{"id":552,"date":"2015-02-20T15:57:59","date_gmt":"2015-02-20T15:57:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=552"},"modified":"2015-07-29T10:22:49","modified_gmt":"2015-07-29T10:22:49","slug":"wandel-und-chancen-der-zivilgesellschaft","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=552","title":{"rendered":"Wandel und Chancen der Zivilgesellschaft"},"content":{"rendered":"<p><strong>1. Engagement, das begeistert<br \/>\n<\/strong>\u201eDeutschland bedankt sich f\u00fcr Engagement, das begeistert\u201d \u2013 so war die Einladung zu einer Veranstaltung des Bundesministeriums zur Arbeit und Soziales zur Verleihung von Ehrenamtspreisen vor wenigen Wochen \u00fcberschrieben. In dem sch\u00f6n gestalteten kleinen Heft wurden Tafeln und Mittagstische genauso vorgestellt wie ein Projekt f\u00fcr Stra\u00dfenkinder oder die Quartiersarbeit. Im Rampenlicht standen dabei einzelne Personen: Initiatoren, Gr\u00fcnderinnen, Stifter. Menschen, die etwas \u00e4ndern wollen. So hat ja soziale Innovation immer begonnen: mit einzelnen Menschen, die die Initiative ergriffen haben, mit Wichern und Kolping, mit Oberlin und Bodelschwingh, Cecily Sounders und Karl-Heinz B\u00f6hm. Die gro\u00dfen Verbandsd\u00e4cher, die uns so vertraut sind, wie Diakonie, Caritas oder AWO, sind daraus \u00fcberhaupt erst erwachsen. In den letzten Jahren hatten manche den Eindruck, als w\u00e4ren die Dachst\u00fchle inzwischen marode \u2013 weil dem Sozialstaat, vor allem aber den Kommunen, das Geld ausgeht, vielleicht aber auch, weil zu viele sich darauf verlassen haben, dass alles schon f\u00fcr sie geregelt wurde. Jetzt aber wird durch die Balken der sozialstaatlichen Konstruktionen hindurch das zivilgesellschaftliche Engagement wieder erkennbar, das der Kern aller Wohlfahrt ist:<\/p>\n<p>Ob es um die Zukunft der Pflege geht oder um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, um die Inklusion behinderter Menschen oder um Armutsbek\u00e4mpfung: Subsidiarit\u00e4t muss in Zukunft so gestaltet werden, dass professionelle soziale Dienste b\u00fcrgerschaftliches Engagement st\u00fctzen und dabei m\u00f6glichst Partner und Sponsoren in der Wirtschaft finden. Ehrenamtliche sind die \u201eDetektoren\u201d f\u00fcr neue soziale Notlagen und offene gesellschaftliche Fragen, sie bilden die Br\u00fccke zwischen Nachbarschaft und professionellen Dienstleistern, sorgen f\u00fcr Zusammenhalt der Institutionen und Menschen im Quartier.. Was w\u00e4ren Tageseinrichtungen und Schulen ohne ehrenamtliches Engagement? Was die Palliativstationen und Hospize ohne die Bereitschaft von Menschen, sich Sterblichkeit aktiv zu stellen, um das Leben neu zu entdecken? Wie s\u00e4he die Integration behinderter Kinder aus ohne den wunderbaren Einsatz der Eltern, die sie zur trotz vieler schmerzhafter Erfahrungen zur Welt gebracht und erzogen haben? Wer w\u00fcrde die Alzheimer-Erkrankung zum gesellschaftlichen Thema machen, wenn nicht die Angeh\u00f6rigen? Die neuen sozialen Bewegungen von der Hospizbewegung bis zur Tafelbewegung zeigen: L\u00e4ngst sind Menschen in diese Richtung unterwegs. Sie schlie\u00dfen sich zusammen &#8211; quer zu den alten, konfessionell oder weltanschaulich gepr\u00e4gten Verb\u00e4ndestrukturen. Zum Teil von Sponsoren aus der Wirtschaft unterst\u00fctzt, wie bei der Tafelbewegung, geben sie auch Kirche und freie Wohlfahrtspflege neue Anst\u00f6\u00dfe.<\/p>\n<p>Die innovative Kraft b\u00fcrgerschaftlichen Engagements soll in diesem Jahr in ganz besonderer Weise in den Mittelpunkt gestellt werden. 2011 ist das europ\u00e4ische Jahr der Freiwiligent\u00e4tigkeit. Und ich hoffe, dass immer mehr Menschen auch f\u00fcr sich entdecken, dass Geben gibt. \u201eGeben gibt\u201c ist \u00fcbrigens der Titel des deutschen Engagementpreises, den das Familienministerium vor drei Jahren ins Leben gerufen hat. Auch diese Preistr\u00e4ger wurden im Dezember geehrt \u2013 und ich erinnere mich an die inspirierende Veranstaltung in Berlin: Da war der Unternehmer, der selbst einen Konkurs erlebt hatte und dann in die Offensive gegangen war \u2013 mit Gruppen, in denen Menschen einander auf die Beine helfen, damit sie ihre zweite Chance ergreifen. Da war der t\u00fcrkische Lehrer aus Kreuzberg, der Integrationsprogramme f\u00fcr t\u00fcrkische M\u00e4nner entwickelt hat. Oder die Jugendlichen von \u201eSch\u00fcler helfen leben\u201c. Jeder einzelne von ihnen von der Idee \u00fcberzeugt, f\u00fcr die er stand. Geben gibt.<\/p>\n<p><strong> 2. Geben gibt<\/strong><\/p>\n<p>In den 80er Jahren haben wir in einer M\u00f6nchengladbacher Kirchengemeinde einen so genannten \u201eGemeindeladen\u201c gegr\u00fcndet &#8211; einen Stadtteilladen mit B\u00fccherei und Cafe, mit Kleiderkammer und Sozialberatung, der von einem gro\u00dfen ehrenamtlichen Team zusammen mit einer hauptamtlichen Sozialp\u00e4dagogin gef\u00fchrt wurde. Ich werde nicht vergessen, wie viele Menschen sich dort meldeten, um mitzumachen &#8211; Frauen, die gern f\u00fcr andere Kaffee ausschenkten, anderen, die es liebten, jemandem in der Kleiderkammer herauszusuchen, was ihm wirklich stand. Tats\u00e4chlich hatte ich bei den Teamsitzungen im \u201eGemeindeladen\u201c oft die Werke der Barmherzigkeit vor Augen, die Diakonie ganz elementar beschreiben:<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Hungrige speisen, Kranke besuchen, Nackte kleiden, Durstigen zu trinken geben, G\u00e4ste beherbergen. In diesen einfach menschlichen Begegnungen k\u00f6nnen wir existenzielle, ja, religi\u00f6se Erfahrungen machen. Denn die Ersch\u00fctterung durch die Bed\u00fcrftigkeit anderer erinnert uns an die Bed\u00fcrftigkeit unserer eigenen Seele; an das innere Kind, die eigene Armut, den Bettler in uns.<\/p>\n<p>Wer anderen so begegnet, lernt, das eigene Leben mit anderen Augen zu sehen, und Belastungen ins Verh\u00e4ltnis zu den eigenen Chancen zu setzen. Er findet Zugang zu den eigenen Kraftquellen, weil er lernt, die eigenen Gaben einzubringen. Selbst gr\u00f6\u00dfte \u00e4u\u00dfere Belastungen \u00e4ndern nichts an dieser Grunderfahrung. Victor Frankl, ein j\u00fcdischer Psychotherapeut, hat im Konzentrationslager die Entdeckung seines Lebens gemacht. Alles h\u00e4ngt davon ab, sagt er, ob wir einen Sinn in unserem Leben und auch in unserem Leiden finden. Am Ende kommt es darauf an, ob unser Leben Bedeutung f\u00fcr andere hat \u2013 und sei es nur f\u00fcr einen Menschen, den wir lieben. Es kommt darauf an, dass wir unseren Beitrag leisten \u2013 uns sei er noch so klein &#8211; damit G\u00fcte und Gerechtigkeit sich ausbreiten. Wer darauf schaut, so Frankls Erfahrung, ertr\u00e4gt auch Dem\u00fctigungen, an denen andere zerbrechen. Wir sch\u00f6pfen Lebensmut daraus, dass wir nicht nur f\u00fcr uns selber leben, dass wir unsere Talente einbringen. \u201eLebe Dein Leben. Lebe es so, als l\u00e4ge ein Segen auf ihm. Versuche Dein Gl\u00fcck, damit Du Dein Talent nicht in der Erde vermodern l\u00e4sst.\u201c, schreibt der Dichter John Updike.<\/p>\n<p>Geben gibt. Wenn wir uns ehrenamtlich engagierten, geben wir Zeit f\u00fcr eine Aufgabe, die uns am Herzen liegt. Alle Versuche, dieses Engagement zu stark einzuhegen und zu kanalisieren, um es effektiver zu gestalten, sto\u00dfen deshalb an Grenzen. Wenn ehrenamtliches Engagement den R\u00fcckgang an hauptamtlich Mitarbeitenden auffangen soll, entstehen leicht \u00dcberforderungssituationen. Wenn Ehrenamtliche mit Ein-Euro-Jobbern und 480-Euro-Kr\u00e4ften zusammenarbeiten, bekommen sie schnell das Gef\u00fchl, der \u201ebillige Jakob\u201c des Sozialstaats zu sein. Ehrenamtlich Engagierte brauchen eigene Gestaltungsm\u00f6glichkeiten, sie wollen ihre Interessen und Kompetenzen einbringen, sich bilden und neue Kompetenzen entwickeln und dabei Erfahrungen machen, die ihnen auch in anderen Lebensbereichen zugutekommen.<\/p>\n<p>Vor kurzem erschien der 3. Freiwilligensurvey der Bundesregierung, der auf repr\u00e4sentativen telefonischen Interviews mit 20.000 Befragten beruht. Entsprechende Untersuchungen wurden bereits 1999 und 2004 durchgef\u00fchrt, um das ehrenamtliche Engagement in Deutschland quantitativ und auch qualitativ beschreiben zu k\u00f6nnen und dadurch Entwicklungen aufzuzeigen. Die neue Untersuchung zeigt: die Bereitschaft, sich zu engagieren w\u00e4chst \u2013 und auch das Image des Ehrenamtlichen Engagements ist gestiegen. Die Arbeitsverdichtung, die viele Menschen erleben, und die Tatsache, dass viele j\u00fcngere in der so genannten \u201eRush hour\u201c des Lebens kaum Zeit finden f\u00fcr ehrenamtliches Engagement, weil sie Karriere machen und mobil sein m\u00fcssen \u2013 wird ausgeglichen durch immer mehr \u00e4ltere Engagierte und auch durch engagierte Familien.<\/p>\n<p>Die Untersuchung zeigt aber auch einen deutlichen Wertewandel: das Ende der Spa\u00dfgesellschaft \u2013 eine Bewegung hin zur Wir-Orientierung. Menschen engagieren sich ganz bewusst f\u00fcr das Gemeinwohl. Nicht im Sinne eines selbst vergessenen Altruismus, sondern in dem Bewusstsein, dass es uns selbst etwas bringt, wenn wir etwas sinnvolles tun \u2013 n\u00e4mlich Freude, Lebenssinn, aber auch Kompetenzen und Qualifikation. Dabei ist die Frage, welche Qualifikation das Ehrenamt bringt und ob es auch einen beruflichen Nutzen hat, nat\u00fcrlich f\u00fcr J\u00fcngere wichtiger als f\u00fcr \u00c4ltere. Wer inzwischen in der dritten Lebensphase ist, dem macht es vielleicht Freude, seine erworbenen Qualifikationen an J\u00fcngere weiter zu geben, sich in einem Senior-Service zu engagieren oder auch Kinder und Jugendliche mit einer Lesepatenschaft oder einer Ausbildungsbegleitung zu unterst\u00fctzen. Vor allem den \u00c4lteren ist es sehr wichtig, dass ehrenamtliches Engagement die Chance bietet, auch mit anderen Generationen zusammen zu arbeiten und einfach mitzubekommen und mitzugestalten, was sich an Neuem entwickelt. Ehrenamt \u2013 das hei\u00dft eben auch, mitten im Leben zu stehen. An den Brennpunkten, in sozialen Einrichtungen oder auch im Bildungsbereich. Der Gerontologe Andreas Kruse meint, dass es an der Zeit ist, Produktivit\u00e4t in unserer Gesellschaft neu zu definieren. Zur Produktivit\u00e4t geh\u00f6rt n\u00e4mlich auch die Auseinandersetzung mit Verlusten, mit Scheitern und Endlichkeit. \u00a0Gerade nach der Erwerbst\u00e4tigkeit ist eine ehrliche Auseinandersetzung mit Scheitern und Grenzsituationen m\u00f6glich. Davon profitieren nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch ihre Angeh\u00f6rigen und Freunde. Daraus erwachsen neue Kr\u00e4fte f\u00fcr unsere Gesellschaft \u2013 die F\u00e4higkeit zur Selbstverantwortung und Mitverantwortung.<\/p>\n<p><strong> 3. Die neue Suche nach Heimat<\/strong><\/p>\n<p>Und noch etwas Spannendes l\u00e4sst sich entdecken bei der Lekt\u00fcre des 3. Freiwilligensurveys: es gibt eine neue Suche nach Heimat. Der \u00f6ffentliche Raum, die Nachbarschaft, der Stadtteil, das Dorf wird wieder wichtiger, denn die gestiegene Mobilit\u00e4t d\u00fcnnt die famili\u00e4ren Netze vor Ort aus. Die Unterst\u00fctzungsleistung im engeren Umfeld sind in den letzten 10 Jahren von 74% auf 64% gesunken. Private Kontaktnetzen und Freundeskreise vor Ort werden schw\u00e4cher. Das ist ein wichtiger Grund daf\u00fcr, dass eben auch Neuzugezogene sich in der Nachbarschaft engagieren, in Elterninitiativen mitmachen oder sogar neue Vereine gr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Die Familienzeitschrift \u201enido\u201c wie Nest erz\u00e4hlt in einer ihrer Titelgeschichten, wie junge Eltern Stadtteilpolitik machen. Wer kleine Kinder hat, sucht nach haltenden Nachbarschaften und Menschen, die unkompliziert bereit sind, gemeinsame Interessen wahrzunehmen. Aber auch, wer \u00e4lter wird, sucht einen Platz, an dem er nicht vereinsamt, wo kulturelle und soziale Angebote nahe liegen, wo der Kontakt zu anderen Generationen erhalten bleibt. Letztlich sucht jeder von uns einen Ort, wo die eigenen F\u00e4higkeiten und Begabungen zum Tragen kommen k\u00f6nnen. Wo man uns wiedererkennt, wo wir Menschen treffen, mit denen wir uns verst\u00e4ndigen k\u00f6nnen, ohne immer wieder von vorn anzufangen. Wir w\u00fcnschen uns einen Lebensraum, dessen Rhythmen und Symbole wir uns erschlossen haben. Eine Nachbarschaft, in der man einander hilft. Eine Stammkneipe, wo man uns begr\u00fc\u00dft. Heimat. Was allen in die Kindheit scheint und wo noch keiner war, wie Ernst Bloch es ausgedr\u00fcckt hat. Wie stark diese Suche ist, dass sieht man daran, wo sich heute zivilgesellschaftliche B\u00fcndnisse festmachen: Gorleben, Hamburg, Stuttgart 21 \u2013 das sind B\u00fcrgerbewegungen, die sich an einem Ort kristallisieren.<\/p>\n<p>Von einer Spaltung der Gesellschaft ist in j\u00fcngster Zeit immer h\u00e4ufiger die Rede \u2013 nicht nur im Blick auf die zunehmende Spreizung der Einkommen, die Trennung in Bildungsgewinner und Bildungsverlierer, sondern auch im Blick auf unterschiedliche ethnische Gruppen, Migranten und Autochthone. W\u00e4hrend die Anforderungen an Mobilit\u00e4t wachsen, nimmt zugleich die Bedeutung der Herkunft zu. Schichtzugeh\u00f6rigkeit und ethnisches Herkommen bestimmen in Deutschland nach wie vor den Bildungserfolg, die gesundheitliche Versorgung, den gesellschaftlichen Aufstieg. L\u00e4ngst k\u00f6nnen wir auf Karten verfolgen, wie die soziale Segmentierung sich ausweitet. Auch zum Ehrenamt finden bisher vor allem diejenigen einen Zugang, die finanziell abgesichert, gebildet und famili\u00e4r gebunden sind. Denn Ehrenamt scheint in gewisser Weise voraus zu setzen, was es schafft: einen gewissen finanziellen R\u00fcckhalt, soziale Netze und Kompetenzen.<\/p>\n<p>Die F\u00f6rderung \u201eder sozialen und kulturellen Netzwerke\u201c im Stadtteil ist inzwischen auch Thema der Stadtentwicklung geworden. So spricht die \u201eLeipzig-Charta\u201c von 2007 von \u201eintegrierter Stadtentwicklung\u201c \u2013 hin zur nachhaltigen europ\u00e4ischen Stadt. \u201eWie m\u00fcssen die Institutionen beschaffen sein\u201c, fragen die Stadtplaner, \u201edamit sie es den in ihnen lebenden Individuen erm\u00f6glichen, sich \u2013 als Handelnde \u2013 mit ihnen zu identifizieren? Wie sehen soziale Institutionen aus, die man als \u00b4Verk\u00f6rperung\u00b4 von Freiheit verstehen k\u00f6nnte?\u201c Heimat in einer mobilen Welt, das wird darin deutlich, m\u00fcssen wir \u00a0gemeinsam schaffen. Wer anderen in diesem Sinne Heimat geben will, eine offene Herberge, der muss sich allerdings zun\u00e4chst selbst als Teil des Gemeinwesens erleben \u2013 das unterscheidet Kirchengemeinden nicht von Schulen und Betrieben, Sportvereinen und Einzelhandelsgesch\u00e4ften.<\/p>\n<p><strong> 4. Ehrenamt ist \u201eEmpowerment\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Ein wichtiger Gewinn ehrenamtlicher Arbeit besteht in Beziehungen und Kompetenzerweiterung. \u00dcber das Ehrenamt werden neue Netze gekn\u00fcpft, entstehen neue Zugangsqualifikatione. Damit hilft ehrenamtliches Engagement, \u00dcberg\u00e4nge zu gestalten \u2013 von der Jugendarbeit in den Beruf, von der Erwerbsarbeit in die Familienphase und wieder zur\u00fcck, sp\u00e4ter dann in die dritte Lebensphase. Seitenwechsel zwischen beruflicher und ehrenamtlicher T\u00e4tigkeiten werden immer normaler. Ehrenamtliche verstehen sich heute eben nicht mehr als \u201eHelfer von Wohlfahrtsorganisationen\u201c; sie wollen sich professionell und effektiv einbringen. Viele von ihnen sind selbst berufst\u00e4tig: Und immer h\u00e4ufiger beendet ihre berufliche Mobilit\u00e4t ein lieb gewordenes Engagement \u2013 aber die Bereitschaft, sich immer wieder neu zu engagieren, w\u00e4chst. Wer einmal gute Erfahrungen gemacht hat, wer seine Gaben und Kompetenzen einbringen konnte, der bleibt dran.<\/p>\n<p>Dazu braucht es Freiraum f\u00fcr eigene Gestaltungsm\u00f6glichkeiten und f\u00fcr ein zugleich sinnvolles, wie selbstbewusstes Tun, das in der Erwerbsarbeit ja so oft vermisst wird. Vereine und Verb\u00e4nde, die h\u00e4ufig noch eher auf ein langfristiges Engagement ausgerichtet sind, werden sich auf diese Ver\u00e4nderung einstellen m\u00fcssen. Und auch darauf, dass es f\u00fcr die neuen Ehrenamtlichen sehr wichtig ist, ihre Zeit und ihren Einsatz planen zu k\u00f6nnen. Es braucht also eine neue Klarheit der Rollen und Strukturen, der Ziele und Methoden von Ehrenamtsorganisationen. Dabei m\u00fcssen die Selbstorganisation der Ehrenamtlichen, ihre Beteiligung, Vernetzung und Nachhaltigkeit gewollt sein und gef\u00f6rdert werden. \u201eEmpowerment\u201c hei\u00dft das neue Zauberwort. Wir m\u00fcssen uns dar\u00fcber klar sein, dass b\u00fcrgerschaftliches Engagement letztlich immer Institutionen- und Einrichtungs\u00fcbergreifen ist. Der Freiwilligensurvey zeigt: die einzelnen Engagierten, sind in der Regel in mehreren Organisationen aktiv: in Schule und Sportverein, in Kirche und Nachbarschaft. Sie \u201egeh\u00f6ren\u201c keiner Organisation &#8211; im Gegenteil: sie sind es, die den Kern aller Wohlfahrt bilden. Ehrenamtliche sind Mahner und W\u00e4chter, wo neue Problemlagen auftauchen, b\u00fcrokratische Hemmnisse die Hilfe erschweren oder die fortschreitende \u00d6konomisierung die Schw\u00e4chsten allein l\u00e4sst. So w\u00e4chst die Zahl der Engagierten in der Tafelbewegung stetig, und auch in der Hospizbewegung sind immerhin 80.000 B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger aktiv.<\/p>\n<p>Immer h\u00e4ufiger surfen sie auch \u00a0im Internet, um einen guten Ort f\u00fcr ihr Engagement zu finden oder sich mit anderen zusammen zu tun. Ganz selbstverst\u00e4ndlich erwarten viele Fortbildungsangebote und Kostenerstattung, wenn sie sich in einer Organisation engagieren. Und auch Firmen und Unternehmen haben eine neue Rolle als Initiatoren und Unterst\u00fctzer ehrenamtlichen Engagements. Und damit es gelingt, Menschen zu erreichen, die sich noch nicht engagieren, braucht es auch neue Wege. Freiwilligenagenturen, Seniorenb\u00fcros oder auch betriebliche Programme. Es braucht Ehrenamtsmessen und Ehrenamtstage.<\/p>\n<p><strong> 5. Halt und Orientierung<\/strong><\/p>\n<p>Johann Hinrich Wichern, der sich daf\u00fcr einsetzte, dass die Kirche seiner Zeit aus einer \u201eobrigkeitlichen Anstalt\u201c zur geschwisterlichen Gemeinschaft wurde, sah die wichtigsten Potenziale zur Ver\u00e4nderung in Verb\u00e4nden, Stiftungen und Vereinen. \u201eNetzwerke der Liebe\u201c nannte er sie. Wichern wollte endlich ernst machen mit dem \u201ePriestertum aller\u201c. Jeder sollte seine eigene Berufung finden, die eigenen Gaben entdecken und einsetzen und damit der Gemeinschaft zu dienen \u2013 gleich, ob beruflich oder eben im freiwilligen Engagement, gleich ob in der Kirche oder in der Gesellschaft. Genau darum geht es auch, wenn wir heute von der B\u00fcrgergesellschaft reden- wir wollen ernst machen mit der Verantwortung und dem Engagement aller. Die EKD-Synode zum Ehrenamt von 2009 hat diesen Impuls aufgenommen: \u201eEhrenamtliches Engagement ist ein zentraler Ausdruck des Glaubens\u201c hei\u00dft es in der Kundgebung der Synode und es ist \u201eunersetzlich f\u00fcr den Zusammenhalt einer Gesellschaft. Gerade ein sich immer st\u00e4rker ausdifferenzierendes und individualisierendes Gemeinwesen ist auf dieses Engagement angewiesen. Soziale Netzwerke geben Menschen Halt und Orientierung.\u201c<\/p>\n<p>Genau daran arbeiten auch Sie mit. Und daf\u00fcr m\u00f6chte ich Ihnen heute im Namen der Evangelischen Kirche in Deutschland herzlich danken. Ich bin \u00fcberzeugt, dass viele hier sind, die einen Preis von \u201eGeben gibt\u201c verdient h\u00e4tten. Vielleicht schlagen Sie das n\u00e4chste Mal Ihren Nachbarn oder Ihre Nachbarin vor.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Matth. 25, 31ff.<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. 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