{"id":5544,"date":"2020-09-07T11:50:28","date_gmt":"2020-09-07T09:50:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=5544"},"modified":"2022-04-05T12:00:36","modified_gmt":"2022-04-05T10:00:36","slug":"ihr-muesst-uns-nicht-schonen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=5544","title":{"rendered":"Ihr m\u00fcsst uns nicht schonen!"},"content":{"rendered":"\n<p><br>Text:&nbsp;<a href=\"https:\/\/chrismon.evangelisch.de\/personen\/cornelia-coenen-marx-20343\">Cornelia Coenen-Marx<\/a>, 27.8.20, <a href=\"https:\/\/chrismon.evangelisch.de\/ausgabe\/chrismon-september-2020-50543\">chrismon September 2020<\/a><a href=\"https:\/\/chrismon.evangelisch.de\/ausgabe\/chrismon-plus-september-2020-50544\">, chrismon Plus September 2020<\/a>, Zur Rubrik: <a href=\"https:\/\/chrismon.evangelisch.de\/rubriken\/standpunkt\">Standpunkt<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Cornelia Coenen-Marx \u00fcber Altersdiskriminierung w\u00e4hrend Corona<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/static5.evangelisch.de\/get\/?daid=00010001cplzS_s-sU-7ekFJ6h462LA2A9DuvcsS_O1VkF7NXTeZ000000239021&amp;dfid=i-301\" alt=\"Standpunkt - Ihr musst uns nicht schonen!\"\/><figcaption>c Anne-Marie Pappas<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Anne-Marie Pappas Jeden  Tag gehen 3000 Frauen und M\u00e4nner in Deutschland in Rente. Viele sind  fit und aktiv. Doch seit Corona gelten sie pauschal als schutzbed\u00fcrftige  &#8222;Risikogruppe&#8220;. Das nervt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mit knapp \u00fcber 60 passte das Wort Ruhestand so gar nicht zu meinem  Lebensgef\u00fchl. Trotzdem zwang mich eine Krankheit, beruflich  k\u00fcrzerzutreten. Aber vielleicht w\u00fcrde ich noch einmal ins Ausland gehen,  eine Coachingausbildung machen oder ein Buch schreiben. Pl\u00f6tzlich war  vieles m\u00f6glich, wie damals nach dem Schulabschluss. Ich habe mich dann  selbstst\u00e4ndig gemacht und bin seitdem mit Vortr\u00e4gen und Workshops quer  durch Deutschland unterwegs. Lange Zug\u00adreisen, unterschiedliche  Menschen, Debatten \u2013 ich mag es, mich neuen Aufgaben zu stellen, auch  wenn sie schwierig sind, und Entwicklungen zu begleiten.<\/p>\n\n\n\n<p>17 Millionen Menschen in unserem Land sind \u00fcber 65,  jede\/r F\u00fcnfte. An jedem Tag dieses Jahres kommen statistisch gesehen  3000 M\u00e4nner und Frauen ins gesetzliche Rentenalter, und vielen geht es  so wie mir. Wer heute in Rente geht, hat wahrscheinlich noch 20 gesunde  und aktive Lebensjahre vor sich. Mehr als ein Drittel der 55- bis  69-J\u00e4hrigen hat keine oder h\u00f6chs\u00adtens eine Erkrankung, und noch die  H\u00e4lfte der 70- bis 85-J\u00e4hrigen f\u00fchlt sich trotz der einen oder anderen  Krankheit gesund.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Fit, aktiv \u2013 und ausgebremst<\/h4>\n\n\n\n<p>In keiner Altersgruppe ist die Besch\u00e4ftigungsquote in  den vergangenen Jahren so stark gestiegen wie bei den Rentnern \u2013  unmittelbar gefolgt von der Gruppe der 60- bis 65-J\u00e4hrigen. Von den 65-  bis 69-J\u00e4hrigen arbeiteten 2018 17 Prozent. 2003 waren es nur knapp  sechs Prozent. Bei den 60- bis 65-J\u00e4hrigen sind es inzwischen 60  Prozent. Und das hat bei vielen sicher finanzielle Gr\u00fcnde. Aber eben  nicht nur. Es geht auch darum, einen eigenen Beitrag zu leisten. Manche  reisen mit &#8222;\u00c4rzte ohne Grenzen&#8220; in Krisengebiete, andere engagieren sich  als Freiwillige bei den Tafeln, in Hospizdiensten oder als &#8222;Leihoma&#8220; in  der Nachbarschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch der coronabedingte Lockdown hat viele der  umtriebigen, engagierten, arbeitenden Menschen in der dritten  Lebensphase v\u00f6llig ausgebremst. So ging es auch vielen J\u00fcnge\u00adren, doch  Menschen ab 65 k\u00f6nnen die verlorene Freiheit, den verpassten Aufbruch  viel schwerer aufholen, weil sie das Gef\u00fchl haben, dass ihnen die Zeit  davonl\u00e4uft. &#8222;Jetzt bin ich tats\u00e4chlich im Ruhestand&#8220;, schrieb ein  Kollege. &#8222;Wir \u00fcben gerade das Altwerden&#8220;, eine Freundin aus der Schweiz.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Nach den individuellen F\u00e4higkeiten fragen<\/h4>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich steigt die Sterbequote bei Covid-19 mit  Alter und Vorerkrankungen deutlich an, und viele der  Lockdown-Einschr\u00e4nkungen waren sinnvoll. Aber warum mussten \u00fcber  65-J\u00e4hrige in Istanbul pauschal in Quarant\u00e4ne bleiben? Und warum  diskutierte der Deutsche Ethikrat bei der Triage so sehr \u00fcber die  Relevanz des Alters? Dass sich Lehrerinnen und Lehrer \u00fcber 60 vom  Unterricht beurlauben lassen durften, war sicher gut gemeint, aber auch  35-J\u00e4hrige k\u00f6nnen gef\u00e4hrdet sein, wenn sie zum Beispiel an Diabetes oder  Asthma leiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch irritierender als der erzwungene Stillstand ist  die Beobachtung, dass Menschen in der dritten \u00adLebensphase seit Ausbruch  der Pandemie nicht mehr nach ihren individuellen M\u00f6glichkeiten,  F\u00e4higkeiten und Risiken gefragt werden, sondern dass vor allem  kategorisch \u00fcber sie gesprochen wird: Vielf\u00e4ltig Engagierten, fitten und  weniger fitten Rentnern, Solo\u00adselbstst\u00e4ndigen, beruflich aktiven  Menschen wie mir wurde pauschal das Etikett hilflos, schutzbed\u00fcrftig,  gef\u00e4hrdet angeheftet. Wir wurden zur &#8222;Risikogruppe&#8220;. Und die soll am  besten zu Hause bleiben. Damit nicht genug: Wir sind angeblich auch noch  schuld daran, dass die Wirtschaft in die Krise geraten und der  Wohlstand gef\u00e4hrdet ist. Denn man habe das ja alles &#8222;f\u00fcr die \u00c4lteren&#8220; getan.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Die Klischees kehren zur\u00fcck<\/h4>\n\n\n\n<p>&#8222;Fr\u00fcher war klar: Kinder lernen, Erwachsene arbeiten,  und die Alten ruhen sich aus. Aber das ist pass\u00e9&#8220;, sagte die  Gerontologin Ursula Staudinger vor ein paar Jahren. Doch jetzt kehren  sie zur\u00fcck, die l\u00e4ngst \u00fcberwunden geglaubten Bilder \u00fcber die dritte  Lebensphase, die Klischees von der beige gekleideten Kohorte, die auf  Parkb\u00e4nken sitzt, bestenfalls noch Radtouren und Spazierg\u00e4nge  unternimmt, aber ansonsten geschont werden muss und gesellschaftlich  nicht mehr mitmischen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Von \u00fcber 60-J\u00e4hrigen wird neuerdings gesprochen, als  ginge es um 80-J\u00e4hrige. Und von den 80-J\u00e4hrigen, als w\u00e4ren sie allesamt  pflegebed\u00fcrftig. Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung, Selbstbestimmung, Freiheit  und Gestaltungsm\u00f6glichkeiten im Alter \u2013 alles, was wir in den  vergangenen 30 Jahren von der Alternsforschung gelernt haben, scheint  vergessen zu sein. Und das in einer Gesellschaft, in der Individualit\u00e4t  zu Recht gro\u00dfgeschrieben wird.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Das kalendarische Alter sagt wenig aus<\/h4>\n\n\n\n<p>&#8222;Das kalen\u00adda\u00adri\u00adsche Alter sagt nichts \u00fcber den  Zustand und die Schutz\u00adbe\u00add\u00fcrf\u00adtig\u00adkeit der Men\u00adschen&#8220;, schreiben die  Wirtschaftsjournalistin Margaret Heckel und die Filmproduzentin und  fr\u00fchere saarl\u00e4ndische Gesundheitsministerin Barbara Wackernagel-Jacobs  in ihrem Appell &#8222;Neue Altersbilder&#8220;, den sie Mitte April ins Netz  gestellt haben. Wie schutzbed\u00fcrftig jemand ist, &#8222;kann nur eine  indi\u00advi\u00addu\u00adelle Betrach\u00adtung der Risi\u00adken, Vor\u00ader\u00adkran\u00adkun\u00adgen und  Belast\u00adbar\u00adkeit eines Men\u00adschen leis\u00adten. Dies gilt f\u00fcr den  Mitt\u00advier\u00adzi\u00adger mit Dia\u00adbe\u00adtes, die Mitt\u00adsech\u00adzi\u00adge\u00adrin mit einer  Krebs\u00ad\u00ad\u00addia\u00adgnose wie f\u00fcr die Hoch\u00adalt\u00adri\u00adgen \u00adin schwie\u00adri\u00adger  All\u00adge\u00admein\u00adver\u00adfas\u00adsung&#8220;, hei\u00dft es in dem Appell. Deshalb \u00adgebe es auch  keine am kalendarischen Alter festzumachende &#8222;Altersfalle&#8220;, sondern  h\u00f6chstens Altersdiskriminierung.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Lockdown war auch kein \u00adGeschenk an die \u00e4ltere  Generation, sondern eine Ma\u00dfnahme, um Zeit zu gewinnen und das  Gesundheits\u00adsystem auf einen Ansturm vorzube\u00adreiten \u2013 zum Wohle aller.  Deshalb sehen die Unterzeichner des Appells \u2013 in\u00adzwischen sind es einige  Hundert \u2013 wie auch ich keinen Grund, sich pauschal zugunsten J\u00fcngerer  zur\u00fcckzuziehen. Denn sie werden in vielen Familien zur Unterst\u00fctzung der  n\u00e4chsten Ge\u00adneration gebraucht.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">\u00dcber-55-J\u00e4hrige tragen die Zivilgesellschaft<\/h4>\n\n\n\n<p>Auch die Zivilgesellschaft k\u00f6nnte sich einen solchen  R\u00fcckzug auf \u00adDauer nicht leisten. Denn die Tafeln, B\u00fcrger\u00adbusse,  Mehrgenerationen\u00adh\u00e4user, Dorfl\u00e4den werden ma\u00dfgeblich von den \u00fcber  55-J\u00e4hrigen getragen. Diese Generation ist gut ausgebildet, weltoffen  und selbstbewusst. Viele stecken noch voll im Beruf. Und wenn sie sich  ehrenamtlich engagieren, wollen sie genauso ernst genommen werden. Wer  also bei einer Tafel mitarbeitet oder in der Lesef\u00f6rderung, sollte  genauso selbstverst\u00e4ndlich auf Corona getestet werden k\u00f6nnen wie die  Lehrerinnen und Lehrer aus der &#8222;Risikogruppe&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Statt uns gegenseitig in Schubladen von &#8222;jung&#8220; und  &#8222;alt&#8220; zu stecken, sollten wir uns noch mehr vernetzen. Wir sind soziale  Wesen und aufeinander angewiesen \u2013 nicht erst im Alter. &#8222;An Einsamkeit  stirbt man blo\u00df langwieriger als an Corona&#8220;, sagt Elke Schilling. Die  75-J\u00e4hrige hat ihren Telefondienst \u00ad&#8220;Silbernetz&#8220;, der sich an einsame  \u00ad\u00c4ltere richtet, in der Krise bundesweit aufgestellt. Sie hat sich vom  Lock\u00addown nicht abhalten lassen, ins B\u00fcro zu gehen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Digitale Vernetzung hilft<\/h4>\n\n\n\n<p>Auch andere machten weiter als Lesepatin oder bei der  Hausaufgaben\u00adbetreuung \u2013 jetzt eben per Tablet oder Smartphone. Ich  selbst habe einen Teil meiner Workshops und Coaching\u00adsitzungen ins Netz  verlegt und ge\u00adnie\u00dfe mein Yogatraining per Zoom. Digital k\u00f6nnen wir die  Grenzen unseres K\u00f6rpers und unseres Wohnorts \u00fcberschreiten \u2013 und die  Klischees \u00fcber das Alter \u00fcberwinden. Das ist \u00adeine richtig gute  Erfahrung.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Sorgende Gemeinschaften<\/h4>\n\n\n\n<p>Seit einigen Jahren entwickelt sich in  Nachbarschaftsprojekten und Mehrgenerationenh\u00e4usern eine neue Gestalt  des Sozialen: die Sorgenden Gemeinschaften. In der Corona-Krise gewann  die Bewegung an Schwung: \u00dcberall wurden Einkaufsdienste angeboten und  Telefonketten gebildet, Balkonkonzerte veranstaltet und \u00adTreffen im  Pfarrgarten organisiert. Digitale Netzwerke wie <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/nebenan.de\/\" target=\"_blank\">nebenan.de<\/a> und <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.digitale-nachbarschaft.de\/\" target=\"_blank\">digitale-nachbarschaft.de<\/a>  \u00adwachsen stetig. &#8222;Ich f\u00fcr mich. Ich mit anderen f\u00fcr mich. Ich mit  anderen f\u00fcr andere. Andere mit anderen f\u00fcr mich&#8220; steht auf einer  Postkarte, die ich bei einem Projekt f\u00fcr junge Alte in Stuttgart  mitgenommen habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Genau: Hilfe ist keine Einbahnstra\u00dfe. Aber was mir  guttut und wie ich Kontakte pflege, will ich selbst entscheiden. Dass  jemand f\u00fcr mich einkauft, nur weil ich \u00dc60 bin, finde ich merkw\u00fcrdig.  Vielleicht haben sich deshalb bei einigen Projekten mehr Helferinnen und  Helfer gemeldet als Hilfebed\u00fcrftige.<br><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Text:&nbsp;Cornelia Coenen-Marx, 27.8.20, chrismon September 2020, chrismon Plus September 2020, Zur Rubrik: Standpunkt Cornelia Coenen-Marx \u00fcber Altersdiskriminierung w\u00e4hrend Corona Anne-Marie&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=5544\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":482,"menu_order":84,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-5544","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/5544"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5544"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/5544\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5545,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/5544\/revisions\/5545"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/482"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5544"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}