{"id":5408,"date":"2020-05-25T13:18:15","date_gmt":"2020-05-25T11:18:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=5408"},"modified":"2022-04-05T12:02:40","modified_gmt":"2022-04-05T10:02:40","slug":"nicht-ohne-die-alten-menschen-pflege-und-engagement-in-der-krise","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=5408","title":{"rendered":"Nicht ohne die alten Menschen \u2013 Pflege und Engagement in der Krise"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Nicht ohne die alten Menschen- Pflege\nund Engagement in der Krise<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Cornelia Coenen-Marx <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie\nunter einer Lupe zeigt Corona die St\u00e4rken und Schw\u00e4chen unserer Gesellschaft-\ndas Auseinanderdriften der sozio\u00f6konomischen Schichten, die Situation des\nGesundheitssystems, die Probleme der Individualisierung. Wie in einem Prisma\nerkennen wir die vielen Elemente und Farben, die das moderne Leben bestimmen \u2013\nnicht immer f\u00fcgen sie sich gut zusammen, oft gibt es Br\u00fcche. Dabei f\u00e4llt mir\nauf, dass sozialwissenschaftliche Erkenntnisse und sozialpolitische Konzepte,\ndie Betroffenen und Fachleuten selbstverst\u00e4ndlich schienen, sich l\u00e4ngst noch nicht\nin der Breite durchgesetzt haben. \u00dcberkommende Strukturen entfalten wieder ihre\nLenkungswirkung, alte Bilder tun ein \u00dcbriges dazu. \u00dcberdeutlich wird das beim\nThema Hospizarbeit: So lange haben wir dar\u00fcber nachgedacht, was es bedeutet, in\nW\u00fcrde zu sterben. Trotzdem dominiert in der Corona-Krise das Bild der\nHochleistungs- und Apparatemedizin. Die Pflegeheime \u2013 chronisch unterversorgt\nmit Personal und Schutzmaterial \u2013 mussten sich abriegeln, um ihre Bewohnerinnen\nund Bewohner zu sch\u00fctzen. Zugeh\u00f6rige, Seelsorgende, Ehrenamtliche fanden keinen\nZugang mehr. Was Sterben in W\u00fcrde bedeutet, wie wichtig Selbstbestimmung,\nPalliativmedizin und liebevolle Begleitung sind, scheint pl\u00f6tzlich keine Rolle\nmehr zu spielen, wenn es ums \u00dcberleben in der Pandemie geht. <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs\ngeht nicht darum, dem Leben Jahre zu geben, sondern den Jahren Leben\u201c, hie\u00df es\nin den letzten Jahrzehnten. In Wissenschaft und Medien dominierte das Bild des\naktiven Alterns in der dritten Lebensphase. Autonomie, Freiheit, neue Aufbr\u00fcche\nstanden im Mittelpunkt \u2013 im zivilgesellschaftlichen Engagement, im Reisen und\nlebenslangen Lernen. Mit Corona kehrte nun pl\u00f6tzlich ein anderes Altersbild\nzur\u00fcck: Menschen ab sechzig oder siebzig gelten pl\u00f6tzlich als Risikogruppe, die\ngesch\u00fctzt werden muss \u2013 notfalls in einer verl\u00e4ngerten Quarant\u00e4ne. In Istanbul\ndurften \u00fcber 65- j\u00e4hrige lange nicht auf die Stra\u00dfe. In Spanien haben sie, seit\ndie Ausgangsbeschr\u00e4nkungen gelockert sind, ihre eigenen Zeitkorridore. In\nItalien kam die gef\u00fcrchtete Triage zur Anwendung \u2013 da z\u00e4hlten dann eben doch\nwieder die Jahre. Und auch in Deutschland hat es gedauert, bis man sich\nvergewisserte, dass unser Gesundheitssystem alle gleich behandeln will.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnsere\nZukunft \u2013 nicht ohne die alten Menschen. Nein zu einem selektiven\nGesundheitssystem\u201c, ist der Appell zur Humanisierung unserer Gesellschaften\n\u00fcberschrieben, den die Gemeinschaft St. Egidio Ende Mai in gro\u00dfe Zeitungen\nsetzte. Tats\u00e4chlich starb in allen L\u00e4ndern Europas ein gro\u00dfer Teil der\nCorona-Toten in Pflegeeinrichtungen, es gab L\u00e4nder, in denen sie bei den\nSterberaten zun\u00e4chst gar nicht mitgez\u00e4hlt wurden, und auch in Deutschland waren\ndie Rahmenbedingungen in Pflegeeinrichtungen weit schlechter als im\nKrankenhaus. Aber europaweit wurde auf den Balkonen geklatscht &#8211; f\u00fcr die\nAlltagshelden in Medizin und Pflege, die, oft selbst schlecht versorgt mit\nSchutzkleidung und Tests, bedingungslos f\u00fcr andere einstanden. Die Corona-Krise\nhat daran erinnert, dass Pflege systemrelevant ist. Und daran, dass Pflegende\nmeist Frauen, oft Migrantinnen und dabei schlecht bezahlt sind. Wenn es auch\nsicherlich ein wichtiger Schritt ist, dass mit dem abendlichen Balkonklatschen\neinmal diese sonst oft \u00fcbersehene Arbeit Anerkennung findet, so ist doch der\nHeldinnenstatus beunruhigend. Denn auch \u00c4rzt*innen und Pflegekr\u00e4fte sind\nMenschen, sind verletzlich, auch sie haben nur begrenzte Kr\u00e4fte. Ich denke an\nein Foto, das durch die Medien ging: von einer Krankenschwester in Italien, die\nnach langem Dienst total ersch\u00f6pft an ihrem PC eingeschlafen ist. \u201eWohl dem\nLand, das keine Helden braucht\u201c, hat Bert Brecht geschrieben. Die Ma\u00dfnahmen f\u00fcr\ngute Pflege sind zun\u00e4chst n\u00fcchtern: Pflege braucht eine gute Ausbildung,\nordentliche Tarife und ausreichend Personal \u2013 seit Jahren Baustellen in unserem\nLand. Und sie braucht Schutz. Wo Menschen abverlangt wird, sich ohne\nSchutzkleidung und F\u00fcrsorge um anderer willen zu riskieren, l\u00e4uft etwas schief.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\ngilt erst recht f\u00fcr die ambulanten Pflegedienste, die von einem Haus ins andere\nunterwegs sind. Viele, die allein leben und pflegebed\u00fcrftig sind, sind seit\nlangem auf Haushaltshilfen aus Osteuropa angewiesen. Was es bedeutet, dass rund\n300.000 Frauen f\u00fcr Pflege und Versorgung ein- und auspendeln und wie vernetzt\nwir l\u00e4ngst in Europa sind, das wurde vielen erst bewusst, als t die Grenzen\ngeschlossen wurden. Die Entwicklung einer hochmobilen und multioptionalen\n\u201eSinglegesellschaft\u201c zeigt ihre Schattenseiten mit wachsender Einsamkeit in\nverschiedenen Altersgruppen. Neben den ganz Jungen sind besonders die Alten\nbetroffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf diesem Hintergrund wird aber auch Gemeinschaft neu\nentdeckt: in Wahlverwandtschaften, Genossenschaften, Caring Communities. Ich\nfreue mich daran, wie die Nachbarschaftsbewegungen in der Krise wachsen. Sehr\nfr\u00fch hat die Nachbarschaftsplattform \u201eNebenan.de\u201c daran gearbeitet,\nnachbarschaftliche Netzwerke aufzubauen \u2013 und erlebte in der Krise einen Boom.\nViele Kirchengemeinden beteiligen sich an kleinen nachbarschaftlichen Netzen\nund Einkaufshilfen. War dabei im Blick, dass diejenigen, die jetzt\nEinkaufshilfen bekamen, zuvor jahrelang f\u00fcr andere gesorgt hatten? An den\nTafeln, bei der Hausaufgabenhilfe, als Tragkraft in den Familien fehlen sie,\ndie jungen Alten, die Omas und Opas. Auch sie sind systemrelevant. Menschen\n\u00fcber sechzig sind ja nicht in erster Linie schutzbed\u00fcrftig \u2013 sie bringen\nvielf\u00e4ltige Expertisen gerade im Umgang mit Krisen mit. Wie kann es gelingen,\ndiese Ressourcen auch in der Krise zu nutzen? <\/p>\n\n\n\n<p>Der\nwichtige Gedanke, dass die Generation der alten Menschen ein Kapital darstellt,\nfindet sich weiterhin in allen Kulturen\u201c, hei\u00dft es in dem Appell von St.\nEgidio. \u201e Zu akzeptieren, dass ihr ein anderer Wert zuk\u00e4me, zerrei\u00dft das\nsoziale Netz der Solidarit\u00e4t zwischen den Generationen und spaltet die ganze\nGesellschaft. Wenn wir von den \u00c4lteren reden, reden wir von der \u201eGeneration,\ndie gegen die Diktaturen gek\u00e4mpft. und Europa wieder aufgebaut hat.\u201c Die\ngr\u00f6\u00dfere Verletzlichkeit und das fortgeschrittene Alter machen \u00c4ltere nicht\neinfach zu Hilfsbed\u00fcrftigen- sie k\u00f6nnen auch gr\u00f6\u00dfere Erfahrung und Empathie\neinbringen. Und sie haben ein Recht wie gute Pflege \u2013 wie jeder andere auch. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>An jedem ersten Mittwoch im Monat sind Sie um 17.00 Uhr eingeladen zu einem Webmeeting zu diesen Fragen: \u201eOma trotzt Corona<\/strong> \u2013 <strong>Die Krisenexpert*innen<\/strong>\u201c. Bei Interesse melden Sie sich gern unter <a href=\"mailto:coenen-marx@seele-und-sorge.de\">coenen-marx@seele-und-sorge.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht ohne die alten Menschen- Pflege und Engagement in der Krise Cornelia Coenen-Marx Wie unter einer Lupe zeigt Corona die&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=5408\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":482,"menu_order":83,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-5408","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/5408"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5408"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/5408\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5410,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/5408\/revisions\/5410"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/482"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5408"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}