{"id":549,"date":"2015-02-20T15:53:10","date_gmt":"2015-02-20T15:53:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=549"},"modified":"2015-07-29T10:22:05","modified_gmt":"2015-07-29T10:22:05","slug":"zukunftsfaehige-marktwirtschaft-aufbau-von-vertrauenskapital","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=549","title":{"rendered":"Zukunftsf\u00e4hige Marktwirtschaft: Aufbau von Vertrauenskapital"},"content":{"rendered":"<p><strong><br \/>\n<\/strong><strong>1. Zerst\u00f6rtes Vertrauen<br \/>\n<\/strong>Vor kurzem habe ich den international ausgezeichneten Kurzfilm \u201eBalance\u201c gesehen, der eindrucksvoll zeigt, was geschieht, wenn Achtsamkeit und wechselseitige Verantwortung sich ein catch as catch can verwandelt. Sie kennen den Film vielleicht: Eine kleine Gruppe von Trickfiguren balanciert auf einem frei schwebenden, wippenden Brett. Geht der eine nach vorn, muss ein anderer Ausgleich schaffen. Ein selbstverst\u00e4ndlicher, unauff\u00e4lliger Mechanismus- bis das jemand eine schwere Kiste ins Spielfeld schiebt, die sofort das Interesse aller erweckt. Man spielt mit der Kiste, schubst sie hin und her, entdeckt, dass aus der Kiste Musik kommt, versucht, sie zu \u00f6ffnen. Unmerklich wird aus dem Spiel ein Kampf, am Ende ein Kampf aller gegen alle. Man schubst und dr\u00e4ngelt, st\u00f6\u00dft andere \u00fcber den Rand. Schlie\u00dflich gewinnt der St\u00e4rkste und Geschickteste. Er h\u00e4lt die Balance und steht am Ende allein auf dem Brett \u2013 allein mit der Kiste. Die \u00a0allerdings steht auf der anderen Seite des Schwebebrettes und w\u00fcrde unweigerlich verlorengehen, wenn er sich bewegt. So bleibt ihm der Gewinn versagt.\u00a0 Und, was vielleicht das schlimmste ist \u2013 er bleibt allein.<\/p>\n<p>\u201eDer Mensch hat nur als Gemeinschaftswesen eine Chance zu \u00fcberleben, nicht als heroischer Individualist und stoischer Egoist, scheibt der Publizist Jost Herbig in seinem Buch \u201eAm Anfang war das Wort\u201c. Die wirklich gro\u00dfen Fortschritte, davon ist er \u00fcberzeugt, wurden durch Kooperation m\u00f6glich und nicht nur Kampf. Selbst die gro\u00dfen Eroberer, so Herbig, konnten ihre Eroberungen nur halten, wenn sie die Kultur der anderen aufnahmen und von ihnen lernten. Das galt f\u00fcr die Eroberungsfeldz\u00fcge der Araber genauso wie es heute f\u00fcr Fusions- und \u00dcbernahmeprozesse von Firmen gilt.<\/p>\n<p>Die moderne Wirtschaft ist in ihrem Kern angetrieben durch das Eigeninteresse und die Selbstverwertung des Kapitals. Wo jedoch die Shareholder \u2013Value- Orientierung eine solche Bedeutung gewinnt, dass die Interessen der Arbeitnehmer und Verbraucher in den Hintergrund treten, erodiert das Vertrauen, das wirtschaftliches Handeln im Ganzen tr\u00e4gt. Wenn ein amerikanischer Arbeiter \u00fcberredet wurde bei einem Jahreseinkommen von 15.000 Dollar ein Haus f\u00fcr 750.000 Dollar zu \u201efinanzieren\u201c , war nicht zu erwarten, dass der k\u00fcnftige Immobilienmarkt solche Transaktionen \u201efinanzieren werde\u201c. Birger Priddat nannte ein solches Versprechen k\u00fcrzlich bei einer Tagung zur Sozialen Markwirtschaft in Schwanenwerder \u201eden Ausfluss einer irrwitzigen Metaphysik der Effizienz, einer Fiktion des Glaubens an die starke Wachstumswirtschaft.\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Wenn Banker ahnungslosen Anlegern intelligente Wertpapiere verkauft h\u00e4tten, die solche Kredite enthielten, ohne die hohen Risiken zu erw\u00e4hnen, dann k\u00f6nne man nicht mehr von einem ordentlichen Gesch\u00e4ft sprechen- ein solches Verhalten lasse jede Haltung vermissen und habe das Vertrauen zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Wo sich wirtschaftliches Handeln von seiner sozialen Verantwortung l\u00f6st, schwindet das Vertrauen in die Wirtschaft. Genau das ist nicht erst aktuell, sondern schon in den letzten Jahren unter dem Druck der Globalisierung und mehr noch durch die Freisetzung eines globalen Finanzmarkts und dessen Entkoppelung von der realen Wirtschaft geschehen. Zerst\u00f6rtes Vertrauen ist das gr\u00f6\u00dfte Problem der aktuellen Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise-\u00a0 und zwar auf allen Ebenen: mangelndes Vertrauen der B\u00fcrger in das Management von Banken und Wirtschaft, zerst\u00f6rtes Vertrauen von Mitarbeitenden in die Konzernf\u00fchrung wie gerade bei General Motors, fehlendes Vertrauen von Banken untereinander, das den Geldverkehrt l\u00e4hmt und dem Mittelstand zu schaffen macht. Das Vertrauen in die Finanzm\u00e4rkte wieder herzustellen, ist f\u00fcr die Finanzierung von Unternehmen entscheidend. \u201eHierzu ist eine gr\u00f6\u00dfere Transparenz des Geschehens auf den Finanzm\u00e4rkten, vor allem durch Selbstverpflichtungen der institutionellen Marktteilnehmer und eine internationale Vereinheitlichung der Bankenaufsicht notwendig\u201c, hei\u00dft es im Wort des Rates zur globalen Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise.<a name=\"_ftnref2\"><\/a><a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p><strong>2. Vertrauen als Motor<br \/>\n<\/strong>\u201eDie Bildung wirtschaftlichen Kapitals setzt auch moralisches Kapital voraus, da Vertrauen und Fairness untrennbar zu einer erfolgreichen Wirtschaft geh\u00f6ren\u201c, stellt die Denkschrift \u201eUnternehmerisches Handeln in ethischer Perspektive\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> fest, die der Rat der EKD im Sommer 2008 herausgab, als die Finanzkrise nur f\u00fcr Insider erkennbar war.\u201c Misstrauen und Unfairness f\u00fchren zu Kontrollmechanismen, die teuer sind und doch oft umgangen werden k\u00f6nnen. Damit sich Vertrauen einstellt, muss es als solches wertgesch\u00e4tzt werden. Wenn die Gesch\u00e4ftswelt ohne moralischen Kompass arbeitet, dann schwindet\u00a0 das moralische Kapital der Gesellschaft, das auch f\u00fcr ihr eigenes Handeln unabdingbar ist..\u201c Vertrauen ist tats\u00e4chlich eines der Schl\u00fcsselw\u00f6rter dieser Denkschrift.<\/p>\n<p>Und es ist zugleich ein Schl\u00fcsselfaktor in der globalen Wirtschaft. In seinem US-Bestseller \u201e Schnelligkeit durch Vertrauen\u201c nennt Stephen M.R. Covey Vertrauen die untersch\u00e4tzte \u00f6konomische Macht.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Vertrauen, macht er klar, ist keineswegs nur ein weicher Faktor, es hat unmittelbare Auswirkungen auf Kosten und Geschwindigkeit von Prozessen. Am Beispiel der Flughafenkontrollen nach den Anschl\u00e4gen von 9\/11 zeigt er, dass mangelndes Vertrauen eine immense Zunahme Kontrollen und B\u00fcrokratie und damit erhebliche Zeitverz\u00f6gerungen mit sich brachte. Mangelndes Vertrauen, meint er, f\u00fchre eben nicht nur zu einem schlechtem Klima, sondern auch zu autorit\u00e4ren Strukturen und komplexen Hierarchien, zu langwierigen Entscheidungsprozessen und \u00fcberzogenem Mikromanagement.<\/p>\n<p>Covey spricht von 5 Wellen des Vertrauens, die sich voneinander ableiten, wie die Ringe, die entstehen, wenn man einen Stein ins Wasser wirft: Selbstvertrauen, Beziehungsvertrauen, Organisations-Vertrauen, Markt-Vertrauen und Vertrauen in die Gesellschaft. Das Schl\u00fcsselprinzip f\u00fcr Selbstvertrauen ist die F\u00e4higkeit, Versprechen zu geben und sich daran zu halten \u2013 und damit ganz im Sinne von Hannah Arendt glaubw\u00fcrdig Zukunft zu gestalten. Beziehungsvertrauen entsteht durch ein solches glaubw\u00fcrdiges und schl\u00fcssiges Verhalten, durch das wir bei anderen im \u00fcbertragenen Sinne Kredit gewinnen. Organisationsvertrauen entsteht durch eine konsistente und glaubw\u00fcrdige Ausrichtung der Organisation an Glaubw\u00fcrdigkeit, Leistung und Fairness.\u00a0 Die Reputation des Unternehmens, die ein Unternehmen auf diese Weise gewinnt, der Ruf der Marke, schafft das notwendige Marktvertrauen. Jeder wei\u00df; wo Widerspr\u00fcche zwischen Markenversprechen und Firmenverhalten auftreten \u2013 eine Sportartikelfirma mit Sweatshops arbeitet, ein internationales Unternehmen durch Korruption auff\u00e4llt, ein Energieerzeuger die Umwelt zerst\u00f6rt \u2013 da leiden mit dem Marktvertrauen auch die Gesch\u00e4fte.\u00a0 Das ist der Grund, warum gro\u00dfe Finanzunternehmen Vertrauen als obersten Wert in ihren Ethikkodices f\u00fchren. Letztlich m\u00fcssen sie darauf achten, nicht nur bei den Kunden im Markt, sondern auch in den Gesellschaften, in denen sie arbeiten, Vertrauen zu schaffen \u2013 Gesellschaftsvertrauen<strong>. <\/strong>Daf\u00fcr ist es notwendig zum einen sinnvolle Beitr\u00e4ge zu leisten wie das in CSR-Programmen, oder besser in nachhaltigen Wertsch\u00f6pfungsketten, geschieht, aber auch die ethischen Werte einer Community zu achten und zu respektieren. Gesellschaftsvertrauen ist deshalb letztlich nicht herzustellen ohne das Wissen um andere Kulturen und Religionen.<\/p>\n<p>Covey bricht diese grunds\u00e4tzlichen \u00dcberlegungen in mehreren Kapiteln auf das Verhalten in der Wirtschaft herunter. Wer Beziehungsvertrauen herstellen wolle, das sei im Unternehmen nicht anders als in Freundschaft und Familie, brauche Ehrlichkeit und Respekt, m\u00fcsse Transparenz herstellen, loyal sein und Verantwortung \u00fcbernehmen. Aus europ\u00e4ischer Sicht mag diese schnelle Gleichsetzung von pers\u00f6nlichem mit professionellen Vertrauen eine \u00dcberdehnung sein \u2013 unterscheiden wir doch sauber zwischen Identit\u00e4tsvertrauen und Expertenvertrauen oder Organisationsvertrauen, vor allem aber nat\u00fcrlich zwischen Gottvertrauen und Vertrauen in Menschen und nehmen damit die Reflexion der Gebrochenheit und Fehlbarkeit des Menschen schon in unser Nachdenken \u00fcber Vertrauen auf. Vertrauen braucht deswegen Regeln. Und dennoch k\u00f6nnen Regeln, Ratings und Zahlen Glaubw\u00fcrdigkeit und Vertrauen nicht ersetzen.<\/p>\n<p><strong>3. Gerechte Rahmenbedingungen \u2013 Vertrauen braucht Realismus<\/strong>Die Frage nach verantwortlichem wirtschaftlichem Handeln ist in der theologischen Tradition in den Gerechtigkeitsdiskurs eingebettet, in dem zum einen mit justitia legalis und justitia distributiva die Beziehungen zwischen dem Einzelnen und dem Staat, dann aber die Beziehungen zwischen den Mitgliedern einer Gesellschaft gestaltet werden.\u00a0 Die ausgleichende Gerechtigkeit (iuistitia commutativa) , um die es dabei geht, umfasst auch das Gebot der Fairness in den Marktbeziehungen. Johannes Calvin, der sich in der Reformationszeit besonders intensiv mit den Fragen von Wirtschaft und Handel auseinandergesetzt hat, beschreibt unseren modernen Begriff der Fairness mit der Erwartung, dass der einzelne im Sinne der Billigkeit ( aequitas ) gerecht und verantwortlich handelt , dass er also das Recht des anderen achtet und wahrt und in all seinem Handeln nicht nur den eigenen Nutzen, sondern auch Nutzen und Vorteil des anderen im Blick hat. Vertrauen ist dabei traditionell kein wesentlicher Begriff- es sei denn im Blick auf Gott.<\/p>\n<p>Damit \u201eunter den Menschen die Menschlichkeit bestehen bleibt\u201c, wie es bei Calvin hei\u00dft, m\u00fcssen nicht nur der Staat, sondern auch die Einzelnen und alle gesellschaftlichen Institutionen bereit sein, soziale Verantwortung zu \u00fcbernehmen Dabei hat der Staat \u201eunser Leben auf die Gemeinschaft der Menschen hin (zu) gestalten, unsere Sitten zur b\u00fcrgerlichen Gerechtigkeit heran\/zu)bilden, ( und )uns miteinander zusammenbringen\u201c soll (<em>Institutio IV; 20,2 und 3<\/em>). Soziale Verantwortung schafft den Raum, in dem Vertrauen wachsen kann. Dazu geh\u00f6ren auch ethische Codices und Regeln des Miteinanders. Auf der Ebene des Staates schl\u00e4gt sich Verantwortung in gerechten Rahmenbedingungen nieder.<\/p>\n<p>Auf dem Boden dieser Tradition sind die Grundprinzipien der Sozialen Marktwirtschaft entwickelt worden. Walter Eucken, Alfred M\u00fcller-Armack und die Freiburger Schule wollten durch eine gestaltete Wettbewerbsordnung f\u00fcr eine effektive Wirtschaft sorgen und gleichzeitig durch eine stabile Sozialordnung sozialen Frieden gew\u00e4hrleisten. Leitend war die Orientierung an dem christlichen Menschenbild, das Freiheit und Solidarit\u00e4t, wirtschaftliches Handeln und soziale Rahmenbedingungen, das Interesse des Einzelnen und das der Gemeinschaft immer aufeinander bezogen dachte. Das Angewiesensein auf andere, das Zusammenleben und \u2013arbeiten mit anderen geh\u00f6rt dabei zur Grundbestimmung des Menschen..Kein Mensch lebt f\u00fcr sich allein; keiner kann nur mit einer Schatzkiste \u00fcberleben. \u201eChristlicher Glaube befreit zur vertrauensvollen Kooperation mit anderen in wechselseitiger Achtung und gegenseitiger Angewiesenheit\u201c, hei\u00dft es in der Unternehmerdenkschrift.<\/p>\n<p>\u201e Was n\u00fctzte es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gew\u00f6nne, und n\u00e4hme doch Schaden an seiner Seele\u201c, sagt Jesus in der Bergpredigt. Stephen Covey zitiert dazu lieber die Vorstandsvorsitzende von XEROX, Anne Mulcany: \u201e Wer Sie sind, was Ihre Werte sind und wof\u00fcr Sie stehen. Das ist Ihr Anker. Sie werden ihn aber in keinem Buch finden, sondern nur in Ihrer Seele.\u201c Bei der Vorbereitung f\u00fcr heute habe ich den Vortrag von Birger Priddat, den ich oben zitiert habe, noch einmal nachgelesen. In der gedruckten Version habe ich leider die Passage nicht wieder gefunden, die mich beim H\u00f6ren am meisten beeindruckt hat. Priddat erz\u00e4hlte n\u00e4mlich von den Alltagserfahrungen der so genannten Harvard-Boys in den Banken an der Ostk\u00fcste. Wie sie morgens zum Apell beim Chef antraten und ihre Gesch\u00e4ftsziele f\u00fcr den Tag vereinbarten &#8211; oder sollte ich sagen vorgesetzt bekamen. Er erz\u00e4hlte von der sportlichen Lust an Wettbewerb und Gewinn und von der Angst vor dem Versagen. Man konnte die aufgeladene Nervosit\u00e4t sp\u00fcren, w\u00e4hrend er erz\u00e4hlte. Entsprechend engagiert diskutierten die Tagungsteilnehmer anschlie\u00dfend, warum so mancher auch wider bessere Einsicht mitmachte. War es die Angst, ansonsten gefeuert zu werden, die Angst vor dem Absturz, dem Imageverlust \u2013 oder die Hoffnung, dass der Staat am Ende eingreifen und die Risiken absichern w\u00fcrde? Priddat sprach in diesem Zusammenhang von einer Lotterie gegen den Staat und den Steuerzahler- und diese Beurteilung findet sich auch in der gedruckten Version. So oder so &#8211; man wird man das Gef\u00fchl nicht los, dass hier eine Gruppe f\u00fcr ihr Gl\u00fccksspiel hohe Opfer forderte- auch, aber eben nicht nur in den eigenen Reihen.<\/p>\n<p>Der eine oder andere wird solche Situationen aus dem eigenen Berufsleben kennen. Auch in der so genannten Realwirtschaft setzte man vor allem auf \u00a0Wachstum und hohe Renditen. Man nahm staatliche F\u00f6rdermittel mit, bevor man ins Ausland auslagerte wie bei Nokia und verlangte zugleich, dass der Staat seine Regulierungen zur\u00fcckn\u00e4hme- was dann ja auch geschah. Wenn nachhaltige Unternehmesf\u00fchrung eine immer geringere Rolle spielen, weil schnell hohe Gewinne erzeugt und Dividenden ausgesch\u00fcttet werden m\u00fcssen \u201ewenn &#8230; Entlassungen allein zur Erh\u00f6hung von ohnehin hohen Gewinnen vorgenommen werden &#8230; oder auch, wenn im Unternehmen ein Klima herrscht, in dem alle menschliche Kommunikation allein dem wirtschaftlichen Unternehmenszweck untergeordnet wird, dann ist die W\u00fcrde des Menschen verletzt\u201c, hie\u00df es dazu in der Denkschrift \u201eUnternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive\u201c: Und ich f\u00fcge hinzu: dann ist auch das Vertrauen der Mitarbeiterschaft zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Verantwortungslosigkeit auf allen Ebenen hat in die Krise gef\u00fchrt. Im <em>staatlichen Handeln<\/em> hielt die Aufsicht \u00fcber die Finanzm\u00e4rkte und die Regulierung der Finanzprodukte der Dynamik der M\u00e4rkte nicht Stand \u2013 und das war zum Teil strategisch gewollt und von der Finanzindustrie gefordert. In den <em>Unternehmen <\/em>griff die einseitige Orientierung an den Kapitalinteressen um sich \u2013 die Gesch\u00e4ftsziele waren deshalb vor allem auf schnelle und hohe Gewinne ausgerichtet. Und was f\u00fcr die Unternehmen \u00fcblich war, galt selbstverst\u00e4ndlich und vielleicht zuerst f\u00fcr die\u00a0 F\u00fchrungskr\u00e4fte: Alle finanziellen Anreize waren darauf ausgerichtet, m\u00f6glichst kurzfristig hohe Ertr\u00e4ge zu erwirtschaften. Die Ursachen der Krise haben ( also)\u00a0 auch eine <em>individualethische Dimension<\/em>: Die Handelnden haben ihre Freiheit vor allem zur Verwirklichung von Einzelinteressen genutzt- ohne nach den mittelfristigen Konsequenzen f\u00fcr das Unternehmen, geschweige denn nach den Konsequenzen f\u00fcr die gesamte Volkswirtschaft zu fragen. Das ist \u2013 in Kurzfassung, die Analyse, die der Rat der EKD seinem Wort zur globalen Finanz- und Wirtschaftskrise zu Grund legt.<\/p>\n<p>Wir werden jedenfalls noch lange mit unseren Steuern abzahlen, wof\u00fcr die Verantwortlichen nicht haften wollten oder konnten. Seit einem Jahr ist die Politik damit besch\u00e4ftigt, systemrelevante Teile der Wirtschaft zu sichern und Risiken zu begrenzen. W\u00e4re es da nicht grunds\u00e4tzlich gut, so fragen manche, wieder mehr auf\u00a0 risikoaverse Strukturen und Verhaltensweisen zu setzen? M\u00fcssen Unternehmen nicht wieder Charakter und Glaubw\u00fcrdigkeit belohnen statt Coolness, m\u00fcssen Verk\u00e4ufer nicht wieder mehr auf Kunden und menschliche Beziehungen setzen? Braucht es nicht eine R\u00fcckbesinnung auf die innere, ethische Ausrichtung der Unternehmen und ein neues Zusammenspiel von Kapital und Arbeit?<\/p>\n<p>Nicht zuletzt die vertrauensvolle politische Kooperation zwischen Wirtschaft und Gewerkschaften, zwischen Management und Betriebsr\u00e4ten war ein Schl\u00fcssel zur Bew\u00e4ltigung der unmittelbaren Krise. Diese Kooperation muss sich nun in der Unternehmenskultur bew\u00e4hren. Dazu geh\u00f6rt auch, dass unsere Kultur der Mitbestimmung mit den Globalisierungsprozessen Schritt h\u00e4lt \u201eDie Beteiligung von Arbeitnehmern am Wertsch\u00f6pfungsprozess berechtigt in der Tradition der Sozialpartnerschaft zur Mitbestimmung und erfordert Mitverantwortung f\u00fcr die Dynamik der Unternehmensexistenz. Mitbestimmung kann das notwendige Vertrauenskapital schaffen\u201c, hei\u00dft es dazu in der Unternehmerdenkschrift. Sie baut Vertrauen auf, schl\u00e4gt eine Br\u00fccke zwischen den verschiedenen Interessen, erm\u00f6glicht einen Perspektivwechsel, sie schafft Bindung und Mitverantwortung \u2013 und sie\u00a0 bietet die rechtlich entwickelte Chance, trust, bridging and binding, die Schl\u00fcsselbegriffe des Sozial- und Vertrauenskapitals, in der Kooperation zwischen Arbeitnehmer- und Kapitalseite umzusetzen. Gerade die j\u00fcngste Krise hat gezeigt, wie wichtig eine solche vertrauensvolle Kooperation f\u00fcr die soziale Stabilit\u00e4t ist. Im Blick auf die Beziehungen zum unmittelbaren Umfeld der Zulieferer und Kunden. Am deutlichsten wird das vielleicht im Mittelstand und im Handwerk, die mehr als andere noch verwurzelt sind in oft jahrzehntelagen Beziehungen zu ihrem unmittelbaren Umfeld.<\/p>\n<p>4. <strong>Gemeinwohl und Gerechtigkeit<br \/>\n<\/strong>\u201eFreiheit braucht Regeln\u201c, hei\u00dft es im Beschluss der EKD- Synode von Bremen vom 5.11.2008; die Synode \u00fcbte damals Kritik an mangelnder Regulierung als einer der Ursachen der Finanzkrise. Freiheit braucht Regeln und Vertrauen lebt von Kooperation. Das geh\u00f6rt zu den Grund\u00fcberzeugungen der Sozialen Marktwirtschaft. W\u00e4hrend die so genannte Unternehmerdenkschrift diese Orientierung (noch) als gegeben voraus setzt, wurde nach der Krise deutlich: das Vertrauen in diese Ordnung erodiert. Zu viele erleben die soziale Marktwirtschaft als unsozial erlebt. Allein die Tatsache, dass in Deutschland l\u00e4ngst vor der Krise ( n\u00e4mlich zwischen 2000 und 207 ) die Unternehmens- und Verm\u00f6genseinkommen nominal um 51 Prozent, w\u00e4hrend die Durchschnittseinkommen in der gleichen Zeit , wie eine DIW-Studie zeigt, um 6 Prozent gesunken sind. zeigt: es geht dabei um mehr als um eine Stimmung. Der Standortwettbewerb der globalisierten Wirtschaft hat unser Modell des dritten Weges unter Druck gebracht.<\/p>\n<p>Drei gro\u00dfe Us h\u00e4tten zur Krise gef\u00fchrt, hat denn auch Volkswirt Prof. Dr. Gustav A. Horn vom Makro\u00f6konomischen Institut der Hans-B\u00f6ckler-Stiftung letzte Woche beim Forum Kirche-Wirtschaft-Arbeitswelt der EKD in Korntal gesagt: Unvernunft im Blick auf die Risiken, Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft \u2013 etwa zwischen China und USA-, die auf Dauer destabilisieren-\u00a0 und Ungleichheit in den Gesellschaften. Im Jahr 2006\/2007 sei die Ungleichheit in unserem Land so gewachsen wie zuletzt 1927\/28.\u00a0 Die Risse in der Gesellschaft seien also schon im Vorfeld der Krise erkennbar gewesen. Hohe und wachsende Kapitalverm\u00f6gen seien auf die Finanzm\u00e4rkte gedr\u00e4ngt, w\u00e4hrend die L\u00f6hne unter dem Leistungszuwachs geblieben seien.<\/p>\n<p>Die steigende Zahl der Menschen, die auf Mindesteinkommensniveau leben \u2013 laut Armuts- und Reichtumsbericht waren es 8 Mio.,die drastische Zunahme der Besch\u00e4ftigung im Niedriglohnsektor und die Armut von Kindern, Jugendlichen und Familien sind ein Alarmzeichen. Wir wissen: Prek\u00e4re Verh\u00e4ltnisse schlagen sich im Bildungsstatus nieder \u2013 und umgekehr:; ein niedriger Bildungsstatus dr\u00fcckt sich in Armut aus. Rund 64 Prozent alle Sozialhilfeempf\u00e4nger haben keinen Schulabschluss oder sind Hauptschulabg\u00e4nger. Acht bis zehn Prozent aller Schulabg\u00e4nger verlassen die Schule ohne Schulabschluss. Weit \u00fcber eine Million Jugendliche zwischen 20 und 29 Jahren haben keine abgeschlossene Berufsausbildung. Viele davon arbeiten im Niedriglohnbereich<strong>. <\/strong>DAs ist nicht nur ein deutsches Problem. Nach einer UNICEF-Untersuchung rechnen mehr als 30 Prozent Jugendlichen der Industriestaaten in den entwickelten L\u00e4ndern damit, dass sie nur einem gering bezahlten Job nachgehen werden. Sie haben kein Vertrauen darauf, dass die Gesellschaft sie braucht. Die hohe Zahl der Jugendlichen mit Ausbildungsdefiziten l\u00e4sst bef\u00fcrchten, dass langfristig in Deutschland mit einer Armutsquote von 20% zu rechnen ist, wenn sich nichts an der Bildungsproblematik \u00e4ndert.<\/p>\n<p>Der Pr\u00fcfstein f\u00fcr eine soziale Marktwirtschaft ist aber die gerechte Teilhabe aller an den wirtschaftlichen und sozialen Prozessen. Die Mechanismen, mit denen das \u00fcber Jahrzehnte in der Bundesrepublik gew\u00e4hrleistet wurde \u2013 gesellschaftliche Kooperation verbunden mit Aufstiegsversprechen, sind offenbar br\u00fcchig geworden. Eine neue Balance muss gefunden werden. Unternehmen und Wirtschaft sind darauf angewiesen, dass das Vertrauen in gelingende Teilhabeprozesse vorhanden ist, dass junge Leute Vertrauen in die Zukunft haben und dass Leistungstr\u00e4ger \u00fcberzeugt sind, ihre Gesellschaft mit gestalten zu k\u00f6nnen. Denn die Hoffnungen, Gestaltungsspielr\u00e4ume und Wertorientierungen, die eine Gesellschaft pr\u00e4gen, spiegeln sich in der Wirtschaft wider. Unternehmen, Unternehmer und Manager haben deshalb Verantwortung f\u00fcr die Gesellschaft; sie m\u00fcssen selbst Vertrauen schaffen und darin Vorbild sein, sie m\u00fcssen, wenn sie Gewinne machen, etwas an die zur\u00fcckgeben, die ihren Erfolg erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>5. <strong>Das Wort des Rates der EKD zur globalen Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise<br \/>\n<\/strong>\u201eWie ein Riss in einer hohen Mauer\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>, ist das Wort des Rates zur globalen Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise betitelt, das im Juni dieses Jahres erschien. Der Riss, von dem der Prophet in Jesaja 30 spricht, ist zun\u00e4chst kaum sichtbar, aber er frisst sich ins Gem\u00e4uer, bis der M\u00f6rtel rieselt, der die Steine h\u00e4lt, und am Ende die ganze Mauer einst\u00fcrzt. Ein solcher Prozess, f\u00fcrchtet der Rat, k\u00f6nnte in den letzten Jahren in Gang gekommen sein.. \u201eWer heute bereit ist hinzusehen, erkennt: Der wachsende Berg der Staatsschulden, die mit dieser Krise aufgeh\u00e4uft wurden, wird uns alle, vor allem aber die n\u00e4chsten Generationen, belasten\u201c, so der Ratsvorsitzende. Er wies auf die Gefahr hin, dass in der Folge auch die sozialen Sicherungssysteme, die Deutschland in dieser Krise robuster gemacht hat als andere L\u00e4nder, geschw\u00e4cht werden k\u00f6nnte und er widerholte. Eigennutz als Triebkraft der Marktwirtschaft brauche die Verpflichtung auf das Gemeinwohl. Wenn alles dem Gewinnstreben unterworfen werde, verkehre sich der \u00f6konomische Nutzen in einen Verlust an Lebenswert. Dann sinke der gesellschaftliche Wohlstand, das Gemeinwohl zerf\u00e4llt, die Umweltzerst\u00f6rung nimmt zu.<\/p>\n<p>Der Rat l\u00e4sst sich vom Modell einer nachhaltigen Sozialen Marktwirtschaft leiten. In zehn Orientierungspunkten wird festgehalten, worauf es dabei national und international ankommt. Damit unsere Wirtschaft nicht sehenden Auges in die Katastrophe rennt, werden drei Metaziele benannt, die dann im Einzelnen ausgelegt werden:<\/p>\n<ul>\n<li>\u201eeine Wirtschaft, die den Menschen heute dient, ohne die Lebensgrundlagen zuk\u00fcnftiger Generationen zu zerst\u00f6ren, die also\u00a0 die Gerechtigkeit f\u00fcr die Armen hier und weltweit, aber auch f\u00fcr die Zukunft der Sch\u00f6pfung im Blick hat:, sowie<\/li>\n<li>eine (Welt-)Gesellschaft, die die Verbesserung der Situation ihrer \u00e4rmsten und schw\u00e4chsten Mitglieder zu ihrer vorrangigen Aufgabe macht, und<\/li>\n<li>schlie\u00dflich ein Finanzsystem, das sich in den Dienst dieser Aufgabe stellt\u201c (S.18).<\/li>\n<\/ul>\n<p>Dazu geh\u00f6ren tragf\u00e4hige globale Rahmenbedingungen und Kontrollinstanzen f\u00fcr ein soziales und nachhaltiges Wirtschaften ebenso wie eine gerechte Verteilung der Kosten der Krise. In der Bew\u00e4ltigung dieser aktuellen Herausforderungen wird sich entscheiden, so der Rat, ob es gelingt, das grundlegende Vertrauen in eine soziale und \u00f6kologische, global ausgerichtete Marktwirtschaft neu aufzubauen.<\/p>\n<p><strong>6.Vertrauen in der globalen Wirtschaft<br \/>\n<\/strong>Das bew\u00e4hrte Konzept einer Wirtschaft, die nicht nur auf gute Gesch\u00e4fte setzt, sondern auch auf gute Arbeit und gerechte Verh\u00e4ltnisse, muss angesichts globalisierter Unternehmen, M\u00e4rkte und Medien\u00a0 neu durchbuchstabiert und weiter entwickelt werden \u2013 \u00fcber den nationalen Rahmen hinaus und unter der Perspektive der Nachhaltigkeit. Durch die Globalisierung \u201eist auch die Verantwortung der Politik gewachsen, der Wirtschaft Rahmenbedingungen vorzugeben und ihre Einhaltung zu pr\u00fcfen- eine Verantwortung, der die internationale Politik insbesondere mit internationalen Vereinbarungen gerecht werden muss\u201c,\u00a0 hei\u00dft es schon in der\u00a0 \u201eUnternehmerdenkschrift\u201c.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p>Unsere westliche Perspektive auf die Welt, die davon ausgeht, dass die anglo-protestantischen L\u00e4nder in vieler Hinsicht weiter entwickelt sind als z.B. die muslimischen, l\u00f6st in anderen Kulturen\u00a0 Emp\u00f6rung aus.. Wenn gegenw\u00e4rtig 12 % der Weltbev\u00f6lkerung, die in den G-7-Staaten leben, \u00fcber 70% des weltweiten Einkommens verf\u00fcgen, wenn die reichsten 500 Einzelpersonen der Welt gemeinsam \u00fcber ein gr\u00f6\u00dferes Einkommen verf\u00fcgen als die \u00e4rmsten 416 Millionen, dann wird deutlich \u2013\u00a0 auch international stimmt die Balance nicht. \u00a0Die EKD hat\u00a0 schon im Jahr 2005 mit der Stellungnahme \u201eSchritte zu einer nachhaltigen Entwicklung\u201c (zu den Millenniumszielen der Vereinten Nationen), welche Auswirkungen die Politik des Norden auf den S\u00fcden hat. Es muss darum gehen, auch weltweit eine Wirtschaftsordnung durchzusetzen, in der alle Menschen die Chance haben, ihr Leben eigenverantwortlich zu sichern. \u201eIn diesem Sinne ist Entwicklungshilfe eine Investition in gemeinschaftlichen Wohlstand, kollektive Sicherheit und eine gemeinsame Zukunft\u201c, hat der Ratsvorsitzende im Fr\u00fchjahr dieses Jahres gesagt hat. \u201eGlobalisierung braucht soziale Gestaltung \u2013 dabei geht es darum, \u201eKriterien der gerechten Teilhabe und Inklusion weltweit zu verankern.\u201c<\/p>\n<p>Wachsame und selbstbewusste Verbraucher, die international kooperieren, bringen auch die Probleme von Arbeitnehmern und Natur auf anderen Kontinenten zur Sprache. Ein Beispiel daf\u00fcr ist die Arbeit von \u201e S\u00fcdwind\u201c, einer kirchlichen Organisation f\u00fcr \u00d6konomie und \u00d6kumene, die den Wertsch\u00f6pfungsketten zum Beispiel f\u00fcr Turnschuhe oder Baumwoll-Shirts nachgeht. Mit vielen anderen gemeinsam haben sie ein Bewusstsein f\u00fcr die Arbeitsbedingungen in Ostasien\u00a0 oder Nordafrika geschaffen und bekannt gemacht, dass von den 25 Euro, die ein Turnschuh im Schnitt kostet, nur einer bei den Arbeitern landet, die in herstellen. Ist das mit den Leistungs- und Aufstiegsversprechen vereinbar, die der internationale Sport repr\u00e4sentiert? Wie gehen die globalen Unternehmen mit solchen Ver\u00f6ffentlichungen um? Wenn die Reputation on Risk ist, ist bald auch der Gewinn in Gefahr. Um das abzuwenden, aber auch um Motivationsressourcen zu erschlie\u00dfen, lohnt es sich, die Rahmenbedingungen der lokalen Wirtschaft, die Zukunft der Kinder in einem Land oder den Umgang mit den nat\u00fcrlichen Ressourcen ernst zu nehmen. Ein Dialog ist angesagt, in dem wir uns auch unserer eigenen Werte neu bewusst werden m\u00fcssen, in dem wir m\u00f6glicherweise auch von anderen V\u00f6lkern lernen, wie nachhaltiger Anbau gelingen kann. Angesichts der \u00dcberschuldung gerade jener L\u00e4nder, in denen wir durch unsere Nachfrage Monokulturen geschaffen haben und die heute von unseren M\u00e4rkten abg\u00e4ngig sind, lohnt es sich auch, die Debatte um den Zins , die in der Reformationszeit heftig gef\u00fchrt wurde, noch einmal in den Blick zu nehmen. Letztlich wurde ein Zins von 4- 7 Prozent zwar erlaubt,\u00a0 als unmoralisch wurden aber die gebrandmarkt, die mit ihrem Zins andere dem\u00fctigen und ihnen die Existenz rauben. Nicht nur die Finanzkrise hat diesem fast vergessenen Thema eine neue Aktualit\u00e4t gegeben. Auch die Perspektive der Muslime, die nicht nur in den arabischen Emiraten l\u00e4ngst aktive Teilnehmer am Finanzmarkt sind und nun \u00fcber das Verh\u00e4ltnis der Scharia zu Zinsen nachdenken, zwingt uns, uns unserer eigenen Wertetraditionen neu bewusst zu werden.<\/p>\n<p>In seinem Roman \u201eSch\u00f6ne neue Welt\u201c , der 1932 zu Beginn der Weltwirtschaftskrise erschien, hat Aldous Huxley das Bild einer Gesellschaft entworfen, in der Alpha-Plus-Menschen die Macht innehaben und der Rest der Gesellschaft zu einer anonymen Masse verschmolzen wird. Konsum und Spa\u00dfzwang sind in Huxleys negativem Gesellschaftsentwurf die Fesseln, die den Menschen Individualit\u00e4t, Erkenntnism\u00f6glichkeiten und Widerstandskraft abschn\u00fcren. Auch in der Diskussion um die Krisenbew\u00e4ltigung geht es entscheidend um Wachstum und Konsum \u2013 man denke nur an das Wachstumsbeschleunigungsgesetz Dazu scheint es keine Alternative zu geben \u2013 obwohl wir sehen, dass ganze Nationen sich \u00fcberschulden und \u00a0unser Lebensstil die Umwelt mehr und mehr bedroht. Nicht \u201eWohlstand f\u00fcr alle\u201c, wie Ludwig Erhardt propagierte, sondern Gewinnmaximierung f\u00fcr Wenige scheint\u00a0 im R\u00fcckblick das leitende Wirtschaftsprinzip der letzten Jahre gewesen zu sein. Dass so viel wie m\u00f6glich produziert, gehandelt und konsumiert wird, bedeutet nicht unbedingt einen Zuwachs an Wohlstand und Beteiligung f\u00fcr die Armen. Der \u00a0verzerrte Blick auf die Gewinnerwartung kann Nachhaltigkeit und Vertrauen zerst\u00f6ren. Aus diesem Grund besch\u00e4ftigt sich die EKD intensiv mit dem Fragen des so genannten qualitativen Wachstums.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p>Auch die \u00a0Sozialenzyklika \u201eCaritas in veritate\u201c von Papst Benedikt XVI, die in diesem Sommer erschient, zeigt sich besorgt \u00fcber die wachsenden Ungleichheiten im nationalen und internationalen Kontext. Eine Zerst\u00f6rung der tragenden Kr\u00e4fte und Werte einer sozialen Wirtschaftsordnung, so Papst Benedikt XVI, zerst\u00f6re schlie\u00dflich auch die Wirtschaft selbst, deren erstes zu sch\u00fctzendes und zu nutzendes Kapital der Mensch sei. Auch wenn es deutliche Unterschiede gibt \u2013 zum Beispiel, was den Traum von einer Weltautorit\u00e4t im Papstwort angeht &#8211; in dieser Hinsicht ist das Wort der EKD auf der gleichen Linie: \u201eDie Wirtschaft ist um des Menschen willen da, sie ist kein Selbstzweck. Wo das Geld zum Mittelpunkt wird, wird das Wirtschaften unmenschlich\u201c, hei\u00dft es im Wort des Rates der EKD.<\/p>\n<p><strong>3. Unentgeltlichkeit und Markt<br \/>\n<\/strong>Einer der Schl\u00fcsselbegriffe in der Sozialenzyklika ist der der Unentgeltlichkeit. Die Enzyklika bezieht sich dabei auf den Anti-Utilitarismus , den\u00a0 Emile Durkheim im Kontext der Ethnologie begr\u00fcndet hat und der in j\u00fcngster Zeit des \u00f6fteren in Auseinandersetzung mit der neoklassischen Rational-Choice-Theorien, die auf der Anthropologie des homo oeconomicus beruht, zu Wort kommt. Danach sind die Einzelnen bereit, ihre Eigeninteressen einem gemeinsamen Ziel unterzuordnen, weil das Interesse der Gemeinschaft langfristig eben durchaus in ihrem eigenen Interesse liegt. Marcel Mauss hat in seinem Essay \u201e Die Gabe\u201c von\u00a01924\u00a0plausibel dargestellt,\u00a0 in welcher Weise Geben und Nehmen, Schenken und Erwidern das Marktgeschehen in Gang halten und zugleich Gemeinschaft konstituieren. Durch den Austausch werden soziale Beziehungen gekn\u00fcpft, Verpflichtungen geschaffen, Freundschaften konstituiert und gepflegt. Die Gabentheorie h\u00e4lt im Ged\u00e4chtnis, wodurch und von wem wir uns empfangen, mit wem wir verbunden und auf wen wir unser Vertrauen setzen. Wer sich nicht bewusst ist, wem er sein Leben oder seine Erfolge verdankt, f\u00fchlt sich niemandem mehr verpflichtet \u2013 weder seiner Familie, noch seinen Mitarbeitenden oder seiner Gesellschaft.<\/p>\n<p>Stephen Covey, den ich eingangs zitiert habe, spricht in diesem Zusammenhang vom Beitrags Das \u00fcberragende Prinzip beim Gesellschaftsvertrauen, sagt er, sei der Beitrag \u2013 die Absicht, einen Nutzen oder Wert zu erzeugen , etwas zur\u00fcck zu geben statt etwas zu nehmen. Er erinnert an Bill und Melinda Gates und an Bono mit ihren Stiftungen .Dabei bezieht er sich auf Adam Smith \u00dcberlegungen zu den moral sentiments, die eben wesentlich zur Hervorbringung von Wohlstand sind. Es sei eine Verzerrung von Smith, schreibt Covey, wenn man in den letzten Jahren geglaubt habe, allein der Wettbewerb bewirke Wohlstand. Das habe zu schwerwiegenden Verst\u00f6\u00dfen gegen die Grundlagen von Glaubw\u00fcrdigkeit und Vertrauen gef\u00fchrt- zu Gier, Materialismus und Betrug. Dagegen g\u00e4be es aber eine Gegenbewegung \u2013 eine weltweite Vertrauens-Renaissance.<\/p>\n<p>Franz Alt und Peter Spiegel<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> sind \u00fcberzeugt, dass die Weichen jetzt gestellt w\u00fcrden, um Wirtschaft auf neue Weise sozial zu gestalten..Ziel m\u00fcsse sein, Menschen zu bef\u00e4higen und Teilhabe zu erm\u00f6glichen \u2013 ein Ziel \u00fcbrigens, dass die EKD in der Denkschrift \u201e Gerechte Teilhabe\u201c zum Leitprinzip ihrer Sozialethik gemacht hat, auf das sie sich auch in der \u201eUnternehmerdenkschrift\u201c bezieht.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Die Zeit f\u00fcr solche \u00dcberlegungen ist reif W\u00e4hrend der dritte Sektor der Wohlfahrtspflege sich immer mehr in Richtung einer \u201eCare-Wirtschaft\u201c entwickelt und den social entrepreneur\u201c in den Mittelpunkt stellt<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a>, ist im Profitbereich das social business gefragt. Wohlfahrt wird mit wirtschaftlichen Kategorien gemessen, aber die Wirtschaft lernt , wie gro\u00df die Bedeutung von Vertrauen und Bindung ist. Unter der \u00dcberschrift \u201eDie menschliche Weltmacht namens Vertrauen\u201c stellen Alt und Spiegel die Vergabe von Kleinkrediten durch die Grameen-Bank, die Mohammed Yunus bekannt gemacht hat, in den Mittelpunkt ihrer \u00dcberlegungen. \u201eIn diesen Kleinkrediten\u201c, so Alt, stecke die Botschaft: \u201e Wir vertrauen dir. Wir vertrauen auf deine Kr\u00e4fte, deinen Willen, dein K\u00f6nnen, deine Entscheidung. Menschen, denen zuvor niemand etwas zugetraut habe, bek\u00e4men dadurch einen ungeheuren Schub an Kreativit\u00e4t, Motivation und Leistungsbereitschaft. So entstehe Bindung und Verbindlichkeit und eben das Vertrauensnetz, das die Wirtschaft brauche. \u201eDer Glaube an sich selbst kann Menschen grundlegend ver\u00e4ndern\u201c, so Alt. Er versetze sie in die Lage, ihr Leben aktiv zu gestalten. Vertrauen ist dabei der Stein, der ins Wasser geworfen wird. Hier schlie\u00dft sich der Kreis zu den \u00dcberlegungen von Stephen Covey \u2013 nur dass bei Alt deutlich wird: auch das Selbstvertrauen ist abh\u00e4ngig vom Vertrauen anderer.<\/p>\n<p>Vertrauen und Kooperation auf der einen Seite und Wettbewerb und Konkurrenz auf der anderen m\u00fcssten sich nicht ausschlie\u00dfen, meint Alt. Daf\u00fcr braucht es allerdings faire Regeln und eine gerechte Rahmenordnung. Franz Alt hat allerdings Recht, weiterhin vor allem die Staaten f\u00fcr die Sicherstellung des Sozialen verantwortlich sind, wie wir es seit Wirtschaftswunderzeiten zu denken gewohnt sind. Wer soziale Gerechtigkeit als Teilhabe denkt, der wei\u00df: es kann dabei nicht nur um eine Ausgleichsleistung des Staates gehen \u2013 das Soziale muss auch zum \u00f6konomischen Leistungsantrieb geh\u00f6ren. Auch die Wirtschaft muss sich mit der Kategorie des Unentgeltlichen auseinandersetzen, wie die Enzyklika mahnt. Wir selbst sind verantwortlich, das Vertrauen zur\u00fcck zu gewinnen.<\/p>\n<p>Bei Vortr\u00e4gen und Seminaren habe ich in j\u00fcngster Zeit viele Menschen getroffen, die resignativ feststellen, dass keiner aus der Krise gelernt haben, aber auch f\u00fcr sich selbst keinen anderen Weg sehen, als pragmatisch weiter zu machen wie bisher. Fast schon anachronistisch wirkt da das Wort des Rates der EKD, das auf Umkehr und Nachhaltigkeit setzt. Dabei h\u00e4ngt davon ab, ob wir selbst dem Wandel vertrauen k\u00f6nnen. Vielleicht auch: ob wir Gott vertrauen k\u00f6nnen. Das Wort der EKD zur globalen Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise jedenfalls endet mit \u00dcberlegungen zum Gottvertrauen unter der \u00dcberschrift: \u201e Was gibt uns Zuversicht\u201c: Dort hei\u00dft es: \u201eWer sein Vertrauen auf Gott setzt, hat gute Aussichten, in Krisen stand zu halten. Die Verhei\u00dfungstexte der Bibel ermutigen dazu, dieses Gottvertrauen zu erlernen und im Bem\u00fchen um Gerechtigkeit einzu\u00fcben.\u201c Was Fr\u00f6mmigkeit mit Werten und Tugenden zu tun hat, Hermann Hesse einmal so beschrieben: \u201eIch verstehe unter Fr\u00f6mmigkeit nicht das Pflegen von feierlichen Gef\u00fchlen in einer einzelnen Seele, sondern vor allem die Piet\u00e4t, die Achtung des Einzelnen vor dem Ganzen der Welt, vor der Natur, vor den Mitmenschen, das Gef\u00fchl des Einbezogenseins und Mitverantwortlichseins\u201c: Wer in diesem Sinne Respekt und Verantwortung lebt, der kann dazu beitragen, dass das zerst\u00f6rte Vertrauen wieder w\u00e4chst.<\/p>\n<h5><\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Zur Aktualit\u00e4t der Sozialen Marktwirtschaft- Protestantische Antworten auf die Krise, epd-Doku, M\u00e4rz 2009<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Zur Aktualit\u00e4t der Sozialen Marktwirtschaft- Protestantische Antworten auf die Krise, epd-Doku, M\u00e4rz 2009<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive, Eine Denkschrift\u00a0 G\u00fctersloh, Juni 2008<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Stephen M.R. Covey mit Rebecca R. Merill \u201e Schnelligkeit durch Vertrauen\u201c; Die untersch\u00fctzte \u00f6konomische Macht, Offenbach 2009 ( Originalausgabe: The speed of trust\u201c, USA 2006)<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> \u201eWie ein Riss in einer hohen Mauer\u201c;Wort des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland zur globalen Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise, EKD \u2013Texte 100, 2009<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> A.a.O. S. 57<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Vgl. die Denkschrift \u201e Umkehr zum Leben\u201c, F\u00fcr eine \u00d6konomie des Genug, G\u00fctersloh, Juli 2009<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Franz Alt, Peter Spiegel, Gute Gesch\u00e4fte, Humane Marktwirtschaft als Ausweg aus der Krise, Berlin 2009<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Gerechte Teilhabe \u2013 eine Denkschrift des Rates der EKD zur Armut in Deutschland, G\u00fctersloh 2006<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Vgl. zum Beispiel Dr. Wolf Rainer Wendt: Neue Entwicklungen in der Sozialwirtschaft<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Zerst\u00f6rtes Vertrauen Vor kurzem habe ich den international ausgezeichneten Kurzfilm \u201eBalance\u201c gesehen, der eindrucksvoll zeigt, was geschieht, wenn Achtsamkeit&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=549\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":533,"menu_order":100,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-549","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/549"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=549"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/549\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":940,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/549\/revisions\/940"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/533"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=549"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}