getr\u00e4umt- mitten in den sch\u00f6nen, aber alten und br\u00fcchigen Mauern der Diakonie, unter dem durchl\u00f6cherten Dach gr\u00fcnte und bl\u00fchte der Rasen. Ich stand barfu\u00df auf einer Wiese unter dem offenen Himmel\u2013 bereit zu einem neuen Anfang. \u201eAuf die F\u00fc\u00dfe kommt unsere Welt erst wieder, wenn sie sich beibringen l\u00e4sst, dass ihr Heil nicht in Ma\u00dfnahmen, sondern in neuen Gesinnungen besteht\u201c, hat Albert Schweitzer geschrieben. Wenn wir uns neuen Herausforderungen stellen, statt die Augen zu verschlie\u00dfen, wenn wir unserem Weg und unseren Zielen treu bleiben, auch durch Schmerzen und Entt\u00e4uschungen hindurch, wenn wir bereit sind, uns selbst ver\u00e4ndern zu lassen, dann geschieht etwas an uns: wir werden offener, vielleicht auch verletzlicher, vor allem aber dem\u00fctiger. Wir werden geerdet, wir kommen selbst wieder auf die F\u00fc\u00dfe und nehmen den Himmel besser wahr. Denn darauf kommt es an: dass wir unserer eigenen Wahrnehmung trauen, dass wir hinsehen, was wirklich nottut, dass wir tun, was heute dran ist. Dabei lernen wir vielleicht am meisten von denen, die ganz unten sind. Henri Nouwen, der Gr\u00fcnder der \u201eArche\u201c meint: \u201eEs sind die Armen, die Kleinen, die von der Gesellschaft an den Rand Gedr\u00e4ngten, die uns den Weg der Liebe lehren.\u201c<\/p>\n<p>Wer hinsieht, kann auch heute neue Wege entdecken, die nicht weniger spannend sind als die im 19 Jahrhundert:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li>\u00dcberall in der Zivilgesellschaft entstehen gemeinn\u00fctzige Bewegungen, Selbsthilfe- und Angeh\u00f6rigengruppen f\u00fcr Menschen mit Behinderung, f\u00fcr Demenzerkrankte, Nachbarschaftsarbeit f\u00fcr Familien und \u00e4ltere Menschen. Kirchengemeinden, Diakonische Werke und Unternehmen tun sich zusammen und entwickeln Gemeinwesendiakonieprojekte und Quartiersarbeit \u2013 bei \u201eKirche findet Stadt\u201c, in der Quartierspflege, in Familienzentren und Armutsquartieren.<\/li>\n<li>Wirtschaftsunternehmen unterst\u00fctzen ihre Mitarbeitenden bei ihrem freiwilligen Engagement im In- und Ausland, andere sponsern Projekte der Gemeinwesendiakonie. Vereine und runde Tische mit Kirche und Diakonie, mit Sportvereinen und Schulen, mit Kommunen und Unternehmen werden gegr\u00fcndet: Auf regionaler Ebene entwickelt sich eine neue Subsidiarit\u00e4t.<\/li>\n<li>Kommunen werden B\u00fcrgerkommune \u2013 wie Arnsberg, N\u00fcrtingen oder Augsburg. Sie investieren in ehrenamtliches Engagement, bilden runde Tische, \u00f6ffnen die Schulen, gewinnen auch Kirchengemeinden. Und Kirchengemeinden \u00fcbernehmen Verantwortung im Quartier.<\/li>\n<li>Und \u00fcberall, auch in privaten und st\u00e4dtischen Einrichtungen, entstehen Initiativen, die internationale Projekte f\u00f6rdern \u2013 Gesundheits- und Sozialprojekte, Hilfe f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge und Migranten, interkulturelle G\u00e4rten und offene Werkst\u00e4tten.<\/li>\n<li>In den alten Kl\u00f6stern und Mutterh\u00e4usern aber, und auch in ganz neuen Hotels entstehen Einkehrh\u00e4user, in denen sich die Erfahrung von Gemeinschaft kristallisiert: neue Kommunit\u00e4ten, diakonische Pilgerwege.<\/li>\n<\/ul>\n<p>So viel Neues hat begonnen, so viel Ermutigendes. Aber noch immer und seit 160 Jahren steht die Aufgabe an, den Diakonat der Kirche weiter zu entwickeln und sein Verh\u00e4ltnis zu anderen Diensten zu kl\u00e4ren. Es geht darum, Spiritualit\u00e4t als Kraftquelle sozialer Arbeit in ein neues Verh\u00e4ltnis zur Fachlichkeit zu setzen und Freiwilligkeit in ein neues Verh\u00e4ltnis zu staatlich-hoheitlichen Aufgaben. Es ist notwendig, die interkulturelle Zusammenarbeit und den interreligi\u00f6sen Dialog in der sozialen Arbeit zu st\u00e4rken und unser Verst\u00e4ndnis von Subsidiarit\u00e4t, aber auch unsere Religionsverfassung so weiter zu entwickeln, dass sie der pluralen Wirklichkeit unserer Wohlfahrtsgesellschaft entsprechen. Das alles ist eine gro\u00dfe Herausforderung f\u00fcr Kirche und Diakonie.<\/p>\n<p>Fangen wir mutig noch einmal an. Aus den alten Wurzeln w\u00e4chst neues Leben. Als ich vor 15 Jahren in Kaiserswerth begann, begleitete mich immer wieder die eine Frage: \u201e Wie viele Diakonissen haben Sie denn noch?\u201c\u201c Wie viele Krankenh\u00e4user haben Sie denn noch?\u201c, werden vermutlich die Bisch\u00f6fe und Kirchenleitungen in 15 Jahren gefragt werden. Aber ich bin \u00fcberzeugt: Es wird nicht darauf ankommen, wie viele Krankenh\u00e4user, Altenheime, Tageseinrichtungen die Kirche hat, sondern welche Initiativen wir starten und was sie bewirken. Unterwegs in Gottes Reich h\u00e4ngt alles davon ab, wie wir uns selbst ver\u00e4ndern und was wir in Bewegung setzen. \u201eBrains before bricks\u201c \u2013 diese Parole gilt auch und erst recht f\u00fcr die Kirche. Darum w\u00fcnsche ich mir viele bewusste und engagierte Christinnen und Christen und viele Diakoninnen und Diakone. Trotz vieler Entt\u00e4uschungen, trotz stressiger Umbr\u00fcche, trotz wirtschaftlichen Drucks \u2013Sie sind Ferment in gesellschaftlichen Umbr\u00fcchen, Sie sind die Seele des Sozialen. Bleiben Sie beh\u00fctet in Ihrer Arbeit, in Ihrem Leben, in Ihren Gemeinschaften.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. Die lebensver\u00e4ndernde Kraft von Krisen, Kathleen Mc Gowan, Psychologie heute-<\/h5>\n<h5>Kompakt &#8211; ziemlich stark. S. 18 ff.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Zitat Gal 3,28.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Ausdruck entwickelt bei J\u00fcrgen Habermas in der <em>Theorie des kommunikativen Handelns.<\/em><\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Wichern 1968, S. 134.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Ebd.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Vgl. Silke Helferich und Heinrich B\u00f6ll-Stiftung 2009.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Vgl. dazu neuerdings Noller u.a. 2013.<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diakonische Energie zur Erneuerung unserer Sozialkultur &nbsp; 1. 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